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Bundesverwaltungsgericht 19.08.2011 D-4124/2010

19 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,488 mots·~12 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 5. Mai 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4124/2010 law/bah Urteil   v om   1 9 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni, Richter Fulvio Haefeli,    Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), palästinensischer Herkunft (Libanon), vertreten durch lic. iur. Otto Haunreiter, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 5. Mai 2010 / N (…).

D­4124/2010 Sachverhalt: A.  A.a.  Der  Beschwerdeführer  verliess  den  Libanon  eigenen  Angaben  gemäss  am  25.  Oktober  2008  und  gelangte  am  13.  Juni  2009  in  die  Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. A.b.  Bei  der  Erstbefragung  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  Kreuzlingen vom 17. Juni 2009 sagte der Beschwerdeführer aus, er sei in  Libyen geboren worden und habe seit dem Jahre 2001 im Libanon gelebt.  Er gehöre dem Volk der Palästinenser an und sei staatenlos. Nachdem er  in  den  Libanon  gegangen  sei,  hätten  Anhänger  der  Hamas  und  der  "Osbet Al­Ansar" von ihm verlangt, dass er mit ihnen kämpfe. Sie hätten  den  Wohnort  gewechselt,  Letztere  hätten  aber  weiterhin  dasselbe  von  ihm  verlangt.  Das  gleiche  Schicksal  hätten  auch  sein  Vater  und  sein  Bruder erlitten; sein Bruder habe den Libanon 2006 verlassen. Sein Vater  habe von ihm verlangt, dass er den Libanon verlasse. Die Anhänger der  Gruppierungen  hätten  ihn  bedroht  und  ihn  einmal  mit  einem  Messer  verletzt.  Von  Schiiten  sei  Druck  auf  ihn  ausgeübt  worden,  indem  ihm  junge Männer gesagt hätten, er solle wegziehen.  A.c.  Das  BFM  liess  anhand  eines  mit  dem  Beschwerdeführer  am  7.  Dezember 2009 durchgeführten Telefongesprächs eine Herkunftsanalyse  (LINGUA)  durchführen.  Der  beauftragte  Experte  gelangte  in  seinem  Bericht vom 24. Dezember 2009 zum Schluss, der Beschwerdeführer sei  sehr  wahrscheinlich  nicht  in  einem  lybischen  oder  palästinensischen,  sondern sehr wahrscheinlich in einem libanesischen Milieu hauptsächlich  sozialisiert worden. A.d.  Das  BFM  hörte  den  Beschwerdeführer  am  25.  Januar  2010  zu  seinen Asylgründen an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er sei  in  die  Schweiz  gekommen,  weil  er  von  zwei  Gruppierungen  verfolgt  worden sei. Bei der "Osbet Al­Ansar" seien auch Familienangehörige von  ihm dabei; diese Gruppierung habe von ihm verlangt, dass er ihr beitrete  und am bewaffneten Kampf teilnehme. Sein Vater sei dagegen gewesen,  auch  weil  sie  seit  2006  nichts  über  das  Schicksal  seines  Bruders  wüssten.  Er  sei  von  diesen  Leuten  mehrmals  angegriffen  worden.  Als  Palästinenser  sei  er  auch  auf  dem  Arbeitsmarkt  benachteiligt  und  weiteren Benachteiligungen ausgesetzt. Bereits sein Vater sei ähnlichem  Druck  ausgesetzt  gewesen,  weshalb  seine  Familie  vor  Jahren  nach  Libyen  gezogen  sei.  Seine  Mutter  sei  Libanesin,  sein  Vater  sei 

