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Bundesverwaltungsgericht 06.12.2011 E-1384/2008

6 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,494 mots·~7 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 31. Januar 2008

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­1384/2008 Urteil   v om   6 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Daniel Willisegger (Vorsitz), Richter Kurt Gysi, Richterin Jenny de Coulon Scuntaro,    Gerichtsschreiber Tobias Meyer. Parteien A._______, geboren (…), Türkei,   vertreten durch Ali Civi, Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 31. Januar 2008 / N (…).

E­1384/2008 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin,  eine  türkische  Staatsangehörige  kurdischer  Ethnie,  verliess  ihr  Heimatland  am  1. Dezember  2006  und  flog  nach  Schweden,  wo  sie  bis  am  6. Februar  2007  blieb.  Am  7. Februar  2007  gelangte sie  in die Schweiz, wo sie am gleichen Tag um Asyl ersuchte.  Am  19. Februar  2007  wurde  sie  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (…) zur Person befragt und am 3. April 2007 in (…) zu ihren Asylgründen  angehört. B.  Mit  Verfügung  vom  31. Januar  2008  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte ihr  Asylgesuch ab. Gleichzeitig wies das BFM sie aus der Schweiz weg und  beauftragte den Kanton (...) mit dem Vollzug der Wegweisung. C.  Mit  Eingabe  vom  29. Februar  2008  (Poststempel)  erhob  die  Beschwerdeführerin  gegen  die  Verfügung  des  BFM  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht mit dem Antrag, die Verfügung sei aufzuheben  und  das  Asylgesuch  gutzuheissen.  Eventualiter  sei  der  Fall  zur  Ergänzung des Sachverhaltes sowie zum Erlass einer neuen Verfügung  an das BFM zurückzuweisen. Jedenfalls sei die Wegweisungsverfügung  aufzuheben und ihre Anwesenheit auf anderer gesetzlicher Grundlage zu  regeln.  In  prozessualer  Hinsicht  ersuchte  sie  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  7. März  2008  hiess  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Die  Beschwerdeführerin  wurde  aufgefordert,  innert Frist Belege über ihre familiäre Situation nachzureichen. E.  Mit Schreiben  vom 28. März 2008  reichte der Kanton  (...)  auf Ersuchen  des  Bundesverwaltungsgerichts  einen  Amtsbericht  bezüglich  der  Beschwerdeführerin, ihrer drei in der Schweiz lebenden Kinder und deren  Vater  ein.  Mit  Schreiben  vom  8. April  2008  reichte  der  Kanton  ein  ergänzendes Schreiben nach.

E­1384/2008 F.  Mit Eingabe vom 8. April 2008 reichte die Beschwerdeführerin Kopien der  Ausländerausweise  ihrer  drei  Kinder,  die  sich  in  der  Schweiz  befinden,  sowie  Bestätigungen  über  den  Aufenthalt  der  Halbgeschwister  der  Beschwerdeführerin in Schweden ein. G.  Mit  Zwischenverfügung  vom  22. April  2008  wurde  das  BFM  zur  Vernehmlassung  eingeladen.  Mit  Stellungnahme  vom  9. Mai  2008  beantragte  das  BFM  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  Stellungnahme  wurde  der  Beschwerdeführerin  am  15. Mai  2008  zur  Kenntnisnahme  zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Die  angefochtene Verfügung  ist  beschwerdefähig. Da  keine das Sachgebiet  betreffende Ausnahme nach Art.  32 VGG vorliegt und das BFM zu den  Vorinstanzen  im  Sinne  von  Art. 33  Bst.  d  VGG  gehört,  ist  das  Bundesverwaltungsgericht  zur  Beurteilung  der  Beschwerde  zuständig.  Das Verfahren  richtet  sich nach dem VwVG,  soweit  das VGG oder das  Asylgesetz  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  nichts  anderes  bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 105 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend  – endgültig  (vgl.  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerdeführerin  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  oder  Änderung,  weshalb  sie  zur  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 48  Abs. 1  VwVG). 1.3. Die Beschwerdefrist  (Art. 108 Abs. 1 AsylG) und die Anforderungen  an  die  Beschwerdeschrift  (Art.  52  Abs.  1  VwVG)  sind  gewahrt.  Die 

