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Bundesverwaltungsgericht 16.12.2011 D-8043/2010

16 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,712 mots·~14 min·1

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Dublin

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­8043/2010 Urteil   v om   1 6 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Thomas Wespi,    Gerichtsschreiber Lorenz Mauerhofer. Parteien A._______, geboren am … , und B._______, geboren am … , sowie die Kinder C._______, geboren am … , D._______, geboren am … , und E._______, geboren am … , Russland,  alle vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung  (Dublin­Verfahren); Verfügung des BFM vom 9. November 2010 / N … .

D­8043/2010 Sachverhalt: A.  Die Beschwerdeführenden – russische Staatsangehörige aus X._______  (Tschetschenien) – ersuchten am 12. August 2010 in der Schweiz um die  Gewährung  von  Asyl,  worauf  A._______  (der  Beschwerdeführer)  und  B._______  (die Beschwerdeführerin)  am 18. August  2010  vom BFM zu  ihrer Person und  ihren persönlichen Verhältnissen,  ihrem Reiseweg und  summarisch  zu  ihren  Gesuchsgründen  befragt  wurden.  Bereits  vor  der  Kurzbefragung  hatte  das  Bundesamt  aufgrund  einer  Abfrage  der  Eurodac­Datenbank festgestellt, dass sich die Beschwerdeführenden vor  ihrer  Einreise  in  die  Schweiz  als  Asylsuchende  erst  in  Polen  (Antrag  verzeichnet per 1. Juli 2007) und danach in Österreich aufgehalten hatten  (Anträge verzeichnet per 31. Oktober 2007 [die Beschwerdeführerin] bzw.  per 18. Dezember 2007  [der Beschwerdeführer] sowie per 20. Juli 2009  und per 14. Mai 2010 [je beide]). Im  Rahmen  der  Kurzbefragung  gaben  sie  zu  ihrem  Reiseweg  an,  sie  hätten X._______  im Juni  2007  verlassen und  seien mit  der Eisenbahn  über  Moskau  nach  Brest  in  Weissrussland  gereist,  von  wo  sie  nach  Österreich hätten gelangen wollen. Beim Versuch der Weiterreise seien  sie  jedoch  von  polnischen  Grenzbeamten  angehalten  worden,  weshalb  sie  in Polen ein Asylgesuch hätten einreichen müssen.  Ihr Ziel aber sei  weiterhin Österreich gewesen, jedoch seien sie in Polen von angeblichen  Schleppern  respektive  von  Betrügern  um  ihre  gesamten  Ersparnisse  gebracht worden. Nachdem der Beschwerdeführer  auf  dem Bau wieder  zu  etwas  Geld  gekommen  sei,  habe  er  vorab  seine  Ehefrau  und  die  Kinder nach Österreich schicken können. Einen Monat später sei er ihnen  nachgefolgt,  in  Österreich  aber  zuerst  wegen  illegalen  Aufenthalts  ins  Gefängnis  gekommen.  Danach  habe  die  Familie  wieder  zusammen  gefunden  und  in  den  folgenden  drei  Jahre  seien  sie  an  verschiedenen  Orten in Österreich untergebracht worden. Ihre Asylgesuche seien jedoch  abgelehnt  worden,  weshalb  sie  von  Österreich  in  die  Schweiz  gereist  seien.  Auf  Nachfrage  gaben  sie  an,  in  Polen  hätten  sie  damals  noch  keinen Entscheid erhalten.  Zur Begründung  ihrer Gesuche  brachten  sie  vor,  der Beschwerdeführer  habe im ersten Tschetschenienkrieg die Rebellen unterstützt, weil es um  die Unabhängigkeit  von Russland  gegangen  sei  und weil  seine  Familie  zum gleichen Stamm wie der damalige Präsident Dudajew gehört habe.  Er  sei  deswegen  im  Jahre  2004  und  nochmals  im  Jahre  2005  von 

D­8043/2010 maskierten Männern  in  Uniform  von  zuhause  abgeholt  und  beide Male  schwer misshandelt worden. Bei der ersten Mitnahme sei er fast zu Tode  geprügelt  und  danach  wie  Müll  am  Strassenrand  entsorgt  worden,  er  habe  jedoch  überlebt.  Wer  ihn  damals  mitgenommen  habe  –  Russen  oder  Tschetschenen  – wisse  er  nicht.  Bei  der  zweiten Mitnahme  sei  er  zusammengeschlagen  und  zur Mitarbeit mit  den  Behörden  aufgefordert  worden.  Zu  dieser  Zeit  seien  fast  alle  seine  Freunde  bereits  verschwunden oder tot gewesen, und nachdem er die Namen aller habe  nennen müssen, die ihm von früher als Rebellen bekannt gewesen seien  oder  denen  er  je  geholfen  habe,  habe  er  sich  schliesslich  auch  zur  geforderten  Zusammenarbeit  verpflichtet.  Er  sei  danach  tatsächlich  wieder  auf  freien  Fuss  gesetzt  worden,  worauf  er  jedoch  nicht  mit  den  Behörden zusammengearbeitet, sondern sich während der nächsten zwei  Jahre unter anderem  in  Inguschetien versteckt gehalten habe.  In diesen  zwei  Jahren  sei  er  wiederholt  zuhause  bei  seiner  Frau  und  auch  bei  Verwandten gesucht worden. Dabei hätten nicht die russischen, sondern  die tschetschenischen Behörden nach ihm gesucht, da er dieser Seite als  Verräter  gelte.  Der  Beschwerdeführer  sei  unentdeckt  geblieben,  jedoch  sei es zu Übergriffen auf die Beschwerdeführerin gekommen, namentlich  im Frühjahr 2007. Da schliesslich keine Aussicht auf eine Verbesserung  bestanden habe und der Beschwerdeführer seine Ehefrau und die Kinder  vor  erneuten  Übergriffen  habe  schützen  wollen,  habe  er  sich  entschlossen,  mit  seiner  Familie  die  Heimat  zu  verlassen.  Daneben  brachten  die  Beschwerdeführenden  vor,  während  des  Krieges  habe  ihr  mittleres Kind am Bein schwerste Brandverletzungen erlitten, als ihr Haus  bombardiert  worden  sei.  Das  Kind  sei  traumatisiert  und  brauche  psychiatrische Behandlung. Zudem hätten alle Kinder bis heute vor jedem  Menschen  in  Uniform  panische  Angst.  Der  Beschwerdeführer  habe  aufgrund der erlittenen Schläge keine Zähne mehr, er sei in Österreich in  psychiatrischer Behandlung gewesen und er sei ständig auf Medikamente  angewiesen. Die Familie könne wegen seines Zustandes kein normales  Leben  mehr  führen.  Auch  die  Beschwerdeführerin  sei  gesundheitlich  angeschlagen,  da  sie  in  ständiger  Angst  lebe  sowie  an Kopfschmerzen  und  psychischen  Problemen  leide.  Als  Beweismittel  reichten  die  Beschwerdeführenden  eine  umfangreiche  Sammlung  an  medizinischen  Berichten  aus  Österreich  sowie  Unterlagen  zu  ihrem  österreichischen  Asylverfahren  ein.  Heimatliche  Papiere  legten  sie  nicht  vor,  wobei  sie  übereinstimmend  angaben,  der  Beschwerdeführer  habe  vor  einigen  Monaten  während  eines  epileptischen  Anfalls  seine  Tasche  und  damit  ihre heimatlichen Papiere verloren. 