D­4124/2010 Palästinenser.  Ausser  der  Mutter  besitze  kein  Mitglied  der  Familie  die  libanesische  Staatsangehörigkeit.  Auch  die  Hamas  habe  von  ihm  verlangt,  dass  er  mit  ihr  kämpfe.  Sie  seien  einige  Male  zu  ihnen  nach  Hause  gekommen,  um  mit  seinem  Vater  und  ihm  zu  sprechen.  Im  Februar 2008 sei er  von  ihnen mit einem Messer verletzt worden. Zirka  einen Monat später hätten sie  ihn mit Waffen bedroht.  Im Anschluss an  die  Befragung  zu  den  Asylgründen  wurde  dem  Beschwerdeführer  das  rechtliche  Gehör  zum  wesentlichen  Ergebnis  der  LINGUA­Analyse  gewährt.  Er  hielt  daran  fest,  dass  er  in  Libyen  aufgewachsen  und  Palästinenser sei.  A.e.  Der  Beschwerdeführer  gab  im  Verlauf  des  vorinstanzlichen  Verfahrens  eine  Identitätskarte  für  palästinensische  Flüchtlinge  im  Libanon oder  in Libyen, eine  temporäre Familienkarte der UNRWA (…),  ein  Ersatzreisedokument  vom  libanesischen  Innenministerium  und  eine  libysche Geburtsurkunde für Palästinenser zu den Akten. B.  Mit Verfügung vom 5. Mai 2010 – eröffnet am 10. Mai 2010 – stellte das  BFM  fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung  aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. C.  Der Beschwerdeführer liess durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe an  das  Bundesverwaltungsgericht  vom  7.  Juni  2010  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  beantragen.  Es  sei  festzustellen,  dass  er  die  Flüchtlingseigenschaft besitze und Anspruch auf Asyl habe. Eventuell sei  er vorläufig aufzunehmen. Der Beschwerde  lagen Kopien verschiedener  Dokumente bei. D.  D.a.  Der  Instruktionsrichter  forderte  den  Beschwerdeführer  mit  Zwischenverfügung vom 10. Juni 2010 auf, bis zum 25. Juni 2010 einen  Kostenvorschuss von Fr. 600.­ zu leisten. D.b. Am 22. Juni 2010 wurde der geforderte Kostenvorschuss eingezahlt. E.  Mit Schreiben vom 23. Juni 2010 liess der Beschwerdeführer Kopien von  23  Beweismitteln  einreichen.  Mit  Schreiben  vom  6.  September  2010 

D­4124/2010 reichte der Beschwerdeführer Kopien des Ausländerausweises C seiner  Schwester B._______ und deren Reisepasses ein.  F.  F.a. Der  Instruktionsrichter  gewährte  dem  BFM  am  9. September  2010  Gelegenheit,  eine  Vernehmlassung  einzureichen.  Dieses  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  20. Oktober  2010  die  Abweisung  der  Beschwerde. F.b.  Der  Beschwerdeführer  machte  von  der  ihm  durch  den  Instruktionsrichter  mit  Verfügung  vom  25. Oktober  2010  eingeräumten  Möglichkeit,  zur  Vernehmlassung  eine  Replik  einzureichen,  keinen  Gebrauch.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG).  Nachdem  der  erhobene  Kostenvorschuss  fristgerecht  eingezahlt  wurde,  ist auf die  frist­ und  formgerecht  (Art.  108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG 

D­4124/2010 i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde  einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  4.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.1.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 5.  5.1.  Das  BFM  führt  zur  Begründung  seines  Entscheides  aus,  der  LINGUA­Experte  habe  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer  habe,  obwohl  er  in  Libyen  die  Schule  bis  zur  Mittelschule  besucht  habe,  nur  wenige  überzeugende  Antworten  zu  politischen  und  kulturellen  Gegebenheiten  Libyens  gegeben.  Gemäss  dem  Experten  habe  die  Hauptsozialisation  nicht  in  Libyen  stattgefunden.  Auch  eine  Sozialisation  in  einem  palästinensischen  Milieu  sei  ausgeschlossen  worden.  Die  Sprache  und  die Unkenntnis  der  genauen  Lage  der Palästinenser  im  Libanon  und  in  den  libanesischen Lagern sprächen, wie auch der Umstand, dass seine  Mutter eine Libanesin sei, eher dafür, dass er Libanese sei. Es sei dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen,  die  vom  Experten  aufgestellte  Herkunftsvermutung zu widerlegen. Er habe im Gegenteil betont, dass er 

