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Bundesverwaltungsgericht 14.01.2012 E-1255/2009

14 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,797 mots·~9 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 22. Januar 2009 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­1255/2009 Urteil   v om   1 4 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richterin Contessina Theis,   Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiber Jonas Tschan. Parteien A._______, geboren (…), Irak,   vertreten durch Felix Schöpfer, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 22. Januar 2009 / N (…).

E­1255/2009 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, ein (…) arabischer Ethnie und sunnitischer Religi­ onszugehörigkeit,  verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge  am 15. August  2006  und  gelangte  in  einem Lastwagen  über  die Türkei  und  ihm  unbekannte  Länder  am  2.  November  2006  in  die  Schweiz.  Er  reichte  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Kreuzlingen  ein  Asylgesuch  ein;  für  die  zu  den  Akten  gegebenen  Dokumente wird auf das Beweismittelcouvert in den Vorakten verwiesen.  Der Beschwerdeführer wurde im EVZ am 8. November 2006 summarisch  zur  Person,  zu  den  Gesuchsgründen  und  zum  Reiseweg  befragt;  die  einlässliche Anhörung fand am 27. November 2006 in Bern­Wabern statt. B.  Zur  Begründung  seines  Asylgesuches  machte  der  Beschwerdeführer  geltend, er werde von Terroristen bedroht, wäre er nicht ausgereist, hätte  man ihn getötet. Als er in Bagdad in einem (…) gearbeitet habe, sei er am  (…)  von  Leuten  der  Al  Majles  Al  A'ala  (Partei)  entführt  worden;  sein  Freund,  mit  dem  er  unterwegs  gewesen  sei,  habe  einen  von  ihnen  erkannt. Diese Leute hätten  ihm vorgeworfen, als  (…)  im  (…), das zum  Gefängnis von B._______ gehöre, tätig gewesen zu sein und Menschen  getötet  zu  haben. Weil  sie  vermutet  hätten,  dass  er  zum Geheimdienst  gehöre,  sei  er  misshandelt  worden.  Sein  Freund  sei  zu  seiner  Familie  gegangen  und  habe  ihr  von  der  Entführung  berichtet. Weil  einer  seiner  Cousins  Kontakte  zur  Al  Majles  Al  A'ala  gehabt  habe,  sei  er  gegen  Zahlung eines Lösegeldes nach einigen Tagen freigekommen.  Da der Beschwerdeführer  in Bagdad nicht habe weiterleben können, sei  er in das (…) (C._______, Gouvernement im Norden des Irak) gegangen.  Dort  sei  er  von  den  Kurden  schlecht  behandelt  worden;  man  habe  behauptet,  er  sei  ein Mann Saddams.  Zudem  sei  er  von  Leuten  der  Al  Shura  (Partei)  oder  der  Armee  des  Widerstandes  bedroht  worden.  Schliesslich habe man eine (...)  in (…) geworfen, die zwar das Ziel (den  Beschwerdeführer) verfehlt, aber Sachschaden angerichtet habe. Er habe  den Vorfall der Polizei nicht gemeldet, weil diese nichts  für  ihn habe tun  können; sechs Tage zuvor habe er der Polizei mitgeteilt, dass bei ihm ein  Drohbrief eingegangen sei, unternommen habe sie nichts. Danach sei er zu seinem älteren Bruder nach D._______ gegangen, ein  Dorf, das mit dem Auto etwa eine (…) von E._______ entfernt sei.   Dort  sei  zwar  nichts  vorgefallen,  aber  er  habe  aus  Angst  das  Haus  nicht 

