Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 05.09.2011 D-7093/2010

5 septembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,474 mots·~7 min·2

Résumé

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 2. September 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­7093/2010 Urteil   v om   5 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richter Hans Schürch,  Gerichtsschreiber Daniel Widmer. Parteien A.______, Afghanistan, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 2. September 2010 / (…).

D­7093/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  Afghanistan  (…).  Noch  am  selben  Tag  suchte  er  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  um  Asyl  nach.  Am  (…)  fand  dort  eine  erste  Befragung  statt.  Am  (…)  wurde  er,  ebenfalls  in  B._______,  durch das Bundesamt in Anwendung von Art. 29 Abs. 1 des Asylgesetzes  vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) angehört. Der Beschwerdeführer machte  im Wesentlichen geltend, er stamme aus  C.______,  in  der  Provinz Wardak,  und  sei  seit  dem  Jahr  2005/2006  in  Kabul wohnhaft gewesen. Wegen Streitigkeiten zwischen D.______ und  der  sesshaften  Bevölkerung  in  seinem  Heimatbezirk  sei  er  vom  Ältestenrat nach Hause bestellt und in der Folge ausgesandt worden, um  Waffen  für  die Selbstverteidigung  der Dorfbewohner  zu  kaufen. Auf  der  Rückfahrt mit dem mit Waffen beladenen Auto in den Heimatbezirk habe  er Behördenfahrzeuge erblickt. Um eine Kontrolle zu vermeiden, habe er  das  Auto  abgestellt  und  sei  zwecks  Flucht  in  den  nahen  Fluss  gesprungen.  In  der Folge habe er  sich während etwa zweier Monate  in  E.______ aufgehalten, bevor er nach Kabul zurückgekehrt sei, um seine  Ausreise  zu  organisieren.  Für  die  weiteren  Aussagen  des  Beschwerdeführers  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  auf  die  Protokolle bei den Akten verwiesen. B.  Mit Verfügung vom 2. September 2010 – eröffnet am 4. September 2010  – stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  aus  der  Schweiz  und ordnete den Vollzug an. Zur Begründung führte es  im Wesentlichen  aus,  die  geltend  gemachten  Verfolgungsvorbringen  genügten  den  Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht. So seien die Aussagen des  Beschwerdeführers  betreffend  die  Umstände  der  behördlichen  Suche  nach  ihm,  die  Warnungen  in  E._______  und  den  Fluchtort  seiner  Familienangehörigen  im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen  mit D.______ widersprüchlich ausgefallen. Auch habe er tatsachenwidrig  erklärt,  dass  es  vor  dem  Zeitraum  vom  (…)  nie  zu  solchen  Auseinandersetzungen gekommen sei. Der Vollzug der Wegweisung sei  zulässig, zumutbar und möglich. Insbesondere sei der Vollzug in eine der  als  vergleichsweise  sicher  einzustufenden  Provinzen  Parwan,  Baghlan, 

D­7093/2010 Takhar,  Badakshan,  Balkh,  Sari  Pul  und  Kabul  zuzumuten.  Auch  habe  der  junge,  gesunde,  über  einen  für  afghanische  Verhältnisse  hohen  Bildungsgrad  verfügende  Beschwerdeführer  seinen  Angaben  zufolge  einen sehr gut bezahlten Arbeitsvertrag mit (…) gehabt und seit dem Jahr  2005 eine (…) in Kabul besessen, wohin er zurückkehren könne, obwohl  sich seine Familienangehörigen in der Provinz Wardak aufhielten. C.   Mit Eingabe vom 29. September 2010 (Datum des Poststempels) an das  Bundesverwaltungsgericht  beantragte  der  Beschwerdeführer,  es  seien  die  Ziffern  4  und  5  (Vollzug  der  Wegweisung)  der  angefochtenen  Verfügung  aufzuheben,  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  prozessualer  Hinsicht  wurde  um  Erlass  der  Verfahrenskosten  und  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  ersucht.  Auf  die  Begründung  wird,  soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  4. Oktober  2010  teilte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mit,  dass  er  den  Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könne, setzte ihm Frist  zur  Einreichung  einer  Fürsorgebestätigung,  wobei  die  nachträgliche  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  vorbehalten  wurde,  und  verschob  den  Entscheid  über  das  Gesuch  um  Erlass  allfälliger  Verfahrenskosten  auf einen späteren Zeitpunkt. E.  Am  14. Oktober  2010  liess  der  Beschwerdeführer  eine  Fürsorgebestätigung nachreichen. F.  Mit  Vernehmlassung  vom  26.  Juli  2011  beantragte  das  BFM  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  der  ursprünglich  aus  der  Provinz  Wardak  stammende,  gesunde  und  noch  junge  Beschwerdeführer  habe  dort  noch  Familienangehörige,  welche  während der Auseinandersetzungen mit D.______ im Jahr (…) kurzzeitig  nach  Kabul  gekommen  seien.  Er  habe  im  Zeitraum  von  2005/2006  bis  (…)  2009  in  Kabul  gelebt,  wo  er  eine  Wohnung  von  einem  F.______  gemietet  habe,  den  er  später  zu  seinem  Freundeskreis  gezählt  habe.  Aufgrund  seiner  Tätigkeit  sei  von  einem  weiten  sozialen  Netz  in  Kabul  auszugehen.  Zudem  verfüge  er  über  eine  überdurchschnittliche 

