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Bundesverwaltungsgericht 27.07.2011 D-3317/2008

27 juillet 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,789 mots·~9 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung vom 16. April 2008

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3317/2008 law/rep/sed Urteil   v om   2 7 .   Juli   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Robert Galliker; Gerichtsschreiber Philipp Reimann. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan,  (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung vom 16. April 2008 / N (…).

D­3317/2008 Sachverhalt: A.  A.a Der Beschwerdeführer reiste am 14. Mai 2006 illegal  in die Schweiz  ein,  wo  er  am  folgenden  Tag  um  Asyl  nachsuchte.  Am  18. Mai  2006  erhob das BFM im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen  seine  Personalien  und  befragte  ihn  zu  seinem  Reiseweg  sowie –  summarisch  –  zu  seinen Ausreisegründen. Mit  Zwischenverfügung  vom  7. Juni  2006  wies  ihn  das  BFM  für  die  Dauer  des  Asylverfahrens  dem  Kanton  B._______  zu.  Am  27. Juni  2006  hörte  ihn  die  zuständige  kantonale  Behörde  im  Beisein  einer  Vertrauensperson  zu  seinen  Asylgründen an.  A.b Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer  – eigenen  Angabe  zufolge  ein  ursprünglich  aus  Kabul  stammender  ethnischer Hazara –  im Wesentlichen geltend, er habe seine Heimat  im  Jahre 1992  im Alter von vier Jahren gemeinsam mit dem Bruder seines  Vaters  und  dessen  Ehefrau  verlassen  und  sei  mit  ihnen  in  den  Iran  gezogen.  Im  Vorfeld  dieser  Ausreise  aus  Afghanistan  sei  sein  Vater,  welcher bei verschiedenen Hilfsorganisationen gearbeitet habe und zum  Christentum  übergetreten  sei,  im  selben  Jahr  von  Gefolgsleuten  Hekmatyars hingerichtet worden. Seine Mutter sei nach dem Tode  ihres  Ehemannes  zu  ihrer  Sippschaft  in  der  Provinz  Bamiyan  zurückgekehrt  und  habe  ihn  der  Obhut  seines  Onkels  überlassen.  Im  Iran  habe  er  keinerlei  Schulen  besucht  und  sei  auch  nicht  im  Islam  unterwiesen  worden. Im Jahre 2003 sei sein Onkel zusammen mit seiner Familie nach  Afghanistan  zurückgekehrt;  er  habe  ihn  jedoch  im  Iran  zurückgelassen,  weil  er  keinerlei  Kenntnisse  über  den  Islam  besessen  habe.  Er  selbst  habe  den  Iran  am 1. März  2006  verlassen, weil  er  befürchtet  habe,  die  iranischen  Behörden  könnten  ihn  –  wie  andere  afghanische  Staatsangehörige – zwangsweise nach Afghanistan zurückführen.  B.  Mit Verfügung vom 5. Dezember 2007 – eröffnet am 12. Dezember 2007  – trat das BFM in Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. a und Abs. 3 des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  ein,  verfügte  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz und ordnete deren Vollzug an. Zusammenfassend hielt das BFM  zur  Begründung  des  Nichteintretens  auf  das  Asylgesuch  fest,  der  Beschwerdeführer  habe  innert  48  Stunden  nach  Gesuchseinreichung  ohne  entschuldbare  Gründe  keine  Reise­  oder  Identitätspapiere 

