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Bundesverwaltungsgericht 20.02.2012 D-6192/2009

20 février 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,248 mots·~16 min·3

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 30. September 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­6192/2009 law/mah Urteil   v om   2 0 .   Februar   2012 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Pietro Angeli­Busi, Gerichtsschreiberin Sarah Mathys. Parteien A._______, geboren am […], B._______, geboren am […], C._______, geboren am […], D._______, geboren am […], E._______, geboren am […], F._______, geboren am […], G._______, geboren am […], H._______, geboren am […], I._______, geboren am […], Russland,  alle vertreten durch lic. iur. Mustafa Ates, Advokat, […] Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung  (Dublin­Verfahren);  Verfügung des BFM vom 30. September 2009 / N […].

D­6192/2009 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden,  russische  Staatsangehörige  tschetschenischer  Ethnie  mit  letztem  Wohnsitz  in  Grosny,  reisten  im  August 2009 aus Tschetschenien aus und stellten am 13. August 2009 in  Lublin  (Polen)  ein  Asylgesuch.  Noch  am  gleichen  Tag  verliessen  sie  Polen  und  gelangten  am  17. August  2009  in  die  Schweiz,  wo  sie  gleichentags um Asyl nachsuchten. B.  B.a  Am  21. August  2009  erhob  das  BFM  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum (EVZ) Basel die Personalien der Eltern und befragte  sie  summarisch  zum Reiseweg  und  zu  den Gründen  für  das Verlassen  des  Heimatlandes.  Gleichzeitig  gab  es  ihnen  die  Möglichkeit,  zu  einer  allfälligen Rücküberstellung nach Polen Stellung zu nehmen. B.b Der Beschwerdeführer machte zur Begründung seines Asylgesuchs  geltend, er  führe ein Geschäft  und habe auf Anfrage von J._______ ab  dem  Jahre  2006  tschetschenische Rebellen mit  Lebensmitteln  versorgt.  J._______  sei  im  […]  von M._______s  […]  umgebracht  worden.  In  der  Nacht  vom  7. auf  den  8. August  2009  sei  er  von  drei  Männern  von  zuhause mitgenommen, inhaftiert und zu den Partisanen befragt worden.  Am 8. August 2009 sei er gegen Mittag freigelassen worden. In der Nacht  vom 9. auf den 10. August 2009 seien sie ausgereist. Im Hinblick auf eine  eventuelle  Rücküberstellung  nach  Polen  im  Rahmen  eines  Dublin­ Verfahrens machte er geltend, er habe dort nur gezwungenermassen ein  Asylgesuch gestellt. Er könne nicht dorthin zurück, da seine Familie und  er dort gefährdet wären. Jeder Mensch könne ohne Papiere nach Polen  einreisen und sie umbringen. B.c  Die  Beschwerdeführerin  ihrerseits  machte  zur  Begründung  ihres  Asylgesuchs  geltend,  sie  persönlich  habe  keine  Probleme  in  Tschetschenien  gehabt,  bis  ihr  Mann  ihr  eines  Tages  mitgeteilt  habe,  dass  ihr  Leben  gefährdet  sei  und  sie  dringend  ausreisen  müssten.  Im  Hinblick  auf  eine  eventuelle  Rücküberstellung  nach  Polen  im  Rahmen  eines Dublin­Verfahrens erklärte sie,  ihr Mann habe  ihr gesagt, dass sie  nicht  nach Polen  zurückkehren  könnten. Sie wäre  am  liebsten  zuhause  geblieben.  Sollten  sie  zurück  nach  Polen  reisen,  sei  sie  dazu  bereit,  vorausgesetzt ihr Mann sei damit einverstanden.

D­6192/2009 C.  Am  28. August  2009  reichten  die  Beschwerdeführenden  durch  ihren  vormaligen  Rechtsvertreter  ein  Bestätigungsschreiben  der  Organisation  "Tschetschenisches  Komitee  Nationaler  Rettung"  vom  25. August  2009  inklusive einer Übersetzung ein. D.  Am 1. September 2009 traf im EVZ ein Fax von K._______ von Amnesty  International  (AI)  USA  ein.  Gleichentags  ersuchte  das  BFM  die  polnischen  Behörden  gestützt  auf  Art. 16  Abs. 1  Bst. c  der  Verordnung  (EG) Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­VO),  um  Rückübernahme  der Beschwerdeführenden. E.  Die  polnischen  Behörden  stimmten  am  2. September  2009  bezüglich  B._______  und  den  Kindern  und  am  3. September  2009  bezüglich  A._______  dem  Ersuchen  um  Rückübernahme  der  Beschwerdeführenden zu. F.  Am  11. September  2009  reichte  der  vormalige  Rechtsvertreter  ein  Schreiben der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) vom 8. September  2009 zu den Akten. G.  Mit Verfügung vom 30. September 2009 – eröffnet am 1. Oktober 2009 –  trat das BFM  in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  auf  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  vom  17. August  2009  nicht  ein.  Gleichzeitig  verfügte  es  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  nach  Polen  und  forderte  die  Beschwerdeführenden  auf,  die  Schweiz  sofort  zu  verlassen.  Ferner  stellte  es  fest,  der  Kanton  Z._______  sei  verpflichtet,  die  Wegweisungsverfügung  zu  vollziehen,  und  eine  allfällige  gegen  die  vorliegende Verfügung erhobene Beschwerde habe keine aufschiebende  Wirkung.  Es  verfügte  zudem,  den  Beschwerdeführenden  seien  die  editionspflichtigen Akten auszuhändigen. Schliesslich ordnete es an, die  Beschwerdeführenden würden  zur Sicherstellung  des Vollzugs während 

D­6192/2009 höchstens  20 Tagen  in  Ausschaffungshaft  genommen; mit  dem Vollzug  der Haft beauftragte es den Kanton Z._______. H.  Mit Eingabe vom 30. September 2009 (Datum Poststempel und Telefax)  liessen  die  Beschwerdeführenden  gegen  diesen  Entscheid  durch  ihren  vormaligen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde  erheben  und  beantragen,  die  Verfügung  des  BFM  sei  aufzuheben  und  das  Amt  sei  anzuweisen,  sein  Recht  zum  Selbsteintritt  auszuüben  und  sich  für  das  vorliegende  Asylgesuch  für  zuständig  zu  erachten.  Ferner  liessen  sie  beantragen,  es  sei  im Sinne  vorsorglicher Massnahmen  der  vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die  Vollzugsbehörden  anzuweisen,  von  einer  Überstellung  nach  Polen  abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über den Suspensiveffekt  der  eingereichten  Beschwerde  entschieden  habe.  Zudem  liessen  sie  in  verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragen, es sei ihnen die unentgeltliche  Rechtspflege zu gewähren, von der Erhebung eines Kostenvorschusses  abzusehen  und  ihnen  in  der  Person  des  Unterzeichnenden  ein  unentgeltlicher Rechtsvertreter beizugeben. I.  Mit  Verfügung  vom  1. Oktober  2009  setzte  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  den  Vollzug  der  Wegweisung  aus.  Gleichzeitig  ordnete  er  an,  die  Beschwerdeführenden  seien  umgehend  aus  der  Ausschaffungshaft  zu  entlassen.  Die  Gesuche  um  Gewährung  der unentgeltlichen Rechtspflege und um Verzicht auf die Erhebung eines  Kostenvorschusses  hiess  er  gut.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtsverbeiständung wies er hingegen ab. J.  Mit  Verfügung  vom  29. April  2010  räumte  der  Instruktionsrichter  dem  BFM die Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlassung ein. K.  In  der  Vernehmlassung  vom  11. Mai  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung  der  Beschwerde,  da  diese  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen enthalte, die eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen  würden.  L.  Mit  Verfügung  vom  28. Mai  2010  gab  der  Instruktionsrichter  den 

