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Bundesverwaltungsgericht 26.08.2011 E-1921/2008

26 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,501 mots·~8 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­1921/2008 Urteil   v om   2 6 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Kurt Gysi,    Gerichtsschreiberin Eveline Chastonay. Parteien A._______, B._______, C._______, D._______, E._______, Irak, alle vertreten durch lic. iur. Simon Näscher, Rechtsanwalt, (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 20. Februar 2008 / N (…).

E­1921/2008 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden  –  kurdischer  Ethnie  aus  Suleymania  im  Nordirak – verliessen den Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 27.  März  2000  und  gelangten  nach  F._______  im  Iran.  Im  Sommer  2005  begaben sie sich in die Türkei und am 27. November 2006 gelangten sie  illegal  in  die  Schweiz,  wo  sie  tags  darauf  um  Asyl  nachsuchten.  Die  summarischen Erstbefragungen der Beschwerdeführenden fanden am 6.  Dezember  2006  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Vallorbe,  die ausführlichen Anhörungen durch die kantonale Behörde am 26. und  29. Januar 2007 statt. Die Beschwerdeführerenden machten zur Begründung ihrer Asylgesuche  im Wesentlichen Folgendes geltend:  Der  Beschwerdeführer  stamme  im  Gegensatz  zu  seiner  Ehefrau  aus  einer  in  religiösen  Belangen  toleranten  Familie.  Die  Familie  der  Beschwerdeführerin habe deswegen seinerzeit einer Eheschliessung erst  nach langem Zögern zugestimmt. In der Folge sei der Beschwerdeführer  von  der  Familie  seiner  Ehefrau  –  zwei  ihrer  Onkel  hätten  einer  islamistischen Gruppierung angehört – dennoch nicht akzeptiert worden.  Im September 1998 sei er von Unbekannten, vermutlich Angehörigen der  Beschwerdeführerin, angegriffen, geschlagen und angeschossen worden.  Um  nicht  weitere  Probleme  zu  provozieren,  habe  er  keine  Anzeige  erstattet.  Nach  diesem Vorfall  hätten  die Schwiegereltern  ihm  verwehrt,  seine  Ehefrau  zu  sehen.  Nach  der  Geburt  des  ersten  Kindes  habe  die  Familie  von  seiner  Ehefrau  verlangt,  dass  sie  sich  scheiden  lasse  und  das Kind dem Beschwerdeführer überlasse. Als die Beschwerdeführerin  sich  geweigert  habe,  habe  ihr  Bruder  –  dieser  habe  sie  schon  früher  geschlagen – in seiner Wut einen Ölofen in ihre Richtung gestossen. Die  Beschwerdeführerin  habe  durch  das  heisse  Essen  schwere  Verbrennungen erlitten und fast 20 Tage im Spital verbracht. Sie sei nach  der  Spitalentlassung  mit  dem  Kind  zu  den  Schwiegereltern  und  zum  Ehemann  gegangen.  Nachdem  sie  dort  Drohbriefe  erhalten  hätten,  in  denen  ihnen  mit  dem  Tod  gedroht  worden  sei,  sollten  sie  sich  nicht  scheiden lassen, hätten sie nur die Ausreise in den Iran gesehen.  Sie hätten in der Folge in G._______ in der Nähe der irakischen Grenze  gelebt. Der Beschwerdeführer habe dort als Kellner gearbeitet. Dabei sei  er  mit  einem  iranischen  Kurden  in  Kontakt  gekommen,  der  ihm  bei 

