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Bundesverwaltungsgericht 11.10.2011 D-3252/2011

11 octobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,846 mots·~14 min·1

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 30. Mai 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3252/2011/sed Urteil   v om   1 1 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Daniel Willisegger, Richterin Nina Spälti  Giannakitsas, Gerichtsschreiberin Anna Dürmüller Leibundgut. Parteien A._______, geboren am _______, B._______, geboren am _______, und C._______, geboren am _______, Libyen, alle vertreten durch Christian Hoffs, Rechtsberatungsstelle  für Asylsuchende St. Gallen/Appenzell,  _______, Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­ Verfahren); Verfügung des BFM vom 30. Mai 2011 / N _______.

D­3252/2011 Sachverhalt: A.  A.a Der  Beschwerdeführer,  ein  libyscher  Staatsangehöriger  mit  letztem  Wohnsitz  in  D._______,  verliess  sein  Heimatland  eigenen  Angaben  zufolge  Anfang  Januar  2011  auf  dem  Luftweg  und  gelangte  zunächst  nach  Malta,  wo  er  am  6.  Januar  2011  angekommen  sei.  Von  dort  herkommend  reiste  er  am  7.  Januar  2011  mit  dem  Flugzeug  in  die  Schweiz  ein.  Am  11.  Februar  2011  stellte  er  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  E._______  ein  Asylgesuch  und  wurde  dort  am  21.  Februar  2011  summarisch  befragt.  Dabei  gewährte  ihm  das BFM unter  anderem  das  rechtliche  Gehör  zu  einem  allfälligen  Nichteintretensentscheid, verbunden mit einer Wegweisung nach Malta.  A.b  Anlässlich  der  Befragung  machte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  er  habe  sein  Heimatland  wegen  der  dort  herrschenden  miserablen  Lebensverhältnissen  verlassen.  Das  Hauptproblem  sei  das  Gesundheitswesen,  welches  sehr  schlecht  sei.  Zudem sei das Bildungsniveau niedrig, und das ganze Land sei korrupt.  In  Libyen  sei  praktisch  keine  Infrastruktur  vorhanden,  beispielsweise  existierten  keine  Züge.  Aus  diesen Gründen  habe  er  sich  zur  Ausreise  entschlossen. Er sei zunächst mit einem maltesischen Visum nach Malta  eingereist und von dort aus in die Schweiz gekommen. In Malta habe er  sich  über  Nacht  bei  einem  Freund  aufgehalten.  Seine  Ehefrau  (die  Beschwerdeführerin) und sein Sohn befänden sich ebenfalls in Europa, er  wolle aber nicht angeben, wo genau. Malta sei für ihn nur ein Transitland  gewesen,  er  habe  dort  keinen  Asylantrag  gestellt  und  wolle,  dass  das  Asylverfahren in der Schweiz durchgeführt werde. In Malta gebe es keine  Menschenrechte. Der Beschwerdeführer reichte im Rahmen der Befragung eine Farbkopie  des Familienbüchleins sowie seinen Führerschein zu den Akten.  A.c Mit Verfügung vom 3. März 2011 wurde der Beschwerdeführer für die  Dauer des Verfahrens dem Kanton F._______ zugewiesen. B.  B.a  Die  Beschwerdeführerin,  ebenfalls  eine  libysche  Staatsangehörige  mit  letztem  Wohnsitz  in  D._______,  verliess  ihr  Heimatland  eigenen  Angaben zufolge am 19. Februar 2011 zusammen mit dem gemeinsamen  Kind  auf  dem  Luftweg  und  gelangte  zunächst  nach  Malta,  wo  sie  sich  zwei Wochen lang aufgehalten habe. Am 5. März 2011 reiste sie von dort 

D­3252/2011 herkommend mit  dem Flugzeug  in  die Schweiz  ein  und ersuchte  am 9.  März 2011 im Empfangs­ und Verfahrenszentrum E._______ zusammen  mit  ihrem  Kind  um  Asyl  nach.  Am  17.  März  2011  wurde  die  Beschwerdeführerin  dort  summarisch  befragt.  Dabei  gewährte  ihr  das  BFM  unter  anderem  das  rechtliche  Gehör  zu  einem  allfälligen  Nichteintretensentscheid, verbunden mit einer Wegweisung nach Malta.  B.b  Anlässlich  der  Befragung  machte  die  Beschwerdeführerin  im  Wesentlichen  geltend,  sie  sei  in  die  Schweiz  gekommen,  weil  sich  ihr  Ehemann  hier  befinde.  Sie  wären  lieber  zusammen  gereist,  aber  aus  finanziellen  Gründen  sei  ihr  Ehemann  zunächst  alleine  ausgereist.  Sie  habe ihr Heimatland verlassen, weil die Lebensbedingungen dort schlecht  seien  und  es  keine Menschenrechte  gebe.  Die  Frauen  könnten  sich  in  Libyen  nicht  verwirklichen;  sie  würden  keine  gute  Ausbildung  erhalten  und keine Arbeitsstellen finden. Seit  ihrer Heirat  lebten sie und ihr Mann  bei  den  Schwiegereltern.  Ihr Mann  habe  keine  Arbeit  gefunden,  nur  im  letzten Jahr sei er als Hilfselektriker tätig gewesen. Sie habe ihren Mann  jeweils nur am Abend gesehen; das sei kein normales Leben gewesen.  Auch die medizinische Versorgung in Libyen sei schlecht: Ihrem Sohn sei  das  falsche Medikament  gespritzt worden,  nun  leide  er  an Asthma. Sie  sei  zunächst  mit  einem  maltesischen  Schengenvisum  nach  Malta  eingereist und habe dort zwei Wochen lang bei einem Onkel gewohnt. Da  ihr Sohn krank geworden sei, sei sie danach in die Schweiz weitergereist.  Nach Malta wolle sie nicht zurückkehren; sie möge Malta nicht. Sie habe  dort keinen Asylantrag gestellt. Die  Beschwerdeführerin  reichte  im  Verlauf  der  Befragung  einen  Eheschein  sowie  ein Entlassungszeugnis  des medizinischen Postens  in  D._______ (Kopien) zu den Akten. Das BFM zog zudem zwei von einer  maltesischen Arztpraxis ausgestellte Rezepte sowie die MasterCard der  Beschwerdeführerin (Kopie bei den Akten) ein.  B.c Mit  Verfügung  vom  12.  April  2011  wurden  die  Beschwerdeführerin  und  ihr  Sohn  für  die  Dauer  des  Verfahrens  dem  Kanton  F._______  zugewiesen. C.  Mit  Eingabe  vom  5.  Mai  2011  zeigte  der  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführenden  seine  Mandatsübernahme  an  und  ersuchte  um  Akteneinsicht.  Mit  zwei  Verfügungen  vom  20.  Mai  2011  entsprach  das  BFM diesem Begehren.