D­8043/2010 Aufgrund  der Angaben  zu  ihrem Reiseweg  sowie  ihrer Verzeichnung  in  der  Eurodac­Datenbank  wurde  den  Beschwerdeführenden  vom  BFM  eröffnet,  dass mutmasslich  Polen  oder  Österreich  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  zuständig  sei,  weshalb  gegebenenfalls  auf  ihre  Asylgesuche  nicht  eingetreten  werde.  Der  Beschwerdeführer  brachte  in  der  Folge  vor,  er  würde  gerne  nach  Österreich zurückkehren, wenn er mit seiner Familie dort bleiben könne.  Nach Polen könne er hingegen nicht, da er dort dieselben Probleme wie  in  Tschetschenien  habe.  Auch  die  Beschwerdeführerin  brachte  vor,  sie  würde gerne nach Österreich zurückkehren, da sie dort drei Jahre gelebt  habe.  Wenn  die  dortigen  Behörden  sie  aufnehmen  würden,  gehe  sie  dorthin  zurück.  Nach  Polen  würde  sie  hingegen  nie  zurückkehren,  sondern lieber sterben.  B.  Am 24. September 2010 sandte das BFM – nach den Bestimmungen der  Verordnung  [EG]  Nr.  343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­VO)  –  ein  Ersuchen  um  Wiederaufnahme  der  Beschwerdeführenden  an  Österreich.  Von  österreichischer  Seite  wurde  dem BFM in der Folge am 1. Oktober 2010 mitgeteilt, dem Ersuchen um  eine Übernahme (recte: Wiederaufnahme) werde nicht zugestimmt, da im  Falle  der  Beschwerdeführenden  von  der  Zuständigkeit  Polens  auszugehen sei. Dabei wurde ausgeführt,  die polnische Dublin­Behörde  habe bereits am 21. Mai 2010 einer Übernahme (recte: Wiederaufnahme)  der  Beschwerdeführenden  zugestimmt,  worauf  deren  Asylgesuche  in  Österreich  zurückgewiesen und gleichzeitig  die Ausweisung nach Polen  verfügt  worden  sei.  Die  Überstellung  nach  Polen  sei  am  9. Juni  2010  erfolgt.  Der  Antwort  lag  die  erwähnte  Zustimmungserklärung  aus  Polen  bei,  in  welcher  von  polnischer  Seite  eine  seit  dem  14.  Januar  2008  rechtskräftige  Ablehnung  der  Asylgesuche  und  Verweigerung  eines  weiteren Verbleibs im Lande berichtet wurde.  Das BFM sandte in der Folge am 12. Oktober 2010 – wiederum nach den  Bestimmungen zur Dublin­II­VO – ein Ersuchen um Wiederaufnahme an  Polen. Diesem Ersuchen wurde von polnischer Seite mit Schreiben vom  14. Oktober 2010 ausdrücklich entsprochen. 

D­8043/2010 C.  Mit Verfügung vom 9. November 2010 – eröffnet am folgenden Tag – trat  das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  auf  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden nicht ein und ordnete deren Wegweisung aus der  Schweiz  nach Polen  an. Gleichzeitig,  wurde  den Beschwerdeführenden  eine  Ausreisefrist  auf  den  Tag  nach  Ablauf  der  Beschwerdefrist  angesetzt,  der  zuständige  Kanton  mit  dem  Vollzug  der  Wegweisung  beauftragt  und  abschliessend  festgehalten,  einer  allfälligen Beschwerde  gegen  diesen  Entscheid  komme  keine  aufschiebende  Wirkung  zu.  Zur  Begründung seines Entscheides  führte das Bundesamt  im Wesentlichen  aus,  gemäss  der  Dublin­II­VO  sei  Polen  für  die  Durchführung  der  Asylverfahren zuständig, da die Beschwerdeführenden erstmals in Polen  einen  Asylantrag  gestellt  hätten  und  Polen  mit  Schreiben  vom  14.  Oktober  2010  einer  Übernahme  (recte:  Wiederaufnahme)  der  Beschwerdeführenden  gemäss  Art. 16  Abs.  2  Bst.  e  Dublin­II­VO  ausdrücklich  zugestimmt  habe.  Zwar  sei  vom  Beschwerdeführer  vorgebracht  worden,  er  habe  in  Polen  die  gleichen  Probleme  wie  in  Tschetschenien.  Im  Falle  von  Drohungen  oder  Übergriffen  von  Seiten  Dritter könne er sich  jedoch an die polnischen Behörden wenden. Damit  seien  von  den  Beschwerdeführenden  keine  Gründe  geltend  gemacht  worden,  welche  gegen  eine  Rücküberführung  nach  Polen  sprechen  würden.  Abschliessend  erklärte  das  Bundesamt  die  Wegweisung  nach  Polen als zulässig, zumutbar und möglich. D.  Gegen  diesen  Entscheid  erhoben  die  Beschwerdeführenden  am  17.  November  2010  –  handelnd  durch  ihren  Rechtsvertreter  und  vorab  per  Telefax – Beschwerde. In ihrer Eingabe beantragten sie zur Hauptsache  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  und  Rückweisung  der  Sache ans BFM, verbunden mit der Anweisung an das Bundesamt, sein  Recht  zum Selbsteintritt  auszuüben.  In  prozessualer Hinsicht  ersuchten  sie  um  ein  Aussetzen  des  Wegweisungsvollzuges  und  die  Anordnung  vollzugshemmender Massnahmen sowie um Erlass der Verfahrenskosten  und  um  Befreiung  von  der  Kostenvorschusspflicht.  Im  Rahmen  der  Beschwerdebegründung machten  sie  zur Hauptsache  geltend,  aufgrund  ihrer  persönlichen Umstände  habe  das  BFM  aus  humanitären Gründen  sein  Recht  auf  Selbsteintritt  auszuüben  und  sich  für  ihr  Asylgesuch  zuständig zu erklären. Auf die Beschwerdebegründung im Einzelnen wird  in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

