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Bundesverwaltungsgericht 07.12.2011 D-4245/2011

7 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·5,918 mots·~30 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Juli 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4245/2011 law/mah Urteil   v om   7 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Jenny de Coulon Scuntaro,  Richter Robert Galliker, Gerichtsschreiberin Sarah Mathys. Parteien A._______ geboren am (…), Türkei, vertreten durch lic. iur. Peter Frei, Rechtsanwalt,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 6. Juli 2011 / N (…).

D­4245/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  türkischer  Staatsangehöriger  kurdischer  Ethnie  aus  Z._______  (Provinz  Y._______)  mit  letztem  Wohnsitz  in  Istanbul, suchte am 27. April 2007 in der Schweiz um Asyl nach.  B.  Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er anlässlich der Befragung  im Transitzentrum Altstätten (TZ) vom 7. Mai 2007 und der Anhörung zu  den  Asylgründen  vom  12. Februar  2009  geltend,  er  habe  seit  seiner  Kindheit  Sympathie  für  Abdullah  Öcalan  empfunden  und  habe  schon  damals  und  später  während  seiner  Militärzeit  unter  der  Unterdrückung  durch die Türken gelitten. In Y._______ habe er sich während kurzer Zeit  für  Freunde,  welche  bei  der  Guerilla  seien,  als  Kurier  für  Briefe  und  Dokumente betätigt. Ausserdem habe er sich in X._______, wo er auf der  Schiffswerft  gearbeitet  habe,  an  gewerkschaftlichen  Aktivitäten  beteiligt  und  versucht,  die  Arbeitnehmer  über  ihre  Rechte  aufzuklären.  Er  sei  deswegen  nie  festgenommen  worden.  Nachdem  Abdullah  Öcalan  festgenommen worden sei, habe er ab dem Jahr 1999 in verschiedenen  Städten an Protestkundgebungen teilgenommen. Er sei deswegen jedoch  nie  festgenommen,  angeklagt  oder  auf  den  Posten  mitgenommen  worden.  Als  Sympathisant  der  Partiya  Karkerên  Kurdistan  (PKK,  zu  Deutsch:  Arbeiterpartei  Kurdistan)  habe  er  an  Kundgebungen  und  Demonstrationen  teilgenommen  und  Plakate  geklebt  sowie  Wände  beschriftet.  Er  sei  nicht  Mitglied  einer  Partei  gewesen,  habe  aber  die  Halkin  Demokrasi  Partisi  (HADEP,  zu  Deutsch:  Demokratische  Volkspartei)  und  die  Demokratik  Halk  Partisi  (DEHAP,  Nachfolgeorganisation  der  HADEP)  unterstützt.  Er  sei  deswegen  nie  festgenommen  worden.  Hingegen  seien  Polizeibeamte  in  Zivil  an  ihn  herangetreten  und  hätten  versucht,  ihn  anzuheuern  und  von  ihm  Informationen  zu  erhalten.  Am  9. November  2003  sei  es  zu  einer  bewaffneten  Auseinandersetzung  zwischen  ihm  und  zwei  Brüdern  gekommen,  welche  Anhänger  der  Milliyetçi  Hareket  Partisi  (MHP,  zu  Deutsch: Partei der Nationalistischen Bewegung) seien und mit welchen  er seit längerer Zeit immer wieder Probleme gehabt habe. Er habe dabei  in  Notwehr  einen  der  beiden  Brüder  getötet  und  den  anderen  schwer  verletzt. Er sei davon gerannt und habe sich bei einem Freund versteckt.  Schliesslich  habe  er  mit  Hilfe  von  Freunden  bei  einem  Schlepper  eine  gefälschte Identitätskarte und einen gefälschten Pass besorgt. Mit diesen  Papieren habe er  in einem Hotel  logiert, bis er die Türkei am 1. Februar 

D­4245/2011 2004  auf  dem  Luftweg  von  Istanbul  nach  Frankfurt  verlassen  habe.  In  Deutschland habe er im März 2004 um Asyl ersucht. Das Gesuch sei im  März  2005  abgewiesen  worden.  Er  sei  noch  einige  Monate  in  Deutschland  geblieben  und  sei  danach  nach  Schweden  gereist,  wo  er  sich  rund  zwei Monate  als Asylbewerber  aufgehalten  habe. Als  ihm die  Abschiebung nach Deutschland angedroht worden sei, sei er auf eigene  Faust  nach  Deutschland  zurückgekehrt.  Dort  habe  er  sich  einige  Zeit  illegal  aufgehalten;  schliesslich habe er ein  zweites Asylgesuch gestellt.  Am  15. April  2007  sei  er  nach W._______  gereist,  wo  er  sich mit  rund  70 Personen an einem Hungerstreik beteiligt  habe –  in der Zeitung  (…)  sei sogar ein Foto von ihm erschienen. Danach sei er am 26. April 2007  mit dem Auto in die Schweiz eingereist. Seine  Eltern  seien  nach  dem  Vorfall  zwischen  ihm  und  den  beiden  Brüdern vom 9. November 2003 von der Polizei belästigt und unter Druck  gesetzt worden. Er  habe  von  ihnen  erfahren,  dass  die  türkische Polizei  beziehungsweise Beamte der Terrorbekämpfungseinheit  ihm unterstelle,  er  sei  im  Jahre  1999  in  einem  PKK­Lager  in  Rumänien  als  Selbstmordattentäter ausgebildet worden. Ferner werde er bezichtigt,  im  Jahre 2001 und 2003  in  Izmir und Istanbul an Kundgebungen von PKK­ Anhängern  teilgenommen  zu  haben,  bei  denen  es  zu  Gewaltakten  gekommen sei, und er solle in Quartieren türkischer Städte Strafaktionen  gegen  „Faschisten“  beziehungsweise  gegen  „Menschen  innerhalb  der  Organisation“  durchgeführt  haben.  Gegenüber  seinen  Eltern  habe  die  Polizei ihn als Terroristen bezeichnet, ihn bezichtigt, Attentate ausgeführt  zu  haben,  und  ihn  als  Landesverräter  beschuldigt.  Auch  in  den Medien  habe  man  ihm  solche  Attentate  in  die  Schuhe  geschoben.  Ausserdem  werde  ihm  zu  Unrecht  vorgeworfen,  er  habe  in  der  Schiffswerft  Streiks  organisiert  und  die  Belegschaft  aufgestachelt.  Schliesslich  machte  der  Beschwerdeführer geltend, er habe psychische Probleme und erklärte, er  habe  in  der  Schweiz  an  mehreren  Kundgebungen  der  PKK  als  Ordnungskraft teilgenommen. Der Beschwerdeführer  reichte  als Beweismittel  für  seine Asylvorbringen  eine  Kopie  einer  Anklageschrift  der  Staatsanwaltschaft  (…)  vom  (…)  inklusive einer Übersetzung ein und wies zwei Anhängeschilder der PKK  vor. C.  Das  BFM  stellte  mit  Verfügung  vom  24. Februar  2009  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte das 

D­4245/2011 Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz  und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.  D.  Am 26. März 2009 erhob der Beschwerdeführer gegen diese Verfügung  Beschwerde  und  reichte  zur  Untermauerung  seiner  Vorbringen  zwei  Verhandlungsprotokolle  des  (…)  (…)  vom  (…)  und  (…)  sowie  einen  Haftbefehl vom (…)  inklusive Übersetzungen, Kopien von Zeitungs­ und  Internetberichten,  mehrere  Kopien  von  Fotos  und  ein  Bestätigungsschreiben der (…) vom 24. März 2009 zu den Akten. E.  Das Bundesverwaltungsgericht wies die Beschwerde vom 26. März 2009  mit  Urteil  D­1982/2009  vom  6. August  2009  gestützt  auf  Art. 111  Bst. e  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  im  einzelrichterlichen Verfahren ab.  F.  Am  4. September  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  handelnd  durch  seinen  Rechtsvertreter  beim  Bundesverwaltungsgericht  ein  Revisionsgesuch ein,  in dem unter anderem beantragt wurde, das Urteil  des Bundesverwaltungsgerichts vom 6. August 2009 sei aufzuheben; es  sei  festzustellen,  dass  der  Wegweisungsvollzug  unzulässig  und  unzumutbar sei. Der Eingabe lagen ein Ticket für die Veranstaltung vom  12. September 2009  in V._______, ein Flyer  für eine Veranstaltung vom  11. September  2009  sowie  die  Zeitung  (…)  vom  (…)  mit  Übersetzung  eines Artikels bei. Am 17. September 2009 reichte der Beschwerdeführer  ein  von  mehreren  Personen  unterzeichnetes  Referenzschreiben  ein,  welches  seine  Verankerung  in  den  Kreisen  der  türkisch­kurdischen  Exilopposition belege. G.  Mit  Verfügung  vom  24. September  2010  stimmte  das  Bundesamt  für  Justiz  (BJ) dem Auslieferungsgesuch der Türkischen Republik bezüglich  des  Beschwerdeführers  unter  Vorbehalt  des  Entscheides  des  Bundesstrafgerichts über die Einsprache des politischen Delikts zu. Eine  vom Beschwerdeführer gegen diese Verfügung eingereichte Beschwerde  hat  das  Bundesstrafgericht  mit  Entscheid  vom  22. Dezember  2010  abgewiesen  und  die  Auslieferung  in  die  Türkei  vorbehältlich  des  Ausgangs des erstinstanzlich hängigen Asylverfahrens bestätigt.

D­4245/2011 H.  Das Bundesverwaltungsgericht  hiess  das Revisionsgesuch mit Urteil  D­ 5575/2009/D­8150/2009 vom 13. Januar 2011 gut und hob das Urteil D­ 1982/2009  vom  6. August  2009  auf.  Im  gleichen  Urteil  hiess  es  die  Beschwerde vom 26. März 2009 gut, hob die Verfügung vom 24. Februar  2009 auf und wies die Sache zur Neubeurteilung an das BFM zurück. I.  Am  10. Februar  2011  führte  das  BFM  mit  dem  Beschwerdeführer  eine  ergänzende Anhörung zu den Asylgründen durch. J.  Das BFM ersuchte am 22. Februar 2011 die schweizerische Vertretung in  Ankara  um  Abklärungen  bezüglich  der  angeblich  gegen  den  Beschwerdeführer  eingeleiteten  Strafverfahren  mit  politischem  Hintergrund. K.  Mit  Schreiben  vom  6. April  2011  beantwortete  die  Schweizer  Botschaft  die Fragen des BFM und  legte ein Verhandlungsprotokoll mit  deutscher  Übersetzung des (…) (Istanbul) vom (…) bei. L.  Am  13. April  2011  liess  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  den  Botschaftsbericht unter Abdeckung der geheim zu haltenden Stellen mit  der Beilage zukommen und gab ihm Gelegenheit, Stellung zu nehmen. M.  Am  15. April  2011  äusserte  sich  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter zu den Abklärungsergebnissen der Schweizer Botschaft.  Gleichzeitig ersuchte er um Akteneinsicht und Zustellung der Anfrage des  BFM an die Schweizer Botschaft und um eine angemessene Nachfrist zur  Stellungnahme. N.  Das BFM gewährte dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 20. April  2011  Akteneinsicht,  liess  ihm  die  Anfrage  an  die  Schweizer  Botschaft  unter  Abdeckung  der  geheim  zu  haltenden  Stellen  zukommen  und  gab  ihm  nochmals Gelegenheit,  sich  zu  äussern  und Gegenbeweismittel  zu  bezeichnen.

