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Bundesverwaltungsgericht 30.01.2012 D-435/2010

30 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,877 mots·~9 min·2

Résumé

Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid) | Vollzug der Wegweisung (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom 22. Dezember 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­435/2010 Urteil   v om   3 0 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn, Richter Gérald Bovier,    Gerichtsschreiberin Daniela Brüschweiler. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan,   vertreten durch Tilla Jacomet, (…) Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom 22. Dezember 2009 / N (…).

D­435/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  reiste  am  30. Juli  2007  in  die  Schweiz  ein  und  suchte  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______ um Asyl nach. Im Rahmen der dortigen Befragung zu seinen  Personalien sowie – summarisch – den Asylvorbringen erklärte er, er sei  in der Provinz Helmand geboren und ein ethnischer Hazara schiitischen  Glaubens. Im Rahmen der Anhörung vom 24. September 2007 korrigierte  er  seine Herkunftsangaben  insofern,  als  er  geltend machte,  er  stamme  aus  dem  in  der  Provinz  Ghazni,  Distrikt  Jaghori  gelegenen  Dorf  C._______. Mit Verfügung vom 27. September 2007 trat das BFM auf das Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  in  Anwendung  von  Art. 32  Abs. 2  Bst. a  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  ein  und  ordnete  dessen  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug  an.  Das  Bundesverwaltungsgericht  wies  die  vom  Beschwerdeführer  dagegen  erhobene  Beschwerde  mit  Urteil  D­ 6680/2007 vom 15. Januar 2009 ab. B.  Mit  Eingabe  vom  22. Oktober  2009  reichte  die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  beim  BFM  ein  Wiedererwägungsgesuch  ein,  mit  welchem sie  im Wesentlichen beantragte,  es sei  festzustellen,  dass der  Vollzug  der  Wegweisung  unzumutbar  nach  Art. 44  Abs. 2  AsylG  i.V.m.  Art. 83  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  sei  und  es  sei  von  Amtes  wegen  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen,  eventualiter  sei  festzustellen,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  gegen  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  verstosse.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  sei  dem  Gesuch  die  aufschiebende  Wirkung  zu  erteilen  und  der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  bis  zum  Abschluss  des  Verfahrens  zu  sistieren,  zudem  sei  die  unentgeltliche  Prozessführung  zu  gewähren  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses zu verzichten. Zur  Begründung  liess  der  Beschwerdeführer  ausführen,  es  sei  ihm  zwischenzeitlich  gelungen,  eine  beglaubigte  Taskara  aus  Afghanistan  senden zu lassen, weshalb seine Herkunft aus Ghazni glaubhaft gemacht  sei.  Diese  Provinz  werde  von  der  Rechtsprechung  als  unsicher 

