Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 02.02.2012 D-7669/2010

2 février 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,784 mots·~9 min·1

Résumé

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 20. September 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­7669/2010 Urteil   v om   2 .   Februar   2012 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Fulvio Haefeli; Gerichtsschreiber Matthias Jaggi. Parteien A._______, geboren (…), Sri Lanka,  c/o Schweizer Vertretung in Colombo, Sri Lanka,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung;  Verfügung des BFM vom 20. September 2010 / N (…).

D­7669/2010 Sachverhalt: A.  A.a  Der  Beschwerdeführer,  ein  sri­lankischer  Staatsangehöriger  tamilischer  Ethnie,  ersuchte  die  schweizerische  Vertretung  in  Colombo  mit  englischsprachiger  Eingabe  vom  24.  April  2008  (Eingang:  28.  April  2008) um Gewährung von Asyl respektive Migration in die Schweiz.  A.b  Mit  Schreiben  vom  6.  Mai  2008  ersuchte  die  schweizerische  Botschaft  in Colombo  den Beschwerdeführer  zur  Vervollständigung  des  rechtserheblichen Sachverhalts unter Einreichung allfälliger Beweismittel  und  Identitätspapiere  um  Beantwortung  konkreter  Fragen  in  Bezug  auf  Ereignisse,  die  ihn  zur  Ausreise  nötigen  würden,  auf  individuelle  Betroffenheit,  allfällig  getroffene  Schutzmassnahmen  sowie  einen  allfälligen alternativen Aufenthaltsort in Sri Lanka. A.c  Das  Antwortschreiben  des  Beschwerdeführers  vom  12.  Mai  2008  ging am 27. Mai 2008 bei der Vertretung in Colombo ein. A.d Mit  Eingabe  vom  14.  Juli  2008  wandte  sich  der  Beschwerdeführer  erneut an Botschaft in Colombo.  A.e  In den oben erwähnten Eingaben machte der Beschwerdeführer zur  Begründung  seines  Gesuchs  im Wesentlichen  geltend,  er  stamme  aus  B._______ (Distrikt C._______) und habe ab dem Jahre 2006 in Colombo  gelebt. Dort sei er am 6. November 2007 durch die sri­lankische Polizei  verhaftet  worden,  da  man  ihn  verdächtigt  habe,  die  LTTE  (Liberation  Tigers of Tamil Eelam) zu unterstützen. Am 22. November 2007 sei er ins  D._______ Detention Camp überführt worden. Als seine Frau ihn dort am  24.  Dezember  2007  habe  besuchen  wollen,  sei  sie  zusammen  mit  anderen  unterwegs  an  einem  Checkpoint  der  Navy  verhaftet,  am  folgenden  Tag  auf  Veranlassung  des Colombo Magistrate Court  jedoch  wieder  freigelassen worden.  Er  sei  am  7. März  2008  ebenfalls  aus  der  Haft entlassen worden, nachdem er vor dem Colombo Magistrate Court  habe  erscheinen  müssen.  Da  der  Vermieter  seiner  Wohnung  von  der  Polizei  gewarnt worden  sei,  ihn  nicht mehr  in  seinem Haus wohnen  zu  lassen,  sei  er  zusammen mit  seiner  Familie  zu  seinem Schwager  nach  E._______ gezogen, wo er sich aus Angst vor der Polizei nicht registriert  habe.  Am 23.  April  2008  hätten  sich  drei Männer  bei  seinem Bruder  in  Colombo  nach  ihm  erkundigt.  Am  28.  April  2008  hätten  zwei Männer –  wahrscheinlich  Armeeangehörige  oder  Polizisten  –   am  Arbeitsplatz  seines  Schwagers  nach  ihm  gesucht.  Am  30.  April  2008  hätten  drei 

