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Bundesverwaltungsgericht 22.07.2011 D-8328/2008

22 juillet 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,701 mots·~9 min·3

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. November 2008

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­8328/2008 Urteil   v om   2 2 .   Juli   2011 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richter Gérard Scherrer; Gerichtsschreiber Philipp Reimann. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Alexandra von Weber, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Asyl; Verfügung des BFM vom 28. November 2008 / N (…).

D­8328/2008 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, welcher  im  Iran geboren wurde und erst Anfang  Juni  2007  nach  B._______  in  der  afghanischen  Provinz  C._______  zurückgekehrt  war,  verliess  Afghanistan  eigenen  Angaben  zufolge  am  20. September  2007  und  gelangte  am  1. April  2008  nach  längeren  Aufenthalten  in  der  Türkei  und  in  Griechenland  via  Italien  illegal  in  die  Schweiz, wo er am 4. April 2008 um Asyl nachsuchte. Am 10. April 2008  führte  der  zuständige  Vertrauensarzt  des  BFM  beim  Beschwerdeführer  aufgrund  von  Zweifeln  an  dessen  angeblicher  Minderjährigkeit  eine  radiologische Knochenaltersbestimmung an der linken Hand durch, deren  Ergebnis ein Skelettalter von 19 Jahren ergab. Am 15. April 2008 erhob  das BFM im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ seine  Personalien und befragte ihn zu seinem Reiseweg sowie – summarisch –  zu  seinen  Ausreisegründen.  Am  selben  Tag  gewährte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  das  rechtliche  Gehör  zu  den  Abklärungsergebnissen  der  Knochenaltersanalyse.  In  deren  Verlauf  räumte  der  Beschwerdeführer  ein,  19  Jahre  alt  und  damit  volljährig  zu  sein.  Am  5.  Mai 2008 befragte ihn das Bundesamt einlässlich zu seinen Asylgründen.  Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer dabei geltend, er habe im  Iran bis  in die Jahre 2006 beziehungsweise 2007 sieben Jahre  lang die  Schule besucht. Danach habe ihn sein Vater gezwungen, zu arbeiten und  dergestalt  zum  Unterhalt  der  Familie  beizutragen.  Auch  nach  der  Übersiedlung  der  Familie  nach  Afghanistan  Anfang  Juni  2007  habe  er  arbeiten  müssen.  In  Afghanistan  habe  er  als  Chauffeur  gearbeitet  und  Personentransporte  durchgeführt.  Sein  damaliger  Arbeitgeber  habe  ihn  indessen  mehrere  Male  sexuell  missbraucht,  woraufhin  er  seine  Arbeitsstelle wenig später aufgegeben und seine Heimat ungefähr einen  weiteren Monat später verlassen habe. B.  Mit  Verfügung  vom  28. November  2008  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,  lehnte dessen  Asylgesuch  ab  und  verfügte  seine  Wegweisung  aus  der  Schweiz.  Zur  Begründung  führte  das  BFM  namentlich  aus,  der  vom  Vater  auf  den  Beschwerdeführer  ausgeübte  Druck,  zu  arbeiten,  sei  asylrechtlich  nicht  erheblich, da es sich hierbei nicht um eine Verfolgung im Sinne von Art. 3  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31),  sondern  vielmehr  um ein  privates Problem handle.  Im Weiteren  sei  es  für  einen  jungen  Mann  in  Afghanistan  durchaus  üblich,  arbeiten  zu  gehen  und 

