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Bundesverwaltungsgericht 14.12.2011 E-1784/2011

14 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,344 mots·~7 min·5

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 4. März 2011 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­1784/2011 Urteil   v om   1 4 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Jean­Pierre Monnet,    Gerichtsschreiberin Eveline Chastonay. Parteien A._______, Eritrea,   vertreten durch Susanne Stotz, (…) Beratungsstelle für Asylsuchende, (…) Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung;  (Dublin­Verfahren); Verfügung des BFM vom 4. März 2011 / N (…).

E­1784/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass  die  Beschwerdeführerin  am  25.  Januar  2011  in  der  Schweiz  ein  Asylgesuch  stellte,  zu  dem  sie  am  31.  Januar  2011  im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen befragt wurde, dass sie dabei geltend machte, sie habe ihren Heimatstaat im November  2010  verlassen,  sei  über  den Sudan  und Ägypten  am 22.  Januar  2011  nach Italien und von dort in die Schweiz gereist, dass sie ausserdem angab, vom Sudan aus mit einem auf einen anderen  Namen lautenden Reisepass gereist zu sein,  dass  der  zuständige  Sachbearbeiter  des  BFM  der  Beschwerdeführerin  bei der Befragung das rechtliche Gehör dazu gewährte, dass gestützt auf  ihre  Aussagen  mutmasslich  Italien  zur  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens zuständig sei, weshalb auf das Asylgesuch vom  25. Januar 2011 nicht eingetreten werden könnte, dass die Beschwerdeführerin  dem entgegenhielt,  sie  sei  in  die Schweiz  gereist, weil ihre Eltern hier leben würden und sie zu ihnen haben gehen  wollen,  zudem  sei  die  Schweiz  als  gerechtes  Land  bekannt,  sie  wolle  nicht  nach  Italien  gehen  und  sie  werde  eine Wegweisung  dorthin  nicht  akzeptieren, dass Italien am 24. Februar 2011 seine Zustimmung zur Übernahme der  Beschwerdeführerin und zur Prüfung ihres Asylgesuches gab, dass das BFM mit Verfügung vom 4. März 2011 – eröffnet am 17. März  2011 – gestützt auf Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes vom 26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  nicht  eintrat  und  die  Beschwerdeführerin nach Italien wegwies, dass  es  zur  Begründung  ausführte,  gestützt  auf  die  einschlägigen  staatsvertraglichen  Bestimmungen  (Abkommen  vom  26.  Oktober  2004  zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen  Gemeinschaft  über  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in  der Schweiz gestellten Asylantrags [Dublin­Assoziierungsabkommen, SR  0.142.392.68]; Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar  2003  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags 

