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Bundesverwaltungsgericht 27.12.2011 D-2996/2009

27 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,569 mots·~18 min·4

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 24. April 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­2996/2009 law/joc/sed Urteil   v om   2 7 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka,   vertreten durch Barbara Frei­Koller, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 24. April 2009 / N (…).

D­2996/2009 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, ein ethnischer Tamile und Hindu, verliess seinen  Heimatstaat  eigenen Angaben  zufolge  am 17. April  2008  und  reiste  am  23. April 2008 in die Schweiz ein, wo er am folgenden Tag im Empfangs­  und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl nachsuchte. Dort wurde er  am 25. April 2008 zu seiner Person, zum Reiseweg und summarisch zu  den Gründen für das Verlassen seines Heimatlandes befragt. Am 13. Juni  2008 hörte ihn das BFM einlässlich zu den Asylgründen an.  B.  Zur  Begründung  seines  Asylgesuches  machte  er  im  Rahmen  dieser  Anhörungen  im  Wesentlichen  geltend,  er  sei  gezwungen  worden,  von  1999  bis  2006  für  die  LTTE  (Liberation  Tigers  of  Tamil  Eelam;  Rebellengruppe  Befreiungstiger  von  Tamil  Eelam,  "Tamil  Tigers")  in  I._____  sowie  in  M._____  zu  arbeiten.  Deswegen  sei  er  am  10. März  2008  durch  Angehörige  der  Armee  festgenommen,  in  einem  Camp  verhört,  gefoltert  und  sexuell  missbraucht  worden.  Man  habe  ihn  dazu  gebracht,  vier  seiner  LTTE­Kollegen  zu  verraten.  Zwei  dieser  Kollegen  seien  durch  die  Armee  erschossen  und  zwei  verhaftet  worden.  Am  15. März  2008  sei  ihm  die  Flucht  gelungen.  Danach  habe  er  sich  zunächst  bei  seiner  Grossmutter  versteckt  gehalten.  Mit  Hilfe  eines  muslimischen  Freundes  seines  Vaters,  der  ihn  als  seinen  Sohn  ausgegeben habe, sei er am 1. April 2008 von B._______ (Distrikt Jaffna)  nach Colombo geflogen. Am 17. April 2008 sei er dann weiter nach Kuala  Lumpur (Malaysia) und danach via Bahrein und Amman (Jordanien) nach  Zürich geflogen.  Zur  Stützung  seiner  Vorbringen  reichte  er  einen  Geburtsschein,  eine  Kopie  einer  Identitätskarte,  einen  Zeitungsbericht  und  einen  Führerausweis beim BFM ein. C.  Das BFM erachtete diese Vorbringen mit Verfügung vom 7. April 2009 als  nicht  glaubhaft,  stellte  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch  vom  24. April  2008 ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und  ordnete den Vollzug der Wegweisung an.  D.  Gegen  diesen  Entscheid  liess  der  Beschwerdeführer  mittels  Eingabe 