D­8328/2008 einen Beitrag an den Familienunterhalt zu leisten. Nach Art. 3 Abs. 2 Satz  2 AsylG sei den  frauenspezifischen Fluchtgründen Rechnung zu  tragen.  Diese  Bestimmung  sei  allgemein  für  eine  geschlechtsspezifische  Verfolgung  gültig  und  analog  auf  sexuelle  Übergriffe  auf  Männer  anzuwenden.  Soweit  der  Beschwerdeführer  geltend  mache,  zweimal  sexuellen Nötigungen seines Arbeitgebers ausgesetzt gewesen zu sein,  sei  indessen  anzumerken,  dass  er  nach  eigenen  Angaben  die  Arbeitsstelle  nach  dem  zweiten  sexuellen  Übergriff  des  Arbeitgebers  gekündigt  habe,  weshalb  er  auch  keine  weiteren  entsprechenden  Vorkommnisse des Täters zu  fürchten habe, solange er nicht wieder  für  diesen  arbeite.  Somit  sei  auch  das  Vorbringen  des  sexuellen  Missbrauchs  als  in  asylrechtlicher  Hinsicht  nicht  relevant  einzustufen,  weshalb der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Im  Weiteren  bejahte  das  BFM  in  seiner  Verfügung  die  Zulässigkeit,  Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. C.  Mit Eingabe vom 27. Dezember 2008 liess der Beschwerdeführer mittels  seiner  Rechtsvertreterin  gegen  den  Entscheid  des  BFM  vom  28. November  2008  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  die  Verfügung  des  BFM  vom  28. November  2008  sei  aufzuheben.  Es  sei  festzustellen,  dass  er  die  Flüchtlingseigenschaft erfülle und ihm Asyl  in der Schweiz zu gewähren.  Eventuell sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig,  unzumutbar beziehungsweise unmöglich sei und sein weiterer Aufenthalt  in der Schweiz gemäss Art. 83 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  von  Amtes wegen zu regeln. Es sei ihm gemäss Art. 110 Absatz 2 AsylG eine  Nachfrist  zur  Beibringung  von  Beweismitteln  aus  dem  Ausland  zu  gewähren.  Im Weiteren  liess  der  Beschwerdeführer  beantragen,  es  sei  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  zu  verzichten  und  die  unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen. Zur  Begründung  führte  die  Rechtsvertreterin  im  Wesentlichen  aus,  die  Vorbringen ihres Mandanten seien entgegen der Meinung der Vorinstanz  sehr  wohl  asylrelevant  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG.  So  sei  für  die  afghanische  Gesellschaft  nach  wie  vor  ihre  stammesmässige  patriarchische  Organisation  kennzeichnend.  Beim  afghanischen  Staat  handle  es  sich  nicht  um  einen  Rechtsstaat.  Die  traditionellen  Rechtsverfahren seien nach wie vor stark  in der Gesellschaft  verankert.  Gemäss Schätzungen von Amnesty International würden bis zu 80 % der 

D­8328/2008 Fälle nach alten informellen Konfliktmechanismen gelöst. Homosexualität  stelle  in  Afghanistan  eine  kriminelle  Handlung  dar,  die  gegen  die  islamische Rechtsprechung  (Scharia) verstosse und mit der Todesstrafe  belegt  werde.  Homosexualität  werde  auch  häufig  mit  sexuellem  Missbrauch gleichgesetzt, das heisst die Opfer von sexuellen Übergriffen  – vielfach  jugendliche  Männer  unter  18  Jahren  –  genössen  keinen  Schutz, sondern würden vielmehr ebenso bestraft. Darüber hinaus sei es  für  den  Beschwerdeführer  auch  unmöglich  gewesen,  mit  seinem  Vater  oder einem anderen Familienmitglied über den sexuellen Missbrauch zu  sprechen,  da  dies  automatisch  zu  seiner  Ächtung  geführt  hätte,  weil  er  die  Familienehre  beschmutzt  habe.  Ferner  sei  der  frühere  Arbeitgeber  des  Beschwerdeführers  ein  einflussreicher  Mann,  der  überdies  ein  Bekannter  der  Familie  sei  und  einen  höheren  als  den  üblichen  Lohn  bezahlt  habe.  Der  Vater  des  Beschwerdeführers,  ein  strenger,  gewalttätiger  Hausherr,  hätte  diesen  daher  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  solange  unter  Druck  gesetzt  und  geschlagen,  bis  er  seine Arbeit bei seinem ehemaligen Peiniger wieder aufgenommen hätte  und  damit  erneut  sexuellem  Missbrauch  ausgesetzt  gewesen  wäre.  Staatlichen  Schutz  hiervor  hätte  der  Beschwerdeführer  ebenfalls  nicht  erwarten  können.  Vielmehr  hätte  ein  Bekanntwerden  der  sexuellen  Übergriffe  dazu  geführt,  dass  er  selbst  behördlich  verfolgt  und  zu  einer  schweren Strafe verurteilt worden wäre. Ausserdem habe der Arbeitgeber  dem  Beschwerdeführer mit  einer  Anzeige  im  Distrikt  gedroht,  nachdem  ihm  letzterer  eröffnet  habe,  nicht  mehr  für  ihn  zu  arbeiten.  Vor  diesem  Hintergrund habe der Beschwerdeführer  nach wie  vor eine objektiv  und  subjektiv  begründete  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung  seitens  seines  früheren  Arbeitgebers  beziehungsweise  seitens  der  afghanischen  Behörden,  falls  diese  von  den  früheren  sexuellen  Übergriffen  Kenntnis  erhalten würden. Im  Weiteren  legte  die  Rechtsvertreterin  ihrer  Rechtsmittelschrift  eine  Fürsorgebestätigung  der  Sozialhilfe  der  Stadt  E._______  vom  22. Dezember 2008 bei. D.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  9. Januar  2009  hielt  der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  fest,  der  Beschwerdeführer  könne  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten.  Darüber  hinaus  verwies  er  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das 