D­3317/2008 abgegeben und sein Asylgesuch mit Aussagen begründet, die – ohne das  Erfordernis zusätzlicher Abklärungen – nicht auf eine flüchtlingsrelevante  Verfolgung schliessen liessen. C.  Mit  Urteil  D­8604/2007  vom  6.  März  2008  hiess  das  Bundesverwaltungsgericht  die  am  19. Dezember  2007  vom  Beschwerdeführer  gegen  den  Nichteintretensentscheid  des  BFM  vom  5. Dezember  2007  erhobene  Beschwerde  gut,  hob  die  Verfügung  des  BFM vom 5. Dezember 2007 auf und wies die Sache zur Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurück.  Im  Wesentlichen  hielt  das  Bundesverwaltungsgericht  in seinem Urteil  fest, das BFM habe in seiner  Verfügung  die  Entschuldbarkeit  der  Papierlosigkeit  beim  Beschwerdeführer zu Unrecht verneint. D.  Mit Verfügung vom 16. April 2008 – eröffnet am 21. April 2008 – stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  sein  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung  an. In Bezug auf den Vollzug der Wegeisung führte es unter anderem an,  die  Situation  in  den  nördlichen  Provinzen  Parwan,  Baghlan,  Takhar,  Badakshan,  Kunduz,  Balkh,  Sari  Pul  sowie  in  Kabul,  in  der  westlichen  Provinz Herat und  in Bamiyan, der zentralen Provinz des Hazarajat,  sei  gemäss  Einschätzung  des  BFM  weiterhin  als  grundsätzlich  sicher  einzustufen,  weshalb  eine  Wegweisung  in  diese  Provinzen  somit  als  grundsätzlich zumutbar zu erachten sei. Darüber hinaus sei nach eigenen  Angaben des Beschwerdeführers dessen Onkel vor einiger Zeit mit seiner  Familie  vom  Iran  nach  Kabul  zurückgekehrt,  weshalb  auch  davon  auszugehen  sei,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Afghanistan  über  ein  soziales  Beziehungsnetz  und  auch  über  gesicherte  Wohnverhältnisse  verfüge. E.  Mit  Eingabe  vom  20. Mai  2008  (Poststempel)  erhob  der  Beschwerdeführer  gegen  den  Entscheid  des  BFM  vom  16. April  2008  beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte,  es  sei  die  Verfügung  des  BFM  vom  16.  April  2008  aufzuheben  und  ihm  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Verfügung  des  BFM  vom  16. April  2008  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen. Subeventualiter sei festzustellen, dass die Wegweisung 

D­3317/2008 unzulässig  und  unzumutbar  sei  und  ihm  als  Folge  die  vorläufige  Aufnahme zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte der  Beschwerdeführer,  es  sei  ihm  die  unentgeltliche  Rechtspflege  unter  Einschluss  der  "Beiordnung  einer  amtlichen  Rechtsvertretung"  zu  bewilligen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.  Der  Beschwerdeführer  legte  seiner  Rechtsmittelschrift  namentlich  den  Brief  eines  Freundes  seines  Onkels  (über  den  Verbleib  des  Onkels  in  Afghanistan) inklusive deutscher Übersetzung sowie einen Zeitungsartikel  vom 8. Februar 2008 über die  in Afghanistan erfolgte Verurteilung eines  jungen  afghanischen  Studenten  zum  Tode  wegen  Blasphemie  zu  den  Akten. F.  Am 27. Mai 2008 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang  der Beschwerde. G.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  5. Juni  2008  hielt  das  Bundesverwaltungsgericht  fest,  der  Beschwerdeführer  dürfe  den  Ausgang seines Verfahrens in der Schweiz abwarten. Im Weiteren hiess  es  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  unter  Vorbehalt  einer  nachträglichen  Veränderung  der  finanziellen  Verhältnisse  des  Beschwerdeführers  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses. Demgegenüber wies es das Gesuch um Beiordnung  eines  unentgeltlichen  Rechtsbeistands  mangels  Erforderlichkeit  ab.  Schliesslich lud es die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. H.  Das  BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  12. Juni  2008  die  Abweisung  der  Beschwerde,  da  diese  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel  enthalte,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunktes rechtfertigen könnten. Ergänzend hielt die Vorinstanz fest,  der  Beschwerdeführer  habe  sich  durch  seine  neuen  Aussagen  in  der  Beschwerde, wonach sein Onkel bereits im Jahre 1993 (und nicht erst im  Jahre 2003) nach Afghanistan zurückgekehrt sei und er selber bereits seit  1998 in Europa lebe (und demnach den Iran nicht erst am 1. März 2006  verlassen haben könne),  in erhebliche Widersprüche verstrickt, weshalb  die Glaubhaftigkeit seiner Asylvorbringen vollumfänglich in Frage gestellt  sei. Im Weiteren sei die vom Beschwerdeführer behauptete Hinwendung 