D­3252/2011 D.  Das  BFM  trat  auf  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  mit  Verfügung vom 30. Mai 2011 – eröffnet am 31. Mai 2011 – in Anwendung  von Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  des Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31) nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz nach  Malta  sowie  den  Wegweisungsvollzug  an.  Gleichzeitig  stellte  es  fest,  einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu. E.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  vom  8.  Juni  2011  (Faxeingang  und  Poststempel)  liessen  die  Beschwerdeführenden  diese  Verfügung  anfechten.  Dabei  wurde  beantragt,  die  angefochtene  Verfügung sei aufzuheben und das BFM sei anzuweisen, sein Recht zum  Selbsteintritt auszuüben.  In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung  der  aufschiebenden  Wirkung,  den  Erlass  superprovisorischer  Massnahmen  (Vollzugsstopp),  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  sowie Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht. Der  Beschwerde  lag  eine  Fürsorgeabhängigkeitserklärung  vom  8.  Juni  2011 bei. F.  Der  zuständige  Instruktionsrichter  verfügte  am  9.  Juni  2011  einen  superprovisorischen Vollzugsstopp (Art. 56 VwVG). G. Mit  Verfügung  vom  10.  Juni  2011  erteilte  der  Instruktionsrichter  der  Beschwerde  die  aufschiebende  Wirkung,  hiess  die  Gesuche  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  und  Kostenvorschussverzicht  gut  und  setze  dem  BFM  eine  Frist  zur  Einreichung einer Vernehmlassung. H.  In  der  Vernehmlassung  vom  27.  Juni  2011  hielt  die  Vorinstanz  vollumfänglich an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der  Beschwerde. I.  Der  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführenden  replizierte  darauf  mit  Eingabe  vom  15.  Juli  2011.  Der  Replik  lagen  der  Bericht  des  Menschenrechtskommissars  des  Europarates  vom  9.  Juni  2011  sowie 

D­3252/2011 das Themenpapier des SFH­Rechtsdienstes (Malta: Aktuelle Situation für  Verletzliche) vom 6. September 2010 bei (beides in Kopie).  J.  Mit Verfügung  vom 14. September 2011 gab der  Instruktionsrichter  den  Beschwerdeführenden Gelegenheit, sich innert Frist zu einem Bericht des  UNHCR  vom  26.  Januar  2011  betreffend  Asylverfahren,  Aufnahmebedingungen  und  Unterbringungsmöglichkeiten  in  Malta  zu  äussern.  Mit  Eingabe  vom  22.  September  2011  wurde  eine  entsprechende Stellungnahme eingereicht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  beurteilt  gestützt  auf  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  (VGG,  SR 173.32)  Beschwerden gegen Verfügungen im Sinne von Art. 5 VwVG, welche von  einer Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  vorliegt.  Demnach  ist  das  Bundesverwaltungsgericht  zuständig  für  die  Beurteilung  von  Beschwerden  gegen  Entscheide  des  BFM,  welche  in  Anwendung des AsylG ergangen sind, und entscheidet in diesem Bereich  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 2  AsylG,  Art. 52  VwVG).  Die  Beschwerdeführenden  sind  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  einzutreten.

D­3252/2011 2.  Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  sowie  die  Unangemessenheit  gerügt  werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  bei  denen  es  das  BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen  (vgl.  Art.  32  ­  35  AsylG),  ist  die  Beurteilungszuständigkeit  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten  ist. Demnach  enthält  sich  die  Beschwerdeinstanz  –  sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  einer  selbständigen materiellen Prüfung, hebt die angefochtene Verfügung auf  und weist  die Sache  zur  neuen Entscheidung  an  die Vorinstanz  zurück  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1 S. 240 f.). 4.  Gemäss Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG wird auf Asylgesuche  in der Regel  nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist. 5.  5.1.  Die  Vorinstanz  führte  zur  Begründung  ihres  Entscheids  im  Wesentlichen aus, die Beschwerdeführer seien eigenen Angaben zufolge  mit  gültigen Schengen­Visa,  ausgestellt  von  der maltesischen Botschaft  in  Tripolis,  legal  via  Malta  in  das  Hoheitsgebiet  der  Dublin­Staaten  eingereist. Somit  liege die Zuständigkeit  für  die Durchführung des Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  betreffend  die  Beschwerdeführenden  bei  Malta.  Die  Beschwerdeführenden  könnten  nicht  wählen,  wo  ihre  Asylgesuche  geprüft  werden  sollen.  Die  maltesischen  Behörden  hätten  einer  Übernahme  der  Beschwerdeführenden  zugestimmt.  Die  Rückführung  nach  Malta  habe  –  vorbehältlich  einer  allfälligen  Unterbrechung  oder  Verlängerung  der  Frist  –  spätestens  bis  zum  18. November  2011  zu  erfolgen.  Die  von  den  Beschwerdeführenden  vorgebrachten Einwände gegen eine Rückführung nach Malta  sprächen  nicht gegen die Zuständigkeit Maltas. Es lägen keine Hinweise dafür vor,  dass  Malta  seinen  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  nicht  nachkomme. 