D­8328/2008 Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) auf einen späteren Zeitpunkt  und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Schliesslich  räumte  er  dem  Beschwerdeführer  eine  Frist  von  30  Tagen  zur  Einreichung  der  von  ihm  in  Aussicht  gestellten  afghanischen  Identitätskarte  sowie  allfälliger  weiterer  Beweismittel  inklusive  Übersetzung in eine der Amtssprachen der Schweiz ein. E.  Mit Begleitschreiben vom 10. Februar 2009  reichte die Rechtsvertreterin  die Kopie des afghanischen  Identitätsausweises des Beschwerdeführers  zu den Akten, welche  ihm von einem Cousin per Mail zugestellt worden  sei.  Dieser  sei  weiterhin  sehr  bemüht,  dem  Beschwerdeführer  das  Original  des  Ausweisdokumentes  postalisch  zukommen  zu  lassen,  was  allerdings  noch  einige  Zeit  in  Anspruch  nehmen  werde  und  nicht  ganz  unproblematisch  sei.  Leider  sei  es  auch  nicht  möglich  gewesen,  das  Dokument  innert  der  angesetzten Frist  in  eine Amtssprache  übersetzen  zu lassen, da sie es erst einen Tag vor Ablauf der gesetzten Frist erhalten  habe.  Sollte  das  Bundesverwaltungsgericht  an  dessen  Übersetzung  festhalten,  werde  um  die  Gewährung  einer  angemessenen  Nachfrist  ersucht. F.  Mit Begleitschreiben vom 27. Mai 2009 reichte die Rechtsvertreterin das  Original einer neuen afghanischen Identitätskarte des Beschwerdeführers  zu  den  Akten,  welche  nach  dessen  Angaben  vom  15. März  2009  (=25. Dezember  1397  nach  afghanischem  Kalender)  datiere.  Diese  Identitätskarte  sei  ihrem Mandanten  von  einem  Freund  seines  Cousins  zugestellt  worden.  Die  Übersetzung  des  Dokuments  durch  ihren  Mandanten  sei  leider  nicht  möglich  gewesen,  da  dieser  Dari  spreche,  während das Dokument auf Paschtun ausgestellt sei. Es werde indessen  nach  einer  entsprechenden  Übersetzungsmöglichkeit  gesucht,  was  indessen  noch  einige  Zeit  in  Anspruch  nehmen  könne  und  das  entsprechende Verständnis seitens des Gerichts bereits an dieser Stelle  verdankt werde. G.  Am 15. Juli 2009 reichte die Rechtsvertreterin eine deutsche Übersetzung  der Identitätskarte ihres Mandanten ein.