D­4124/2010 in C._______  oft mit  Libanesen  zusammen  gewesen  sei.  Er  habe  aber  Dokumente  zu  den  Akten  gelegt,  die  seine  palästinensische  Herkunft  beweisen sollten. Identifikationsausweise für palästinensische Flüchtlinge  im  Libanon  oder  Ersatzreisepapiere  hätten  keinen  grossen  Beweiswert,  da  sie  grossmehrheitlich  gefälscht  und  leicht  erhältlich  seien.  Die  UNRWA­Karte  enthalte  keine  Fotografie,  so  dass  sie  als  Identitätsdokument ungeeignet sei. Die Dokumente könnten deshalb die  in der Analyse vorgenommene Schlussfolgerung nicht entkräften. Der Beschwerdeführer sei nicht in der Lage gewesen, das Verschwinden  seines Bruders, das der Hamas angelastet werde,  zu erklären. Er habe  weder  Details  nennen  noch  das  Ereignis  genauer  datieren  können.  Er  wolle  von  der  Hamas  zweimal  bedroht  worden  sei,  nachdem  diese  bei  ihm  vorgesprochen  habe.  Er  habe  keine  Namen  nennen,  keine  Gesprächsinhalte  oder  Interaktionen  nachstellen  geschweige  denn  die  Ereignisse  minutiös  schildern  können.  Obwohl  die  Hamasleute  seinetwegen  mehrmals  erschienen  seien,  habe  er  keine  persönlichen  Erinnerungen schildern können. Er habe nicht schildern können, weshalb  er von Unbekannten als Palästinenser angesprochen worden sei.  5.2.  Zudem habe der Beschwerdeführer sich auch widersprüchlich geäussert.  Bei  der  Erstbefragung  habe  er  gesagt,  er  sei  von  der  Hamas  und  der  "Osbet  Al­Ansar"  verfolgt  und  bedroht  worden,  während  er  bei  der  Anhörung  relativiert  habe, er  sei  von Letzterer  nie bedroht worden oder  unter  Druck  gesetzt  worden.  Ein  weiterer  Widerspruch  betreffe  die  Datierung  der  ersten  Drohung  durch  die  Hamas.  In  der  Erstbefragung  habe er gesagt, dieses Ereignis habe sich im Mai/Juni 2008 zugetragen,  während er in der Bundesanhörung von Februar 2008 gesprochen habe. 5.3.  In  der  Beschwerde  wird  geltend  gemacht,  in  der  LINGUA­Analyse  werde eine Annahme getroffen. Tatsache sei, dass der Beschwerdeführer  Sohn eines Palästinensers sei, der mit seiner Familie von Palästina nach  Libyen  gezogen  sei.  Unter  Berücksichtigung  der  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer Sohn einer Libanesin sei,  sei  klar, dass er stark vom  libanesischen  Milieu  beeinflusst  worden  sei.  Die  Vorinstanz  gehe  in  Missachtung eines geregelten Verfahrens von seiner Beweislast aus; er  solle deren Herkunftsvermutung widerlegen, was unhaltbar  sei. Er habe  verschiedene  Dokumente  zum  Beweis  seiner  Herkunft  eingereicht,  die  aber von der Vorinstanz nicht akzeptiert würden. Sie könne aber keinen  Nachweis  dafür  erbringen,  dass  die  Dokumente  nicht  echt  seien.  Die 

