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Bundesverwaltungsgericht 27.12.2011 D-6211/2009

27 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,515 mots·~13 min·6

Résumé

Asyl und Wegweisung | Flüchtlingseigenschaft und Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. August 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­6211/2009 Urteil   v om   2 7 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiberin Viktoria Szczepinski. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan, vertreten durch Samuel Häberli, Freiplatzaktion Zürich,  Rechtshilfe Asyl und Migration, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. August 2009 / N (…).

D­6211/2009 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer suchte am 15. Mai 2007 erstmals  in der Schweiz  um Asyl  nach. Mit Verfügung  vom 21. Juni  2007  trat  das BFM auf  sein  Asylgesuch  nicht  ein  und  verfügte  gleichzeitig  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  deren  Vollzug.  Die  gegen  diese  Verfügung  erhobene  Beschwerde  wurde  mit  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­ 4425/2007 vom 8. Dezember 2008 abgewiesen. B.  Am  16. April  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter  ein  zweites  Asylgesuch  beim  Bundesamt  ein.  Zur  Begründung  machte  er  dabei  im  Wesentlichen  geltend,  er  habe  seit  November 2007 Kontakt mit dem Christlichen Treffpunkt B._______ und  nehme  seither  regelmässig  an  den  angebotenen  Bibelstunden  teil.  Er  engagiere sich nicht nur privat,  sondern auch  in öffentlicher Hinsicht  für  seine  neue  Glaubensüberzeugung,  indem  er  sich  dem  "Missionsteam"  des  Treffpunktes  angeschlossen  habe.  Am  29. März  2009  habe  er  sich  taufen  lassen. Mit  der  Konversion  vom  Islam  zum Christentum  bestehe  für ihn im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan eine begründete Furcht  vor zukünftiger Verfolgung. Er  legte  seine  Taufurkunde  vom  29. März  2009  sowie  ein  Bestätigungsschreiben  des  Leiters  der  Christlichen  Gemeinschaften  in  B._______ und C._______ vom 1. April  2009 bei,  um seine Konversion  zu untermauern. C.  Am 28. Juli 2009 wurde der Beschwerdeführer durch das BFM zu seinen  Asylgründen angehört. D.  Mit – am 31. August 2009 eröffneter – Verfügung vom 25. August  2009  lehnte das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete  dessen Wegweisung aus der Schweiz an. Den Wegweisungsvollzug nach  Afghanistan  erachtete  es  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Zudem  auferlegte  das  Bundesamt  dem  Beschwerdeführer  für  die  Verfahrenskosten eine Gebühr von Fr. 600.–. E.  Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 30. September 2009 erhob der 

D­6211/2009 Beschwerdeführer  gegen  diese  Verfügung  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  und  beantragte  in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung,  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  infolge  subjektiver  Nachfluchtgründe  sowie  die  Erteilung  der  vorläufigen  Aufnahme.  Eventualiter  sei  ihm  die  vorläufige  Aufnahme  infolge  Unzulässigkeit  oder  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  zu  gewähren.  In  prozessualer  Hinsicht  ersuchte  er,  es  seien  die  Vollzugsbehörden  im  Sinne  einer  vorsorglichen  Massnahme  anzuweisen,  die  Kontaktaufnahme  mit  dem  Heimatstaat  sowie  jegliche Weitergabe  von  Daten  an  denselben  bis  zum  Entscheid  über  die  Beschwerde  zu  sistieren,  allenfalls  sei  vor  einer  allfälligen  Ablehnung  der  Beschwerde  eine  eventuell  bereits  erfolgte  Datenweitergabe  offenzulegen  und  ihm  dazu  das  rechtliche  Gehör  im  Hinblick  auf  subjektive  Nachfluchtgründe  zu  gewähren.  Gleichzeitig  sei  ihm  eine  angemessene  Parteientschädigung  zu  entrichten.  Schliesslich  ersuchte  er  für  den  Fall  des  Unterliegens  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021) sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.  Auf  die  Begründung  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den  Erwägungen eingegangen. F.  Mit Zwischenverfügung vom 9. Oktober 2009 teilte der Instruktionsrichter  dem Beschwerdeführer mit, er könne den Ausgang des Verfahrens in der  Schweiz  abwarten.  Gleichzeitig  verfügte  er,  dass  über  das  Gesuch  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  VwVG  im  Endentscheid  befunden  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet  werde.  Zudem  lud  er  die  Vorinstanz  zur  Einreichung einer Stellungnahme bis zum 30. Oktober 2009 ein. G.  Das Bundesamt  beantragte  in  seiner Vernehmlassung  vom 13. Oktober  2009  die  Abweisung  der  Beschwerde  und  hielt  fest,  die  Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine Änderung  des  vorinstanzlichen Standpunktes  zu  rechtfertigen  vermöchten.  Im  Übrigen  werde  auf  die  Erwägungen  in  der Verfügung verwiesen, an welchen es vollumfänglich festhalte. H.  Die  Vernehmlassung  wurde  dem  Beschwerdeführer  durch  das 