D­3252/2011 Auf  die  Asylgesuche  sei  daher  nicht  einzutreten.  Der  Vollzug  der  Wegweisung nach Malta sei zulässig, zumutbar und möglich. 5.2.  In der Beschwerdeeingabe wird vorgebracht, einzig die maltesische  Botschaft  habe  den  Beschwerdeführenden  eine  Einreise  in  den  Schengen­Raum ermöglicht. Ziel der Beschwerdeführenden sei indessen  von  Anfang  an  die  Schweiz  gewesen,  zumal  sie  hier  über  Verwandte  (einen Onkel  sowie einen Bruder des Beschwerdeführers)  verfügten.  Im  vorliegenden  Fall  sei  die  Schweiz  aus  völkerrechtlichen  Gründen  verpflichtet,  ihr Selbsteintrittsrecht  auszuüben.  In diversen Berichten  zur  Situation  und  Behandlung  von  Asylsuchenden  in  Malta  werde  nämlich  darauf  hingewiesen,  dass  diesen  in  Malta  eine  unmenschliche  Behandlung  drohe.  Es  lägen  begründete  Anhaltspunkte  dafür  vor,  dass  Malta die durch die Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  garantierten  Rechte  verletze.  Zum  selben  Schluss  komme  auch  das  Bundesverwaltungsgericht  in  seinen  Zwischenverfügungen  E­2080/2010  vom  7.  April  2010  und D­2797/2010  vom  28.  April  2010.  Darin  würden  ausserdem  zahlreiche  Quellen  zitiert,  welche  aufzeigten,  dass  die  Bedingungen  für  Asylsuchende  in  Malta  europäischen  und  völkerrechtlichen  Mindeststandards  nicht  genügten.  Das  Bundesverwaltungsgericht  sei  in  diesen  Verfügungen  zum  Schluss  gelangt,  dass  Asylsuchende  in  Malta  Gefahr  liefen,  in  überfüllten  Haftzentren  unter  menschenunwürdigen  Bedingungen  bei  fehlender  medizinischer  und  sozialer  Versorgung  zu  leben,  womit  hinreichende  Anhaltspunkte  für  eine  Verletzung  von  Art.  3  EMRK  vorlägen.  In  der  Beschwerde  wird  sodann  (unter  Hinweis  auf  zahlreiche  weitere,  im  Internet abrufbare Berichte und Artikel) zur Situation von Flüchtlingen  in  Malta zusammenfassend Folgendes festgestellt: Asylsuchende gelangten  regelmässig  mit  Booten  von  Libyen  aus  nach  Malta.  Migranten  ohne  regulären  Aufenthaltsstatus  würden  grundsätzlich  inhaftiert  und  in  so  genannten  Detention  Centres  (geschlossene  Zentren)  aufgenommen.  Infolge Überfüllung dieser Zentren seien die Lebensbedingungen dort  im  Jahr  2009  so  schlecht  geworden,  dass  die  Organisation  Ärzte  ohne  Grenzen  aus  Protest  ihren  Einsatz  in  Malta  vorübergehend  ausgesetzt  habe.  Die  Migranten  würden  in  der  Regel  nach  18  Monaten  in  offene  Lager  überwiesen.  Dort  seien  die  Lebensbedingungen  etwas  besser,  jedoch immer noch bedenklich. Wer in Malta subsidiären Schutz erhalte,  dürfe  theoretisch  arbeiten.  Allerdings  gebe  es  kaum  freie  Arbeitsplätze,  und Migranten verdienten häufig weniger als den gesetzlich festgelegten  Mindestlohn.  Es  bestehe  Anspruch  auf  Sozialleistungen  in  Form  einer 

D­3252/2011 Pauschale von ca. €130.–/ Monat. Die Migranten seien von rassistischen  Diskriminierungen  betroffen,  ihr  Zugang  zu  verschiedenen  Sozialleistungen  sei  eingeschränkt.  Aufgrund  eines  Abkommens  zwischen Libyen und Italien seien seit Ende 2009 keine Flüchtlingsboote  mehr auf Malta angekommen. Dennoch lebten im (offenen) Lager Hal Far  im  Jahr  2010  über  500  Personen  in  Zelten.  Somit  bestünden  Anhaltspunkte, dass die Einhaltung der EMRK für Asylbewerber in Malta  nicht  gewährleistet  sei.  Zumindest  die  Haftbedingungen  stellten  einen  Verstoss  gegen  das  Verbot  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Behandlung  nach  Art.  3  EMRK  dar.  Angesichts  der  aktuellen  Lage  im  nahen  Osten,  namentlich  in  Libyen,  sei  zudem  eine  Verschärfung  der  Situation  absehbar.  In  diesem  Zusammenhang  seien  grosse  Flüchtlingsströme  nach  Malta  gelangt,  weshalb  dort  mit  einer  weiteren  Verschlimmerung der Aufnahmebedingungen zu rechnen sei. Aus diesen  Gründen sei ein Vollzug der Wegweisung nach Malta unzulässig und das  BFM  anzuweisen,  sein  Recht  auf  Selbsteintritt  auszuüben.  Wenn  eine  Abschiebung  –  wie  im  vorliegenden  Fall  –  zu  einem  klaren  Verstoss  gegen Menschenrechte  führe,  dann  bestehe  ein  einklagbarer  Anspruch  auf die Ausübung des Selbsteintrittsrechts. 5.3.  In  seiner  Vernehmlassung  äussert  sich  das  BFM  ausführlich  zum  Asylsystem  in  Malta  und  führt  dabei  Folgendes  aus:  In  Malta  könne  innerhalb von zwei Monaten ein Asylgesuch eingereicht und gegen einen  negativen Asylentscheid  innert  14  Tagen Beschwerde  erhoben werden.  Während  des  Asylverfahrens  hätten  die  Asylsuchenden  Anspruch  auf  Rechtsberatung,  medizinische  Versorgung,  Ausbildung,  Unterkunft  und  finanzielle  Unterstützung.  Dublin­Rückkehrende  würden  nach  ihrer  Ankunft  in  Malta  zunächst  für  ein  bis  zwei  Tage  in  der  geschlossenen  Transitunterkunft  am  Flughafen  untergebracht.  Personen,  deren  Asylverfahren  noch  nicht  abgeschlossen worden  sei  oder  welche  einen  Aufenthaltsstatus  hätten,  könnten  sich  im  Büro  der  Agency  for  the  Welfare of Asylum Seekers (AWAS) melden; sie hätten Anrecht auf eine  kostenlose  Unterkunft.  Dublin­Rückkehrende  mit  einem  Schutzstatus  hätten  Zugang  zu  Ausbildung,  Arbeitsmarkt  und  dem  Sozialsystem.  Arbeitslose Personen in offenen Unterkünften würden eine angemessene  finanzielle  Unterstützung  erhalten.  Die  Asylgesuche  von  Dublin­ Rückkehrenden,  welche  Malta  während  des  hängigen  Asylverfahrens  verlassen  hätten,  würden  grundsätzlich  als  zurückgezogen  betrachtet  werden. Diese Gesuche könnten aber  trotzdem weiterbearbeitet und mit  einem  Entscheid  abgeschlossen  werden.  Die  Beschwerdeführenden  hätten  bisher  in  Malta  keine  Asylgesuche  eingereicht  und  hätten  Malta 