D­4245/2011 O.  Mit  Schreiben  seines  Rechtsvertreters  vom  28. April  2011  gab  der  Beschwerdeführer bekannt, dass er auf zusätzliche Bemerkungen zu der  ihm nunmehr offengelegten Botschaftsanfrage verzichte. P.  Das BFM stellte mit Verfügung vom 6. Juli 2011 – eröffnet am 8. Juli 2011  – fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und  lehnte sein Asylgesuch vom 27. April 2007 ab. Gleichzeitig merkte es vor,  dass  ein  rechtskräftiger,  eine  Auslieferung  bewilligender  Auslieferungsentscheid  betreffend  den  Beschwerdeführer  vorliege,  und  lehnte das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung ab.  Zur Begründung seines Entscheides führte das BFM aus, die Vorbringen  des  Beschwerdeführers  würden  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Er habe im  Rahmen  seiner  Asylbegründung  geltend  gemacht,  die  türkischen  Behörden  würden  ihm  vorwerfen,  im  Jahre  2001  in  Izmir  gegen  Faschisten oder PKK­Abweichler Strafaktionen durchgeführt zu haben. In  der ergänzenden Anhörung habe er jedoch diesen Vorwurf bestritten und  erklärt,  dass man  ihn  in  diesem Zusammenhang  ausschliesslich wegen  seiner Verwicklung  in ein Tötungsdelikt  im Jahre 2003 verdächtige. Hier  falle zunächst auf, dass die Beteiligung des Beschwerdeführers an einem  Tötungsdelikt  aus  zeitlogischen  Gründen  nicht  bereits  bei  seinen  angeblich  im  Jahre  2001  durchgeführten  Strafaktionen  gegen  politische  Gegenspieler  eine  Rolle  gespielt  haben  könne.  Zudem  sei  der  Beschwerdeführer  in  diesem  Zusammenhang  nie  in  Gewahrsam  gewesen  und  es  sei  auch  kein  Strafverfahren  gegen  ihn  eingeleitet  worden.  Er  könne  deshalb  aus  diesem  Vorbringen  keine  ausreichend  begründete  Furcht  vor  einer  zukünftigen  asylrelevanten  Verfolgung  ableiten. Der  Beschwerdeführer  führe  an,  die  türkischen  Behörden  hätten  ihm  unter  anderem vorgehalten,  im  Jahre  1996  in  einer Werft  in X._______  (Istanbul) die Belegschaft angestachelt und Streiks organisiert zu haben.  Er  gebe  in  der  ergänzenden  Anhörung  zu,  damals  in  der  Gruppe  des  Streikkomitees  gewesen  zu  sein  und  sich  gegen  die  schlechten  Arbeitsbedingungen  in  der  Werft  gewehrt  zu  haben.  Seine  Streikteilnahme  habe  jedoch  keine  weiteren  Folgen  für  ihn  gehabt.  Die  Polizisten  hätten  ihn  zwar  fotografiert,  aber  es  sei  zu  keiner  Befragung  oder  Festnahme  gekommen.  Allerdings  hätten  die  Polizisten  die 

D­4245/2011 Werkleitung  veranlasst,  ihn  zusammen  mit  vier  oder  fünf  anderen  Arbeitern  zu  entlassen.  Mit  einer  hier  nicht  näher  belegten  Entlassung  aus  der Werft  sei  jedoch  aufgrund  der  Art  der Massnahme  noch  keine  asylbeachtliche  Verfolgung  verbunden.  Überdies  liege  der  Vorfall  aus  dem  Jahre  1996  im  Hinblick  auf  das  erst  im  Jahre  2007  eingereichte  Asylgesuch schon zu weit zurück und sei offenbar auch nicht der Anlass  für seine Schutzsuche bei den Schweizer Behörden gewesen. In  der  ergänzenden  Anhörung  habe  der  Beschwerdeführer  hinsichtlich  dessen,  dass  zivile  Polizisten  versucht  hätten,  von  ihm  Informationen  über  andere  kurdische  Aktivisten  zu  erhalten,  verlauten  lassen,  dass  Leute – wie er – aus dem Schwarzmeergebiet solche Angebote gar nicht  erhalten würden. Eine tatsächliche Aufforderung von zivilen Polizisten, er  solle als  Informant  für  sie arbeiten, habe er  jedoch nur einmal  im Jahre  2003  erhalten.  Aus  diesem  einmaligen  Vorfall,  der  offenbar  keine  weiteren Konsequenzen mehr für ihn gehabt habe, könne er jedoch noch  keine asylbeachtliche Verfolgungslage ableiten, der er sich nur durch eine  Flucht ins Ausland hätte entziehen können. Der Beschwerdeführer mache  ferner geltend, seit 1994 bis zur Ausreise  als  Sympathisant  der  PKK,  der  HADEP  und  der  DEHAP  in  der  Türkei  politisch aktiv gewesen zu sein. Seinen Angaben zufolge habe er jedoch  in Verbindung mit  diesen Aktivitäten nie Probleme mit  den heimatlichen  Behörden  oder  Sicherheitskräften  gehabt.  Aus  diesem Grund  könne  er  daraus auch keine ausreichende begründete Furcht vor einer zukünftigen  asylrelevanten Verfolgung ableiten. Hinsichtlich der geltend gemachten Tätigkeit des Beschwerdeführers – für  die  PKK  als  Kurier  zwischen  1996  und  2000  Direktiven  der  Partei  und  Dokumente zu den Wahlen  im Jahre 2000 weitergeleitet zu haben – sei  festzustellen, dass nicht nachvollziehbar sei, weshalb die PKK, die hoch  konspirativ  arbeiten  müsse,  ausgerechnet  ein  Nichtmitglied  wie  den  Beschwerdeführer  mit  den  wichtigen  Aufgaben  eines  Kuriers  betrauen  würde. Er könne auch nicht konkret und  realistisch beschreiben, welche  Direktiven  der PKK er  denn weitergeleitet  habe. Die  von  ihm  in  diesem  Zusammenhang  aufgezählten  Parolen  gehörten  zu  den  am  meisten  verwendeten  Slogans  von  PKK­Anhängern  und  hätten  keinerlei  Informationswert.  Abwegig  wirke  auch  der  Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  als  Aussenstehender  als  Kurier  wichtige  Dokumente  der  PKK  hätte  transportieren  sollen.  Seine  Beschreibung  der  von  ihm  angeblich transportierten Dokumente der PKK ergebe zudem keinen Sinn 

D­4245/2011 und  Nutzen  und  erscheine  lebensfremd.  Aus  diesem  Grund  müsse  ernsthaft  bezweifelt  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  tatsächlich  in  der  geschilderten  Art  und  Weise  für  die  PKK  tätig  gewesen  sein  soll.  Seinen  Angaben  zufolge  habe  er  im  Zusammenhang  mit  diesen  Aktivitäten  bisher  nie  Probleme mit  den  heimatlichen  Behörden  gehabt.  Aus  diesem  Grund  könne  er  auch  ungeachtet  der  Frage  der  Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens aus den geschilderten Aktivitäten  für  die  PKK  keine  begründete  Furcht  vor  zukünftigen  asylrelevanten  Nachteilen ableiten. Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, sich in der Schweiz für die  PKK  engagiert  und  an  Demonstrationen  teilgenommen  zu  haben,  von  denen  es  auch  Fotoaufnahmen  gebe.  Während  er  zu  Beginn  des  Asylverfahrens noch behauptet habe, als Ordner eine bestimmte Funktion  bei  solchen  Veranstaltungen  gehabt  zu  haben,  habe  er  anlässlich  der  ergänzenden  Anhörung  auf  einmal  nichts  mehr  dazu  sagen  wollen,  jedoch  verlauten  lassen,  hier  in  der  Schweiz  Zeitschriften  für  die  PKK  verteilt  und  Geldspenden  gesammelt  zu  haben.  Der  Beschwerdeführer  habe ein exilpolitisches Engagement geltend gemacht, das nicht über das  übliche  Mass  hinausgehe,  wie  es  von  seinen  Landsleuten  überall  in  Europa zu sehen sei und sei deshalb nicht geeignet, die Aufmerksamkeit  der  türkischen  Behörden  auf  sich  zu  ziehen.  Der  Beschwerdeführer  könne  daher  aus  den  von  ihm  beschriebenen  exilpolitischen  Aktivitäten  keine  begründete  Furcht  vor  zukünftiger  asylbeachtlicher  Verfolgung  ableiten. Bezüglich  der  geltend  gemachten  vermeintlichen  Suche  des  Beschwerdeführers  als  Selbstmordattentäter  sei  nicht  nachvollziehbar,  wie  und  weshalb  die  türkischen  Behörden  den  Beschwerdeführer  überhaupt  als  Selbstmordattentäter  hätten  verdächtigen  sollen.  Hätte  tatsächlich ein so schwerwiegender Verdacht bestanden, dann wären die  türkischen  Behörden mit  Sicherheit  gegen  ihn  vorgegangen  und  hätten  diese  Vorwürfe  untersucht.  Unter  diesen  Umständen  hätte  der  Beschwerdeführer  aber  auch  entsprechende  Dokumente  vorweisen  können müssen, was er jedoch offensichtlich nicht getan habe.  Hinsichtlich der geltend gemachten Untersuchung gegen  ihn wegen der  Vorfälle  in Izmir  im Jahre 2001, habe der Beschwerdeführer angegeben,  er  sei  in  keinerlei  Strafaktionen  gegen  ehemalige  PKK­Anhänger  oder  Faschisten verwickelt gewesen. Hätten die türkischen Behörden überdies 

D­4245/2011 wirklich  einen  solchen Verdacht  gegen  ihn  gehabt,  hätten  sie  auch  hier  Untersuchungsmassnahmen eingeleitet.  Die Schweizer Vertretung in Ankara habe feststellen können, dass gegen  den Beschwerdeführer  in  der  Türkei  kein  politisches Datenblatt  vorliege  und  es  bei  den  aufgrund  der  Aktenlage  wahrscheinlich  zuständigen  sonderbefugten Gerichten  in Istanbul und U._______, bei der (…) sowie  bei  der  (…)  kein  Verfahren  oder  ein  Ermittlungsverfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  gebe.  Es  bestünden  gemäss  Botschaftsbericht  somit  keine  Hinweise  dafür,  dass  der  Beschwerdeführer  in  der  Türkei  aus  politischen  Gründen  verfolgt  sein  könnte.  In  der  Stellungnahme  des  Beschwerdeführers  zum  Botschaftsbericht  habe  er  eingewendet,  es  betreffe nur das automatische Fahndungsregister, wenn keine politische  Fiche  gegen  ihn  vorliege.  Er  sei  den  türkischen  Behörden  sehr  wohl  wegen seiner politischen Aktivitäten bekannt. Es  liege daher nahe, dass  er  vom  politischen  Nachrichtendienst  Millî  İstihbarat  Teşkilâtı  (MIT,  zu  Deutsch: Nationaler Nachrichtendienst) beziehungsweise vom Jandarma  İstihbarat  ve Terörle Mücadele  (JITEM, zu Deutsch etwa: Geheimdienst  und Terrorabwehr der Gendarmerie) als  "unbequeme Person"  registriert  sei. Die türkische Justiz liefere schon seit Jahren zahlreiche Beispiele für  Aktenmanipulation  und  "getürkte"  Anklagen.  Vor  diesem  Hintergrund  könne nicht erstaunen, dass das gegen den Beschwerdeführer  laufende  Gerichtsverfahren vor dem  (…)  in  (…) und das deshalb an die Schweiz  gerichtete  Auslieferungsgesuch  keinerlei  Hinweise  auf  eine  politische  Verfolgung enthielten. Dies würden die Möglichkeiten,  ihn vor Gericht zu  stellen,  selbstredend  desavouieren.  Diesen  Ausführungen  sei  entgegenzuhalten,  dass  es  keinen  Grund  gebe,  an  den  zuverlässigen  Abklärungsergebnissen  der  Schweizer  Vertretung  zu  zweifeln.  Der  Einwand,  der  Beschwerdeführer  könne  trotz  des  fehlenden  Datenblatts  beim  Geheimdienst  registriert  sein,  entbehre  aufgrund  der  dargelegten  Beurteilung seiner Asylbegründung der Grundlage. Auch der Vorwurf, es  handle  sich  bei  der  Anklage  gegen  den  Beschwerdeführer  um  konstruierte Vorwürfe, um einen politischen Gegner zu belasten, vermöge  nicht zu überzeugen. Die türkischen Behörden hätten es nicht nötig, eine  wegen  ihrer  politischen  Aktivitäten  missliebige  Person  mit  einem  konstruierten Tötungsdelikt  zu verfolgen. Die Erfahrung zeige viel mehr,  dass die türkischen Behörden genug Möglichkeiten hätten, Regimekritiker  ausschliesslich  wegen  ihrer  politischen  Aktivitäten  strafrechtlich  zu  verfolgen. 