D­8043/2010 E.  Nach Eingang der Beschwerde – mit Telefax vom am 18. November 2010  – ordnete  das  Bundesverwaltungsgericht  vollzugshemmende  Massnahmen an  (Art. 56 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968  über das Verwaltungsverfahren [VwVG, SR 172.021]). F.  Mit Eingabe vom 19. November 2010 reichten die Beschwerdeführenden  eine aktuelle Fürsorgebestätigung nach. G.  Mit  Zwischenverfügung  des  Bundeverwaltungsgerichts  vom  23.  November  2010 wurde  der  Vollzug  der Wegweisung  für  die  Dauer  des  Verfahrens  ausgesetzt  (Art.  107a  AsylG),  dem  Gesuch  um  Erlass  der  Verfahrenskosten  entsprochen  (Art.  65  Abs.  1  VwVG)  und  auf  das  Erheben  eines  Kostenvorschusses  antragsgemäss  verzichtet  (Art.  63  Abs. 4  VwVG). Gleichzeitig  wurde  das  BFM  unter  Zustellung  der  Akten  zum Schriftenwechsel eingeladen (Art. 57 Abs. 1 VwVG).  H.  In seiner Vernehmlassung vom 29. November 2010 hielt das BFM an der  angefochtenen  Verfügung  fest  und  beantragte  eine  Abweisung  der  Beschwerde. Dabei gelangte das Bundesamt zum Schluss, aufgrund der  Akten  lägen  keine  Gründe  vor,  um  von  einer  Überstellung  der  Beschwerdeführenden  nach  Polen  abzusehen  und  deren  Asylgesuche  gestützt auf Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO in der Schweiz materiell zu prüfen.  Auf  den  Inhalt  der  Vernehmlassung  wird  –  soweit  wesentlich  –  in  den  nachfolgenden Erwägungen eingegangen. I.  Am  15.  Dezember  2010  reichten  die  Beschwerdeführenden  eine  Stellungnahme  und  drei  spezialärztliche  Berichte  zu  den  Akten.  Darauf  wird  – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  unter  anderem  zuständig  für  die  Behandlung  von  Beschwerden  gegen  Verfügungen  des  BFM;  dabei 

D­8043/2010 entscheidet  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (vgl.  dazu  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  31  und  33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32] sowie  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG, SR 173.110]). 1.2. Auf dem Gebiet des Asyls kann mit Beschwerde die Verletzung von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit  gerügt  werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.3. Das Verfahren  richtet  sich nach dem VwVG,  soweit  das VGG oder  das AsylG nichts anderes bestimmen (vgl. dazu Art. 37 VGG sowie Art. 6  und 105 AsylG).  1.4.  Auf  die  frist­  und  formgerechte  Eingabe  der  legitimierten  Beschwerdeführenden  ist  einzutreten  (vgl.  dazu  Art.  108  Abs.  2  AsylG  und Art. 52 Abs. 1 VwVG sowie Art. 48 Abs.1 VwVG). 2.  2.1.  Gemäss  der  Bestimmung  von  Art.  34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  –  auf  welche sich die angefochtene Verfügung stützt – wird auf Asylgesuche in  der  Regel  nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist.  2.2. Nachdem  die  Beschwerdeführenden  sowohl  gemäss  Verzeichnung  in der Eurodac­Datenbank als auch  ihren eigenen Angaben  ihren ersten  Asylantrag  im  europäischen  Raum  in  Polen  eingereicht  haben,  ist  gemäss den einschlägigen Bestimmungen zum Dublin­Verfahren – neben  der  Dublin­II­VO  namentlich  die  Verordnung  [EG]  Nr.  1560/2003  der  Kommission  vom  2.  September  2003  mit  Durchführungsbestimmungen  zur  Dublin­II­VO  (DVO  Dublin)  und  das  Abkommen  vom  26. Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen  Staates  für  die  Prüfung  eines  in  einem  Mitgliedstaat  oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­ Assoziierungsabkommen; DAA, SR 0.142.392.68]) – grundsätzlich dieser  Staat  für  die  Prüfung  ihrer  Asylanträge  zuständig.  Dem  Ersuchen  des 