D­3252/2011 somit nicht während eines hängigen Asylverfahrens verlassen. Sie seien  legal, mit einem Schengen­Visum, nach Malta eingereist und hätten Malta  legal wieder verlassen. Bei dieser Sachlage bestehe für die maltesischen  Behörden grundsätzlich kein Anlass, die Beschwerdeführenden bei  ihrer  Rückkehr  zu  inhaftieren  und  das  Asylgesuch  als  zurückgezogen  zu  erachten.  Die  maltesischen  Behörden  würden  der  Situation  von  besonders verletzlichen Personen dadurch Rechnung tragen, dass diese  angemessen  untergebracht  und  betreut  würden.  Minderjährige  und  Familien hätten gemäss maltesischem Recht grundsätzlich Anspruch auf  einen  Platz  in  einer  offenen  Unterkunft.  Sie  würden  in  ein  dafür  spezialisiertes  Aufnahmezentrum  transferiert.  Vor  der  Zuteilung  in  eine  offene  Unterkunft  müsse  jedoch  ein  Vulnerability  Assessment  Test  durchlaufen werden. Die Beschwerdeführenden  (eine Familie mit  einem  Kleinkind) gälten aber offensichtlich als besonders verletzliche Personen,  weshalb  sie  grundsätzlich  Anspruch  auf  einen  Platz  in  einer  offenen  Unterkunft hätten. Die Kritik, wonach die Unterkünfte stark überfüllt seien  und  kein  menschenwürdiges  Dasein  ermöglichten,  sei  zu  relativieren:  Obwohl  seit  Anfang  2011  wieder  vermehrt  Asylgesuche  in  Malta  eingereicht  worden  seien,  verfügten  die  offenen  Unterkünfte  über  genügend  freie  Kapazitäten.  Im  Übrigen  könne  aufgrund  der  Aussagen  der Beschwerdeführerin anlässlich der Befragung angenommen werden,  dass  die  Beschwerdeführenden  in  Malta  über  eine  private  Unterkunft  verfügten  und  somit  nicht  zwingend  in  einer  staatlichen  Unterkunft  untergebracht werden müssten.  Im Weiteren  sei  festzustellen,  dass  der  Zugang  zu  medizinischer  Behandlung  für  asylsuchende  Personen  in  Malta  grundsätzlich  gewährleistet  sei.  Neu  ankommende  Asylsuchende  würden medizinisch untersucht, und ernsthaft kranke Personen würden in  ein  Spital  überführt.  Die  Aufnahmezentren  verfügten  über  eine  Krankenstation, welche die medizinische Grundversorgung gewährleiste.  In Malta herrsche bei der Gesundheitsversorgung ein hoher Standard. Es  gebe  drei  regionale  Gesundheitszentren  sowie  drei  allgemeine  Krankenhäuser,  welche  alle  nach  modernsten  medizinischen  Gesichtspunkten  geführt  würden.  Der  Sohn  der  Beschwerdeführenden  leide  an  Asthma  und  benötige  Medikamente.  Die  Beschwerdeführerin  habe  zu  Protokoll  gegeben,  dass  ihr  Sohn  während  des  Zwischenaufenthaltes  in Malta erkrankt sei. Den eingereichten ärztlichen  Unterlagen  zufolge  hätten  die  Beschwerdeführenden  jedoch  Zugang  zu  ärztlicher  Behandlung  sowie  den  benötigten  Medikamenten  gehabt.  Insgesamt lägen daher keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass die  Beschwerdeführenden nach einer Überstellung nach Malta aufgrund der  dort  für  Asylsuchende  herrschenden  Zustände  der  Gefahr 

