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Bundesverwaltungsgericht 23.01.2012 D-90/2012

23 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·795 mots·~4 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-2459/2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­90/2012 law/bah/sps Urteil   v om   2 3 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Martin Zoller, Richter Fulvio Haefeli,    Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), Kosovo,   beide vertreten durch lic. iur. Claudia Tamuk,  Caritas Schweiz, (…),  Gesuchstellende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 26. Oktober 2011 /  D­2459/2009.

D­90/2012 Sachverhalt: A.  Die  Gesuchstellerin,  eine  ethnische  Ashkali  mit  letztem  Wohnsitz  in  C._______  (Kosovo)  reiste  am  9. August  2006  in  die  Schweiz  ein  und  suchte  gleichentags  um  Asyl  nach.  Mit  Verfügung  vom  16. März  2009  stellte  das  BFM  fest,  sie  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus  der Schweiz  und ordnete  den Vollzug  der Wegweisung  an. Eine  gegen  diese Verfügung  gerichtete Beschwerde  vom 17. April  2009 wurde  vom  Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D­2459/2009 vom 26. Oktober 2011  abgewiesen. B.  Mit  Eingabe  an  das  Bundesverwaltungsgericht  vom  5. Januar  2012  liessen  die  Gesuchstellenden  die  revisionsrechtliche  Aufhebung  des  Urteils vom 26. Oktober 2011 beantragen. Es sei  festzustellen, dass die  Gesuchstellerin  ein  neues  erhebliches  Beweismittel  einbringe.  Die  Vollzugsbehörden  seien  im  Sinne  vorsorglicher  Massnahmen  anzuweisen,  von  Vollzugshandlungen  bis  zum  Entscheid  über  das  vorliegende  Gesuch  um  Erteilung  der  aufschiebenden  Wirkung  abzusehen.  Dem Gesuch  sei  die  aufschiebende Wirkung  zu  gewähren.  Es sei  ihnen die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Der Eingabe  lagen mehrere Beweismittel bei. C.  Der  Instruktionsrichter  setzte  den  Vollzug  der  Wegweisung  mit  Zwischenverfügung vom 11. Januar 2012 aus. D.  Am 11. Januar 2012  liessen die Gesuchstellenden die Kopie des Urteils  des  D._______  vom  1. Dezember  2011  mit  Rechtskraftbescheinigung  und die Kopie eines Schreibens der Gesuchstellerin an ihren vormaligen  Rechtsvertreter vom 4. Januar 2011 (recte: 2012) nachreichen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  gemäss  Art. 105  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf dem Gebiet des 

D­90/2012 Asyls endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen des BFM. Es  ist  ausserdem  zuständig  für  die  Revision  von  Urteilen,  die  es  in  seiner  Funktion  als  Beschwerdeinstanz  gefällt  hat  (vgl.  BVGE  2007/21  E. 2.1  S. 242). 1.2. Gemäss Art. 45 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR 173.32)  gelten  für  die  Revision  von  Urteilen  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  Art. 121 ­ 128  des  Bundesgesetzes  vom  17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110) sinngemäss. Nach Art. 47 VGG findet  auf  Inhalt,  Form  und  Ergänzung  des  Revisionsgesuches  Art. 67  Abs. 3  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1986  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) Anwendung. 1.3.  Mit  dem  ausserordentlichen  Rechtsmittel  der  Revision  wird  die  Unabänderlichkeit  und  Massgeblichkeit  eines  rechtskräftigen  Beschwerdeentscheides  angefochten,  im  Hinblick  darauf,  dass  die  Rechtskraft  beseitigt  wird  und  über  die  Sache  neu  entschieden werden  kann  (vgl.  PIERRE  TSCHANNEN/ULRICH  ZIMMERLI,  Allgemeines  Verwaltungsrecht, 2. Aufl., Bern 2005, S. 269). 1.4.  Das  Bundesverwaltungsgericht  zieht  auf  Gesuch  hin  seine  Urteile  aus den in Art. 121 – 123 BGG aufgeführten Gründen in Revision (Art. 45  VGG). Nicht  als Revisionsgründe  gelten Gründe, welche  die Partei,  die  um  Revision  nachsucht,  bereits  im  ordentlichen  Beschwerdeverfahren  hätte geltend machen können (sinngemäss Art. 46 VGG). 2.  2.1. Im Revisionsgesuch ist insbesondere der angerufene Revisionsgrund  anzugeben und die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens im Sinne von  Art. 124 BGG darzutun. 2.2.  Die  Gesuchstellenden  machen  den  Revisionsgrund  des  Nachreichens entscheidender Beweismittel  (Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG)  geltend  und  zeigen  ausserdem  die  Rechtzeitigkeit  des  Revisionsbegehrens  auf.  Auf  das  im  Übrigen  frist­  und  formgerecht  eingereichte Revisionsgesuch ist deshalb einzutreten. 3.  3.1. Im Revisionsgesuch wird geltend gemacht, die Gesuchstellerin habe  im Februar 2008 einen Landsmann kennengelernt,  in den sie sich in der  Folge  verliebt  habe.  Am  2. Juli  2010  seien  die  beiden  in  eine  gemeinsame  Wohnung  gezogen  und  am  18. Dezember  2010  sei  der 