D­2996/2009 seiner  Rechtsvertreterin  vom  8. Mai  2009  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  die  Verfügung  des BFM sei  aufzuheben  und  es  sei  ihm Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit,  allenfalls  die  Unzumutbarkeit  des  Vollzuges  der  Wegweisung  festzustellen  und  ihm  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren.  Subeventualiter  sei  der  Entscheid  zur  Neubeurteilung  an  das  BFM  zurückzuweisen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  liess  er  zudem  beantragen,  es  sei  ihm  die  unentgeltliche  Rechtspflege  zu  gewähren,  eventualiter  sei  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  zu  verzichten,  ferner  seien  mittels  vorsorglicher  Massnahmen  die  Vollzugsbehörden  anzuhalten,  von  allfälligen  Vollzugshandlungen  abzusehen.  Der  Beschwerde  lagen  –  nebst  der  angefochtenen  Verfügung  im  Original  und  einer  Vertretungsvollmacht –  ein Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 11. Dezember 2008  (SFH) und eine Kopie eines Flugtickets Jaffna­Colombo vom 26. Januar  2008 bei.  E.  Mit  Zwischenverfügung  vom  25. Mai  2009  trat  der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  auf  den  Antrag  des  Beschwerdeführers,  die  kantonalen Vollzugsbehörden seien anzuhalten,  von  allfälligen  Vollzugsmassnahmen  abzusehen,  nicht  ein.  Das Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  hiess  er  unter  der  Voraussetzung des Nachweises der Bedürftigkeit und unter Vorbehalt der  Veränderung  der  finanziellen  Lage  gut.  Im  Weiteren  forderte  er  den  Beschwerdeführer  auf,  bis  zum  9. Juni  2009  den  Beleg  für  seine  Bedürftigkeit  zu erbringen oder einen Kostenvorschuss von Fr. 600.– zu  bezahlen, ansonsten auf die Beschwerde nicht eingetreten werde.  F.  Am  6. Juni  2009  zahlte  der  Beschwerdeführer  den  Kostenvorschuss  in  der Höhe von Fr. 600.– zu Gunsten der Gerichtskasse ein.  G.  Das  BFM  wurde  mit  Verfügung  vom  11. Juni  2009  durch  den  Instruktionsrichter zur Vernehmlassung eingeladen.  H.  In  seiner  Stellungnahme  vom  30. Juni  2009  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde. 

D­2996/2009 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls  in  der Regel  –  so  auch  vorliegend  –  endgültig  (Art. 105  des Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochten  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde ist einzutreten.  2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 

D­2996/2009 Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2. Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft  ist die  Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität  der  Verfolgungsfurcht  ebenfalls  wesentlich.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.4  S. 38 f.,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2000 Nr. 2 E. 8a S. 20; WALTER STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.17 und 11.18).  3.3.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG).  Grundsätzlich  sind  die  Vorbringen  eines  Gesuchstellers  dann  glaubhaft,  wenn  sie  genügend  substanziiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel sind; sie dürfen sich nicht  in vagen Schilderungen erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten  nicht  widersprüchlich  sein  oder  der  inneren  Logik  entbehren  und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen.  Darüber  hinaus  muss  die  gesuchstellende  Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht  der  Fall  ist,  wenn  sie  ihre  Vorbringen  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abstützt,  aber  auch  dann,  wenn  sie  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung  bedeutet  ferner  –  im  Gegensatz  zum  strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum  für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers.  Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Gründe, die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Asylsuchenden 

D­2996/2009 sprechen,  überwiegen  oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise abzustellen (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.). 3.4.  Infolge  des  in  Sri  Lanka  im Mai  2009  beendeten Bürgerkriegs  und  der  seither  massgeblich  verbesserten  Sicherheitslage  (vgl.  dazu  nachstehend  E. 3.6)  ist  aus  heutiger  Sicht  zwar  auszuschliessen,  dass  der Beschwerdeführer wie von ihm geltend gemacht, bei einer Rückkehr  Verfolgungsmassnahmen  durch  die  LTTE  zu  gewärtigen  hätte,  da  die  LTTE  im gesamten Staatsgebiet  von Sri  Lanka  zerschlagen worden  ist.  Eine  Glaubhaftigkeitsprüfung  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  drängt sich indessen auf, da – wie unter E. 3.6 nachstehend aufgezeigt –  allfällige  und  wie  vorliegend  vom  Beschwerdeführer  angegebene  Kontakte zu den LTTE und die damit verbundene Suche durch die Armee  unter  Umständen  auch  nach  Beendigung  des  Bürgerkriegs  in  flüchtlingsrechtlicher Hinsicht asylrechtlich relevant sein können.  3.5.  3.5.1.  Aus  den  Protokollen  ist  ersichtlich,  dass  der  Beschwerdeführer  während  seinen  Erzählungen  bei  der  Erstbefragung  mehrmals  weinte.  Dies insbesondere an jener Stelle, an der er erwähnte, er sei durch einen  Armeeangehörigen sexuell missbraucht worden (vgl. act. A1/11 S. 5 und  7). Auch während der einlässlichen Befragungen kam es zu emotionalen  Ausbrüchen.  Der  Beschwerdeführer  begann  nach  seiner  Aussage,  der  Raum  im Camp, wo er  durch die Armee  festgehalten worden  sei,  habe  wie  eine  Folterkammer  ausgesehen,  zu  weinen  (vgl.  act.  A8/29  S. 19).  Gegen  Schluss  der  Anhörung,  auf  die  Frage  hin,  wie  es  ihm  gesundheitlich gehe, weinte er ebenfalls (vgl. act. A8/29 S. 24). Aufgrund  dieser  Realkennzeichen  ist  nicht  auszuschliessen,  dass  der  Beschwerdeführer Misshandlungen oder allenfalls in Form von sexuellen  Belästigungen  in  seinem  Heimatland  ausgesetzt  gewesen  sein  könnte.  Indessen scheint  nicht als überwiegend wahrscheinlich, dass sich diese  Ereignisse  in  dem  von  ihm  geltend  gemachten  Zusammenhang  abgespielt haben. 3.5.2.  Der  Beschwerdeführer  gab  an  der  Erstbefragung  im  EVZ  zu  Protokoll, er sei 1999 durch die LTTE  in  I._______ gezwungen worden,  für sie zu arbeiten. Bis 2002 sei er als Fahrer für die LTTE tätig gewesen.  Danach  sei  er  für  die Bewegung  in M._______ und dort  für  die Region  C._______  verantwortlich  gewesen.  Er  habe  Versammlungen  für  die  Ladeninhaber  organisieren  und  Feierlichkeiten  der  LTTE  vorbereiten  müssen (vgl. act. A1/11 S. 6). Auf die Frage, bis wann er diese politische 