D­7093/2010 Ausbildung und habe in der Vergangenheit sehr viel Geld verdient. Mithin  lägen begünstigende Umstände für eine Rückkehr vor. G.  Am  25. August  2011  nahm  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Replik  zum  Inhalt der Vernehmlassung Stellung. Dabei hielt er an seinen Vorbringen  fest.  Auf  die  weitere  Begründung  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  im  Bereich  des  Asylrechts  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsbegehrens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht;  der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt,  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  und  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art.108 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs.  1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 3. 

D­7093/2010 Die Ziffern 1, 2 und 3 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung vom  2. September 2010 betreffend die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft,  die Ablehnung des Asylgesuchs und die Wegweisung als solche blieben  vorliegend  unangefochten  und  sind  mit  Ablauf  der  Beschwerdefrist  in  Rechtskraft  erwachsen.  Die  Beschwerde  richtet  sich  einzig  gegen  den  Vollzug  der  Wegweisung.  Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  bildet  somit  einzig  (wie  in  der  Beschwerde  beantragt) die Frage, ob das Bundesamt den Vollzug der Wegweisung zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erklärt hat. 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 4.2. Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 4.2.1. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden.

D­7093/2010 4.2.2.  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da rechtskräftig feststeht,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  kann  das  in  Art. 5  AsylG  verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­ Refoulements im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. 4.2.3.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für  den Fall  einer Ausschaffung  in  seinen Heimatstaat dort mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3 EMRK oder Art.  1 FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung  drohen würde  (vgl. EGMR  [Grosse Kammer], Saadi gegen  Italien, Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124  bis  127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Dies  ist  ihm  nicht  gelungen.  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtslage in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzugs zum  heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. 4.2.4. Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 4.3.  4.3.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug der Wegweisung für  Ausländerinnen  oder  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 4.3.2. Die vormalige ARK setzte sich  in  ihrer Rechtsprechung mehrmals  eingehend  mit  der  Lage  in  Afghanistan  auseinander,  äusserte  sich  zu  verschiedenen  Provinzen  des  Landes  und  stellte  namentlich  die  Unterschiede  zwischen  der  Hauptstadt  Kabul  und  anderen  Regionen  Afghanistans  dar.  Dabei  erkannte  die  ARK  im  Jahre  2003  den 