E­1784/2011 zuständig  ist  [Dublin­II­VO];  Verordnung  [EG]  Nr.  1560/2003  der  Kommission  vom  2.  September  2003  mit  Durchführungsbestimmungen  zur Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Rates [DVO Dublin]) sei Italien für  die Durchführung des Asylverfahrens zuständig, dass  das  BFM  weiter  ausführte,  gestützt  auf  die  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  und  die  übereinstimmende  Registrierung  in  der  EURODAC­Datenbank  habe  es  am  16.  Februar  2011  an  Italien  ein  Ersuchen  um  Aufnahme  der  Beschwerdeführerin  im  Sinn  von  Art.  10  Dublin­II­VO gestellt, dass  Italien  innert  der  vorgesehenen  Frist  geantwortet  und  einer  Übernahme  zugestimmt  habe,  womit  die  Zuständigkeit  gestützt  auf  Art.  18  Abs.  7  Dublin­II­VO  auf  Italien  übergegangen  sei  und  eine  Rückführung    – vorbehältlich  einer  allfälligen  Unterbrechung  oder  Verlängerung – bis spätestens 25. August 2011 zu erfolgen habe, dass  die Beschwerdeführerin  anlässlich  der Gewährung des  rechtlichen   Gehörs  zur  voraussichtlichen  Zuständigkeit  Italiens  zur  Durchführung  ihres Asylgesuchs lediglich erklärt habe, sie möchte lieber bei ihren Eltern  in der Schweiz leben, dass die Dublin­II­VO unter Art. 2 Bst. i den Begriff "Familienangehörige"  auf  die Kernfamilie,  das  heisst  auf  Ehegatten,  Lebenspartner/innen  und  minderjährige  Kinder  und  bei  unverheirateten  minderjährigen  asylsuchenden Personen auf den Vater, die Mutter oder einen Vormund  einschränke, dass die Beschwerdeführerin volljährig, ledig und kinderlos sei und damit  nicht unter den genannten Familienbegriff falle, dass  gemäss  Aktenlage  kein  Abhängigkeitsverhältnis  ersichtlich  sei,  welches  eine  Erweiterung  der  Kernfamilie  gemäss  den  erwähnten  Kriterien rechtfertigen würde, mithin eine Ausweitung des Familienbegriffs  vorliegend nicht angezeigt sei, dass der Vollzug nach Italien zulässig, zumutbar und möglich sei, dass  die  Beschwerdeführerin  durch  ihre  Rechtsvertreterin  mit  Eingabe  vom  23. März  2011  gegen  diesen  Entscheid  Beschwerde  erheben  und  beantragen liess, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, das BFM  sei  anzuweisen,  sich  für  ihr  Asylgesuch  aus  humanitären  Gründen  als 

E­1784/2011 zuständig  zu  erachten,  um  eine  Familienzusammenführung  zu  ermöglichen,  dass  weiter  beantragt  wurde,  der  Beschwerde  sei  die  aufschiebende  Wirkung und es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und  kein Kostenvorschuss zu erheben, dass mit der Beschwerde eine Fürsorgeabehängigkeitserklärung und am  25. März 2011 ein Arztzeugnis betreffend den Vater eingereicht wurden, dass  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  mit  verfahrensleitender  Verfügung  vom  31.  März  2011  unter  anderem  die  aufschiebende  Wirkung  der  Beschwerde  herstellte  und  verfügte,  die  Beschwerdeführerin könne den Ausgang des Verfahrens  in der Schweiz  abwarten, dass  er  ausserdem  gestützt  auf  Art.  57  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  die Akten der Vorinstanz zur Stellungnahme überwies, dass das BFM mit Vernehmlassung vom 8. April 2011 vollumfänglich an  den  Erwägungen  in  der  Verfügung  vom  4.  März  2011  festhielt  und  die  Abweisung der Beschwerde beantragte, dass  die  vorinstanzliche  Stellungnahme  der  Beschwerdeführerin  am  20. April  2011  zur  Kenntnis  gebracht  und  ihr  Gelegenheit  zu  allfälligen  Gegenäusserungen innert Frist geboten wurde, dass  die  Beschwerdeführerin  am  4.  Mai  2011  fristgerecht  ihre  Stellungnahme zu den Akten reichen liess, und das Bundesverwaltungsgericht erwägt, dass es – vorbehältlich des Vorliegens eines Auslieferungsersuchens des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht – im  Asylbereich  endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art.  5  VwVG)  des  BFM  entscheidet  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  31­33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  [VGG, SR 173.32]; Art.  83 Bst.  d Ziff.  1  des Bundesgerichtsgesetzes  vom 17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]),