D­8043/2010 BFM um eine Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden  (nach Art. 16  Abs.  1  Bst.  e  Dublin­II­VO)  wurde  von  Polen  ausdrücklich  zugestimmt.  Damit sind die Grundvoraussetzungen für einen Nichteintretensentscheid  in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG erfüllt. 3.  3.1.  Im  Falle  von  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin  zu  überprüfen  (Art.  32  ­  35  AsylG),  ist  die  Beurteilungskompetenz  des  Bundesverwaltungsgerichts  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  das  BFM  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  dazu  BVGE 2007/8 E. 2.1 mit weiterem Hinweis).  3.2. Die Frage, ob die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr  in  ihre  Heimat  einer  asylrelevanten  Verfolgung  ausgesetzt  wären,  bildet  damit  nicht  Gegenstand  des  Verfahrens.  Auch  die  Frage  einer  vorläufigen  Aufnahme  aufgrund  einer  eventuellen  Unzulässigkeit  oder  Unzumutbarkeit der Wegweisung nach Art. 44 Abs. 2 AsylG  ist  im Falle  von Dublin­Verfahren nicht Prozessgegenstand.  Zu prüfen  ist  hingegen,  ob das BFM von seinem Selbsteintrittsrecht nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­ VO hätte Gebrauch machen müssen.  3.3. Nach der Bestimmung  von Art.  3 Abs. 2 Dublin­II­VO – auf welche  sich  die  Beschwerdeführenden  berufen  –  kann  die  Schweiz  ein  Asylgesuch  materiell  prüfen,  auch  wenn  gemäss  den  einschlägigen  Kriterien  der  Dublin­II­VO  ein  anderer  Staat  zuständig  wäre  (Selbsteintrittsrecht).  Diese  Bestimmung  ist  nicht  direkt  anwendbar,  sondern kann nur  in Verbindung mit einer anderen Norm des nationalen  oder  internationalen  Rechts  angerufen  werden  (BVGE  2010/45  E. 5).  Art. 29a  Abs. 3  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  sieht  vor,  dass  das  BFM  aus  humanitären Gründen ein Gesuch behandeln kann, auch wenn nach den  Kriterien der Dublin­II­VO ein anderer Staat zuständig ist. Es handelt sich  dabei  um  eine  Kann­Bestimmung,  die  den  Behörden  einen  gewissen  Ermessensspielraum  lässt  und  grundsätzlich  restriktiv  auszulegen  ist  (BVGE  2010/45  E. 8.2.2.).  Droht  hingegen  ein  Verstoss  gegen  übergeordnetes  Recht,  namentlich  ein  Verstoss  gegen  eine  zwingende  Norm  des  Völkerrechts,  so  besteht  ein  einklagbarer  Anspruch  auf  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  (BVGE  2010/45  E. 7.2.;  CHRISTIAN  FILZWIESER/ANDREA  SPRUNG,  Dublin  II­Verordnung,  3.  Aufl.,  Wien/Graz  2010, K8 zu Art. 3). Erweist  sich demnach  im Einzelfall,  dass durch die 

D­8043/2010 Überstellung nach den Bestimmungen der Dublin­II­VO das Refoulement­ Verbot  nach  Art. 33  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), die Garantien nach der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101), des Internationalen Paktes über  bürgerliche  und  politische  Rechte  (UNO­Pakt  II,  SR 0.103.2)  oder  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (Folterkonvention;  FoK,  SR 0.105)  verletzt  würden,  so  muss  vom  Selbsteintrittsrecht  nach  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  Gebrauch  gemacht  werden (vgl. zum Ganzen auch BVGE E­7221/2009 E. 4.1 [Entscheid zur  Publikation bestimmt]). 4.  4.1. Im Rahmen der angefochtenen Verfügung hat sich das BFM mit der  Frage  der  Bestimmung  der  Zuständigkeit  nach  der  Dublin­II­VO  auseinandergesetzt  und  sich  zur  Frage  eines  Selbsteintritts  nach  Art. 3  Abs. 2 Dublin­II­VO nicht geäussert.  4.2.  Im Rahmen der Beschwerde bringen die Beschwerdeführenden vor,  gemäss  Dublin­II­VO  wäre  für  ihr  Asylverfahren  wohl  Polen  zuständig,  aufgrund  der  gesamten  Aktenlage  respektive  ihrer  persönlichen  Umstände  sei  jedoch  vom  Recht  auf  Selbsteintritt  aus  humanitären  Gründen Gebrauch zu machen. Dabei machen sie in ihrer Eingabe unter  anderem  geltend,  im  Falle  einer  Rückführung  nach  Polen  drohe  ihnen  dort eine Abschiebung nach Tschetschenien, wo sie mutmasslich erneut  Verfolgung  und  Folter  zu  gewärtigen  hätten.  Zur  Hauptsache  berichten  sie  über  massive  gesundheitliche  Probleme  und  insgesamt  schwierige  persönliche  Umstände,  aufgrund  welcher  auf  eine  Wegweisung  nach  Polen zu verzichten und ihr Asylgesuch aus humanitären Gründen in der  Schweiz zu behandeln sei. Dabei berichten sie vorab über die Umstände  ihrer Rückführung von Österreich nach Polen: Sie seien am 9. Juni 2011  – nach  drei  Jahren  Aufenthalt  in  Österreich  –  mit  einem  Bus  an  die  polnische  Grenze  gebracht  und  der  polnischen  Polizei  übergeben  worden, welche sich jedoch nicht um sie gekümmert, sondern sie auf die  Strasse  gestellt  habe.  Sie  hätten  sich  deshalb  selbständig  ins  Auffanglager  Y._______  begeben,  wo  man  ihnen  jedoch  erklärt  habe,  aufgrund ihres dreijährigen Aufenthalts in Österreich hätten sie ihr Recht  auf  einen  Verbleib  im  Lager  verwirkt.  Von  zwei  anwesende  Ärzten  sei  dem Beschwerdeführer zudem mitgeteilt worden, die von  ihm benötigen  Medikamente könnten ihm nicht zur Verfügung gestellt werden. Aufgrund 