D­6192/2009 Beschwerdeführenden  Gelegenheit,  eine  Replik  zur  Vernehmlassung  einzureichen. M.  Am  24. Juni  2010  nahmen  die  Beschwerdeführenden  mittels  ihres  neu  beauftragten Rechtsvertreters  zur Vernehmlassung Stellung und  liessen  beantragten,  es  sei  ihnen  die  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  zu  gewähren. Gleichzeitig wurde je ein ärztlicher Bericht vom 23. März 2010  von  Dr. med. L._______  betreffend  die  Beschwerde  führenden  Eltern  eingereicht. N.  Mit Eingabe  vom 1. Dezember  2011  reichten  die Beschwerdeführenden  durch ihren Rechtsvertreter fünf Referenzschreiben ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht  (Art. 108  Abs. 2  AsylG; Art. 105 AsylG i. V. m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz 

D­6192/2009 teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  und  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist mithin einzutreten. 3.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen  (Art. 32­35 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerdeinstanz  grundsätzlich auf  die Frage beschränkt,  ob die Vorinstanz  zu Recht auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr. 34  E. 2.1  S. 240 f.).  Die  Beschwerdeinstanz  enthält  sich  einer  selbständigen materiellen Prüfung und weist die Sache – sofern sie den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  zu  neuer  Entscheidung an die Vorinstanz zurück.  4.  4.1.  In der Beschwerde vom 30. September 2009 wird geltend gemacht,  die  Praxis  des  BFM,  die  Verfügung  erst  im  Zeitpunkt  des  Wegweisungsvollzugs  zu  eröffnen,  missachte  das Gebot  des  effektiven  Rechtsschutzes,  da  dies  keine  effektive  Beschwerdeerhebung  ermögliche.  Zudem  bestehe  bei  sofortigem  Vollzug  der  Wegweisung  meist  noch  nicht  einmal  die  tatsächliche  Möglichkeit  des  Zugangs  zu  einem Gericht. In der Eingabe vom 1. Dezember 2011 wiesen sie zudem  auf  den  Entscheid  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­6237/2009  vom  6. Juli  2010  hin,  worin  festgestellt  worden  sei,  dass  das  BFM mit  dem  sofortigen  Vollzug  des  Nichteintretensentscheids  gegen  das  Gebot  des  effektiven  Rechtsschutzes  verstossen  habe  und  es  deshalb  dessen  Verfügung aufgehoben und ihm die Akten zur Neubeurteilung überwiesen  habe. 4.2.  Tritt  das  BFM  mangels  Zuständigkeit  der  Schweiz  für  die  Durchführung des Asyl­ und Wegweisungsverfahrens gestützt auf Art. 34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  auf  das  Asylgesuch  nicht  ein,  so  hat  es  der  asylsuchenden  Person,  damit  diese  gegebenenfalls  im  Rahmen  der  Beschwerdeerhebung  effektiv  um  Gewährung  vorsorglichen  Rechtsschutzes  ersuchen  kann,  eine  angemessene  Frist  einzuräumen,  bis  zu  der  sie  die  Schweiz  zu  verlassen  hat  (vgl.  BVGE  2010/1  E. 6  S. 17 ff.).  Der  vom  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  vom 

D­6192/2009 30. September  2009  angeordnete  sofortige  Vollzug  der  Wegweisung  verstösst  gegen  das  in  Art. 29a  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101)  und  in Art. 13 der Konvention  vom 4. November 1950 zum Schutze der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  verankerte  Gebot des effektiven Rechtsschutz und ist mithin rechtswidrig (vgl. BVGE  2010/1 E. 3­5 S. 6 ff.). 4.3.  Die  Verletzung  des  Rechts  auf  effektiven  Rechtsschutz  führt  grundsätzlich  zur  Aufhebung  der  fehlerhaften  Verfügung  (vgl.  BVGE  2010/1  E. 7  S. 19).  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  dem  BFM  daraufhin am 29. April 2010 und somit nach Erlass des Grundsatzurteils  BVGE 2010/1  im Rahmen einer Vernehmlassung Gelegenheit gegeben,  unter  Berücksichtigung  der  darin  festgelegten  Grundsätze  den  angeordneten sofortigen Wegweisungsvollzug durch die Ansetzung eines  Zeitpunktes,  bis  zu  dem  die  Beschwerdeführenden  die  Schweiz  zu  verlassen  haben,  zu  ersetzen.  Das  BFM  hat  es  in  der  Folge  allerdings  versäumt, die fehlerhafte Verfügung im Rahmen der Vernehmlassung zu  korrigieren,  weshalb  die  Verfügung  weiterhin  mit  einem  Rechtsmangel  belastet  ist. Zu beachten  ist  jedoch, dass die Beschwerdeführenden die  Verfügung des BFM trotz der Anordnung des sofortigen Vollzugs und der  Inhaftnahme  fristgerecht  mit  Beschwerde  anfechten  und  im  Sinne  vorsorglicher Massnahmen um Gewährung der aufschiebenden Wirkung  ersuchen  konnten.  Das  Bundesverwaltungsgericht  setzte  sodann  mit  Verfügung  vom  1. Oktober  2009  unverzüglich  den  Vollzug  der  Wegweisung  gestützt  auf  Art. 56  VwVG  aus  und  ordnete  an,  die  Beschwerdeführenden aus der Ausschaffungshaft zu entlassen. Dadurch  konnte  die  vorzeitige  Überstellung  nach  Polen  verhindert  werden.  Den  Beschwerdeführenden  ist  insofern  kein  Nachteil  erwachsen.  Es  besteht  daher kein Grund, die im Übrigen nicht zu beanstandende Verfügung (vgl.  unten E.  5 ff.)  allein wegen  des  darin  angeordneten  sofortigen Vollzugs  der Wegweisung vollständig aufzuheben und die Sache an das BFM zur  Neubeurteilung zurückzuweisen. Hingegen ist die Ziffer 3 des Dispositivs  der  angefochtenen  Verfügung  aufzuheben  und  das  BFM  anzuweisen,  den Beschwerdeführenden eine angemessene Frist zur Ausreise aus der  Schweiz anzusetzen.  5.  5.1.  Auf  Asylgesuche  wird  in  der  Regel  nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  der  für  die 

