Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 30.09.2011 D-5359/2011

30 septembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·916 mots·~5 min·3

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 21. September 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­5359/2011 Urteil   v om   3 0 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Einzelrichterin Nina Spälti Giannakitsas, mit Zustimmung von Richterin Christa Luterbacher;   Gerichtsschreiber Lorenz Mauerhofer. Parteien A._______, geboren am … , Tunesien,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung  (Dublin­Verfahren);  Verfügung des BFM vom 21. September 2011 

D­5359/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass der Beschwerdeführer am 13. Mai 2011 – von Italien kommend – in  der Schweiz ein Asylgesuch einreichte,  dass  er  vom  BFM  am  20.  Mai  2011  zu  seiner  Person,  zu  seinem  Reiseweg und summarisch zu seinen Gesuchsgründen befragt wurde,  dass  er  dabei  zur Hauptsache  vorbrachte,  er  sei  ein  Staatsangehöriger  von  Tunesien  und  er  habe  in  seiner  Heimat  weder  mit  den  Behörden  noch  mit  Dritten  je  Probleme  gehabt,  sondern  seine  Heimat  aus  wirtschaftlichen  Gründen  verlassen,  da  er  nach  dem  Ausbruch  des  Krieges  in  Libyen  sowie  aufgrund  den  jüngsten  Entwicklungen  in  Tunesien  seine  wirtschaftliche  Grundlage  als  Kleiderhändler  verloren  habe (vgl. … ),  dass er zu seinem Reiseweg vorbrachte, er habe Tunesien am 12. März  2011  auf  dem  Seeweg  verlassen  und  am  14. März  2011  die  Insel  Lampedusa  erreicht, wo  er  von  den  italienischen Behörden  in Empfang  genommen  worden  sei  und  wo  man  ihm  die  Fingerabdrücke  abgenommen habe,  dass  er  nach  zwölf  Tagen  auf  Lampedusa  in  ein  Flüchtlingslager  bei  Foggia  verlegt  worden  sei,  wo  er  eigentlich  ein  Asylgesuch  habe  einreichen  wollen,  von  wo  er  jedoch  noch  vor  einer  nochmaligen  Abnahme  seiner  Fingerabdrücke  geflohen  sei,  worauf  er  sich  mit  Landsleuten auf einem Bauerngut versteckt habe,  dass sie jedoch nach einem Monat von dort verjagt worden seien, worauf  er sich in die Schweiz begeben habe, da ihm zu diesem Zeitpunkt weder  vom  Flüchtlingslager  in  Foggia  noch  von  der  Questura  in  Bari  eine  Aufenthaltsbewilligung für Italien ausgestellt worden sei,  dass  die  Angaben  des  Beschwerdeführers  betreffend  den  Ort  und  den  Zeitpunkt  seiner  Einreise  nach  Italien  aufgrund  einer  Abfrage  der  Eurodac­Datenbank  bestätigt  wurden  (illegaler  Grenzübertritt  in  Lampedusa verzeichnet per 17. März 2011),  dass  dem  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Kurzbefragung  vom  Bundesamt eröffnet wurde, mutmasslich sei  Italien  für die Durchführung  seines  Asylverfahrens  zuständig,  worauf  der  Beschwerdeführer 

D­5359/2011 entgegnete,  er  wolle  nicht  nach  Italien  zurückkehren,  da  er  dort  weder  eine Arbeit habe noch eine Aufenthaltsbewilligung bekomme (vgl. … ), dass  das  BFM  am  13.  Juli  2011  –  nach  den  Bestimmungen  der  Verordnung  [EG]  Nr.  343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­VO)  –  ein  Ersuchen  um  Übernahme  des  Beschwerdeführers an Italien stellte,  dass  diesem  Ersuchen  von  Seiten  Italiens  am  11.  August  2011  ausdrücklich entsprochen wurde (vgl. … ),  dass  das  BFM  in  der  Folge mit  Verfügung  vom  21.  September  2011 –  eröffnet  am  22.  September  2011  –  in  Anwendung  von  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  des Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  eintrat  und  dessen  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug  nach  Italien  anordnete,  wobei  das  Bundesamt  festhielt,  einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  diesen  Entscheid  komme  keine  aufschiebende  Wirkung zu,  dass  das  Bundesamt  in  seinem  Entscheid  –  unter  Verweis  auf  die  Bestimmungen  der  Dublin­II­VO,  den  vorgängigen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  in  Italien  und  das  an  Italien  gerichtete  Gesuch  um  Übernahme  des  Beschwerdeführers,  welchem  von  italienischer  Seite  ausdrücklich entsprochen worden war – auf die Zuständigkeit Italiens für  die Behandlung  des Asylgesuches  des Beschwerdeführers  verwies  und  festhielt,  vom  Beschwerdeführer  seien  keine  relevanten  Gründe  gegen  eine Überstellung vorgebracht worden,  dass das Bundesamt  abschliessend den Vollzug der Wegweisung nach  Italien als zulässig, zumutbar und möglich erklärte,  dass  der  Beschwerdeführer  gegen  diesen  Entscheid  mit  Eingabe  vom  26. September 2011 (Poststempel) Beschwerde einreichte, wobei er dem  wesentlichen  Sinngehalt  nach  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  und  die  Rückweisung  der  Sache  an  das  BFM  zwecks  Behandlung seines Asylgesuches in der Schweiz beantragte, 