D­3252/2011 unmenschlicher  und  erniedrigender  Behandlung  im  Sinne  von  Art. 3  EMRK ausgesetzt wären.  5.4.  In  der  Replik  wird  entgegnet,  das  BFM  berufe  sich  in  seiner  Vernehmlassung  auf  Quellen,  welche  mehrheitlich  aus  dem  Frühjahr  2010  stammten  und  angesichts  der  Umwälzungen  in  Nordafrika  und  deren Auswirkungen auf  die  südlichen Schengenstaaten wohl  kaum ein  aktuelles  Bild  der  Lage  auf  Malta  wiedergäben.  Der  Menschenrechtskommissar des Europarates habe  in seinem (der Replik  beigelegten)  Bericht  gestützt  auf  einen  Besuch  vor  Ort  im  März  2011  festgestellt,  dass  es  zwar  in  Malta  für  Familien  spezielle  Unterkünfte  gebe,  diese  aber  schlecht  ausgestattet  seien,  nicht  die  speziellen  Bedürfnisse  der  Familien  bedienten  und  nur  begrenzt  aufnahmefähig  seien, weshalb  nicht  sichergestellt  sei,  dass  alle  verletzlichen Personen  dort unterkommen könnten. Aufgrund dieses Berichtes sei zudem davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführenden  bei  einer  Rückkehr  nach  Malta zunächst  in ein Detention Centre kommen würden. Aufgrund  ihrer  Verletzlichkeit würden sie nach kurzer Zeit in ein offenes Zentrum verlegt,  wo jedoch die Versorgung der Flüchtlinge offensichtlich nicht adäquat sei.  Insbesondere  in  dem von AWAS betriebenen Hal Far­Zeltdorf  und dem  dazugehörigen  Hangar  seien  die  Lebensverhältnisse  untragbar  (keine  adäquaten  Schlafstätten,  dreckige  Böden,  Toiletten  und  Küchen,  ungenügendes Licht, Ratten). Dem Bericht sei weiter zu entnehmen, dass  auch  das  Zentrum Marsa  im März  2011  offensichtlich  überfüllt  und  die  hygienischen  Bedingungen  untragbar  gewesen  seien.  Das  Zentrum  in  Dar  Qawsalla  sei  im  Dezember  2010  geschlossen  worden.  Aus  einer  Analyse der SFH vom 6. September 2010 gehe im Übrigen hervor, dass  auch  schon  vor  Beginn  der  verstärkten  Migration  aus  Nordafrika  nach  Malta die Situation in den dortigen Unterkünften in vielen Fällen unhaltbar  gewesen  sei  und  sich  seitdem  noch  verschlechtert  habe.  Angesichts  dessen  sei  die  Auffassung  des  BFM,  wonach  das  angeblich  menschenunwürdige  Dasein  im  heutigen  Zeitpunkt  stark  zu  relativieren  sei, nicht nachvollziehbar. Im Weiteren sei darauf hinzuweisen, dass der  Onkel der Beschwerdeführerin nur zeitweise in Malta in einem Mietshaus  gelebt  habe. Er  sei  nach Libyen  zurückgekehrt. Die Aussage des BFM,  wonach  für  die  Beschwerdeführenden  die  Möglichkeit  einer  privaten  Unterbringung  bestehe,  beruhe  auf  reiner  Spekulation.  Es  sei  zudem  zweifelhaft,  ob  das  maltesische  Asylsystem  überhaupt  die  Möglichkeit  einer  Verbindung  von  privater  Unterkunft  und  staatlicher  finanzieller  Unterstützung kenne. 

D­3252/2011 5.5.  In  ihrer  Stellungnahme  vom  22.  September  2009  liessen  die  Beschwerdeführenden  ausführen,  der  Bericht  des  UNHCR  vom  26.  Januar 2011 bestätige in weiten Teilen die Schilderungen der SFH sowie  des  Menschenrechtsbeauftragten  des  Europarates.  Die  Beschwerdeführenden  würden  nach  ihrer  Überstellung  nach  Malta  zunächst  in  ein  Detention  Centre  verbracht  und  nach  eventueller  Feststellung ihrer Verletzlichkeit in ein Open Centre verlegt. Das UNHCR  sage  zwar,  dass  die  Open  Centres  für  Familien  eine  vergleichsweise  bessere  Unterbringung  zu  bieten  hätten.  Allerdings  herrsche  in  diesen  Open  Centres  Platzmangel,  und  die  Beschwerdeführenden  könnten  ziemlich  sicher  nicht  dort  unterkommen.  Noch  im  März  2011,  d.h.  mehrere  Monate  nach  den  Beobachtungen  des  UNHCR,  habe  der  Menschenrechtsbeauftragte  viele  Frauen  und  Familien  vorgefunden,  welche beispielsweise  im Open Centre Hal Far  in menschenunwürdigen  Verhältnissen  hätten  ausharren  müssen.  Solange  sich  die  Aufnahmebedingungen  und  Unterbringungsmöglichkeiten  für  Asylsuchende  in Malta nicht  signifikant  geändert  hätten,  sei  der Vollzug  der Wegweisung nach Malta als unzulässig und unzumutbar zu erachten,  weshalb die Schweiz ihr Selbsteintrittsrecht auszuüben habe.  6.  Nachfolgend  ist  zu  prüfen,  ob  das  BFM  zu  Recht  gestützt  auf  Art.  34  Abs. 2 Bst. d AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht  eingetreten ist. 6.1.  Die  Beschwerdeführenden  haben  sich  vor  der  Einreise  in  die  Schweiz  eigenen  Angaben  zufolge  einen  Tag  (der  Beschwerdeführer)  respektive zwei Wochen  (die Beschwerdeführerin und das Kind)  lang  in  Malta aufgehalten und waren alle mit einem vom maltesischen Konsulat  in Tripolis ausgestellten Schengenvisum nach Malta eingereist. Aufgrund  der  Aktenlage  sowie mit  Blick  auf  die  anwendbaren  Bestimmungen  der  einschlägigen  Staatsverträge  (vgl.  namentlich  das  Abkommen  vom  26. Oktober 2004 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen  Staates  für  die  Prüfung  eines  in  einem  Mitgliedstaat  oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  [Dublin­ Assoziierungsabkommen {DAA}, SR 0.142.392.68] sowie die Verordnung  [EG] Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung der  Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaates, der  für die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  [Dublin­II­VO]  und  die  Verordnung 