D­6211/2009 Bundesverwaltungsgericht  am  14. Oktober  2009  zur  Kenntnisnahme  zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).  Eine  solche  Ausnahme  liegt  nicht  vor,  das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet demnach endgültig. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  –  unter  Vorbehalt  der  nachfolgenden  E.  7. –  einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

D­6211/2009 3.  Einleitend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  zwar  das  Rechtsbegehren  betreffend  vorläufige  Aufnahme  als  Flüchtling  stellte  (Rechtsbegehren  1),  nicht  aber  die  Gewährung  von  Asyl  beantragte.  Deshalb  ist  mit  Ablauf  der  Beschwerdefrist  die  Dispositivziffer  2  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  25. August  2009  in  Rechtskraft  erwachsen. Da die Folge eines negativen Asylentscheides  in der Regel  die  Wegweisung  ist  und  der  Beschwerdeführer  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen  verfügt  (vgl.  BVGE  2009/50 E. 9  S.  733,  BVGE  2008/34  E.  9.2  S.  510,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2001  Nr.  21),  ist  Dispositivziffer  3  der  angefochtenen  Verfügung  ebenfalls  in  Rechtskraft  erwachsen.  Beschwerdegegenstand  ist  somit  die  Frage,  ob  der  Beschwerdeführer  als  Flüchtling  anzuerkennen  ist  und  ob  die  Voraussetzungen des Wegweisungsvollzuges erfüllt sind. 4.  4.1. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in  dem  sie  zuletzt  wohnten,  wegen  ihrer  Rasse,  Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  sind  oder  begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.3.  Wer  sich  darauf  beruft,  dass  durch  seine  Ausreise  oder  sein  Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat­ oder Herkunftsstaat eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist,  sich  somit  auf  das  Vorliegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  (Art.  54  AsylG)  beruft,  hat  begründeten  Anlass  zur  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung,  wenn  der 

D­6211/2009 Heimat­  oder Herkunftsstaat mit  erheblicher Wahrscheinlichkeit  von den  Aktivitäten  im  Ausland  erfahren  hat  und  die  Person  deshalb  bei  einer  Rückkehr  in  flüchtlingsrechtlich  relevanter Weise  verfolgt  würde  (BVGE  2009/29  E. 5.1  S. 376  f.,  BVGE  2009/28  E. 7.1  S. 352,  EMARK  2006  Nr. 1 E. 6.1 S. 10, UNHCR, Handbuch über Verfahren und Kriterien  zur  Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Genf 1979, Rz. 80). 5.  5.1.  Das  BFM  führte  zur  Begründung  seines  ablehnenden  Asylentscheides vom 25. August 2009 im Wesentlichen aus, aufgrund der  in  der  Anhörung  geltend  gemachten  Angaben  sei  davon  auszugehen,  dass die vom Beschwerdeführer behauptete Konversion zum Christentum  nur  formal  erfolgt  sei,  um  ein  Aufenthaltsrecht  in  der  Schweiz  zu  erlangen. Seine Angaben bezüglich der religiösen Einstellung als Moslem  und der behaupteten Konversion seien wenig überzeugend ausgefallen.  Zudem  habe  er  nicht  überzeugend  darlegen  können,  weshalb  ihn  die  Glaubenssätze  des  Christentums mehr  als  der  Islam  überzeugt  hätten.  Abgesehen davon verfüge der Beschwerdeführer über keine Kenntnisse  bezüglich  des  Christentums.  Sodann  seien  seine  Ausführungen  zur  konkreten  religiösen Betätigung wenig überzeugend ausgefallen. Da die  Konversion  nicht  auf  einem  ernst  gemeinten  religiösen  Gesinnungswandel  mit  einer  festen  Überzeugung  beruhe,  könne  dem  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  zugemutet  werden,  seine  christliche  Glaubenszugehörigkeit  zu  widerrufen,  zu  verleugnen  oder  abzustreiten,  um  sich  so  allfälligen  Repressionen  zu  entziehen.  Die  Täuschung Andersgläubiger durch die Verstellung des eigenen Glaubens  sei  bei  den  Schiiten  ausdrücklich  erlaubt.  In  der  Diaspora  werde  die  Täuschung  von  Andersgläubigen  auch  durch  die  Sunniten  als  legitim  erachtet.  Den  afghanischen  Behörden  sei  zudem  bewusst,  dass  viele  Afghanen  in  der  Schweiz  unter  Vorspiegelung  falscher  Gründe  ein  Asylgesuch  stellten,  um  sich  hier  ein  Bleiberecht  zu  sichern.  Der  Beschwerdeführer  müsse  deshalb  nicht  befürchten,  wegen  seiner  rein  formal  aus  asyltaktischen  Gründen  erfolgten  Konversion  bei  einer  Rückkehr  asylrelevante  Nachteile  zu  erleiden.  Die  Vorbringen  seien  deshalb  asylrechtlich  nicht  beachtlich  und  ihnen  komme  keine  Asylrelevanz zu. 5.2.  Der  Beschwerdeführer  führte  in  seiner  Beschwerdeeingabe  vom  30. September 2009 im Wesentlichen aus, er habe plausibel ausgeführt,  weshalb ihn der Islam insgesamt nicht zu überzeugen vermocht  habe. In  seinen Aussagen komme mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck, dass er die 