D­5359/2011 dass er in seiner Eingabe vorab vorbrachte, die Situation in Tunesien sei  sehr schlecht, da es dort keine Stabilität und Sicherheit gebe, sondern in  Tat und Wahrheit auch weiterhin ein diktatorisches System herrsche, was  ein freies und menschenwürdiges Leben in Tunesien verunmögliche,  dass  er  im  Anschluss  daran  betreffend  Italien  vorbrachte,  aufgrund  der  grossen  Zahl  an  Immigranten  und  Flüchtlingen  sei  auch  dort  die  Lage  sehr  schlecht,  zumal  die  italienischen  Behörden  mit  diesen  Menschen  sehr hart und brutal umgingen, was kürzlich zu fünf Toten unter den dort  anwesenden Tunesiern geführt habe,  dass  er  daher  in  keinem  anderen  Land  als  der  Schweiz  bleiben  wolle,  gebe doch nur die Schweiz den Menschen ihre Rechte und Freiheiten,  dass  die  vorinstanzlichen  Akten  am  28.  September  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht eintrafen (vgl. dazu Art. 109 Abs. 2 AsylG), und zieht in Erwägung, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über Beschwerden gegen Verfügungen des BFM entscheidet, ausser bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsgesuches  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (vgl.  dazu  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 31  und  33   des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [VGG,  SR 173.32]  sowie  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  sich  das  Verfahren  nach  dem  Bundesgesetz  vom  20.  Dezember  1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) richtet, soweit  das VGG oder  das AsylG  nichts  anderes  bestimmen  (vgl.  Art.  37 VGG  sowie Art. 6 und 105 AsylG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden kann (Art. 106 Abs. 1 AsylG),  dass  auf  die  frist­  und  formgerechte  Beschwerde  des  legitimierten  Beschwerdeführers einzutreten ist (vgl. Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52  Abs. 1 VwVG sowie Art. 48 Abs. 1 VwVG), 

D­5359/2011 dass  die  vorliegende  Beschwerde  –  wie  nachfolgend  aufgezeigt –  offensichtlich  unbegründet  ist,  weshalb  darüber  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer zweiten Richterin zu entscheiden ist (Art. 111 Bst. e AsylG), dass  auf  einen  Schriftenwechsel  zu  verzichten  und  der  Entscheid  nur  summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG), dass  auf  Asylgesuche  in  der  Regel  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG),  dass  aufgrund  der  Akten  erstellt  ist,  dass  der  Beschwerdeführer  am  17. März 2011 in Italien wegen illegalen Grenzübertritts registriert wurde,  und er von dort kommend in die Schweiz eingereist ist,  dass  bei  dieser  Sachlage  –  entsprechend  den  vom  BFM  angerufenen  Bestimmungen  zum  Dublin­Verfahren,  auf  welche  anstelle  einer  Wiederholung zu verweisen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG) –  Italien  für die  Prüfung des Asylantrages des Beschwerdeführers zuständig ist, was von  Italien mit der Abgabe der Erklärung vom 11. August 2011 betreffend die  Übernahme  des  Beschwerdeführers  ausdrücklich  akzeptiert  worden  ist  (vgl. dazu Art. 16 Abs. 1 Bst. a i.V.m. Art. 18 Abs. 1 und 6 Dublin­II­VO), dass  damit  die  Grundlage  für  einen  Nichteintretensentscheid  in  Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG ohne weiteres gegeben ist,  dass  aufgrund  der  vorliegenden  Akten  keine  Gründe  ersichtlich  sind,  welche  in  rechtserheblicher  Weise  gegen  die  vom  BFM  angeordnete  Überstellung nach Italien sprechen würden,  dass  Italien  Signatarstaat  sowohl  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (Flüchtlingskonvention,  SR  0.142.30) als auch der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze  der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) ist,  dass  kein Anlass  zur Annahme besteht,  Italien würde  sich  im Falle  des  Beschwerdeführers  nicht  an  seine  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  halten,  hat  doch  Italien  seine  Zustimmung  zu  einer  Übernahme  des  Beschwerdeführers erteilt und sich zur Behandlung seines Asylverfahrens  verpflichtet (vgl. dazu die Übernahmeerklärung vom 11. August 2011), 