D­7669/2010 Männer seine Frau bedroht und von  ihr verlangt,  ihn  ihnen auszuliefern.  Nach diesem Vorfall sei er mit seiner Familie in eine andere Wohnung in  E._______ gezogen, die sie nicht mehr zu verlassen gewagt hätten. Am  21.  Juni  2008  sei  er  von der  sri­lankischen Armee erneut  verhaftet  und  auf  den  Polizeiposten  von  E._______  gebracht  worden,  bevor man  ihn  zwei Tage später  ins (…)­Gefängnis überführt habe. Auf Anordnung des  Gerichts sei er am 1. Juli 2008 wieder  freigelassen worden. Am 14. Juli  2008 habe er erfahren, dass zwei Männer des CID (Criminal Investigation  Department) an seinem früheren Wohnsitz  in Colombo nach ihm gefragt  hätten, weswegen er glaube, dass er auch nach seiner Freilassung von  der  Polizei  und  dem  Geheimdienst  verfolgt  werde.  Es  sei  für  ihn  nicht  möglich, irgendwo in Sri Lanka unbehelligt zu leben.  A.f Mit  den  oben  aufgeführten  Eingaben  reichte  der  Beschwerdeführer  unter  anderem  die  folgenden  Dokumente  ein:  Zwei  Schreiben  des  "Deputy Minister of vocational and technical training" datiert vom 21. April  sowie 8. August 2008  (in Kopie),  eine  "Detention Attestation" des  ICRC   vom   13.  März  2008  (in  Kopie),  zwei  Schreiben  der  Human  Rights  Commission of Sri Lanka vom 3. Februar sowie 7. April 2008 (in Kopie),  ein  Schreiben  des  Verteidigungsministeriums  vom  6.  Dezember  2007,  eine National  Identity Card (in Kopie) sowie auszugsweise Kopien eines  Passes. B.  Mit einem Kurzbericht vom 22. Juli 2008 übermittelte die schweizerische  Botschaft  in  Colombo  die  ihr  zu  diesem  Zeitpunkt  vorliegenden  Akten  dem BFM.  C.  Mit zwei Schreiben vom 10. November 2008 beziehungsweise 12. Januar  2009, welche von der Botschaft mit Begleitschreiben vom 19. November  2008 respektive 21. Januar 2009 dem BFM überwiesen wurden, ersuchte  der  Beschwerdeführer  um  beschleunigte  Behandlung  seines  Asylgesuchs.  Im  Schreiben  vom  12.  Januar  2009  trug  er  zudem  ergänzend  vor,  am  27.  Dezember  2008  hätten  sich  erneut  unbekannte  Männer  –  wahrscheinlich Geheimdienstleute  –  bei  seinem Schwager  in  E._______  nach  ihm  erkundigt,  weshalb  er  befürchte,  verhaftet  oder  entführt zu werden.  D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  15.  Juni  2010  hielt  das  BFM  fest,  der 

D­7669/2010 Sachverhalt  sei  auf  Grund  der  schriftlichen  Eingaben  des  Beschwerdeführers als erstellt zu betrachten, weshalb auf eine Befragung  des Beschwerdeführers verzichtet werden könne. In der Verfügung führte  die  Vorinstanz  im  Weiteren  aus,  sie  gedenke  nach  Prüfung  der  Verfahrensakten  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  abzuweisen.  Diesbezüglich gewährte sie ihm Frist zur Stellungnahme. E.  E.a  In  einer  auf  den  5.  Juli  2010  datierten,  am  14.  Juli  2010  bei  der  Vertretung  in  Colombo  eingelangten  Eingabe  führte  der  Beschwerdeführer  unter  teilweiser  Wiederholung  seiner  früheren  Vorbringen im Wesentlichen aus, er sei nach wie vor gefährdet. Auch im  Distrikt C._______ hätten Unbekannte nach ihm gesucht. Er könne nicht  damit  rechnen,  ohne  Angst  in  seinem  Heimatland  zu  leben.  Das  Ende  des Krieges bedeute nicht das Ende seiner misslichen Lage.  E.b Die bei der Botschaft  eingereichte Eingabe vom 5.  Juli  2010 wurde  von  der  Vertretung  mit  Begleitschreiben  vom  20.  Juli  2010  dem  BFM  überwiesen.  F.  Mit  Verfügung  vom  20.  September  2010  –  in  Colombo  an  den  Beschwerdeführer versandt am 12. Oktober 2010 – verweigerte das BFM  dem  Beschwerdeführer  die  Einreise  in  die  Schweiz  und  lehnte  dessen  Asylgesuch ab.  Zur  Begründung  führte  es  im  Wesentlichen  aus,  bezüglich  des  Verfahrens bei Asylgesuchen aus dem Ausland sehe die Praxis vor, dass  Beschwerdeführende  von  der  jeweiligen  schweizerischen  Vertretung  in  der  Regel  zu  ihren  Asylgründen  angehört  würden.  Von  dieser  allgemeinen  Regel  könne  abgewichen  werden,  wenn  dies  aus  organisatorischen  und  kapazitätsmässigen  Gründen  faktisch  nicht  möglich  sei.  Eine  Anhörung  könne  sich  ebenfalls  erübrigen,  wenn  der  Sachverhalt  bereits  aufgrund  der  schriftlichen  Eingaben  entscheidreif  erstellt sei. Bei einem Anhörungsverzicht sei jedoch das rechtliche Gehör  zu  gewähren  (vgl.  BVGE  2007/30),  was  vorliegend  erfolgt  sei.  Unter  Einbezug  des  Antwortschreibens  des  Beschwerdeführers  vom  5.  Juli  2010 erachte das Bundesamt die Aktenlage als rechtsgenüglich erstellt.  Die  beiden  geltend  gemachten  Festnahmen  würden  nicht  in  Zweifel  gezogen und es sei nachvollziehbar, dass sich der Beschwerdeführer vor 