D­4124/2010 Karte der UNRWA enthalte tatsächlich keine Fotografie, was kein Beweis  für eine Fälschung sei. Es  sei  unklar,  auf welche Aussagen  sich  die  Vorinstanz  beziehe, wenn  sie diese als zu wenig konkret, detailliert und differenziert bezeichne. Sie  gebe keine Fundstellen an, so dass eine Überprüfung der Vorwürfe stark  erschwert  werde.  Es  treffe  zu,  dass  der  Beschwerdeführer  das  Verschwinden  seines  Bruders  nicht  eindeutig  der  Hamas  zuschreiben  könne.  Seine  Familie  gehe  aber  davon  aus,  dass  die  Hamas  dafür  verantwortlich  sei.  Auch  seine  eigenen  Kontakte  zur  Hamas  könne  er  nicht so schildern, wie es die Vorinstanz erwarte. Es sei nachvollziehbar,  dass  er  keine Namen  nennen  könne.  Er  könne  keine Gesprächsinhalte  nennen,  da  keine  Gespräche  geführt  worden  seien.  Er  könne  sagen,  weshalb er als Palästinenser angesprochen worden sei. Seine Familie sei  in  Palästinenserkreisen  bekannt.  Schon  sein  Vater  sei  von  der  Hamas  unter  Druck  gesetzt  worden,  sein  Bruder  sei  von  dieser  verschleppt  worden. Er sei der Hamas also bekannt. Von der "Osbet Al­Ansar" sei er  nicht  bedroht,  aber  unter  Druck  gesetzt  worden.  Seine  Familie  stehe  dieser Organisation nahe und so sei es verständlich, dass diese erwarte,  dass  er  für  sie  tätig  werde.  Er  habe  dies  abgelehnt.  Der  von  der  Vorinstanz  geltend  gemachte  Widerspruch  sei  aufgrund  eines  Missverständnisses  zustande  gekommen.  Es  treffe  zu,  dass  er  das  Ereignis  mit  der  Messerstecherei  unterschiedlich  datiert  habe.  In  der  Anhörung  sei  ihm  bewusst  geworden,  dass  seine  Ausführungen  in  der  Erstbefragung nicht richtig gewesen seien, weshalb er sich bemüht habe,  die Datierung genau zu erfassen. 5.4. Das  BFM  führt  in  der  Vernehmlassung  aus,  der  Beschwerdeführer  habe zahlreiche Dokumente zu den Akten gereicht, die allesamt leicht zu  fälschen oder käuflich seien. Es seien keine Originale eingereicht worden.  Zudem  habe  er  für  sich  keine  solchen  Dokumente  abgegeben,  die  als  Indiz  für  die  behauptete Herkunft  hätten herangezogen werden  können.  So bleibe er weiterhin schriftenlos und seine Identität sei nicht gesichert.  Er  habe  bei  der  Erstbefragung  vom  17.  Juni  2009  eine  Schwester  namens B._______ genannt, die vier oder sechs Jahre jünger sei als er.  Er habe vermutet, diese lebe in der Heimat, weil er seit 2005 nichts mehr  von  ihr  gehört  habe. Die  in  der Beschwerdeschrift  erwähnte B._______  mit Ausländerausweis C sei aber seit dem Jahr 2003 in der Schweiz und  zwei Jahre jünger als er. 6. 

D­4124/2010 6.1.  Glaubhaft  sind  die  Vorbringen  eines  Asylsuchenden  grundsätzlich  dann,  wenn  sie  genügend  substanziiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel  sind;  sie  dürfen  sich  nicht  in  vagen  Schilderungen  erschöpfen,  in  wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich  sein oder der  inneren Logik  entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung  widersprechen.  Darüber  hinaus  muss  die  gesuchstellende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt, aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung bedeutet  ferner –  im Gegensatz zum strikten Beweis  – ein  reduziertes  Beweismass  und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Gründe, die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Asylsuchenden  sprechen,  überwiegen  oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  Art. 7  Abs. 2  und  3 AsylG;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.). 6.2.  Der  Beschwerdeführer  machte  geltend,  sein  Vater  sei  palästinensischer  Abstammung,  seine  Mutter  sei  Libanesin.  Er  sei  in  Libyen  geboren  worden  und  dort  aufgewachsen.  Im  Jahr  2001  sei  die  Familie  in  den  Libanon  zurückgekehrt,  wo  er  bis  zu  seiner  Ausreise  im  Oktober 2008 in C._______ gelebt habe. Der  Experte,  der  die  Herkunftsanalyse  erstellte,  gelangte  zum  Schluss,  der  Beschwerdeführer  sei  sehr  wahrscheinlich  hauptsächlich  in  einem  libanesischen  Milieu  und  sehr  wahrscheinlich  nicht  in  einem  libyschen  oder palästinensischen Milieu sozialisiert worden. Der Beschwerdeführer  bestritt bei der Gewährung des rechtlichen Gehörs denn auch nicht, dass  er im Libanon im libanesischen Milieu sozialisiert gewesen sei. Er habe in  einer Zone gelebt, in der in libanesischem Dialekt gesprochen worden sei  und  habe  sich  dieser  Sprache  bedient.  Es  sei  klar,  dass  er  das  libanesische Milieu besser als das palästinensische kenne, da er nicht in  einem Camp gelebt habe (act. A26/12 S. 9).  Der Beschwerdeführer  reichte  bereits  bei  der Vorinstanz Dokumente  zu  den  Akten,  die  seine  Angaben  zu  seiner  Herkunft  bestätigen. 