E­1921/2008 entsprechenden  Gegenleistungen  die  Besorgung  eines  sicheren  Aufenthaltsstatus  in Aussicht  gestellt  habe. Der Beschwerdeführer  habe  in diesem Zusammenhang mehrere, ihm unverständliche, fremdsprachige  Dokumente  unterzeichnet.  In  der  Folge  sei  er  vom  iranischen  Geheimdienst beauftragt worden, zwei Personen  in der Türkei ausfindig  zu machen um sie später  zu  liquidieren. Der Beschwerdeführer habe  in  der Türkei den Aufenthalt einer dieser Männer ausfindig machen können,  diesen  jedoch  vor  den  Absichten  des  iranischen  Geheimdienstes  gewarnt. Er selber sei nicht mehr in den Iran zurückgekehrt und habe die  Ausreise  seiner  Ehefrau  und  den  drei  Kindern  in  die  Türkei  organisiert.  Sie  hätten  sich  in  der  Türkei  illegal  aufgehalten  und  seien,  letztlich  aus  Angst  vor  Racheakten  des  iranischen  Geheimdiensts,  in  die  Schweiz  gereist. Die  Beschwerdeführenden  reichten  drei  Identitätsausweise,  zwei  Nationalitätenausweise,  zwei  iranischen Ausweise sowie den Eheschein  zu den Akten. B.  Mit Verfügung vom 20. Februar 2008 – eröffnet  am 21. Februar 2008 –  lehnte  das  BFM  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  ab  und  ordnete  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  an.  Den  Vollzug  der  Wegweisung  beurteilte  die  Vorinstanz  aus  individuellen  Gründen,  namentlich angesichts der drei minderjährigen Kinder, als nicht zumutbar.  Als  Folge  davon  ordnete  sie  die  vorläufige  Aufnahme  der  Beschwerdeführenden an. C.  Mit  Eingabe  vom  20.  März  2008  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragten  die  Beschwerdeführenden  durch  ihren  Rechtsvertreter  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  im  Asyl­  und  Wegweisungspunkt.  Es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  ihre  Asylgesuche  seien  gutzuheissen.  Eventuell  sei  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  ersuchten  sie  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  und  um  Beigabe  eines  unentgeltlichen  Rechtsbeistands.  D.  Mit  Verfügung  vom  1.  April  2008  verwies  der  Instruktionsrichter  den  Entscheid  über  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  auf 

E­1921/2008 einen  späteren  Zeitpunkt  und  wies  das  Gesuch  um  Beigabe  eines  unentgeltlichen  Rechtsbeistands  ab.  Gleichzeitig  forderte  er  die  Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung auf.  E.  Die  Vorinstanz  hielt  in  der  Vernehmlassung  vom  11.  April  2008  vollumfänglich an  ihren Erwägungen  fest und beantragte die Abweisung  der  Beschwerde.  Diese  Stellungnahme  wurde  den  Beschwerdeführenden  am  15.  April  2008 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der 

E­1921/2008 Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.

E­1921/2008 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Das  BFM  lehnte  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  im  Wesentlichen  mit  der  Begründung  ab,  die  angegebenen  Fluchtgründe  hielten den Anforderungen an das Glaubhaftmachen eines asylrelevanten  Sachverhalts nicht stand. 4.2.  4.2.1.  In der Beschwerdeschrift halten die Beschwerdeführenden diesen  Ausführungen  entgegen,  die  Vorinstanz  stelle  in  ihren  Erwägungen  lediglich Mutmassungen respektive Wahrscheinlichkeitsüberlegungen an.  Behauptungen  eines  Asylsuchenden  dürften  jedoch  nicht  mit  Vermutungen  der  Behörden  widerlegt  werden.  Vorliegend  sei  nicht  erheblich,  wie  es  zur  Eheschliessung  der  Beschwerdeführenden  gekommen sei; entscheidend sei einzig die Tatsache, dass sie verheiratet  seien.  Hinsichtlich  des Mordanschlags  auf  den  Beschwerdeführer  habe 