D­435/2010 eingeschätzt,  weshalb  dem  Beschwerdeführer  die  vorläufige  Aufnahme  zu erteilen sei. C.   Das  Bundesamt  überwies  die  Eingabe  vom  22. Oktober  2009  mit  Schreiben  vom  27. Oktober  2009  an  das Bundesverwaltungsgericht  zur  Prüfung unter dem Titel eines Revisionsgesuches. Mit Urteil D­6767/2009  vom  25. November  2009  trat  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  das  Revisionsgesuch  mangels  Leistung  des  dem  Beschwerdeführer  auferlegten Kostenvorschusses nicht ein und überwies die Eingabe vom  22. Oktober  2009  zurück  an  das  BFM  zur  Prüfung,  ob  ein  wiedererwägungsrechtlich relevanter Sachverhalt vorliege. D.  Mit Verfügung vom 22. Dezember 2009 – eröffnet am 24. Dezember 2009  – wies  das  Bundesamt  das Wiedererwägungsgesuch  ab  und  stellte  die  Rechtskraft  und die Vollstreckbarkeit  der Verfügung vom 27. September  2007  fest.  Zudem  erhob  das  Bundesamt  eine Gebühr  in  der  Höhe  von  Fr. 600.­­  und  hielt  fest,  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende Wirkung zu. E.  Die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  erhob  gegen  diese  Verfügung  mit  Eingabe  vom  22. Januar  2010  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht,  mit  welcher  sie  in  materieller  Hinsicht  beantragte,  die  angefochtene Verfügung  sei  vollumfänglich  aufzuheben,  das  Wiedererwägungsgesuch  vom  22. Oktober  2009  sei  gutzuheissen  und  es  sei  festzustellen,  dass  der  Vollzug  der Wegweisung  unzulässig  und unzumutbar sei, und es sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In  formeller Hinsicht wurde um Aussetzung des Vollzuges und Erteilung der  aufschiebenden  Wirkung  ersucht,  ausserdem  sei  die  unentgeltliche  Prozessführung  zu  gewähren  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses zu verzichten.  Für  die  Begründung  der  Beschwerdebegehren  wird,  soweit  für  den  Entscheid wesentlich, auf die nachfolgenden Erwägungen verwiesen. F.  Mit Zwischenverfügung vom 28. Januar 2010 wies der Instruktionsrichter  das  Gesuch  des  Beschwerdeführers  um  Aussetzung  des  Vollzugs  der  Wegweisung ab, ebenso die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen 

D­435/2010 Rechtspflege und um Erlass des Kostenvorschusses. Gleichzeitig wurde  dem Beschwerdeführer Frist zur Leistung eines Kostenvorschusses in der  Höhe von Fr. 1'200.– bis zum 11. Februar 2010 eingeräumt. G.  Der Kostenvorschuss wurde am 11. Februar 2010 bezahlt. H.  Mit Eingabe vom 12. Februar 2010 bekräftigte die Rechtsvertreterin des  Beschwerdeführers  die  Beschwerdebegehren  und  kündigte  die  Einreichung  eines  weiteren  Beweismittels  (Briefumschlag)  an.  Dieses  ging am 18. Februar 2010 beim Bundesverwaltungsgericht ein. I.  Das  Ausländeramt  des  Kantons  D._______  erkundigte  sich  mit  Fax­ Eingabe  vom  28. Dezember  2010  nach  der  Vollstreckbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  Mit  Schreiben  vom  6. Januar  2011  wurde  dem  Ausländeramt  mitgeteilt,  die  Zwischenverfügung  vom  28. Januar  2010  habe nach wie vor Gültigkeit. J.  Mit  Fax­Eingabe  vom  8. März  2011  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seine Rechtsvertreterin in der Hauptsache beantragen, es sei im Rahmen  vorsorglicher Massnahmen ein sofortiger Vollzugsstopp zu verfügen, das  Ausländeramt  D._______  sei  anzuweisen,  die  für  den  9. März  2011  angesetzte Ausschaffung zu stoppen und es sei die Haftentlassung des  Beschwerdeführers  anzuordnen.  Der  Beschwerdeführer  begründete  seine  Begehren  zusammengefasst  mit  seiner  Herkunft  aus  der  Provinz  Ghazni  sowie  der  allgemeinen  Verschlechterung  der  Situation  in  ganz  Afghanistan. K.  Mit  Verfügung  vom  8. März  2011  setzte  der  Instruktionsrichter  den  Vollzug  der Wegweisung  gestützt  auf  Art. 56  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  per sofort aus. L.  Mit  Schreiben  vom 24. März  2011  bedankte  sich  der  Beschwerdeführer  für die Aussetzung des Wegweisungsvollzuges und teilte mit, er bemühe  sich um den Erhalt von Identitätspapieren aus seinem Heimatland.