D­8043/2010 dieser Umstände hätten  sie  sich  zum Bahnhof  von Warschau begeben,  wo sich ein Landsmann ihrer angenommen habe. Nachdem dieser Mann  bei  Landsleuten  Geld  für  sie  gesammelt  und  ihre  Ausreise  organisiert  habe, seien sie von Polen nach Österreich zurückgekehrt, von wo sie  in  die  Schweiz  gereist  seien.  Nach  diesen  Schilderungen  zu  ihrem  Aufenthalt in Polen bringen sie zu ihren persönlichen Umständen vor, der  Beschwerdeführer werde zurzeit aufgrund seiner schlechten psychischen  Verfassung …  [in  einer  psychiatrischen Klinik]  ambulant  behandelt,  und  unter Verweis auf die aktenkundigen Arztberichte aus Österreich  führen  sie an, er leide an einer posttraumatischen Behandlungsstörung sowie an  einer  Hepatitis  C.  Da  die  Hepatitis  C  in  Österreich  nicht  zu  Ende  behandelt worden sei und bei ihm aktuell erhöhte Leberwerte festgestellt  worden seien, sei von einem Rückfall auszugehen. Im Weiteren sei auch  der  psychische  Zustand  der  Beschwerdeführerin  besorgniserregend,  welche  in  der  Heimat  frauenspezifische  Nachstellungen  erlitten  habe,  über die sie ihrem Ehemann aber nichts berichtet habe. Eines der Kinder  sei  in  der  Vergangenheit  bei  einem  Bombardement  am  Bein  schwer  verletzt  worden  und  alle  Kinder  seien  bis  heute  verängstigt.  In  der  Schweiz  seien  die  drei  Kinder  mittlerweile  eingeschult  worden.  Unter  Verweis  auf  die  Jahresberichte  2007  ­  2010  von  Amnesty  International  (AI) zur Frage der Behandlung von Asylsuchenden in Polen führen sie in  der Folge an, es sei davon auszugehen, dass sie als  traumatisierte und  gesundheitlich  schwer  angeschlagene  Menschen  in  Polen  keine  hinreichende  medizinische  psychologische  Unterstützung  erhalten  würden. Gemäss den AI­Berichten würden sie zudem  in Polen als nicht  anerkannte  Flüchtlinge  von  Integrationsmassnahmen  ausgeschlossen  und  die  Kinder  hätten  dort  auch  keinen  Zugang  zur  Schule.  Abschliessend brachten die Beschwerdeführenden vor, sie und vor allem  die  Kinder  würden  unter  der  bereits  seit  über  drei  Jahren  unsicheren  Situation sehr leiden.  4.3.  In  seiner  Vernehmlassung  hält  das  BFM  vorab  fest,  im  Verfahren  nach  der  Dublin­II­VO  werde  davon  ausgegangen,  dass  sich  jeder  Mitgliedstaat  an  seine  völkerrechtlichen  Verpflichtung  halte  und  Asylsuchenden  insbesondere  effektiven  Schutz  vor  Rückschiebung  im  Sinne  des  Non­Refoulement­Prinzips  gewähre.  Den  Beschwerdeführenden  gelinge  es  alleine  mit  der  Vorlage  der  bloss  allgemein  gehaltenen  Berichte  nicht,  diese  Regelvermutung  umzustossen. Konkrete Hinweise darauf, Polen würde sich in ihrem Falle  nicht  an  seine Verpflichtungen  halten,  lägen  damit  nicht  vor.  Betreffend  die  medizinischen  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  führt  das 

D­8043/2010 Bundesamt  im Anschluss daran aus, es sei  in allen Dublin­Staaten eine  adäquate Versorgung aller Krankheitsbilder vorhanden, weswegen – wie  vom  Bundesverwaltungsgericht  bereits  in  einem  anderen  Verfahren  aufgezeigt  –  im  Einzelfall  nicht  zu  prüfen  sei,  ob  ein  bestimmtes  Krankheitsbild  angemessen  behandelt  werden  könne  oder  nicht.  Der  Zugang  zu  einer  angemessenen  Behandlung  sei  in  Polen  jedenfalls  sichergestellt,  nachdem  das  Land  die  europäische  Aufnahmerichtlinie,  laut welcher im Falle von Asylsuchenden auch besondere Bedürfnisse mit  einer  entsprechenden  medizinischen  Versorgung  abzudecken  sind,  vollständig  umgesetzt  habe. Ausserdem  sei  bei medizinischen Gründen  nur  im  Falle  von  ganz  aussergewöhnlichen  Umständen  –  nur  bei  Vorliegen  eines  "real  risk"  im  Sinne  der  Praxis  zu  Art.  3  EMRK  –  vom  Wegweisungsvollzug  abzusehen.  Für  die  Frage  der  Überstellung  nach  Polen  sei  daher  einzig  die Transportfähigkeit  der Beschwerdeführenden  massgebend,  welche  aufgrund  der  Akten  gegeben  sei,  womit  sie  ihre  weitere medizinische Behandlung in Polen in Anspruch nehmen könnten.  Demzufolge  lägen keine Gründe gegen eine Überstellung und  für einen  Selbsteintritt nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO vor.  4.4. In ihrer Stellungnahme führen die Beschwerdeführenden vorab an, in  dem  vom  BFM  zitierten  Entscheid  des  Bundesverwaltungsgerichts  sei  keineswegs  ausgeführt  worden,  bei  einer Wegweisung  in  einen Dublin­ Staat  bedürfe  es  im  Falle  von  medizinischen  Problemen  keiner  Einzelfallprüfung.  In  der  Folge  bestreiten  sie  die  vorinstanzlichen  Erwägungen  betreffend  das  Vorhandensein  eines  hinreichenden  Behandlungsangebotes  in  Polen.  Vielmehr  dürfe  als  allgemein  bekannt  gelten,  dass  es  um  das  polnische  Gesundheitssystem  schlecht  bestellt  sei  und  nicht  einmal  die  eigenen  Staatsangehörigen  genügend  betreut  würden,  geschweige  denn  Asylsuchende.  Unter  Vorlage  von  drei  fachärztlichen  Berichten  …  [eines  kantonalen  Spitals]  führen  sie  im  Anschluss daran aus,  der Beschwerdeführer  leide an einer  chronischen  Hepatitis  C  sowie  unter  einer  posttraumatischen  Belastungsstörung,  welche derzeit … [in einer psychiatrischen Klinik] behandelt werde. Auch  die Beschwerdeführerin  stehe dort  in Behandlung,  und es  stehe ausser  Frage,  dass  die  Beschwerdeführenden  auf  diese  Behandlung  angewiesen  seien  und  sich  ihr  Gesundheitszustand  im  Falle  einer  Wegweisung nach Polen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit  drastisch verschlechtern würde. Da die dringend benötigte medizinische  Hilfe  in  Polen  nicht  gewährleistet  sei,  was  einem  Verstoss  nach  Art.  3  EMRK gleichkommen, sei ausnahmsweise vom Selbsteintrittsrecht nach  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO Gebrauch  zu machen.  Daneben  bringen  die 