D­4245/2011 Aufgrund der Aktenlage gelange man  insgesamt zum Schluss, dass der  Beschwerdeführer  in  der  Türkei  zumindest  aus  politischen Gründen  als  unbelastet gelte und es  in diesem Zusammenhang kein hängiges Straf­  oder  Ermittlungsverfahren  gegen  ihn  gebe.  An  dieser  Einschätzung  vermöchten auch die von  ihm eingereichten Eintrittskarten  für  kurdische  Kulturanlässe  nichts  zu  ändern.  Sie würden  keine  überdurchschnittliche  exilpolitische Aktivität belegen, welche die Aufmerksamkeit der türkischen  Behörden auf den Beschwerdeführer lenken könnten. Der Zeitungsartikel  aus  der  (…),  welcher  über  die  Asylgesuchseinreichung  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  berichte,  begründe  ebenfalls  keine  Furcht  vor  zukünftiger  asylrelevanter  Verfolgung.  Es  sei  davon  auszugehen, dass den türkischen Behörden sehr wohl bekannt sei, dass  viele  türkische  Staatsangehörige  in  Europa  vor  allem  auch  aus  wirtschaftlichen Gründen Asylgesuche stellen würden. Gemäss  jüngsten  Botschaftsabklärungen  liege  trotz  dieses  Artikels  aus  dem  Jahre  2009  nichts  gegen  den  Beschwerdeführer  vor.  In  diesem  Sinn  sei  auch  der  Zeitungsbericht nicht geeignet, eine ausreichende begründete Furcht des  Beschwerdeführers vor eines asylrelevanten Verfolgung zu begründen. Beim hängigen Strafverfahren wegen Tötung und versuchter Tötung der  beiden  Brüder,  handle  es  sich  um  eine  rechtsstaatlich  legitime  Strafverfolgung. Wie  die  bisherigen Ausführungen  über  die  angeblichen  politischen  Aktivitäten  des  Beschwerdeführers  und  die  von  ihm  geltend  gemachte  politisch  motivierte  Verfolgung  zeigten,  gebe  es  auch  keine  Hinweise für einen politischen Kontext dieses Tötungsdelikts. Es würden  auch  konkrete  Anzeichen  dafür  fehlen,  dass  die  Strafverfolgung  des  Beschwerdeführers aus politischen Motiven erfolgen würde. Im Sinne des  sogenannten  Spezialitätenprinzips  bei  Auslieferungsfällen  gelte  der  Auslieferungsentscheid  nur  für  das  gemeinrechtliche  Tötungsdelikt,  das  dem  Beschwerdeführer  vorgeworfen  werde.  Im  Rahmen  dieses  Auslieferungsbeschlusses  wäre  es  unzulässig,  wenn  die  türkischen  Behörden gleichzeitig auch noch beispielsweise wegen einer vermuteten  PKK­Unterstützung  gegen  ihn  ermitteln  würden.  Da  es  sich  bei  dem  hängigen  Strafverfahren  um  ein  gemeinrechtliches  Verfahren  ohne  erkennbaren  Politmalus  handle,  sei  dieses  Vorbringen  nicht  asylbeachtlich. Die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  würden  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  somit  gemäss Art. 3  AsylG  nicht  standhalten,  weshalb  er  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle  und  das  Asylgesuch  abzulehnen sei.

D­4245/2011 Q.  Mit  Eingabe  vom  29. Juli  2011  (Datum  Poststempel)  liess  der  Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter gegen diesen Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  die  angefochtene  Verfügung  sei  aufzuheben,  er  sei  als  Flüchtling  anzuerkennen  und  es  sei  ihm  Asyl  zu  gewähren.  Eventuell  sei  festzustellen,  dass  die Wegweisung  unzulässig  und  unzumutbar  sei.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  liess  er  beantragen,  es  sei  ihm  die  unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen, es sei ihm in der Person des  Unterzeichnenden  für  das erst­  und das  zweitinstanzliche Verfahren ein  unentgeltlicher  Rechtsbeistand  beizugeben  und  es  sei  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  öffentliche  Verhandlung  und  in  dessen  Rahmen  eine  Anhörung  durch  das  Bundesverwaltungsgericht  durchzuführen. Mit der Beschwerde wurden unter anderem das Deckblatt  des  Berichts  der  Türkischen  Menschenrechtsstiftung  TIHV  vom  August  2010  und  eine Vergleichstabelle  des  türkischen Menschenrechtsvereins  Ínsan Haklari Derneği (IHD) eingereicht.  In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, nachdem das  BFM  keine  Zweifel  an  der  Glaubwürdigkeit  der  Persönlichkeit  des  Beschwerdeführers  geäussert  habe,  könne  von  der  allgemeinen  Glaubwürdigkeit  seiner  Person  ausgegangen  werden.  Der  Beschwerdeführer  sei  im  Zusammenhang  mit  "Izmir  2001"  nie  in  Gewahrsam genommen und gegen ihn sei kein Strafverfahren eingeleitet  worden.  Dem  stehe  jedoch  weder  eine  nachträgliche  Anklageerhebung  noch ein ausdrücklicher oder stillschweigender Politmalus entgegen. Ein  allfällig  geheimes  Ermittlungsverfahren  könne  nicht  ohne  weiteres  ausgeschlossen  werden.  Es  treffe  zu,  dass  mit  den  Aktivitäten  des  Beschwerdeführers  im  Zusammenhang mit  dem  unterdrückten  Streik  in  einer  Werft  in  X._______  keine  asylbeachtliche  Verfolgung  verbunden  gewesen sei und dass diese auch nicht der Anlass für seine Flucht in den  Westen  dargestellt  habe.  Der  Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  damals  von  der Polizei  als Mitglied  des Streikkomitees  geschlagen  und  fotografiert  worden  sei,  lege  aber  nahe,  dass  ihn  die  türkische  Polizei  schon  damals  als  politischen  Aktivisten  registriert  habe.  Der  Beschwerdeführer  habe  betreffend  die  behördliche  Aufforderung  in  X._______ im Jahr 1996, kurdische Aktivisten zu bespitzeln, angegeben,  dass  bloss  Kurden  wie  er  einer  sei,  aber  jedenfalls  keine  aus  dem  Schwarzmeergebiet  stammenden  Personen,  für  solche  polizeilichen  Angebote  in  Frage  gekommen  seien.  Damit  habe  er  gemeint,  dass  die  Leute aus dem Schwarzmeergebiet schon damals als stramme politisch­

D­4245/2011 rechtsstehende  türkische  Nationalisten  bekannt  gewesen  seien,  und  deshalb  für  einen  solchen  Spezialjob  unter  aufrührerischen  Arbeitern  ohnehin  nicht  in  Betracht  gezogen  worden  seien.  Aus  dem  einmaligen  polizeilichen  Angebot  von  2003,  als  Spitzel  tätig  zu  werden,  leite  im  Übrigen auch der Beschwerdeführer selbst keine Verfolgungssituation ab.  Dieses Ereignis spreche aber dafür, dass er schon im Jahre 2006 (recte:  wohl  1996)  in  den  Fokus  der  türkischen  Sicherheitskräfte  geraten  sei.  Auch seine politischen Tätigkeiten für die kurdischen Parteien würden für  sich  allein  betrachtet  keine  asylbeachtliche  Verfolgungssituation  begründen.  Aufgrund  seiner  überdurchschnittlichen  Propagandatätigkeit  sei er in der Region von T._______ weitherum bekannt. Die Identifikation  des Beschwerdeführers  als  Propagandist  der  kurdischen Bewegung  sei  deshalb für die türkischen Behörden problemlos möglich. Auch wenn der  Beschwerdeführer wegen  der Aktivitäten  nie  von  den Sicherheitskräften  tangiert  worden  sei,  müsse  dies  nicht  bedeuten,  dass  er  sich  nicht  gleichwohl  als  kurdischer  Aktivist  profiliert  und  exponiert  habe.  Der  Beschwerdeführer  habe  nach  der  rechtskräftigen  Bewilligung  seiner  Auslieferung  und  seiner  überjährigen  Auslieferungshaft  grösstes  Misstrauen gegenüber den schweizerischen Behörden, weshalb es nicht  erstaunen  könne,  dass  er  nun  in  der  ergänzenden  Anhörung  vom  10. Februar 2011 nur spärliche beziehungsweise nichtssagende Angaben  zu  seiner  Kuriertätigkeit  und  zum  Inhalt  der  von  ihm  transportierten  Dokumente  gemacht  habe.  Angesichts  seiner  Haftsituation  scheine  dieses  Aussageverhalten  nachvollziehbar.  Dass  er  auch  im  Zusammenhang mit seiner Kuriertätigkeit nie behördlich  tangiert worden  sei,  spreche  nicht  ohne  weiteres  gegen  eine  begründete  Furcht  vor  zukünftiger Verfolgung. Der Beschwerdeführer sei in S._______ im Milieu  der  kurdischen  Exilopposition  stadtbekannt  gewesen,  weil  er  sich  regelmässig  als  Verkäufer  der  Zeitung  (…)  und  von  Informationsbroschüren  über  den  kurdischen  Befreiungskampf  betätigt  habe. Zudem sei er bis zur  Inhaftierung  täglich  im Lokal des kurdischen  Kulturvereins  (…)  anzutreffen  und  an  allen  Kundgebungen  und  Demonstrationen der türkischen Kurdenbewegung als Ordner  im Einsatz  gewesen.  Die  Eintrittskarten  für  kurdische  Kulturanlässe  könnten  zwar  keine überdurchschnittliche exilpolitische Aktivität belegen. Diese ergebe  sich  jedoch aus den übrigen Beweismitteln, welche  seine Mitgliedschaft  bei  (…)  und  seine  Teilnahme  am  Hungerstreik  in  W._______  belegen  würden.  Massgebend  für  das  Vorliegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  erscheine  der  Bericht  in  der  (…)  und  das  Referenzschreiben  vom  September  2009.  Der  Beschwerdeführer  habe  die  Information,  dass  er  als  Selbstmordattentäter  gesucht  werde,  nur  vom  Hörensagen  von 

D­4245/2011 Gesinnungsgenossen  erhalten.  Er  habe  alles  ihm  Zumutbare  versucht,  um  Beweismittel  beizubringen.  Aufgrund  der  engen  Verflechtung  nationalistischer  Bewegungen  mit  den  türkischen  Sicherheitskräften  erscheine  es  ohne  weiteres  möglich,  dass  er  dafür  verdächtigt  werde.  Das BFM  erkläre,  die  türkischen Behörden wären  im  Falle  eines  derart  schwerwiegenden Verdachts zweifellos gegen ihn vorgegangen, was die  Beschaffung  entsprechender  Beweismittel  ermöglicht  hätte.  Dem  sei  entgegenzuhalten,  dass  Ermittlungsverfahren  gegen  mutmassliche  Attentäter  der  höchsten  Geheimhaltungsstufe  unterlägen,  weswegen  nicht  ausgeschlossen  werden  könne,  dass  ein  Ermittlungsverfahren  eingeleitet worden sei, ohne dass es zu einem Zugriff gekommen wäre.  Von einem geheimen Verfahren sei auch auszugehen, weil  seine Fotos  Gesinnungsgenossen  gezeigt  worden  und  in  der  Zeitung  erschienen  seien.  Dass  sich  der  Beschwerdeführer  in Westeuropa  aufhalte,  hätten  die türkischen Behörden erst viel später erfahren und seien erst dann  in  der  Lage  gewesen,  ein  Auslieferungsverfahren  zu  formulieren.  Hinsichtlich  der  Abklärungen  der  Schweizer  Botschaft  sei  auf  die  Stellungnahme  zu  verweisen.  Es  erscheine  letztlich  unerheblich,  ob  die  Gerichte oder die Sicherheitskräfte zum Nachteil des Beschwerdeführers  Aktenmanipulation betreiben oder betrieben hätten. Sicher  sei,  dass ein  solches  Risiko  nicht  wirklich  ausgeschlossen  werden  könne.  Dass  er  nicht  in  der  Lage  sei,  Dokumente  für  seine  These  des  "getürkten"  Prozesses  beizubringen,  könne  ihm  nicht  ernstlich  zur  Last  fallen.  Es  treffe  zu,  dass  den  türkischen  Auslieferungs­  und  Gerichtsakten  keine  Hinweise  auf  eine  politische  Verfolgung  zu  entnehmen  seien,  dass  ihm  bloss  ein  gemeinrechtliches  Delikt  zur  Last  gelegt  werde  und  dass  der  Verfahrensausgang  zum  jetzigen  Zeitpunkt  offen  stehe.  All  diese  Umstände könnten  jedoch das Risiko, dass er nach seiner Rückführung  in  die  Türkei  in  Polizeigewahrsam  misshandelt  oder  gefoltert  werden  könne,  noch  dasjenige  einer  politmalusbehafteten  Strafzumessung  ausschliessen.  Diese  Gefahren  seien  indessen  naheliegend  und  schwerwiegend.  Zusammenfassend  ergebe  sich,  dass  der  Beschwerdeführer wegen seiner politischen Aktivitäten  für die kurdische  Bewegung  in  der  Türkei  und  im  Ausland  den  türkischen  Sicherheitskräften  persönlich  bekannt  sei  und  von  ihnen  als  staatsfeindliche Person betrachtet werde. Aus diesen Umständen erfülle  er die Flüchtlingseigenschaft und bedürfe des Schutzes der Schweiz. Da  keine Asylausschlussgründe vorlägen, sei ihm Asyl zu gewähren. R.  Mit  Schreiben  vom  5. August  2011  informierte  das  BJ  das 