D­6192/2009 Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG). 5.2.  Die  Beschwerdeführenden  reisten  gemäss  ihren  Aussagen  und  aufgrund der vom BFM durchgeführten Abfrage der Eurodac­Datenbank  nach  Polen  und  stellten  am  13. August  2009  in  Lublin  ein  Asylgesuch.  Polen  stimmte am 3. September  2009 dem vom BFM am 1. September  2009  gestellten  Ersuchen  um  Übernahme  der  Beschwerdeführenden  gestützt  auf  Art. 16  Abs. 1  Bst. c  Dublin­II­VO  zu  (Art. 20  Abs. 1  Bst. b  Dublin­II­VO).  Das  BFM  betrachtet  deshalb  Polen  als  für  die  Durchführung des Asylverfahrens zuständig. 6.  Nach  Art. 3  Abs. 2  Dublin­II­VO  kann  die  Schweiz  ein  Asylgesuch  materiell  prüfen, auch wenn nach den  in der Verordnung vorgesehenen  Kriterien  ein  anderer  Staat  zuständig  ist  (Selbsteintrittsrecht).  Diese  Bestimmung ist nicht direkt anwendbar, sondern kann nur in Verbindung  mit  einer  anderen  Norm  des  nationalen  oder  internationalen  Rechts  angerufen werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 5 S. 635 f.). Art. 29a Abs. 3 der  Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR 142.311)  sieht  vor,  dass  das  BFM  aus  humanitären  Gründen  ein  Gesuch  behandeln  kann,  auch  wenn  nach  den  Kriterien  der  Dublin­II­ Verordnung  ein  anderer  Staat  zuständig  ist.  Es  handelt  sich  dabei  um  eine  Kann­Bestimmung,  die  den  Behörden  einen  gewissen  Ermessensspielraum  lässt  und  restriktiv  auszulegen  ist  (vgl.  BVGE  2010/45 E. 8.2.2 S. 643 f.). Droht hingegen ein Verstoss gegen Normen  des  Völkerrechts,  wie  insbesondere  das  flüchtlingsrechtliche  Refoulement­Verbot  nach  Art. 33  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR 0.142.30),  die  EMRK,  den  Internationalen  Pakt  über  bürgerliche  und  politische  Rechte  (UNO­ Pakt  II, SR 0.103.2) oder das Übereinkommen vom 10. Dezember 1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105),  so  besteht  ein  einklagbarer  Anspruch  auf  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  (vgl.  BVGE  2010/45  E. 7.2  S. 636 f.,  CHRISTIAN  FILZWIESER/ANDREA  SPRUNG,  Dublin  II­ Verordnung, 3. Aufl., Wien/Graz 2010, K8 zu Art. 3).  6.1.  Das  BFM  äusserte  sich  in  seiner  Verfügung  nicht  zur  Frage  des  Selbsteintrittsrechts nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO. Es  führte aber aus,  dass sich die Beschwerdeführenden an die polnischen Behörden wenden  könnten,  die  ihnen  Schutz  bieten  müssten,  sollten  sie  sich  in  Polen 

D­6192/2009 tatsächlich  bedroht  fühlen  oder  gemäss  dem  Schreiben  von  AI  USA  begründete  Angst  um  ihr  Leben  haben,  falls  sie  nach  Polen  zurückgeschickt  würden.  Das  BFM  beobachte  die  Praxis  und  die  Einhaltung  der  internationalen  Vereinbarungen  der  anderen  Mitgliedstaaten  genau.  Es  lägen  keine  Hinweise  vor,  wonach  Asylsuchende  durch  polnische  Behörden  nicht  angemessen  behandelt  würden.  Auch  seitens  anderer  Mitgliedstaaten  seien  keine  Vorbehalte  bekannt. Polen habe die FK und die EMRK unterzeichnet und respektiere  die  internationalen  Verträge.  Im  Brief  der  GfbV  stehe,  dass  der  Beschwerdeführer  behaupte,  wegen  seiner  Verbindungen  zur  tschetschenischen  Widerstandsbewegung  verfolgt  zu  sein.  Überdies  behaupte der Beschwerdeführer, die Anhänger von M._______ hätten ihn  in  Polen  ausfindig  gemacht  und  ihn  unter  Drohungen  zur  Weiterflucht  nach Westeuropa gezwungen. Dies habe der Beschwerdeführer bei der  Befragung zur Person jedoch nicht erwähnt. 6.2. In der Beschwerde wird geltend gemacht, nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­ II­VO  könne  jeder Mitgliedstaat  einen  von  einem Drittstaatsangehörigen  eingereichten  Asylantrag  prüfen,  auch  wenn  er  nach  den  in  der  Verordnung  festgelegten Kriterien  nicht  für  die  Prüfung  zuständig wäre.  Die  völkerrechtlichen  Refoulement­Verbote  gälten  auch  zwischen  den  Dublinstaaten, weshalb sie auch durch die Bestimmungen der Dublin­II­ VO nicht davon befreit seien, zu prüfen, ob im Falle einer Zurückweisung  einer  Person  deren  Verfolgungssicherheit  in  einem  anderen  Staat  gegeben sei. Dies gelte auch  für die Gefahr eines sogenannten Ketten­ Refoulement,  bei  der  die  Gefahr  einer  Verfolgung  nach  einer  weiteren  Ausweisung  in einen dritten Staat bestehe. Die Familie sei aufgrund der  Verbindungen  von  A._______  zur  tschetschenischen  Widerstandsbewegung  nach  der  Ankunft  in  Polen  von  Vertretern  der  tschetschenischen Regierung, die in Polen als Agenten wirken (sog. […]),  erkannt  und  aufgegriffen  worden.  Die  Agenten  hätten  die  Familie  unter  Androhung von Gewalt zwingen wollen, Polen in Richtung eines anderen  europäischen  Staates  zu  verlassen.  Die  Familienmitglieder  hätten  sich  anlässlich der Asylbefragung konkret zu dieser Gefährdungssituation, die  im Falle  eines Rückschubs  nach Polen  eintreten würde,  geäussert.  Die  Schreiben des "Tschetschenischen Komitees Nationaler Rettung", von AI  und von der GfbV würden diese Tatsachen untermauern. Die Schweiz sei  deshalb  aufgrund  von  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  gehalten,  von  ihrem Selbsteintrittsrecht gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO Gebrauch zu  machen.