D­7669/2010 erneuten Übergriffen seitens der sri­lankischen Sicherheitskräfte  fürchte.  Jedoch  diene  das  schweizerische  Asylrecht  nicht  dem  Ausgleich  erlittenen  Unrechts.  Insofern  vermöchten  diese  beiden  Inhaftierungen  zum  heutigen  Zeitpunkt  eine  Asylgewährung  beziehungsweise  eine  Einreisebewilligung  in die Schweiz nicht  zu begründen. Auch die Furcht  des Beschwerdeführers vor einer zukünftigen Verfolgung müsse bei einer  objektivierten  Betrachtungsweise  als  nicht  begründet  im  Sinne  des  Asylgesetzes  eingestuft  werden.  Bei  den  von  den  sri­lankischen  Behörden  während  seiner  Inhaftierungen  vorgenommenen  Abklärungen  seien keine Hinweise zutage getreten, dass er in terroristische Aktivitäten  involviert  gewesen  sei.  Er  sei  daher  auch  zweimal  vom  Gericht  freigesprochen  und  bedingungslos  freigelassen  worden.  Es  bestünden  somit keine Anhaltspunkte, dass er aufgrund der erfolgten Inhaftierungen  in  absehbarer  Zukunft  staatlichen  Verfolgungsmassnahmen  ausgesetzt  sein  könnte.  Es  sei  nicht  auszuschliessen,  dass  er  auch  nach  seiner  Freilassung  weiterhin  unter  Beobachtung  der  sri­lankischen  Behörden  gestanden  sei  und  über  ihn  Nachforschungen  angestellt  worden  seien.  Derartige  Massnahmen,  die  im  Zusammenhang  mit  der  damaligen  allgemeinen  Bekämpfung  des  Terrorismus  der  LTTE  durch  die  sri­ lankischen Behörden zu sehen seien, komme indessen bereits aufgrund  der  fehlenden  Intensität  kein  Verfolgungscharakter  zu.  Wären  die  sri­ lankischen Behörden nach wie vor überzeugt gewesen, dass er die LTTE  aktiv  unterstütze,  wäre  er  zweifellos  auch  nach  seiner  Freilassung  aus  der  zweiten  Haft  am  1.  Juli  2008  erneut  inhaftiert  worden,  was  jedoch  nicht der Fall gewesen sei.  Weiter  sei  darauf  zu  verweisen,  dass  der  Beschwerdeführer  von  Festnahmen  betroffen  worden  sei,  als  in  Teilen  Sri  Lankas  der  Krieg  zwischen der Regierung und den LTTE gewütet habe. Heute präsentiere  sich  die  Situation  jedoch  anders.  Der  Krieg  sei  im  Mai  2009  mit  der  Niederlage der LTTE zu Ende gegangen. Damit befinde sich das ganze  Land erstmals seit 1983 wieder unter Regierungskontrolle. Auch wenn die  Sicherheits­ und Menschenrechtslage heute noch nicht befriedigend sei,  falle  auf,  dass  insbesondere  die  Anzahl  von  Gewaltereignissen  wie  Entführungen   und  "Killings"  erheblich  zurückgegangen  sei.  Die  Sicherheits­  und  Menschenrechtslage  habe  sich  verbessert.  Der  Beschwerdeführer habe zudem selber nie geltend gemacht, Mitglied der  LTTE gewesen zu sein, weswegen nicht davon auszugehen sei, dass die  sri­lankischen  Behörden  ein  Verfolgungsinteresse  an  seiner  Person  hätten.  An  diesen  Erwägungen  vermöchten  auch  die  von  ihm  eingereichten  Dokumente  nichts  zu  ändern,  stützten  sie  doch  lediglich 