D­2996/2009 Tätigkeit für die LTTE ausgeübt habe, antwortet er: "Seit meiner Ankunft  in  M._______  bis  zu  meiner  Festnahme  vom  10. März  2008"  (vgl.  act.  A1/11 S. 6). Während der einlässlichen Befragung gab er demgegenüber  an,  im  Jahre  2003  habe  die  LTTE  ihn  nach  M._______  geschickt,  um  politische Arbeiten zu erledigen. Er habe sich bis  im August 2006, nach  der Sperrung der Strasse nach M._______, in einem Camp in D._______  aufgehalten, danach habe er sich zu Hause bei seinen Eltern sowie bei  seiner  Tante  und  seiner  Grossmutter  aufgehalten;  er  habe  nicht  gearbeitet,  auch  nicht  für  die  LTTE  (vgl.  act.  A8/29  S. 11 f.  und  S. 14).  Übereinstimmend  mit  dem  BFM  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  damit  unterschiedliche  Angaben  zur  Dauer  seiner  Tätigkeit  bei  den LTTE  in M._______ gemacht  hat. Der Einwand  in der  Beschwerde, wer einmal  für die LTTE  tätig  sei,  sei grundsätzlich  immer  für diese tätig, vermag die divergierenden Angaben nicht überzeugend zu  erklären.  Auch  die  Argumentation,  nach  der  Schliessung  der  Strasse  hätten  die  LTTE  sich  verstecken  müssen  und  keine  Aufgaben  mehr  verteilt,  er  sei  jedoch  weiterhin  ein  Gefährte  der  LTTE  gewesen,  ist  stichhaltige  Erklärung  für  die  unterschiedlichen  Angaben  des  Beschwerdeführers, zumal bekanntlich die Schliessung der A9 die LTTE  nicht  daran  hinderte,  im Norden  der  Halbinsel  Jaffna weiterhin  aktiv  zu  sein respektive einen offenen Krieg gegen die Regierung zu führen. Der  Beschwerdeführer wurde in den Anhörungen zwar nicht explizit auf seine  widersprüchlichen  Angaben  angesprochen.  Es  besteht  jedoch  grundsätzlich kein Anspruch auf Konfrontation mit Widersprüchen in den  eigenen  Aussagen  (vgl.  EMARK  1994  Nr. 13  E. 3b  S. 113 ff.).  Der  Beschwerdeführer wurde zudem mehrmals konkret danach gefragt, ob er  ab  Juli  2006  weiterhin  für  die  LTTE  aktiv  gewesen  sei  (vgl.  act.  A8/29  S. 12  und  S. 13).  Der  wesentliche  Sachverhalt  ist  diesbezüglich  vollständig erstellt. Entgegen der  in der Beschwerde vertretenen Ansicht  kann somit im Vorgehen des BFM kein Verfahrensfehler erblickt werden. 3.5.3. Wie  erwähnt,  gab  der Beschwerdeführer  zu Protokoll,  nach  2006  nicht mehr für die LTTE gearbeitet zu haben. Er wisse nichts davon, dass  die  LTTE  ihm  danach  nachgestellt  hätte.  Er  habe  keinen  Kontakt mehr  zur  LTTE  gehabt  (vgl.  act.  A8/29  S. 13 f.).  Diese  Antworten  lassen –  entgegen dem Einwand in der Beschwerde – durchaus die Interpretation  zu, er habe nach August 2006 nicht mehr für die LTTE gearbeitet, weil er  dies  nicht  mehr  wollte.  Es  ist  daher  nicht  plausibel,  weshalb  der  Beschwerdeführer  oder  Angehörige  von  ihm  seitens  der  LTTE  keinen  Sanktionen  ausgesetzt  waren,  obwohl  ihm  bereits  einmal  angedroht  wurde,  bei  Verweigerung  seiner  Mithilfe  werde  seine  Schwester  zu 

