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Bundesverwaltungsgericht 08.11.2011 E-1209/2011

8 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·704 mots·~4 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 26. Januar 2011 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­1209/2011 Urteil   v om   8 .   No v embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Bruno Huber, mit Zustimmung von Richterin Nina Spälti Giannakitsas;   Gerichtsschreiber Jonas Tschan. Parteien A._______, geboren (…), Syrien,   vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 26. Januar 2011 / N (…).

E­1209/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass der kurdische Beschwerdeführer, welcher aus B._______ (syrisches  Gouvernement D._______) stammen soll, gemäss eigenen Angaben sein  Heimatland am 21. Dezember 2010 verliess und über die Türkei auf dem  Luftweg  nach  Zürich  gelangte,  wo  er  am  25.  Dezember  2010  um  Asyl  nachsuchte, dass ihm das BFM mit Verfügung vom 25. Dezember 2010 die Einreise in  die Schweiz  vorläufig  verweigerte  und  für  die Dauer  von 60 Tagen den  Transitbereich des Flughafens Zürich als Aufenthaltsort zuwies,  dass der Beschwerdeführer anlässlich der summarischen Befragung vom  28. Dezember 2010 und der Anhörung vom 7. Januar 2011 vorbrachte, er  habe  mit  den  syrischen  Sicherheitsbehörden  Probleme  gehabt,  sei  oft  festgenommen sowie für Stunden oder Tage inhaftiert worden, und auch  sein  Vater  und  seine  Brüder  seien  schikaniert  und  festgenommen  worden,  dass  das  Ganze  auf  Vorfälle  im  Jahre  (…)  zurückgehe,  als  es  zu  Demonstrationen gekommen sei, wobei seine zwei Brüder und sein Vater  inhaftiert worden seien, dass  er  selber  letztmals  Anfang  (…)  von  der  Polizei  festgenommen  worden sei, dass  das  BFM  mit  gleichentags  eröffneter  Verfügung  vom  13.  Januar  2011  feststellte,  der Beschwerdeführer  erfülle  die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  dessen  Asylgesuch  abwies,  ihn  aus  dem  Transitbereich  des  Flughafens Zürich wegwies und aufforderte, diesen am Tag nach Eintritt  der  Rechtskraft  zu  verlassen,  den  Kanton  C._______  mit  dem  Wegweisungsvollzug  beauftragte  und  dem  Beschwerdeführer  die  editionspflichtigen Akten aushändigte, dass  das  Bundesamt  zur  Begründung  anführte,  der  Begriff  der  Flüchtlingseigenschaft  setze  einen  in  zeitlicher  und  sachlicher  Hinsicht  genügend engen Kausalzusammenhang zwischen Verfolgung und Flucht  voraus, was vorliegend nicht der Fall sei, dass  der  Beschwerdeführer  Syrien  im  Dezember  2010  legal  mit  einem  Pass verlassen und angegeben habe, er werde nicht offiziell gesucht, 

E­1209/2011 dass  die  temporäre  (…)  durch  die  Behörden  nicht  asylrelevant  sei  und  auch die weiteren Vorbringen nicht über das   hinausgehen würden, was  die grosse Mehrheit der Kurden in Syrien zu erdulden hätten,  dass  die  Folge  der  Ablehnung  eines  Asylgesuches  in  der  Regel  die  Wegweisung aus der Schweiz und der Vollzug der Wegweisung zulässig,  zumutbar, technisch möglich und praktisch durchführbar sei, dass der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter am 21. Februar  2011 gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwer­ de  erhob  und  in  materieller  Hinsicht  beantragte,  die  angefochtene  Verfügung  sei  aufzuheben  und  seine  Flüchtlingseigenschaft  sei  festzustellen,  eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  oder  zumindest  die  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  festzustellen  und  die  vorläufige Aufnahme anzuordnen,  dass  er  in  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragte,  es  sei  ihm  die  unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die Erhebung eines  Kostenvorschusses  sei  zu  verzichten,  alles  unter  Entschädigungs­  und  Kostenfolge zulasten der Vorinstanz, dass der Instruktionsrichter mit Zwischenverfügung vom 25. Februar 2011  feststellte,  der  Beschwerdeführer  dürfe  den  Ausgang  des  Rechtsmittelverfahrens  in  der  Schweiz  abwarten,  das  Gesuch  um  Gewährung der  un­entgeltlichen Rechtspflege  sowie der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  abwies  und  den  Beschwerdeführer  aufforderte,  einen  Kostenvorschuss  einzubezahlen,  welcher  innert  der  angesetzten  Frist beim Gericht einging, dass die Vorinstanz am 28. Oktober 2011 vom Gericht zur Stellungnahme  aufgefordert wurde, dass die Vernehmlassung des BFM am 2. November 2011 beim Gericht  einging und dem Beschwerdeführer am 3. November 2011 zur Kenntnis  gebracht wurde, und erwägt, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  gemäss  Art.  31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  (VGG,  SR  173.32)  Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 