E­1255/2009 verlassen.  Er  habe  in  D._______  nicht  bleiben  können,  weil  er  (...)  sei  und sein Leben nicht mit Herumsitzen vergeuden wolle. Zudem sei  das  Dorf nicht sicher gewesen, es hätten Leute kommen können, um  ihn zu  töten.  Im Übrigen  habe  er mit  Behörden, Organisationen  oder  Privatpersonen  nie Probleme gehabt, auch sei er niemals inhaftiert gewesen. C.  Mit  Schreiben  vom  16.  Januar  2007  zeigte  die  vormalige  Rechtsvertretung die sofortige Mandatsniederlegung an. D.  Auf  Aufforderung  des  BFM  hin  reichte  der  Beschwerdeführer  am  26.  Januar  2007  (Poststempel)  einen  ärztlichen  Bericht  von  F._______  zu  den  Akten.  Darin  wurden  Angaben  zu  einer  Anamnese  und  zu  Nierenproblemen  gemacht.  Beigelegt  war  der  Eingabe  eine  Erklärung  über die Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht. E.   Der  neue  Rechtsvertreter  teilte  dem  Bundesverwaltungsgericht  am  2.  April  2007  (Eingangsstempel)  die  Mandatsübernahme  mit  und  gab  gleichzeitig  das  Original  der  Todesurkunde  des  Vaters  des  Beschwerdeführers zu den Akten. Weitere Unterlagen  (Kopie Anwaltsvollmacht,  4 Belege  zur  Tätigkeit  als  (...), Schreiben eines Bruders) gingen der Vorinstanz am 15. November  2007  zu  (Eingangsstempel).  Ein  Bruder  des  Beschwerdeführers  sei,  so  wurde in der Eingabe ausgeführt, wegen seiner sunnitischen Herkunft am  (…)  von  schiitischen  Milizen  getötet  worden;  hierzu  könne  leider  noch  kein Beleg eingereicht werden. F. Am  12.  März  2008  fand  eine  ergänzende  Anhörung  des  Beschwerdeführers durch das BFM statt. G. Mit  Verfügung  vom  22.  Januar  2009  –  eröffnet  am  30.  Januar  2009 –  verneinte  das  BFM  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  und  lehnte  dessen  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  die  Vorinstanz  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnete  den  Vollzug  an.  Zur  Begründung  wurde  ausgeführt,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers 

E­1255/2009 hielten  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht stand. Der  Wegweisungsvollzug  sei  zumutbar,  technisch  möglich  und  praktisch  durchführbar. H. Gegen  diese  Verfügung  richtet  sich  die  vorliegende  Beschwerde,  mit  welcher  der  Beschwerdeführer  am  26.  Februar  2009  (Poststempel)  an  das  Bundesverwaltungsgericht  gelangte.  Er  beantragte  in  materieller  Hinsicht die vollumfängliche Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheides  und  unter  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  die  Gewährung  von  Asyl.  Eventualiter  sei  festzustellen,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  unzulässig  und  unzumutbar  sei,  weshalb  an  die  Vorinstanz  die  Anweisung  zu  ergehen  habe,  den  Beschwerdeführer  vorläufig  in  der  Schweiz  aufzunehmen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragte  er  die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und die Beiordnung des  Rechtsvertreters als unentgeltlichen Rechtsbeistand, alles unter Kosten­  und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Bundeskasse. I. Mit  Zwischenverfügung  vom  6.  März  2009  hielt  der  Instruktionsrichter  fest,  der  Beschwerdeführer  dürfe  den  Ausgang  des  Rechtsmittelverfahrens  in  der  Schweiz  abwarten.  Er  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,            SR 172.021) gut und  lehnte das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  im  Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG ab. Gleichzeitig lud er die Vorinstanz zur  Vernehmlassung ein. K. In seiner Vernehmlassung vom 25. März 2009 beschränkte sich das BFM  auf  die  Feststellung,  die  Beschwerde  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunktes  rechtfertigen  könnten.  An  den  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  werde  vollumfänglich  festgehalten  und  die  Abweisung der Beschwerde beantragt. L. Der Beschwerdeführer wurde am 23. März 2011 ersucht, das Gericht  im  Hinblick auf die weitere Bearbeitung des Verfahrens über seine aktuellen 

E­1255/2009 persönlichen Verhältnisse zu orientieren. Die entsprechende Orientierung  ging  am  10.  Juni  2011  ein.  Die  eingereichten  Beweismittel –  insbesondere  Bestätigungen  über  sprachliche  Weiterbildung  und  berufliche sowie gemeinnützige Einsätze – belegen unter anderem, dass  der  Beschwerdeführer  nach  wie  vor  sozialhilfeabhängig  ist  und  keine  Informationen über den Verbleib von Familienmitgliedern hat. M. Mit  Schreiben  vom  6.  Januar  2012  reichte  der  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers eine Kostennote zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2  Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht. Der Beschwer­ deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die  angefochtene Verfügung besonders  berührt  und hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren Aufhebung  beziehungsweise Änderung;  er  ist  daher  zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1  AsylG,  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  einzutreten.