E­1921/2008 dieser  bei  der Erstbefragung angegeben,  die  beiden Schützen gesehen  und in ihnen Teilnehmer seiner Hochzeitsfeier erkannt zu haben, bei der  kantonalen  Befragung  habe  er  lediglich  verdeutlicht,  diese  nicht  persönlich  gekannt  zu  haben.  In  diesen  Aussagen  seien  entgegen  der  Auffassung  des  BFM  keine  Ungereimtheiten  erkennbar.  Dass  er  nicht  getötet,  sondern  nur  angeschossen  worden  sei,  sei  letztlich  wohl  als  Drohung  zu  verstehen  gewesen;  auch  diese  Angaben  seien  nachvollziehbar  ausgefallen.  Sodann  sei  zu  beachten,  dass  in  der  Empfangsstelle gemachte Aussagen nur summarischen Charakter hätten  und entsprechend mit Zurückhaltung zu würdigen seien. 4.2.2.  Entgegen  der  Auffassung  der  Vorinstanz  habe  der  Beschwerdeführer  auch  die  Verfolgung  durch  den  iranischen  Geheimdienst  glaubhaft  geschildert.  Der  Mann,  der  ihm  gültige  Aufenthaltsausweise  beschafft  habe,  habe  sich  als  Mitglied  des  iranischen Geheimdiensts Ettelaat erwiesen. Der Beschwerdeführer habe  die  Wahl  gehabt,  die  bezeichneten  Personen  in  der  Türkei  zu  suchen  oder in den Irak zurückzukehren. Er habe sich daher für die Flucht in die  Türkei entschieden. Dass der Beschwerdeführer  für eine solche Aktivität  ausgewählt worden sei, sei unter Umständen damit zu erklären, dass der  Ettelaat so jede Verwicklung hätte abstreiten können.  4.2.3.  Zusammenfassend  seien  die  Asylgründe  glaubhaft  gemacht  worden;  die  Beschwerdeführenden  würden  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Ihre  Asylgesuche  seien  gutzuheissen,  allenfalls  sei  eine  Rückweisung an die Vorinstanz angezeigt. 4.3.  4.3.1. Der Beschwerdeführer hat angegeben,  im September 1998 sei er  von  zwei  Personen  angegriffen  worden.  Er  habe  diese  als  Teilnehmer  seiner Hochzeitsfeier erkannt (vgl. Protokoll EVZ Beschwerdeführer S. 5).  Bei  der  kantonalen  Befragung  erklärte  er  dazu,  er  habe  diese  Männer  nicht gekannt und damals auch nicht gewusst, wer diese beauftragt habe  (vgl. Protokoll Kanton S. 9). Auf Rückfrage führte er aus, er sei sich nicht  sicher,  er  habe  diese  Männer  aber  vielleicht  an  der  Hochzeitsfeier  gesehen  (vgl.  a.a.O.  S.  12).  Zu  seiner  Heirat  führte  er  bei  der  Erstbefragung  aus,  die  Familie  der  Ehefrau  habe  ihre  Zustimmung  letztlich  an  die  Bedingung  geknüpft,  dass  es  keine Hochzeitsfeier  gebe  (vgl.  Protokoll  EVZ  Beschwerdeführer  S.  5).  Die  Beschwerdeführerin  hatte zu Protokoll gegeben, bei der Hochzeit seien nur seine Eltern und  Geschwister  und  einige  ihrer  Tanten  anwesend  gewesen  (vgl.  Protokoll 

E­1921/2008 Kanton  Beschwerdeführerin  S.  4).  Angesichts  dieser  Aussagen  konnte  der Beschwerdeführer schwerlich weitere Gäste haben, die er später als  seine  Angreifer  hätte  wiedererkennen  können.  Vor  diesem  Hintergrund  erweist  sich namentlich  auch der Erklärungsversuch  in  der Beschwerde  als nicht stichhaltig, wonach der Beschwerdeführer seine Angreifer zwar  nicht persönlich gekannt, diese jedoch an seiner Hochzeitsfeier gesehen  (und als Angehörige der Beschwerdeführerin erkannt) habe. Im Ergebnis  sind die diesbezüglichen Vorbringen daher von der Vorinstanz zu Recht  als unglaubhaft beurteilt worden. 4.3.2.  Auch  die  geschilderte  fortdauernde  Bedrohungssituation  seitens  der Familie der Beschwerdeführerin erweist sich als unglaubhaft:  Die Beschwerdeführenden haben angegeben, nach der Spitalentlassung  der Ehefrau im September 1999 seien Drohbriefe zu ihnen gelangt. Dabei  hat  der  Beschwerdeführer  von  mehreren  Drohbriefen  gesprochen,  die  sowohl  an  ihn  als  auch  an  seine  Familie  gerichtet  gewesen  seien  (vgl.  Protokoll  EVZ  Beschwerdeführer  S.  6).  Bei  der  anschliessenden  ausführlichen Befragung  legte er zunächst dar, es habe zwei schriftliche  sowie mündliche Drohungen über Drittpersonen gegeben. Dabei  sei  ein  Brief  beim  Haus  seines  Vaters,  einer  bei  seinem  Haus  eingeworfen  worden.  Auf  Nachfrage  ergänzte  er,  die  mündlichen  Drohungen  seien  über  eine Verwandte  der Ehefrau  erfolgt, welche  zwei­  oder  dreimal  zu  seiner  Frau  geschickt  worden  sei.  Als  er  Namen  und  Adresse  jener  Verwandten  hätte  nennen  sollen,  zog  der  Beschwerdeführer  seine  diesbezüglichen  Aussagen  zurück  und  erklärte,  es  habe  nie  mündliche  Drohungen  über  Drittpersonen  gegeben  (vgl.  Protokoll  Kanton  Beschwerdeführer  S.  15  f.).  Dieses  Aussageverhalten  lässt  jedoch  erhebliche Zweifel an den entsprechenden Vorbringen entstehen. Die  Beschwerdeführerin  führte  dazu  aus,  es  habe  vier  oder  fünf  schriftliche  Drohungen  seitens  ihrer  Eltern  gegeben;  sie  und  ihr  Sohn  seien  darin  mit  dem  Tod  bedroht  worden  (vgl.  Protokoll  Kanton  Beschwerdeführerin  S.  8  und  10).  Dass  die  Beschwerdeführerin  weiter  sogar erklärte, sie habe mit diesen Briefen, die vermutlich beim Haus des  Schwiegervaters eingeworfen worden seien, nicht viel zu  tun gehabt,  ist  vor dem Hintergrund, dass darin Todesdrohungen gegen sie und ihr Kind  ausgesprochen  worden  sein  sollen,  nicht  nachvollziehbar.  Insgesamt  beurteilt  das Gericht  diese Bedrohungssituation  als widersprüchlich  und  nicht nachvollziehbar dargelegt.