D­4245/2011 Bundesverwaltungsgericht  über  den  Verfahrensstand  betreffend  das  Auslieferungsverfahren  des  Beschwerdeführers  und  wies  auf  das  Beschleunigungsgebot  hin,  weil  sich  der  Beschwerdeführer  seit  15 Monaten in Auslieferungshaft befinde. S.  Mit  Verfügung  vom  15. August  2011  stellte  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  fest,  der  Beschwerdeführer  könne  den  Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um  unentgeltliche  Rechtspflege  gut,  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  wies  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  im  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  ab.  Gleichzeitig  überwies  er  dem  BFM  die  Beschwerdeakten  zur  Vernehmlassung. T.  In  der  Vernehmlassung  vom  19. August  2011  hielt  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunktes  rechtfertigen  könnten,  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Im Einzelnen  führte es aus, entgegen der Schlussfolgerung in der Beschwerde sei das  BFM  nicht  von  der  Glaubhaftigkeit  der  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers  ausgegangen.  Es  habe  in  seiner  Verfügung  an  mehreren  Stellen  Zweifel  an  der  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers geäussert und begründet. Die Botschaftsabklärungen  dienten ebenfalls unter anderem dazu, die Glaubhaftigkeit der Vorbringen  des  Beschwerdeführers  zu  überprüfen.  Die  Schlussfolgerung  in  der  Verfügung  laute  denn  auch,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  begründete Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfolgung habe  glaubhaft  machen  können.  Daneben  sei  die  Erklärung,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  aus  Misstrauen  gegenüber  den  schweizerischen  Behörden  im  Allgemeinen  und  dem  BFM  im  Besonderen  nur  unsubstantiiert  und  vage  geäussert  haben  soll,  nicht  überzeugend.  Aus  den  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  gehe  als  zentrales  Anliegen  hervor,  das  gegen  ihn  in  der  Türkei  aus  gemeinrechtlichen  Gründen  eingeleitete  Strafverfahren  in  einen  politischen  Kontext  zu  stellen.  Er  hätte demzufolge gerade  in  seinem Asylverfahren gegenüber dem BFM  alles  daran  setzen  müssen,  sich  mit  einer  überzeugenden  Schilderung  seiner  politischen Aktivitäten  ein  politisches Profil  zu  verschaffen. Seine  ausweichenden,  unsubstantiierten  und  teilweise  realitätsfremden  Aussagen  zu  seinen angeblichen  (exil­)  politischen Aktivitäten  sprächen 

D­4245/2011 eher  für  die  Konstruiertheit  dieser  Vorbringen  als  für  ein  angebliches  Misstrauen gegenüber dem BFM. U.  Mit  Verfügung  vom  24. August  2011  gab  der  Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer Gelegenheit, eine Stellungnahme zur Vernehmlassung  einzureichen. Der Beschwerdeführer reichte keine Replik ein.  V.  Mit  Eingabe  seines  Rechtsvertreter  vom  1. Dezember  2011  nahm  der  Beschwerdeführer  nachträglich  zur  Vernehmlassung  des  BFM  vom  19. August 2011 Stellung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden Beschwerde (Art. 105 AsylG). 1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG; Art. 105 AsylG i. V. m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 AsylG  i. V. m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf  die  Beschwerde ist einzutreten.

D­4245/2011 2.  Gemäss  Art. 108a  AsylG  ziehen  die  Rechtsmittelinstanzen  für  den  Beschwerdeentscheid  im  Asylbereich  die  Akten  aus  dem  Auslieferungsverfahren  bei,  wenn  gegen  die  asylsuchende  Person  ein  Auslieferungsentscheid  im Sinne des Rechtshilfegesetzes vom 20. März  1981 vorliegt. Das BJ hat dem Bundesverwaltungsgericht im Rahmen des  Revisionsverfahrens  D­5575/2009  –  dessen  Akten  im  vorliegenden  Verfahren  beigezogen  wurden  –  am  20. Mai  2010  Kopien  des  Auslieferungsersuchens  der  Botschaft  der  türkischen  Republik  in  Bern  vom 14. Mai 2010 zur Kenntnisnahme in Kopie zugestellt. Am 25. August  2010  hat  es  die  Noten  zwischen  dem  BJ  und  der  türkischen  Botschaft  vom  2. und  19. Juli  sowie  vom  24. August  2010  beziehungsweise  der  türkischen  Botschaft  und  dem  BJ  vom  5.,  18. und  23. August  2010  in  Kopie zugestellt, welche es dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers  im  Auslieferungsverfahren  zur  Stellungnahme  unterbreitete.  Am  24. September 2010 hat es eine Kopie des Auslieferungsentscheides des  BJ  vom  24. September  2010,  am  12. Januar  2011  eine  Kopie  des  Entscheides  des  Bundesstrafgerichts  vom  22. Dezember  2010  und  am  13. Januar 2001 eine Kopie der Beschwerde vom 10. Januar 2011 gegen  den  Entscheid  des  Bundesstrafgerichts  vom  22. Dezember  2010  übermittelt.  Neben  zahlreichen  weiteren  das  Auslieferungsverfahren  betreffende Unterlagen  befindet  sich  zudem  eine  Kopie  des Urteils  des  Bundesgerichts vom 2. Februar 2011  in den vorinstanzlichen Akten. Der  Beizug der Akten des Auslieferungsverfahrens erweist sich unter diesen  Umständen als nicht erforderlich.  3.  3.1.  Gemäss  Art. 40  Abs. 1  VGG  ordnet  der  Instruktionsrichter  beziehungsweise  die  Instruktionsrichterin  unter  den  in  Bst. a  und  b  festgehaltenen  Voraussetzungen  eine  öffentliche  Parteiverhandlung  an,  soweit  zivilrechtliche  Ansprüche  oder  strafrechtliche  Anklagen  im  Sinne  von Art. 6 Ziff. 1 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  zu  beurteilen  sind.  Auf  Anordnung  des  Abteilungspräsidenten  beziehungsweise  der  Abteilungspräsidentin  oder  des  Einzelrichters  beziehungsweise  der  Einzelrichterin  kann  eine  öffentliche  Parteiverhandlung  auch  in  anderen  Fällen durchgeführt werden (Art. 40 Abs. 2 VGG). 3.2.  Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  bildet  die  Frage,  ob  der  Beschwerdeführers  als  Flüchtling  anzuerkennen  und  ihm  Asyl zu gewähren ist. Es handelt sich somit nicht um eine Streitsache im 

D­4245/2011 Sinne von Art. 6 EMRK. Eine öffentliche Verhandlung fällt mithin nur auf  Anordnung  des  Abteilungspräsidenten  beziehungsweise  der  Abteilungspräsidentin  in  Betracht.  Dazu  besteht  vorliegend  keine  Veranlassung.  Das  Verfahren  vor  den  Schweizer  Asylbehörden  wird  grundsätzlich schriftlich geführt. Zudem ist der vorliegende Sachverhalt –  wie  sich  aus  den  nachstehenden  Erwägungen  ergibt  –  hinsichtlich  der  angeblichen politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers  in der Türkei  und  im  Ausland  aufgrund  der  Aktenlage  hinreichend  erstellt.  Es  ist  im  Übrigen auch kein gesteigertes öffentliches Interesse ersichtlich, welches  die  Durchführung  einer  öffentlichen  Parteiverhandlung  allenfalls  rechtfertigen  könnte.  Der  Antrag  auf  Durchführung  einer  öffentlichen  Parteiverhandlung  beziehungsweise  auf  Anhörung  des  Beschwerdeführers  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  ist  demnach  abzuweisen.  4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsuchende  Person  nach  Lehre  und Rechtsprechung  dann, wenn  sie Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche Akteure  zugefügt worden  sind beziehungsweise  zugefügt  zu  werden  drohen  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37).  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Zuerkennung  der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person  in  ihrem  Heimatland  keinen  adäquaten  Schutz  finden  kann  (vgl.  BVGE  2008/12  E. 7.2.6.2  S. 174 f.,  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37 f.).  Ausgangspunkt  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  die  Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des 

D­4245/2011 Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität  der  Verfolgungsfurcht  ebenfalls  wesentlich.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/34  E. 7.1  S. 507 f.,  BVGE  2008/12 E. 5.2 S. 154 f., WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel/Bern/Lausanne  2009,  Rz. 11.17 und 11.18). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). Glaubhaft sind die Vorbringen eines Asylsuchenden grundsätzlich dann,  wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie  dürfen  sich  nicht  in  vagen  Schilderungen  erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen.  Darüber  hinaus  muss  die  gesuchstellende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt, aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung bedeutet  ferner –  im Gegensatz zum strikten Beweis  – ein  reduziertes  Beweismass  und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Gründe, die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Asylsuchenden  sprechen,  überwiegen  oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr. 21  E. 6.1  S. 190 f.). 5. 

D­4245/2011 5.1. Gemäss Lehre und Praxis bildet die Flucht vor einer Strafverfolgung  (Englisch:  "prosecution")  per  se  keinen  Grund  für  die  Anerkennung  als  Flüchtling.  Ausnahmsweise  kann  aber  die  Durchführung  eines  Strafverfahrens  respektive  die  Verurteilung  wegen  eines  gemeinrechtlichen  Delikts  eine  Verfolgung  (Englisch:  "persecution")  im  flüchtlingsrechtlichen Sinne darstellen. Dies trifft unter anderem dann zu,  wenn einer Person eine gemeinrechtliche Tat unterschoben wird, um sie  wegen  ihrer äusseren oder  inneren Merkmale – namentlich  ihrer Rasse,  Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe  oder  ihrer  politischen  Anschauungen  (vgl.  dazu  EMARK  2006  Nr. 32  E. 8.7.1 S. 357) – zu verfolgen, oder wenn die Situation eines Täters, der  ein  gemeinrechtliches  Delikt  tatsächlich  begangen  hat,  aus  einem  solchen  Motiv  in  bedeutender  Weise  erschwert  wird.  Eine  solche  Erschwerung  der  Lage  (sog.  Politmalus)  ist  insbesondere  dann  anzunehmen,  wenn  deswegen  eine  unverhältnismässig  hohe  Strafe  ausgefällt wird (sog. Malus im absoluten Sinne), wenn das Strafverfahren  rechtsstaatlichen Ansprüchen klarerweise nicht zu genügen vermag oder  wenn der asylsuchenden Person in Form der Strafe oder im Rahmen der  Strafverbüssung  eine  Verletzung  fundamentaler  Menschenrechte,  insbesondere  Folter  droht  (vgl.  MARIO  VENA:  Parallele  Asyl­  und  Auslieferungsverfahren  in:  ASYL  2007/02  S. 3 ff.,  MARIO  GATTIKER,  Das  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren,  Bern  1999,  S. 74,  WALTER  KÄLIN,  Grundriss  des  Asylverfahrens,  Basel/Frankfurt  a.M.  1990,  S. 112  ff.,  ALBERTO  ACHERMANN/CHRISTINA  HAUSAMMANN,  Handbuch  des  Asylrechts,  Bern/Stuttgart  1991,  S. 102,  BVGE  E­8127/2008  vom  12. Mai  2011  E. 4.3, EMARK 1996 Nr. 34 E. 3 S. 316 f.).  5.2.  5.2.1.  Der  Beschwerdeführer  machte  zur  Begründung  seines  Asylgesuches  geltend,  er  habe  am  9. November  2003  in  Notwehr  auf  zwei Brüder  in einem Kaffeehaus geschossen (vgl. act. A1/14 S. 5). Aus  der  eingereichten  Anklageschrift  der  Staatsanwaltschaft  (…)  vom  (…)  beziehungsweise  den  Akten  des  Auslieferungsverfahrens  ergibt  sich,  dass  die  türkischen  Behörden  gegen  den  Beschwerdeführer  in  diesem  Zusammenhang  ein  Verfahren  wegen  Tötung  und  versuchter  Tötung  eröffnet  haben.  Er  wird  mithin  wegen  eines  ihm  zur  Last  gelegten  gemeinrechtlichen  Delikts  gesucht.  Zu  dieser  Einschätzung  gelangte  auch  das  Bundestrafgericht  (vgl.  Entscheid  vom  22. Dezember  2010,  II. Beschwerdekammer  E. 8.3).  Die  strafrechtliche  Verfolgung  des  Beschwerdeführers  durch  die  türkischen  Behörden  ist  als  solche  aus  asylrechtlicher Optik grundsätzlich legitim. 