D­6192/2009 6.3. Das  BFM  führt  in  seiner  Vernehmlassung  dazu  aus,  Polen  sei  ein  Rechtsstaat,  im europäischen Verbund aufgenommen und  verfüge über  funktionierende  Polizeiorgane.  Wenn  sich  die  Beschwerdeführenden  in  Polen  bedroht  fühlen  sollten,  könnten  sie  sich  an  die  polnischen  Behörden  wenden  und  um  Schutz  ersuchen.  Von  der  Möglichkeit  der  Schutzgewährung  durch  die  Behörden  bei  einer  konkreten  Bedrohung  könne in den Ländern der Europäischen Union, wie auch in der Schweiz,  ausgegangen  werden.  Zu  einer  allfälligen  Verletzung  des  Refoulement­ Verbots  im  Sinne  von  Art. 3  EMRK  beziehungsweise  Art. 33  FK  könne  festgehalten  werden,  dass  Polen  sowohl  Signatarstaat  der  FK  und  der  EMRK als auch der FoK sei. Dem BFM  lägen keine Anhaltspunkte  vor,  dass  sich  Polen  nicht  an  die  daraus  resultierenden  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  halte.  Bei  Art. 3  Abs. 2 Dublin­II­VO  handle  es  sich  um  eine  sogenannte  Kann­Bestimmung  und  somit  gebe  es  keinerlei  völkerrechtliche  Verpflichtung,  bei  bestimmten  Kategorien  auf  die  Anwendung  der  Dublin­Assoziierungsabkommen  (DAA)  zu  verzichten.  Auch das  innerstaatliche Recht enthalte keine Vorschriften, bei welchen  Fällen selbst eingetreten werden soll, denn Art. 29a AsylV 1 beziehe sich  im Wesentlichen auf die humanitäre Klausel im Sinne von Art. 15 Dublin­ II­VO und nicht auf das Selbsteintrittsrecht. 6.4. In der Replik wird im Wesentlichen geltend gemacht, es sei fraglich,  ob  in Polen ein ordnungsgemässer Zugang zum Asylverfahren bestehe.  Gemäss einer Stellungnahme des UNHCR vom Februar 2010  führe der  Effekt  einer  Überlastung  der  Aussengrenzstaaten  wie  Polen  wegen  wachsendem  Anteil  an  der  Gesamtzahl  der  Überstellungen  dazu,  dass  sich  die  Überlastung  auch  negativ  auf  den  Zugang  zum  Asylverfahren  und dessen  faire und effektive Durchführung auswirken. Der mangelnde  Zugang  zum  Asylverfahren  habe  indirekt  eine  Verletzung  des  Refoulement­Verbotes  zur  Folge.  Zudem  seien  die  Aufnahme­  und  Verfahrensbedingungen für Flüchtlinge in Polen miserabel. Gemäss dem  Bericht "Die Situation tschetschenischer Asylbewerber und Flüchtlinge in  Polen  und Auswirkungen  der  EU­Verodnung Dublin  II"  (Ein  Bericht  von  Barbara  Esser  [Bielefelder  Flüchtlingsrat],  Barbara Gladysch  [Mütter  für  den  Frieden]  und  Benita  Suwelack  [Flüchtlingsrat  Nordrhein­Westfalen  e.V.];  nachfolgend  "Dublin­Bericht  zu  Polen")  bestünden  in  Polen  gravierende Defizite  in  der medizinischen  und  sozialen Versorgung  von  Asylsuchenden  und  Flüchtlingen.  Die  psychosoziale  und  therapeutische  Versorgung  für  Traumatisierte  und  Folteropfer  sei  in  Polen  nicht  gewährleistet.  Gemäss  dem  Dublin­Bericht  zu  Polen  würden  dort  die  Dublin­Rückkehrer  in Ausschaffungshaft  genommen, wobei  auch Kinder 

D­6192/2009 inhaftiert würden. Der Bericht datiere von 2004, die Situation dürfte sich  aber  aufgrund  der  aktuellen  Überlastung  von  Polen  nicht  verbessert  haben.  Die  Beschwerdeführenden  seien  in  psychiatrischer  Behandlung  wegen posttraumatischen Belastungsstörungen. A._______ sei während  einer  akuten  Belastungssituation  nach  einem  Suizidversuch  durch  Strangulation  in  der  Akutabteilung  […]  hospitalisiert  gewesen.  Die  behandelnde Ärztin  halte  fest,  dass bei  ihm ohne Behandlung mit  einer  schlechten Prognose und bei dessen Ehefrau mit einer Chronifizierung zu  rechnen  sei.  Insofern  in  der  Beschwerde  geltend  gemacht  worden  sei,  dass die Familie in Polen von […] bedroht worden sei, deckten sich diese  Ausführungen  mit  den  Erkenntnisquellen,  wonach  konkrete  Bedrohungssituationen  in  den  Heimen  durch  andere  Tschetschenen  bestünden. In diesem Zusammenhang sei der Fall des tschetschenischen  Flüchtlings N._______ zu erwähnen, der am […] erschossen worden sei.  Angesichts  dieser Sachlage  sei  davon auszugehen,  dass die  vom BFM  als Argument  aufgeführte Möglichkeit  einer Schutzgewährung  durch  die  polnischen Behörden bei konkreter Gefahr durch andere Tschetschenen  unglaubwürdig  wirke  und  nur  theoretischer  Natur  sein  dürfte.  Im  Gegensatz  zur  Auffassung  des  BFM  handle  es  sich  beim  Selbsteintritt  gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO nicht um eine reine Kann­Bestimmung,  vielmehr bestehe bei klaren Verstössen gegen Menschenrechte  im Falle  des  Vollzuges  der  Wegweisung  –  wie  im  Fall  oben  dargelegt  –  ein  Anspruch auf  die Ausübung des Selbsteintrittsrechts. Das Refoulement­ Verbot müsse auch im Dublin­Verfahren beachtet werden. 7.  7.1.  Bezüglich  der  Gefahr  einer  Verletzung  des  Refoulement­Verbots  durch Polen hat das BFM in der Vernehmlassung zutreffend ausgeführt,  dass dieses Land sowohl Signatarstaat der FK, der EMRK und der FoK  ist.  Zudem  muss  sich  Polen  an  die  entsprechenden  Normen  der  EU  halten  (insbesondere die Richtlinie 2004/83/EG des Rates vom 29. April  2004 über die Mindestnormen  für die Anerkennung und den Status von  Drittstaatsangehörigen  oder  Staatenlosen  als  Flüchtlinge  oder  als  Personen,  die  anderweitig  internationalen  Schutz  benötigen,  und  über  den  Inhalt  des  zu  gewährenden  Schutzes).  Grundsätzlich  ist  davon  auszugehen,  dass  sich  die  Dublin­Staaten  an  ihre  völkerrechtlichen  Verpflichtungen halten. Die Gefahr einer Kettenabschiebung  kann somit  in  aller  Regel  ausgeschlossen  werden.  Es  liegt  deshalb  an  den  Beschwerdeführenden  darzulegen,  inwiefern  ein  ernsthaftes  Risiko  bestehe,  Opfer  eines  Verstosses  gegen  völkerrechtliche  Normen  zu  werden (vgl. BVGE 2011/9 E. 6 S. 117, BVGE 2010/45 E. 7.4 S. 637 f.). 