E­1209/2011 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  beurteilt, das BFM zu den Behörden nach Art. 33 VGG gehört und daher  eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts ist, eine das Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art.  32  VGG  nicht  vorliegt  und  demnach  das Gericht  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  zuständig ist und auf dem Gebiet des Asyls endgültig entscheidet, ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht   (Art.  105  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31); Art. 83 Bst. d Ziff. 1  des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110), dass  sich  das  Verfahren  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG  richtet, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art.  6 AsylG), dass  die  Beschwerde  form­  und  fristgerecht  eingereicht  wurde,  der  Be­ schwerdeführer durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist    (Art.  108  AsylG  sowie  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  48      Abs. 1 und Art. 52 VwVG),  dass auf die Beschwerde demnach einzutreten ist, dass  mit  einer  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106  Abs. 1 AsylG), dass über offensichtlich begründete oder unbegründete Beschwerden  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  oder einer zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG), und  es sich vorliegend, wie nachstehend aufgezeigt, um eine solche handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist    (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass  der  Gesetzgeber  aus  prozessökonomischen  Gründen  die  Verwaltungsbeschwerde  und  damit  auch  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgerichtgrundsätzlich  reformatorisch  ausgestaltet  hat  (vgl.  Art.  105 AsylG  i.V.m.  Art.  83 Bst.  d  Ziff.  1 BGG und  die weiterhin  zutreffende  Praxis  der  vormaligen  ARK  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2004 

E­1209/2011 Nr.  38  E.  7.1),  und  gemäss  Art.  61  Abs.  1  VwVG  eine  Kassation  und  Rückweisung  an  die  Vorinstanz  nur  ausnahmsweise  erfolgen  darf,  so  etwa,  wenn  weitere  Tatsachen  festgestellt  werden  müssen  und  ein  umfassendes  Beweisverfahren  durchzuführen  ist,  wobei  sich  eine  sachgerechte  Lösung  im  Sinne  einer  Heilung  oder  Kassation  entscheidend an der Schwere  der Verletzung einer Verfahrensvorschrift  (vgl. EMARK 2004 Nr. 38 E. a.a.O.) zu orientieren hat, dass  vorliegend  das  BFM  den  Untersuchungsgrundsatz  nach  Art.  12  VwVG  (s.  dazu  auch  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Basel  2008,  S. 19,  Rz. 1.49  ff.)  verletzt  hat,  indem  das  Bundesamt  eine  zwingend anwendbare gesetzliche Bestimmung nicht berücksichtigt, nach  welcher die Behörde gehalten  ist, von Amtes wegen  für die  richtige und  vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen, dass sich nämlich die Lage in Syrien seit der vorinstanzlichen Verfügung  des BFM vom 13.  Januar 2011 massiv verändert hat und  insbesondere  hinsichtlich  des  Wegweisungsvollzuges  dorthin  vertiefte  Abklärungen  vorzunehmen sind beziehungsweise eine neue Lageanalyse nötig ist,  dass  sich  indessen  die  diesbezüglichen  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  auf  eine  Situation  abstützen,  die  mit  der  aktuellen  nicht  zu  vergleichen  ist,  ist  doch  das  syrische Militär  und  der  syrische  Sicherheitsapparat  in  letzter  Zeit  wiederholt  mit  grösster  Brutalität  gegen  Demonstranten  vorgegangen  (s.  dazu  im  Sinne  eines  Beispiels  den  in NZZ Online  vom 18. August  2011  kolportierten Bericht  einer UNO­Kommission über die Lage  in Syrien, wonach dort  von Mitte  März bis Mitte Juli 1900 Zivilisten getötet worden sind und die syrischen  Sicherheitskräfte  gegen  Zivilisten  den  Tatbestand  des  Verbrechens  gegen die Menschlichkeit erfüllen), dass sich die Vernehmlassung des Bundesamtes vom 2. November 2011  trotzdem  mit  der  Feststellung  begnügt,  die  Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunktes  rechtfertigen  könnten,  und  im Weiteren  einzig  auf  die  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  wird,  dass  die  Beschwerde  daher  gutzuheissen,  die  angefochtene Verfügung  des  BFM  vom  13.  Januar  2011  aufzuheben  und  die  Sache  zur 

E­1209/2011 vollständigen  Abklärung  sowie  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen ist,  dass die Beschwerdeinstanz der ganz oder teilweise obsiegenden Partei  von  Amtes  wegen  oder  auf  Begehren  eine  Entschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen  kann  (Art.  64 Abs.  1 VwVG  i.V.m. Art.  7 Abs.  1  und  2  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), dass  seitens  der  Rechtsvertretung  zwar  keine  Kostennote  eingereicht  wurde, auf die Nachforderung einer solchen aber verzichtet werden kann,  da im vorliegenden Verfahren der Aufwand für das Beschwerdeverfahren  zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE), dass das BFM unter Anwendung der genannten Bestimmungen und unter  Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren  (vgl. Art. 8  ff.  VGKE) anzuweisen ist, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung  in der Höhe von pauschal Fr. 600.­ auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­1209/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen.  2.  Die  Sache  wird  im  Sinne  der  Erwägungen  zur  Neubeurteilung  an  das  BFM zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  hat  dem  Beschwerdeführer  für  das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  600.­  auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  das  Migrationsamt des Kantons C._______. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Bruno Huber Jonas Tschan Versand:

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