D­5359/2011 dass  der  Beschwerdeführer  demzufolge  seine  Vorbehalte  gegen  eine  allfällige  Rückkehr  in  seine  Heimat  bei  den  italienischen  Behörden  einzubringen  hat,  womit  seinen  diesbezüglichen  Ausführungen  im  vorliegenden Verfahren keine Relevanz zukommt,  dass  der  vom  Beschwerdeführer  geäusserte  Wunsch  nach  einem  weiteren Verbleib in der Schweiz als unbeachtlich zu erkennen ist, da es  grundsätzlich nicht die Sache der asylsuchenden Person  ist,  den  für  ihr  Asylverfahren  zuständigen  Staat  selber  zu  bestimmen,  sondern  die  Bestimmung des für sie zuständigen Staates allein den beteiligten Dublin­ Vertragsstaaten obliegt,  dass  schliesslich  weder  die  beim  BFM  und  noch  die  auf  Beschwerdeebene  vorgebachten Vorbehalte gegen eine Rückkehr  nach  Italien gegen eine Überstellung nach Italien sprechen,  dass zwar Asylsuchende in Italien bei der Unterkunft, der Arbeit und dem  Zugang  zur  medizinischen  Infrastruktur  gewissen  Schwierigkeiten  ausgesetzt  sein  können,  wobei  sich  bereits  vorbestandene  Kapazitätsprobleme  aufgrund  der  jüngsten  Entwicklungen  in  verschiedenen  nordafrikanischen  Staaten,  respektive  der  starken  Zunahme  von  Asylsuchenden  aus  diesem  Raum,  akzentuiert  haben  dürften,  dass  jedoch  auch  unter  Berücksichtigung  dieser Umstände  kein  Anlass  zur  Annahme  besteht,  der  Beschwerdeführer  –  ein  junger  und  soweit  ersichtlich  gesunder  Mann  –  würde  im  Falle  einer  Rückführung  nach  Italien in eine existenzielle Notlage geraten,  dass  der  Beschwerdeführer  entgegen  seinen  sinngemäss  anders  lautenden  Vorbringen  auch  nichts  aus  den  jüngsten  Ereignissen  in  Lampedusa,  respektive  dem  dort  kürzlich  erfolgten  Aufstand  von  tunesischen Asylsuchenden, für sich ableiten kann,  dass nach den vorstehenden Erwägungen ein Selbsteintritt im Sinne von  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  ausgeschlossen  bleibt  und  der  Nichteintretensentscheid in Anwendung von Art. 34 Abs. Bst. d AsylG zu  bestätigen ist,  dass  die  Anordnung  der  Wegweisung  nach  Italien  der  Systematik  des  Dublin­Verfahrens  entspricht  und  von  daher  im  Einklang  mit  der  Bestimmung von Art. 44 Abs. 1 AsylG steht,

D­5359/2011 dass in diesem Sinne das BFM den Vollzug der Wegweisung nach Italien  zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erklärte,  dass  nach  den  vorstehenden  Erwägungen  die  angefochtene  Verfügung  zu  bestätigen  und  die  eingereichte  Beschwerde  als  offensichtlich  unbegründet abzuweisen ist,  dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  sind  (vgl.  dazu  Art. 63  Abs.  1  VwVG  sowie  Art. 1­3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]).  (Dispositiv nächste Seite)

D­5359/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Lorenz Mauerhofer Versand:

D-5359/2011 — Bundesverwaltungsgericht 30.09.2011 D-5359/2011 — Swissrulings