D­7093/2010 Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  –  infolge  der  vergleichsweise  günstigeren  Situation  –  unter  bestimmten  strengen  Voraussetzungen,  insbesondere  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes,  der  Möglichkeit  der  Sicherung  des Existenzminimums  und  einer  gesicherten Wohnsituation,  als zumutbar (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 10 und Nr. 30). Im Jahre 2006  bestätigte die ARK ihre Rechtsprechung (vgl. EMARK 2006 Nr. 9), wobei  – zusätzlich  zu  Kabul  –  der  Wegweisungsvollzug  in  weitere,  abschliessend  aufgeführte  Provinzen  (Parwan,  Baghlan,  Takhar,  Badakhshan,  Kunduz,  Balkh,  Sari  Pul,  Herat  und  die  Gegend  von  Samangan, die nicht zum Hazarajat zu zählen  ist) unter den  in EMARK  2003  Nr. 10  erwogenen  strengen  Bedingungen  als  zumutbar  erklärt  wurde.  Betreffend  die  übrigen  östlichen,  südlichen  und  südöstlichen  Provinzen  stellte  die  ARK  demgegenüber  fest,  dass  dort  weiterhin  eine  allgemeine  Gewaltsituation  herrsche,  weshalb  der  Wegweisungsvollzug  dorthin nach wie vor als unzumutbar zu betrachten sei (vgl. EMARK 2006  Nr. 9  E. 7.5.3  und  7.8).  Diese  Rechtsprechung  der  ARK  wurde  vom  Bundesverwaltungsgericht bis dahin im Wesentlichen weitergeführt.  4.3.3. Aufgrund einer zunehmenden Verschlechterung der Verhältnisse in  Afghanistan unterzog das Bundesverwaltungsgericht die bisherige Praxis  einer  eingehenden  Prüfung.  Dabei  gelangte  das  Bundesverwaltungsgericht  im Rahmen einer erneuten Lageanalyse zum  Schluss, dass im Verlauf der letzten Jahre die allgemeine Sicherheitslage  in  Afghanistan  über  alle  Regionen  hinweg  –  inklusive  der  urbanen  Zentren und der Hauptstadt Kabul – deutlich schlechter geworden ist (vgl.  dazu zur Publikation vorgesehenes Urteil E­7625/2008 vom 16. Juni 2011  E. 9.1 – 9.7). Parallel zur allgemeinen Sicherheitslage hat sich namentlich  auch die humanitäre Situation  in Afghanistan verschlechtert, wobei aber  erhebliche  Unterschiede  zwischen  ländlichen  und  städtischen  Gebieten  festzustellen sind. Erweisen sich zum heutigen Zeitpunkt die Verhältnisse  in  ländlichen  Gebieten  grossmehrheitlich  als  absolut  prekär,  so  ist  zumindest  in  Kabul  eine  deutlich  bessere  Situation  anzutreffen,  zumal  sich  dort  nach  den  letzten  Jahren  auch  die  Sicherheitslage  wieder  stabilisiert  hat  (vgl.  a.a.O.,  E. 9.8 –9.9).  Unter  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  erachtet  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Wegweisungsvollzug  nach  Afghanistan  nur  als  zumutbar,  wenn  sich  im  Einzelfall erweist, dass die betroffene Person in Kabul sozial vernetzt ist,  sie  also  in  Kabul  über  ein  tragfähiges  soziales  Netz  im  Sinne  der  bisherigen  strengen  Anforderungen  nach  EMARK  2003  Nr. 10  verfügt.  Offengelassen  wurde  vom  Bundesverwaltungsgericht,  ob  betreffend  die 

D­7093/2010 Städte Herat und Mazar­i­Sharif  in gleicher Weise zu entscheiden wäre,  womit  aber  gleichzeitig  festgestellt  wurde,  dass  –  ausser  in  Kabul  und  allenfalls auch  in diesen beiden Städten –  in den meisten Gebieten von  einer  existenzbedrohenden  Situation  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 4  AuG  auszugehen ist. 4.3.4.  Der  Beschwerdeführer  stammt  nach  eigenen  Angaben  aus  C.______ in der Provinz Wardak. Der Wegweisungsvollzug dorthin  ist  in  Anwendung  der  dargelegten  Rechtsprechung  des  Gerichts  als  unzumutbar  zu  erachten,  zumal  vorliegend  keine  besonders  begünstigenden  Faktoren  bestehen.  Ein  Wegweisungsvollzug  in  die  Heimatprovinz  des  Beschwerdeführers  wurde  denn  auch  vom  BFM  in  seiner  Vernehmlassung  vom  26. Juli  2011  nicht  mehr  in  Betracht  gezogen; vielmehr wurde die die Zumutbarkeit eines solchen in die Stadt  Kabul  bejaht,  da der Beschwerdeführer  dort  über ein  soziales Netz und  eine Wohnmöglichkeit verfüge. Aufgrund der  vorstehenden Ausführungen  ist  daher  das Bestehen einer  zumutbaren  Aufenthaltsalternative  in  der  Stadt  Kabul  zu  prüfen.  Diesbezüglich  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  bereits  ab  dem Jahr 2005/2006, mit einem (…) Unterbruch im Jahr (…), als er sich  in  E._______  aufhielt,  bis  wenige  Tage  vor  seiner  Ausreise  aus  dem  Heimatstaat  über  E._______  und  G.______  im  (…)  2009  in  Kabul  wohnhaft war. Er habe dort über eine Immobilienfirma eine (…) zum Preis  von  (…)  gemietet  und  der  Wohnungseigentümer  sei  sein  Freund  geworden.  Auch  seine  Familienangehörigen  hätten  vorübergehend  in  Kabul  gewohnt.  Er  habe  über  einen  Arbeitsvertrag mit  (…)  verfügt  und  dort  als  (…)  gearbeitet.  Dabei  habe  er  etwa  (…)  pro  Tag  verdient.  In  seiner  Stellungnahme  vom  25. August  2011  wandte  der  Beschwerdeführer ein, es treffe zu, dass er in den Jahren 2005/2006 bis  2009 überdurchschnittlich gut verdient habe.  Indes habe er diese Arbeit  mit  Hilfe  von  H._______  erhalten.  Dieser  sei  (…)  gewesen  und  habe  demselben  Stamm  wie  seine  Familie  angehört.  Als  sein  –  des  Beschwerdeführers  –  Vater,  welcher  H._______  möglicherweise  persönlich  gekannt  habe,  gestorben  sei  (…),  habe  ihn  die  Mutter  um  (materielle) Hilfe gebeten. In der Folge seien sie von ihm gelegentlich mit  Lebensmitteln  unterstützt  worden.  H._______  habe  ihm  auch  die  erwähnte Arbeit in Kabul organisiert. Im November 2007 sei H._______ in  I.______  bei  (…)  ums  Leben  gekommen.  Deshalb  könne  er  bei  einer  Rückkehr nach Afghanistan nicht mehr auf dessen Unterstützung zählen.  Zudem habe er keine Familienangehörigen und wäre dort mithin auf sich 