D­8043/2010 Beschwerdeführenden  im  Rahmen  ihrer  Stellungnahme  nochmals  vor,  anlässlich  ihrer  Rückführung  aus  Österreich  habe  sich  im  Lager  Y._______ gezeigt, dass Polen nicht gewillt sei, ihnen medizinische Hilfe  anzubieten und sie  in das Asylverfahren aufzunehmen, und sie machen  namentlich  das  Vorliegen  schwierigster  persönlicher  Verhältnisse  und  daraus  folgend  ein  besonderes  Schutzbedürfnis  geltend.  Da  beide  Elternteile schwer angeschlagen und die bisherige Fluchtgeschichte auch  an  den  drei  minderjährigen  Kinder  nicht  spurlos  vorbeigegangen  sei,  seien sie als besonders verletzliche Personen anzuerkennen.  5.  5.1. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich  in BVGE E­7221/2009 vom  10.  Mai  2011  (zur  Publikation  vorgesehen)  –  ein  Urteil  betreffend  eine  tschetschenische Familie – einlässlich mit der Frage der Zulässigkeit der  Wegweisung  in  den  Dublin­Staat  Polen  auseinandergesetzt.  Dabei  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  einen  die  Annahme  der  grundsätzlichen  Verlässlichkeit  des  polnischen  Asylverfahrens  bestätigt  (vgl. a.a.O. E. 6), zum andern hat es sich namentlich mit der Frage der  Zulässigkeit  des  Wegweisungsvollzuges  vor  dem  Hintergrund  schwerwiegender medizinischer Probleme auseinandergesetzt.  In dieser  Hinsicht  ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gelangt, dass  in  Polen  die  medizinische  Versorgungslage  für  Asylsuchende  gerade  im  psychiatrisch­psychologischen  Bereich  ungenügend  ist.  Im  beurteilten  Fall wurde  jedoch –  trotz der mangelhaften Versorgungslage – die hohe  Schwelle eines Verstosses gegen Art. 3 EMRK als nicht erreicht erkannt,  weshalb  das  BFM  nicht  aufgrund  übergeordneten  Völkerrechts  verpflichtet  gewesen  sei,  vom  Selbsteintrittsrecht  nach  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO Gebrauch  zu machen  und  auf  das  Asylgesuch  einzutreten  (vgl. zum Ganzen BVGE E­7221/2009 vom 10. Mai 2011 E. 7).  5.2. Entgegen den anders lautenden Beschwerdevorbringen besteht auch  im vorliegenden Verfahren kein hinreichender Anlass zur Annahme, den  Beschwerdeführenden  drohe  in  Polen  ein  Verstoss  gegen  das  flüchtlingsrechtliche  Refoulement­Verbot,  und  es  ist  im  Weiteren  auch  nicht zu schliessen, sie wären in Polen – im Sinne eines "real risk" – von  menschenrechtswidriger  Behandlung  bedroht.  In  erstgenannter  Hinsicht  muss  zwar  aufgrund  der  Akten  davon  ausgegangen  werden,  die  Asylgesuche der Beschwerdeführenden seien von Polen am 14. Januar  2008 rechtskräftig abgewiesen worden, also zu einem Zeitpunkt, als sich 

D­8043/2010 die  Beschwerdeführenden  schon  längere  Zeit  in  Österreich  befanden.  Gleichzeitig  ist  auch  nicht  auszuschliessen,  dass  im  Lager  Y._______  versucht  wurde,  den  Beschwerdeführenden  den  erneuten  Zugang  zum  polnischen Asylverfahren  zu  erschweren,  indem  sie  dort  einfach wieder  weggeschickt  wurden.  Auch  unter  Berücksichtigung  dieser  Umstände  besteht  jedoch  kein  hinreichender  Anlass  zur  Annahme,  den  Beschwerdeführenden  würde  der  erneute  Zugang  zum  polnischen  Asylverfahren alleine aufgrund ihres Aufenthalts in einem anderen Dublin­ Staat auf Dauer verwehrt, womit sie von einer ordentlichen Prüfung ihrer  Asylgesuche ausgeschlossen wären. Vor dem Hintergrund der Annahme  der  grundsätzlichen  Verlässlichkeit  des  polnischen  Asylverfahrens  ist  vielmehr zu schliessen, dass ihnen – nötigenfalls unter Inanspruchnahme  rechtlichen  Beistandes  –  ein  Zugang  zum  polnischen  Asylverfahren  weiterhin  möglich  wäre.  In  zweitgenannter  Hinsicht  ist  zwar  –  wie  namentlich  nachfolgend  aufgezeigt  –  vom  Vorliegen  schwerwiegender  medizinischer Probleme auszugehen, und zwar gerade im psychiatrisch­ psychologischen  Bereich,  in  welchem  in  Polen  kein  hinreichendes  Behandlungsangebot besteht. Entsprechend der Schlüsse im vorstehend  zitierten  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  ist  jedoch  alleine  von  daher  die  Schwelle  zur  Annahme  eines  Verstosses  gegen  das  menschenrechtliche  Refoulement­Verbot  nach  Art.  3  EMRK  nicht  überschritten.  5.3.  Eine  völkerrechtliche  Pflicht  für  die  Schweiz,  von  ihrem  Recht  auf  Selbsteintritt  nach  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  Gebrauch  zu  machen,  besteht  nach  vorstehenden Feststellungen  nicht.  In  dieser Hinsicht  sind  die  vorinstanzlichen  Erwägungen  zu  bestätigen.  Im  Übrigen  greift  der  Entscheid des BFM aber – wie nachfolgend aufgezeigt – zu kurz.  5.4.  5.4.1. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 stellt – wie bereits oben erwähnt (E. 3.3) –  die  Grundlage  dar,  um  im  Einzelfall  aus  humanitären  Gründen  vom  Selbsteintrittsrecht nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO Gebrauch machen. Da  es  sich  bei Art. 29a Abs. 3 AsylV 1  um eine Kann­Bestimmung handelt,  verfügt das BFM bei der Ausübung dieses Rechts über einen gewissen  Ermessensspielraum.  Das  Bundesamt  geht  daher  fehl,  wenn  es  im  Rahmen seiner Vernehmlassung im Wesentlichen dafür hält, es gebe nur  einerseits die Überstellung der Asylsuchenden an den für sie zuständigen  Staat oder andererseits die Ausübung des Rechts auf Selbsteintritt, weil  die  Überstellung  gegen  übergeordnetes  Recht  verstossen  würde.  Auch  ausserhalb  von  Fällen,  wo  der  Selbsteintritt  zur  Pflicht  wird,  ist  die 