D­435/2010 M.  Die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  reichte  mit  Eingabe  vom  10. Mai  2011  eine  Originaltaskara  des  Beschwerdeführers  sowie  ihre  Honorarnote zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.   1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).  Eine  solche  Ausnahme  liegt  nicht  vor,  das  Bundesverwaltungsgericht entscheidet demnach endgültig. 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Die  Wiedererwägung  im  Verwaltungsverfahren  ist  ein  gesetzlich  nicht  geregelter  Rechtsbehelf,  auf  dessen  Behandlung  durch  die  verfügende  Behörde  grundsätzlich  kein  Anspruch  besteht.  Gemäss  herrschender  Lehre  und  ständiger Praxis  des Bundesgerichts wird  jedoch aus Art. 29 

D­435/2010 der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April 1999  (BV,  SR 101)  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ein  verfassungsmässiger  Anspruch  auf  Wiedererwägung  abgeleitet  (vgl.  BGE 127 I 133 E. 6 S. 137 f. mit weiteren Hinweisen). Danach ist auf ein  Wiedererwägungsgesuch  einzutreten,  wenn  sich  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  seit  dem  ursprünglichen  Entscheid  beziehungsweise  seit  dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz  in  wesentlicher  Weise  verändert  hat  und  mithin  die  ursprüngliche  (fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene Veränderungen  der  Sachlage  anzupassen  ist.  Sodann  können  auch Revisionsgründe  einen  Anspruch  auf  Wiedererwägung  begründen,  sofern  sie  sich  auf  eine  in  materielle  Rechtskraft  erwachsene  Verfügung  beziehen,  die  entweder  unangefochten  geblieben  oder  deren  Beschwerdeverfahren  mit  einem  formellen Prozessurteil abgeschlossen worden ist. Ein solchermassen als  qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch zu bezeichnendes Rechtsmittel ist  grundsätzlich  nach  den  Regeln  des  Revisionsverfahrens  zu  behandeln  (vgl.  BVGE  2010/27  E.  2.1;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nr. 17 E. 2.a S. 103 f., mit weiteren Hinweisen). 4.   4.1.  Das  Bundesamt  hielt  in  der  angefochtenen  Verfügung  fest,  die  eingereichte Kopie der afghanischen Identitätskarte vermöge die Herkunft  des  Beschwerdeführers  aus  der  Provinz  Ghazni  nicht  nachzuweisen,  weshalb  die  behauptete  Herkunft  nicht  feststehe.  Die  allgemeine  Sicherheitslage  in  Afghanistan  sei  zwar  angespannt,  dennoch  sei  die  Lage in den nördlichen Provinzen Parwan, Baghlan, Takhar, Badakshan,  Balkh,  Sari  Pul  sowie  in  Kabul,  in  der  westlichen  Provinz  Herat  und  in  Bamiyan,  der  zentralen  Provinz  des  Hazarajat,  weiterhin  als  vergleichsweise sicher einzustufen.  In diesen Regionen könne nicht von  einer  permanent  instabilen  Situation  gesprochen  werden.  Eine  Wegweisung  in  diese  Provinzen  sei  somit  grundsätzlich  zumutbar.  Die  vom  Beschwerdeführer  geschilderte  Situation  seiner  Familienangehörigen  in  Mazar­i­Sharif  (Provinz  Balkh)  stehe  dem  Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers nicht entgegen. Zum einen  handle  es  sich  um  eine  nicht  näher  belegte  Behauptung,  zum  anderen  habe  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  die  Möglichkeit,  individuelle Rückkehrhilfe in Anspruch zu nehmen. 4.2.  Der  Beschwerdeführer  hält  den  Ausführungen  der  Vorinstanz  auf  Beschwerdeebene entgegen, beim eingereichten Beweismittel handle es 