D­6211/2009 spirituelle  Ebene  der  Religion,  die  innige  Beziehung  zu  Gott  im  Islam  nicht  gefunden  habe  und  er  bloss  nach  den  "Vorschriften"  des  Islam  gelebt  habe.  Weiter  weise  er  zwar  tatsächlich  keine  besonders  detaillierten  Kenntnisse  zum  Christentum  auf,  jedoch  habe  er  die  Grundzüge  klar  wiedergeben  können.  Eine  akademisch­intellektuelle  Wiedergabe  des  christlichen  Glaubenssystems  könne  von  ihm  nicht  erwartet werden, da er aus einem bäuerlichen sozialen Milieu entstamme,  über  einen minimalen  Bildungshintergrund  von  etwa  viereinhalb  Jahren  verfüge und ausschliesslich körperliche Arbeit ausgeführt habe. 5.3. Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Befürchtung, bei einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  wegen  der  Abkehr  vom  Islam  beziehungsweise  der  Konversion  zum  Christentum  ernsthaften  Nachteilen  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  ausgesetzt  zu  sein,  gründet  auf  einem  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem Herkunftsstaat  und  damit  auf subjektiven Nachfluchtgründen. Es stellt sich demnach die Frage, ob  der Beschwerdeführer aufgrund seiner Konversion  zum Christentum die  Flüchtlingseigenschaft erfüllt. 5.3.1. Weniger als 1% der Bevölkerung Afghanistans sind Christen (84%  sind  sunnitische  und  15%  sind  schiitische  Muslime).  Bei  afghanischen  Christen handelt es sich im Wesentlichen um vom Islam zum Christentum  konvertierte  Personen.  Für  sie  gibt  es  keine  Möglichkeit  der  offenen  Religionsausübung  ausserhalb  des  häuslichen  Rahmens.  Auch  ausländische  Christen  üben  ihre  Religion  grundsätzlich  zurückhaltend  aus. Afghanen, die verdächtigt oder beschuldigt werden, vom Islam zum  Christentum  übergetreten  zu  sein,  können  einem  Verfolgungsrisiko  ausgesetzt  sein.  Das  Risiko  geht  dabei  von  Familien­  und  Sippenmitgliedern wie auch von Angehörigen der weiteren Gemeinschaft  aus.  Auch  Übergriffe  von  staatlicher  Seite  gegen  Konvertiten  sind  denkbar. In Kabul und im ganzen Land wird heute praktisch wieder nach  der  Scharia  geurteilt,  nach  der  „Abtrünnige  vom  Islam“  streng  bestraft  werden.  Die  Verhältnisse  in  den  Provinzen  sind  nicht  anders.  Je  nach  Interpretation der Scharia können Konvertiten auch mit dem Tode bestraft  werden (vgl. zum Ganzen: UNHCR Eligibility Guidelines for Assessing the  International  Protection  Needs  of  Asylum­Seekers  from  Afghanistan,  17. Dezember 2010, S. 18 ff.; CORINNE TROXLER GULZAR [Schweizerische  Flüchtlingshilfe, SFH], Afghanistan: Update, Die aktuelle Sicherheitslage,  23. August 2011, S. 15; U.S. Department of State, International Religious  Freedom Report 2010 – Afghanistan, 13. September 2011).

