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Bundesverwaltungsgericht 06.09.2011 D-4785/2011

6 septembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,223 mots·~6 min·2

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 17. August 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4785/2011 law/joc Urteil   v om   6 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Walter Lang, mit Zustimmung von Richter Kurt Gysi; Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Tunesien,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin);  Verfügung des BFM vom 17. August 2011 / N (…).

D­4785/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,  dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  17. August  2011  –  eröffnet  am  23. August 2011 – in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylge­ setzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch des  Beschwerdeführers  vom  4. April  2011  nicht  eintrat,  die  Wegweisung  nach  Italien  verfügte,  den  Beschwerdeführer  –  unter  Androhung  von  Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – aufforderte, die Schweiz spätes­ tens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, feststellte,  der Kanton B._______ sei verpflichtet, die Wegweisungsverfügung zu  vollziehen,  und  eine  allfällige  Beschwerde  gegen  die  vorliegende  Verfügung habe keine aufschiebende Wirkung, und dem Beschwerde­ führer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aushän­ digte, dass  der  Beschwerdeführer  mit  an  das  C._______  des  Kantons  B._______  adressierter  Eingabe  vom  30. August  2011  Beschwerde  gegen diese Verfügung erhob, welche vom C._______ am 31. August  2011  vorab per Telefax  an  das BFM und  von diesem –  vorab mittels  Telefax  vom  gleichen  Tag  –  zuständigkeitshalber  an  das  Bundesverwaltungsgericht weitergeleitet wurde,  dass der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmittelschrift beantragt, der  Nichteintretensentscheid  sei  aufzuheben und auf  sein Asylgesuch  sei  einzutreten  respektive  zur  Beurteilung  seiner  Asylbegehren  an  das  BFM zurückzuweisen,  dass  er  in  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragt,  der  Beschwerde  sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Vollzug  der  Wegweisung  gestützt auf Art. 56 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021)  mit  Verfügung  vom  31. August 2011 vorsorglich aussetzte, und zieht in Erwägung,  dass  ausgenommen  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  eine  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht,  das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art. 5  VwVG)  des  BFM  entscheidet 

D­4785/2011 (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 31 – 33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  der  Beschwerdeführer  durch  die  angefochtene  Verfügung  be­ sonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass somit auf die frist­ und formgerecht eingereichte Beschwerde ein­ zutreten  ist  (Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37 VGG  und Art. 52 Abs. 1 VwVG),  dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher  Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters respektive einer  zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt,  weshalb  vorlie­ gend  gestützt  auf  Art. 111  Bst.  a  Abs. 1  AsylG  auf  einen  Schriftenwechsel  verzichtet  wurde  und  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch zu begründen ist (Art. 111 Abs. 2 AsylG), dass auf Asylgesuche  in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asyl­ suchende in einen Drittstaat ausreisen können, welcher für die Durch­ führung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zu­ ständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG), dass  gestützt  auf  die  einleitenden Bestimmungen  sowie Art. 1  Abs. 1  des Abkommens vom 26. Oktober 2004 zwischen der Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und Verfahren  zur Bestimmung des  zuständigen Staates  für  die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder in der Schweiz gestellten  Asylantrags (Dublin­Assoziierungsabkommen [DAA, SR 0.142.392.68])  i.V.m. Art. 29a Abs. 1 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR 142.311)  die  Prüfung  der  staatsver­ traglichen  Zuständigkeit  zur  (materiellen)  Behandlung  eines  Asyl­ gesuches  nach  den Kriterien  der  Verordnung Nr. 343/2003  des Rates  vom 18. Februar  2003  zur  Festlegung  von Kriterien  und Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zu­ ständig ist (Dublin­II­VO) zu erfolgen hat,