E­1384/2008 übrigen Sachurteilsvoraussetzungen  sind gegeben. Auf  die Beschwerde  ist einzutreten.  2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Die  Beschwerdeführerin  begründete  ihre  Furcht  vor  Verfolgung  im  erstinstanzlichen  Verfahren  mit  der  Bedrohung  durch  ihren  ehemaligen  Ehemann  und  dessen  Familie.  Im  Jahr  1994  habe  sie  sich  von  ihrem  Ehemann scheiden lassen und das Sorgerecht für ihre Kinder (Jahrgang  […]) sei  ihm zugeteilt worden.  Ihr Ex­Ehemann sei anschliessend  in die  Schweiz gegangen, wo er sich wieder verheiratet habe. Die Kinder hätten  bei  ihr  gewohnt,  bis  er  die  drei  jüngeren  Kinder  2003  in  die  Schweiz  nachgezogen habe.  Ihr ältester Sohn habe die Türkei verlassen und sie  wisse  nicht,  wo  er  sich  aufhalte.  Die  Zeit,  als  sie  alleine  in  der  Türkei  gewohnt  habe,  sei  sehr  schwierig  für  sie  gewesen.  Von  ihrer 

E­1384/2008 Schwiegermutter  sei  sie  verleumdet  und  belästigt worden  und  sie  habe  unsittliche Angebote bekommen. Sie habe sogar an Selbstmord gedacht. Im September 2006 sei ihr Ex­Ehemann mit den drei Kindern zu ihr in die  Türkei  gekommen,  um  ihre  Tochter  B._______  gegen  deren  Willen  zu  verheiraten.  Dabei  habe  er  sie  und  die  drei  Kinder  in  ihrem  Haus  eingesperrt,  das  Telefon  sowie  ihre  Mobiltelefone  zerstört  und  ihre  Ausweise  an  sich  genommen.  Er  habe  sie  geschlagen  und  gedroht,  er  würde  sie  und  die  Kinder  umbringen.  Er  selber  habe  im  gegenüberliegenden  Haus  seiner  Eltern  gewohnt  und  sie  so  unter  Kontrolle gehabt. Nach drei oder vier Tagen sei es ihnen gelungen, durch  ein Küchenfenster aus dem Haus zu fliehen. Mit der Hilfe eines Cousins  sei  es  ihnen  gelungen,  nach  C._______  zu  gelangen.  Die  Polizei  in  C._______ habe ihr gesagt, sie solle sich an den örtlichen Polizeiposten  wenden.  Auf  den  örtlichen  Polizeiposten  habe  sie  aber  nicht  gehen  können, da sie und ihre Kinder in dem kleinen Dorf von der Familie ihres  Ex­Mannes  sehr  verhasst  seien  und  die  Polizei  sie  deshalb  nicht  hätte  schützen können. Ihr Ex­Ehemann habe sie unterdessen mit einer Pistole  in  der  Hand  bei  ihren  Verwandten  gesucht.  Unter  schwierigsten  Bedingungen sei es ihnen dann gelungen, sich neue Pässe ausstellen zu  lassen und Flugtickets  zu  kaufen.  Ihre drei Kinder  seien  in die Schweiz  geflogen. Sie selber habe sich bei Verwandten und Bekannten versteckt.  Schliesslich  habe  sie  von  ihren  Halbgeschwistern  in  Schweden  ein  Einladungsgesuch  und  damit  ein Visum  für  Schweden  erhalten.  Anfang  Dezember 2006 habe sie die Türkei verlassen. 4.2. Die Vorinstanz begründet ihre ablehnende Verfügung damit, dass es  sich bei den von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Übergriffen  um Übergriffe durch Dritte handle und diese von den türkischen Behörden  auf  Anzeige  hin  geahndet  würden.  Die  Verleumdungen  durch  die  Schwiegermutter  und  andere  Personen  seien  aufgrund  ihrer  Art  und  Intensität nicht asylrelevant. 4.3.  In  der  Beschwerdeschrift  bringt  die  Beschwerdeführerin  vor,  es  handle  sich  vorliegend  um  frauenspezifische  Fluchtgründe.  Familiären  Auseinandersetzungen  könne  nicht  jegliche  Bedeutung  abgesprochen  werden.  Sie  wiederholt,  ihr  Ex­Ehemann  habe  sie  und  ihre  Kinder  mehrere  Tage  gefangen  gehalten  und  mit  dem  Tod  bedroht.  Dessen  ganze  Verwandtschaft  habe  sich  gegen  sie  verschworen,  um  sie  zu  demütigen  und  zu  schikanieren.  Sie  sei  von  ihren  Verwandten  regelmässig  aufgesucht  sowie  telefonisch  kontaktiert  und  dabei 

