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Bundesverwaltungsgericht 21.12.2011 D-4935/2007

21 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,882 mots·~19 min·4

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. Juni 2007

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4935/2007 law/bah/sps Urteil   v om   2 1 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn,  Richterin Contessina Theis, Richterin Nina Spälti Giannakitsas. Richterin Claudia Cotting­Schalch, Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, B._______, C._______, Irak,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 28. Juni 2007 / N (…).

D­4935/2007 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Araber  mit  letztem  Wohnsitz  in  Bagdad,  verliess  den  Irak  gemäss  eigenen Angaben  am  26. April  2005  und gelangte am 4. Mai 2005 in die Schweiz, wo er am gleichen Tag um  Asyl nachsuchte. A.a Bei  der Erstbefragung  im Empfangs­  und Verfahrenszentrum  (EVZ)  Kreuzlingen vom 9. Mai 2005 und der Anhörung zu den Asylgründen vom  13. Mai  2005  führte  der  Beschwerdeführer  zur  Begründung  seines  Gesuches  aus,  ein  Nachbar  und  ein  Verwandter,  die  gegen  die  Amerikaner  und  ihre  Alliierten  gekämpft  hätten,  hätten  ihn  zur  Zusammenarbeit  aufgefordert.  Zirka  15  bis  20 Meter  von  seinem  Haus  entfernt  habe  sein  Nachbar  einen  Einschnitt  in  eine  Sicherheitsmauer  angebracht,  durch  den  die  US­Truppen  von  vielen  Leuten  angegriffen  worden seien. Die Amerikaner hätten wissen wollen, woher die Angreifer  kämen und hätten auch mehrmals mit  ihm gesprochen.  Im Januar 2005  seien drei Bewaffnete in sein Haus gekommen, zwei von ihnen seien aufs  Dach  gegangen  und  bis  am  folgenden  Morgen  dort  geblieben.  Anfang  Februar 2005 hätten zwei Amerikaner das Haus durchsucht, auch diese  seien aufs Dach gegangen und bis am nächsten Morgen dort geblieben.  Sein  Nachbar  habe  ihm  gesagt,  die  Leute  dächten,  er  würde  mit  den  Amerikanern  zusammenarbeiten.  Er  müsse  aufpassen,  sonst  werde  er  eines  Tages  getötet.  Am  15. April  2005  sei  der  Verwandte  zu  ihm  gekommen;  dieser  habe  einige  CDs  bei  sich  gehabt,  auf  denen  wahrscheinlich  die  Namen  und  Adressen  von  Personen  gespeichert  gewesen  seien.  Einige  Tage  später  sei  dieser  festgenommen  worden.  Dies habe er am 20. April 2005 von der Mutter des Festgenommenen, die  ihn beschuldigt habe, diesen verraten zu haben, telefonisch erfahren. Da  er  sich  gefürchtet  habe,  vom  Nachbarn  und  dessen  Leuten  getötet  zu  werden, habe er den Irak verlassen. A.b Mit Eingabe vom 12. Oktober 2005 reichte die CARITAS Schweiz für  die  beiden  minderjährigen  Kinder  des  Beschwerdeführers,  die  sich  in  Syrien  aufhielten,  gestützt  auf  Art. 20  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  ein  Asylgesuch  aus  dem  Ausland  und  ein  Gesuch um Erteilung einer Einreisebewilligung ein. A.c Das BFM bewilligte den beiden Kindern des Beschwerdeführers mit  Verfügung  vom  11. November  2005  die  Einreise  in  die  Schweiz.  Sie  reisten am 5. Dezember 2005 in die Schweiz ein.

D­4935/2007 A.d Die Tochter des Beschwerdeführers wurde am 18. August 2006 von  der zuständigen kantonalen Behörde befragt. Sie sagte aus, ihr sei weder  im  Irak  noch  in  Damaskus  (Syrien),  wo  sie  nach  der  Ausreise  aus  der  Heimat bei Verwandten ihres Vaters gelebt habe, etwas zugestossen. A.e Das  BFM  führte  am  19. Juni  2007  eine  ergänzende  Anhörung  des  Beschwerdeführers durch. Eingangs der Befragung wies er darauf hin, er  habe bei den ersten beiden Befragungen Angst gehabt, die Wahrheit zu  sagen. Die Befragerin bei der ersten Befragung habe gesagt, er  sei ein  Freund der Terroristen. Er sei verwirrt gewesen und habe keine weiteren  Angaben zu seinen Asylgründen gemacht. Um seine berufliche Stellung  halten zu können, sei er Mitglied der Baath­Partei gewesen.  Im Februar  2003 sei er in einer Fabrik tätig gewesen, in der Medaillen und Abzeichen  hergestellt worden  seien. Damals  sei  der Fabrikdirektor  gekommen und  habe  drei  Mitglieder  des  Olympischen  Komitees  zu  ihm  geführt.  Diese  hätten von ihm verlangt, Stillschweigen über das Treffen zu wahren. Die  Männer hätten Leute gesucht, die nach dem Einmarsch der Amerikaner  weiterhin  für  die  Baath­Partei  hätten  arbeiten  wollen.  Sie  hätten  ihm  gesagt,  er  sei  von  einem  Verwandten  empfohlen  worden.  Er  habe  ein  Papier unterzeichnen müssen, in dem er sich zur Zusammenarbeit bereit  erklärt  habe. Mitte  2004  habe man  begonnen,  sich  zu  organisieren.  Im  Januar 2005 sei er dann von drei Terroristen aufgesucht worden, die ihm  Grüsse  von  seinem  Nachbarn,  einem  Mitglied  des  Geheimdienstes,  ausgerichtet  hätten.  Sein Nachbar  habe  von  ihm  verlangt,  dass  er  vom  Dach  seines  Hauses  die  Truppenverschiebungen  der  Amerikaner  beobachte; er habe dies aber nie getan. Im März 2005 sei sein Nachbar  zu ihm gekommen und habe ihm gesagt, er müsse nun mitmachen. Man  wisse,  dass  die  Amerikaner  in  seinem Haus  gewesen  seien  und  er  für  eine Firma tätig sei, die  im Auftrag der Amerikaner arbeite. Am 15. April  2005  sei  sein  Verwandter  zu  ihm  gekommen  und  habe  versucht,  ihm  Papiere  zur  Unterschrift  vorzulegen.  Er  habe  sich  geweigert,  etwas  zu  unterschreiben. Er habe seinem Verwandten am 17. April 2005 gesagt, er  solle das Haus verlassen, da er sich gefährdet fühle. Er habe gesagt, er  wolle nicht mehr kontaktiert werden, ansonsten er sich an die Amerikaner  wenden  werde.  Am  20. April  2005  sei  der  Verwandte  festgenommen  worden. Die Mutter desselben habe ihn am frühen Morgen kontaktiert und  ihm gesagt, man sei der Ansicht, dass er  ihren Sohn an die Amerikaner  verraten habe. B.  Mit  Verfügung  vom  28. Juni  2007  stellte  das  BFM  fest,  die 

D­4935/2007 Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  die  Asylgesuche  ab.  Gleichzeitig  wurde  die  Wegweisung  angeordnet,  deren  Vollzug  jedoch  zufolge  Unzumutbarkeit  zugunsten  einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben wurde. C.  Mit  Eingabe  vom  19. Juli  2007  erhob  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  gegen  diesen  Entscheid  für  sich  und  seine  Kinder Beschwerde und beantragte,  es  seien die Ziffern 1,  2 und 3 der  angefochtenen  Verfügung  aufzuheben  und  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  ihnen  Asyl  zu  gewähren.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragte  er,  es  sei  die  unentgeltliche  Rechtspflege zu gewähren. D.  Mit Verfügung vom 23. Juli 2007 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch  um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) gut. E.  E.a Mit  Verfügung  vom  3. August  2007  überwies  der  Instruktionsrichter  die Akten zur Vernehmlassung an das BFM. E.b In seiner Vernehmlassung vom 20. August 2007 beantragte das BFM  die Abweisung der Beschwerde. E.c  Die  Vernehmlassung  wurde  den  Beschwerdeführenden  vom  Bundesverwaltungsgericht am 23. August 2007 zur Kenntnis gebracht. F.  Die  vom  Beschwerdeführer  geschiedene  Ex­Ehefrau  ersuchte  bei  der  Schweizerischen  Botschaft  in  Damaskus  (Syrien)  schriftlich  um  die  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  in  die  Schweiz  und  die  Gewährung  von  Asyl.  Dieses  Gesuch  wurde  in  der  Folge  an  das  BFM  übermittelt  (Eingang:  27. November  2006).  Das  BFM  stellte  mit  Verfügung  vom  11. Juli 2007 fest, die Ex­Ehefrau erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,  und  lehnte das Asylgesuch ab. Die Einreise  in die Schweiz wurde nicht  bewilligt. Eine gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 19. Juli  2007 wurde vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D­5169/2007 vom  10. Dezember 2007 gutgeheissen. Das BFM bewilligte der Ex­Ehefrau in  der  Folge  am 16. Januar  2008  die Einreise  in  die Schweiz.  Sie  traf  am 