D­4245/2011 5.2.2.  In der Beschwerde wird eingewendet, auch wenn das gegen den  Beschwerdeführer  eröffnete  Verfahren  rechtsstaatlich  legitim  sei,  könne  das  Risiko,  dass  er  nach  seiner  Rückführung  in  die  Türkei  in  Polizeigewahrsam  misshandelt  oder  gefoltert  werden  könne,  noch  dasjenige  einer  politmalusbehafteten  Strafzumessung  ausgeschlossen  werden. Diese Gefahren seien naheliegend und schwerwiegend. HELMUT  OBERDIEK  weise  in  seinem  von  der  SFH  veröffentlichten  Bericht  vom  9. Oktober  2008  auf  den  Harmonisierungsbericht  der  EU­Kommission  vom 6. November 2007 hin, welcher über die letzten Jahre nur begrenzte  Fortschritte  bezüglich  der  Realisierung  der  Grundrechte  und  gar  keine  Fortschritte in Bezug auf die Entwicklung der Menschenrechte festgestellt  habe. Der Verfasser trete sodann der Behauptung entgegen, wonach die  Anzahl der Folterfälle abgenommen habe, indem er auf die im Jahr 2008  erschienenen  Dokumentationen  der  türkischen  Menschenrechtsorganisation  IHD  aufmerksam  mache.  Rein  politisch  motivierte  Gerichtsverfahren  seien  in  der  Türkei  weiterhin  an  der  Tagesordnung.  Schliesslich  wird  in  diesem  Zusammenhang  auf  die  Urteile  des  Bundesverwaltungsgericht  D­3417/2009  vom  29. Juli  2010  und  E­7803/2007  vom  11. März  2010  (publiziert  unter  BVGE  2010/9)  sowie  den  IHD­Bericht  vom  29. Juli  2010,  den  Bericht  der  Türkischen  Menschenrechtsstiftung  TIHV  vom  August  2010,  auf  den  im  Internet  publizierten  "Daily  Human Rights  Report"  der  TIHV  sowie  eine  von  der  IHD  publizierte  Vergleichstabelle  über  Menschenrechtsverletzungen  in  der Türkei in den Jahren 1999 bis 2009 hingewiesen. 5.2.3.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  im  Urteil  3417/2009  vom  24. Juni 2010 gestützt auf aktuelle Berichte zur Situation  in der Türkei –  darunter  auch  den  in  der  Beschwerde  erwähnten  Bericht  von  HELMUT  OBERDIEK, „SFH, Türkei – Update: Aktuelle Entwicklungen“ vom 9. Oktober  2008  –  festgehalten,  in  der  Türkei  bestehe  trotz  rechtlicher  Verbesserungen  in  der  Praxis  weiterhin  eine  problematische  Menschenrechtslage,  namentlich  seien  echte  oder  mutmassliche  Mitglieder  als  von  staatsgefährdend  eingestuften  Organisationen  besonders  gefährdet,  von  den  Sicherheitskräften  verfolgt  und  in  deren  Gewahrsam  misshandelt  oder  gefoltert  zu  werden.  Vor  diesem  Hintergrund wurde  der  asylsuchenden Person,  die  in  der  Türkei  wegen  Unterstützung  der  PKK  bereits  rechtskräftig  verurteilt  worden  war,  begründete  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung  im  Sinne  von  Art. 3  Abs. 1  AsylG attestiert (vgl. Urteil 3417/2009 vom 24. Juni 2010 E. 4.5). In BVGE  2010/9  E. 5.3  S. 120 ff.  wurde  ferner  festgehalten,  bei  asylsuchenden  Personen  aus  der  Türkei  sei  in  der  Regel  bereits  aufgrund  einer 

D­4245/2011 Fichierung  in  einem  politischen  Datenblatt  von  begründeter  Furcht  vor  künftiger  asylrechtlich  relevanter  Verfolgung  auszugehen  (vgl.  BVGE  2010/9 E. 5.3 S. 120 ff.). 5.2.4.  Die  Abklärungen  der  Schweizer  Botschaft  betreffend  den  Beschwerdeführer  haben  ergeben,  dass  über  ihn  kein  politisches  Datenblatt bestehe und gegen  ihn weder ein politisches Verfahren noch  ein  Ermittlungsverfahren  wegen  seiner  geltend  gemachten  politischen  Aktivitäten  am  Laufen  sei,  und  auch  keine  Hinweise  dafür  bestünden,  dass  er  aus  politischen  Gründen  verfolgt  sein  könnte.  Der  Beschwerdeführer selbst hat denn auch nie behauptet, dass gegen ihn in  der Vergangenheit wegen politischer Aktivitäten ein Verfahren eingeleitet  oder  er  gar  einschlägig  verurteilt worden  sei.  Er weist mithin  kein Profil  auf,  welches  annähernd  mit  demjenigen  der  in  den  erwähnten  Entscheiden  des  Bundesverwaltungsgerichts  beurteilten  asylsuchenden  Personen zu vergleichen wäre, weshalb aus diesen Urteilen in Bezug auf  die  Beurteilung  des  Asylgesuches  des  Beschwerdeführers  keine  unmittelbaren Schlüsse gezogen werden können. Wie den nachfolgenden  Erwägungen zu entnehmen ist, ergeben sich aus den Akten zudem keine  konkreten  Anhaltspunkte,  die  darauf  schliessen  liessen,  dass  der  Beschwerdeführer  den  türkischen  Behörden  als  Sympathisant  der  PKK  oder  als  politisch  missliebige  Person  bekannt  ist  und  er  deswegen  befürchten  muss,  in  der  Türkei  aus  asylrechtlich  relevanten  Motiven  ernsthafte Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.  5.3.  5.3.1. Der Beschwerdeführer  erklärte  in  der  ergänzenden Anhörung  auf  die  Frage,  warum  gerade  er  beschuldigt  worden  sei,  in  Izmir  an  Strafaktionen  beteiligt  gewesen  zu  sein,  wegen  seiner  Beteiligung  am  Tötungsdelikt  im Jahre 2003 gehe die  türkische Polizei davon aus, dass  er im Jahr 2001 auch in Izmir an diversen Aktionen beteiligt gewesen sein  müsse (vgl. act. B32/17 S. 3 F14). In der Beschwerde wird diesbezüglich  ausgeführt,  auch  wenn  es  aus  zeitlogischen  Gründen  nicht  zutreffen  könne,  dass  die  Beteiligung  des  Beschwerdeführers  am  Tötungsdelikt  von 2003 bei den angeblichen Strafaktionen von 2001 in Izmir eine Rolle  hätte spielen können, sei zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer  an der Anhörung betont habe, dass die Polizei wegen seiner Beteiligung  an  der  Schiesserei  im  Jahre  2003  davon  ausgehe,  dass  er  schon  im  Jahre  2001  in  Izmir  an  solchen  Strafaktionen  beteiligt  gewesen  sein  müsse,  was  vor  dem Hintergrund,  dass  die  Polizei  und  Geheimdienste  mit der MHP engste Beziehungen pflege, glaubhaft erscheine. Das BFM 

D­4245/2011 weise  zwar  zu  Recht  darauf  hin,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Zusammenhang  mit  "Izmir  2001"  nie  in  Gewahrsam  genommen  und  gegen  ihn kein Strafverfahren eingeleitet worden sei. Dem stehe  jedoch  weder eine nachträgliche Anklageerhebung noch ein ausdrücklicher oder  stillschweigender  Politmalus  entgegen.  Ein  allfällig  geheimes  Ermittlungsverfahren könne nicht ohne weiteres ausgeschlossen werden.  5.3.2.  Diese  auf  Mutmassungen  basierenden  Annahmen  überzeugen  nicht. Der Darstellung des Beschwerdeführers zufolge weiss er  lediglich  vom  Hörensagen,  dass  er  von  der  Polizei  im  Jahre  2003  beschuldigt  worden  sei,  im  Jahre  1999  in  Rumänien  zum  Selbstmordattentäter  ausgebildet worden (vgl. A24/12 S. 5 F31 und S. 6 F34, B32/17 S. 3 F72)  und  im  Jahre  2001  an Strafaktionen  in  Izmir  beteiligt  gewesen  zu  sein.  Die türkischen Sicherheitskräfte gehen indessen rigoros gegen politische  Aktivisten  beziehungsweise  tatsächliche  oder  potenzielle  Attentäter  vor.  In Anbetracht der  tatsächlichen Verhältnisse  in der Türkei  ist deshalb  im  Ergebnis  übereinstimmend  mit  dem  BFM  davon  auszugehen,  dass  die  türkischen Behörden in Anbetracht derart gewichtiger Vorwürfe längst ein  Ermittlungsverfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  eröffnet  und  ihn  in  Untersuchungshaft  gesetzt  hätten,  wenn  diesbezüglich  ein  konkreter  Verdacht gegen ihn bestanden hätte. Gemäss eigenen Aussagen ist der  Beschwerdeführer  jedoch  von  den  Behörden  zu  diesen  Vorwürfen  nie  befragt und auch nie  in Gewahrsam genommen worden  (vgl. act. A1/14  S. 6,  A24/12  S. 5  F29).  Diese  Beurteilung  wird  denn  auch  durch  die  Abklärungen der Botschaft bestätigt, welche ergeben haben, dass gegen  den  Beschwerdeführer  kein  Ermittlungsverfahren  wegen  politischer  Aktivitäten  laufe  und  auch  keine  Hinweise  bestünden,  dass  er  aus  politischen Gründen  verfolgt  sein  könnte.  In  der  Beschwerde wird  zwar  geltend  gemacht,  es  könne  nicht  ausgeschlossen  werden,  dass  ein  geheimes  Ermittlungsverfahren  geführt  werde.  Dies  ist  jedoch  schon  deshalb unwahrscheinlich, weil der Beschwerdeführer nicht einmal in der  Lage  war,  kohärent  und  widerspruchsfrei  darzulegen,  wie  und  wann  er  von den gegen  ihn angeblich erhobenen Vorwürfen erfahren haben will,  so  dass  seine  diesbezüglichen  Vorbringen  und  damit  die  angeblichen,  von  der  Polizei  gegen  ihn  erhobenen  Beschuldigungen  nicht  glaubhaft  sind. So gab der Beschwerdeführer anlässlich der Befragung  im TZ und  der Anhörung vom 12. Februar 2009 an, er hätte  von diesen Vorwürfen  durch seine Eltern Kenntnis erlangt beziehungsweise seine Mutter habe  ihm  dies  telefonisch  mitgeteilt  (act. A1/14  S. 6 f.,  A24/12  S. 5  F32).  Demgegenüber erklärte er an der ergänzenden Anhörung am 10. Februar  2011, er habe zu seinen Freunden  in Deutschland beziehungsweise als 