D­6192/2009 7.2.  In  der Beschwerde wird  geltend gemacht,  in Polen  sei  der Zugang  zum  Asylverfahren  mangelhaft  und  die  Aufnahme­  und  Verfahrensbedingungen  seien  miserabel.  Diesbezüglich  ist  jedoch  festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführenden  die  Möglichkeit  hatten,  in  Lublin  ein  Asylgesuch  zu  stellen  und  somit  Zugang  zum  Asylverfahren  hatten.  Nicht  nachvollziehbar  ist  zudem,  inwiefern  die  Beschwerdeführenden  von  den  angeblich  miserablen  Aufnahme­  und  Verfahrensbedingungen konkret betroffen gewesen sein sollen, zumal sie  Polen  noch  in  der  Nacht  der  Asylgesuchstellung  Richtung  Schweiz  verlassen  haben  (vgl.  act. A1/13  S. 9).  Die  Beschwerdeführenden  fürchten sich zudem in Polen vor den Agenten von M._______, vor denen  die  polnischen  Behörden  keinen  Schutz  bieten  könnten.  Sie  weisen  hierzu auf den Fall von N._______ hin, ein tschetschenischer Flüchtling,  der  in Wien  auf  offener  Strasse  erschossen  wurde,  weil  er  gegen  den  tschetschenischen  […]  M._______  […].  Gemäss  den  eingereichte  Schreiben  der  GfbV,  des  Tschetschenischen  Komitees  Nationaler  Rettung und des Schreibens von AI USA kommen M._______s […] nach  Polen  und  sind  aktiv  dabei,  Informationen  über  in  Polen  anerkannte  Flüchtlinge  zu  sammeln  oder  versuchen,  diese  ausser  Landes  zu  entführen. Ungeachtet  dessen, dass es  tatsächlich  zu solchen Vorfällen  gekommen  ist,  ist  festzuhalten,  dass  es  keinem  Staat  gelingt,  die  absolute Sicherheit der Bevölkerung jederzeit und überall zu garantieren.  Erforderlich  ist  vielmehr,  dass  eine  funktionierende  effiziente  Schutz­ Infrastruktur zur Verfügung steht (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37 f.). Polen  ist  ein  Rechtsstaat  mit  funktionierenden  Polizei­  und  Justizorganen,  die  grundsätzlich  in  der  Lage  und  willens  sind,  den  Beschwerdeführenden  Schutz gegen allfällige Drohungen zu gewähren. Zwar wird im Bericht der  GfbV ein Fall geschildert, wo die polnische Polizei auf eine Anzeige eines  Opfers  nicht  reagiert  habe.  Dieser  Sachverhalt  ist  jedoch  nicht  vergleichbar  mit  dem  Fall  der  Beschwerdeführenden,  zumal  diese  die  polnische Polizei gar nicht aufgesucht haben, als sie  in Polen angeblich  von  […] bedroht worden sein  sollen. Wie das BFM zu Recht  feststellte,  erwähnten  die  Beschwerdeführenden  diese  Drohungen  durch  M._______s  […]  anlässlich  der  Gehörsgewährung  zu  einer  allfälligen  Rücküberstellung  nach  Polen  nicht.  Der  Beschwerdeführer  machte  lediglich geltend, sie seien dort gefährdet, weil  jedermann ohne Papiere  nach  Polen  einreisen  könne  (vgl.  act. A1/13  S. 9 f.),  während  die  Beschwerdeführerin  überhaupt  keine  Probleme  namhaft  machte  (vgl.  act. A2/9  S. 8).  Erhebliche  Zweifel  betreffend  die  geltend  gemachten  Drohungen  durch  […]  von  M._______  in  Polen  bestehen  zudem  auch  deshalb, weil die Beschwerdeführenden eigenen Angaben zufolge Polen 

D­6192/2009 noch  in  der  Nacht  der  Asylgesuchstellung  verlassen  haben.  Es  ist  deshalb  unwahrscheinlich,  dass  Kadyrows  Agenten  die  Beschwerdeführenden  innert  kürzester  Zeit  in  Polen  tatsächlich  hätten  aufspüren  und  bedrohen  können.  Ausserdem  sollen  diese  die  Beschwerdeführenden gemäss dem Schreiben der GfbV zur Weiterflucht  nach Westeuropa gezwungen haben, was keinen Sinn ergibt und daher  nicht  plausibel  ist.  Es  ist  deshalb  nicht  glaubhaft,  dass  die  Beschwerdeführenden  in Polen  von Kadyrows Agenten  bedroht worden  sind.  Soweit  die  Beschwerdeführenden  befürchten,  dass  sie  nach  einer  Rücküberstellung  nach  Polen  von  Kadyrows  Agenten  bedroht  würden,  wäre  es  ihnen  indessen  unbenommen  und  zuzumuten,  derartige  Drohungen bei den polnischen Behörden anzuzeigen. 7.3.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  vorliegend  keine  Anhaltspunkte  bestehen,  dass  Polen  generell  oder  in  Bezug  auf  die  Beschwerdeführenden  seinen  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  nicht  nachkommt  respektive  in  völkerrechtswidriger  Weise  gegen  die  Verfahrens­  und Aufnahmerichtlinie  verstösst. Es  ist  deshalb  auch  nicht  davon  auszugehen,  dass  den  Beschwerdeführenden  in  Polen  eine  Kettenabschiebung nach Russland droht. Dies bestätigt  auch der  in der  Beschwerde  erwähnte Dublin­Bericht  zu  Polen  (vgl.  S. 6 f.),  wonach  für  tschetschenische  Flüchtlinge  die  Gefahr,  aus  Polen  nach  Russland  abgeschoben  zu  werden,  gering  ist.  Es  besteht  demnach  keine  völkerrechtliche Pflicht für die Schweiz, von ihrem Recht auf Selbsteintritt  nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO Gebrauch zu machen. 7.4.  7.4.1.  Die  Beschwerdeführenden  machten  im  Rahmen  der  Stellungnahme  zur  Vernehmlassung  des  BFM  erstmals  gesundheitliche  Probleme geltend und reichten je einen Arztbericht betreffend A._______  und B._______ ein. Gemäss dem Dublin­Bericht zu Polen aus dem Jahre  2004 bestünden  in Polen gravierende Defizite  in der medizinischen und  sozialen  Versorgung  von  Asylsuchenden  und  Flüchtlingen.  Die  psychosoziale  und  therapeutische  Versorgung  für  Traumatisierte  und  Folteropfer  sei  in Polen nicht gewährleistet. Die Situation habe sich seit  der Erstellung des Berichts nicht verbessert. 7.4.2. Nach der Rechtsprechung des EGMR ergibt sich aus Art. 3 EMRK  grundsätzlich kein Anspruch auf Verbleib in einem Konventionsstaat, um  weiterhin  in  den  Genuss  medizinischer  Leistungen  dieses  Staats  zu  kommen. In Einzelfällen und unter ganz aussergewöhnlichen Umständen 