D­4935/2007 1. Februar  2008  in  der  Schweiz  ein  und  wurde  vom  BFM  zweimal  zu  ihren Personalien und ihren Asylgründen befragt.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde; es  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  in  der  Regel  –  so  auch  im  vorliegenden  Fall  –endgültig  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Die Beschwerdeführenden  haben  am Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  sind  durch  die  angefochtene  Verfügung  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  (Art. 105 AsylG i. V. m. Art. 37 VGG und Art. 50 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs.  1 VwVG) ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.   3.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken (Art. 3 AsylG).

D­4935/2007 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 4.   4.1.  Das  BFM  begründete  seine  Verfügung  damit,  dass  der  Beschwerdeführer im Verlaufe des Verfahrens widersprüchliche Angaben  gemacht  habe. So habe er  bei  der Erstbefragung gesagt,  es  seien drei  Terroristen  auf  das  Hausdach  gegangen,  während  er  bei  den  Anhörungen erklärt habe, zwei seien auf das Dach gegangen und einer  sei  im Haus geblieben. Ferner habe er bei der Erstbefragung gesagt, er  habe  nach  der  Verhaftung  seines  Verwandten  befürchtet,  von  dessen  Freunden  des  Verrats  beschuldigt  zu  werden,  während  er  bei  den  Anhörungen  behauptet  habe,  er  sei  von  dessen  Mutter  des  Verrats  beschuldigt  worden.  Bei  den  beiden  Anhörungen  habe  er  unterschiedliche  Angaben  dazu  gemacht,  bei  wem  er  sich  vor  seiner  Ausreise versteckt habe. Er habe erstmals bei der Anhörung beim BFM  zu  Protokoll  gegeben,  im  Februar  2003  verpflichtet  worden  zu  sein,  gegen die Amerikaner zu kämpfen und eine Erklärung zu unterschreiben.  Diese  Vorbringen  habe  er  weder  im  Empfangszentrum  noch  bei  der  kantonalen Befragung  (recte: bei der ersten Bundesanhörung) gemacht,  weil ihn die Frage der Sachbearbeiterin beim Empfangszentrum, ob er ein  Freund  der  Terroristen  sei,  sehr  verunsichert  habe.  Aus  dem  entsprechenden  Protokoll  gehe  aber  hervor,  dass  diese  Frage  erst  am  Ende der Anhörung gestellt worden sei. Er habe beim Empfangszentrum  und  bei  der  kantonalen  Anhörung  vorgebracht,  dass  sich  vor  seinem  Haus  Reste  einer  Sicherheitsmauer  befunden  hätten,  von  der  aus  Angriffe  auf  die  Amerikaner  verübt  worden  seien.  Beim  BFM  habe  er  diese  Vorbringen  nicht  von  sich  aus  wiederholt.  Darauf  angesprochen  habe er gesagt, er sei bei der Erstbefragung etwas verwirrt gewesen und  habe Einzelheiten erzählt, die mit ihm nichts zu tun gehabt hätten. Diese  Erklärung könne nicht gehört werden, da hinter den Angriffen sein ihm gut  bekannter  Nachbar  gesteckt  habe,  der  ihn  immer  wieder  habe  zur  Mitarbeit  zwingen  wollen.  Die  Angriffe  stünden  somit  sehr  wohl  im  Zusammenhang  mit  seiner  damaligen  Situation.  Bei  der  kantonalen  Anhörung habe er erklärt, er habe die Urheber der Granatangriffe auf die 

D­4935/2007 Amerikaner nie gesehen. Es sei aber höchst unwahrscheinlich, dass sich  jemand, der nur wenige Meter von der Angriffsstelle entfernt sei,  für die  zweifellos Aufsehen  erregenden Vorfälle  nicht  interessiere  und  keinerlei  Beobachtungen  über  beteiligte  Personen  mache.  Die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  somit  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit nicht stand. 4.2.  In  der  Beschwerde  wird  geltend  gemacht,  die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers, die er in den drei Befragungen gemacht habe, seien  sehr detailliert ausgefallen. Vor dem Hintergrund der täglichen Ereignisse  im Irak seien sie auch plausibel und realistisch. Es müsse eine Abwägung  der  für  und  gegen  die  Glaubhaftigkeit  sprechenden  Kriterien  vorgenommen werden, was das BFM unterlassen habe. Er habe bei allen  Anhörungen übereinstimmend gesagt, dass drei Widerstandsleute in sein  Haus gekommen seien; bei der zweiten Anhörung habe er dahingehend  differenziert, dass zwei von diesen sofort aufs Dach gestiegen seien. Er  gehe davon aus, dass auch der Dritte nachher aufs Dach gegangen sei.  Er habe bei der Erstbefragung gesagt, er befürchte, von den Leuten aus  dem Umfeld seines Verwandten des Verrats beschuldigt zu werden. Bei  der zweiten und dritten Anhörung sei indessen die Frage gestellt worden,  von  wem  er  von  der  Inhaftierung  des  Verwandten  gehört  habe.  Dabei  habe  er  übereinstimmend  gesagt,  dass  er  von  dessen  Mutter  davon  erfahren habe. Hinsichtlich des Namens des Freundes, bei dem er  sich  vor seiner Ausreise aufgehalten habe, gebe es keinen Widerspruch, habe  er doch bei der zweiten Anhörung – der gestellten Frage entsprechend –  das Quartier genannt, in welches er gegangen sei, und erst bei der dritten  Anhörung dessen Namen genannt. Er habe bei der dritten Anhörung von  sich  aus  darauf  hingewiesen,  dass  er  sich  anlässlich  der  ersten  Befragung  nicht  wohl  beziehungsweise  verwirrt  gefühlt  habe.  Die  Befragerin  habe  ihm  bereits  bei  der  Schilderung  des  Reisewegs  zu  verstehen  gegeben,  dass  sie  ihm  nicht  glaube.  Nun  werde  ihm  seine  Offenheit bei der dritten Anhörung zum "Verhängnis". Sein Verhalten bei  der dritten Befragung sei nicht unglaubwürdig, da er darauf hingewiesen  worden  sei,  dass  es  sich  um  eine  ergänzende  Anhörung  handle.  Die  erwähnte  Mauer  habe  sich  dabei  zumindest  anfänglich  nicht  im  Mittelpunkt befunden. Zweck einer ergänzenden Anhörung sei, dass man  Präzisierungen machen könne und nicht immer gerade bereits Gesagtes  wiederhole.  Die  Granatangriffe  auf  die  Amerikaner  seien  selbstverständlich  hörbar  gewesen,  da  die  Angriffsstelle  sich  etwa  20  Meter  von  seinem  Haus  entfernt  befunden  habe.  Entgegen  der  Äusserung der Vorinstanz habe diese Stelle nicht nur wenige Meter von 