D­8043/2010 Schweiz  sehr  wohl  berechtigt  und  je  nach  den  Umständen  sogar  gehalten, auch aus anderen, weniger zwingenden humanitären Gründen  ihr Ermessen zu Gunsten des Wohls des Asylsuchenden  in Form eines  Selbsteintritts  auszuüben.  Durch  eine  restriktive  Praxis  der  Auslegung  von  Art. 29a  Abs. 3  AsylV 1  wird  sichergestellt,  dass  das  Zuständigkeitssystem  der  Dublin­II­VO  nicht  unterhöhlt  wird  (vgl.  dazu  namentlich  BVGE  E­7221/2009  vom  10.  Mai  2011  E.  8.1  [mit  weiteren  Hinweisen]). 5.4.2.  Im Falle der Beschwerdeführenden  ist – wie von diesen zu Recht  geltend  gemacht  –  von  einer  insgesamt  schwerwiegenden  psychischen  Schädigung  mit  erheblichem  Krankheitswert  auszugehen.  Namentlich  betreffend  den  Beschwerdeführer  wurden  drei  fachärztliche  Berichte …  [in eines kantonalen Spitals] zu den Akten gereicht, wobei  im Bericht …  [der  psychiatrischen  Klinik]  vom  5.  Oktober  2010  zur  Hauptsache  über  das Vorliegen einer chronifizierten posttraumatischen Belastungsstörung,  eine signifikante depressive Entwicklung im Sinne einer mittelgradigen bis  schweren  Depression,  einer  Panikstörung  mit  Agoraphobie  und  von  Schlafstörungen  mit  Verdacht  auf  ein  Restless­Legs­Syndrom  berichtet  wird,  welche  mit  einer  Kombination  mehrerer  antidepressiver  Medikamente (in teils hoher Dosierung) behandelt werden. Daneben wird  in  zwei Berichten  der  Inneren Medizin … vom 11. Oktober  2010 und 5.  November  2010  insbesondere  über  das  Vorliegen  einer  chronischen  Hepatitis  C­Infektion  berichtet.  Die  Schlüsse  …  [der  psychiatrischen  Klinik] wurden  von Fachpersonen gezogen,  an  deren Qualifikation  nicht  zu  zweifeln  ist.  Dies  allerdings  aufgrund  einer  relativ  kurzen  Untersuchungsphase.  Sie  decken  sich  jedoch  mit  den  von  den  Beschwerdeführenden aus Österreich vorgelegten Berichten, welche sich  auf eine mehrjährige Behandlungszeit und intensive Abklärungen stützen.  Insgesamt  ist  von  einer  schweren  und  behandlungsbedürftigen  psychischen Schädigung des Beschwerdeführers auszugehen. Zwar sind  im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens  die  Gesuchsgründe  asylsuchender  Personen  nicht  einer  näheren  Prüfung  zu  unterziehen,  aufgrund  der  Akten ist  jedoch festzustellen, dass der Beschwerdeführer anlässlich der  Kurzbefragung  –  trotz  deren  summarischen  Charakters  –  mit  einer  grossen  persönlichen  Betroffenheit  über  erlittene  Misshandlungen  berichtet hat, welche den Grund für seine heutige Schädigung darstellen  würden.  Betreffend  die  Beschwerdeführerin  wurde  eine  …  [in  der  gleichen  psychiatrischen  Klinik]  laufende  Behandlung  geltend  gemacht,  jedoch  keine  entsprechenden  Beweismittel  respektive  fachärztlichen  Berichte  vorgelegt.  Immerhin  wurden  im  erstinstanzlichen  Verfahren 