D­2996/2009 entführt  (vgl. act. A8/29 S. 13 f.). Mit Strafaktionen der LTTE hätte er  im  Übrigen  spätestens  nach  dem  von  ihm  beschriebenen  Verrat  an  vier  LTTE­Angehörigen im März 2008 (vgl. act. A1/11 S. 7, act. A9/28 S. 16)  rechnen müssen. Weshalb  lediglich Armee­ nicht aber auch Angehörige  der LTTE nach seiner angeblichen Flucht vom 15. März 2008 bei ihm zu  Hause respektive seinen Eltern vorstellig geworden sind (vgl. act. A8/29  S. 7), bleibt unklar. Angesichts des Verrates an den LTTE  ist auch nicht  verständlich,  weshalb  eine  derart  gut  strukturierte  und  organisierte  Gruppierung  ihn nicht etwa bei seiner Grossmutter, bei der er sich nach  seiner  Flucht  bis  zu  seinem  Abflug  von  B._______  aus  aufhielt,  hätte  aufspüren  können.  Es  erscheint  mithin  nicht  glaubhaft,  dass  der  Beschwerdeführer für diese Organisation in dem von ihm beschriebenen  Umfang und Zeitdauer gearbeitet hat.  3.5.4.  Dem  BFM  ist  beizupflichten,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  der  Erstbefragung  nicht  erwähnte,  er  sei  bereits  vor  seiner  Festnahme am 10. März 2008 von der Armee gesucht worden. Entgegen  dem Einwand in der Beschwerde lassen seine diesbezüglichen Aussagen  darauf  schliessen,  dass  er  erst  nach  seiner  Flucht  vom  15. März  2008  durch die Behörden gesucht wurde. So antwortet er auf die Frage, ob in  den  fünfzehn Tagen nach  seiner Flucht  etwas passiert  sei:  "Mein Vater  hat mir erzählt, dass die Soldaten zu uns nach Hause kamen und dass  sie mich gesucht haben." Zugleich erklärte er, vor seiner Festnahme habe  er keine Probleme mit der Armee gehabt, da er selten zu Hause gewesen  sei  und  er  und  die  vier  anderen  Jungs  sich  an  verschiedenen  Orten  aufgehalten hätten (vgl. act. A1/11 S. 6). Erst während der einlässlichen  Anhörung erklärte er, er sei ab Januar 2008 zu Hause mehrmals gesucht  und  seine  Eltern  seien  aufgefordert  worden,  ihm  mitzuteilen,  sich  im  Camp  zu melden  (vgl.  act.  A8/29  S. 18).  Hätte  die  sri­lankische  Armee  tatsächlich  ein  Interesse am Beschwerdeführer  gehabt,  ist  sodann nicht  plausibel,  weshalb  es  dieser  erst  im März  2008  gelungen  sein  soll,  ihn  festzunehmen.  Im  Jahre  2006  bestanden  im  Distrikt  Jaffna  rigorose  Sicherheitskontrollen. Ausserdem hat  sich der Beschwerdeführer  seinen  Angaben zufolge von 2006 bis zu seiner Festnahme im März 2008 nicht  ständig versteckt; vielmehr hielt er sich unter anderem bei seinen Eltern  in E._______  (Distrikt  Jaffna),  seiner Grossmutter  in F._______  (Distrikt  Jaffna)  und bei  seiner Tante auf  (vgl.  act. A1/11 S. 1 und 6,  act. A8/29  S. 4, 11 und 16). Für die Armee wäre er  somit an sich  leicht auffindbar  gewesen.  Dass  die  Eltern  ihn  bei  seinen  Freunden  und  Verwandten  besucht haben sollen, nachdem er Probleme bekommen habe  (vgl. act.  A8/29  S. 4),  leuchtet  ebenfalls  nicht  ein.  Mit  dem  BFM  ist  davon 