D­3317/2008 zum Christentum in der Schweiz nicht näher substanziiert und daher als  nicht belegt zu betrachten I.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellte  dem  Beschwerdeführer  die  Vernehmlassung  des  BFM  vom  12. Juni  2008  am  16. Juni  2008  zur  Kenntnisnahme und zur allfälligen Einreichung einer Replik bis am 1. Juli  2008 zu. J.  Mit Eingabe vom 24. Juni 2008 reichte der Beschwerdeführer eine Replik  ein.  Darin  hielt  er  namentlich  fest,  die  fraglichen  Stellen  in  der  Beschwerde (vom 20. Mai 2008), wo festgehalten worden sei, dass sein  Onkel  bereits  im  Jahr  1993  nach Afghanistan  zurückgekehrt  sei  und  er  selbst bereits seit 1998 in Europa lebe, beruhten auf einem offenkundigen  Missgeschick.  So  habe  die  Person,  die  ihm  beim  Verfassen  der  Beschwerde  geholfen  habe,  das  Datum  der  Rückkehr  seines  Onkels  nach  Afghanistan  wohl  einfach  der  Verfügung  des  BFM  vom  16.  April  2008  entnommen,  wo  allerdings  auf  Seite  2,  Ziff.  1,  Abs.  4  irrtümlicherweise vom Jahr 1993 (und nicht richtigerweise vom Jahr 2003)  die  Rede  sei.  Der  Passus  in  der  Beschwerde,  wonach  er  seit  1998  in  Europa  lebe,  als  einzige  Bezugsperson  einen  in  der  Schweiz  lebenden  Bruder  und nur während  fünf  Jahren die Schule  besucht  habe,  beziehe  sich auf  einen anderen Beschwerdeführer  und sei  versehentlich bei  der  Abfassung  seiner  Beschwerde  nicht  aus  dem  Schlusstext  gelöscht  worden. Dass  dem so  sei,  ergebe  sich  letztlich  gerade  daraus,  dass  er  während  seiner  Anhörungen  darauf  hingewiesen  habe,  keine  Geschwister  zu  haben  und  nie  eine  Schule  besucht  zu  haben.  Im  Weiteren reichte er ein Diplom vom 20. Juni 2008 über einen besuchten  Bibelkurs ("C._______") des D._______ der E._______ in F._______ zu  den  Akten.  Schliesslich  kündigte  er  an,  sich  um  die  Beibringung  einer  Arbeitsbestätigung seines früheren Arbeitgebers im Iran zu bemühen, bei  welchem er zwischen 2003 und 2006 gearbeitet habe. K.  Mit Begleitschreiben vom 29. Januar 2009 reichte der Beschwerdeführer  mehrere  Fotos  ein,  auf  denen  er  zu  erkennen  sei  und  die  im  Iran  aufgenommen worden seien. L.  Mit  Begleitschreiben  vom  28.  April  2009  reichte  der  Beschwerdeführer 

D­3317/2008 einen  Taufschein  der  E._______  in  F._______  ein,  wonach  er  im  Sommer 2008 getauft worden sei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  im  Bereich  des  Asylrechts  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  eines  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,  hat ein schutzwürdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung und  ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  (Art. 108  Abs.  1  AsylG;  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 

D­3317/2008 Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 3.3.  Wer  sich  darauf  beruft,  dass  durch  seine  Ausreise  oder  sein  Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat­ oder Herkunftsstaat eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist,  sich  somit  auf  das  Vorliegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  (Art.  54  AsylG)  beruft,  hat  begründeten  Anlass  zur  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung,  wenn  der  Heimat­  oder Herkunftsstaat mit  erheblicher Wahrscheinlichkeit  von den  Aktivitäten  im  Ausland  erfahren  hat  und  die  Person  deshalb  bei  einer  Rückkehr  in  flüchtlingsrechtlich  relevanter Weise  verfolgt  würde  (BVGE  2009/29 E. 5.1 S. 376  f.,  BVGE  2009/28 E. 7.1 S. 352,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006 Nr. 1 E. 6.1 S. 10, UNHCR, Handbuch über Verfahren und Kriterien  zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Genf 1979, Rz. 80). 4.  4.1. Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen  damit, er befürchte, bei einer Rückkehr nach Afghanistan hingerichtet zu  werden,  da  er  sich  vom  Islam  abgewandt  habe  und  in  der  Schweiz  nunmehr  zum  Christentum  konvertiert  sei.  Seine  diesbezüglichen  Befürchtungen  seien  auch  insoweit  begründet  als  sein  Vater  aus  denselben Gründen ermordet worden sei. 4.2.  Einleitend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  sein  Heimatland  eigenen  Aussagen  zufolge  bereits  im  Alter  von  vier  Jahren  verlassen hat und nie mehr nach Afghanistan zurückgekehrt  ist. Die von  ihm geltend gemachte Befürchtung, bei einer Rückkehr nach Afghanistan  wegen  der  Abkehr  vom  Islam  beziehungsweise  der  Konversion  zum  Christentum ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt  zu  sein,  gründet  somit  auf  einem  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  Afghanistan  und  damit  subjektiven  Nachfluchtgründen,  welche  von 