E­1255/2009 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Mass­nahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen  oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli­ chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den  Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver­ fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. Vorliegend  ist  in  einem  ersten  Schritt  zu  prüfen,  ob  das  BFM  in  seiner  angefochtenen  Verfügung  zu Recht  festgestellt  hat,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  würden  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht genügen. 4.1  Im  vorinstanzlichen  Entscheid  wird  erwogen,  der  Beschwerdeführer  mache geltend, im (…) in Bagdad von unbekannten Bewaffneten entführt  sowie misshandelt worden zu sein, und sodann sei im (…) in E._______  nach Eingang eines Drohbriefes eine (...)  in seine (...) geworfen worden.  An diesen Verfolgungserlebnissen müssten indessen Zweifel angemeldet  werden.  So  würden  für  die  angebliche  Entführung  keine  Beweismittel  vorliegen,  und  bezüglich  des  (...)  gebe  es  zwischen  den Aussagen  des  Beschwerdeführers  und  den  eingereichten  Beweismitteln  Ungereimtheiten.

E­1255/2009 Ungeachtet  dieser  Ausführungen  zur  Frage  der  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  könne  indessen  festgestellt  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  insgesamt  schutzbedürftig  sei,  da  er  begründete  Furcht vor einer Verfolgung durch Dritte habe, vor der  ihn die Behörden  nicht  ausreichend  schützen  könnten.  Da  es  sich  bei  dieser  Verfolgung  aber um eine lokal beschränkte Gefährdung handle, sei zu prüfen, ob ihm  allenfalls  im  Irak  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  zur  Verfügung  stehe.  4.2 In der Beschwerde wird dazu festgehalten, das Bundesamt habe den  massgebenden  Sachverhalt  soweit  zutreffend  zusammengefasst.  Auch  die Vorinstanz gehe grundsätzlich davon aus, dass der Beschwerdeführer  im (…) entführt und im (…) bedroht worden sei.  An dieser Feststellung des BFM seien allerdings deren Unvollständigkeit  und  Kürze  zu  beanstanden.  Insbesondere  habe  es  die  Vorinstanz  unterlassen, die genaueren Umstände der Bedrohung und der Entführung  zu  analysieren.  Das  Bundesamt  sage  denn  auch  nicht,  der  Beschwerdeführer sei diesbezüglich unglaubwürdig, es gehe lediglich von  Ungereimtheiten  aus.  Sollten  im  weiteren  Laufe  des  Verfahrens  Einwendungen  hinsichtlich  dieser  Vorfälle  und  der  Bedrohungslage  im  Sinne von Art. 7 AsylG erhoben werden, sei dem Beschwerdeführer dazu  das rechtliche Gehör zu gewähren. 4.3 Was die in diesem Zusammenhang von der Vorinstanz festgestellten  Zweifel  an  den  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Verfolgungserlebnissen und die Ungereimtheiten zwischen den Aussagen  und  den  Beweismitteln  anbelangt,  so  handelt  es  sich  dabei,  wie  in  der  Beschwerde  kritisiert,  in  der  Tat  um  eine  recht  pauschale  und  nicht  vertieft  begründete  Behauptung.  Dies  ist  umso  unverständlicher,  als  gleichzeitig die vorgebrachte Verfolgung – wenn auch einschränkend auf  eine lokale, worauf nachstehend näher eingegangen wird – bejaht wird. 4.4 Ausgangspunkt  für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft  ist die  Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder  der begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität  der  Verfolgungsfurcht  ebenfalls  wesentlich.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  ein  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (Entscheidungen  und  Mitteilungen  der 