D­2996/2009 auszugehen,  dass  eine  wirklich  gefährdete  Person  nicht  das  Risiko  eingehen würde, seine Eltern an deren Wohnsitz aufzusuchen. Dass der  Beschwerdeführers jeweils zu Hause bei den Eltern gegessen respektive  diese ab und zu besucht haben soll, ist vor diesem Hintergrund ebenfalls  nicht nachvollziehbar (vgl. act. A1/11, act. A8/29 S. 4, 11, 16, 18 und 25).  Dies umso mehr, da seit Januar 2008 die Soldaten monatlich zweimal bei  seinen  Eltern  erschienen  und  diese  aufgefordert  haben  sollen,  ihm  mitzuteilen,  er  solle  sich  bei  ihnen  im  Camp  melden  (vgl.  act.  A8/29  S. 18). Unverständlich  ist  zudem, dass sich der Beschwerdeführer nach  seiner  Flucht  vom  15. März  2008  wiederum  bei  seiner  Grossmutter  versteckt hat (vgl. act. A8/29 S. 16), wäre er dort für die Armee ebenfalls  leicht  greifbar  gewesen.  Dass  sein  Vater  ihn  auch  dort  ohne  Weiteres  besuchen  konnte  (vgl  act.  A8/29  S. 23)  erscheint  ebenfalls  nicht  schlüssig,  zumal  bei  einer  Fahndung  nach  einer  flüchtigen  Person  in  gewissem  Umfang  auch  die  Überwachung  der  näheren  Angehörigen  üblich gewesen sein dürfte. Angesichts dieser Ungereimtheiten erscheint  der  Erklärungsversuch  in  der  Beschwerde,  der  Beschwerdeführer  habe  nicht  geltend  gemacht,  dass  er  allein  wegen  den  Besuchen  der  Armeeangehörigen  bei  seinen  Eltern  gefährdet  gewesen  sei,  weshalb  dieses  Vorkommnis  nicht  als  zentral  zu  erachten  sei,  nicht  stichhaltig.  Ebenso  wenig  vermag  der  Einwand  zu  überzeugen,  der  Beschwerdeführer  habe  es  in  Kauf  genommen,  von  der  Armee  aufgespürt  zu  werden,  da  das  Bedürfnis  zu  seinen  Eltern  zu  gehen,  stärker gewesen sei, zumal er sich angeblich mehrmals bei seinen Eltern  – unter anderem zur üblichen Essenszeit – aufgehalten haben soll.  3.5.5. Der  Beschwerdeführer  machte  geltend,  ein  muslimischer  Freund  seines Vaters, dessen Ehefrau und deren Tochter seien am 1. April 2008  mit  ihm zum Flughafen von B._______  (Jaffna) gefahren und hätten  ihn  dort  als  deren  Sohn  G._______  ausgegeben.  Er  habe  dessen  Identitätskarte benützt. Der Freund seines Vaters habe das Foto seines  Sohnes durch ein Foto des Beschwerdeführers ausgewechselt. Moslems  würden  am  Flughafen  B._______  nicht  streng  kontrolliert.  Er  habe  sich  einer  Leibesvisitation  unterziehen  müssen  und  man  habe  seine  Identitätskarte  angeschaut.  Der  Freund  seines  Vaters  habe  die  Identitätskarte  und  das  Flugticket  vorgewiesen.  Zudem  habe  dieser  vorher  eine  Erlaubnis  für  den  Flug  nach  Colombo  einholen  müssen,  welche  er  am  Flughafen  vorgelegt  habe.  Von  Jaffna  seien  sie  ohne  Probleme nach Colombo geflogen. Bei der Ankunft  in Colombo habe er  keine  Schwierigkeiten  gehabt.  Colombo  habe  er  am  17. April  2008  auf  dem Luftweg verlassen und sei zunächst nach Malaysia geflogen. Dabei 