D­7669/2010 seine Vorbringen, deren Glaubhaftigkeit vorliegend nicht in Frage gestellt  werde.  In  Anbetracht  dieser  Ausführungen  sowie  aufgrund  des  Umstandes,  dass  er  kein  Gefährdungsprofil  aufweise,  das  im  heutigen  Zeitpunkt mit erheblicher Wahrscheinlichkeit auf eine Verfolgung seitens  des  sri­lankischen  Staates  schliessen  liesse,  seien  die  geltend  gemachten Vorbringen nicht einreiserelevant.  Für  die  weitere  Begründung  wird  auf  die  Verfügung  der  Vorinstanz  verwiesen.  G.  G.a Mit auf den 18. Oktober 2010 datierter, am 21. Oktober 2010 bei der  schweizerischen  Vertretung  in  Colombo  eingelangten  auf  Deutsch  verfassten  Eingabe  erhob  der  Beschwerdeführer  Beschwerde  und  beantragte sinngemäss die Aufhebung der Verfügung des BFM vom 20.  September 2010 und die Gewährung von Asyl sowie die Bewilligung zur  Einreise.  Zur  Begründung  seiner  Rechtsmittelschrift  wies  der  Beschwerdeführer  unter  Wiederholung  seiner  Gesuchsgründe  im  Wesentlichen  auf  seine  anhaltende Gefährdung in Sri Lanka hin.  G.b Die bei der Vertretung eingereichte Eingabe vom 18. Oktober 2010  wurde von der Botschaft mit Begleitschreiben vom 22. Oktober 2010 dem  Bundesverwaltungsgericht überwiesen.  H.  H.a  Mit  Eingabe  vom  1.  November  2010  wandte  sich  der  Beschwerdeführer erneut an die Vertretung in Colombo und führte aus, er  sei  letzten  Monat  bei  seinem  Haus  in  B._______  von  Unbekannten  gesucht  worden.  Am  22.  Oktober  2010  hätten  ihn  zudem  zwei  Zivilpolizisten  beim  Spital  in  E._______  verfolgt,  wobei  es  ihm  jedoch  gelungen sei zu entkommen. Wenn sie ihn gefasst hätten, hätten sie ihn  mitgenommen.  H.b  Diese  Eingabe  wurde  von  der  Vertretung  in  Colombo  mit  Begleitschreiben  vom  9.  November  2010  an  das  Bundesverwaltungsgericht weitergeleitet.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

D­7669/2010 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).  Eine  solche  Ausnahme  liegt  nicht  vor,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.  1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG,  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  52  VwVG).  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  48  Abs.  1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde ist somit einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Die  Abteilungen  des  Bundesverwaltungsgerichts  entscheiden  in  der  Regel  in  der  Besetzung  mit  drei  Richtern  oder  Richterinnen  (Spruchkörper;  vgl. Art.  21 Abs.  1 VGG). Gestützt  auf Art.  111a Abs.  1  AsylG kann das Bundesverwaltungsgericht auch in solchen Fällen auf die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten.