D­4245/2011 er in Deutschland gewesen sei, zu seinen Freunden in der Türkei Kontakt  aufgenommen,  welche  ihm  gesagt  hätten,  dass  die  Polizei  ihnen  Fotos  gezeigt  und  ihnen  bekannt  gegeben  habe,  dass  er  an  den  Aktionen  in  Izmir beteiligt gewesen sei  (vgl. act. B32/17 S. 3 F15 und F17). Weitere  Divergenzen  ergeben  sich  im  Übrigen  auch  aus  seinen  Aussagen  in  Bezug auf den Zeitpunkt, in dem er von diesen Anschuldigungen erfahren  haben soll. An der Anhörung gab er an, er selber habe davon noch in der  Türkei  erfahren  (vgl.  act. A24/12  S. 6  F40).  Gemäss  seinen  Aussagen  anlässlich  der  ergänzenden  Anhörung  hat  er  sich  aber  in  Deutschland  befunden,  als  er  von  seinen  Freunden  von  den  gegen  ihn  erhobenen  Vorwürfen erfahren haben soll (vgl. act. B32/17 S. 3 F15 und F17). Diese  Unstimmigkeiten  erwecken  den  Eindruck,  dass  die  Angaben  des  Beschwerdeführers  auf  einem  konstruierten  Sachverhalt  und  nicht  auf  tatsächlichen Begebenheiten beruhen.  5.3.3.  Der  Beschwerdeführer  gab  weiter  zu  Protokoll,  er  sei  in  Medienberichten  für  Attentate  im  Zusammenhang  mit  Demonstrationen  verantwortlich gemacht worden (vgl. act. A24/12 S. 5 f. F30 und F35). Er  war jedoch anlässlich der ersten Anhörung nicht in der Lage anzugeben,  in welchen Medien entsprechende Anschuldigungen gegen  ihn erhoben  worden  sein  sollen,  dies  obwohl  er  eigenen  Angaben  zufolge  immer  wieder  mit  entsprechenden  Medienberichten  konfrontiert  gewesen  sein  soll,  seit Abdullah Öcalan gefasst worden sei  (vgl.  act. A24/12 S. 6 F36  und  F37).  Erst  an  der  ergänzenden  Anhörung  am  10. Februar  2011  erklärte  er,  sein  Foto  sei  mit  Namen  entweder  in  der  Zeitung  Hürriyet,  Sabah  oder  Günes  publiziert  worden  (vgl.  act. B32/17  S. 14  F159).  Indessen  hat  er  den  Nachweis  für  diese  Behauptung  nie  erbracht.  Er  erklärte  zwar,  seine  Eltern  hätten  für  den  Erhalt  der  publizierten  Informationen  bei  den  Zeitungsunternehmen  ein  Schreiben  der  Polizei  benötigt (vgl. act. B32/17 S. 14 F159). Auch diese Behauptung ist jedoch  nicht belegt. Bei den erwähnten Blättern handelt es sich  im Übrigen um  Tageszeitungen,  die  in  der  Türkei  in  Auflagen  von  zum  Teil  mehreren  Hundertausend Exemplaren erscheinen. Es ist daher davon auszugehen,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  sehr  wohl  möglich  sein  müsste,  zum  Nachweis  seiner  diesbezüglichen  Behauptungen  in  den  Besitz  von  Zeitungen  mit  den  kompromittierenden  Artikeln  zu  gelangen  und  einzureichen,  falls  seine  Behauptungen  der  Wahrheit  entsprechen  würden.  Ungeachtet  dessen  ist  angesichts  seiner  divergierenden  Angaben  nicht  glaubhaft,  dass  solche  Medienberichte  bestehen,  geschweige  denn,  dass  die  türkischen  Behörden  in  diesem 

D­4245/2011 Zusammenhang Ermittlungen gegen ihn führen und er deswegen gesucht  werden könnte.  5.3.4.  In  der  Beschwerde  wird  betreffend  die  Erwägungen  des  BFM,  wonach nicht nachvollziehbar sei, weshalb die PKK, die hoch konspirativ  arbeiten  müsse,  ausgerechnet  ein  Nichtmitglied  wie  den  Beschwerdeführer  mit  den  wichtigen  Aufgaben  eines  Kuriers  betrauen  würde,  eingewendet,  die  PKK  und  ihre  legalen  Parteien  würden  eine  derart breite Bewegung darstellen, dass sie nicht denkbar seien ohne die  zahlreichen kleinen und grösseren Dienste von legalen und illegal tätigen  Sympathisanten.  Die  Anwerbung  von  solchen  illegal  tätigen  Sympathisanten  schliesse  eine  Vertrauensprüfung  ein.  Ferner  wird  geltend  gemacht,  der  Beschwerdeführer  habe  nach  der  rechtskräftigen  Bewilligung seiner Auslieferung und seiner überjährigen Auslieferungshaft  grösstes Misstrauen gegenüber den schweizerischen Behörden, weshalb  es nicht erstaunen könne, dass er nun in der ergänzenden Anhörung vom  10. Februar 2011 nur spärliche beziehungsweise nichtssagende Angaben  zu  seiner  Kuriertätigkeit  und  zum  Inhalt  der  von  ihm  transportierten  Dokumente  gemacht  habe.  Er  befürchte,  dass  die  türkischen Behörden  von  den  Asylverfahren  erhobenen  Informationen  schliesslich  Kenntnis  nehmen  könnten.  Angesichts  seiner  Haftsituation  scheine  dieses  Aussageverhalten nachvollziehbar und könne nicht zu seinen Ungunsten  als Verletzung der Mitwirkungspflicht betrachtet werden. Dass er auch im  Zusammenhang mit seiner Kuriertätigkeit nie behördlich  tangiert worden  sei,  spreche  nicht  ohne  weiteres  gegen  eine  begründete  Furcht  vor  zukünftiger Verfolgung. Diese  Einwände  überzeugen  nicht.  Der  Beschwerdeführer  wurde  während des erstinstanzlichen Verfahrens darauf hingewiesen, dass die  an  einer  Anhörung  Anwesenden  seine  Aussagen  vertraulich  behandeln  würden  und  er  sicher  sein  könne,  dass  seine  Angaben  weder  an  die  Behörden  in der Türkei noch an andere Personen weitergeleitet würden  (vgl.  act.  A24/12  S. 2).  Wie  das  BFM  zu  Recht  und  mit  zutreffender  Begründung  festgehalten  hat,  vermochte  er  die  für  die  PKK  angeblich  geleisteten  Kurierdienste  nicht  konkret  und  realistisch  zu  beschreiben.  Aus  den Protokollen  ergibt  sich  zudem,  dass  er  zu  seinen  angeblichen  Tätigkeiten als Kurier  divergierende Angaben machte. So erklärte er  an  der  Anhörung  einerseits,  er  habe  in  Y._______  nur  für  kurze  Zeit  für  Freunde, welche bei der Guerilla seien, als Kurier Briefe und Dokumente  hin  und  her  geschoben  (vgl.  act. A24/12  S. 5  F24).  Gemäss  seinen  Ausführungen  anlässlich  der  ergänzenden  Anhörung  sei  er  jedoch  an 

D­4245/2011 einen Hirten herangetreten, um als Kurier tätig zu werden, der dann den  Kontakt zu den Guerillas geknüpft habe (vgl. act. B32/17 S. 12 F138 ff.).  In derselben Anhörung gab er später wiederum zu Protokoll, der Hirte sei  von  den  Bergen  herunter  gekommen.  Er  sei  nicht  in  die  Berge  hinaufgegangen.  Er  habe  nicht  hinaufgehen  wollen,  weil  man  ihn  auch  hätte behalten können (vgl. act. B32/17 S. 14 F149). Der Umstand, dass  der Beschwerdeführer nicht  in der Lage war, dieses einfach strukturierte  Vorkommnis  übereinstimmend  und  in  sich  stimmig  zu  schildern,  macht  deutlich,  dass  er  bei  seinen  Ausführungen  nicht  auf  tatsächlichen  Erlebnissen  beruhende  Erinnerungen  zurückgreifen  kann.  Dieser  Eindruck wird auch dadurch bestätigt, dass er einerseits erklärte, er habe  Direktiven  der  Partei  hauptsächlich  auswendig  gelernt  und  verbal  weitergeleitet, da es zu riskant gewesen wäre, diese auf Papier oder auf  dem  Handy  abgespeichert  weiterzuleiten  (vgl.  act. B32/17  S. 13  F145),  andererseits aber zu Protokoll gab, er habe Dokumente unter dem T­Shirt  oder  Unterhemd  versteckt  nach  Istanbul  gebracht,  da  es  keine  Leibeskontrollen gegeben habe (vgl. act. B32/17 S. 14 F154 f.).  5.3.5. In der Beschwerde wird betreffend die behördliche Aufforderung in  X._______  im  Jahr  1996,  kurdische  Aktivisten  zu  bespitzeln,  geltend  gemacht, der Beschwerdeführer habe angegeben, dass bloss Kurden wie  er  einer  sei,  aber  jedenfalls  keine  aus  dem  Schwarzmeergebiet  stammenden  Personen,  für  solche  polizeilichen  Angebote  in  Frage  gekommen  seien.  Damit  habe  er  gemeint,  dass  die  Leute  aus  dem  Schwarzmeergebiet  schon damals als  stramme politisch­rechtsstehende  türkische  Nationalisten  bekannt  gewesen  seien,  und  deshalb  für  einen  solchen  Spezialjob  unter  aufrührerischen  Arbeitern  ohnehin  nicht  in  Betracht  gezogen  worden  seien.  Aus  dem  einmaligen  polizeilichen  Angebot von 2003, als Spitzel tätig zu werden, leite im Übrigen auch der  Beschwerdeführer selbst keine Verfolgungssituation ab.  Diese  Erläuterungen  vermögen  allerdings  nicht  darüber  hinwegzutäuschen, dass der Beschwerdeführer betreffend die angebliche  Aufforderung,  kurdische  Aktivisten  zu  bespitzeln,  unstimmige  Angaben  gemacht hat. Anlässlich der Befragung  im TZ erklärte er, einige Monate  vor  dem  Vorfall  [Tötungsdelikt  vom  9. November  2003;  Anm.  des  Gerichts]  seien  zwei  oder  dreimal  Polizeibeamte  in  Zivil  an  ihn  herangetreten  und  hätten  versucht,  ihn  anzuheuern  und  Informationen  von  ihm  zu  erhalten  (vgl.  A1/14  S. 6  und  7).  Bei  der  ergänzenden  Anhörung gab er  jedoch auf die Frage, ob es  tatsächlich vorgekommen  sei, dass zivile Polizisten an ihn herangetreten seien, zu Protokoll, er sei 

D­4245/2011 1996, nach der Arbeit, zirka 20 Minuten von X._______ entfernt, einmal  von  Leuten  angesprochen  worden,  die  einem  Renault  entstiegen  seien  und  ihn aufgefordert hätten, einzusteigen. Nachdem er eingestiegen sei,  hätten sie von ihm verlangt, dass er ihnen über seine Arbeitskollegen auf  der  Werft  Informationen  liefere.  Er  vermute,  dass  es  Polizisten  in  Zivil  gewesen seien, es könnten aber auch Konterguerilla gewesen sein (vgl.  act. B32/17 S. 7 F75 ff.). Auf die Frage, ob das das einzige Mal gewesen  sei, dass er aufgefordert worden sei, Informationen zu liefern, bejahte er  und  erklärte,  dies  sei  vor  dem Vorfall  im Café  gewesen,  also  vor  2003  (vgl.  act. B32/17  S. 8  F85),  und  auf  die  Frage,  ob  der  Vorfall  aus  dem  Jahr 1996, bei dem er aufgefordert worden sei, als Informant zu arbeiten,  das  einzige  solche  Vorkommnis  gewesen  sei,  gab  er  an,  es  habe  kein  zweites  Angebot  gegeben  (vgl.  act. B32/17  S. 8  F87).  Aufgrund  dieser  divergierenden Angaben  ist  nicht  glaubhaft,  dass  der Beschwerdeführer  tatsächlich  je  aufgefordert  worden  ist,  als  Spitzel  für  die  Behörden  Informationen über kurdische Aktivisten zu beschaffen.  5.3.6.  In  der  Beschwerde  wird  im  Weiteren  ausgeführt,  dass  mit  den  Aktivitäten  des  Beschwerdeführers  im  Zusammenhang  mit  dem  unterdrückten  Streik  in  einer  Werft  in  X._______  keine  asylbeachtliche  Verfolgung verbunden gewesen sei. Auch seine Aktivitäten für kurdische  Parteien  hätten  keine  asylbeachtliche  Verfolgungssituation  begründet.  Der  Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Zusammenhang mit  dem  von  der  Polizei  unterdrückten  Streik  als  Mitglied  des  Streikkomitees  geschlagen  und  fotografiert  worden  sei,  lege  aber  nahe,  dass  ihn  die  türkische Polizei schon damals als politischen Aktivisten registriert habe.  Es  sei  ausserdem  von  einer  überdurchschnittlichen Propagandatätigkeit  des Beschwerdeführers für jene kurdischen Parteien auszugehen, welche  jeweils  nach  absehbarer  Zeit  ihres  Bestehens  wiederum  von  den  türkischen Behörden aufgelöst worden  seien. Da die Parteien  für  deren  Registrierung  die  jeweiligen  Mitgliedslisten  den  türkischen  Behörden  offenlegen  müssten,  liessen  sich  die  engagiertesten  Aktivisten  jeweils  nicht  als  Mitglieder  registrieren.  Es  könne  deshalb  nicht  darauf  ankommen,  ob  der  Beschwerdeführer  bei  diesen  Parteien  als  Mitglied  registriert  gewesen  sei.  Auch  wenn  der  Beschwerdeführer  wegen  der  Aktivitäten nie von den Sicherheitskräften tangiert worden sei, müsse dies  nicht  bedeuten,  dass  er  sich  nicht  gleichwohl  als  kurdischer  Aktivist  profiliert und exponiert habe. Er sei angesichts der zahlreichen Kontakte  mit kurdischen Familien in der Region von T._______ weitherum bekannt.  Die  Identifikation  des  Beschwerdeführers  als  Propagandist  der  kurdischen  Bewegung  sei  deshalb  für  die  türkischen  Behörden 