D­4935/2007 seinem Haus entfernt gelegen. Zudem überlege es sich jemand gut, ob er  an  einem  solchen  Ort  irgendwelche  Beobachtungen  anstelle.  Wo  angegriffen  werde,  erfolge  in  der  Regel  ein  Gegenangriff  und  die  Widerstandskämpfer  führten  ihre  Angriffe  in  wenigen  Minuten  durch.  Abschliessend  weise  er  darauf  hin,  dass  seine  ehemalige  Ehefrau  im  Rahmen  ihres  Asylverfahrens  aus  dem  Ausland  ebenfalls  Angaben  zu  den  Asylgründen  und  ihrer  schwierigen  Situation  gemacht  habe.  Insgesamt  genügten  seine  Aussagen  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit. Aufgrund  der  Geschehnisse  im  Irak  und  der  ihm  und  seiner  Familie  gegenüber  ausgestossenen Drohungen  sei  seine Furcht  vor  zukünftiger  Verfolgung  als  begründet  zu  erachten.  Es  sei  nicht  davon  auszugehen,  dass  ihm  die  staatlichen  Stellen  genügenden  Schutz  bieten  könnten.  Sollte  bekannt werden,  dass er  eine Erklärung  zur Zusammenarbeit mit  dem  Widerstand  unterzeichnet  habe,  müsse  er  auch  seitens  der  Behörden  mit  Verfolgungsmassnahmen  rechnen.  Bei  einer  Rückkehr  drohe  ihm  eine  Verfolgung  seitens  der  Widerstandskämpfer.  Demnach  sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. 5.  5.1.  Glaubhaft  sind  die  Vorbringen  eines  Asylsuchenden  grundsätzlich  dann,  wenn  sie  genügend  substanziiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel  sind;  sie  dürfen  sich  nicht  in  vagen  Schilderungen  erschöpfen,  in  wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich  sein oder der  inneren Logik  entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung  widersprechen.  Darüber  hinaus  muss  die  gesuchstellende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt, aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung bedeutet  ferner –  im Gegensatz zum strikten Beweis  – ein  reduziertes  Beweismass  und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Gründe, die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Asylsuchenden  sprechen,  überwiegen  oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der 

D­4935/2007 Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr. 21  E. 6.1  S. 190 f.). 5.2.  5.2.1. Die Aussagen  des Beschwerdeführers  hinsichtlich  des  "Besuchs"  von  drei  Widerstandsleuten  vom  Januar  2005  sind  insofern  nicht  übereinstimmend, als er bei der Erstbefragung aussagte, die drei Männer  seien  aufs  Hausdach  gegangen,  während  er  bei  den  folgenden  Anhörungen geltend machte, einer der Männer sei unten geblieben und  zwei  Männer  seien  aufs  Dach  gegangen,  wo  sie  die  ganze  Nacht  geblieben  seien. Die Erklärung  in  der Beschwerde,  er  gehe davon aus,  die dritte Person sei auch aufs Dach gegangen, nachdem sie im Zimmer  eingeschlossen  worden  seien,  lässt  sich  mit  seinen  Angaben  bei  den  Anhörungen nicht in Übereinstimmung bringen. 5.2.2.  In  der Beschwerde wird  hingegen  zutreffend  darauf  hingewiesen,  dass  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers  zur  Frage,  wo  beziehungsweise  bei  wem  er  sich  vor  seiner  Ausreise  versteckt  habe,  keine Widersprüche entnommen werden können. Bei der Anhörung vom  13. Mai 2005 sagte er aus, er  sei  vor  seiner Ausreise zu einem Freund  gegangen. Danach wurde er  gefragt, wohin er  gegangen  sei, worauf  er  antwortete  "D._______,  er  war  Direktor  ...".  Bei  der  Anhörung  vom  19. Juni 2007 erklärte er, er habe das Haus am 20. April 2005 verlassen  und sei in ein Nachbarquartier gegangen, wo er sich einige Tage im Haus  eines  Freundes  namens  E._______  aufgehalten  habe.  Da  "D._______"  eine Ortsangabe ist und nicht etwa der Name des Freundes, ist das BFM  fälschlicherweise  vom  Vorliegen  einer  widersprüchlichen  Aussage  ausgegangen. 5.2.3. Bei  der  Erstbefragung  führte  der  Beschwerdeführer  aus,  er  habe  nach  der  Festnahme  seines  Freundes/Verwandten  befürchtet,  von  dessen  Leuten  des  Verrats  beschuldigt  zu  werden.  Im  Rahmen  der  Anhörung vom 13. Mai 2005 machte er geltend, er sei von der Mutter des  Festgenommenen des Verrats beschuldigt worden. Auf Nachfrage sagte  er,  sie habe  ihn nicht bedroht,  sondern nur beschuldigt. Hätte er  länger  gewartet, hätten ihn der Festgenommene und seine Leute töten können.  Bei der Anhörung vom 19. Juni 2007 schilderte er, er habe von der Mutter  seines Verwandten erfahren, dass dieser festgenommen worden sei. Man  meine,  er  habe  diesen  bei  den  Amerikanern  denunziert  und  der  Verwandte  wolle  sich  an  ihm  rächen.  Diese  Aussagen  sind  nicht  widersprüchlich, denn der Beschwerdeführer sagte übereinstimmend aus, 

D­4935/2007 er  habe  von  den  Verwandten  seines  Freundes/Verwandten  beziehungsweise  dessen  Mutter  von  der  Festnahme  erfahren.  Bei  der  Erstbefragung  erwähnte  er  zwar  nicht,  dass  die  Mutter  des  Festgenommenen  ihn  des Verrats  bezichtigte,  sagte  aber,  er  befürchte,  die Freunde/Leute des Festgenommenen beschuldigten  ihn des Verrats  und würden sich an  ihm rächen. Er gab auch klar zu Protokoll, dass die  Mutter  des  Festgenommenen  ihn  nicht  bedroht  habe.  Es  ist  bei  dieser  Ausgangslage nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer sich nicht vor  der  Mutter  seines  Verwandten,  wohl  aber  vor  dessen  Freunden  beziehungsweise Gefolgsleuten fürchtete. 5.2.4.  Dem  BFM  ist  beizupflichten,  dass  das  verspätete  Vorbringen  wichtiger  Begebenheiten  Zweifel  an  deren  Glaubhaftigkeit  erweckt.  Die  Erklärung des Beschwerdeführers, er habe nicht erzählt, dass er noch vor  dem  Sturz  des  Regimes  von  Saddam  Hussein  verpflichtet  worden  sei,  gegen  die  Amerikaner  zu  kämpfen,  weil  er  bei  der  Befragerin  der  Erstbefragung  ein  deutliches  Misstrauen  gespürt  habe,  vermag  nicht  restlos  zu  überzeugen.  Hingegen  steht  dieses  Vorbringen  nicht  im  Widerspruch  zu  den  bei  der  Erstbefragung  und  der  Anhörung  vom  13. Mai 2005 genannten Gründen für die Ausreise aus dem Irak, weshalb  aufgrund  der  verspäteten  Geltendmachung  desselben  nicht  auf  die  Unglaubhaftigkeit der übrigen Vorbringen geschlossen werden kann. 5.2.5.  In  der  angefochtenen  Verfügung  wird  darauf  hingewiesen,  der  Beschwerdeführer  habe  bei  der  zweiten  Anhörung  vom  19. Juni  2007  nicht  von  sich  aus  gesagt,  dass  neben  seinem  Haus  eine  Sicherheitsmauer  verlaufen  sei,  durch  die  mehrere  Angriffe  auf  die  Amerikaner erfolgt seien. Der Beschwerdeführer weist in der Beschwerde  darauf hin, dass es sich dabei um eine ergänzende Anhörung gehandelt  habe;  er  sei  auf  diesen  Umstand  hingewiesen  worden.  Dies  trifft  zu,  zumal ihm unter Hinweis auf Art. 41 AsylG bereits mit der Vorladung vom  7. Juni  2007 mitgeteilt  wurde, man möchte  ihm  die Gelegenheit  geben,  sein  Gesuch  persönlich  und  mündlich  zu  ergänzen.  Aufgrund  des  Verlaufs  der  zweiten  Anhörung  kann  aus  dem  Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  nicht  von  sich  aus  auf  die  Mauer  zu  sprechen  kam,  nichts  zu  seinen  Ungunsten  abgeleitet  werden.  Der  Aussage  des  Beschwerdeführers  bei  der  zweiten  Anhörung,  er  habe  bei  den  vorherigen  Befragungen  Einzelheiten  (nämlich  die  von  der  Mauer  ausgehenden Anschläge) erwähnt, die nichts mit ihm zu tun hätten, kann  zwar aufgrund des geltend gemachten Sachverhalts nicht gefolgt werden,  indessen  hat  der  Beschwerdeführer  bei  keiner  der  Befragungen 