D­6211/2009 Trotz dieser Feststellungen kann nicht von einer allgemeinen, alleine an  das Bekenntnis  zum Christentum anknüpfenden Verfolgungssituation  im  Sinne einer Kollektivverfolgung ausgegangen werden. Die Anforderungen  an die Feststellung einer Kollektivverfolgung sind, gemäss einer auch für  das  Bundesverwaltungsgericht  nach wie  vor  geltenden Rechtsprechung  der Schweizerische Asylrekurskommission (ARK), sehr hoch. Alleine die  Zugehörigkeit  zu  einem  Kollektiv,  welches  in  seinen  spezifischen  Eigenschaften  Ziel  einer  Verfolgungsmotivation  ist,  reicht  in  der  Regel  nicht, um eine Kollektivverfolgung zu begründen. Vielmehr kommen auch  bei geltend gemachter Verfolgung aufgrund der blossen Zugehörigkeit zu  einem bestimmten Kollektiv  die Kriterien  der  ernsthaften Nachteile  oder  der  begründeten  Furcht  gemäss  Art. 3  AsylG  zur  Anwendung.  Solange  die Übergriffe  gegen  das Kollektiv  nicht  derart  intensiv  und  häufig  sind,  dass  jedes  Gruppenmitglied  mit  guten  Gründen  befürchten  muss,  getroffen  zu  werden,  müssen  besondere  Umstände  vorliegen,  damit  bereits  aufgrund  der  blossen  Zugehörigkeit  zu  einem  bestimmten  Kollektiv die Ernsthaftigkeit  der Nachteile oder Begründetheit der Furcht  als erfüllt betrachtet werden können (vgl. EMARK 2006 Nr. 1 E. 4.3, S. 3  f.,  mit  weiteren  Hinweisen).  Solche  Umstände  liegen  zur  Zeit  in  Afghanistan nicht vor. Namentlich geht auch das UNHCR nicht von einer  Kollektivverfolgung  aus,  sondern  betont  die  Notwendigkeit  der  individuellen Prüfung in jedem Fall, ob konkret eine Gefährdung aufgrund  der  Konversion  bestehe  (vgl.  dazu  insbesondere  UNHCR  Eligibility  Guidelines  for  Assessing  the  International  Protection  Needs  of  Asylum­ Seekers from Afghanistan, Juli 2009, S. 18). 5.3.2. Vorliegend  ist einerseits  festzustellen, dass der Beschwerdeführer  im Verlaufe des zweiten Asylverfahrens zwar Unterlagen zu seiner erst in  der  Schweiz  durchgeführten  Konversion  zu  den  Akten  reichte,  jedoch  ausser  der  generellen  Aussage,  wegen  derselben  bei  einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  an  Leib  und  Leben  gefährdet  zu  sein,  keine  Ausführungen  zu  einer  allfälligen,  individuell  drohenden  Gefährdung  aufgrund  seiner  Konversion  zum  Christentum  geltend  machte.  Die  Argumentation  des  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung,  dass  der  Beschwerdeführer  eine  allfällige  Konversion  widerrufen,  verheimlichen  oder  abstreiten  könnte,  um  sich  allfälligen  Repressionen  zu  entziehen,  vermag nicht zu überzeugen. Im Ergebnis würde dies dazu führen, jedes  vom  Verfolgerstaat  nicht  gebilligte  Verhalten  zum  Vornherein  als  nicht  asylrelevant  zu  erachten.  Indessen  ergeben  sich  in  casu  aufgrund  der  Aktenlage  keine  hinreichend  konkreten  Anhaltspunkte  auf  eine  begründete Furcht vor künftiger Verfolgung (vgl. EMARK 2004 Nr. 1 E. 6a 