D­4124/2010 Insbesondere dem Identifikationsausweis für palästinensische Flüchtlinge  und  dem  Ersatz­  beziehungsweise  Bestätigungspapier  sind  entsprechende  Angaben  zu  entnehmen.  Das  BFM  stellte  sich  auf  den  Standpunkt,  Dokumente  der  eingereichten  Art  seien  grossmehrheitlich  gefälscht  und  hätten  keinen  grossen  Beweiswert.  Die  eingereichten  Dokumente  könnten deshalb die Schlussfolgerung der  LINGUA­Analyse  nicht  entkräften.  Der  LINGUA­Analyse  kann  indessen  nicht  entnommen  werden,  ob  die  Behauptung  des  Beschwerdeführers,  sein  Vater  sei  palästinensischer  Abstammung,  zutreffend  sein  kann  oder  nicht.  Der  Analyse ist zu entnehmen, der Beschwerdeführer sei sehr wahrscheinlich  hauptsächlich in einem libanesischen Milieu sozialisiert worden, was sich  mit  den Angaben  des Beschwerdeführers  deckt.  Auf  Beschwerdeebene  wurden  (Farb­)Kopien  von  insgesamt  23 Dokumenten  zu  den  Akten  gereicht. Dabei handelt es sich grossmehrheitlich um Kopien von Pässen,  Identitätskarten und weiteren Ausweisen seiner Eltern, Geschwister und  Grosseltern. Die vom BFM in der Vernehmlassung vertretene Auffassung,  auch  diese  Dokumente  seien  allesamt  leicht  fälschbar  oder  käuflich  erhältlich,  vermag  angesichts  der  konkreten  Aktenlage  nicht  zu  überzeugen.  Die  abgegebenen  Kopien  sind  teilweise  von  sehr  guter  Qualität  und  erwecken  insgesamt  nicht  den  Eindruck  als  lägen  ihnen  allesamt  gefälschte  Originaldokumente  zugrunde.  Zahlreiche  Details  in  den Kopien vermitteln den Eindruck, dass es sich bei den ihnen zugrunde  liegenden  Originaldokumenten  um  echte  Identitätspapiere  der  Angehörigen des Beschwerdeführers handelt. Eine unvoreingenommene  Würdigung der zahlreichen eingereichten Dokumentenkopien  lässt somit  den  Schluss  zu,  dass  der  Beschwerdeführer  zu  seiner  gemischt­ ethnischen Abstammung zutreffende Angaben machte. Diese Folgerung  steht keineswegs im Widerspruch zum Ergebnis der LINGUA­Analyse. 6.3.  Der  Beschwerdeführer  machte  bei  der  Erstbefragung  geltend,  er  habe den Libanon verlassen, weil er von Anhängern der Hamas und der  "Osbet Al­Ansar" aufgefordert worden sei, an ihrer Seite zu kämpfen. Sie  hätten ihm auch gedroht (act. A1/15 S. 8). Sein Bruder habe den Libanon  verlassen  beziehungsweise  sei  seit  dem  Jahr  2006  verschwunden,  sie  hätten  nichts  mehr  von  ihm  gehört  (act.  A1/15  S.  5  und  8).  Bei  einer  Rückkehr  in den Libanon würden sie  ihn töten (act. A1/15 S. 9). Bei der  Anhörung sagte er aus, er habe den Libanon verlassen, weil er von zwei  Gruppierungen verfolgt worden sei. Die  "Osbet Al­Ansar" habe  ihn dazu  gedrängt, dass er sich ihr anschliesse. Sein Vater sei dagegen gewesen,  da  sie  seit  2006  nichts  über  das Schicksal  seines Bruders wüssten.  Er  (der  Beschwerdeführer)  sei  von  diesen  Leuten  mehrmals  angegriffen 