D­4785/2011 dass  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  im  Weiteren  voraussetzt,  dass  der  staatsvertraglich  zuständige  Staat  einer  Übernahme  der  asylsuchen­ den Person zugestimmt hat (vgl. Art. 29a Abs. 2 AsylV 1), dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin­II­VO die Mitgliedstaaten jeden Asyl­ antrag  prüfen,  den  ein  Drittstaatsangehöriger  an  der Grenze  oder  im  Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaates stellt, wobei der Antrag von einem  einzigen  Mitgliedstaat  geprüft  wird,  der  nach  den  Kriterien  des  Kapitels III Dublin­II­VO als zuständiger Staat bestimmt wird, dass  das Verfahren  zur Bestimmung des  zuständigen Mitgliedstaates  eingeleitet wird, sobald ein Asylantrag erstmals  in einem Mitgliedstaat  gestellt wurde (Art. 4 Abs. 1 Dublin­II­VO), wobei die Kriterien in der in  Kapitel III der Dublin­II­VO genannten Rangfolge (vgl. Art. 5­14 Dublin­ II­VO) anzuwenden sind sowie von der Situation zum Zeitpunkt, in dem  der  Asylbewerber  erstmals  einen Antrag  in  einem Mitgliedstaat  stellt,  auszugehen ist (Art. 5 Abs. 1 und 2 Dublin­II­VO), dass  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  unter  anderem  fest­ stellte,  am  12. August  2011  habe  das  Zivilstandsamt  B._______  im  Rahmen  eines  Ehevorbereitungsverfahrens  zu Handen  des  BFM  den  Reisepass des Beschwerdeführers sichergestellt (vgl. act. A20/6 S. 3),  dass es in seinen anschliessenden Erwägungen unter Ziffer I (vgl. act.  A20/6 S. 3 f.) ausführte, gemäss den Angaben des Beschwerdeführers  sei dieser im November/Dezember 2008 illegal in Italien eingereist und  habe sich dort bis zum 4. April 2011 aufgehalten,  dass  sich  die  italienischen  Behörden  innert  Frist  zum  Übernahme­ ersuchen  des  BFM  nicht  geäussert  hätten,  weshalb  gestützt  auf  das  DAA  und  Art. 18  Abs. 7  Dublin­II­VO  die  Zuständigkeit  zur  Durch­ führung des Asyl­ und Wegweisungsverfahren am 16. August 2011 an  Italien übergegangen sei,  dass  die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  im  Rahmen  des  ihm  gewährten rechtlichen Gehörs vom 13. April 2011, aufgrund der in sei­ nem  Heimatland  herrschenden Willkür  nach  Italien  geflohen  zu  sein,  wo es allerdings  schlimmer  sei  als  in Tunesien,  nicht  geeignet  seien,  die Zuständigkeit  Italiens zur Durchführung des Asylverfahrens zu wi­ derlegen, 

D­4785/2011 dass  sich  Italien  stillschweigend  für  zuständig  erklärt  und  der  Über­ nahme des Beschwerdeführers zugestimmt habe und sich zudem we­ der aus seinen Angaben noch aus den Akten individuelle Gründe dafür  ergeben würden, das Asylgesuch in eigener Kompetenz zu prüfen,  dass  die  Überstellung  an  Italien  –  vorbehältlich  einer  allfälligen  Unterbrechung  oder  Verlängerung  (Art. 19  Dublin­II­VO)  –  bis  spätestens  am  16. Februar  2012  zu  erfolgen  habe  und  sich  der  Be­ schwerdeführer  nach  erfolgter  Überstellung  und  Einreichung  eines  Asylgesuches  in  Italien  als  Asylsuchender  aufhalten  und  die  daraus  fliessenden Rechte beanspruchen könne,  dass  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  ausserdem  festhielt,  gestützt  auf  die Angaben  im Reisepass des Beschwerdeführers habe  es  mit  Verfügung  vom  17. August  2011  eine  Datenänderung  im  Zentralen Migrationsinformationssystem ZEMIS hinsichtlich seiner Per­ sonalien vorgenommen,  dass demnach auf das Asylgesuch gemäss Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG  nicht einzutreten sei,  dass das BFM unter Ziffer 2 seiner Erwägungen (vgl. act. A20/6 S. 4)  schliesslich erwog, die Folge eines Nichteintretensentscheides sei ge­ mäss  Art. 44  Abs.   1  AsylG  in  der  Regel  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  deren  Vollzug  erweise  sich  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich, dass  der  Beschwerdeführer  diesen  Erwägungen  in  seiner  Rechts­ mittelschrift  insbesondere  entgegenhält,  demnächst  eine  Schweizerin  zu  ehelichen  und  das  Zivilstandsamt  B._______  verfüge  bereits  über  sämtliche  Unterlagen,  damit  er  und  seine  künftige  Ehefrau  heiraten  könnten und er somit nach erfolgter Heirat eine Aufenthaltsbewilligung  erhalte,  dass  er  im  Weiteren  geltend  macht,  das  BFM  sei  über  die  bevor­ stehende Heirat im Bilde gewesen, habe diesem Umstand jedoch nicht  Rechnung getragen,  dass  der  Grundsatz  des  rechtlichen  Gehörs  (Art. 29  Abs. 2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April 1999 [BV, SR 101], Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) unter  anderem  verlangt,  dass  die  verfügende  Behörde  die  Vorbringen  des 