D­90/2012 gemeinsame  Sohn,  der  Gesuchsteller,  geboren  worden.  Da  die  Gesuchstellerin zum Zeitpunkt der Geburt  ihres Sohnes noch verheiratet  gewesen  sei,  habe  zunächst  die  Vaterschaftsvermutung  ihres  Ehemannes gegolten. Sie habe sich bemüht, die "falsche Vaterschaft zu  beseitigen",  damit  der  leibliche  Vater  das  Kind  anerkennen  könne.  Mit  Urteil  vom  1. Dezember  2011  habe  das  zuständige Gericht  festgestellt,  dass  nicht  der  Noch­Ehemann  der  Gesuchstellerin,  sondern  ihr  Lebenspartner der Vater ihres Sohnes sei. Dieses Urteil sei am 4. Januar  2012  in  Rechtskraft  erwachsen.  Sobald  die  Rechtskraftbescheinigung  zugestellt worden sei, werde der Gesuchsteller vom Lebenspartner seiner  Mutter anerkannt werden können. Die Gesuchstellerin beabsichtige, eine  Scheidungsklage gegen ihren Noch­Ehemann einzureichen. Sie habe zu  diesem sei dem Jahr 2005 keinen Kontakt mehr und habe bereits bei der  Anhörung  zu  den  Asylgründen  erwähnt,  dass  sie  sich  als  geschieden  ansehe.  Bisher  habe  sie  ihren  Lebenspartner  nicht  heiraten  und  nicht  belegen können, dass  ihr Lebenspartner der Vater  ihres Sohnes sei. Es  sei  ihr  im  bisherigen  Asylverfahren  nicht  möglich  gewesen,  diese  Tatsachen  früher geltend zu machen.  Ihr Lebenspartner sei zwar  immer  noch nicht als Vater des Gesuchstellers eingetragen, könne aber mit dem  Urteil  das  Kind  beim  Zivilstandsamt  anerkennen.  Mit  dem  neuen  Beweismittel könne somit die neue Lebenssituation der Gesuchstellenden  erstmals  belegt  werden.  Sie  bildeten  zusammen  mit  ihrem  Lebensgefährten  beziehungsweise  Vater  eine  Familie;  ein  Vollzug  der  Wegweisung in den Kosovo würde eine Trennung der Familie bedeuten,  da das Asylverfahren des Lebenspartners nach wie vor hängig sei und er  nicht zusammen mit den Gesuchstellenden in den Kosovo zurückkehren  könne. Der Grundsatz der Einheit der Familie im Sinne von Art. 44 Abs. 1  AsylG  sei  zu  berücksichtigen.  Eine  erzwungene  Wegweisung  in  den  Kosovo  würde  für  den  Gesuchsteller  ein  traumatisierendes  Ereignis  darstellen,  welches  es  im  Sinne  des  Kindeswohls,  das  vorrangige  Bedeutung  habe,  unbedingt  zu  vermeiden  gelte.  Die  Asylverfahren  der  Gesuchstellenden  seien  mit  demjenigen  ihres  Lebenspartners  beziehungsweise Vaters zu koordinieren. 4.  4.1. Gemäss Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG kann die Revision  in öffentlich­ rechtlichen  Angelegenheiten  verlangt  werden,  wenn  die  ersuchende  Partei  nachträglich  erhebliche  Tatsachen  erfährt  oder  entscheidende  Beweismittel  auffindet,  die  sie  im  früheren  Verfahren  nicht  beibringen  konnte, unter Ausschluss der Tatsachen und Beweismittel, die erst nach  dem Entscheid entstanden sind.