D­6192/2009 kann  aber  der  Vollzug  der Weg­  oder  Ausweisung  einer  ausländischen  Person  mit  Blick  auf  deren  gesundheitliche  Situation  einen  Verstoss  gegen  Art. 3  EMRK  darstellen  (EGMR,  i.S.  D.  gegen  Grossbritannien,  Urteil vom 2. Mai 1997, Rep. 1997­III, E. 49 ff.; vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1  S. 117 f.,  EMARK  2005  Nr. 23  E. 5.1.).  Im  Fall  Bensaid  gegen  Grossbritannien  hat  der  EGMR  präzisiert,  dass  der  Schutzbereich  von  Art. 3  EMRK  grundsätzlich  auch  dann  betroffen  sein  könne,  wenn  mangels  angemessener  medizinischer  Behandlungsmöglichkeiten  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  eine  Verschlimmerung  eines  bereits  bestehenden  psychischen  Leidens  zu  erwarten  wäre,  die  selbstgefährdende Handlungen der betroffenen Person zur Folge haben  könnte  (EGMR,  Bensaid  gegen  Grossbritannien,  Urteil  vom  6. Februar  2001, Rep. 2001­I, E. 37).  7.4.3.  Gemäss  dem  Arztbericht  vom  23. März  2010  wurde  der  Beschwerdeführer vom 2. bis 8. Oktober 2009 auf der Akutabteilung […]  nach  einem  Suizidversuch  durch  Strangulation  am  1. Oktober  2009  hospitalisiert.  Er  leide  an  einer  posttraumatischen  Belastungsstörung  (PTBS,  F43.1)  und  multiplen  psychosozialen  Belastungen  (Angst  vor  Verfolgung  und  Ausschaffung,  unklare  Situation,  Tod  der  Mutter  im  Januar  2009,  Z59,  60,  63).  Konkret  beklage  er  sich  über  ausgeprägte  Schlafstörungen.  Er  habe  Angst,  in  der  Nacht  einzuschlafen,  da  er  besorgt  sei,  dass  seine  Familie  getötet  werden  könnte.  Er  leide  an  Müdigkeit  und  innerer  Unruhe,  sei  gereizt,  zum  Teil  hoffnungslos  verzweifelt. Er sei zittrig, wenn er in der Nacht Geräusche höre und halte  Wache über seine Familie. Tagsüber komme er auch nicht zur Ruhe. Er  befasse  sich  ständig  mit  dem  Gedanken,  was  ihm  und  seiner  Familie  geschehen könnte. Zudem leide er an Flashbacks. Seit dem 4. November  2009  sei  der  Beschwerdeführer  in  psychiatrisch­psychotherapeutischer  und  medikamentöser  Behandlung.  Trotzdem  sei  noch  keine  deutliche  Stabilisierung  des  psychischen  Zustands  eingetreten.  Er  sei  für  die  Therapie offen und motiviert, zeige sich kooperativ. Auch  die  Beschwerdeführerin  befindet  sich  gemäss  Arztbericht  vom  23. März 2010 wegen einer PTBS (F43.1) seit dem 17. November 2009 in  psychotherapeutischer  und  medikamentöser  Behandlung.  Sie  leide  an  Alpträumen  und  Flashbacks.  Sie  sei  auf  eine  Antidepressiva­Therapie  eingestellt.  Trotzdem  sei  es  noch  zu  keiner  Zustandsstabilisierung  gekommen.  Sie  sei  kooperativ,  versuche  so  gut  wie  möglich  mitzumachen.  Eine  grosse  Belastung  seien  die  sechs  Kinder,  die  sie  noch versorgen müsse.

D­6192/2009 Für  beide  Beschwerdeführenden  ist  gemäss  den  ärztlichen  Berichten  eine  regelmässige  Gesprächstherapie  und  eine  medikamentöse  Behandlung  notwendig,  da  ansonsten  beim Beschwerdeführer mit  einer  schlechten  Prognose  und  bei  der  Beschwerdeführerin  mit  einer  Chronifizierung des Zustands zu rechnen sei. 7.4.4. Nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts verfügen  in Polen die Aufenthaltszentren für Asylsuchende über eine Ambulanz mit  verschiedenen  Fachärzten,  in  denen  auch  Sprechstunden  mit  Psychologen  angeboten  werden.  Diese  sind  zwar  nicht  auf  Traumapatienten  spezialisiert,  können diese aber bei Bedarf  an externe  Spezialisten  weiterleiten.  Die  medizinische  Grundversorgung  im  Asylverfahren  ist  auf  einem  bescheidenen  Niveau  und  die  Arbeitsbedingungen  der  Psychologen  in  den  Aufenthaltszentren  sind  nicht  optimal.  Die  Situation  in  den  letzten  Jahren  hat  sich  jedoch  stark  verbessert  und  das  Amt  für  Ausländer  bemüh  sich,  die  EU­Vorgaben  umzusetzen. Asylsuchende haben keinen vollen Zugang zum polnischen  Gesundheitssystem,  sondern  nur  Zugang  zu  Institutionen,  die  vom  Innenministerium  zur  medizinischen  Grundversorgung  der  Asylsuchenden  verpflichtet  worden  sind.  In  seltenen  Fällen  bezahlen  Nichtregierungsorganistaionen  Asylsuchenden  Dienstleistungen  ausserhalb des für sie vorgesehenen Systems. Die Ambulanzen verfügen  über  eigene  Apotheken  und  rezeptpflichtige  Medikamente  werden  von  den  Aufenthaltszentren  rückerstattet.  Medikamente  gegen  innere  Anspannung, Schlafstörungen sowie Antidepressiva sind  in den Zentren  zugänglich. Auch wöchentliche Therapiegespräche  können durchgeführt  werden (vgl. BVGE 2011/9 E. 7.3 S. 119 f., European Migration Network  [EMN], Ad­Hoc Query on System of medical treatment of asylum seekers  in Member States Requested  by PL EMN NCP on  3rd May  2010,  vom  28. Juni 2010). 7.4.5.  Vor  diesem  Hintergrund  ist  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführenden  in  den Aufenthaltszentren  die Möglichkeit  haben,  Sprechstunden  mit  einem  Psychologen  wahrzunehmen  und  auch  die  nötige medikamentöse Behandlung weiterführen können. Selbst wenn in  Polen  die  medizinische  Versorgung  von  Asylsuchenden  nicht  in  vollem  Umfang  gewährleistet  ist  beziehungsweise  diese  nicht  dem  gleichen  Standard  einer  Behandlung  in  der  Schweiz  entsprechen  sollte,  ist  eine  Überstellung  der  Beschwerdeführenden  nach  Polen  unter  dem  Aspekt  von Art. 3 EMRK nicht unzulässig.