D­2996/2009 habe er den Reisepass von G._______ benutzt. Ein älterer Mann sei mit  ihm  gereist.  Diese  Reise  habe  wiederum  der  Freund  seines  Vaters  organisiert.  Er  sei  am  internationalen  Flughafen  Katunayake  einer  Leibesvisitation  unterzogen  worden.  Sein  Ticket  und  der  Pass  seien  kontrolliert worden. Probleme habe er keine gehabt  (vgl. act. A1/11 S. 5  und  7 f.,  act.  A8/29  S. 4 f.  und  S. 6).  Diese  Vorbringen  sind  indes –  einhergehend  mit  der  Einschätzung  des  BFM  –  als  unrealistisch  zu  erachten.  Nach  Kenntnis  des  Gerichts  galt  die  Division  H._______  im  Distrikt Jaffna und der dazugehörige Flughafen von B._______  in  jenem  Zeitpunkt  als  Hochsicherheitszone.  Auf  der  Strasse  bestanden  verschiedene Checkpoints. Auch gab es einen Flughafencheckpoint. Der  Flughafen  von  B._______  war  unter  der  Kontrolle  der  Luftwaffe.  Dort  herrschten strengste Sicherheitsvorkehrungen, indem beispielsweise das  gesamte Gepäck in Einzelteilen untersucht wurde und Mobiltelefone und  Kameras  abgegeben  werden  mussten.  Diese  wurden  auf  Anrufe,  SMS  und  Fotos  kontrolliert.  Laptops  wurden  auf  Inhalte  untersucht.  Für  die  Reise  nach  Colombo  bedurfte  es  eines  speziellen  Passierscheins  respektive  einer Bewilligung  der Sicherheitsbehörden  der Armee, wobei  das  Bewilligungsverfahren  aufwendig  war  und  lange  Zeit  in  Anspruch  nehmen  konnte. Wäre  der  Beschwerdeführer  tatsächlich  – wie  von  ihm  behauptet – von der sri­lankischen Armee wegen der Unterstützung der  LTTE respektive seiner Flucht aus der Armeehaft gesucht worden, wäre  es ihm kaum möglich gewesen, das Bewilligungsverfahren problemlos zu  durchlaufen  und  später  unerkannt  die  äusserst  strengen  Sicherheitskontrollen am Flughafen zu überwinden. Dies umso mehr als  von  ihm erkennungsdienstliche Angaben vorhanden gewesen seien und  angeblich  ein  Foto  im Camp  gemacht  worden  sei  (vgl.  act.  A1/11  S. 6,  act.  A8/29  S. 16).  Dieses  hätte  somit  als  Fahndungsfoto  verwendet  werden  können.  Angesichts  der  strengen  Sicherheitsvorschriften  wäre  auch nicht denkbar, dass die Behörden die verfälschte Identitätskarte, die  er  vorgewiesen  haben  soll,  nicht  als  solche  erkannt  hätten.  Dass  der  muslimische Freund seines Vaters  ihm eine Kopie seiner  Identitätskarte  in Colombo übergeben konnte (vgl. act. A8/29 S. 26), lässt zudem darauf  schliessen,  dass  diese  Ausweiskopie  im  Fluggepäck  mitgeführt  wurde,  was  angesichts  der  umschriebenen  Kontrollen  unweigerlich  zur  Entdeckung  des  flüchtigen  Beschwerdeführers  hätte  führen  müssen.  Seine Erklärung, er habe ohne Probleme den Flughafen von B._______  passieren können, da er sich als Muslim ausgegeben habe, vermag somit  nicht  zu  überzeugen.  Auch  lässt  sich  aus  dem  der  Beschwerde  eingereichten  Flugticket  Jaffna­Colombo  vom  28. Januar  2008  lautend  auf  eine  Drittperson  nichts  zu  seinen  Gunsten  ableiten.  Dieses  lautet 