D­8328/2008 H.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  7. April  2011  lud  das  Bundesverwaltungsgericht die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. I.  Mit  Verfügung  vom  28. April  2011  zog  das  BFM  seine  Verfügung  vom  28. November  2008  im  Rahmen  des  Schriftenwechsels  teilweise  in  Wiedererwägung,  hob  deren  Dispositivziffern  4  und  5  (Wegweisungsvollzug)  auf  und  ordnete  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  an. J.  Mit  Verfügung  vom  5.  Mai  2011  teilte  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers  mit,  dass  das BFM  seine Verfügung  vom  28. November  2008  –  soweit  den Vollzug  der Wegweisung  betreffend  –  aufgehoben  habe, womit  die  Beschwerde  im  Wegweisungsvollzugspunkt  gegenstandslos  geworden  sei.  Gleichzeitig  fragte  er  sie  an,  ob  bei  dieser  Sachlage  an  der  Beschwerde  im  Asylpunkt  festgehalten  oder  diese  allenfalls  zurückgezogen  werde.  Im  Falle  eines  Beschwerderückzugs  bis  zum  20. Mai  2011  stellte  der  Instruktionsrichter  die  Abschreibung  des  Verfahrens  ohne  Auferlegung  von  Kosten  in  Aussicht.  Ferner  wies  er  darauf  hin,  bei  ungenutzter  Frist  werde  davon  ausgegangen,  dass  vollumfänglich  an  der  Beschwerde  –  soweit  nicht  gegenstandslos  geworden – festgehalten werde. K.  Mit  Eingabe  vom  18. Mai  2011  liess  der  Beschwerdeführer  sich  dahingehend vernehmen, er halte an der Beschwerde fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Gemäss  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 

D­8328/2008 im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,  hat ein schutzwürdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung und  ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert. Auf  die  frist­ und  formgerecht eingereichte Beschwerde  ist somit einzutreten  (Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art.  48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (vgl. Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG).

D­8328/2008 4.  4.1. Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch anlässlich seiner  Anhörung  durch  die  Schweizer  Asylbehörden  sowie  in  der  Beschwerdeschrift  namentlich  damit,  er  sei  von  seinem  früheren  Arbeitgeber in Afghanistan mehrere Male sexuell missbraucht worden. Da  sein  Vater  ein  gestrenger  und  gewaltbereiter  Patriarch  sei,  von  den  sexuellen  Übergriffen  nichts  wisse  und  sein  früherer  Arbeitgeber  ihn  überdurchschnittlich  gut  entlöhnt  habe, müsse  er  bei  einer  Rückkehr  in  seine  Heimat  gewärtigen,  von  seinem  Vater  erneut  gezwungen  zu  werden,  beim  vormaligen  Arbeitgeber  zu  arbeiten,  was  ihn  erneut  der  Gefahr  sexueller Übergriffe  aussetze. Darüber  hinaus  bestehe  auch  die  Gefahr,  dass  er  seitens  der  afghanischen  Behörden  oder  der  Stammesführer  seines  Dorfes  Verfolgungshandlungen  ausgesetzt  sein  könnte, falls diesen die sexuellen Übergriffe bekannt werden sollten. 4.2. Die Vorinstanz  scheint  in  ihrer  Verfügung  vom 28. November  2008  von  der  Annahme  auszugehen,  die  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  mehrfachen  sexuellen  Übergriffe  auf  seine  Person  stellten  grundsätzlich eine geschlechtsspezifische Verfolgung im Sinne von Art. 3  Abs.  2  in  fine  AsylG  dar  und  seien  daher  im  Allgemeinen  auch  asylrechtlich  relevant. Sie verkennt dabei allerdings, dass auch sexuelle  Übergriffe erst dann die Flüchtlingseigenschaft zu begründen vermögen,  wenn sie aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Gründe (Rasse,  Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe,  politische  Anschauung)  erfolgen.  Ein  derartiges  Verfolgungsmotiv  (vgl.  hierzu  beispielsweise  WALTER  KÄLIN,  Grundriss  des  Asylverfahrens,  Basel/Frankfurt  a. M.  1990,  S. 86  ff.;  ALBERTO  ACHERMANN/CHRISTINA HAUSAMMANN, Handbuch  des Asylrechts,  2. Aufl.,  Bern/Stuttgart  1991,  S. 95  ff.;  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  UEBERSAX/RUDIN/HUGI/YAR/GEISER [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel  2009, Rz.  11.10 – 11.12) ist aus den vorliegenden Akten indessen nicht  ersichtlich,  erklärte  der  Beschwerdeführer  anlässlich  seiner  Anhörung  durch  das  BFM  vom  5. Mai  2008  doch,  sein  früherer  Arbeitgeber  habe  sich aus "Lust" an ihm vergangen (vgl. act. A19/12 S. 6 Antwort 58). So  besehen,  handelt  es  sich  bei  den  vom Beschwerdeführer  geschilderten  sexuellen  Übergriffen  schlicht  um  gemeinrechtliche  Straftaten,  welche  keine Verfolgung im asylrechtlichen Sinne darzustellen vermögen. 4.3. Der Beschwerdeführer äussert überdies die Befürchtung, er könnte in  Afghanistan  wegen  Homosexualität  zu  einer  schweren  Strafe  verurteilt  werden,  falls  die  sexuellen  Übergriffe  den  afghanischen  Behörden 