D­6192/2009 7.5.  7.5.1. Die Schweiz kann aus humanitären Gründen gestützt auf Art. 29a  Abs. 3 AsylV 1 von ihrem Selbsteintrittsrecht nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­ VO Gebrauch machen. Da es  sich  bei Art. 29a Abs. 3 AsylV 1  um eine  Kann­Bestimmung  handelt,  verfügt  das  BFM  bei  der  Ausübung  dieses  Rechts  über  einen  gewissen  Ermessensspielraum.  Entgegen  der  Auffassung  des  BFM  gibt  es  nicht  nur  die  Überstellung  der  Asylsuchenden  an  den  zuständigen  Staat  auf  der  einen  Seite  und  die  Ausübung des Rechts auf Selbsteintritt in den Fällen, wo die Überstellung  gegen  übergeordnetes Recht  verstossen würde,  auf  der  anderen Seite.  Abgesehen  von  diesem  letztgenannten  Fall,  wo  ein  Selbsteintritt  zur  Pflicht wird, ist die Schweiz berechtigt und unter Umständen gar gehalten,  vom  Selbsteintrittsrecht  auch  aus  humanitären  Gründen  Gebrauch  zu  machen. Durch eine restriktive Praxis der Auslegung von Art. 29a Abs. 3  AsylV 1 wird sichergestellt, dass das Zuständigkeitssystem der Dublin­II­ VO  nicht  unterhöhlt  wird  (vgl.  BVGE  2011/9  E. 8.1  S. 121,  FILZWIESER/SPRUNG,  a.a.O.,  K8  zu  Art. 3,  welche  Autoren  sich  von  der  von Hermann [MATHIAS HERMANN, Das Dublin System, Zürich/Basel/Genf  2008,  S. 121]  postulierten  "grenzenlosen  Souveränitätsklausel"  distanzieren). 7.5.2. Grundsätzlich  ist davon auszugehen, dass alle Dublin­Staaten die  grundlegenden  medizinischen  Bedürfnisse  der  Asylsuchenden  erfüllen  (vgl.  BVGE  2010/45  E. 8.2.2  S. 643 f.).  Wie  bereits  ausgeführt  (siehe  E. 7.4.5) ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden in Polen  einen Psychologen in den Aufenthaltszentren aufsuchen können und die  nötige medikamentöse  Behandlung  bekommen.  Somit  ist  auch  gestützt  auf  Art. 29a  Abs. 3  AsylV 1  vorliegend  ein  Selbsteintritt  nicht  angezeigt  (vgl.  BVGE  2011/9  E. 8.2  S. 121,  E­1244/2010  vom  13. Januar  2011  E. 3.4.4). 7.5.3.  Hingegen  ist  der  gesundheitlichen  Situation  der  Beschwerdeführenden bei der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten für  den Fall einer zwangsweisen Überstellung Rechnung zu tragen: Bei einer  Überstellung  der  Beschwerdeführenden  von  der  Schweiz  nach  Polen  muss  insbesondere  betreffend  den  Beschwerdeführer  dem  allfälligen  Risiko einer Suizidalität mit einer gut organisierten Reise entgegengewirkt  werden.  Namentlich  ist  sicherzustellen,  dass  die  Beschwerdeführenden  die Medikamentierung  für  die Reise,  wie  auch  für  die Übergabe  an  die 

D­6192/2009 polnischen Behörden erhalten. Des Weiteren ist sicherzustellen, dass die  polnischen  Behörden  über  die  gesundheitliche  Problematik  der  Beschwerdeführenden  präzise  und  umfassend  informiert  sind  und  sie  auch  tatsächlich  den  Behörden  übergeben  werden,  welche  die  Verantwortung  für  sie  übernehmen  können.  Es  obliegt  dem  BFM  in  Zusammenarbeit  mit  den  kantonalen  Vollzugsbehörden,  den  gesundheitlichen  Problemen  der  Beschwerdeführenden  bei  der  Organisation  der  konkreten  Überstellungsmodalitäten  im  Sinne  der  obigen Ausführungen Beachtung zu schenken. 7.6.  7.6.1.  In der Replik wird darauf hingewiesen, dass gemäss dem Dublin­ Bericht  zu  Polen  aus  dem  Jahre  2004  Dublin­Rückkehrer  und  darunter  auch  Kinder  in  Polen  inhaftiert  würden.  Zudem  wird  in  den  am  1. Dezember  2011  eingereichten  Referenzschreiben  auf  die  gute  Integration  der  Familie,  insbesondere  der  Kinder,  in  der  Schweiz  hingewiesen. 7.6.2. Diesbezüglich ergibt sich aufgrund der Akten, dass auch unter dem  Blickwinkel des Kindeswohls nichts gegen eine Rückführung nach Polen  spricht. Hinsichtlich der Möglichkeit einer Inhaftierung der ganzen Familie,  insbesondere  der  noch  minderjährigen  Kinder,  in  Polen  nach  der  Rücküberstellung  geht  aus  dem  Dublin­Bericht  zu  Polen  hervor  (vgl.  S. 26 f.), dass nach Auskunft des polnischen Grenzschutzes es jedenfalls  bei  Minderjährigen  und  bei  Vorliegen  einer  fachärztlich  festgestellten  Traumatisierung  zu  keinen  Inhaftierungen  kommt.  Es  ist  deshalb  nicht  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführenden,  bei  welchen  fachärztlich  posttraumatische  Belastungsstörungen  festgestellt  worden  sind  und  welche  sieben  minderjährige  Kinder  haben  nach  der  Rücküberstellung  inhaftiert  werden.  Polen  hat  zudem  das  Übereinkommen  vom  20. November  1989  über  die  Rechte  des  Kindes  (SR 0.107) unterzeichnet und es liegen keine Anhaltspunkte vor, wonach  sich  Polen  generell  oder  im  konkreten  Fall  nicht  an  die  daraus  resultierenden völkerrechtlichen Verpflichtungen hält. Auch die Dauer des  Aufenthalts  in  der  Schweiz  spricht  unter  dem  Blickwinkel  des  Kindeswohls nicht gegen eine Rückführung nach Polen, da nach einem  rund  zweieinhalbjährigen  Aufenthalt  noch  nicht  von  einer  Entwurzelung  aus einem stabilen, vertrauten Umfeld gesprochen werden kann, die die  Kinder  in  ihrer  weiteren  Entwicklung  stark  belasten  würde.  An  dieser  Einschätzung  vermögen  auch  die  eingereichten  Referenzschreiben,  wonach  sich  die  Familie  gut  in  der  Schweiz  integriert  habe,  nichts  zu 