D­6211/2009 S. 9  f.). Zwar habe er seiner Frau von seiner Konversion erzählt  (Akten  BFM B9/16  S. 15),  jedoch  lebe  diese mit  seiner  Familie  im  Iran  (Akten  BFM  A1/8  S. 2,  A7/9  S. 3).  Es  wird  auch  nicht  aufgezeigt,  dass  die  Konversion überhaupt jemanden in Afghanistan, wo er eigenen Angaben  zufolge  seit  anfangs  [Datum]  nicht  mehr  gelebt  hat,  bekannt  geworden  wäre.  Weshalb  gerade  er  individuelle  und  gezielte  Übergriffe  von  staatlicher  Seite  gewärtigen  müsste,  wird  nicht  hinlänglich  deutlich  aufgezeigt  und  es  ist  nicht  ersichtlich,  wie  oder  durch  wen  der  afghanische Staat Kenntnis von seiner Konversion erhalten haben sollte. Anderseits  kommt  das  Gericht  in  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  zum  Schluss,  dass  die  angebliche  Konversion  aufgrund  der  gesamten  Verfahrensumstände ohnehin als unglaubhaft erachtet werden muss. Der  Beschwerdeführer  konnte  nicht  nachvollziehbar  darlegen,  weshalb  ihn  der  Islam  nicht  überzeugt  hat.  Seine  diesbezüglichen  Aussagen  fielen  sehr allgemein aus. So habe er als Moslem seinen Weg zu Gott und zu  seiner  Liebe  nicht  gefunden  und  keine  Beziehung  zu  ihm  gehabt.  Als  Christ  spüre er,  dass Gott  etwas Liebes sei  (B9/16 S. 4 und 6). Es  fällt  zudem  auf,  dass  er  zwar  die  Geburt  und  Auferstehung  von  Jesus  als  Feste kannte, hingegen konnte er diese weder benennen noch angeben,  wann diese gefeiert werden (B9/16 S. 12). Dies erstaunt umso mehr, da  er  gemäss  seinen eigenen Aussagen  seit Anfang 2008 – mithin bis  zur  Befragung  seit  eineinhalb  Jahren  –  jeden  Sonntag  zum  Christlichen  Treffpunkt  B._______  gehe  und  dort  den  Gottesdienst  besuche  (B9/16  S. 8 und 9). Neben diesem Gottesdienst auf Deutsch, komme er unter der  Woche und in Zusammenhang mit der "afghanischen Kirche" mit anderen  Afghanen zusammen; diese hätten auch schon ein Seminar organisiert,  an  welchem  er  auch  teilgenommen  habe  (B9/16  S. 9).  Überdies  sind  seine Angaben bezüglich  des ersten Kontaktes  zum Christentum  in  der  Schweiz  widersprüchlich  ausgefallen.  Gemäss  der  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  zum  zweiten  Asylgesuch  und  dem  Bestätigungsschreiben  des  Leiters  der  Christlichen  Gemeinschaften  sei  er bereits im November 2007 mit der christlichen Gemeinde B._______ in  Kontakt  gekommen  und  habe  dort  an  Bibelstunden  teilgenommen.  Bei  der  Anhörung  führte  er  hingegen  aus,  seine  Kontaktaufnahme  sei  anfangs 2008 im Durchgangszentrum in D._______ gewesen, wo er auch  die Bibel gelesen habe (B9/16 S. 6 und 7). In der Beschwerde räumt der  Rechtsvertreter  des Beschwerdeführers  zwar  einen Widerspruch  ein;  er  bringt  jedoch  vor,  dass  sich  der  Leiter  der Christlichen Gemeinschaften  im Datum  geirrt  habe  und  die  Angaben  des  Beschwerdeführers  korrekt  seien.  Dieser  Einwand  vermag  das  Gericht  nicht  zu  überzeugen  und 