D­435/2010 sich  nicht  um  eine  blosse  Kopie  der  Taskara,  sondern  eine  Kopie  mit  Originalbeglaubigung  der  zuständigen  Behörde  in  Jaghori,  des  Ausstellungs­ortes der Originaltaskara. Durch diese Beglaubigung erhöhe  sich  der  Beweiswert  des Dokumentes  erheblich.  Der  Beschwerdeführer  könne die Herkunft des Dokumentes beschreiben, was auch die benötigte  Zeit  für  die  Beschaffung  erkläre.  Zudem  habe  er  bereits  im  ersten  Asylverfahren  zugegeben,  bei  der  Erstbefragung  falsche  Angaben  gemacht  zu  haben,  was  er  sehr  bereue.  Unter  Berücksichtigung  aller  Umstände habe der Beschwerdeführer nunmehr seine Identität glaubhaft  gemacht. Des Weiteren wies er darauf hin, dass er zwar über Verwandte  in  Mazar­i­Sharif  verfüge,  doch  lebten  diese  dort  als  Flüchtlinge  in  äusserst  beengten  Verhältnissen.  Es  bestehe  für  ihn  kein  gesicherter  Wohnraum.  Es  sei  ihm  allerdings  nicht  möglich,  diese  Verhältnisse  zu  belegen.  Zudem  obliege  es  auch  nicht  dem  Beschwerdeführer,  die  Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges zu beweisen. 5.   5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 5.2.   5.2.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).

D­435/2010 Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  unterworfen werden. 5.2.2. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  kann  der  in  Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Eine  solche Gefährdungssituation  ist  nicht  ersichtlich.  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Afghanistan  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 5.3.  5.3.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom 8. März 2002, BBl 2002 3818, BVGE 2009/2 E. 9.2.1). 

D­435/2010 5.3.2. Die vormalige Schweizerische Asylrekurskommission (ARK) setzte  sich  in  ihrer  Rechtsprechung  mehrmals  eingehend  mit  der  Lage  in  Afghanistan  auseinander  (vgl.  EMARK  2003 Nr. 10  und  30  sowie  2006  Nr. 9).  Aufgrund  der  zunehmenden  Verschlechterung  der  dortigen  Verhältnisse unterzog das Bundesverwaltungsgericht die bisherige Praxis  einer  eingehenden  Prüfung.  Dabei  gelangte  es  im  Rahmen  einer  erneuten Lageanalyse zum Schluss, dass im Verlauf der letzten Jahre die  allgemeine  Sicherheitslage  in  Afghanistan  über  alle  Regionen  hinweg –  inklusive  der  urbanen  Zentren  und  der  Hauptstadt  Kabul  –  deutlich  schlechter  geworden  sei  (vgl.  dazu  BVGE  2011/7  E. 9.1.­9.7.).  Parallel  zur  allgemeinen  Sicherheitslage  habe  sich  namentlich  auch  die  humanitäre Situation in Afghanistan verschlechtert, wobei aber erhebliche  Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Gebieten festzustellen  seien.  In  ländlichen  Gebieten  würden  sich  die  Verhältnisse  grossmehrheitlich  als  absolut  prekär  erweisen,  während  zumindest  in  Kabul  eine  deutlich  bessere  Situation  anzutreffen  sei,  zumal  sich  dort  nach den letzten Jahren auch die Sicherheitslage wieder stabilisiert habe.  Im  erwähnten  Urteil  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  zusammenfassend  fest,  dass  in  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestünden,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei.  Bezüglich  Kabul  hielt  das  Bundesverwaltungsgericht  fest,  dass  der  Wegweisungsvollzug  dorthin  nur  dann  zumutbar  sei,  wenn  sich  im  Einzelfall erweise, dass die betroffene Person in Kabul sozial vernetzt sei,  sie also dort über ein  tragfähiges soziales Netz  im Sinne der bisherigen  strengen  Anforderungen  nach  EMARK  2003  Nr.  10  verfüge.  Offengelassen wurde im besagten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts,  ob  betreffend  die  Städte Herat  und Mazar­i­Sharif  in  gleicher Weise  zu  entscheiden  wäre  (vgl.  a.a.O.  E. 9.8.­9.9.).  Im  zur  Publikation  vorgesehenen  Urteil  BVGE  D­2312/2009  vom  28.  Oktober  2011  wurde  bezüglich  der  Stadt  Herat  erkannt,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  dorthin,  sofern  begünstigende  Umstände  vorliegen,  als  zumutbar  zu  erachten ist. 5.3.3. Der Beschwerdeführer macht geltend, er stamme aus der Provinz  Ghazni.  Gestützt  auf  die  im  Beschwerdeverfahren  eingereichte  Originaltaskara erscheint die behauptete Herkunft als möglich, auch wenn  die  persönliche  Glaubwürdigkeit  des  Beschwerdeführers  angesichts  seiner  früheren  Falschangabe  beeinträchtigt  ist.  Gemäss  der  oben  dargelegten  aktuellen  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts 