D­90/2012 4.2.  Das  revisionsweise  angefochtene  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  datiert  vom  26. Oktober  2011.  Das  vom  1. Dezember 2011 datierende Urteil des D._______  ist mithin nach dem  revisionsweise  angefochtenen  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  entstanden.  Dieses  ist  insofern  von  vornherein  kein  Beweismittel,  welches zur Revision des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts  führen  könnte  (vgl.  RENÉ  RHINOW/HEINRICH  KOLLER/CHRISTINA  KISS/DANIELA  THURNHERR/DENISE  BRÜHL­MOSER,  Öffentliches  Prozessrecht,  2. Aufl.,  Basel 2010, Rz. 1722). 4.3.  4.3.1. Des Weiteren kann die im Revisionsgesuch vertretene Auffassung,  der  Gesuchstellerin  sei  es  nicht  möglich  gewesen,  die  in  demselben  geltend gemachten Tatsachen  früher  in das Asylverfahren einzubringen,  nicht  gefolgt  werden.  Ihren  eigenen Angaben  zufolge  hat  sie  am  2. Juli  2010 mit ihrem Lebenspartner eine gemeinsame Wohnung bezogen und  am 18. Dezember 2010  ist  der  gemeinsame Sohn zur Welt  gekommen.  Gemäss  dem  eingereichten  Sitzungsprotokoll  des  E._______  vom  19. Oktober  2011  wurde  die  Vaterschaftsklage  am  12. Oktober  2011  eingereicht. Davon ausgehend, dass die Gesuchstellerin bereits vor dem  Geburtszeitpunkt wusste, wer der Vater ihres Sohnes ist – etwas anderes  wird  nicht  geltend  gemacht  –,  wäre  es  ihr  bereits  längere  Zeit  vor  der  Urteilsfällung durch das Bundesverwaltungsgericht möglich gewesen, die  neuen  Tatsachen  vorzubringen.  Spätestens  jedoch  bei  Einreichung  der  Vaterschaftsklage  hätte  die  anwaltlich  vertretene  Gesuchstellerin  das  Bundesverwaltungsgericht aufgrund  ihrer gesetzlichen Mitwirkungspflicht  auf die veränderte Sachlage aufmerksam machen müssen. 4.3.2.  Im Anwendungsfall  von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG  führen bisher  unbeurteilt  gebliebene,  weil  dem  Gericht  nicht  bekannte  Tatsachen  respektive  (vorbestandene)  Beweismittel  trotz  verspäteter  Geltendmachung  beziehungsweise  Einreichung  zur  Revision  eines  rechtskräftigen  Urteils,  wenn  aufgrund  derselben  nachträglich  offensichtlich  wird,  dass  dem  Gesuchsteller  Verfolgung  oder  menschenrechtswidrige Behandlung droht und damit ein völkerrechtliches  Wegweisungshindernis  besteht  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­7585/2010  vom  25. Januar  2011  E. 3.4,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 9 E. 7, insb. E. 7 f. und g S. 83  ff.,  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Basel  2008,  S. 250  Rz. 5.49), 

D­90/2012 AUGUST  MÄCHLER,  in:  Auer/Müller/Schindler  (Hrsg.),  Kommentar  zum  Bundesgesetz  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG),  Zürich  2008,  Rz. 26  zu  Art. 66).  Vorliegend  können  die Gesuchstellenden  aus  dieser  Praxis indessen nichts zu ihren Gunsten ableiten, da durch die verspätet  geltend  gemachten  Tatsachen  nicht  offensichtlich  wird,  dass  ihnen  im  Kosovo Verfolgung oder menschenrechtswidrige Behandlung droht.  5.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  keine  revisionsrechtlich  relevanten  Gründe  dargetan  sind.  Folgerichtig  ist  das  Gesuch  um  Revision des Urteils D­2459/2009 vom 26. Oktober 2011 abzuweisen. Die  Eingabe  vom  5. Januar  2012  ist  indessen  zur  weiteren  Behandlung  an  das BFM weiterzuleiten mit dem Hinweis, dass die erstmals  im Rahmen  des  Revisionsverfahrens  geltend  gemachten  Tatsachen,  die  mit  dem  Urteil  des  D._______  vom  1. Dezember  2011  gestützt  werden,  im  Hinblick  auf  den  beim  Vollzug  der  Wegweisung  zu  berücksichtigenden  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  gemäss  Art. 44  Abs. 1  AsylG  von  Bedeutung  sind.  Der  Vollzug  der  angeordneten Wegweisung  bleibt  aus  diesem  Grund  bis  zu  anderslautenden  Dispositionen  des  BFM  ausgesetzt. 6.  Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird  angesichts  des  direkten  Entscheids  in  der Hauptsache  gegenstandslos.  Das  Gesuch  um  Bewilligung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG ist trotz der ausgewiesenen Bedürftigkeit der  Gesuchstellenden  abzuweisen,  da  sich  das  Revisionsgesuch  als  aussichtslos darstellte. 7.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 1'200.– den  Gesuchstellenden  aufzuerlegen  (Art. 37  VGG  i. V. m.  Art. 63  Abs. 1  VwVG; Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]).  (Dispositiv nächste Seite)

D­90/2012 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Das Revisionsgesuch wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 1'200.–  werden  den  Gesuchstellenden  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Der Vollzug der Wegweisung bleibt ausgesetzt. 5.  Dieses Urteil geht an die Gesuchstellenden, das BFM und die zuständige  kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Christoph Basler Versand:

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