E­1255/2009 [vormaligen]  Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  1994 Nr.  24 E. 8a; WALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a.  M.  1990,  S.  135  ff.).  Nach  neuerer  Rechtsprechung  kann  eine  Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG auch von nichtstaatlichen  Akteuren ausgehen (vgl. Grundsatzentscheid EMARK 2006 Nr. 18).  4.5 Vorliegend  ist  in Übereinstimmung mit der Vorinstanz ohne weiteren  Begründungsaufwand  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  insgesamt  schutzbedürftig  ist.  Es  steht  ausser  Zweifel,  dass  er  im  Zentralirak,  wo  er  beruflich  tätig war,  begründete  Furcht  vor  Verfolgung  durch Dritte hat. Da sich in den Akten keine Hinweise darauf finden, er sei  auch  im Südirak beruflich  tätig gewesen oder er habe dort eine Zeitlang  gelebt, erübrigen sich Ausführungen dazu. 5. In  einem  zweiten  Schritt  ist  zu  prüfen,  ob  gemäss  der  neueren  Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts dem Beschwerdeführer  im  Nordirak  eine  innerstaatliche,  die  Flüchtlingseigenschaft  ausschliessende Schutzalternative zur Verfügung steht. 5.1  Diesbezüglich  ist  vorweg  auf  das  zur  Publikation  vorgesehene  Grundsatzurteil  D­4935/2007  vom  21.  Dezember  2011  hinzuweisen.  Darin  wird  der  Wechsel  von  der  Zurechenbarkeitstheorie  zur  Schutztheorie  erläutert,  welche  unter  anderem  zur  Folge  hat,  dass  die  Bejahung  eines  internationalen  Schutzbedürfnisses  nicht  (mehr)  davon  abhängt,  wer  der  Urheber  der  Verfolgung  ist,  sondern  davon,  ob  im  Heimatstaat  adäquater  Schutz  vor  Verfolgung  in  Anspruch  genommen  werden  kann.  Damit  ist  nicht  nur  die  unmittelbare  oder  mittelbare  staatliche,  sondern  auch  die  private  (bzw.  nichtstaatliche)  Verfolgung  flüchtlingsrechtlich relevant, sofern im Heimatstaat kein adäquater Schutz  vor Verfolgung besteht (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E. 7.5 – 7.9. S. 193 ff.).  5.2  Gemäss  dem  vorerwähnten  Urteil  kann  der  Schutz  vor  privater  Verfolgung  sowohl  durch  den  Staat  selbst  als  auch  durch  einen  besonders  qualifizierten  Quasi­Staat  gewährt  werden,  allenfalls  auch  durch internationale Organisationen. Dabei ist der Schutz als ausreichend  zu  betrachten,  wenn  im  Heimatstaat  eine  funktionsfähige  und  effiziente  Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht.  Ein  subsidiäres  internationales  Schutzbedürfnis  im  Sinne  der  Schutztheorie  kann  sich  für  die  von  Verfolgung  betroffene  Person 