E­1921/2008 4.3.3. Zusammenfassend  ist die von den Beschwerdeführenden geltend  gemachte  Verfolgungssituation  seitens  der  Familie  der  Ehefrau  in  der  geschilderten  Form  als  nicht  glaubhaft  zu  beurteilen,  zumal  auch  nicht  nachvollziehbar  ist,  dass  die  Familie  zunächst  einer  Eheschliessung –  gemäss  Beschwerdeführerin  habe  der  Vater  zugestimmt,  nachdem  sie  unbeirrt  erklärt  habe,  ihren  Mann  zu  lieben  (vgl.  Protokoll  Kanton  Beschwerdeführerin  S.  7),  der  Beschwerdeführer  sprach  davon,  seine  Frau  habe  mit  Suizid  gedroht  (vgl.  Protokoll  Kanton  Beschwerdeführer  S. 11)  –  zugestimmt  haben  sollen,  um diese  nur wenige Monate  später  wieder rückgängig machen zu wollen, dies zudem zu einem Zeitpunkt, als  die  Beschwerdeführerin  bereits  schwanger  war.  Schliesslich  haben  die  Beschwerdeführenden  und  ihre  jeweiligen  Familien  offenbar  im  selben  Quartier  gewohnt;  damit  ist  nicht  nachvollziehbar,  dass  sie  nach  dem  angeblich  schwerwiegenden  Übergriff  auf  den  Beschwerdeführer  im  September  1998  noch  bis  Frühjahr  2000 mit  einer  Ausreise  zugewartet  und sich so dem erheblichen Risiko weiterer Nachstellungen ausgesetzt  hätten.  4.3.4. Ungeachtet der Frage der Glaubhaftigkeit ist letztlich festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführenden  sich  allfälligen  familiären  Problemen  grundsätzlich  auch  durch  eine  Wohnsitzverlegung  innerhalb  des  Heimatstaats  hätten  entziehen  können. Gemäss  eigenen  Aussagen  hat  der  Beschwerdeführer  als  (…)  gearbeitet  und  ist  es  ihnen  im  Irak  finanziell  sehr  gut  gegangen  (vgl.  Protokoll  Kanton  Beschwerdeführer  S. 8). Es wäre daher der Familie möglich und zumutbar gewesen, sich in  sicherer Distanz zur Familie der Beschwerdeführerin ein eigenes Leben  aufzubauen.  Ausserdem  haben  die  Beschwerdeführenden  –  weder  der  Beschwerdeführer  im September  1998  noch  die Beschwerdeführerin  im  September 1999 – sich nicht um Schutzgewährung durch die kurdischen  Behörden bemüht und es namentlich unterlassen, bei der Polizei Anzeige  zu  erstatten.  Die  Beschwerdeführenden  haben  keinerlei  Probleme  mit  den Behörden oder Parteien in ihrer Heimatprovinz geltend gemacht. Es  wäre  ihnen  daher  möglich  und  insbesondere  zumutbar  gewesen,  bei  diesen  um  Schutz  zu  ersuchen  (zur  Frage  betreffend  die  Schutzgewährung  und  ­möglichkeiten  im  kurdischen  Teil  des  Nordiraks  vgl. BVGE 2008/4). 4.4. Der Beschwerdeführer macht geltend, vom iranischen Geheimdienst  verfolgt  zu  werden.  Er  habe  während  des  Aufenthalts  im  Iran  die  Bekanntschaft  eines  Mannes  gemacht,  der  ihm  Aufenthaltspapiere  in  Aussicht gestellt habe. Vermeintlich in diesem Zusammenhang habe der 