D­3317/2008 Gesetzes  wegen  zum  Ausschluss  des  Asyls  führen.  Da  der  Beschwerdeführer  auf  Beschwerdeebene  keine  weiteren  Verfolgungsgründe  geltend  gemacht  hat,  ist  sein  Hauptantrag  auf  Asylgewährung abzuweisen. 4.3.  Aufgrund  des  vom  Beschwerdeführer  am  28. April  2009  eingereichten Taufscheins der E._______ ist alsdann davon auszugehen,  dass  dieser  zum  Christentum  konvertiert  ist.  Gleichzeitig  ist  den  Akten  jedoch  nichts  zu  entnehmen,  das  darauf  hindeuten  würde,  dass  die  Konversion  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  den  heimatlichen  Behörden  oder  andere Gruppierungen  in  Afghanistan  bekanntgeworden  sein könnte. Aus diesem Grunde kann nicht angenommen werden, dass  er  deswegen  im  Falle  der  Rückkehr  in  die  Heimat  mit  ernsthaften  Nachteilen zu rechnen hätte.  4.4. Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asyl­  beziehungsweise  flüchtlingsrechtlich  erhebliche Verfolgungsgefahr nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu  machen.  Zur  Vermeidung  weiterer  Wiederholungen  kann  im  Übrigen  vollumfänglich  auf  die  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen werden. Es erübrigt sich daher, auf die weiteren Ausführungen  in  der  Beschwerde  einzugehen,  da  diese  am  Ergebnis  nichts  ändern  können.  Der  Sachverhalt  ist  zudem  hinreichend  erstellt  und  genügend  abgeklärt,  weshalb  auch  der  Antrag  in  der  Beschwerde,  die  Verfügung  des  BFM  vom  16. April  2008  sei  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen,  abzuweisen  ist.  Das  Bundesamt hat das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht und mit  zutreffender Begründung abgelehnt. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2008/34 E. 9.2 S. 510, EMARK 2001 Nr. 21). 6. 

D­3317/2008 6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Gemäss ständiger Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln.  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen  Aufnahme  steht dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an  das Bundesverwaltungsgericht  offen  (Art.  112 AuG  i.V.m. Art. 84 Abs. 2  AuG).  In diesem Verfahren wäre dann der Vollzug der Wegweisung vor  dem Hintergrund sämtlicher Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach  Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen  (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 6.2.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend  aufgeführten  Gründen  –  als  unzumutbar  erweist,  ist  dementsprechend  auf  eine  Erörterung  der  beiden  anderen  Kriterien  zu  verzichten. 7.  7.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsland auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818). 7.2.  In  Bezug  auf  die  allgemeine  Lage  in  Afghanistan  ist  auf  die  vom  Bundesverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung der Lage im zur  Publikation  vorgesehenen  Urteil  E­7625/2008  vom  16. Juni  2011  verwiesen werden. Das Gericht stellt darin zusammenfassend fest, dass  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  Grossstädten –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre 

D­3317/2008 Bedingungen  bestünden,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend  im  Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen  Feststellung sei die Situation  in der Hauptstadt Kabul zu unterscheiden.  Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlaufe  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  habe  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger dramatisch sei, könne der Vollzug der Wegweisung nach Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  bisher  aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen Jahre hinweg und der auch  in Kabul schwierigen Situation  verstehe es sich aber von selbst, dass die bereits in EMARK 2003 Nr. 10  formulierten  strengen Bedingungen  in  jedem Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und erfüllt  sein müssten, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als  zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar  sei  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  das  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des Rückkehres als tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie  oder Bekannte würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul  unweigerlich  in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen  (vgl.  a.a.O.  E.  9.9.1  f.).  Die  Frage,  ob  hinsichtlich  der  Städte  Mazar­i­Sharif  und  Herat  in  Bezug  auf  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  Ähnliches  gesagt  werden  könne  wie  zu  Kabul,  wurde im erwähnten Grundsatzurteil offen gelassen, weil von vornherein  ungenügende Anknüpfungspunkte bestanden (vgl. a.a.O. E. 9.9.3). 7.3. Aufgrund der Aktenlage ist davon auszugehen, dass der ursprünglich  aus  Kabul  stammende  Beschwerdeführer  Afghanistan  bereits  im  Kindesalter  verlassen  hat  und  seither  nie  mehr  nach  Afghanistan  zurückgekehrt  ist, womit er dort nie sozialisiert wurde. Seine Mutter zog  nach  dem  Tode  ihres  Ehemannes  zu  ihrem  in  der  Provinz  Bamiyan  wohnhaften Bruder (vgl. act. A15/20 S. 5 Frage und Antwort 24 i.V.m. S.  7  Frage  und  Antwort  41).  Sein  Onkel  kehrte  mit  seiner  Familie  nach  Aussagen  des  Beschwerdeführers  im  Jahre  2003  (und  nicht  1993,  wie  das BFM irrtümlicherweise in seiner Verfügung vom 16. April 2008 auf S.  2 Ziff. 1 Abs. 4 festhält) nach Afghanistan zurück (act. A15/20 S. 3, Frage  und Antwort 9), ohne ihn, den Beschwerdeführer, mitzunehmen (vgl. act.  A15/20 S.  4, Frage und Antwort  13). Dieser Onkel  lebte nach Angaben  des  Beschwerdeführers  nach  seiner  Rückkehr  nach  Afghanistan  zunächst  in  Kabul  im Quartier  G._______  (vgl.  act.  A15/20  S.  5  Frage  und  Antwort  24),  scheint  nun  aber  laut  einem  mit  der  Beschwerde 