D­8328/2008 beziehungsweise  dem  Stammesführer  seines  Dorfes  bekannt  würden,  zumal  es  in  Afghanistan  in  diesem  Kontext  an  einer  Differenzierung  zwischen Täter­ und Opferrolle fehle. Es  ist nun aber a priori nicht ersichtlich, wie den heimatlichen Behörden  die  vom  Beschwerdeführer  geschilderten  sexuellen  Übergriffe  bekannt  werden  sollten,  dürften  doch  angesichts  der  behaupteten  staatlichen  Pönalisierung  der  Homosexualität  in  Afghanistan  weder  er  selbst  noch  sein  früherer  Arbeitgeber  das  geringste  Interesse  daran  haben,  die  früheren  Vorkommnisse  publik  zu  machen.  Darüber  hinaus  hat  der  Beschwerdeführer  unmissverständlich  zum  Ausdruck  gebracht,  sich  in  dieser Angelegenheit  niemandem anvertraut  zu  haben  (vgl.  act.  A19/12  S. 7 Frage und Antwort 73 f.). 4.4.  Zusammenfassend  ist  daher  festzuhalten,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Verfolgungsgefahr  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  zu machen.  Es erübrigt sich, auf weitere Vorbringen  in der Beschwerde einzugehen,  da diese am Ergebnis  nichts  zu ändern  vermögen. Das Bundesamt hat  das Asylgesuch des Beschwerdeführers demnach  im Ergebnis zu Recht  abgelehnt. 5.  5.1.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz (Art. 44 Abs. 1  AsylG).  Gemäss  Art. 32  Bst. a  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311) wird die Wegweisung  nicht  verfügt,  wenn  die  asylsuchende  Person  im  Besitz  einer  gültigen  Aufenthalts­ oder Niederlassungsbewilligung ist.  5.2. Der Beschwerdeführer verfügt bis zum jetzigen Zeitpunkt weder über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch auf Erteilung einer  solchen. Die Wegweisung wurde daher  zu  Recht  angeordnet  (vgl.  BVGE  2008/34  E. 9.2  S. 510;  Entscheidungen  und Mitteilungen der ehemaligen Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK] 2001 Nr. 21). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 