D­4124/2010 worden (act. A26/12 S. 3). Im Februar 2008 sei er von Leuten der Hamas  mit  einem  Messer  angegriffen  worden,  als  er  sich  auf  der  Strasse  befunden  habe.  Zirka  einen  Monat  später  hätten  sie  ihn  mit  Waffen  bedroht, als er bei einer Tankstelle gewesen sei (act. A26/12 S. 4 f.). Im  weiteren  Verlauf  der  Anhörung  gab  er  an,  er  sei  von  den  Leuten  der  "Osbet Al­Ansar" nie bedroht worden, da einige von diesen seiner Familie  angehörten (act. A26/12 S. 7). Das BFM stellte in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest, dass der  Beschwerdeführer  sich  widersprüchlich  dazu  äusserte,  ob  er  von  Anhängern der "Osbet Al­Ansar" bedroht worden sei oder nicht. Da er in  der  Beschwerde  festhält,  er  sei  von  dieser  Organisation  nicht  bedroht,  sondern  "nur"  unter  Druck  gesetzt  worden,  erübrigen  sich  weitere  Ausführungen dazu.  Auch  zum  Schicksal  seines  älteren  Bruders  machte  der  Beschwerdeführer  voneinander  abweichende  Angaben.  Bei  der  Erstbefragung  machte  er  einerseits  geltend,  sein  Bruder  sei  2006  verschwunden,  anderseits  führte  er  aus,  sein Bruder  habe den Libanon  verlassen. Im Rahmen der Anhörung gab er wiederum an, sein Bruder sei  verschwunden.  In  der  Beschwerde  wird  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer  gehe  davon  aus,  dass  die  Hamas  für  das  Verschwinden seines Bruders verantwortlich sei. Es steht somit nicht fest,  welchen  Hintergrund  das  Verschwinden  des  älteren  Bruders  hat.  Der  Beschwerdeführer  gab  bei  der  Erstbefragung  vom  17. Juni  2009  an,  seine Schwester B._______ habe  im Jahr 2005 geheiratet, seither habe  er nichts mehr von  ihr gehört  (act. A1/15 S. 5). Am 6. September 2010  teilte er dem Bundesverwaltungsgericht mit, seine Schwester  lebe in der  Schweiz. Gemäss Angaben des BFM befindet sich Frau B._______ seit  Januar  2003  in  der  Schweiz.  Aufgrund  dieses  Umstandes  und  der  entsprechenden  Aussagen  bei  der  Kurzbefragung  ist  nicht  auszuschliessen,  dass  auch  der  ältere  Bruder  des  Beschwerdeführers  den Libanon verliess, ohne seine Familie darüber zu orientieren. Was die geltend gemachten Nachstellungen durch die Hamas anbelangt,  hat sich der Beschwerdeführer insofern widersprüchlich geäussert, als er  bei  der  Anhörung  angab,  bevor  er  von  Angehörigen  derselben  im  Jahr  2008  verletzt  und  bedroht  worden  sei,  sei  es  zu  keinen  Begegnungen  oder Kontakten mit der Hamas gekommen (act. A26/12 S. 5 R32). Kurz  darauf erklärte er indessen, die Hamas­Leute seien über zehnmal zu ihm  nach Hause gekommen und hätten mit seinem Vater und ihm gesprochen 