D­4245/2011 problemlos  möglich.  Sie  müssten  im  kurdischen  Milieu  bloss  einige  Fragen  stellen  lassen  und  das  Foto  des  Beschwerdeführers  herumzeigen.  Seine  politischen  Tätigkeiten  für  sich  allein  betrachtet,  begründe allerdings keine asylbeachtliche Verfolgungssituation.  5.3.7. Das  türkische  Verfassungsgericht  hat  die  HADEP  mit  Beschluss  vom 13. März 2003 verboten und für 46 Führungsmitglieder ein fünfjähriges  politisches  Betätigungsverbot  verordnet.  In  der  Folge wurden  zwar Kader  der  Partei oder offizielle Wahlkandidaten  festgenommen. Einfache Mitglieder  oder  Sympathisanten  der  vormals  legalen  Partei  waren  aber  in  der  Regel  von  keinen  asylrechtlich  relevanten  Verfolgungsmassnahmen  betroffen.  Allein  aus  dem Umstand, dass jemand als Mitglied oder Sympathisant an Veranstaltungen  der  HADEP  oder  deren  Nachfolgepartei  DEHAP,  welche  sich  am  19. November  2005  selbst  aufgelöst  hat,  teilgenommen  und  für  diese  Parteien  Propaganda  betrieben  hat,  kann  daher  nach  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  keine  begründete  Furcht  abgeleitet  werden,  künftig  im  Heimatstaat  ernsthaften  Nachteilen  im  Sinne  des  Gesetzes  ausgesetzt zu werden (vgl. Urteile D­7025/2006 vom 7. Januar 2009 E. 3.5.2  S. 18,  E­4568/2006  vom  6. Februar  2009  E. 5.1  S. 13 f.,  E­  3547/2006  vom  7. Mai 2009 E. 5.4.3 S. 14). Der Beschwerdeführer führte angesprochen auf  seine politischen Aktivitäten im Wesentlichen aus, er sei nicht Mitglied der  HADEP  oder  DEHAP  gewesen,  habe  sich  aber  seit  1994  als  Sympathisant für diese Parteien eingesetzt. Im Auftrag der Partei habe er  mit Freunden monatlich zirka 30 ausgewählte Familien besucht und diese  über kurdische Geschichte aufgeklärt;  in den Jahren 1994/1995 habe er  zudem  während  eines  Jahres  zwei­  bis  dreimal  im  Monat  Freunde  begleitet,  um  für  die  Partei  Unterstützungsbeiträge  zu  sammeln.  Ansonsten habe er das Parteilokal besucht und sei an Demonstrationen  und  Versammlungen  gegangen  (vgl.  act. B32/17  S. 8  F91 ff.).  Allein  aufgrund dieser Tätigkeiten, bei denen er seinen Beschreibungen zufolge  keine  führende Rolle  innegehabt hat,  lässt nicht darauf schliessen, dass  er sich in einem Mass exponiert hat, welches das besondere Augenmerk  der Behörden auf sich gezogen haben könnte. Ergänzend  ist  anzufügen,  dass  der  Beschwerdeführer  gemäss  den  Abklärungen  der  Botschaft  am  28. März  1997  vom Gericht  für  schwere  Straftaten  im R._______ wegen eines Sexualdelikts  zu  drei  Jahren und  neun  Monaten  Haft  verurteilt  wurde.  Dieses  Urteil  ist  am  25. Mai  1998  vom  Kassationshof  bestätigt,  die  Strafe  daraufhin  vollzogen  und  der  Beschwerdeführer am 20. März 2002 aus der Haft entlassen worden. Im  Rahmen  der  Stellungnahme  vom  15. April  2011  erklärte  der 

D­4245/2011 Beschwerdeführer mittels seines Rechtsvertreters zwar, es treffe zu, dass  er wegen eines Sexualdeliktes verurteilt worden sei, er sei aber  im Jahr  1998  festgenommen,  während  rund  18 Monaten  in  Haft  verblieben  und  am  25. Dezember  1999  aus  dem  Strafvollzug  entlassen  worden.  Nachdem  der  Beschwerdeführer  jedoch  bei  der  Befragung  im  TZ  Altstätten  die  Frage,  ob  er  je  in  Haft  oder  vor  Gericht  gewesen  sei,  verneinte  (vgl.  act.  A1/14 S. 5)  und  damit  die Verurteilung wegen eines  Sexualdelikts  verschwiegen  hat,  besteht  kein  Anlass,  der  vom  Beschwerdeführer in der Stellungnahme vom 15. April 2011 präsentierten  Version Glauben zu  schenken. Es  ist  deshalb davon auszugehen,  dass  der Beschwerdeführer einen erheblichen Teil der Jahre 1998 bis 2002 in  Haft  verbracht  hat.  Daraus  ergibt  sich,  dass  er  sein  politisches  Engagement übertrieben dargestellt hat. So kann er beispielsweise nicht  wie  behauptet,  ab  1999  in  verschiedenen  Städten  an  Protestkundgebungen  teilgenommen  haben  (vgl.  act.  A24/12  S. 5  F27).  Der Beschwerdeführer  ist ausserdem im Besitz eines am 26. September  2003  in  Istanbul  ausgestellten Reisepasses  (vgl.  auch  act.  A1/14  S. 3),  was  darauf  hindeutet,  dass  gegen  ihn  zum  damaligen  Zeitpunkt  keine  Sicherheitsbedenken  bestanden  haben  können,  andernfalls  ihm  wohl  kaum  ein  Pass  ausgestellt  worden  wäre.  Selbst  wenn  der  Beschwerdeführer  sich  –  insbesondere  in  den  Jahren  1994/1995  –  in  einem gewissen Umfang  im Umfeld der HADEP politisch betätigt haben  sollte und er im Zusammenhang mit dem Streik in der Werft im Jahr 1996  der  Polizei  bekannt  geworden  sein  sollte,  ist  mithin  nicht  davon  auszugehen, dass er dadurch das besondere Augenmerk der Behörden  auf sich gezogen hat.  5.4.  5.4.1.  Wie  bereits  erwähnt  (E. 4.1)  ist  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  jedoch nicht allein der Zeitpunkt der Ausreise aus  dem Heimatland, sondern die Situation  im Zeitpunkt des Asylentscheids  massgebend (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 f.).  5.4.2. Der Beschwerdeführer machte  geltend,  er  habe  sich  nach  seiner  Ausreise aus der Türkei exilpolitisch betätigt.  Im Jahre 2007 habe er mit  70 Personen  an  einem  Hungerstreik  der  PKK  in  W._______  teilgenommen. Er reichte hierzu zwei Kopien von Artikeln der Zeitung (…)  und dessen Homepage ein, wo er auf Fotos abgebildet ist. In der Schweiz  habe  er  an  diversen  Kundgebungen  teilgenommen,  gehe  an  Veranstaltungen  der  PKK,  habe  die  monatlich  erscheinende  Zeitschrift  (…) und Tickets für ein internationales Festival in V._______ verkauft und 

D­4245/2011 Flyer  verteilt.  Ferner  wies  der  Beschwerdeführer  zwei  Anhängeschilder  der PKK vor, die er als Sicherheitsbeauftragter an Kundgebungen in der  Schweiz  getragen  habe,  und  reichte  zwei  Flyer,  diverse  Fotos  und  ein  Bestätigungsschreiben von (…) vom 24. März 2009 ein. 5.4.3.  Wer  sich  darauf  beruft,  dass  durch  sein  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  –  insbesondere  durch  politische  Exilaktivitäten  –  eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist,  sich  somit  auf  das  Vorliegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  (Art.  54  AsylG)  beruft,  hat  begründeten  Anlass  zur  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung,  wenn  der  Heimat  oder  Herkunftsstaat  mit  erheblicher  Wahrscheinlichkeit  von den Aktivitäten  im Ausland erfahren hat  und die  Person  deshalb  bei  einer  Rückkehr  in  flüchtlingsrechtlich  relevanter  Weise  verfolgt  würde  (BVGE  2009/29  E. 5.1  S. 376 f.,  BVGE  2009/28  E. 7.1 S. 352, EMARK 2006 Nr. 1 E. 6.1 S. 10, UNHCR, Handbuch über  Verfahren und Kriterien zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Genf  1993).  5.4.4.  Es  kann  davon  ausgegangen  werden,  dass  die  Aktivitäten  kurdischer Exilorganisationen oder einzelner Exponenten eines gewissen  Formats  von  regimetreuen  Bürgern  oder  im  Ausland  lebenden  Behördenvertretern der Türkei beobachtet werden. Dieser Umstand reicht  indessen  gemäss  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  für  sich  allein  genommen  nicht  aus,  um  eine  tatsächliche  Gefährdung  im  Falle  der  Rückkehr in die Türkei als wahrscheinlich erscheinen zu lassen. Vielmehr  müssten  konkrete  Anhaltspunkte  –  nicht  nur  die  abstrakte  oder  rein  theoretische Möglichkeit  –  dafür  vorliegen,  dass  ein  exilpolitisch  aktiver  Staatsangehöriger der Türkei  tatsächlich das  Interesse der heimatlichen  Behörden  auf  sich  gezogen  hat  respektive  als  regimefeindliche  Person  namentlich  identifiziert  und  registriert  wurde.  Dabei  ist  davon  auszugehen,  dass  sich  die  türkischen  Behörden  auf  die  Erfassung  von  Personen  konzentrieren,  die  über  die  massentypischen  und  niedrigprofilierten  Erscheinungsformen  exilpolitischer  Proteste  hinaus  Funktionen  wahrgenommen  und/oder  Aktivitäten  entwickelt  haben,  die  die  Person  aus  der  Masse  der  Unzufriedenen  herausheben  und  als  ernsthaften  und  gefährlichen  Regimegegner  erscheinen  lassen.  Massgebend  ist  dabei  nicht  primär  das  Hervortreten  im  Sinne  einer  optischen  Erkennbarkeit  und  Individualisierbarkeit,  sondern  eine  öffentliche  Exponierung,  die  aufgrund  der  Persönlichkeit  des  Asylsuchenden,  der  Form  des  Auftritts  und  des  Inhalts  der  in  der  Öffentlichkeit abgegebenen Erklärungen den Eindruck erweckt, dass der 

D­4245/2011 Asylsuchende zu einer Gefahr  für den Bestand des  türkischen Regimes  wird  (vgl.  Urteile  E­2314/2009  vom  23. September  2011  E. 7.3,  D­ 528/2007 vom 2. Juli 2010 E. 4.2.1, D­7747/2008 vom 4. Dezember 2009  E. 4.2). 5.4.5.  Aus  den  bisherigen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  der  Beschwerdeführer  vor  der  Ausreise  aus  der  Türkei  über  kein  Profil  verfügte,  aufgrund  dessen  er  ein  namhaftes  Interesse  der  türkischen  Sicherheitskräfte auf sich gezogen hat. Nach der Ausreise aus der Türkei  war  der  Beschwerdeführer  zwar  im  Jahre  2007  in  W._______  mit  ungefähr  70  anderen  Personen  an  einem  Hungerstreik  beteiligt,  über  welchen  in  der  Zeitung  (…)  berichtet  wird.  In  der  in  Kopie  im  Beschwerdeverfahren  D­1982/2009 eingereichten Berichten der (…) vom 16. und 17. April 2007  und  den  entsprechenden  Ausdrucken  der  Internetseite  von  (…)  ist  der  Beschwerdeführer zwar auf Fotos mit zahlreichen Mitstreitern abgebildet.  Er wurde  jedoch  in  keinem der Berichte  namentlich  erwähnt  und er  tritt  auf keinem der Fotos besonders hervor. Ausserdem wurden damals nicht  nur in W._______, sondern in zahlreichen europäischen Städten von der  PKK  Aktionen  durchgeführt,  an  denen  Tausende  von  Menschen  teilgenommen  haben.  Vor  diesem  Hintergrund  ist  nicht  anzunehmen,  dass  den  türkischen  Behörden  aus  der  Masse  dieser  medienwirksam  inszenierten  Aktionen  gerade  der  Beschwerdeführer  aufgefallen  ist.  Hinsichtlich  seiner  Aktivitäten  in  der  Schweiz  und  seiner  Mitgliedschaft  beim  Verein  (…)  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  in  der  exilpolitischen  kurdischen  Szene  in  S._______  über  einen  gewissen  Bekanntheitsgrad  verfügen  dürfte.  Allerdings  ist  dieser  Verein  gemäss  seiner  Homepage  in  mehreren  Städten  in  der  Schweiz  tätig,  weshalb  allein  der  Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  als  Vereinsmitglied  im  Raum  S._______  über  eine  gewisse  Bekanntheit  verfügt  und  dort  im  Vereinslokal verkehrt, noch nicht dazu führt, dass er sich in erheblichem  Masse exponiert. Auch durch seine Funktion als Sicherheitsbeauftragter  an Demonstrationen oder als Verkäufer einer kurdischen Zeitschrift oder  von  Veranstaltungstickets  nimmt  er  nicht  eine  Stellung  ein,  welche  die  Aufmerksamkeit  der  heimatlichen  Behörden  auf  sich  zieht.  Der  Beschwerdeführer  wird  in  der  Zeitung  (…)  vom  (…)  in  einem  kurzen  Bericht  zwar  mit  Foto  namentlich  erwähnt.  Gemäss  der  eingereichten  Übersetzung  wird  er  jedoch  hauptsächlich  im  Zusammenhang  mit  der  Schiesserei  im Jahre 2003 und dem diesbezüglich eröffneten Verfahren  erwähnt,  dem  er  sich  bisher  entzogen  hat.  Ferner  wird  im  Bericht  ausgeführt, dass er in der Schweiz im Jahre 2004 ein Asylgesuch gestellt 