D­6211/2009 muss  als  nachgeschoben  qualifiziert  werden,  zumal  sowohl  das  Datum  als  auch  der  Ort  des  ersten  Kontaktes  mit  dem  Christentum  nicht  übereinstimmen.  Im  Weiteren  schliesst  sich  das  Bundesverwaltungsgericht  vorliegend  den  von  der  Vorinstanz  im  angefochtenen  Entscheid  angeführten  Erwägungen  respektive  Zweifeln  bezüglich  der  geltend  gemachten  Konversion  des  Beschwerdeführers  zum  Christentum  an,  weshalb  zur  Vermeidung  von  Wiederholungen  grundsätzlich  auf  die  entsprechenden  Ausführungen  des  BFM  zu  verweisen ist. Soweit  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmitteleingabe  anführt,  es  könne  keine  akademisch­intellektuelle  Wiedergabe  des  christlichen  Glaubenssystems  verlangt  werden,  vermag  dieser  Einwand  an  obiger  Einschätzung  nichts  zu  ändern. So  sollte  der Beschwerdeführer  –  auch  wenn er einen minimalen Bildungshintergrund besitzt und aus einfachen  Verhältnissen  stammt  –  in  der  Lage  sein,  in  seinen  eigenen Worten  in  überzeugender Weise die Gründe seiner Konversion darzulegen und den  Grund  dafür,  warum  gerade  das  Christentum  für  die  andersgläubigen  Moslems,  die  er  zu  missionieren  versuche,  als  die  wahre  und  richtige  Religion  angesehen  werden  müsse,  in  einleuchtender  Weise  zu  formulieren. So bedarf es eines erhöhten Argumentationsaufwandes und  einigermassen gut abgestützter Kenntnisse sowohl des Christentums als  auch  des  Islam,  um  vormalige  Glaubensbrüder  des  Beschwerdeführers  von  seiner  "neuen" Religion  zu  überzeugen und gleichzeitig  zur Abkehr  vom Islam zu bewegen. 5.3.3. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllt.  Die  Vorbringen  in  der  Rechtsmittelschrift  sind  nicht  geeignet,  eine  Änderung  der  vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken, da der Argumentation des BFM  keine  stichhaltigen  und  substanziierten  Gründe  entgegengehalten  werden.  Der  Beschwerdeführer  konnte  keine Gründe  nach Art. 3  AsylG  nachweisen oder glaubhaft machen. Die Vorinstanz hat daher  zu Recht  und  im  Wesentlichen  mit  zutreffender  Begründung  die  Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint. 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 

D­6211/2009 vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Gemäss ständiger Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln.  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen  Aufnahme  steht dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an  das Bundesverwaltungsgericht  offen  (Art. 112 AuG  i.V.m. Art. 84 Abs. 2  AuG).  In diesem Verfahren wäre dann der Vollzug der Wegweisung vor  dem Hintergrund sämtlicher Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach  Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen  (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 6.2.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend  aufgeführten  Gründen  –  als  unzumutbar  erweist,  ist  dementsprechend  auf  eine  Erörterung  der  beiden  anderen  Kriterien  zu  verzichten. 6.2.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom 8. März 2002, BBl 2002 3818; BVGE 2009/51 E. 5.5 S. 748, BVGE  2009/52 E. 10.1 S. 756 f.). 6.2.2. Das Bundesverwaltungsgericht verfolgt die Entwicklung der Lage in  Afghanistan kontinuierlich. Im zur Publikation vorgesehen Grundsatzurteil  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011  hat  es  eine  aktuelle  Einschätzung  vorgenommen,  gemäss  welcher  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  prekäre  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestehen, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren ist.

D­6211/2009 Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  ist  die  Situation  in  der  Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  hat  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  ist,  kann  der  Vollzug  der  Wegweisung nach Kabul unter Umständen als zumutbar erachtet werden. Solche Umstände könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handelt. Angesichts der konstanten Verschlechterung der Lage über die  vergangenen Jahre hinweg und der auch  in Kabul schwierigen Situation  versteht  es  sich  indessen  von  selbst,  dass  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr. 10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssen,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar  ist  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  das  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehrers  als  tragfähig  erweist.  Ohne  Unterstützung  durch  Familie  oder  Bekannte  würden  die  schwierigen  Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in eine lebensbedrohende  Situation führen. Für einen Rückkehrer aus Europa besteht, aufgrund der  Vermutung, dass er Devisen auf sich trägt, gleich nach seiner Ankunft in  Kabul ein erhöhtes Risiko, entführt oder überfallen zu werden. Verfügt er  auf der anderen Seite über keine genügenden finanziellen Mittel, hätte er  ohne soziale Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft.  Auch  bei  der  Arbeitssuche  ist  die  Anstellung  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne  die  Hilfe  von  nahe  stehenden  Personen  ebenfalls  kaum möglich,  und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig;  Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder  internationaler  Organisationen  können  laut  zuverlässigen Quellen  daran nichts  ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.). Die Frage, ob  hinsichtlich  der  Städte  Mazar­i­Sharif  und  Herat  in  Bezug  auf  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  Ähnliches  gesagt  werden  könne wie zu Kabul, wurde im erwähnten Grundsatzurteil offengelassen,  weil  von  vornherein  ungenügende  Anknüpfungspunkte  bestanden  (vgl.  a.a.O. E. 9.9.3).