E­1784/2011 dass  sich  das  Verfahren  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG  richtet, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG), dass  die  Beschwerdeführerin  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert ist (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48  Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art.  32­35a  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt  ist,  ob  die  Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. das zur  Publikation unter BVGE 2011/9 vorgesehene Urteil E­7221/2009 vom 10.  Mai 2011 E. 5), dass  auf  Asylgesuche  in  der  Regel  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG), dass der vorherige Aufenthalt in Italien von der Beschwerdeführerin nicht  bestritten, in der Beschwerde jedoch auf Art. 15 Dublin­II­VO hingewiesen  wird, wonach aus humanitären Gründen Familienangehörige im Sinn von  Art.  2  Bst.  i  Dublin­II­VO,  aber  auch  solche,  die  nicht  dieser  engen  Definition der Kernfamilie entsprechen würden, zusammengeführt werden  könnten,  dass  der  in  der Schweiz  lebende Vater  der Beschwerdeführerin  schwer  krank und (…) sei, weshalb sie für den Vater wie auch für die Mutter eine  grosse Stütze sei, mithin  ihre Ankunft  in der Schweiz  für die Eltern eine  grosse Erleichterung bedeutet habe, da sie nun die Mutter bei der Pflege  des Vaters unterstützen und diese etwas entlasten könne, zumal auch die  Mutter krank sei, dass  die Vorinstanz  in  der Stellungnahme  vom 8. April  2011  feststellte,  Italien  habe  ihr  Ersuchen  um  Übernahme  gestützt  auf  Art.  10  Abs.  1  Dublin­II­VO gutgeheissen und sei damit  für die Durchführung des Asyl­ 

E­1784/2011 und Wegweisungsverfahrens zuständig, wobei Art. 15 Abs.1 Dublin­II­VO  vorliegend nicht zur Anwendung komme, da die Beschwerdeführerin sich  in  der  Schweiz  und  damit  nicht  im  für  das  Asylverfahren  zuständigen  Staat aufhalte, dass  in  der  Replik  vom  4.  Mai  2011  festgehalten  wird,  die  Beschwerdeführerin habe sich nur wenige Stunden in Italien aufgehalten  und dort kein Asylgesuch gestellt, weshalb sich Italien nicht bewusst sei,  dass  sie  in  der  Schweiz  Eltern  habe,  die  sich  in  einem  "solch  starken  Abhängigkeitsverhältnis" zu ihr befinden würden, dass zudem die Möglichkeit bestehe, dass sich die Schweiz nach Art. 3  Abs.  2  Dublin­II­VO  aus  humanitären  Gründen  für  das  Asylverfahren  zuständig erkläre, dass  abgesehen  vom  starken  Abhängigkeitsverhältnis  die  Kosten  der  Betreuung  bei  einer Wegweisung  der  Beschwerdeführerin  letztlich  dem  Staat anfallen würden, dass  insgesamt aus zwischenmenschlicher Sicht die Einheit der Familie  vorliegend stärker zu gewichten sei als das Interesse der Schweiz an der  Rückführung der Beschwerdeführerin nach Italien, dass  die  Ausführungen  auf  Beschwerdeebene  die  Schlussfolgerungen  der Vorinstanz nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts nicht zu  entkräften vermögen, dass die volljährige Beschwerdeführerin bei ihrer Anhörung nicht geltend  gemacht  hatte,  dass  zwischen  ihr  und  den  seit  Dezember  2009  (als  Asylsuchende)  in  der  Schweiz  lebenden  Eltern  in  irgendeiner  Form  ein  Abhängigkeitsverhältnis  bestehen  würde,  sondern  diesbezüglich  einzig  den Wunsch nach einem Zusammenleben mit den Eltern ausdrückte,  dass  es  für  die  Existenz  des  nun  auf  Beschwerdeebene  geltend  gemachten und als zentral hervorgehobenen Abhängigkeitsverhältnisses  in  den  vorliegenden  Akten  –  wie  auch  in  den  beigezogenen  Akten  der  Eltern (N 535 227) – keine konkreten Anhaltspunkte gibt, dass  dieses  in  der  Beschwerde  erstmals  geltend  gemachte  Vorbringen  deshalb als nachgeschoben und damit unglaubhaft zu qualifizieren ist, dass  den Akten  der Eltern  im Übrigen  auch  zu  entnehmen  ist,  dass  ihr  Vater  weitere  Familienangehörige,  namentlich  (…)  sowie  (…)  erwähnt 