E­1255/2009 ergeben,  weil  im  Heimatstaat  keine  Schutzinfrastruktur  besteht,  die  ihr  Schutz  bieten  könnte,  oder  weil  der  Staat  ihr  keinen  Schutz  gewährt,  obwohl er dazu in der Lage wäre.  5.3  Im  Zentral­  und  im  Südirak  besteht  kein  funktionierendes  und  effizientes Rechts­ und Justizsystem (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.4 – 6.8 S.  164 ff., D­430/2008 vom 23. Juni 2011 E. 5.3.). Demnach wäre vorliegend  kein  ausreichender  Schutz  vor  der  dem  Beschwerdeführenden  drohenden  Verfolgung  gewährleistet. Es  stellt  sich  somit  die  Frage,  ob  dem Beschwerdeführer in den nordirakischen Provinzen Dohuk, Erbil und  Suleimaniya, wo die Behörden willens und  in der Lage sind, Schutz vor  Verfolgung  zu  gewähren,  eine  die  Flüchtlingsgeigenschaft  ausschliessende  innerstaatliche  Flucht­  beziehungsweise  Schutzalternative  zur  Verfügung  steht  (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2.  Aufl.,  Basel  2009, Rz. 11.17 und 11.18). 6. 6.1  Aus  dem  Grundsatz  der  Subsidiarität  des  internationalen  Schutzes  ergibt sich, dass eine Person, die nur  in einem Teil des Landes verfolgt  wird  und  sich  in  eine  andere,  sichere  Region  begeben  kann,  keinen  internationalen  Schutz  benötigt.  Wirken  sich  die  Benachteiligungen  nur  lokal, nicht aber  im ganzen Staatsgebiet aus, und  ist der Heimatstaat  in  der  Lage  und  willens,  dem  Betroffenen  in  anderen  Landesteilen  wirksamen  Schutz  vor  Verfolgung  zu  gewähren,  so  kann  dem  Asylsuchenden  das  Vorliegen  einer  innerstaatlichen  Flucht­  beziehungsweise Schutzalternative entgegengehalten werden. Die  Frage,  ob  eine  Flucht­  beziehungsweise  Schutzalternative  besteht,  stellt  sich  allerdings  erst,  wenn  zuvor  eine  bestehende  oder  drohende  Verfolgung  aus  einem  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Motiv  festgestellt  worden  ist;  wer  eine  derartige  Verfolgung  nicht  begründet  befürchten  muss,  erfüllt  die  Flüchtlingseigenschaft  bereits  aus  diesem Grund  nicht,  und das Bestehen allfälliger Flucht­ beziehungsweise Schutzalternativen  ist  gar  nicht  zu  prüfen  (vgl.  EMARK  2000  Nr. 15  E. 7b  S. 113 f.  und  E. 14a S. 133). 6.2  Gemäss  Praxis  steht  der  von  Verfolgung  betroffenen  Person  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  dann  zur  Verfügung,  wenn  sie  am  Zufluchtsort  nicht  weiterhin  oder  erneut  ernsthafte  Nachteile  aufgrund  unmittelbarer  oder  mittelbarer  staatlicher  Verfolgung  aus 

E­1255/2009 flüchtlingsrechtlich  relevanten  Motiven  befürchten  muss,  und  sie  dort  auch  nicht  Gefahr  läuft,  anderen,  weniger  intensiven  staatlichen  Beeinträchtigungen  oder  Massnahmen  ausgesetzt  zu  sein,  die  darauf  abzielen, sie aus flüchtlingsrechtlich relevanten Motiven in das Gebiet der  ursprünglichen  Verfolgung  zurückzudrängen  (vgl.  EMARK  1996  Nr. 1  E. 5c  S. 6 f.).  Es  versteht  sich  dabei  von  selbst,  dass  allfällige  wirtschaftliche  Schwierigkeiten,  von  welchen  die  vor  Ort  ansässige  Bevölkerung generell betroffen ist, wie beispielsweise Wohnungsnot oder  ein  schwieriger  Arbeitsmarkt,  die  für  sich  allein  zu  keiner  konkreten  Gefährdung  im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG  führen  (vgl. EMARK 2005  Nr. 24  E. 10.1  S. 215,  EMARK  2003  Nr. 24  E. 5e  S. 159),  die  Niederlassung  und  den  Aufbau  einer  neuen  Existenz  am  Zufluchtsort  nicht unzumutbar erschweren. 6.3. Zusammenfassend ergibt sich, dass im Lichte der Schutztheorie die  Annahme  einer  innerstaatlichen  Schutzalternative  bedingt,  dass  am  Zufluchtsort  eine  funktionierende  und  effiziente  Schutzinfrastruktur  besteht  und  der  Staat  gewillt  ist,  der  in  einem  anderen  Landesteil  von  Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Die  betroffene  Person  muss  darüber  hinaus  den  Zufluchtsort  ohne  unzumutbare  Gefahren  auf  legalem Weg  erreichen  und  sich  dort  legal  aufhalten  können.  Schliesslich  muss  es  ihr  individuell  zuzumuten  sein,  den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig in Anspruch nehmen  zu können. Dabei sind, was vorliegend von besonderer Bedeutung ist, die  allgemeinen Verhältnisse am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände  der  betroffenen  Person  zu  beachten,  und  es  ist  unter  Berücksichtigung  der  länderspezifischen  Kontextes  im  Rahmen  einer  individuellen  Einzelfallprüfung  zu  beurteilen,  ob  ihr  angesichts  der  sich  konkret  abzeichnenden  Lebenssituation  am  Zufluchtsort  realistischerweise  zugemutet  werden  kann,  sich  dort  niederzulassen  und  sich  eine  neue  Existenz aufzubauen.  7. In einem dritten Schritt  ist  zu prüfen, ob die vorerwähnten Bedingungen  bezüglich  des  Beschwerdeführers,  wie  von  der  Vorinstanz  ausgeführt,   erfüllt sind. 7.1 Die Anforderungen an die Effektivität des Schutzes vor unmittelbarer  und mittelbarer Verfolgung, auf den der Asylsuchende an einem von den  schweizerischen  Asylbehörden  konkret  zu  nennenden  und  zu  überprüfenden  Alternativaufenthaltsort  zählen  kann,  sind  hoch  (vgl. 