D­4935/2007 vorgebracht,  die  von  der  Mauer  aus  erfolgenden  Anschläge  beziehungsweise  die  Reaktionen  der  amerikanischen  Truppen  (Befragungen  der  Anlieger)  seien  massgebliche  Ausreisegründe  gewesen.  Seinen  Aussagen  zufolge  habe  erst  die  Festnahme  seines  Verwandten und die Furcht vor Racheaktionen von dessen Gefolgsleuten  zum Ausreiseentschluss geführt. 5.2.6.  Insofern das BFM ausführt,  es sei höchst unwahrscheinlich, dass  der Beschwerdeführer  keine Angaben über  die  für  die Granatanschläge  auf die Amerikaner verantwortlichen Personen zu machen  imstande sei,  ist festzuhalten, dass er aussagte, die Anschläge seien von seinem beim  Widerstand  tätigen  Nachbarn  und  dessen  Leuten  ausgegangen.  Es  erscheint durchaus nachvollziehbar, dass jemand, der Ohrenzeuge eines  Granatangriffs wird, keine Lust verspürt, nachzusehen, was draussen vor  sich geht, zumal entsprechende "Neugierde" in mehrerer Hinsicht Risiken  in sich bergen würde. In der Beschwerde wird zu Recht geltend gemacht,  dass die Gefahr eines Gegenangriffs realistisch ist, weshalb jemand, der  zirka  20  Meter  von  der  Stelle  des  Angriffs  entfernt  wohnt,  wohl  gut  beraten ist, so gut wie möglich im Haus Schutz zu suchen und sich nicht  blicken  zu  lassen.  Des  Weiteren  kann  es  in  Gebieten,  in  denen  eine  Situation allgemeiner Gewalt  herrscht,  von Vorteil  sein, möglichst wenig  wissen zu wollen, um keinen Anlass für Angriffe auf die eigene Person zu  bieten.  Diese  Überlegungen  gelten  insbesondere  für  Konfliktsituationen  wie  diejenige  im  Irak:  Zahlreiche  Gruppierungen  gingen  nach  dem  Einmarsch der US­Truppen zu einer Guerilla­Taktik über; der Ablauf und  der  Ausgang  der  zeitweise  praktisch  täglich  verübten  Anschläge  beziehungsweise der Gegenreaktionen war für Zivilisten unvorhersehbar,  weshalb das vom Beschwerdeführer geschilderte Verhalten bei den von  ihm geschilderten Aktionen ohne weiteres nachvollziehbar ist. 5.2.7.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  die  Argumentation  des  BFM  in  weiten  Teilen  nicht  zu  überzeugen  vermag.  Der  Beschwerdeführer  hat  die  geltend  gemachten  Geschehnisse  im  Wesentlichen  übereinstimmend  und  sachlich  geschildert.  Seine  Schilderungen sind detailreich und wirken  in keiner Hinsicht übertrieben.  Angesichts  der  damaligen  allgemeinen  Lage  in  Bagdad  und  der  dort  zeitweise  herrschenden  Situation  allgemeiner  Gewalt  sind  sie  auch  plausibel.  Es  ist  demnach  davon  auszugehen,  dass  die Vorbringen  des  Beschwerdeführers  trotz gewisser Zweifel  als überwiegend glaubhaft  zu  werten sind.

D­4935/2007 5.3. Hinsichtlich der Prüfung der asylrechtlichen Relevanz der Vorbringen  ist  vom  folgenden,  rechtserheblichen  Sachverhalt  auszugehen:  Der  Beschwerdeführer war aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit gezwungen,  sich der Baath­Partei anzuschliessen. Nach dem Sturz des Regimes von  Saddam  Hussein  arbeitete  er  bei  verschiedenen  Unternehmen,  die  teilweise  auch  mit  den  im  Irak  anwesend  gewesenen  amerikanischen  Truppen  zusammenarbeiteten.  Ein  Nachbar  und  ein  Verwandter  versuchten, ihn für die Zusammenarbeit mit Funktionären des ehemaligen  Regimes zu gewinnen. Er wies die Aufforderungen zur Zusammenarbeit  unter  Hinweis  auf  die  Sicherheit  seiner  Familie  zurück.  Der  Verwandte  des Beschwerdeführers,  der  sich  im April  2005  zwei Tage  lang bei  ihm  aufgehalten hatte, wurde kurz danach von den amerikanischen Truppen  festgenommen.  Da  sich  der  Beschwerdeführer  davor  fürchtete,  für  dessen  Festnahme  verantwortlich  gemacht  und  "bestraft"  zu  werden,  verliess er seine Heimat. 6.  6.1.  Die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3  AsylG  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt  worden  sind  beziehungsweise  zugefügt  zu  werden  drohen  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37).  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  ausserdem  voraus,  dass  die  betroffene Person  in  ihrem Heimatland keinen adäquaten Schutz  finden  kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f., BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37  f.).  Ausgangspunkt  für  die Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  die  Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität  der  Verfolgungsfurcht  ebenfalls  wesentlich.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/34  E. 7.1  S. 507 f.,  BVGE  2008/12 E. 5.2 S. 154 f., WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel  2009,  Rz. 11.17  und  11.18).

D­4935/2007 6.2. Begründete Furcht  vor Verfolgung  liegt  vor, wenn  konkreter Anlass  zur  Annahme  besteht,  eine  Verfolgung  hätte  sich  –  aus  der  Sicht  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  –  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zeit  verwirklicht  beziehungsweise  werde  sich  –  auch  aus  heutiger  Sicht  –  mit  ebensolcher  Wahrscheinlichkeit  in  absehbarer  Zukunft  verwirklichen.  Eine  bloss  entfernte  Möglichkeit  künftiger  Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete  Indizien vorliegen, welche  den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten  Motive  erfolgenden  –  Benachteiligung  als  wahrscheinlich  und  dementsprechend  die  Furcht  davor  als  realistisch  und  nachvollziehbar  erscheinen lassen (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 7 S. 193 f., EMARK 2004  Nr. 1 E. 6a S. 9). 6.3.  Der  Beschwerdeführer  hatte  bis  zum  Zeitpunkt  seiner  Ausreise  weder  durch  die  Behörden  seines  Heimatlandes  noch  durch  Privatpersonen  ernsthafte Nachteile  im Sinne  des Asylgesetzes  erlitten.  Aufgrund  der  Festnahme  seines Verwandten  durch  die Amerikaner  und  des  Umstandes,  dass  er  von  diesem  und  dessen  Gefolgsleuten  des  Verrats  bezichtigt  wurde,  erscheint  jedoch  die  für  den  Zeitpunkt  der  Ausreise  geltend  gemachte  Furcht  des  Beschwerdeführers  vor  Vergeltungsaktionen  angesichts  der  damaligen  Lage  im  Irak  als  begründet.  Die  Annahme,  dass  die  Angehörigen  des  Widerstandes  aufgrund  des  vermuteten  Verrats  gegenüber  dem  Beschwerdeführer  auch  im heutigen Zeitpunkt noch Rachegedanken hegen dürften,  führt –  auch  angesichts  der  Angaben  seiner  Ex­Ehefrau  –  zum  Schluss,  dass  eine asylrechtlich relevante ernsthafte und gezielte Verfolgungsgefahr für  den Beschwerdeführer nach wie vor besteht.  7.  7.1.  Gemäss  der  auf  der  so  genannten  Zurechenbarkeitstheorie  ("accountability  view")  beruhenden  früheren  Praxis  der  schweizerischen  Asylbehörden  wurde  eine  Verfolgung  nur  dann  als  flüchtlingsrechtlich  relevant  erachtet,  wenn  sie  unmittelbar  oder  mittelbar  dem  Staat  zugerechnet  werden  konnte  (vgl.  EMARK  2004  Nr. 14  E. 6d  S. 92,  EMARK  2004  Nr. 3  E.  4d  S. 24,  EMARK  2002  Nr. 16  E. 5c/cc  S. 133,  EMARK 1996 Nr. 16 E. 4c/aa S. 146). Im Gegensatz dazu hängt nach der  heute geltenden Praxis, welche auf dem der so genannten Schutztheorie  ("protection  view")  zugrunde  liegenden  Verständnis  der  Genfer  Flüchtlingskonvention  (Abkommen  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR 0.142.30)  basiert,  die  Bejahung  eines  internationalen  Schutzbedürfnisses  nicht  (mehr)  davon  ab,  wer 