D­3252/2011 [EG]  Nr.  1560/2003  der  Kommission  vom  2.  September  2003  mit  Durchführungsbestimmungen  zur  Verordnung  [EG]  Nr.  343/2003  des  Rates [DVO Dublin]) ist somit im vorliegenden Fall grundsätzlich Malta für  die Durchführung  des Asyl­  und Wegweisungsverfahrens  betreffend  die  Beschwerdeführenden zuständig (vgl. insbesondere Art. 9 Abs. 2 Dublin­ II­VO). Die maltesischen Behörden haben denn auch einer Aufnahme der  Beschwerdeführenden  am  18.  Mai  2011  ausdrücklich  zugestimmt  (vgl.  A30).  Gemäss  Art.  19  Abs.  3  Dublin­II­VO  beginnt  die  sechsmonatige  Überstellungsfrist  ab  Zustimmung  beziehungsweise  der  Entscheidung  über  einen  Rechtsbehelf,  falls  dieser  aufschiebende  Wirkung  hat,  zu  laufen.  Im  vorliegenden Fall wurde der Beschwerde mit Verfügung  vom  10. Juni  2011  die  aufschiebende  Wirkung  erteilt.  Somit  beginnt  die  sechsmonatige Überstellungsfrist mit dem Entscheid über die vorliegende  Beschwerde (neu) zu laufen. Der in Art. 9 Abs. 1 DVO­Dublin statuierten  Unterrichtungspflicht  ist  das  BFM  mit  Mitteilung  vom  15.  Juni  2011  nachgekommen. Nach dem Gesagten können die Beschwerdeführenden  grundsätzlich ohne weiteres in einen Drittstaat (Malta) ausreisen, welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich zuständig ist. 6.2. Beim Dublin­Verfahren gemäss Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG handelt  es  sich  um  ein  Überstellungsverfahren  in  den  für  die  Prüfung  des  Asylgesuchs  zuständigen  Mitgliedstaat.  Systembedingt  bleibt  bei  dieser  Verfahrensart  kein  Raum  für  die  Anordnung  von  Ersatzmassnahmen  im Sinne  von Art.  44 Abs.  4 AsylG  i.V.m. Art.  83  Abs.  1  ­  4  des  Bundesgesetzes  vom  16.  Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20).  Allfällige  Wegweisungshindernisse sind  in Dublin­Verfahren stattdessen bereits  im Rahmen des Nichteintretensentscheides selbst zu prüfen. 6.3.  Seitens  der  Beschwerdeführenden  wird  unter  anderem  vorgebracht,  der  Beschwerdeführer  habe  in  der  Schweiz  Verwandte,  und  zwar  zwei  Brüder  sowie  einen  Onkel  (vgl.  A5  S.  4  sowie  Beschwerde S. 4). Dieser Umstand führt indessen nicht dazu, dass die  Schweiz  anstelle  von Malta  für  die  Behandlung  der  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  zuständig  ist.  Die  in  diesem  Zusammenhang  allenfalls  interessierende  Bestimmung  von  Art.  15  Dublin­II­VO,  die  sogenannten  Humanitäre  Klausel,  gelangt  nämlich  grundsätzlich  nur  dann  zur  Anwendung,  wenn  sich  ein  Asylbewerber  in  dem  für  die  Prüfung  zuständigen  Staat  (i.c.  Malta;  vgl.  vorstehend)  aufhält,  was  vorliegend  offensichtlich  nicht  der  Fall  ist.  Im Weiteren  zählen  Onkel 

D­3252/2011 und  Brüder  eines  volljährigen  Asylgesuchstellers  ohnehin  nicht  zu  dessen  Kernfamilie  und  sind  daher  nicht  als  Familienangehörige  im  Sinne  von  Art.  2  Dublin­II­VO  zu  betrachten.  Folglich  stellt  eine  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden  nach Malta  keine  Verletzung  der  massgeblichen  Bestimmungen  der  Dublin­II­VO  oder  von  Art.  8  EMRK dar. 6.4. Im Weiteren  ist zu prüfen, ob  im vorliegenden Fall allenfalls unter  dem Blickwinkel  der Souveränitätsklausel  von Art.  3 Abs.  2 Dublin­II­ VO  ein  Abweichen  von  der  festgestellten  Zuständigkeit  Maltas  gerechtfertigt  wäre.  Grundsätzlich  ist  es  so,  dass  die Mitgliedstaaten  jeden Asylantrag prüfen, den ein Drittstaatsangehöriger an der Grenze  oder  im Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats stellt  (Art. 3 Abs. 1 Dublin­ II­VO). Der Antrag wird von einem einzigen Mitgliedsstaat geprüft, der  nach  den  Kriterien  des  Kapitels  III  der  Dublin­II­VO  als  zuständiger  Staat bestimmt wird. Gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO kann indessen  jeder  Mitgliedstaat  abweichend  von  der  in  Abs.  1  statuierten  Grundsatzregel einen von einem Drittstaatsangehörigen eingereichten  Asylantrag  prüfen,  auch  wenn  er  nach  den  in  der  Dublin­II­VO  festgelegten  Kriterien  nicht  für  die  Prüfung  zuständig  ist.  Der  betreffende Mitgliedstaat wird  dadurch  zum  zuständigen Mitgliedstaat  im Sinne der Dublin­II­VO und übernimmt die mit dieser Zuständigkeit  einhergehenden Verpflichtungen. Diese Regelung ermöglicht es einem  nach den Kriterien der Dublin­II­VO nicht  zuständigen Staat,  von sich  aus  einen  Asylantrag  zu  prüfen.  Art.  3  Abs.  2  regelt  somit  eine  Situation,  in  welcher  sich  die  asylsuchende  Person  in  einem  für  die  Prüfung  des  Asylantrages  eigentlich  unzuständigen  Staat  befindet,  dieser Staat aber das Asylverfahren selbst durchführen will. 6.5.  Nach  dem  Gesagten  ist  es  also  dem  nach  den  Kriterien  der  Dublin­II­VO  nicht  zuständigen  Mitgliedsstaat  erlaubt,  von  sich  aus  einen  Asylantrag  zu  prüfen.  Da  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  keine  inhaltlichen Vorgaben enthält,  liegt es grundsätzlich  im Ermessen der  Mitgliedstaaten  zu  bestimmen,  unter  welchen  Voraussetzungen  ein  solcher Selbsteintritt erfolgen soll. Allerdings ist mit Blick auf Sinn und  Zweck  der  Dublin­II­Verordnung  davon  auszugehen,  dass  einerseits  eine  extensive  Anwendung  des  Selbsteintrittsrechts  nicht  erwünscht  ist, da dadurch das Zuständigkeitssystem der Dublin­II­VO ausgehöhlt  und  die  praktische  Wirksamkeit  der  Verordnung  in  Frage  gestellt  würde,  andererseits  jedoch  ausnahmsweise  auch  Konstellationen  denkbar sind,  in denen die Durchsetzung einer nach der Dublin­II­VO 