E­1255/2009 WALTER  STÖCKLI,  a.a.O.,  Rz.  11.20  S.  532  f.).  Dies  gilt,  wie  in  BVGE  2008/4  dargelegt,  für  den  Nordirak  im  besonderen  Masse.  Darin  wird  ausgeführt,  dass  die  Behörden  der  drei  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  zwar  grundsätzlich  in  der  Lage  und  willens  sind,  den  Einwohnern  dieser  Provinzen  Schutz  vor  Verfolgung  zu  gewähren.  Vorbehalte werden  aber  in Bezug  auf  bestimmte Personengruppen  und  diesbezüglich ausdrücklich betreffend aus dem Zentralirak eingewanderte  alleinstehende arabische Männer gemacht. Für Araber und andere nicht­ kurdische  Iraker  aus  dem  Zentral­  und  Südirak  kann  gemäss  diesem  Urteil  nicht  automatisch  vom Bestehen  einer  allfälligen  Fluchtalternative  ausgegangen  werden;  das  Bestehen  einer  allfälligen  Fluchtalternative  bedarf einer Einzelfallprüfung. 7.2  In  der  Verfügung  der  Vorinstanz  wird  in  sehr  pauschaler  Weise  argumentiert,  der  Beschwerdeführer  könne  sein  fehlendes  Beziehungsnetz  im  Nordirak  durch  seinen  Beruf  und  durch  seine  gute  wirtschaftliche  Situation  kompensieren.  Im  Weiteren  hätten  bereits  zahlreiche  (…) arabischer Abstammung aus dem Zentralirak Zuflucht  in  den Städten des Nordirak gefunden, weshalb der Beschwerdeführer auf  ein gewisses berufliches Beziehungsnetz zurückgreifen könne. Auch die  geltend gemachten gesundheitlichen Probleme könnten dort angemessen  behandelt werden.  7.3  Die  Beschwerde  hält  dem  entgegen,  gemäss  dem  Irak­Update  der  SFH  (Schweizerische  Flüchtlingshilfe)  vom  14.  August  2008  würden  Araber in Kurdistan nur mit einem kurdischen Bürgen aufgenommen und  nur  auf  diese Weise  sei  es möglich,  eine Aufenthaltserlaubnis  und eine  Arbeitsgenehmigung zu erhalten sowie ein Haus oder eine Wohnung zu  mieten.  Weiter  seien  frühere  Baath­Angehörige,  Militärangehörige  und  deren  Familien  gefährdet,  Opfer  von  gezielten  Vertreibungen  und  Attentaten zu werden. Zudem habe eine Länderanalyse der SFH vom 27.  Januar 2006 ergeben, dass insbesondere Berufsgruppen wie (…) als Teil  der  früheren  Elite  zu  den  exponierten  und  direkt  bedrohten  Personen  gehörten. 7.4 Der alleinstehende Beschwerdeführer  ist arabischer Ethnie und  (...),  und er entstammt einer Familie mit Baath­Vergangenheit. Entgegen den  Ausführungen des BFM  im angefochtenen Entscheid  ist  er  nicht  (mehr)  vermögend.  In  der  Rechtsmitteleingabe  wird  dazu  ausgeführt,  er  habe  seine  sämtlichen  Besitztümer  zurücklassen  müssen  und  verfüge  über  keinerlei  Vermögenswerte  mehr;  in  der  Orientierung  des  Gerichts  über 