D­6211/2009 6.2.3. Der Beschwerdeführer machte geltend, er stamme aus E._______,  Provinz  F._______,  wo  er  bis  etwa  [Datum]  gelebt  habe.  Nach  dem  vorstehend  Gesagten  (vgl.  E. 6.2.2.)  und  entgegen  der  Auffassung  der  Vorinstanz ist ein Wegweisungsvollzug in diese Provinz unzumutbar.  6.2.4. Übereinstimmend mit der Vorinstanz ist zwar festzustellen, dass es  der  Beschwerdeführer  bis  heute  unterlassen  hat,  den  schweizerischen  Asylbehörden  ein  rechtsgenügliches  Reise­  oder  Identitätspapier  einzureichen, weswegen seine Identität und seine genaue Herkunft nicht  mit Sicherheit  feststeht. Nachdem sich nun  jedoch gemäss der  jüngsten  Rechtsprechung  die  als  sicher  einzuschätzenden Orte  im Wesentlichen  auf  Kabul  und  eventuell  einige  wenige  andere  Grossstädte  reduziert  haben, kann aus heutiger Sicht – entgegen der Ansicht des BFM – nicht  mehr davon ausgegangen werden, der Beschwerdeführer gerate im Falle  einer Rückkehr nach Afghanistan nicht in eine existenzielle Notlage. Aus  den Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer im Jahre [Datum] fünf  oder sechs Monate in Kabul wohnte und eine Tante mütterlicherseits dort  lebt.  Indessen  dürften  diese  Umstände  allein  nicht  ausreichen,  die  Existenz  des  Beschwerdeführers  in  Kabul  als  gesichert  zu  betrachten,  zumal er dort nur kurze Zeit lebte und zur Tante keine näheren Angaben  bekannt  sind.  Gleichzeitig  ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  Blick  auf  die  fehlende  Schulbildung  sowie  unter  Berücksichtigung  der  schwierigen  Arbeitsmarktsituation  in  Kabul  wohl  Mühe haben dürfte, innert angemessener Frist eine Anstellung zu finden,  mit  welcher  er  seinen  Lebensunterhalt  sowie  jenen  seiner  Ehefrau  und  der  beiden  Kinder  verdienen  könnte.  Da  die  vorstehend  genannten  restriktiven  Bedingungen  vorliegend  nicht  erfüllt  sind,  erweist  sich  eine  Aufenthaltsalternative in Kabul als unzumutbar. 6.2.5.  Der  Beschwerdeführer  machte  in  der  Kurzbefragung  des  ersten  Asylverfahrens  geltend,  er  habe  eine  Schwester  in  Mazar­i­Sharif.  Im  vorliegenden  Fall  fehlt  es  aber  angesichts  der  blossen  Nennung  einer  Schwester  anlässlich  der  Kurzbefragung,  von  welcher  keine  weiteren  Angaben  bekannt  sind,  auch  bezüglich  Mazar­i­Sharif  bereits  an  der  Voraussetzung  einer  tragfähigen  sozialen  Vernetzung,  weshalb  der  Wegweisungsvollzug  dorthin  ohne  eingehendere  weitere  Prüfung  im  Berücksichtigung der Praxis auch als nicht zumutbar zu erachten ist.  6.3. Der Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan im Sinne von Art. 83  Abs. 4  AuG  erweist  sich  insgesamt  als  unzumutbar. Den Akten  können  ausserdem  keine  Ausschlussgründe  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 7  AuG 