D­7093/2010 alleine  gestellt  (vgl.  Stellungnahme  vom  25. August  2011).  Dieser  Einwand  des  Beschwerdeführers  steht  in  Widerspruch  zu  dessen  Aussage,  wonach  er  seine  Arbeit  aufgrund  der  im  Rahmen  eines  öffentlichen Wettbewerbs  (…)  durchgeführten  Prüfungen  erhalten  habe.  Er  vermag  mithin  aus  der  erwähnten  Stellungnahme  nichts  zu  seinen  Gunsten  abzuleiten.  Es  kommt  hinzu,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  eigenen Angaben zufolge, nachdem er verfolgt worden sei,  im Jahr  (…)  nach  E._______  begeben  habe  und  während  zweier  Monate  Dienstleistungen für (…) erbracht habe. Mithin ist es ihm auch nach dem  Tod  von  H._______  gelungen,  innert  sehr  kurzer  Zeit  andernorts  eine  Erwerbstätigkeit zu finden. Nach dem Gesagten kann klarerweise davon  ausgegangen  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Kabul  über  ein  tragfähiges  soziales  Netz  und  eine  gesicherte  Wohnsituation  verfügt.  Auch  sind  seine  Familienangehörigen  (…)  nach  wie  vor  in  Afghanistan  wohnhaft.  Sodann  sind  keine  weitere  individuellen  Gründe  ersichtlich,  aufgrund  derer  allenfalls  geschlossen  werden  könnte,  der  Beschwerdeführer  gerate  im  Falle  der  Rückkehr  nach  Kabul  in  eine  existenzbedrohende  Situation.  Bei  dieser  Sachlage  und  in  Berücksichtigung  des Umstandes,  dass  es  sich  beim Beschwerdeführer  um einen jungen und soweit ersichtlich gesunden Mann handelt, dem es  nicht  gelungen  ist,  eine  konkrete  Gefährdung  seiner  Person  dazutun,  nachdem  in  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  2. September  2010  rechtskräftig festgestellt worden ist, dass die von ihm geltend gemachten  Verfolgungsvorbringen  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  genügten,  ist  der  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  auch  im  Lichte  der  aktuellen Rechtsprechung zu Afghanistan sowohl in genereller als auch in  individueller Hinsicht als zumutbar zu erachten. 4.4.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  seines  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen Reisepapiere zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. auch  BVGE 2008/34  E. 12  S. 513 ff.),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch als möglich zu bezeichnen ist. 4.5.  Insgesamt  ist  der  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung zu bestätigen. Das BFM hat diesen zu Recht als zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung  der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art.83 Abs. 1 – 4 AuG). 5.  Zusammenfassend  ergibt  sich  somit,  dass  die  angefochtene  Verfügung 

D­7093/2010 Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  49  VwVG).  Die  Beschwerde ist daher abzuweisen. 6.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  dessen  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem  sich die Beschwerde jedoch zum Zeitpunkt ihrer Anhängigmachung nicht  als aussichtslos erwiesen hat und aufgrund der Aktenlage nach wie vor  von der  prozessualen Bedürftigkeit  des Beschwerdeführers  auszugehen  ist, ist das in der Beschwerde vom 29. September 2010 gestellte Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  (Art. 65  Abs. 1  VwVG  gutzuheissen  und  auf  die  Auferlegung  von  Verfahrenskosten  zu  verzichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­7093/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  In  Gutheissung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  werden  dem  Beschwerdeführer  die  Verfahrenskosten  erlassen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Martin Zoller Daniel Widmer Versand:

D-7093/2010 — Bundesverwaltungsgericht 05.09.2011 D-7093/2010 — Swissrulings