D­7669/2010 4.  4.1.  Ein  Asylgesuch  kann  gemäss  Art.  19  AsylG  im  Ausland  bei  einer  schweizerischen Vertretung gestellt werden, die es mit einem Bericht an  das Bundesamt überweist (Art. 20 Abs. 1 AsylG). 4.2. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist die asylsuchende  Person  im Auslandverfahren  in der Regel  zu befragen. Davon kann nur  abgewichen  werden,  wenn  eine  Befragung  faktisch  oder  aus  organisatorischen  oder  kapazitätsmässigen  Gründen  nicht  möglich  ist.  Falls  die  Befragung  nicht  durchgeführt  werden  kann,  muss  die  ein  Gesuch stellende Person – soweit möglich und notwendig – mittels eines  individualisierten  und  konkretisierten  Schreibens  aufgefordert  werden,  ihre Gründe für das Asylgesuch schriftlich einzureichen. Dabei ist sie auf  die allfällige Konsequenz eines negativen Entscheids  infolge Verletzung  der Mitwirkungspflicht aufmerksam zu machen. Ist der Sachverhalt schon  aufgrund des eingereichten Asylgesuchs entscheidreif erstellt, kann sich  eine  persönliche  Befragung  ebenfalls  erübrigen;  zeichnet  sich  ein  negativer Entscheid ab, ist der asylsuchenden Person diesbezüglich das  rechtliche Gehör zu gewähren. Das Bundesamt ist gehalten, den Verzicht  auf  eine  Befragung  im  Ausland  in  der  Verfügung  zu  begründen  (vgl.  BVGE 2007/30 E. 5 S. 362 ff.). 4.3. Vorliegend ging das BFM davon aus, der Sachverhalt  sei  aufgrund  der  schriftlichen  Eingaben  entscheidreif  erstellt.  Diese  Sichtweise  ist  vertretbar,  sind  doch  die  Eingaben  vom  24.  April  2008  (schriftliches  Asylgesuch), vom 12. Mai 2008, 14. Juli 2008, 10. November 2008 und  12. Januar 2009 (Ergänzungen zum schriftlichen Asylgesuch) sowie vom  5.  Juli  2010  (Stellungnahme  anlässlich  der  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs) insgesamt detailliert und klar formuliert. Unter diesen Umständen  erübrigte  sich  für  die Vorinstanz  die Aufbietung  des Beschwerdeführers  zu  einer  Befragung.  Da  den  vom  Bundesverwaltungsgericht  ferner  aufgeführten  Erfordernissen  (Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs,  Begründung  des  Verzichts  auf  die  Befragung)  ebenfalls  Rechnung  getragen wurde, ist die Vorgehensweise des BFM nicht zu beanstanden. 5.  Das BFM kann ein im Ausland gestelltes Asylgesuch ablehnen, wenn die  asylsuchende Person keine Verfolgung glaubhaft machen kann oder  ihr  die  Aufnahme  in  einem Drittstaat  zugemutet  werden  kann   (vgl.  Art.  3,   Art. 7 und Art. 52 Abs. 2 AsylG). http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/30 http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/30 http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/30