E­1921/2008 Beschwerdeführer  mehrere  Papiere  unterschrieben,  ohne  jedoch  deren  Inhalt  zu  verstehen.  Zu  Recht  hat  die  Vorinstanz  dieses  Verhalten  als  nicht  glaubhaft  beurteilt.  Zudem  bestehen  in  der  Tat  erhebliche  Zweifel  daran,  dass  der  iranische  Geheimdienst  eine  Person  ohne  jegliche  Ausbildung als erstes mit besonderen Aufträgen wie Personensuche und  –überwachung  und  letztlich  mit  der  Ermordung  dieser  Personen  beauftragt  haben  soll.  Die  hier  entstehenden  Zweifel  werden  durch  verschiedene  unstimmige  Angaben  des  Beschwerdeführers  verstärkt.  Insbesondere ist zu erwähnen, dass er einmal die zuvor erhaltenen Fotos  der  in der Türkei zu observierenden Personen zerrissen haben will  (vgl.  Protokoll EVZ Beschwerdeführer S. 8), später demgegenüber festhielt, er  habe  diese  Fotos  in  der  Türkei  bei  einer  kurdischen  Familie  zurückgelassen,  wobei  er  erstgemachte  Aussage  nicht  zu  relativieren  vermochte  und  diese  ohne  weitere  Erklärung  abstritt  (vgl.  Protokoll  Kanton Beschwerdeführer S. 17 f. und S. 21).  4.5.  Letztlich  kann  die  Frage  der  Glaubhaftigkeit  der  angeblich  im  Iran  drohenden  Verfolgung  jedoch  ebenfalls  offen  bleiben:  Die  Beschwerdeführenden  haben  keine  Verfolgung  im  Irak  geltend machen  können  (vgl.  oben  Erwägung  4.3).  Die  Frage  eines  allfälligen  Drittstaatenschutzes  und  vor  diesem  Hintergrund  die  Prüfung  der –  gemäss  ihren  Angaben  –  im  Iran  bestehenden  oder  befürchteten  Verfolgung  unter  den  Aspekten  der  Flüchtlingseigenschaft  und  der  Glaubhaftigkeit  können  daher  vorliegend  unterbleiben.  Dass  die  Beschwerdeführenden  konkret  befürchten  müssten,  vom  iranischen  Geheimdienst  im  Irak  behelligt  zu  werden,  ist  vorliegend  nicht  anzunehmen. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E.9). 6. 

E­1921/2008 6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 6.2.  Die  Vorinstanz  hat  in  ihrer  Verfügung  vom  20.  Februar  2008  die  Beschwerdeführenden  zufolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs aus individuellen Gründen vorläufig in der Schweiz  aufgenommen.  Damit  erübrigen  sich  zum  heutigen  Zeitpunkt  praxisgemäss  Erwägungen  zur  Durchführbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs. 6.3.  Bei  diesem  Verfahrensausgang  erwächst  die  vorläufige  Aufnahme  der  Beschwerdeführenden  in  Rechtskraft  (vgl.  Dispositivziffern  4  und  5  der vorinstanzlichen Verfügung). 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. Nachdem  die  Voraussetzungen  für  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  (vgl.  Art.  65  Abs.  1  VwVG)  gemäss  Akten  erfüllt  sind,  sind in Gutheissung dieses Gesuchs keine Kosten aufzuerlegen.  (Dispositiv nächste Seite)

E­1921/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinn  von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Eveline Chastonay Versand:

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