D­3252/2011 feststehenden  Zuständigkeit  eine  Verletzung  der  EMRK  bedeuten  würde  (z.B.  besondere  humanitäre  Gründe)  und  ein  Selbsteintritt  demzufolge  zwingend  wahrzunehmen  wäre  (vgl.  dazu  CHRISTIAN  FILZWIESER/ANDREA  SPRUNG,  Dublin  II­Verordnung,  das  Europäische  Asylzuständigkeitssystem,  3.  Auflage, Wien/Graz  2010,  Kapitel  II,  K8  zu Art.  3, S.  74). Ein Selbsteintritt  erscheint  insbesondere auch dann  gerechtfertigt, wenn die Rückkehr der gesuchstellenden Person in den  zuständigen  Mitgliedsstaat  eine  konkrete  Existenzgefährdung  (beispielsweise aus medizinischen Gründen) zur Folge hätte. Art. 29a  Abs. 3  der  Asylverordnung  1  über  Verfahrensfragen  vom  11.  August  1999  (AsylV 1, SR 142.311)  sieht  denn auch  vor,  dass das BFM aus  humanitären  Gründen  das  Asylgesuch  auch  dann  behandeln  kann,  wenn die Prüfung ergeben hat, dass ein anderer Staat dafür zuständig  ist.  6.6.  Seitens  der  Beschwerdeführenden  wird  geltend  gemacht,  vorliegend sei ein Selbsteintritt der Schweiz aus humanitären Gründen  angezeigt  (vgl.  dazu  vorstehend  E.  5.2,  5.4  und  5.5).  Dazu  ist  Folgendes festzustellen: 6.6.1. Den  Akten  zufolge  sind  die  Beschwerdeführenden  auf  legalem  Weg  (mit  einem maltesischen Schengenvisum)  nach Malta  eingereist  und haben dort keine Asylgesuche gestellt. Sie haben Malta demnach  ebenfalls  legal  verlassen.  Bei  einer  Rücküberstellung  nach  Malta  würden  die  maltesischen  Behörden  gestützt  auf  die  Asylgesuchstellung in der Schweiz ein neues Asylverfahren betreffend  die Beschwerdeführenden eröffnen. Als Dublin­Rückkehrende würden  die Beschwerdeführenden  nach  ihrer  Ankunft  in Malta  vorerst  ein  bis  zwei Tage  in einer Transitunterkunft  am Flughafen untergebracht. Da  sie  ursprünglich mit  einem gültigen Visum nach Malta  eingereist  sind  und  nun  im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens  dorthin  rücküberstellt  würden,  dürften  sie  gemäss  maltesischem  Recht  nicht  als  irreguläre  beziehungsweise  sogenannte  "verbotene"  Migranten  gelten,  weshalb  grundsätzlich keine Veranlassung  für eine  Inhaftierung bestünde  (vgl.  Art. 5 Abs. 1  i.V.m. Art. 14 Abs. 2 des maltesischen Immigration Act).  Es ist daher davon auszugehen, dass die Beschwerdeführenden nach  ihrem Aufenthalt  in der Transitunterkunft am Flughafen ohne weiteres  in ein speziell für verletzliche Personen respektive für Eltern mit jungen  Kindern  geeignetes  offenes  Zentrum  (z.B.  das  Dar  il­Liedna  Open  Centre  oder  das Good Shepherd Home)  überführt würden,  zumal  die  Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden zur Gruppe der verletzlichen 