D­7669/2010 Gemäss  Art. 20  Abs.  2  AsylG  bewilligt  das  BFM  Asylsuchenden  die  Einreise  zur Abklärung  des Sachverhaltes, wenn  ihnen  nicht  zugemutet  werden kann,  im Wohnsitz­ oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder  in ein  anderes  Land  auszureisen.  Bei  diesem  Entscheid  sind  die  Voraussetzungen  zur  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  grundsätzlich  restriktiv  zu  umschreiben,  wobei  den  Behörden  ein  weiter  Ermessensspielraum zukommt. Neben der erforderlichen Gefährdung im  Sinne von Art. 3 AsylG sind namentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz,  die  Möglichkeit  der  Schutzgewährung  durch  einen  anderen  Staat,  die  Beziehungsnähe  zu  anderen  Staaten,  die  praktische  Möglichkeit  und  objektive  Zumutbarkeit  zur  anderweitigen  Schutzsuche  sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  in  Betracht  zu  ziehen  (vgl.  die  weiterhin  massgebende  Praxis  der  vormaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  [EMARK]  1997  Nr.  15,  insbesondere  S. 131  ff.,  welcher  angesichts  bloss  redaktioneller  Änderungen  bei  der  letzten  Totalrevision  des  Asylgesetzes  nach  wie  vor  Gültigkeit  hat).  Ausschlaggebend  für  die  Erteilung  der  Einreisebewilligung  ist  dabei  die  Schutzbedürftigkeit  der  betroffenen Personen  (vgl.  a.a.O. E. 2c S.  130),  mithin die Prüfung der Fragen, ob eine Gefährdung  im Sinne von Art. 3  AsylG glaubhaft gemacht wird und ob der Verbleib am Aufenthaltsort  für  die Dauer der Sachverhaltsabklärung zugemutet werden kann. 6.  6.1. Im Folgenden ist zu prüfen, ob das BFM zu Recht eine unmittelbare  Gefahr  im  Sinne  von  Art.  20  AsylG  verneinte  und  die  Einreise  des  Beschwerdeführers in die Schweiz verweigerte.  6.2.  Vorab  ist  auf  die  ausführliche  Lageanalyse  des  Bundesverwaltungsgerichts  im  kürzlich  ergangenen,  zur  Publikation  vorgesehenen Urteil      BVGE E­6220/2006  vom 27. Oktober  2011  zur  Situation  in  Sri  Lanka  hinzuweisen.  Darin  stellte  das  Gericht  im  Wesentlichen  fest, dass sich die Lage  in Sri Lanka seit Beendigung des  militärischen Konflikts zwischen der sri­lankischen Armee und den LTTE  im Mai  2009  erheblich  verbessert  hat.  Militärisch  würden  die  LTTE  als  vernichtet gelten und auch die Sicherheitslage habe sich in bedeutsamer  Weise  stabilisiert.  Gleichzeitig  habe  sich  die  Menschenrechtslage  vor  allem  hinsichtlich  der  Meinungsäusserungs­  und  Pressefreiheit  weiter  verschlechtert. Politisch Oppositionelle würden seitens der Regierung als  Staatsfeinde  betrachtet  und  müssten  mit  entsprechenden  Verfolgungsmassnahmen  rechnen.  Angesichts  der  allgemein 

D­7669/2010 verbesserten  Lage  definierte  das  Gericht  Personenkreise,  welche  einer  erhöhten  Verfolgungsgefahr  unterliegen.  Darunter  würden  Personen  fallen,  welche  auch  nach  Beendigung  des  Krieges  verdächtigt  würden,  mit  den  LTTE  in  Verbindung  zu  stehen  beziehungsweise  gestanden  zu  haben.  Auch  unabhängige  Journalisten  beziehungsweise  regierungskritische  Medienschaffende  verfügten  über  ein  erhöhtes  Risikoprofil.  Im  Weiteren  sei  bei  Opfern  und  Zeugen  von  Menschenrechtsverletzungen  und  Personen,  die  entsprechende  Übergriffe behördlich angezeigt hätten, mit erhöhter Verfolgungsgefahr zu  rechnen.  Wegen  drohender  Erpressung,  Kidnapping  und  anderen  Verfolgungshandlungen  bildeten  überdies  Personen,  welche  über  beträchtliche  finanzielle Mittel  verfügten,  eine weitere Risikogruppe  (vgl.  a.a.O. E. 8). 6.3.  6.3.1. Der Beschwerdeführer machte in seinem Asylgesuch vom 24. April  2008  sowie  seinen  übrigen  Eingaben  geltend,  in  den  Jahren  2007  beziehungsweise 2008  sei  er  zweimal  von den  sri­lankischen Behörden  verhaftet  und  während  rund  vier  Monaten  respektive  zwei  Wochen  inhaftiert  worden.  Aufgrund  seiner  Inhaftierungen  suchten  die  sri­ lankischen Sicherheitskräfte immer wieder nach ihm. Er sei nach wie vor  bedroht, jederzeit von den sri­lankischen Sicherheitskräften verhaftet oder  entführt zu werden.  6.3.2.  Einleitend  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  das  schweizerische  Asylrecht  nicht  dem  Ausgleich  erlittenen  Unrechts  dient.  Insofern  vermögen  die  Haft  und  die  in  diesem  Zusammenhang  erlittenen  psychischen  und  physischen  Beeinträchtigungen,  von  denen  der  Beschwerdeführer  betroffen  war,  heute  eine  Asylgewährung  beziehungsweise  eine  Einreisebewilligung  in  die  Schweiz  nicht  zu  begründen.  Im  aktuellen  Zeitraum  können  diese  Ereignisse mithin  nicht  mehr  als  kausal  für  die  beantragte  Einreise  in  die  Schweiz  und  die  Asylgewährung angesehen werden, zumal die Situation im Zeitpunkt des  Asylentscheides  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität  der  Verfolgungsfurcht  wesentlich  ist.  Im  Weiteren  ist  vorliegend  mit  der  Vorinstanz  festzustellen,  dass  der Beschwerdeführer mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  in  absehbarer  Zukunft  keine  ernsthaften  Nachteile  durch  Verfolgungsmassnahmen  der  sri­lankischen  Sicherheitskräfte  zu  befürchten  hat.  Insgesamt  weist  der  Beschwerdeführer  trotz  der  zwei  geltend  gemachten  Inhaftierungen  in  den  Jahren  2007  und  2008  sowie  den  Behelligungen  durch  die  sri­lankischen  Sicherheitskräfte  kein 