E­1384/2008 angeschrien,  bedroht  und  geschlagen  worden.  Auch  der  Ex­Ehemann  habe  sie  geschlagen.  Sie  fürchte,  dass  dessen  Familie  sie  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  umbringen  würde.  Auf  den  Schutz  der  lokalen  Polizei  könne  sie  nicht  zählen,  da  ihr  Ex­Ehemann  einflussreiche  Beziehungen zu den kommunalen Behörden habe.  Im Gegenteil  rechne  sie  damit,  auch  von  den  lokalen  Behörden  gesucht  und  getötet  zu  werden. 5.  5.1.  Die  Vorinstanz  stellt  zu  Recht  fest,  dass  die  von  der  Beschwerdeführerin geltend gemachten Verfolgungshandlungen und die  Furcht  vor zukünftiger Verfolgung nicht asylrelevant  sind. Übergriffe von  Privatpersonen  sind  nur  asylrelevant,  wenn  der  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  nicht  in  der  Lage  oder  nicht  willens  ist,  der  verfolgten  Person  genügenden  Schutz  zu  gewähren.  Ein  genügender  Schutz  ist  dann  gegeben,  wenn  eine  funktionierende  und  effiziente  Schutzinfrastruktur  zur  Verfügung  steht  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr. 18 E. 10). 5.2. Die Beschwerdeführerin hatte nach eigenen Angaben nie Probleme  mit  den  türkischen  Behörden.  Die  in  der  Beschwerdeschrift  geäusserte  Furcht, auch die örtliche Polizei könnte sie  töten wollen,  ist durch nichts  belegt, unsubstantiiert  und damit unglaubhaft. Die Verfolgungsfurcht der  Beschwerdeführerin  bezieht  sich  demzufolge  einzig  auf  die  geltend  gemachte Bedrohung durch ihren Ex­Ehemann und dessen Familie. Das  Bundesverwaltungsgericht hat bei der Beurteilung dieser Vorbringen auf  die  Situation  abzustellen,  wie  sie  sich  zum  Urteilszeitpunkt  präsentiert  (vgl. BVGE 2007/31 5.3). 5.3.  Vorab  ist  festzustellen,  dass  häusliche  Gewalt  und  andere  frauenspezifische  Fluchtgründe  asylrelevant  sein  können,  die  Asylgewährung  auch  in  solchen  Fällen  aber  nicht  aus  "humanitären  Gründen"  erfolgt,  wie  dies  die  Beschwerdeführerin  in  der  Beschwerde  verlangt.  Auch  bei  häuslicher  Gewalt  und  frauenspezifischen  Fluchtgründen müssen  die Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 1A  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 AsylG erfüllt  sein. 

E­1384/2008 5.4. Der Ex­Ehemann der Beschwerdeführerin  lebt  in  der Schweiz. Seit  dem  von  der  Beschwerdeführerin  geschilderten  Vorfall  im  September  2006  in  der Türkei,  bei  dem er  die Beschwerdeführerin  und  ihre Kinder  angeblich  drei  Tage  in  ihrem  Haus  festhielt  und  sie  mit  dem  Tod  bedrohte,  hat  er  sich  gegenüber  der Beschwerdeführerin  offenbar  ruhig  verhalten  (siehe  Beschwerdeschrift  S. 6).  Auch  zu  den  volljährigen  Kindern scheint er  keinen Kontakt mehr zu haben  (Bericht des Kantons  (...)vom 28. März 2008). Damit stellt der Ex­Ehemann offensichtlich keine  Gefahr  für  die  Beschwerdeführerin  mehr  dar,  womit  auch  davon  ausgegangen werden  kann,  dass  von  seiner  in  der Türkei  verbliebenen  Familie  keine  Bedrohung  mehr  ausgeht.  Die  Schikanen  und  Diffamierungen,  welche  die  Beschwerdeführerin  aus  der  Zeit  geltend  macht,  als  sie  alleine  in  der  Türkei  lebte,  weisen  zudem  keine  asylrelevante Intensität auf. Darüber hinaus kann die Beschwerdeführerin  nicht  glaubhaft  machen,  im  vorliegenden  Fall  seien  die  örtlichen  Behörden  nicht  bereit,  sie  zu  schützen.  Die  Aussage,  die  Familie  ihres  Ehemannes  habe  einen  grossen  Einfluss  auf  die  lokalen  Behörden  ist  durch nichts belegt sowie unsubstantiiert und damit unglaubhaft. 5.5.  Damit  vermag  die  Beschwerdeführerin  eine  objektiv  begründete  Furcht  vor  asylrelevanter  Verfolgung  nicht  glaubhaft  zu  machen.  Die  Vorinstanz hat damit zutreffend festgestellt, dass die Beschwerdeführerin  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllt,  und  ihr  Asylgesuch  zur  Recht  abgelehnt. 6.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerdeführerin  verfügt weder über eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; EMARK 2001 Nr. 21). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 

E­1384/2008 vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.2.  Nach  Art.  83  Abs.  3  AuG  ist  der  Vollzug  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  der  Ausländerin oder des Ausländers  in den Heimat­, Herkunfts­ oder einen  Drittstaat entgegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur  Ausreise in ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder  ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder  in dem sie Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu  werden  (Art. 5 Abs. 1 AsylG; Art. 33 Abs. 1 FK). Gemäss Art. 25 Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung unterworfen werden. Die  Vorinstanz weist  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  das  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­Refoulement  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  die  Beschwerdeführerin  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nicht  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen  vermag,  findet  der  in  Art. 33  Abs. 1 FK und Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den Aussagen  der  Beschwerdeführerin  noch  aus  den Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  die  Türkei  dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.3. Nach Art. 83 Abs. 4 AuG  kann  der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren.