D­3252/2011 Personen offensichtlich ist und keiner längeren Abklärung bedarf. Zwar  bestehen  in  den  für  verletzliche  Personen  geeigneten  Zentren  nach  wie  vor  Kapazitätsengpässe,  weshalb  es  vorkommen  kann,  dass  verletzliche  Personen  ausnahmsweise  vorübergehend  im  grösseren  Hal Far Open Centre oder Ehepartner  in  verschiedenen Unterkünften  untergebracht werden müssen (vgl. dazu den Bericht des UNHCR vom  26. Januar  2011,  S.  8,  sowie  den  als  Beweismittel  eingereichten  Bericht des Menschenrechtsbeauftragten des Europarates vom 9. Juni  2011,  S.  1,  5).  Dies  ist  unbefriedigend,  zurzeit  aber  angesichts  der  begrenzten  Kapazitäten  in  den  Aufnahmezentren  in  Malta  kaum  zu  vermeiden.  In  der  Regel  werden  die  verletzlichen  Personen  jedoch  umgehend umplatziert, sobald in einer geeigneten Unterkunft ein Platz  frei wird. Die blosse Möglichkeit, dass die Beschwerdeführenden nach  ihrer  Rücküberstellung  nach  Malta  vorübergehend  einem  grösseren,  für verletzliche Personen grundsätzlich ungeeigneten offenen Zentrum  zugewiesen  würden,  vermag  daher  die  Rückschaffung  nach  Malta  nicht  als  unter  humanitären  Gesichtspunkten  unzumutbar  erscheinen  zu  lassen.  Die  Lebensbedingungen  in  den  kleineren,  verletzlichen  Personen  vorbehaltenen  offenen  Zentren  sind  deutlich  besser  als  beispielsweise  im  Open  Centre  Hal  Far.  Insbesondere  verfügen  namentlich  die  beiden  vorstehend  genannten  kleineren  Zentren  dem  Bericht  des  UNHCR  vom  26.  Januar  2011  zufolge  über  akzeptable  sanitäre  Anlagen  und  Zugang  zu  zahlreichen  Diensten.  Sie  sind  überdies  zentral  gelegen,  und  es  ist  dort  mehr  Betreuungspersonal  vorhanden. 6.6.2.  Im  Übrigen  ist  mit  Blick  auf  die  Akten  festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführenden auf Malta offensichtlich private Kontakte haben.  So  hat  der  Beschwerdeführer  angegeben,  er  habe  dort  bei  einem  Freund  übernachtet  (vgl.  A5  S.  7),  und  die  Beschwerdeführerin  erklärte,  sie  und  das  Kind  hätten  sich  zwei  Wochen  lang  bei  ihrem  Onkel  in  Balzan  aufgehalten  (vgl.  A14  S.  6).  Angesichts  dessen  ist  davon auszugehen, dass es den Beschwerdeführenden allenfalls auch  möglich  wäre,  sich  für  die  Dauer  des  Asylverfahrens  in  Malta  zumindest  teilweise  bei  den  genannten  Privatpersonen  aufzuhalten.  Da  dies  eine  Entlastung  der  staatlichen  Asylstrukturen  bedeuten  würde,  erscheint  es  wenig  wahrscheinlich,  dass  die  maltesischen  Behörden  auf  einen  diesbezüglichen  Vorschlag  der  Beschwerdeführenden ablehnend reagieren würden. In der Replik vom  15.  Juli  2011  wird  zwar  vorgebracht,  der  Onkel  der  Beschwerdeführerin  habe  das  Haus  in  Malta  bloss  gemietet  und  sei 

D­3252/2011 nun  nach  Libyen  zurückgekehrt.  Abgesehen  davon,  dass  diese  unsubstanziierte,  unbelegte  und  nachgeschobene  Behauptung  wenig  glaubhaft  erscheint,  ändert  dies  nichts  daran,  dass  die  Beschwerdeführenden  nach  wie  vor  die  Möglichkeit  hätten,  gegebenenfalls  eine  Zeitlang  beim  Freund  des  Beschwerdeführers  unterzukommen.  6.6.3.  In  Bezug  auf  die  Frage  der  medizinischen  Versorgung  ist  festzuhalten, dass das Gesundheitswesen in Malta einen relativ hohen  Standard  aufweist.  Personen  aus  dem  Asylbereich  haben  zudem  grundsätzlich  Anrecht  auf  unentgeltlichen  Zugang  zur  Gesundheitsversorgung.  Den  Akten  zufolge  leidet  der  Sohn  der  Beschwerdeführenden an Asthma und benötigt Medikamente. Mit Blick  auf  die  vom  BFM  eingezogenen  ärztlichen  Rezepte  aus  Malta  ist  festzustellen,  dass  ihm  in  Malta  eine  adäquate  medizinische  Behandlung zuteil wurde. Bei dieser Sachlage ist  im vorliegenden Fall  auch  kein  medizinisch  indiziertes  Wegweisungsvollzugshindernis  ersichtlich. 6.6.4.  Nach  dem  Gesagten  bestehen  insgesamt  keine  konkreten  Hinweise  darauf,  dass  den  Beschwerdeführenden  in  Malta  unmenschliche Behandlung oder eine konkrete Gefahr  im Sinne einer  existenzbedrohenden  Situation  drohen.  Demnach  besteht  für  die  Schweizerischen  Asylbehörden  keine  Veranlassung,  in  Abweichung  von  der  festgestellten  Zuständigkeitsordnung  vom  Selbsteintrittsrecht  gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO Gebrauch zu machen. 6.7. Mit Blick auf die vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass das  BFM  im  Ergebnis  zu  Recht  in  Anwendung  von  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  auf  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  nicht  eingetreten ist.  7.  7.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.2.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch haben sie Anspruch auf  Erteilung einer solchen (vgl. EMARK 2001 Nr. 21). Die Wegweisung steht 

D­3252/2011 demnach  im  Einklang  mit  den  gesetzlichen  Bestimmungen  und  ist  zu  bestätigen. 8.  Wie  bereits  vorstehend  erwähnt  (vgl.  E.  6.2),  besteht  beim  Dublin­ Verfahren  im Sinne von Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG systembedingt kein  Raum  für Ersatzmassnahmen  im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG  i.V.m.  Art.  83  Abs.  1  ­  4  AuG.  Die  Prüfung  allfälliger  Wegweisungsvollzugshindernisse  hat  daher  bereits  im  Rahmen  des  Nichteintretensentscheides  selber  zu  erfolgen,  namentlich  unter  dem  Blickwinkel der Souveränitätsklausel von Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO. Diese  gelangt  jedoch  im  vorliegenden  Fall  aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  nicht  zu  Anwendung  Der  vom  Bundesamt  verfügte  Wegweisungsvollzug nach Malta ist demnach zu bestätigen. 9.  Aus  diesen  Erwägungen  folgt,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen. 10.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  dessen  Kosten  den  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Da  die  Beschwerdeführenden  indessen  unentgeltliche  Rechtspflege  geniessen,  sind  vorliegend  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art.  65  Abs.  1  VwVG).  (Dispositiv nächste Seite)

D­3252/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Anna Dürmüller Leibundgut Versand:

D-3252/2011 — Bundesverwaltungsgericht 11.10.2011 D-3252/2011 — Swissrulings