D­4245/2011 habe,  aus  Z._______  stamme  und  aktives  Mitglied  des  kurdischen  Vereins  in  der  Schweiz  sei.  Diese  Informationen  heben  den  Beschwerdeführer  jedoch  nicht  von  unzähligen  anderen  kurdischen  Asylsuchenden  in  der  Schweiz  ab.  Hinsichtlich  des  Vorwurfs  in  der  Beschwerde, das BFM habe sich zum Referenzschreiben von September  2009  nicht  geäussert,  ist  festzuhalten,  dass  darin  ebenso  wie  im  als  Beilage  7  im  Beschwerdeverfahren  D­1982/2009  eingereichten  Referenzschreiben der (…) vom 24. März 2009 in allgemeiner Weise die  exilpolitischen  Tätigkeiten  des  Beschwerdeführers  bestätigt  werden,  welche  von  diesem  bereits  geltend  gemacht  und  vom  BFM  als  solche  nicht  in  Zweifel  gezogen  worden  sind.  Insgesamt  liegen  somit  keine  Anhaltpunkte  vor,  die  darauf  hinweisen  würden,  dass  die  türkischen  Behörden  von  den  exilpolitischen  Aktivitäten  des  Beschwerdeführers  Notiz  genommen  hätten  und  es  besteht  insoweit  kein  Anlass,  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  in  die  Heimat  wegen  seinen  exilpolitischen  Aktivitäten  ernsthafte  Nachteile  zu  gewärtigen hätte.  5.5.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  Auffassung  in  der  Beschwerde,  wonach  der  Beschwerdeführer  wegen  seiner  politischen  Aktivitäten für die kurdische Bewegung in der Türkei und im Ausland den  türkischen  Sicherheitskräften  persönlich  bekannt  sei  und  von  ihnen  als  staatsfeindliche Person betrachtet werde, nicht geteilt werden kann. Aus  den  vorstehenden  Erwägungen  ergibt  sich  vielmehr,  dass  der  Beschwerdeführer  den  türkischen Behörden  nicht  als  politischer Aktivist  bekannt  ist.  Diese  Schlussfolgerung  wird  durch  die  Abklärungen  der  Schweizer  Botschaft  gestützt,  welche  festhielt,  dass  über  den  Beschwerdeführer  kein  politisches  Datenblatt  bestehe  und  gegen  ihn  weder  ein  politisches  Verfahren  noch  ein  Ermittlungsverfahren  wegen  seinen geltend gemachten politischen Aktivitäten am Laufen sei und auch  keine Hinweise dafür bestünden, dass er aus politischen Gründen verfolgt  sein könnte. Soweit der Beschwerdeführer  in seiner Stellungnahme vom  15. April  2011  und  in  der Beschwerde  gegen  die Abklärungsergebnisse  der  Schweizer  Botschaft  einwendete,  er  sei  den  Behörden  sehr  wohl  wegen seinen politischen Aktivitäten bekannt, weswegen es naheliegend  sei,  dass  er  beim  politischen  Nachrichtendienst  MIT  beziehungsweise  JITEM als "unbequeme Person"  registriert sei, und der  türkischen Justiz  Aktenmanipulation unterstellt, vermag an der Schlussfolgerung nichts zu  ändern,  handelt  es  sich  dabei  doch  um  blosse  Mutmassungen.  Eine  weitergehende  Auseinandersetzung  mit  den  Einwänden  in  der  Beschwerde  und  den  eingereichten  Beweismitteln  kann  angesichts  der 

D­4245/2011 bisherigen  Erwägungen  unterbleiben,  da  diese  am  Ergebnis  nichts  zu  ändern  vermögen. Es  besteht  somit  kein Grund  für  die Annahme,  dass  der Beschwerdeführer in der Türkei aus asylrechtlich relevanten Gründen  im  Rahmen  des  gegen  ihn  laufenden  Strafverfahrens  mit  einem  rechtsstaatlichen  Ansprüchen  nicht  genügenden  Verfahren,  einer  unverhältnismässig  hohen Strafe  oder  –  im Falle  der Strafverbüssung –  mit einer menschenrechtswidrigen Behandlung rechnen muss. Das BFM  hat  somit  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab, so verfügt es in der Regel  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet  den  Vollzug  an;  es  berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 Abs. 1  AsylG).  Gemäss  Art. 32  Bst. b  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311) wird die Wegweisung  aus der Schweiz nicht verfügt, wenn die asylsuchende Person von einer  Auslieferungsverfügung betroffen ist. 6.2. Vorliegend  ersuchten  die  türkischen Behörden  die Schweiz  um  die  Auslieferung des Beschwerdeführers. Am 24. September 2010 bewilligte  das  BJ  die  Auslieferung.  Die  vom  Beschwerdeführer  gegen  diese  Verfügung  erhobene  Beschwerde  hat  das  Bundesstrafgericht  mit  Urteil  vom  22. Dezember  2010  abgewiesen  und  seiner  Auslieferung  in  die  Türkei  vorbehältlich  des  Ausgangs  des  erstinstanzlich  hängigen  Asylverfahrens  zugestimmt.  Dieser  Auslieferungsentscheid  ist  rechtskräftig.  Das  BFM  hat  somit  zu  Recht  von  der  Anordnung  der  Wegweisung und deren Vollzug abgesehen. Der Eventualantrag,  es  sei  die  Unzulässigkeit  beziehungsweise  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung festzustellen, ist demnach abzuweisen. 7.   7.1. In der Beschwerde wird beantragt, es sei dem Beschwerdeführer für  das  erstinstanzliche  Verfahren  die  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  zu gewähren. Er sei aufgrund des Umstands, dass er sich seit April 2010  in Auslieferungshaft befinde, als bedürftig zu betrachten. Sodann mache  allein die zehnseitige Verfügung deutlich, dass vorliegend kein einfacher,  sondern ein komplexer Fall zur Diskussion stehe. Die Prozessgeschichte,  bei  welcher  die Gutheissung  des Revisionsbegehrens mit  Rückweisung  an  die  Vorinstanz  bemerkenswert  erscheine,  und  die  Tatsache  der  Auslieferungshaft  wiesen  bereits  die  Notwendigkeit  einer  amtlichen 

D­4245/2011 Verbeiständung aus. Das BFM habe deshalb zu Unrecht den Antrag um  unentgeltliche Rechtsverbeiständung abgelehnt. 7.2.  Im  erstinstanzlichen  Asylverfahren  ist  das  Mitwirken  des  Asylsuchenden in aller Regel auf das Schildern von Erlebnissen und das  Bezeichnen  und  allenfalls  Beschaffen  von  Beweismitteln  beschränkt.  Ausserdem stellt die Anwesenheit der Hilfswerksvertretung den korrekten  Ablauf  der  Anhörung  sicher  beziehungsweise  macht  allfällige  Mängel  aktenkundig.  Ferner  bieten  zahlreiche  im  Asylbereich  tätige  Hilfswerke  und Beratungsstellen – unter anderem auch kostenlose – Leistungen an.  Besondere  Rechtskenntnisse  sind  im  erstinstanzlichen  Verfahren  daher  im  Regelfall  nicht  unbedingt  erforderlich.  Die  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG ist deshalb nur  in  den  besonderen  Fällen  zu  gewähren,  in  welchen  in  rechtlicher  oder  tatsächlicher  Hinsicht  erhöhte  Schwierigkeiten  bestehen  (vgl.  EMARK  2004 Nr. 9 E. 3a und b S. 60 f., EMARK 2001 Nr. 11 E. 6 S. 84 ff.). 7.3. Das  BFM  hat  den  Beschwerdeführer  zu  einzelnen  Punkten  seiner  Asylvorbringen am 10. Februar  2011 ergänzend angehört,  nachdem die  ursprüngliche  Verfügung  des  BFM  vom  24. Februar  2009  mit  Urteil  D­ 5575/2009/D­8150/2009 vom 13. Januar 2011 aufgehoben und die Sache  zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen wurde. Allein darin  ist jedoch noch keine in tatsächlicher oder rechtlicher Hinsicht besonders  komplexe  Konstellation  zu  erblicken,  welche  eine  amtliche  Verbeiständung  notwendig  macht.  Auch  der  Umstand,  dass  die  ergänzende  Anhörung  aufgrund  der  Ausschaffungshaft  des  Beschwerdeführers  im  Gefängnis  in  Q._______  stattfand,  machte  eine  Verbeiständung  nicht  notwendig.  Die  Anhörung  fand  im  Beisein  einer  Hilfswerksvertretung  statt  und  dem  Beschwerdeführer  war  der  Ablauf  einer Anhörung aufgrund seiner einschlägigen Erfahrungen anlässlich der  Befragung im TZ vom 7. Mai 2007 und der Anhörung zu den Asylgründen  vom  12. Februar  2009  vertraut.  Schliesslich  lassen  sich  aus  der  Tatsache,  dass  die  Verfügung  des  BFM  vom  6. Juli  2011  zehn  Seiten  umfasst,  in  Bezug  auf  die  Notwendigkeit  einer  Verbeiständung  keine  Rückschlüsse  ziehen.  Der  Umfang  der  vorinstanzlichen  Verfügung  ist  nicht  auf  die  besondere  Komplexität  des  Verfahrens  zurückzuführen,  sondern  ist  Folge  davon,  dass  das  BFM  die  verschiedenen  Asylvorbringen  im Sachverhalt vollständig und ausführlich dargelegt und  in  den Erwägungen  relativ  ausführlich  gewürdigt  hat. Das BFM hat  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 2  VwVG  –  unabhängig  von  der  Frage  der 

D­4245/2011 Bedürftigkeit  des  Beschwerdeführers  –  deshalb  zu  Recht  mangels  Notwendigkeit abgewiesen. Die Beschwerde ist demnach auch in diesem  Punkt abzuweisen.  8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen. 9.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten  in der Höhe von  Fr. 600.–  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  und  5  VwVG).  Nachdem  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  mit  Verfügung  vom  15. August  2011  gutgeheissen  wurde,  sind  jedoch  keine  Verfahrenskosten zu erheben. (Dispositiv nächste Seite)

D­4245/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Mathys Rechtsmittelbelehrung: Gegen  diesen  Entscheid  kann  innert  30 Tagen  nach  Eröffnung  beim  Bundesgericht,  1000  Lausanne  14,  Beschwerde  in  öffentlich­rechtlichen  Angelegenheiten  geführt  werden  (Art. 82  ff.,  90  ff.  und  100  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]).  Die  Rechtsschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren,  deren Begründung mit Angabe der Beweismittel  und die Unterschrift  zu  enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit  sie der Beschwerdeführer in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG). Versand: –

D-4245/2011 — Bundesverwaltungsgericht 07.12.2011 D-4245/2011 — Swissrulings