E­1784/2011 hat, die sich  in der Schweiz aufhalten und  im Bedarfsfall  die Mutter der  Beschwerdeführerin bei der Pflege (…) entlasten könnten, dass  den  vorliegenden  Akten  auch  nicht  zu  entnehmen  ist,  dass  die  Mutter  der  Beschwerdeführerin  andauernde  und  schwerwiegende  gesundheitliche  Probleme  geltend  gemacht  hätte,  und  auch  aufgrund  ihres Alters (…) davon auszugehen ist, dass sie grundsätzlich in der Lage  sein sollte, ihren Ehemann zu pflegen, dass  im  Arztzeugnis  vom  21.  März  2011  denn  auch  in  keiner  Weise  ausgeführt  wird,  weshalb  die  Mutter  den  Vater  selber  nicht  genügend  unterstützen  könne  und  demnach  auf  die  Hilfe  der  Beschwerdeführerin  angewiesen  sei,  weshalb  diese  Bestätigung  –  auch  angesichts  der  mit  keinem Wort  erwähnten  übrigen Verwandten  in  der  Schweiz  –  insoweit  nicht zu überzeugen vermag,  dass  gemäss  Art.  15  Abs.  1  Dublin­II­VO  jeder  Mitgliedstaat  aus  humanitären  Gründen,  die  sich  insbesondere  aus  dem  familiären  oder  kulturellen  Kontext  ergeben,  Familienmitglieder  und  andere  abhängige  Familienangehörige  zusammenführen  kann,  auch  wenn  er  dafür  nach  den Kriterien der Verordnung nicht zuständig ist, dass  gemäss  Art.  15  Abs.  2  Dublin­II­VO  in  Fällen,  in  denen  die  betroffene  Person  wegen  Schwangerschaft,  einer  schweren  Krankheit  oder  hohen  Alters  und  ähnlichen  Gründen  auf  die  Unterstützung  der  anderen  Person  angewiesen  ist,  die  Mitgliedstaaten  im  Regelfall  entscheiden,  die  asylsuchende  Person  und  den  anderen  Familienangehörigen,  der  sich  im  Hoheitsgebiet  eines  Mitgliedstaates  aufhält,  nicht  zu  trennen  beziehungsweise  sie  zusammenführen,  sofern  die familiäre Bindung bereits im Herkunftsland bestanden hat,  dass  der  Aufenthalt  des  Asylsuchenden  im  Ausland  in  den  von  Art. 15  Abs.  2  Dublin­II­VO  genannten  Fällen  nicht  Voraussetzung  für  dessen  Anwendbarkeit  ist  –  dies  im  Gegensatz  zu  Abs.  1,  welcher  nur  die  Vereinigung  eines  im  Ausland  lebenden  Asylsuchenden  mit  einem  Familienangehörigen  in  der  Schweiz  regelt  und  deshalb  nach  einem  Aufnahmeersuchen vom Ausland verlangt (vgl. zum Ganzen das Urteil E­ 6147/2011 des Bundesverwaltungsgerichts vom 22. November 2011 mit  weiteren Hinweisen auf Lehre und Praxis) –, weshalb Abs. 2 von Art. 15  Dublin­II­VO  auch  Konstellationen  umfasst,  in  denen  sich  sowohl  der  Familienangehörige  als  auch  der  Asylsuchende  im  selben Mitgliedstaat  befinden, 