D­6192/2009 ändern.  Im Übrigen  ist  festzuhalten, dass die kantonalen Behörden dem  Bundesverwaltungsgericht  mitteilten,  gegen  D._______  sei  ein  Strafverfahren  wegen  Körperverletzung  hängig,  und  darauf  hinwiesen,  dass das Benehmen von A._______ gegenüber den Behörden nicht mehr  akzeptabel  sei.  Es  liegen  deshalb  durchaus  auch  Anhaltspunkte  vor,  welche gegen eine angeblich gute Integration der Familie in der Schweiz  sprechen. 8.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  keine Veranlassung  zu  einem  Selbsteintritt  (Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO) besteht. Das BFM  ist  demnach  auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden in Anwendung von Art. 34  Abs. 2 Bst. d AsylG zu Recht nicht eingetreten. 9.  9.1.  Das  Nichteintreten  auf  ein  Asylgesuch  hat  in  der  Regel  die  Wegweisung  aus  der Schweiz  zur  Folge;  dabei wird  der Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  berücksichtigt  (Art. 44  Abs. 1  AsylG).  Vorliegend  wurde  keine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  erteilt,  und  es  besteht  auch  kein  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  (vgl.  EMARK  2001  Nr. 21),  weshalb  die  verfügte  Wegweisung  im  Einklang  mit  den  gesetzlichen  Bestimmungen  steht  und  demnach  vom  BFM  zu  Recht  angeordnet wurde. 9.2.  Im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens  –  bei  dem  es  sich  um  ein  Überstellungsverfahren  in  den  für  die  Behandlung  des  Asylgesuches  zuständigen  Staat  handelt  –  bleibt  systembedingt  kein  Raum  für  Ersatzmassnahmen  im  Sinne  von  Art. 44  Abs. 2  AsylG  i. V. m.  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR 142.20).  Die  Frage  nach  der  Zulässigkeit  und  Möglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  bildet  in  Verfahren  nach  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  vielmehr  bereits  Voraussetzung  (und  nicht  erst  Regelfolge)  des  Nichteintretensentscheides. Auch stellt sich die Frage der Zumutbarkeit in  solchen Verfahren nicht unter dem Aspekt von Art. 83 Abs. 1 und 4 AuG,  sondern ebenfalls vor der Prüfung des Nichteintretens  im Rahmen einer  allfälligen  Prüfung  des  Selbsteintrittsrechts  aus  humanitären  Gründen  (Art. 34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  in  Verbindung  mit  Art. 29a  AsylV 1).  Eine  entsprechende  Prüfung  muss  somit  –  soweit  notwendig  –  bereits  im  Rahmen des Nichteintretensentscheides  stattfinden  (vgl. BVGE 2010/45  E. 10.2  S. 645).  Im  Sinne  dieser  Ausführungen  steht  der  Vollzug  der 

D­6192/2009 Wegweisung  im  Einklang  mit  den  massgeblichen  gesetzlichen  Bestimmungen. 10.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  Beschwerde  abzuweisen  ist,  soweit  beantragt  wird,  das  BFM  sei  anzuweisen,  sein  Recht  zum  Selbsteintritt  auszuüben  und  sich  für  vorliegendes  Asylgesuch  für  zuständig  zu  erachten.  Soweit  die  Anordnung  des  sofortigen  Wegweisungsvollzugs  betreffend,  ist  die  Beschwerde  hingegen  gutzuheissen. Die Ziffer 3 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung  vom  30. September  2009  ist  demnach  aufzuheben  und  das  BFM  anzuweisen,  einen  Zeitpunkt  festzusetzen,  bis  zu  dem  die  Beschwerdeführenden die Schweiz zu verlassen haben. 11.  In  der Replik wird  beantragt  es  sei  den Beschwerdeführenden mit  dem  unterzeichnenden  Anwalt  als  Rechtsvertreter  die  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG zu gewähren.  Ausschlaggebend  für  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 2  VwVG  ist,  ob  die  Partei  zur  Wahrung  ihrer  Rechte  notwendigerweise  der  professionellen  juristischen Hilfe eines Anwaltes bedarf (vgl. BGE 122 I 49 E. 2c S. 51 ff.,  BGE 120 Ia 43 E. 2a S. 44 ff.). Angesichts dessen, dass Verfahren – wie  das  vorliegende  –  vom  Untersuchungsgrundsatz  beherrscht  sind,  rechtfertigt es sich, an die Voraussetzungen, unter denen die Bestellung  eines  unentgeltlichen  Rechtsbeistands  sachlich  geboten  ist,  einen  strengen  Massstab  anzulegen  (vgl.  EMARK  2000  Nr. 6  E. 10  S. 53 f.,  BGE 122 I 8 E. 2c S. 10). Da es im asylrechtlichen Beschwerdeverfahren  im Wesentlichen um die Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts  geht,  sind  zur  wirksamen  Beschwerdeführung  besondere  Rechtskenntnisse  im  Regelfall  nicht  unbedingt  erforderlich,  weshalb  praxisgemäss  die  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 2  VwVG  nur  in  den  besonderen  Fällen  gewährt  wird,  in  welchen in rechtlicher oder tatsächlicher Hinsicht erhöhte Schwierigkeiten  bestehen.  Ein  dergestalt  in  tatsächlicher  oder  rechtlicher  Hinsicht  besonders komplexes Verfahren liegt im vorliegenden Fall nicht vor. Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  ist  deshalb  –  unabhängig  von  der  Frage  der  Bedürftigkeit  der  Beschwerdeführenden – abzuweisen.  12. 

D­6192/2009 12.1.  Im  Hinblick  auf  die  Kostenliquidation  ist  der  Ausgang  des  Verfahrens  betreffend  Eintreten  auf  die  Asylgesuche  als  teilweises  Unterliegen (vgl. Art. 63 Abs. 1, Satz 2 VwVG) zu werten. Dem Ausgang  des  Verfahrens  entsprechend  wären  den  Beschwerdeführenden  Verfahrenskosten  in  ermässigtem  Umfang  aufzuerlegen  (Art. 1­3  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]).  Mit  Verfügung vom 1. Oktober 2009 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  gut.  Folglich  sind  ihnen  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen. 12.2. Den Beschwerdeführenden  ist – als  teilweise obsiegender Partei –  eine  Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Vertretungskosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG). Diese ist infolge  teilweisen  Unterliegens  zu  kürzen  (Art. 7  Abs. 2  VGKE).  Die  Rechtsvertreter  haben  in  vorliegendem  Verfahren  keine  Kostennote  eingereicht,  weshalb  die  Parteientschädigung  aufgrund  der  Akten  auf  insgesamt Fr. 568.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu bemessen ist  (Art. 14  Abs. 2  und  Art. 8 ff.  VGKE).  Das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführenden  diesen  Betrag  als  Parteientschädigung  auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­6192/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird soweit die Anordnung des sofortigen Vollzugs der  Wegweisung betreffend gutgeheissen. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die Ziffer 3 der Verfügung vom 30. September 2009 wird aufgehoben und  das BFM wird angewiesen, einen Zeitpunkt festzusetzen, bis zu dem die  Beschwerdeführenden die Schweiz zu verlassen haben. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  die  Überstellung  nach  Polen  im  Sinne  der  Erwägungen  durchzuführen  und  die  polnischen  Behörden  über  die  gesundheitliche  Situation  der  Beschwerdeführenden  rechtzeitig  zu  informieren. 4.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  wird abgewiesen. 5.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 6.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung von Fr. 568.– auszurichten. 7.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Mathys Versand:

D-6192/2009 — Bundesverwaltungsgericht 20.02.2012 D-6192/2009 — Swissrulings