D­4785/2011 Betroffenen  tatsächlich  hört,  sorgfältig  und  ernsthaft  prüft  und  in  der  Entscheidfindung  berücksichtigt,  was  sich  entsprechend  in  der  Entscheidbegründung  niederschlagen  muss  (vgl.  Art. 35  Abs. 1  VwVG),  dass  ferner  die  Abfassung  der  Begründung  dem  Betroffenen  ermög­ lichen  soll,  den  Entscheid  gegebenenfalls  sachgerecht  anzufechten,  was  nur  der  Fall  ist,  wenn  sich  sowohl  der  Betroffene  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die  Tragweite  des  Entscheides  ein  Bild  machen  können,  wobei  sich  die  verfügende  Behörde  allerdings  nicht  ausdrücklich mit  jeder  tatbeständlichen Behauptung und  jedem  recht­ lichen  Einwand  auseinander  setzen  muss,  sondern  sich  auf  die  wesentlichen Gesichtspunkte beschränken kann,  dass  die  Begründungsdichte  sich  dabei  nach  dem  Verfügungsge­ genstand,  den  Verfahrensumständen  und  den  Interessen  des  Be­ troffenen richtet, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich  geschützten  Interessen  des  Betroffenen  eine  sorgfältige  Begründung  verlangt wird (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2 S. 674 f., EMARK 2006 Nr. 24  E. 5.1 S. 256),  dass  im  Asylverfahren  –  wie  im  Übrigen  Verwaltungsverfahren  –  im  Weiteren der Untersuchungsgrundsatz gilt, das heisst, die Asylbehörde  hat den rechtserheblichen Sachverhalt vor ihrem Entscheid von Amtes  wegen  vollständig  und  richtig  abzuklären  (Art. 6  AsylG  i.V.m.  Art. 12  VwVG)  und  muss  die  für  das  Verfahren  erforderlichen  Sachverhalts­ unterlagen beschaffen und die rechtlich relevanten Umstände abklären  und darüber ordnungsgemäss Beweis führen,  dass  gemäss  Art. 8  AsylG  die  asylsuchende  Person  demgegenüber  die Pflicht und unter dem Blickwinkel des rechtlichen Gehörs im Sinne  von  Art. 29  VwVG  und  Art. 29  Abs. 2  BV  das  Recht  hat,  an  der  Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken (vgl. BVGE 2008/24 E. 7.2  S. 356 f., BVGE 2007/30 E. 5.5.1 und 5.2.2 S. 365 f.),  dass den Akten zu entnehmen ist, dass das Zivilstandsamt B._______  mit  Anfrage  vom  12. August  2011  an  das  BFM  gelangte  (Eingang  BFM:  15. August  2011)  und  dieses  im  Hinblick  auf  ein  Ehe­ vorbereitungsverfahren  um  Einsichtnahme  in  das  Dossier  respektive  Zustellung  einzelner  Dokumente  und  Stellungnahme  zur  Frage  der  Ehefähigkeit des Beschwerdeführers ersuchte (vgl. act. A15/2 S. 1), 