D­4935/2007 Urheber der Verfolgung ist, sondern davon, ob im Heimatstaat adäquater  Schutz vor Verfolgung in Anspruch genommen werden kann (vgl. EMARK  2006 Nr. 18 E. 6.3.1 und E. 10.2.1). Damit ist nicht nur unmittelbare oder  mittelbare  staatliche,  sondern  auch  private  (bzw.  nichtstaatliche)  Verfolgung  flüchtlingsrechtlich  relevant,  sofern  im  Heimatstaat  kein  adäquater Schutz vor Verfolgung besteht (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E. 7.5  ­ 7.9 S. 193 ff.). 7.2.  Der  Schutz  vor  privater  Verfolgung  kann  dabei  sowohl  durch  den  Staat  selbst  als  auch  durch  einen  besonders  qualifizierten  Quasi­Staat  gewährt werden, allenfalls auch durch internationale Organisationen. Der  Schutz  vor  privater  Verfolgung  auf  tieferem  institutionellem  Niveau  beispielsweise  durch  einen  Clan,  durch  eine  (Gross­)  Familie  oder  auf  individuell­privater  Basis  genügt  dagegen  nicht  (vgl.  BVGE  2008/12  E. 7.2.6.2  S. 174  f.,  BVGE  2008/5  E. 4.1  S. 60,  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37 f., EMARK 2006 Nr. 18 E. 10.2.3 S. 202 f.).  7.3. Der Schutz vor privater Verfolgung ist als solcher ausreichend, wenn  im Heimatstaat eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur  Verfügung steht, also in erster Linie polizeiliche Aufgaben wahrnehmende  Organe  und  ein  Rechts­  und  Justizsystem,  das  eine  effektive  Strafverfolgung  ermöglicht.  Ob  das  bestehende  Schutzsystem  als  in  diesem Sinne effizient erachtet werden kann, hängt  letztlich auch davon  ab,  dass  der  Schutz  die  von  Verfolgung  betroffene  Person  tatsächlich  erreicht  (vgl.  UNHCR,  Internationaler  Flüchtlingsschutz,  Auslegung  von  Artikel  1  des  Abkommens  von  1951  über  die  Rechtsstellung  von  Flüchtlingen,  April  2001,  Ziff. 15.).  So  kann  beispielsweise  nicht  von  adäquatem staatlichem Schutz für die betroffenen Frauen die Rede sein,  wenn die praktische Umsetzung der  in Äthiopien eingeführten Reformen  zur  Bekämpfung  des  Phänomens  der  Entführung  von  jungen  Frauen  zwecks  Heirat  durch  bestehende  kulturelle  Normen  und  Traditionen  in  ländlichen  Gegenden  stark  behindert  wird  (vgl.  EMARK  2006  Nr. 32  E. 7.4.1 und E. 7.4.2 S. 348 ff.).  7.4.  Ein  subsidiäres  internationales  Schutzbedürfnis  im  Sinne  der  Schutztheorie  kann  sich  für  die  von  Verfolgung  betroffene  Person  demnach ergeben, weil im Heimatstaat keine Schutzinfrastruktur besteht,  die  ihr Schutz bieten könnte  (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E. 11.2 S. 204 f.)  oder  weil  der  Staat  ihr  keinen  Schutz  gewährt,  obwohl  er  dazu  in  der  Lage  wäre.  Ein  Schutzbedürfnis  besteht  aber  auch  dann,  wenn  die  bestehende  Schutzinfrastruktur  der  von  Verfolgung  betroffenen  Person 

D­4935/2007 nicht  zugänglich  ist  oder  ihr  deren  Inanspruchnahme  aus  individuellen  Gründen  nicht  zuzumuten  ist  (vgl.  BVGE  2008/12  E. 6.8  S. 168,  BVGE  2008/5 E. 4.2 S. 60 f., BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37 f., EMARK 2006 Nr. 18  E.10.3.1  und  E. 10.3.2  S. 203).  Ob  ein  Schutzbedürfnis  besteht,  ist  im  Rahmen einer  individuellen Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des  länderspezifischen  Kontextes  zu  beantworten,  wobei  es  den  Asylbehörden  obliegt,  die  Effektivität  des  Schutzes  vor  Verfolgung  im  Heimatstaat  abzuklären  und  zu  begründen  (vgl.  BVGE  2008/5  E. 4.2  S. 60 f.,  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37 f.,  EMARK  2006  Nr. 32  E. 6.1  S. 340 f., EMARK 2006 Nr. 18 E. 10.3.2 S. 203).  7.5. Im Zentral­ und Südirak existiert kein funktionierendes und effizientes  Rechts­  und  Justizsystem  (vgl.  BVGE  2008/12  E. 6.4  ­  6.8  S. 164 ff.,       D­430/2008 vom 23. Juni 2011 E. 5.3). Es ist deshalb davon auszugehen,  dass  weder  die  irakischen  Behörden  noch  die  im  Irak  anwesend  gewesenen  internationalen  Truppen  in  der  Lage  sind  (waren),  dem  Beschwerdeführer  im  Zentralirak  hinreichenden  Schutz  vor  der  ihm  drohenden Verfolgung zu gewähren. Hingegen sind die Behörden in den  drei nordirakischen Provinzen Dohuk, Erbil und Suleimaniya  in der Lage  und  willens,  den  Einwohnern  ihrer  Provinzen  Schutz  vor  allfälliger  Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4 E. 6.1 ­ 6.7 S. 40 ff.). Es stellt  sich somit die Frage, ob dem Beschwerdeführer in diesen Provinzen eine  die  Flüchtlingseigenschaft  ausschliessende  innerstaatliche  Flucht­  beziehungsweise  Schutzalternative  (vgl.  STÖCKLI,  a.a.O.,  Rz. 11.20)  zur  Verfügung steht. 8.  8.1. Aus  dem Grundsatz  der  Subsidiarität  des  internationalen  Schutzes  ergibt sich, dass eine Person, die nur  in einem Teil des Landes verfolgt  wird  und  sich  in  eine  andere,  sichere  Region  begeben  kann,  keinen  internationalen  Schutz  benötigt.  Wirken  sich  die  Benachteiligungen  nur  lokal,  nicht  aber  im ganzen Staatsgebiet  aus und  ist  der Heimatstaat  in  der  Lage  und  willens,  dem  Betroffenen  in  anderen  Landesteilen  wirksamen  Schutz  vor  Verfolgung  zu  gewähren,  so  kann  dem  Asylsuchenden  das  Vorliegen  einer  innerstaatlichen  Flucht­  beziehungsweise  Schutzalternative  entgegengehalten  werden.  Eine  solche  Alternative  versteht  sich  sowohl  aus  der  Sicht  der  Genfer  Flüchtlingskonvention  als  auch  auf  der  Grundlage  von  Art. 3  AsylG  als  Schranke  des  materiellen  Flüchtlingsbegriffs.  Das  Institut  der  innerstaatlichen  Flucht­  beziehungsweise  Schutzalternative  beruht  auf  dem Wortlaut  von Art. 1A Ziff. 2  FK, wonach nicht  Flüchtling  sein  kann, 

D­4935/2007 wer gegen eine in begründeter Weise befürchtete Verfolgung den Schutz  seines Heimatstaates in Anspruch nehmen kann (vgl. EMARK 2000 Nr. 2  E. 8  und  9c  S. 20 ff.,  EMARK  2000  Nr. 15  E. 12a  S. 127  und  E. 14a  S. 133).  Die  Frage,  ob  eine  Flucht­  beziehungsweise  Schutzalternative  besteht,  stellt  sich  allerdings  erst,  wenn  zuvor  eine  bestehende  oder  drohende  Verfolgung  aus  einem  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Motiv  festgestellt  worden  ist;  wer  eine  derartige  Verfolgung  nicht  begründet  befürchten  muss,  erfüllt  die  Flüchtlingseigenschaft  bereits  aus  diesem Grund  nicht,  und das Bestehen allfälliger Flucht­ beziehungsweise Schutzalternativen  ist  gar  nicht  zu  prüfen  (vgl.  EMARK  2000  Nr. 15  E. 7b  S. 113 f.  und  E. 14a S. 133). Falls indessen eine begründete Furcht vor Verfolgung aus  einem  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Motiv  besteht,  basiert  das  Institut  der innerstaatlichen Flucht­ beziehungsweise Schutzalternative – der von  Art. 1A  Ziff. 2  FK  vorgegebenen  Dogmatik  folgend  –  nicht  darauf,  dass  der Verfolger nur in lokalen oder regionalen Dimensionen verfolgen kann,  an  anderen  Orten  des  Staatsterritoriums  hingegen  machtlos  und  verfolgungsunfähig  ist,  sondern  sie  basiert  auf  der  Tatsache,  dass  der  Heimatstaat  zwar  nicht  am  Ort  der  Verfolgung,  hingegen  in  anderen  Gebieten  seines  Territoriums  hinlänglichen  Schutz  vor  Verfolgung  beziehungsweise  vor  dem  Verfolger  gewährt  (vgl.  EMARK  2000  Nr. 15  E. 7b  S. 113  f.,  EMARK  1997  Nr. 12  E. 6b,  EMARK  1997  Nr. 14  E. 6b  S. 118). 8.2. Gemäss  Praxis  steht  der  von  Verfolgung  betroffenen  Person  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  dann  zur  Verfügung,  wenn  sie  am  Zufluchtsort  nicht  weiterhin  oder  erneut  ernsthafte  Nachteile  aufgrund  unmittelbarer  oder  mittelbarer  staatlicher  Verfolgung  aus  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Motiven  befürchten  muss,  und  sie  dort  auch  nicht  Gefahr  läuft,  anderen,  weniger  intensiven  staatlichen  Beeinträchtigungen  oder  Massnahmen  ausgesetzt  zu  sein,  die  darauf  abzielen, sie aus flüchtlingsrechtlich relevanten Motiven in das Gebiet der  ursprünglichen  Verfolgung  zurückzudrängen  (EMARK  1996  Nr. 1  E. 5c  S. 6 f.).  Die  Frage,  ob  ihr  die  Niederlassung  am  Zufluchtsort  aufgrund  ungünstiger Lebensbedingungen zuzumuten ist,  ist hingegen allein unter  dem  Aspekt  der  Wegweisungshindernisse  gemäss  Art. 14a  Abs. 4  des  Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung  der  Ausländer  (ANAG,  BS 1  121;  heute:  Art. 83  Abs. 4  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG, SR 142.20]) zu prüfen (vgl. EMARK 2005 Nr. 17 E. 6.3 