D­7669/2010 besonderes  Risikoprofil  auf,  das  ihn  aktuell  aus  objektiver  Sicht  als  gefährdet  erscheinen  liesse.  Die  Inhaftierungen  und  die  Behelligungen  durch  die  sri­lankischen Sicherheitskräfte  sind  –  vor  allem mit  Blick  auf  die  damalige  Bürgerkriegssituation  –  vor  dem  Hintergrund  der  Bekämpfung  der  LTTE  zu  sehen.  Seit  dem  Ende  des  Bürgerkriegs  hat  sich die Lage in Sri Lanka allerdings erheblich verbessert. Zwar gehören  Personen,  die  einer  Verbindung  zu  den  LTTE  verdächtigt  werden,  gemäss  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  auch  heute  potentiell  noch zu einer Risikogruppe  (vgl.  BVGE E­6220/2006  vom  27. Oktober  2011   E.  8.1   S.  25).  Indes  sind  den  Akten  kein  Bezug  des  Beschwerdeführers  zu  den  LTTE  zu  entnehmen.  Da  der  Beschwerdeführer  zudem  am  7. März  2008  sowie  am  1.  Juli  2008  von  einem  Gericht  ohne  Auflagen  freigesprochen  wurde,  ist  davon  auszugehen,  dass  seitens  der  sri­lankischen  Sicherheitskräfte  nichts  gegen  ihn  vorliegt.  Er  verfügt  folglich  über  kein  besonderes  Profil,  welches eine Gefährdung  im Sinne von Art.  3 AsylG als wahrscheinlich  erscheinen  lässt.  Der  Beschwerdeführer  macht  zwar  geltend,  die  sri­ lankischen  Sicherheitskräfte  würden  auch  nach  seiner  Freilassung  aus  der  Haft  nach  ihm  suchen.  Der  Umstand,  dass  die  geltend  gemachten  Inhaftierungen  in den Jahren 2007 beziehungsweise 2008 zum heutigen  Zeitpunkt  über  dreieinhalb  Jahre  zurückliegen  und  die  sri­lankischen  Sicherheitskräfte  seither  offenbar  nie  ernsthaft  versucht  haben,  den  Beschwerdeführer  zu  ergreifen,  was  ihnen  zweifellos  ohne  weiteres  möglich  wäre,  weist  auf  ein  mangelndes  Verfolgungsinteresse  der  sri­ lankischen Sicherheitskräfte hin.  7.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  nicht  schutzbedürftig im Sinne von Art. 3 AsylG ist. Aufgrund der vorstehenden  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  den  Eingaben  und  die  eingereichten  Beweismittel  einzugehen,  da  sie  am  Ergebnis  nichts  zu  ändern  vermögen. Das BFM hat  demnach  zu Recht  die Einreise in die Schweiz nicht bewilligt und das Asylgesuch abgelehnt.  8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

D­7669/2010 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  von  Fr.  600.–grundsätzlich  dem Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63 Abs.  1  und  5  VwVG).  Aus  verwaltungsökonomischen  Gründen  und  in  Anwendung  von  Art.  63  Abs.  1  in  fine  VwVG  und  Art.  6  Bst.  b  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  ist  auf  die  Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige schweizerische Vertretung. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Robert Galliker Matthias Jaggi Versand:

D-7669/2010 — Bundesverwaltungsgericht 02.02.2012 D-7669/2010 — Swissrulings