D­4124/2010 (act. A26/12 S.  6). Hingegen hat  der Beschwerdeführer  die Fragen,  die  ihm zu den beiden Vorfällen mit der Hamas gestellt wurden, befriedigend  beantwortet (act. A26/12 S. 4 f.). Auf eine abschliessende Beurteilung der  Glaubhaftigkeit  der  geltend  gemachten  Bedrohungen  durch  die  Hamas  kann  indessen  aufgrund  der  nachfolgenden  Erwägungen  zur  asylrechtlichen Relevanz verzichtet werden. 7.  Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsuchende  Person  nach  Lehre  und Rechtsprechung  dann, wenn  sie Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche Akteure  zugefügt worden  sind beziehungsweise  zugefügt  zu  werden  drohen  (vgl.  BVGE  2008/4  E.  5.2  S.  37).  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Zuerkennung  der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person  in  ihrem  Heimatland  keinen  ausreichenden  Schutz  finden  kann  (vgl.  BVGE  2008/12  E.  7.2.6.2  S. 174  f.,  BVGE  2008/4  E.  5.2  S.  37  f.).  Ausgangspunkt  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  die  Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität  der  Verfolgungsfurcht  ebenfalls  wesentlich.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E.  5.4  S.  38  f.;  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2.  Aufl.,  Basel/Bern/Lausanne  2009,  Rz.  11.17  und  11.18). 7.1. Begründete Furcht  vor Verfolgung  liegt  vor, wenn  konkreter Anlass  zur  Annahme  besteht,  eine  Verfolgung  hätte  sich  –  aus  der  Sicht  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  –  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zeit  verwirklicht  beziehungsweise  werde  sich  –  auch  aus  heutiger  Sicht  –  mit  ebensolcher  Wahrscheinlichkeit  in  absehbarer  Zukunft  verwirklichen.  Eine  bloss  entfernte  Möglichkeit  künftiger  Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete  Indizien vorliegen, welche  den  Eintritt  der  er­warteten  –  und  aus  einem  der  vom  Gesetz  aufgezählten  Motive  erfolgen­den  –  Benachteiligung  als  wahrscheinlich 

D­4124/2010 und  dementsprechend  die  Furcht  davor  als  realistisch  und  nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 7 S. 193  f., EMARK 2004 Nr. 1 E. 6a S. 9). 7.2.  Hinsichtlich  der  geschilderten  Probleme  mit  der  Hamas  ist –  unbesehen  der Glaubhaftigkeit  dieser  Vorbringen  –  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  allfälligen  Nachstellungen  durch  Verlegung  seines Wohnsitzes entgehen könnte. Bei der Anhörung räumte er selbst  ein,  er  werde  wahrscheinlich  keine  Probleme  haben,  falls  er  sich  nach  einer Rückkehr  in den Libanon ausserhalb C._______ niederliesse  (act.  A26/12  S. 7  R60).  Seine  Befürchtung,  er  werde  aufgrund  seiner  palästinensischen  Herkunft  keine  Anstellung  erhalten,  ist  asylrechtlich  unerheblich,  und  im  Übrigen  in  dieser  absoluten  Form  ohnehin  übertrieben,  da  er  dank  seiner  beruflichen  Erfahrungen  und  des  verwandtschaftlichen  Beziehungsnetzes  im  Falle  der  Rückkehr  kaum  in  eine  wirtschaftlich  hoffnungslose  Lage  geraten  wird.  Es  besteht  zudem  kein Grund zur Annahme, die staatlichen  libanesischen Sicherheits­ und  Justizbehörden  seien  im  Allgemeinen  beziehungsweise  gegenüber  der  Person  des  Beschwerdeführers  im  Besonderen  nicht  schutzfähig  oder  schutzwillig.  Es  kann  ihm  zudem  ohne  weiteres  zugemutet  werden,  im  Bedarfsfall  den  Schutz  der  Behörden  gegen  allfällige  Übergriffe  von  Leuten der Hamas in Anspruch zu nehmen. 7.3.  In der Beschwerde wurde  festgehalten, dass der Beschwerdeführer  von  Seiten  der  "Osbet  Al­Ansar"  weder  bedroht  noch  Übergriffen  ausgesetzt  wurde.  Er  sei  hingegen  unter  Druck  gesetzt  worden,  dieser  Organisation beizutreten. Vor diesem Hintergrund  ist nicht anzunehmen,  dass  er  nach  einer  Rückkehr  in  den  Libanon  von  deren  Anhängern  in  asylrechtlich  relevanter  Weise  verfolgt  werden  wird.  Zudem  ist  auch  in  dieser Hinsicht darauf hinzuweisen, dass es dem Beschwerdeführer offen  stünde,  durch  Verlegung  seines  Domizils  den  entsprechenden  Druckversuchen  zu  entgehen.  Letztlich wäre  es  ihm auch möglich,  sich  an  die  libanesischen  Behörden  zu  wenden,  sollten  die  Druckversuche  wider erwarten zunehmen. 7.4.  Insofern  der  Beschwerdeführer  geltend  machte,  er  sei  als  Palästinenser in einigen Bereichen diskriminiert worden, ist festzustellen,  dass  die  von  ihm  genannten  Benachteiligungen  (vgl.  act.  A26/12  S.  3  R10)  ihm  ein  menschenwürdiges  Leben  im  Libanon  nicht  unzumutbar  erschweren. Seine Eltern und einige seiner Geschwister  leben weiterhin  im  Libanon  und  seinem  Vater  ist  es  offenbar  gelungen,  für  die  ganze 