E­1255/2009 die aktuellen persönlichen Verhältnisse vom 9. Juni 2011 findet sich der  Hinweis, der Beschwerdeführer sei nach wie vor sozialhilfeabhängig und  lebe allein in einem kleinen Zimmer in der Stadt G._______. Weiter hat er  offenbar  auch  keine  Bezugspersonen  kurdischer  Abstammung  im  Nordirak,  und  gemäss  der  vorstehend  erwähnten  Eingabe  hat  der  Beschwerdeführer  zudem keinerlei  Informationen über den Verbleib von  allenfalls noch lebenden Familienmitgliedern. Sein Profil entspricht mithin  genau demjenigen von Personen, die nach dem Urteil BVGE 2008/4 dort  nicht ohne weiteres mit Schutz vor Verfolgung rechnen können. 7.5  Die  im  besagten  Urteil  vorgeschriebene  Einzelfallprüfung  ist  durch  das BFM in einer Art erfolgt, die nicht über Annahmen, Erwartungen und  allgemeine  Erkenntnisse  hinausgeht.  Sie  führt  nach  Auffassung  des  Gerichts  denn  auch  nicht  zum  Schluss,  der  Nordirak  stelle  im  vorliegenden  Fall  eine  echte  innerstaatliche  Fluchtalternative  dar  beziehungsweise  seien die hohen Anforderungen an eine  solche erfüllt.  Zudem  dürfte  der  den  schweizerischen  Behörden  gegenüber  nicht  verschwiegene  Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  im  (…)  eines  berüchtigten (…) von Bagdad (zu Ausbildungszwecken) tätig gewesen ist,  einen  echten  Malus  darstellen;  es  ist  durchaus  möglich,  dass  er  im  Nordirak von ehemaligen Berufskollegen oder anderen Personen erkannt  wird, dies allenfalls mit weitreichenden Folgen.  7.6  Das Gericht  verneint  in Würdigung  der  Akten,  der  Begleitumstände  und gestützt auf die vorstehenden Erwägungen das Bestehen einer sich  dem Beschwerdeführer gemäss dem angefochtenen Entscheid des BFM  im Nordirak bietenden innerstaatlichen Fluchtalternative.  8. Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  in  Bezug  auf  den  Beschwerdeführer  sämtliche  Kriterien  der  in  Art. 3  AsylG  enthaltenen  Definition  als  erfüllt  zu  betrachten  und  dieser  demzufolge  als  Flüchtling  anzuerkennen  ist. Dementsprechend  ist  ihm mangels Anzeichen  für das  Vorliegen eines Ausschlussgrundes  (Art. 53 AsylG)  in  der Schweiz Asyl  zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG). Bei  dieser Sachlage erübrigt  es  sich,  auf die mit Arztberichten belegten  gesundheitlichen Probleme einzugehen. 9.

E­1255/2009 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 9.2  Die  Beschwerdeinstanz  kann  der  ganz  oder  teilweise  obsiegenden  Partei  von Amtes wegen oder  auf Begehren  eine Entschädigung  für  ihr  erwachsene  notwendige  und  verhältnismässig  hohe Kosten  zusprechen  (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat  mit Eingabe vom 6. Januar 2012 eine Kostennote zu den Akten gereicht  und  macht  insgesamt  eine  Parteientschädigung  in  der  Höhe  von             Fr. 2570.90 geltend. Dieser Betrag erscheint den Umständen des Falles  angemessen und ist dem Beschwerdeführer durch das BFM zu entrichten  (Art. 14 Abs. 2 VGKE).  (Dispositiv nächste Seite)

E­1255/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.   Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Verfügung  vom  22.  Januar  2009  wird  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu erteilen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2570.90 zu entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  das  Migrationsamt des Kantons G_______. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bruno Huber Jonas Tschan Versand:

E-1255/2009 — Bundesverwaltungsgericht 14.01.2012 E-1255/2009 — Swissrulings