D­435/2010 wäre  von  der  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  in  die  Provinz  Ghazni  auszugehen.  Wie  im  Folgenden  dargelegt  wird,  steht  dem  Beschwerdeführer  jedoch  eine  Aufenthaltsalternative  in  Afghanistan  zur  Verfügung.  Aus  diesem Grund  braucht  im  vorliegenden Verfahren  nicht  abschliessend über die Herkunft des Beschwerdeführers entschieden zu  werden. Nach  den  eigenen  Angaben  des  Beschwerdeführers  hält  sich  seine  Familie  (seine  Eltern  sowie  […]  Geschwister)  in  Mazar­i­Sharif  auf,  wohnhaft  sind  sie  bei  einem  Onkel  väterlicherseits  (vgl.  A  10/9  S. 2  ff.  sowie Beschwerdeverfahren act. 10). Im Folgenden ist deshalb zu prüfen,  ob  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  nach  Mazar­i­Sharif  im  Lichte  der  aktuellen  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts zu Afghanistan als zumutbar erweist. 5.3.4. Das Bundesverwaltungsgericht  hat  sich  in  seinem zur Publikation  vorgesehenen Urteil BVGE D­7950/2009 vom 30. Dezember 2011 mit der  aktuellen Situation  in Mazar­i­Sharif auseinandergesetzt. Dabei gelangte  das Gericht zur Auffassung, dass die Situation  in Mazar­i­Sharif – unter  Berücksichtigung  der  allgemein  schwierigen  Lage  in  Afghanistan –  überwiegend  als  stabil  anzusehen  sei.  Hinsichtlich  der  humanitären  Situation  in  Mazar­i­Sharif  sei  festzuhalten,  dass  sich  aus  den  konsultierten  Länder­  und  Themenberichten  nicht  ergebe,  dass  diese  wesentlich  schlechter  sei  als  diejenige  in  Kabul.  In  Anbetracht  dieser  Umstände erscheine die Lage  in der Stadt Mazar­i­Sharif mit derjenigen  in Kabul zumindest vergleichbar und es rechtfertige sich nicht, von einer  generellen  Unzumutbarkeit  der  Rückkehr  dorthin  aufgrund  der  allgemeinen  Situation  auszugehen.  Zudem  verfüge  die  Stadt  Mazar­i­ Sharif  auch  über  einen  Flughafen,  der  von  Kabul,  Herat,  Dubai  und  Teheran angeflogen werde. 5.3.5.  Vorliegend  ergeben  sich  aus  den  Akten  zudem  –  entgegen  den  Ausführungen  in  der  Beschwerdeschrift  und  den  weiteren  Eingaben –  keine  individuellen  Umstände,  welche  es  rechtfertigen  würden,  den  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  in  die  Stadt  Mazar­i­ Sharif  als  unzumutbar  zu  erachten.  Wie  bereits  vorstehend  erwähnt,  wohnen  nach  eigenen  Angaben  des  Beschwerdeführers  seine  Eltern  sowie  seine  […]  Geschwister  ([…]  Brüder  und  […])  bei  seinem  Onkel  väterlicherseits  in  Mazar­i­Sharif.  Damit  verfügt  der  Beschwerdeführer  dort über ein tragfähiges Beziehungsnetz, welches ihm bei der Integration  behilflich  sein  dürfte.  Dabei  erscheint  nicht  zwingend,  dass  der 