E­1784/2011 dass mit dem "Familienangehörigen" gemäss Art. 15 Abs. 2 Dublin­II­VO  ein  weiter  Familienbegriff  angesprochen  wird,  der  insoweit  demjenigen  des  "anderen  abhängigen  Familienangehörigen"  des  Abs.  1  entspricht  (vgl. a.a.O.), dass  Art.  15  Abs.  2  sowohl  Anwendung  finden  kann,  wenn  die  asylsuchende Person auf die Hilfe eines Familienangehörigen, als auch,  wenn Letzterer auf die Hilfe des Asylsuchenden angewiesen  ist  (Art. 11  Abs. 1 DVO Dublin), dass vorliegend nicht geltend gemacht wird, die Beschwerdeführerin sei  auf die Unterstützung  ihrer Eltern angewiesen, und aus den Akten auch  nicht hervorgehen würde, dass es sich bei ihr um eine verletzliche Person  im Sinn von Art. 15 Abs. 2 Dublin­II­VO handle, dass  die  geltend  gemachte  Abhängigkeit  der  Eltern  von  ihr,  wie  oben  festgestellt,  unglaubhaft  ist,  weshalb  nicht  davon  auszugehen  ist,  die  Eltern  (insbesondere  der  Vater)  seien  im  Sinn  der  erwähnten  Bestimmung  auf  die Unterstützung  der Beschwerdeführerin  angewiesen  oder vor der Reise in die Schweiz angewiesen gewesen, dass somit Art. 15 Abs. 1 und 2 Dublin­II­VO im vorliegenden Fall keine  Anwendung finden können,  dass  wenn  sich  sowohl  die  asylsuchende  Person  als  auch  das  Familienmitglied  im gleichen Staat aufhalten und keine Verletzlichkeit  im  oben umschriebenen Sinn vorliegt, eine Verhinderung einer Trennung der  Familienmitglieder  allenfalls  über  das  Selbsteintrittsrecht  nach  Art.  3  Abs. 2 Dublin­II­VO erfolgen könnte (vgl. CHRISTIAN FILZWIESER  / ANDREA  SPRUNG,  Dublin  II­Verordnung  –  Das  Europäische  Asylzuständigkeitssystem,  3.,  überarbeitete  Auflage,  Wien/Graz  2010,  K11 zu Art. 15),  dass  nach  der  so  genannten  Souveränitätsklausel  von  Art.  3  Abs. 2  Dublin­II­VO  jeder Mitgliedstaat  einen  von  einem Drittstaatsangehörigen  eingereichten  Asylantrag  prüfen  kann,  auch  wenn  er  nach  den  in  der  Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist, und  der  betreffende Mitgliedstaat  dadurch  zum  zuständigen Mitgliedstaat  im  Sinn  der  Verordnung  wird  und  die  mit  dieser  Zuständigkeit  einhergehenden Verpflichtungen übernimmt, 

E­1784/2011 dass die Dublin­II VO dabei keine inhaltlichen Vorgaben zur Handhabung  des  Selbsteintrittsrechts  der  nicht  zuständigen  Mitgliedstaaten  bietet,  weshalb  innerstaatliches  Recht  zur  Anwendung  kommt  (vgl.  FILZWIESER/SPRUNG, a.a.O., K8 zu Art. 3, sowie BVGE 2010/45), dass  diese  Bestimmung  explizit  als  Kann­  und  Ermessensbestimmung  konzipiert  ist  und  weder  aus  der  Dublin­II­VO  noch  aus  der  schweizerischen Gesetzgebung  klare  Kriterien  zur  Ermessensausübung  eines  Selbsteintritts  hervorgehen,  wobei  der  unbestimmte  Rechtsbegriff  der "humanitären Gründe" gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  restriktiv auszulegen  ist, zumal die Anwendung der Souveränitätsklausel  die  Ausnahme  bleiben  muss,  ansonsten  die  Effektivität  des  Dubliner­ Vertragswerks in Frage gestellt würde (vgl. zum Ganzen BVGE 2010/45), dass eine selbstständige Rüge der Verletzung von Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­ VO gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgericht zudem nur möglich ist,  wenn  mit  der  Forderung  nach  einem  Selbsteintritt  gleichzeitig  geltend  gemacht  wird,  mit  der  Durchsetzung  der  nach  der  Dublin­II­VO  feststehenden Zuständigkeit würde eine Norm des Völkerrechts oder aber  eine Norm des innerstaatlichen Rechts verletzt (vgl. BVGE 2010/45 E. 5),  dass solches von der Beschwerdeführerin nicht geltend gemacht wird und  sich im Übrigen auch aus den Akten nicht ergeben würde, dass die Beschwerdeführerin  insbesondere aus dem Recht auf Achtung  des Familienlebens  nach Art.  8  der Konvention  vom 4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  offensichtlich  keinen Anspruch  für  sich  ableiten  könnte, weil  ihre  Eltern  in  der  Schweiz  als  Asylsuchende  über  kein  gefestigtes  Anwesenheitsrecht  im  Sinn  von  Lehre  und  Praxis  verfügen  (vgl. etwa  BGE 130 II 281 und BGE 135 I 143, je mit weiteren Hinweisen), dass angesichts der gesamten Umstände keine Gründe ersichtlich sind,  die  eine  Veranlassung  zu  einem  Selbsteintritt  gemäss  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO auslösen würden, dass entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin die kurze Dauer  ihres  Aufenthalts  in  Italien  vor  der  Einreise  in  die  Schweiz  nicht  ausschlaggebend  ist,  zumal  Italien,  wie  erwähnt,  einer  Übernahme  ausdrücklich zugestimmt hat, 