E­1384/2008 7.3.1.  In  der  Zentraltürkei,  aus  der  die  Beschwerdeführerin  stammt,  besteht keine Situation allgemeiner Gewalt. Eine gänzlich unsichere, von  bewaffneten  Konflikten  oder  permanent  drohenden  Unruhen  dominierte  Lage,  aufgrund  derer  die  Beschwerdeführerin  sich  bei  einer  Rückkehr  unvermeidlich  einer  konkreten  Gefährdung  ausgesetzt  sehen  würde,  besteht nicht. 7.3.2.  Die  Vorinstanz  stellt  in  der  angefochtenen  Verfügung  fest,  die  Gesuchstellerin  habe  ein  verzweigtes  soziales  Netz  in  der  Türkei,  schulische  Grundkenntnisse  und  berufliche  Erfahrung  in  der  Landwirtschaft sowie im Industriesektor. Damit sprächen weder die in der  Türkei  herrschende  politische  Situation  noch  andere Gründe  gegen  die  Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. 7.3.3. Die  Beschwerdeführerin  entgegnet  in  der  Beschwerdeschrift,  sie  verfüge  über  kein  soziales  Netzwerk  in  der  Türkei,  ihre  Eltern  seien  gestorben,  ihre  Geschwister  lebten  seit  Jahren  in  Schweden.  Sie  habe  lediglich  noch  zwei  Tanten  und  einige Cousins  in  der  Türkei,  zu  denen  der  Kontakt  jedoch  abgebrochen  sei.  Zudem macht  sie  geltend,  sie  sei  (...)  erkrankt und müsse sich deshalb erholen, um wieder zu Kräften zu  gelangen. Sie habe als Kind nie die Schule besucht, sondern erst im Jahr  2002 in einem Schulprojekt Lesen und Schreiben gelernt. Es sei äusserst  zweifelhaft,  dass sie bei  einer Rückkehr eine Arbeitsstelle  finde und sie  verfüge  über  kein  Vermögen.  In  ihr  altes  Haus  könne  sie  nicht  zurückkehren. 7.3.4.  Auch  die  genannten  individuellen  Umstände  führen  im  vorliegenden  Fall  nicht  zur  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  Die  Beschwerdeführerin  hat  bereits  zwischen  2003  und  2006  alleine  in  der  Türkei  gelebt.  Auch  wenn  sie  in  dieser  Zeit  Diffamierungen  und  Schikanen ausgesetzt war, die an dieser Stelle nicht verharmlost werden  sollen,  so  war  sie  doch  zumindest  in  der  Lage,  sich  finanziell  zu  versorgen.  Dass  sie  nicht  mehr  in  das  ihrem  Ex­Ehemann  gehörende  Haus  zurückkehren  kann,  wird  eine  Rückkehr  zwar  erschweren.  Es  ist  jedoch festzuhalten, dass sie nach  ihren eigenen Angaben  in der Türkei  immer  noch  über  Verwandte  verfügt  (Tanten  und  Cousins),  die  sie  zumindest  in  der  ersten  Zeit  unterstützen  können.  Zudem  lebt  seit  Kurzem  auch  einer  ihrer  Söhne  wieder  in  der  Türkei.  Die  in  der  Beschwerdeschrift  geltend  gemachte  (…)erkrankung  wird  nicht  weiter  belegt,  insbesondere  nicht  mit  einem  ärztlichen  Zeugnis,  sondern  lediglich vage angedeutet. Eine diesbezügliche konkrete Gefährdung wird 

E­1384/2008 nicht  dargelegt.  Damit  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  zumutbar. 7.4.  Schliesslich  obliegt  es  der  Beschwerdeführerin,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 7.5. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei diesem Verfahrensausgang hätte die Beschwerdeführerin die Kosten  des  vorliegenden  Verfahrens  zu  tragen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Mit  Zwischenverfügung vom 7. März 2008 hat das Bundesverwaltungsgericht  dem  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  stattgegeben. Demzufolge ist die Beschwerdeführerin von der Bezahlung  von Verfahrenskosten befreit (Art. 65 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

E­1384/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Daniel Willisegger Tobias Meyer Versand:

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