D­4124/2010 Familie  zu  sorgen.  Die  Einschränkungen  in  den  persönlichen  Entfaltungsmöglichkeiten  erreichen  klarerweise  nicht  das  Niveau  ernsthafter Nachteile im Sinn von Art. 3 AsylG. 7.5.  Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren Ausführungen in den Eingaben des Beschwerdeführers und die  eingereichten Beweismittel im Einzelnen einzugehen, da sie am Ergebnis  der  vorgenommenen  Würdigung  nichts  zu  ändern  vermögen.  Unter  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  folgt,  dass  er  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  nachweisen  oder  glaubhaft  machen  konnte.  Das  Bundesamt  hat  das  Asylgesuch  demnach  im  Ergebnis  zu  Recht  abgelehnt 8.  8.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 8.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9 S. 733, BVGE 2008/34 E. 9.2 S. 510,  EMARK 2001 Nr. 21). 9.  9.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER STÖCKLI, a.a.O., Rz. 11.148). 9.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in 

D­4124/2010 den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 9.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Libanon  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  den  Libanon  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen). Dies ist ihm unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen 

D­4124/2010 zum  Asylpunkt  nicht  gelungen.  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation im Libanon lässt den Wegweisungsvollzug zum  heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten  ist der Vollzug der Wegweisung sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der  völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 9.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 9.4.1.  Im  Libanon  herrscht  zurzeit  kein  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt,  aufgrund  derer  die  Zivilbevölkerung  als  konkret  gefährdet  bezeichnet  werden  müsste.  Eine  Rückkehr  in  den  Libanon ist als grundsätzlich zumutbar zu bezeichnen. 9.4.2. Aus den Akten ergeben sich auch keine Anhaltspunkte, die darauf  schliessen liessen, der Beschwerdeführer gerate im Falle der Rückkehr in  den  Libanon  aus  individuellen  Gründen  wirtschaftlicher,  sozialer  oder  gesundheitlicher  Natur  in  eine  existenzbedrohende  Situation.  Er  verfügt  über Berufserfahrung und es dürfte ihm trotz seiner gemischt­ethnischen  Herkunft  gelingen,  sich  –  allenfalls  auch  ausserhalb  seiner  bisherigen  Heimatregion  –  eine  wirtschaftliche  Existenz  aufzubauen.  Aufgrund  seines  familiären  Beziehungsnetzes  kann  davon  ausgegangen  werden,  dass  er  in  der  Lage  ist,  sich  in  seinem  Heimatland  erfolgreich  zu  reintegrieren.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  erweist  sich  unter  diesen  Umständen nicht als unzumutbar. 9.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen Vertretung des Libanon die  für eine Rückkehr notwendigen  Reisedokumente zu beschaffen  (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch  BVGE 2008/34  E. 12  S. 513 – 515).  Da  seine  Mutter  libanesische  Staatsangehörige  ist  und  mehrere  Angehörige  weiterhin  im  Libanon  leben,  dürfte  ihm  wiederum  eine  Aufenthaltsbewilligung  erteilt  werden,  weshalb  der  Vollzug  der Wegweisung  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unmöglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 9.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten 

D­4124/2010 fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 10.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 11.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.­  festzusetzen  (Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Sie sind durch den in  gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss gedeckt und sind mit diesem  zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite)

D­4124/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Sie  sind  durch  den  geleisteten Kostenvorschuss  gedeckt  und  werden mit diesem verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Christoph Basler Versand:

D-4124/2010 — Bundesverwaltungsgericht 19.08.2011 D-4124/2010 — Swissrulings