E­1784/2011 dass  zudem  festzuhalten  ist,  dass  Dublin­Rückkehrende  betreffend  Unterbringung  von  den  italienische  Behörden  gegenüber  andern  Asylsuchenden  bevorzugt  behandelt  werden  und  sich  neben  den  staatlichen Strukturen auch verschiedene private Hilfsorganisationen der  Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen annehmen, dass die Organisation  "Arci con Fraternità" seit dem 1. Januar 2009 die  Betreuung der Flüchtlinge im Flughafen Fiumicino (Rom) organisiert und  dort den Asylsuchenden kostenlose Rechtsberatung anbietet, dass  der  Vater  der  Beschwerdeführerin  im  Übrigen  (…)  in  Italien  (…)  erwähnt hat, mit (…) sie sich nötigenfalls in Verbindung setzen könnte, dass  unter  diesen  Umständen  den  Akten  keine  Gründe  zu  entnehmen  sind,  die  einer  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  nach  Italien  entgegenstehen,  und  Italien  gemäss  den  einschlägigen  Bestimmungen  des  Dubliner­Vertragswerks  für  die  Behandlung  des  Asylgesuchs  der  Beschwerdeführerin zuständig ist, dass das BFM somit  zu Recht  in Anwendung von Art.  34 Abs. 2 Bst.  d  AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist, dass das Nichteintreten auf ein Asylgesuch in der Regel die Wegweisung  aus der Schweiz zur Folge hat  (Art.  44 Abs. 1 AsylG),  vorliegend keine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  erteilt  wurde  und  auch  kein  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  besteht,  weshalb  die  verfügte  Wegweisung  im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen steht und  daher zu bestätigen ist, dass  im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens  –  bei  dem  es  sich  um  eine  Überstellungsverfahren  in  den  für  die  Prüfung  des  Asylgesuches  zuständigen  Staat  handelt  –  systembedingt  kein  Raum  bleibt  für  Ersatzmassnahmen im Sinn von Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs.  1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen  und Ausländer (AuG, SR 142.20), dass eine entsprechende Beurteilung  soweit  notwendig  vielmehr bereits  im Rahmen der Prüfung des Selbsteintritts  stattfinden muss  (vgl. BVGE  2010/45 E. 10.2), dass in diesem Sinn das BFM den Vollzug der Wegweisung nach Italien  zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erklärt hat,

E­1784/2011 dass  es  der  Beschwerdeführerin  demnach  nicht  gelungen  ist  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletze,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig feststelle oder  unangemessen  sei  (Art.  106  AsylG),  weshalb  die  Beschwerde  abzuweisen ist, dass  das  in  der  Beschwerde  gestellte  Gesuch  um  unentgeltliche  Prozessführung  (Kostenerlass)  gutzuheissen  ist,  zumal  die Bedürftigkeit  der  Beschwerdeführerin  nachgewiesen  worden  ist  und  die  Rechtsbegehren nicht als aussichtslos im Sinn von Art. 65 Abs. 1 VwVG  bezeichnet werden konnten, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen sind. (Dispositiv nächste Seite)

E­1784/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  gutgeheissen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Eveline Chastonay Versand:

E-1784/2011 — Bundesverwaltungsgericht 14.12.2011 E-1784/2011 — Swissrulings