D­435/2010 Beschwerdeführer ebenfalls im Haus seines Onkel wird wohnen können,  es  ist  aber  davon  auszugehen,  dass  seine  Familie,  welche  sich  bereits  mehrere Jahre dort aufhält und mit welcher er in Kontakt steht, zumindest  um eine Wohnmöglichkeit besorgt sein kann, bis er eine eigene Wohnung  gefunden  hat.  Der  junge,  ledige  Beschwerdeführer  ist  –  gemäss  den  Akten  –  gesund.  Nachdem  er  darlegte,  seine  […]  Brüder  seien  erwerbstätig (vgl. A 10/9 S. 3 und Beschwerdeverfahren act. 10), ist nicht  ersichtlich,  weshalb  es  ihm  selber  nicht  gelingen  sollte,  eine  Arbeit  zu  finden.  Zudem  hat  die  Vorinstanz  zu  Recht  auf  die  Möglichkeit  des  Bezuges  von  Rückkehrhilfe  im  Sinne  einer  Starthilfe  hingewiesen.  Schliesslich  bleibt  anzumerken,  dass  auch  der  alleinige  Hinweis  des  Beschwerdeführers,  die  Brüder  seiner  Freundin  hätten  ihm  nicht  verziehen und wüssten, dass seine Familie in Mazar­i­Sharif wohne, nicht  zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges zu führen. Somit ist der Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers nach Mazar­i­ Sharif –  im Ergebnis  in Übereinstimmung mit dem Entscheid des BFM –  auch  in  Berücksichtigung  der  aktuellen  Rechtsprechung  zu  Afghanistan  sowohl  in  genereller  als  auch  in  individueller  Hinsicht  als  zumutbar  zu  erachten. 5.4.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  seines  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen Reisepapiere zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. auch  BVGE  2008/34  E. 12),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich zu bezeichnen ist. 5.5.  Insgesamt  ist  der  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung  beziehungsweise  der  ablehnende  Wiedererwägungsentscheid  zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  den  Wegweisungsvollzug  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erachtet.  Nach  dem  Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG). 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen.

D­435/2010 7.  Der  am  8. März  2011  verfügte  Vollzugsstopp  wird  mit  vorliegendem  Entscheid in der Hauptsache hinfällig. 8.  Das vom Beschwerdeführer bei Beschwerdeeinreichung gestellte Gesuch  um  unentgeltliche  Prozessführung  wurde  mit  Zwischenverfügung  vom  28. Januar  2010  abgewiesen.  Mit  ihrer  Eingabe  vom  8. März  2011  (Gesuch  um  Anordnung  des  Vollzugsstopps)  ersuchte  die  Rechtsvertreterin erneut um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG,  ohne  dieses  erneute  Gesuch  allerdings  zu  begründen.  Da  der  Beschwerdeführer  den  ihm  mit  Zwischenverfügung  vom  28. Januar  2010  auferlegten  Kostenvorschuss  am 11. Februar 2010 geleistet hatte und das neue Gesuch unbegründet  blieb, ist auf dieses nicht einzutreten. 9.   Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 1'200.– dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 und 5  sowie Art. 68 Abs. 2 VwVG; Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  und  mit  dem  am  11. Februar  2010  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss  zu  verrechnen. 10.  Die  vom  Beschwerdeführer  auf  Beschwerdeebene  vorgelegte  Originaltaskara  ist  zuhanden  des  BFM  sicherzustellen  (Art.  10  Abs.  2  AsylG). (Dispositiv nächste Seite)

D­435/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.   Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Auf  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG vom 8. März 2011 wird nicht eingetreten. 3.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 1'200.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  mit  dem  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss  verrechnet. 4.  Die auf Beschwerdeebene nachgereichte Originaltaskara wird zuhanden  des BFM sichergestellt. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Daniela Brüschweiler Versand:

D-435/2010 — Bundesverwaltungsgericht 30.01.2012 D-435/2010 — Swissrulings