D­4785/2011 dass  das  BFM  somit  vor  Erlass  der  angefochtenen  Verfügung  vom  17. August  2011  Kenntnis  über  ein  den  Beschwerdeführer  betreffendes  Ehevorbereitungsverfahren  hatte  und  dem  Beschwerdeführer  denn  auch  gestützt  auf  dessen  im  Rahmen  des  Ehevorbereitungsverfahrens eingereichten Reisepasses mit Verfügung  vom  17. August  2011  mit­teilte,  dessen  Daten  im  ZEMIS  würden  geändert (vgl. das noch un­pagnierte Aktenstück im Dossier N […]),  dass  sich  das BFM  indessen  in  der  angefochtenen Verfügung  darauf  beschränkte, im Rahmen seiner Sachverhaltsfeststellung auf das Ehe­ vorbereitungsverfahren hinzuweisen (vgl. act. A20/6 S. 3), ohne dieses  rechtserhebliche  Sachverhaltselement  in  den  anschliessenden  Erwä­ gungen einer rechtlichen Würdigung zu unterziehen,  dass das BFM damit verkennt, dass die Dublin­II­VO im Bestreben er­ lassen wurde, die Einheit der Familie  zu wahren,  soweit dies mit den  sonstigen  Zielen  vereinbar  ist  (vgl.  Ziff. 6  der  Erwägungsgründe  zur  Dublin­II­VO),  dass die Dublin­II­VO zudem verschiedene Normen – wie etwa Art. 7,  8  oder  14  Dublin­II­VO  –  enthält,  welche  im  Rahmen  eines  wie  dem  vorliegenden  Aufnahmeverfahrens  respektive  zwingenden  Zuständig­ keitsprüfungsverfahrens  der  Familieneinheit  explizit  Beachtung  schenken, wobei sich der darin jeweils enthaltene Begriff der Familien­ angehörigen  an  der  Definition  von  Art. 2  Bst. i  Dublin­II­VO  orientiert  (vgl.  CHRISTIAN  FILZWIESER,  ANDREA  SPRUNG,  Dublin­II­Verordnung,  Das Europäische Asylzuständigkeitssystem, 3. Aufl., Wien­Graz 2010,  Art. 2 lit. i K 22 S. 68),  dass sich unter Art. 2 Bst. i Dublin­II­VO – ebenso wie beim Familien­ begriff von Art. 8 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  –  unter  bestimmten Voraussetzungen auch unverheiratete Paare subsumieren  lassen,  dass es  im Weiteren zu beachten gilt, dass selbst bei grundsätzlicher  Verantwortlichkeit  eines Mitgliedstaates,  dem Umstand,  dass  ein  An­ tragssteller  in  der  Schweiz  über  einen  Familienangehörigen  verfügen  soll,  unter  Berücksichtigung  von  Art. 8  EMRK  auch  Rahmen  des  Selbsteintrittsrechts  gemäss  Art. 3  Abs. 2  Dublin­II­VO  Rechnung  getragen  werden  kann  (vgl.  CHRISTIAN  FILZWIESER,  ANDREA  SPRUNG,  a.a.O., Art. 3 K10 S. 75, Art. 4 K3 S. 81; Art. 6 K7 S. 90), 

D­4785/2011 dass  aufgrund  des  Ehevorbereitungsverfahrens  durch  das  BFM  zu  prüfen gewesen wäre, ob sich der Beschwerdeführer auf eine der er­ wähnten Normen der Dublin­II­VO respektive auf Art. 8 EMRK berufen  könnte,  dass  insbesondere  abzuklären  gewesen  wäre,  welche  Staatsan­ gehörigkeit  die  künftige  Ehefrau  des  Beschwerdeführers  besitzt,  respektive  über  welchen  Aufenthaltsstatus  diese  hier  in  der  Schweiz  verfügt,  und  ob  das  noch  unverheiratete  Paar  die  weiteren  Voraus­ setzungen  im  Sinne  von  Art. 2  Bst. i  Dublin­II­VO  oder  Art. 8  EMRK  erfüllt,  dass, sollte zwischenzeitlich eine Heirat der Verlobten erfolgt sein, das  BFM  mithin  zu  untersuchen  hätte,  ob  sich  daraus  ein  Anspruch  des  Beschwerdeführers  auf  Erhalt  einer  Aufenthaltsbewilligung  im  Sinne  von Art. 42  ff. des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die  Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) ergeben könnte, die  einer  Wegweisung  respektive  Rückführung  des  Beschwerdeführers  nach  Italien  (Art. 44  Abs. 1  AsylG  i.V.m.  Art. 32  Bst. a  AsylV 1  sowie  Art. 16 Abs. 2 Dublin­II­VO) entgegenstehen könnte,  dass  sich  aus  diesen  Erwägungen  ergibt,  dass  das  BFM  ein  wesentliches  Sachverhaltselement  in  der  angefochtenen  Verfügung  nicht  gewürdigt  sowie  weitere  Sachverhaltsabklärungen  nicht  vorge­ nommen  hat,  womit  es  seiner  Untersuchungspflicht  nicht  nachge­ kommen ist (Art. 12 VwVG),  dass zugleich eine Verletzung der Begründungspflicht  (Art. 35 VwVG)  durch  das BFM  festzustellen  ist,  indem es  sich  in  der  angefochtenen  Verfügung einer rechtlichen Auseinandersetzung über das eingeleitete  Ehevorbereitungsverfahren in der Schweiz enthält, zumal auch dessen  Argumentation,  aus  den  Akten  seien  keine  individuellen  Gründe  er­ sichtlich,  die  die  Schweiz  veranlassen  würden,  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers selber zu prüfen, keine entsprechende Erläuterung  darüber  zu  entnehmen  ist,  inwiefern  dem  Ehevorbereitungsverfahren  vorliegend keine Bedeutung zuzumessen ist, dass der Anspruch auf  rechtliches Gehör  formeller Natur  ist, weshalb  seine Verletzung grundsätzlich ohne weiteres – das heisst ungeachtet  der  materiellen  Auswirkungen  –  zur  Aufhebung  des  daraufhin  ergangenen  Entscheides  führt  (BVGE  2008/47  E. 3.3.4  S. 376 f., 