D­3317/2008 eingereichten  Brief  eines  Freundes  jenes Onkels  von  dort  weggezogen  zu  sein,  ohne  dass  derzeit  Näheres  über  seinen  momentanen  Aufenthaltsort  bekannt  wäre.  Somit  muss  davon  ausgegangen  werden,  dass der Beschwerdeführer in Kabul über keinerlei Verwandte und damit  auch  über  kein  soziales Beziehungsnetz mehr  verfügt. Mit Blick  auf  die  vorstehend  dargelegte  Situation  im  Heimatland  (vgl.  E.  7.2)  ist  der  Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers nach Kabul somit als nicht  zumutbar  zu qualifizieren. Da der Beschwerdeführer  gemäss den Akten  überdies  weder  in  den  Grossstädten  Herat  noch  Mazar­i­Sharif  über  weitere  Verwandte  verfügt,  kommt  von  vornherein  auch  keine  Aufenthaltsalternative in diesen afghanischen Städten in Frage. 7.4.  Insgesamt  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Afghanistan im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG als unzumutbar. Nachdem  sich aus den Akten keine Ausschlussgründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7  AuG  ergeben,  sind  die  Voraussetzungen  für  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme somit erfüllt. 8.  Die  Beschwerde  ist  folgerichtig  gutzuheissen,  soweit  beantragt  wird,  es  sei  die  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen;  im  Übrigen  ist  sie  abzuweisen.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  16. April  2008 sind demnach aufzuheben und das BFM  ist  anzuweisen,  den  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. Art. 44 Abs.  2 AsylG und Art. 83 Abs. 4 AuG).  9.  9.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  ist  dem  Beschwerdeführer  grundsätzlich  ein  reduzierter  Anteil  der  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  hat  im  Rahmen  seiner  Beschwerde  ein  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  gestellt,  das  vom  Instruktionsrichter  mit  Verfügung  vom  5. Juni  2008  –  unter  Vorbehalt  einer  nachträglichen  Veränderung  der  finanziellen  Verhältnisse  des  Beschwerdeführers  –  gutgeheissen  worden  ist.  Der  Beschwerdeführer  geht seit August 2009 einer Erwerbstätigkeit als H._______ im I._______  nach. Es  ist  jedoch nicht davon auszugehen, dass er dadurch Einkünfte  erzielt,  die  über  den  für  Alleinstehende  geltenden  Grundbetrag  von  Fr.  1'100.­ hinausgehen. Somit ist er nach wie vor als prozessual bedürftig zu 

D­3317/2008 betrachten, weshalb die  ihm gewährte unentgeltliche Rechtspflege nicht  zu  widerrufen  ist.  Folgerichtig  sind  ihm  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen. 9.2. Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Der  Beschwerdeführer hat seine Beschwerde selbst eingereicht. Es sind ihm  mithin  keine Kosten aus einer Vertretung entstanden  (vgl. Art.  9 Abs.  1  VGKE).  Weitere  notwendige  Auslagen  (vgl.  Art.  13  VGKE),  die  dem  Beschwerdeführer  erwachsen  sein  könnten,  sind  aufgrund  der  Akten  nicht  ersichtlich.  Folglich  ist  ihm  keine  Parteientschädigung  zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite)

D­3317/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  und  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme beantragt werden; im Übrigen ist sie abzuweisen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 16. April  2008 werden aufgehoben. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer  vorläufig  aufzunehmen. 4.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5.  Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 6.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Philipp Reimann Versand:

D-3317/2008 — Bundesverwaltungsgericht 27.07.2011 D-3317/2008 — Swissrulings