D­4935/2007 S. 155 und E. 8.3.2 S. 156, EMARK 2000 Nr. 15 E. 14b S. 135, EMARK  1996 Nr. 1 E. 5.d S. 7 ff.). 8.3.  In  der  Literatur wird  diese Praxis  kritisiert  und  darauf  hingewiesen,  sie  schränke  die  Möglichkeiten  der  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft gemäss der Genfer Flüchtlingskonvention  in einer  von  dieser  nicht  vorgesehenen  und  damit  völkerrechtswidrigen  Art  und  Weise ein. Den von dieser Praxis betroffenen Personen würden die von  der  Flüchtlingskonvention  garantierten  und  die  mit  der  Asylgewährung  verknüpften Rechte des Asylgesetzes vorenthalten,  indem ihnen nur der  Status  der  vorläufigen  Aufnahme  gewährt  werde.  Ausserdem  sei  diese  Praxis im internationalen Vergleich ausgesprochen streng und sie bleibe,  indem die Frage, ob es der betroffenen Person zuzumuten sei, sich am  Zufluchtsort  niederzulassen,  nicht  unter  dem  Aspekt  der  Flüchtlingseigenschaft geprüft werde, deutlich hinter den in der UNHCR­ Richtlinie  zum  internationalen  Schutz  Nr. 4,  "Interne  Flucht­  oder  Neuansiedlungsalternative" vom 23. Juli 2003 und in Art. 8 der Richtlinie  2004/83/EG  des Rates  vom  29. April  2004  über Mindestnormen  für  die  Anerkennung  und  den  Status  von  Drittstaatsangehörigen  oder  Staatenlosen  als  Flüchtlinge  oder  als  Personen,  die  anderweitig  internationalen  Schutz  benötigen  (Qualifikationsrichtlinie)  empfohlenen  Standards zurück  (vgl. FRANCESCO MAIANI, La définition de  réfugié entre  Genève,  Bruxelles  et  Berne  –  differérences,  Tensions, Ressemblances,  in  Schweizer  Asylrecht,  EU­Standards  und  internationales  Flüchtlingsrecht,  Eine  Vergleichsstudie,  2009,  S. 58 f.,  Schweizerische  Flüchtlingshilfe  SFH  (Hrsg.),  Handbuch  zum  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren,  Bern  2009,  S. 189 ff.,  vgl.  STÖCKLI,  a.a.O.,  Rz.11.20, KATHRIN BUCHMANN, Die Rechtsprechung der Schweizerischen  Asylrekurskommission im Jahr 2005, in: ASYL 2006/02 Ziff. 2.1.5 S. 13 f.  und Ziff. 5. S. 21), SUSANNE BOLZ, Wie EU­kompatibel  ist das Schweizer  Asylrecht? in: ASYL 2005/1, Ziff. 3 S. 9 f., RUEDI ILLES, Asylverfahren und  Flüchtlingsbegriff  –  Europäische  Harmonisierungsbestrebungen  aus  der  Optik des Schweizer Asylrechts betrachtet,  in: ASYL 2004/02, Ziff. 5.4.4  S. 17). 8.4. Die damals zuständige Schweizerische Asylrekurskommission führte  zur  Begründung  der  erwähnten,  im  Grundsatzurteil  EMARK  1996  Nr. 1  präzisierten Praxis aus, bei der Beantwortung der Frage, ob eine in einem  Teilgebiet  ihres  Heimatstaates  verfolgte  Person  landesintern  um  wirksamen Schutz vor ebendieser Verfolgung nachsuchen könne, sei die  Intention  der  staatlichen  Behörden  am  Zufluchtsort  von  entscheidender 

D­4935/2007 Bedeutung. Am Schutzwillen des Heimatstaates fehle es nur, wenn diese  die betroffene Person auch am Zufluchtsort unmittelbar selber verfolgen  oder sie aus Gründen gemäss Art. 3 AsylG darauf abzielen, sie wiederum  in das Gebiet der ursprünglichen Verfolgung zurückzudrängen. Von einer  Verweigerung  effizienten  Schutzes  könne  hingegen  nicht  gesprochen  werden,  wenn  der  Heimatstaat  die  Person  weder  unmittelbar  noch  mittelbar  asylrechtlich  relevanten  Behelligungen  aussetzen  wollte.  Es  fehle  auch  nicht  an  staatlichem  Schutzwillen,  wenn  die  in  einem  Teilgebiet  ihres  Heimatstaates  verfolgte  Person  am  Zufluchtsort  ungünstige Lebensbedingungen, wie beispielsweise einen angespannten  Arbeitsmarkt  oder  kulturelle  oder  religiöse  Integrationserschwernisse,  vorfinde.  Hier  werde  sie  in  derselben  Weise  betroffen  wie  andere  Personen  in  vergleichbaren  Lebensverhältnissen,  welche  im Gegensatz  zu  ihr  nicht  in  einem  anderen  Teil  des  Landes  verfolgt  worden  seien.  Unter  diese  Personengruppen  mit  vergleichbaren  Lebensverhältnissen  würden einerseits Landsleute fallen, die seit jeher am Zufluchtsort gelebt  hätten, andererseits aber auch Gewaltflüchtlinge, welche aufgrund eines  Bürgerkrieges oder bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen dorthin  gezogen  seien.  Aus  Gründen  der  Systematik  der  Asylgesetzgebung –  wonach  allgemein  ungünstige  Lebensbedingungen  flüchtlingsrechtlich  irrelevant  und  lediglich  unter  dem  Aspekt  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  zu  berücksichtigen  seien  –  und  der  Rechtsgleichheit  verbiete  sich  daher  eine  ungleiche  Behandlung  dieser  Personengruppen (vgl. EMARK 1996 Nr. 1 E. 5.d.cc S. 9 ff.).  8.5.  8.5.1.  Im  Gegensatz  zur  beschriebenen,  noch  auf  der  Zurechenbarkeitstheorie  basierenden  Praxis,  ist  gemäss  der  heute  geltenden,  auf  der  Schutztheorie  beruhenden  Praxis,  für  die  Beantwortung  der  Frage,  ob  der  in  einem  anderen  Landesteil  von  Verfolgung  betroffenen  Person  eine  innerstaatliche  Flucht­  beziehungsweise  Schutzalternative  zur  Verfügung  steht,  nicht  entscheidend,  dass  sie  am  Zufluchtsort  nicht  weiterhin  oder  erneut  staatlicher Verfolgung ausgesetzt ist. Ausschlaggebend ist vielmehr, dass  am Zufluchtsort adäquater Schutz vor Verfolgung in Anspruch genommen  werden  kann.  Bei  der  Prüfung  der  Frage,  ob  eine  innerstaatliche  Schutzalternative  besteht,  die  das  internationale  Schutzbedürfnis  ausschliesst,  ist  zunächst  zu  klären,  ob  im  Heimatstaat  eine  Schutzinfrastruktur besteht und der Staat der von Verfolgung betroffenen  Person auch Schutz zu gewähren gewillt  ist. Ist der Staat beispielsweise  nicht  in  der  Lage,  der  in  einem  Landesteil  von  privater  Verfolgung 