D­8328/2008 den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Gemäss ständiger  Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht  auf  den Vollzug  der Wegweisung  alternativer Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt ist, ist der Vollzug als undurchführbar zu betrachten und die weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  BVGE  2009/51  E. 5.4  S. 748;  EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 6.2. Nachdem das BFM im Rahmen des Schriftenwechsels mit Verfügung  vom 28. April 2011 die angefochtene Verfügung vom 28. November 2008  teilweise  –  nämlich  den  Wegweisungsvollzug  betreffend  –  in  Wiedererwägung  gezogen  und  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  angeordnet  hat,  ist  das  vorliegende  Verfahren  gegenstandslos  geworden,  soweit  in  der  Beschwerde  im  Eventualbegehren  beantragt  wird,  es  sei  die  Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  beziehungsweise  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  Die  Beschwerde  ist  mithin  insoweit  zufolge  Wegfalls  des  Streitgegenstandes als gegenstandslos geworden abzuschreiben. Damit  erübrigen  sich  weitere  Ausführungen  zur  Durchführbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs. 7.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  bezüglich der Frage der Anerkennung als Flüchtling und der Gewährung  von  Asyl  nicht  gelungen  ist,  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  und  unvollständig  feststellt  und  unangemessen  ist.  Die  Beschwerde  ist  demnach  abzuweisen,  soweit  sie  nicht  als  gegenstandslos geworden abzuschreiben ist. 8.  8.1.  Der Beschwerdeführer  ist  im  vorliegenden Verfahren  unterlegen,  soweit  er  im  Hauptbegehren  beantragt,  die  Verfügung  des  BFM  vom  28. November  2008  sei  aufzuheben,  seine  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  ihm  Asyl  zu  gewähren,  weshalb  er  grundsätzlich  in  reduziertem Umfang kostenpflichtig wird  (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da  sich die Beschwerde vom 27. Dezember 2008 überdies, soweit sie nicht  durch  die  teilweise  Gutheissung  der  Beschwerde  gegenstandslos 

D­8328/2008 geworden  ist,  als  im Asylpunkt aussichtslos erweist,  ist  das Gesuch um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  VwVG  abzuweisen.  Somit  sind  dem  Beschwerdeführer  die  Kosten  des  Verfahrens  zur  Hälfte  beziehungsweise  im  Umfang  von  Fr.  300.–  aufzuerlegen. 8.2. Sodann  sind  bei  einem  gegenstandslos  gewordenen Verfahren  die  Kosten  jener  Partei  aufzuerlegen,  deren  Verhalten  die  Gegenstandslosigkeit  bewirkt  hat  (Art.  5  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Im  vorliegenden  Fall  hat  das  BFM  die  Gegenstandslosigkeit  des  Beschwerdeverfahrens durch die wiedererwägungsweise Anordnung der  vorläufigen  Aufnahme  im  Rahmen  des  Schriftenwechsels  bewirkt.  Dem  BFM  sind  jedoch  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art.  64  Abs.  2  VwVG). 9.  Dem  Beschwerdeführer  ist  –  soweit  die  Gegenstandslosigkeit  des  Verfahrens  durch  das  BFM  bewirkt  wurde  –  für  die  ihm  erwachsenen  notwendigen  Kosten  eine  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  15  i.V.m.  Art.  5  VGKE).  Die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  hat  keine  Kostennote  eingereicht,  der  Vertretungsaufwand  ist  jedoch  aufgrund der Akten zuverlässig abschätzbar, weshalb auf die Einholung  einer  Kostennote  zu  verzichten  ist.  Unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren  (vgl.  Art.  9  ­  11  VGKE)  ist  die  praxisgemäss  um  die  Hälfte  zu  reduzierende  Parteientschädigung  auf  Fr. 700.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und das  BFM  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  diesen  Betrag  als  Parteientschädigung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­8328/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  abgewiesen,  soweit  sie  nicht  als  gegenstandslos  geworden abgeschrieben wird. 2.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen. 3.  Die  ermässigten  Verfahrenskosten  von  Fr.  300.–  werden  dem  Beschwerdeführer auferlegt. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  reduzierte  Parteientschädigung von Fr. 700.– auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Martin Zoller Philipp Reimann Versand:

D-8328/2008 — Bundesverwaltungsgericht 22.07.2011 D-8328/2008 — Swissrulings