D­4785/2011 BVGE  2008/14  E. 4.1  S. 185,  BVGE  2007/30  E. 8.2  S. 371,  BVGE  2007/27 E. 10.1 S. 332), dass  aus  prozessökonomischen  Gründen  eine  Heilung  von  Gehörsverletzungen  auf  Beschwerdeebene  zwar  möglich  ist  (BVGE  2008/47  E. 3.3.4  S. 676 f.),  indessen  die  vorliegend  festgestellten  Mängel  als  schwerwiegend  zu  erachten  sind,  für  deren  Heilung  im  Rahmen des vorliegenden Beschwerdeverfahrens kein Raum besteht,  zumal  es  nicht  Aufgabe  des  Bundesverwaltungsgerichts  ist,  Versäumnisse  des  Bundesamtes  auf  Beschwerdeebene  zu  beheben  und  damit  die  Vor­instanz  gleichsam  von  einer  sorgfältigen  Verfahrensführung zu ent­binden, dass die Beschwerde daher – ohne auf die weiteren Ausführungen  in  derselben einzugehen – gutzuheissen, die Verfügung vom 17. August  2011 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an das BFM zu­ rückzuweisen ist (vgl. Art. 61 Abs. 1 VwVG), dass  der  Antrag  auf  Erteilung  der  aufschiebenden  Wirkung  der  Be­ schwerde  zufolge  des  direkten  Entscheides  in  der  Hauptsache  und  Gutheissung der Beschwerde gegenstandslos wird, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Beschwerdeverfahrens  keine  Ver­ fahrenskosten aufzuerlegen sind (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG),  dass  obsiegenden  Parteien  zulasten  der  Vorinstanz  eine  Parteient­ schädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnis­ mässig  hohen  Kosten  zuzusprechen  ist  (vgl.  Art.  64  Abs. 1  VwVG  i.V.m.  Art. 7  Abs. 1  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, SR 173.320.2]), dass  die  Beschwerdeschrift  im  Nachgang  zur  Unterschrift  des  Be­ schwerdeführers  eine  Grussformel  einer  Anwaltskanzlei  enthält,  die  sich  allerdings  auf  einen  vorgängigen  Satz  hinsichtlich  einer  Ehe­ scheidung bezieht und somit  in  keinem Zusammenhang mit  dem vor­ liegenden  Verfahren  stehen  kann,  weshalb  nicht  davon  auszugehen  ist,  der  Beschwerdeführer  sei  rechtlich  vertreten,  zumal  es  auch  an  einer entsprechenden Vollmacht fehlt,  dass dem Beschwerdeführer somit mit Einreichung seiner Beschwerde  keine  Vertretungskosten  entstanden  sind  (Art. 9  Abs. 1  VGKE)  und 

D­4785/2011 weitere  notwendige  und  verhältnismässig  hohe  Auslagen  (Art. 13  VGKE), die dem Beschwerdeführer entstanden sein könnten, aufgrund  der  bestehenden  Aktenlage  nicht  ersichtlich  sind,  weshalb  ihm  trotz  Obsiegens keine Parteientschädigung zuzusprechen ist.  (Dispositiv nächste Seite)

D­4785/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen.  2.  Die  angefochtene  Verfügung  wird  aufgehoben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung an das BFM zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  4.  Es wird keine Parteientschädigung gesprochen.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Claudia Jorns Morgenegg Versand:

D­4785/2011 Zustellung erfolgt an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben) – das BFM, Asyl und Rückkehr, Dublin­Office 2, mit den Akten N  (…)  (per Kurier; in Kopie) – (…)

D-4785/2011 — Bundesverwaltungsgericht 06.09.2011 D-4785/2011 — Swissrulings