D­8043/2010 Berichte aus Österreich vorgelegt.  In Berichten vom 2. und 3. November  2009 wird  von  einem  Internisten  (nach  einer Untersuchung  körperlicher  Beschwerden)  auf  eine  akute  Belastungsreaktion  bei  bestehender  Depression  geschlossen,  wie  auch  auf  einen  psychologischen  Behandlungsbedarf  der Grunderkrankung.  In Schreiben vom 30.  Januar  2008  und  vom  8. Juli  2008  wird  von  einem  Psychologen  über  das  Vorliegen einer schweren Anpassungsstörung sowie einer chronifizierten  posttraumatischen  Belastungsstörung  berichtet.  Diesen  Berichten  betreffend  die  Beschwerdeführerin  –  welche  nicht  durchwegs  von  Fachpersonen  erstellt  wurden  –  ist  ein  deutlich  geringeres  Gewicht  beizumessen, als den qualifizierten Berichten betreffend ihren Ehemann.  Von  fachärztlicher  Seite  liegt  betreffend  die  Beschwerdeführerin  einzig  ein Rezept  vom 30.  Juni  2010  vor  (ausgestellt  von  einer  Fachärztin  für  Psychiatrie  und  Neurologie).  Die  dort  verzeichnete  Medikation  spricht  jedoch  wiederum  sehr  klar  für  das  Vorliegen  namentlich  einer  akuten  Angststörung.  Schliesslich  hat  auch  die  Beschwerdeführerin  anlässlich  der  Kurzbefragung  –  trotz  deren  summarischen  Charakters  –  mit  einer  grossen  persönlichen  Betroffenheit  über  namentlich  im  Frühjahr  2007  erlittene  Misshandlungen  respektive  Übergriffe  auf  die  körperliche  Integrität berichtet, wie auch den Umstand, dass sie nicht in der Lage sei,  davon ihrem Mann zu berichten.  5.4.3.  Alleine  die  Notwendigkeit  einer  medizinischen  Betreuung  stellt  keinen genügenden Grund dar, um vom Selbsteintrittsrecht Gebrauch zu  machen.  Kommen  jedoch  im  Rahmen  einer  Gesamtabwägung  aller  relevanten  Umstände  im  konkreten  Einzelfall  verschiedene  Gründe  zusammen,  die  eine Wegweisung  aus  humanitärer  Sicht  problematisch  erscheinen  lassen,  ist auf die Überstellung des Asylsuchenden an einen  anderen Dublin­Staat zur Prüfung seines Asylgesuchs zu verzichten und  auf  das  Asylgesuch  einzutreten.  Dabei  sind  insbesondere  auch  die  gesundheitlichen  Folgen,  die  eine  Wegweisung  auf  die  psychische  Verfassung  einer  asylsuchenden  Person  haben  könnte,  zu  beachten  (BVGE E­7221/2009 vom 10. Mai 2009 E. 8.2 [mit weiteren Hinweisen]).  Vorliegend  ist  zu  schliessen,  dass  sich  namentlich  der  Zustand  des  Beschwerdeführers  im  Falle  einer  Wegweisung  deutlich  verschlechtern  dürfte,  da  dort  eine  Fortsetzung  unter  anderem  der  medikamentösen  Behandlung  aufgrund  der  Schwächen  des  polnischen  Asylsystems  gefährdet  ist.  Inwieweit  er  aufgrund  seiner  Erkrankungsbildes  einer  Therapie  zugänglich  ist,  erscheint  dabei  offen,  jedoch  ist  mit  hinreichender  Sicherheit  davon  auszugehen,  er  –  aber  auch  die 

D­8043/2010 Beschwerdeführerin  –  seien  auf  ein  stabiles  Umfeld  angewiesen,  damit  es nicht zu einer sprunghaften Verschlechterung des Zustandes kommt.  Ein  solches  Umfeld  ist  in  Polen  nicht  gegeben.  Vorliegend  kommt  insbesondere  hinzu,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  und  die  Beschwerdeführerin  in  Begleitung  ihrer  drei  minderjährigen  Kinder  befinden,  welche  sich  bereits  seit  Jahren  mit  dem  überaus  schlechten  Zustand ihrer Eltern konfrontiert sehen (vgl. dazu bspw. die gutachterliche  Stellungnahme  aus  Österreich  vom  20.  August  2009  [S.  1  Mitte]).  Nachdem die Beschwerdeführenden über drei Jahre in Österreich waren,  womit sich die Kinder schon während längerer Zeit im deutschsprachigen  Raum  aufhalten,  lebt  die  Familie  nunmehr  seit  Mitte  Februar  2011  selbständig  in  …  [einer  deutschsprachigen  Ortschaft].  Es  darf  davon  ausgegangen werden, dass die Kinder dort ordentlich eingeschult wurden  und zumindest in der Schule einen stabilen Rahmen gefunden haben. Für  sich  alleine  wäre  dieser  Umstand  nicht  bedeutend,  im  Rahmen  einer  Gesamtbetrachtung ist er aber miteinzubeziehen.  5.4.4. Das Vorliegen humanitärer Gründe nach Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 ist  im  vorliegenden  Fall  –  aufgrund  von  Hinweisen  auf  eine  schwere  und  behandlungsbedürftige  psychische  Schädigung  des  Beschwerdeführers,  bei  Vorliegen  von  Hinweisen  auf  massive  Gewalterfahrungen  in  der  Heimat,  aufgrund  von  Hinweisen  auf  eine  Schädigung  auch  der  Beschwerdeführerin,  sowie  unter  Berücksichtigung  der  in  Polen  kaum  erhältlichen  Behandlung  und  schliesslich  namentlich  der  Interessen  der  drei  minderjährigen  Kinder  –  im  Sinne  einer  Gesamtwürdigung  der  besonderen Umstände zu bejahen. 5.5. Nach vorstehenden Erwägungen hat das BFM den ihm nach Art. 29a  Abs. 3  AsylV 1  zustehenden  Ermessenspielraum  zu  Unrecht  nicht  ausgeschöpft. Aufgrund der Beschwerdevorbringen sowie der gesamten  Aktenlage  ist  vom  Vorliegen  humanitärer  Gründe  auszugehen,  welche  eine  Behandlung  der  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  nicht  in  Polen,  sondern  in  der  Schweiz  zu  rechtfertigen  vermögen  respektive  insgesamt als angezeigt erscheinen lassen.  6.  Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen, die angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  das  BFM  anzuweisen,  in  Anwendung  von  Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vom Selbsteintrittsrecht nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­ II­VO Gebrauch zu machen. 

D­8043/2010 7.   7.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).  7.2. Den vertretenen Beschwerdeführenden ist sodann zulasten des BFM  eine Parteientschädigung zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7  Abs. 1 und 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Dabei  ist  der  Aufwand  des  Rechtsvertreters  mangels  Vorliegens einer Kostennote abzuschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE) und die  Parteientschädigung  unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Bemessungsfaktoren (Art. 9  ­ 13 VGKE) sowie der Akten auf  insgesamt  Fr. 600.– (inklusive aller Auslagen) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

D­8043/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen.  2.  Die Verfügung des BFM vom 9. November 2010 wird aufgehoben und die  Sache wird zur neuen Beurteilung an das BFM zurückgewiesen. 3.   Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Den  Beschwerdeführenden  wird  zulasten  des  BFM  eine  Parteientschädigung von Fr. 600.– zugesprochen.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Lorenz Mauerhofer Versand:

D-8043/2010 — Bundesverwaltungsgericht 16.12.2011 D-8043/2010 — Swissrulings