D­4935/2007 betroffenen  Person  zumindest  in  einem  anderen  Landesteil  adäquaten  Schutz  zu  gewähren,  ist  ein  internationales  Schutzbedürfnis  ohne  weiteres gegeben und es besteht für sie keine innerstaatliche Alternative  zum  internationalen  Schutz  (vgl.  EMARK  2006  Nr. 32  E. 7.4.3.1  und  E. 7.4.3.2 S. 350 f.). 8.5.2. Das der Schutztheorie zugrunde  liegende Verständnis der Genfer  Flüchtlingskonvention ist indes nicht allein auf die Frage fokussiert, ob im  Heimatstaat  eine  funktionierende  und  effiziente  Schutzinfrastruktur  zur  Verfügung  steht.  Sie  richtet  das  Augenmerk  darüber  hinaus  auf  die  Frage,  ob  die  von  Verfolgung  betroffene  Person  die  im  Heimatstaat  bestehende  Schutzinfrastruktur  auch  tatsächlich  in  Anspruch  nehmen  kann. Besteht eine Schutzinfrastruktur und ist der Staat gewillt, Schutz zu  gewähren,  ist  deshalb  weiter  zu  prüfen,  ob  die  bestehende  Schutzinfrastruktur  der  von  Verfolgung  betroffenen  Person  zugänglich  und  ihr  deren  Inanspruchnahme  individuell  zuzumuten  ist  (vgl.  EMARK  2006 Nr. 18 E.10.3.1 und E. 10.3.2 S. 203). Nicht anders verhält es sich  bei  der  Prüfung  der  Frage,  ob  die  von  Verfolgung  betroffene  Person  deshalb  kein  internationales  Schutzbedürfnis  hat,  weil  ihr  eine  innerstaatliche  Schutzalternative  zur  Verfügung  steht.  Das  Bestehen  einer  innerstaatlichen  Alternative  zum  internationalen  Schutz  kann  nur  bejaht  werden,  wenn  die  Schutzinfrastruktur  am  Zufluchtsort  der  im  anderen Landesteil von Verfolgung betroffenen Person zugänglich ist. Sie  muss  diese  mithin  ohne  sich  in  unzumutbare  Gefahren  begeben  zu  müssen auf legalem Weg erreichen und sich dort legal aufhalten können  (vgl.  BVGE 2008/4  E. 6.6.1  S. 47 f.,  UNHCR­Richtlinie  zum  internationalen  Schutz  Nr. 4,  "Interne  Flucht­  oder  Neuansiedlungsalternative"  vom  23. Juli  2003,  Rz.  10­12).  Um  den  am  Zufluchtsort  erhältlichen  Schutz  längerfristig  tatsächlich  in  Anspruch  nehmen  zu  können,  muss  es  ihr  darüber  hinaus  zuzumuten  sein,  sich  dort  niederzulassen  und  sich  eine  neue  Existenz  aufzubauen.  Der  Zufluchtsort muss mithin eine realistische und nicht – wie noch unter der  Zurechenbarkeitstheorie (vgl. EMARK 1996 Nr. 1 E. 6 S. 11) – eine bloss  hypothetische  innerstaatliche  (Flucht­  bzw.  Schutz­)  Alternative  zum  internationalen  Schutz  sein.  Bei  der  Prüfung  der  Frage,  ob  es  der  betroffenen Person  zuzumuten  ist,  sich  am Zufluchtsort  niederzulassen,  um  tatsächlich  Schutz  vor  Verfolgung  zu  finden,  können  aber  die  Gegebenheiten  vor  Ort  und  die  persönlichen  Umstände,  die  es  ihr  allenfalls verunmöglichen, den am alternativen Ort bestehenden Schutz in  Anspruch  zu  nehmen,  nicht  ausgeblendet  werden.  Es  sind  deshalb  die  allgemeinen Verhältnisse am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände 

D­4935/2007 der von Verfolgung betroffenen Person  in Augenschein zu nehmen (vgl.  UNHCR­Richtlinie zum internationalen Schutz Nr. 4, "Interne Flucht­ oder  Neuansiedlungsalternative"  vom 23. Juli  2003, Rz.  18­30)  und  es  ist  im  Rahmen einer  individuellen Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung der  länderspezifischen  Kontextes  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37 f.  und  E. 6.6.1 S. 47 f., EMARK 2006 Nr. 18 E. 10.3.2 S. 203) zu beurteilen, ob  der  betroffenen  Person  angesichts  der  sich  für  sie  am  Zufluchtsort  konkret  abzeichnenden  Lebenssituation  realistischerweise  zugemutet  werden  kann,  sich  dort  niederzulassen  und  sich  eine  neue  Existenz  aufzubauen.  8.5.3.  Es  versteht  sich  dabei  von  selbst,  dass  allfällige  wirtschaftliche  Schwierigkeiten, von welchen die vor Ort ansässige Bevölkerung generell  betroffen  ist,  wie  beispielsweise  Wohnungsnot  oder  ein  schwieriger  Arbeitsmarkt, die für sich allein zu keiner konkreten Gefährdung im Sinne  von Art. 83 Abs. 4 AuG führen (vgl. EMARK 2005 Nr. 24 E. 10.1 S. 215,  EMARK  2003  Nr. 24  E. 5e  S. 159),  die  Niederlassung  und  den  Aufbau  einer neuen Existenz am Zufluchtsort nicht unzumutbar erschweren. Das  Bestehen einer innerstaatlichen Schutzalternative ist nicht schon deshalb  zu  verneinen,  weil  die  betroffene  Person  aufgrund  der  Verhältnisse  am  Zufluchtsort  Einbussen  in  der  Lebensqualität  oder  in  den  persönlichen  Entfaltungsmöglichkeiten in Kauf nehmen muss. Andererseits kann der in  einem Landesteil von Verfolgung betroffenen Person das Bestehen einer  innerstaatlichen Schutzalternative jedenfalls dann nicht entgegengehalten  werden, wenn ihr die Niederlassung und damit die Inanspruchnahme des  Schutzes  am  Zufluchtsort  bereits  aus  den  in  Art. 83  Abs. 4  AuG  erwähnten  Gründen  nicht  zuzumuten  wäre.  Ist  die  Situation  am  Zufluchtsort  durch  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  durch  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt  gekennzeichnet,  oder  ist  die  betroffene  Person  am  Zufluchtsort  aus  individuellen  Gründen  einer  konkreten  Gefahr  ausgesetzt, beispielsweise weil sie die absolut notwendige medizinische  Versorgung  nicht  erhalten  könnte  oder  wegen  der  vorherrschenden  Verhältnisse  mit  grosser Wahrscheinlichkeit  unwiederbringlich  in  völlige  Armut  gestossen  würde,  dem  Hunger  und  somit  einer  ernsthaften  Verschlechterung  ihres  Gesundheitszustands,  der  Invalidität  oder  sogar  dem Tod ausgeliefert wäre  (vgl. BVGE 2009/52 E. 10.1 S. 756 f., BVGE  2009/51 E. 5.5 S. 748), so besteht dort keine  realistische  innerstaatliche  Alternative zum internationalen Schutz. 8.6. Zusammenfassend ergibt sich, dass im Lichte der Schutztheorie die  Annahme  einer  innerstaatlichen  Schutzalternative  bedingt,  dass  am 