D­6211/2009 entnommen werden, weshalb die Voraussetzungen für die Anordnung der  vorläufigen Aufnahme erfüllt sind. 7.  Der Antrag in der Beschwerde, im Sinne einer vorsorglichen Massnahme  sei die Kontaktaufnahme mit dem Heimat­ oder Herkunftsstaat sowie jede  Weitergabe  von  Daten  an  denselben  bis  zum  Endentscheid  zu  unterlassen,  wird  mit  dem  vorliegenden  Urteil  gegenstandslos,  zumal  vorsorgliche  Massnahmen  ohnehin  lediglich  für  die  Dauer  des  Beschwerdeverfahrens  wirksam  wären.  Im  Übrigen  geht  aus  den  dem  Gericht  vorliegenden  Akten  nicht  hervor,  die  Vorinstanz  habe  den  Beschwerdeführer betreffende Daten an den Heimatstaat weitergegeben,  weshalb  auf  das  Eventualbegehren,  es  sei  bei  bereits  erfolgter  Datenweitergabe  dem  Beschwerdeführer  dazu  das  rechtliche  Gehör  im  Hinblick  auf  subjektive  Nachfluchtgründe  zu  gewähren,  mangels  Rechtsschutzinteresses  im Rahmen dieses Verfahrens nicht  einzutreten  ist. 8.  Die  Beschwerde  ist  nach  dem  Gesagten  gutzuheissen,  soweit  sie  den  Vollzug  der Wegweisung  betrifft.  Im Übrigen  ist  sie  abzuweisen,  soweit  darauf  einzutreten  ist.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  25. August  2009  sind  demnach  aufzuheben  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  Art. 44  Abs. 2  AsylG  und  Art. 83  Abs. 4 AuG). 9.  Aufgrund  der  teilweisen  Gutheissung  der  Beschwerde  ist  die  von  der  Vorinstanz  für  das  erstinstanzliche  Verfahren  erhobene  Gebühr  (Dispositivziffer 6) auf Fr. 300.– herabzusetzen. 10.  10.1. Der  Beschwerdeführer  hat  im  Rahmen  der  Beschwerdebegehren  ein  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  gestellt.  Gemäss  Art. 65  Abs. 1  VwVG  befreit  die  Beschwerdeinstanz  nach  Einreichung  der  Beschwerde  eine Partei,  die  nicht  über  die  erforderlichen Mittel  verfügt,  auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren  nicht aussichtslos erscheint.

D­6211/2009 10.2. Aus der Datenbank des "Zentralen Migrationsinformationssystems"  des  BFM  (ZEMIS,  vgl.  ZEMIS­Verordnung  vom  12. April  2006  [SR  142.513]) ist ersichtlich, dass der Beschwerdeführer seit dem 1. Juli 2011  einer  Erwerbstätigkeit  nachgeht  und  deshalb  nicht  als  bedürftig  zu  erachten  ist.  Mangels  Erfüllen  der  kumulativen  Voraussetzungen  von  Art. 65 Abs. 1 VwVG ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege  –  soweit  nicht  durch  die  teilweise  Gutheissung  der  Beschwerde hinfällig geworden – abzuweisen. 10.3. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist dem Beschwerdeführer ein  um  die  Hälfte  reduzierter  Anteil  der  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  und  5  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 300.–  festzusetzen  (Art. 1  – 3 des Reglements  vom 21. Februar  2008 über die Kosten und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]). 10.4.  Eine  teilweise  obsiegende  Partei  hat  Anspruch  auf  eine  Entschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  (Art. 64  Abs. 1  VwVG  und  Art. 7  ff.  VGKE).  Nachdem  der  vertretene  Beschwerdeführer  teilweise –  hinsichtlich  der  Frage  des  Wegweisungsvollzuges  –  mit  seiner  Beschwerde  durchgedrungen  ist,  ist  ihm  eine  um  die  Hälfte  reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen.  In  der  Beschwerdeschrift  vom  30. September  2009  wurde  von  der  Rechtsvertretung  der  bisherige  Aufwand  mit  Fr. 610.–  beziffert.  Obschon  keine  detaillierte  Kostennote  eingereicht  wurde,  erscheint  dieser  Betrag  unter  Berücksichtigung  von  Umfang und Schwierigkeit des vorliegenden Verfahrens als angemessen.  Die  Vorinstanz  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  um  die  Hälfte reduzierte Parteientschädigung von insgesamt Fr. 305.– (inklusive  Auslagen und allfällige Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­6211/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  sie  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges,  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  sowie  die  Reduktion  der  vom  BFM  erhobenen  Gebühr  betrifft.  Im  Übrigen  wird  die  Beschwerde  abgewiesen,  soweit  darauf eingetreten wird. 2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  Verfügung  des  BFM  vom  25. August 2009 werden aufgehoben. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer  vorläufig  aufzunehmen. 4.  In Abänderung von Ziffer 6 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom  25. August  2009  wird  die  Gebühr  für  das  vorinstanzliche  Verfahren  auf  Fr. 300.– herabgesetzt. 5.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  abgewiesen.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 300.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 6.  Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  Parteientschädigung  von  Fr. 305.–  auszurichten. 7.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Viktoria Szczepinski Versand:

D-6211/2009 — Bundesverwaltungsgericht 27.12.2011 D-6211/2009 — Swissrulings