D­4935/2007 Zufluchtsort  eine  funktionierende  und  effiziente  Schutzinfrastruktur  besteht  und  der  Staat  gewillt  ist,  der  in  einem  anderen  Landesteil  von  Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Die  betroffene  Person  muss  darüber  hinaus  den  Zufluchtsort  ohne  unzumutbare  Gefahren  auf  legalem Weg  erreichen  und  sich  dort  legal  aufhalten  können.  Schliesslich  muss  es  ihr  individuell  zuzumuten  sein,  den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig in Anspruch nehmen  zu können. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse am Zufluchtsort und  die persönlichen Umstände der betroffenen Person zu beachten und es  ist unter Berücksichtigung der  länderspezifischen Kontextes  im Rahmen  einer  individuellen Einzelfallprüfung  zu  beurteilen,  ob  ihr  angesichts  der  sich  konkret  abzeichnenden  Lebenssituation  am  Zufluchtsort  realistischerweise zugemutet werden kann, sich dort niederzulassen und  sich eine neue Existenz aufzubauen.  8.7.  Festzuhalten  bleibt,  dass  an  der  in  EMARK  1996  Nr. 1  unter  der  damals  noch  geltenden  Zurechenbarkeitstheorie  begründeten  Rechtsprechung,  wonach  die  Frage,  ob  der  in  einem  Landesteil  von  Verfolgung  betroffenen  Person  die  Niederlassung  am  Zufluchtsort  aufgrund  ungünstiger  Lebensbedingungen  zuzumuten  ist,  allein  unter  dem Aspekt von Art. 83 Abs. 4 AuG zu prüfen ist, in Anbetracht der heute  geltenden Praxis, welche auf dem der Schutztheorie zugrunde liegenden  Verständnis  der  Genfer  Flüchtlingskonvention  beruht,  nicht  festzuhalten  ist.  9.  9.1.  Hinsichtlich  der  Frage,  ob  dem  Beschwerdeführer  in  den  drei  nordirakischen  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  eine  die  Flüchtlingseigenschaft  ausschliessende  innerstaatliche  Schutzalternative  zur Verfügung steht, gilt es zu beachten, dass nicht davon ausgegangen  werden kann, dass im Norden – trotz der besseren Sicherheitslage als im  Zentral­  und Südirak  –  jedermann Zuflucht  finden  kann. Aus Furcht  vor  terroristischen  Aktivitäten  wird  der  Zugang  von  Nicht­Kurden  in  die  Nordprovinzen  in  Bezug  auf  Einreise  und  Niederlassung  streng  kontrolliert.  Für  die  drei  Provinzen  bestehen  dabei  je  unterschiedliche  Regelungen:  Während  die  Einreise  in  die  Provinz  Suleimaniya  ohne  Restriktionen möglich  ist, bedarf es  in Erbil einer Gewährsperson. Diese  gibt ihre Identität und Adresse an und informiert die kurdischen Behörden  im  Rahmen  einer  Befragung  über  allfällige  sicherheitsrelevante  Umstände.  Die  Gewährsperson  kann  eine  natürliche  oder  juristische  Person  sein,  sollte  ihrerseits  in  der  entsprechenden  Provinz  registriert 

D­4935/2007 sein und über einen guten Leumund verfügen. In Dohuk schliesslich wird  nur bei alleinstehenden Männern eine Gewährsperson im beschriebenen  Sinne  verlangt.  In  allen  drei  Provinzen  –  in  Dohuk  allerdings  nur  bei  alleinstehenden Männern  –  braucht  es  für  eine  definitive Niederlassung  ebenfalls  grundsätzlich  eine  Gewährsperson.  Die  Behörden  prüfen  im  Rahmen der Registrierung allfällige Sicherheitsrisiken, die von der  intern  vertriebenen  Person  ausgehen,  und  den  Grund  der  Vertreibung.  Personen  ohne  Gewährsperson  wird  die  Niederlassung  in  der  Regel  verweigert.  Insbesondere  in  Suleimaniya  sind  gewisse  Berufsgruppen  allerdings von dieser Pflicht ausgenommen.  In der Praxis wurde sodann  auch  auf  eine  Gewährsperson  verzichtet,  wenn  Abklärungen  ergaben,  dass die intern vertriebene Person kein Sicherheitsrisiko darstellt und an  ihrem Herkunftsort gefährdet war (vgl. BVGE 2008/4 E. 6.6.1 S. 47 f.). 9.2.  Die  Beschwerdeführenden  sind  arabischer  Ethnie  und  haben –  soweit  den  Akten  zu  entnehmen  ist  –  im  Nordirak  weder  ein  verwandtschaftliches noch ein anderweitiges Beziehungsnetz. Unter dem  Aspekt  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  gemäss  Art. 83  Abs. 4 AuG  ist  gemäss Rechtsprechung eine erfolgreiche Ansiedlung  in  den  nordirakischen  Provinzen  Dohuk,  Suleimaniya  und  Erbil  insbesondere für Nichtkurden und für Familien mit Kindern, die dort über  kein  bestehendes  soziales  Netz  verfügen,  nicht  möglich  (vgl.  BVGE 2008/5 E. 7.5 und insbesondere E. 7.5.8 S. 65 ff.). Selbst wenn die  Beschwerdeführenden  –  was  fraglich  ist  –  eine  Einreise­  beziehungsweise  Niederlassungsbewilligung  für  den  Nordirak  erhalten  könnten, muss davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer  aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Situation  im Nordirak nicht  in  der  Lage  wäre,  dort  für  sich  und  seine  Familie  aus  eigener  Kraft  eine  Existenzgrundlage  aufzubauen.  Der  Zustrom  von  irakischen  Arabern  in  den  Nordirak  löst  bei  der  dort  ansässigen  kurdischen  Bevölkerung  gemischte  Gefühle  aus  und  nährt  die  alten  kurdisch­arabischen  Spannungen.  Araber  werden  zum  Teil  als  mögliche  Agenten  der  irakischen  aufständischen  Gruppen  oder  als  ehemalige  Baathisten  betrachtet, womit für sie ein zusätzliches Gefährdungsrisiko besteht (vgl.  BVGE  2008/4  E. 6.6.1  S. 47 f.).  Es  wäre  mithin  absehbar,  dass  der  Beschwerdeführer sich faktisch gezwungen sähe, über kurz oder  lang in  den  Zentralirak  beziehungsweise  nach  Bagdad  zurückzukehren,  wo  er  vor  der  ihm  drohenden  Verfolgung  keinen  hinreichenden  Schutz  finden  kann. Unter diesen Umständen kann das Bestehen einer innerstaatlichen  Schutzalternative  für  den  Beschwerdeführer  im  Nordirak  nicht  bejaht  werden.

D­4935/2007 10.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  in  Bezug  auf  den  Beschwerdeführer  sämtliche  Kriterien  der  in  Art. 3  AsylG  enthaltenen  Definition  als  erfüllt  zu  betrachten  und  dieser  demzufolge  als  Flüchtling  anzuerkennen  ist. Dementsprechend  ist  ihm mangels Anzeichen  für das  Vorliegen eines Ausschlussgrundes  (Art. 53 AsylG)  in  der Schweiz Asyl  zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG). 11.  Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten und ihre minderjährigen  Kinder  als  Flüchtlinge  anerkannt  und  erhalten  Asyl,  wenn  keine  besonderen  Umstände  dagegen  sprechen.  Vorliegend  sind  keine  besonderen  Umstände  auszumachen,  die  gegen  einen  Einbezug  der  Kinder des Beschwerdeführers in seine Flüchtlingseigenschaft sprechen.  Die  beiden  Kinder  des  Beschwerdeführers  sind  demnach  in  die  Flüchtlingseigenschaft  ihres Vaters einzubeziehen und  ihnen  ist Asyl  zu  gewähren. 12.  Wie  vorstehend  aufgezeigt,  erfüllen  die  Beschwerdeführenden  in  Anwendung  von  Art. 3  beziehungsweise  Art. 51  Abs. 1  AsylG  die  Anforderungen  an  die  originäre  bzw.  abgeleitete  Flüchtlingseigenschaft.  Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die Verfügung des BFM vom  28. Juni  2007  aufzuheben  und  das  BFM  anzuweisen,  den  Beschwerdeführenden Asyl zu gewähren. 13.  13.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Kosten  aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 13.2.  Den  im  Beschwerdeverfahren  nicht  anwaltlich  vertretenen  Beschwerdeführenden  ist  keine  Parteientschädigung  auszurichten,  weil  ihnen  aus  der  Beschwerdeführung  keine  notwendigen  und  verhältnismässig hohen Kosten im Sinne der gesetzlichen Bestimmungen  (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 und Art. 8 des Reglements vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) entstanden sind.

D­4935/2007 (Dispositiv nächste Seite)

D­4935/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Verfügung  vom  28.  Juni  2007  wird  aufgehoben  und  das  BFM wird  angewiesen, den Beschwerdeführenden Asyl zu gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Christoph Basler Versand:

D-4935/2007 — Bundesverwaltungsgericht 21.12.2011 D-4935/2007 — Swissrulings