D­2996/2009 nicht auf eine behördlich gesuchte Person und belegt deshalb nicht, dass  ein Flug von Jaffna nach Colombo im Jahre 2008 für eine von der Armee  gesuchten  Person möglich  war.  Auch  der  Einwand  in  der  Beschwerde,  der Dolmetscher der Rechtsvertretung sowie andere Personen hätten vor  Kurzem  problemlos  die  Kontrollen  des  Flughafens  von  B._______  passieren  können,  kann  diesbezüglich  zu  keiner  anderen  Betrachtungsweise  führen. Was  schliesslich  die  vom  Beschwerdeführer  beschriebene Ausreise von Colombo aus anbelangt, gilt es auch hier zu  bemerken, dass damals am Flughafen N._______ in Colombo verstärkte  Sicherheitskontrollen  herrschten,  welche  sich  nebst  strafverfolgten  insbesondere auch auf Personen mit Verbindungen zu den LTTE, mithin  Tamilen  aus  dem  Norden,  fokussierten.  Die  vom  Beschwerdeführer  geltend gemachte Ausreise vom Flughafen Colombo aus, erscheint daher  nicht  realistisch. Gemäss den damals an den Flughäfen von B._______  und Colombo herrschenden Sicherheitsdispositiven wäre es demzufolge  für eine aus der Haft entflohene Person nicht möglich gewesen, unter den  wie  vom  Beschwerdeführer  beschriebenen  Umständen  sämtliche  Kontrollen  zu passieren. Die diesbezüglichen Vorbringen  sind daher  als  nicht glaubhaft zu qualifizieren.   3.5.6.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Tätigkeiten  für  die  LTTE,  die  damit  einhergehende  Festnahme  durch  die  Armee  im  März  2008,  die  anschliessende  Flucht  aus der Haft und die Suche durch Angehörige der Armee  insgesamt als  nicht glaubhaft zu erachten sind. Der vom Beschwerdeführer beim BFM  eingereichte  Zeitungsbericht  vom  6. Dezember  2007  (vgl.  act.  A10)  vermag  an  dieser  Feststellung  nichts  zu  ändern.  Dieser  Artikel  bezieht  sich auf einen getöteten Schulkollegen des Beschwerdeführers, mit dem  er  zusammengearbeitet  habe  (vgl.  act.  A8/29  S. 8).  Der  Beschwerdeführer wird darin weder namentlich erwähnt noch abgebildet.  Es besteht somit kein Bezug zu der vom Beschwerdeführer geschilderten  Gefährdungssituation.  3.6. Seit Erlass der angefochtenen Verfügung vom 7. April 2009 hat sich  die  allgemeine  Lage  in  Sri  Lanka  massgeblich  verändert.  Nach  Beendigung  des  militärischen  Konflikts  zwischen  der  sri­lankischen  Armee  und  den  LTTE  im  Mai  2009  ist  von  einer  inzwischen  erheblich  verbesserten Lage in Sri Lanka auszugehen. Militärisch gelten die LTTE  als  vernichtet.  Die  Sicherheitslage  hat  sich  in  bedeutsamer  Weise  stabilisiert,  auch  wenn  sich  das  Land  immer  noch  in  einem  Entwicklungsprozess  befindet.  Die  Menschenrechtslage  hat  sich 

D­2996/2009 allerdings  namentlich  hinsichtlich  der  Meinungsäusserungs­  und  der  Pressefreiheit  verschlechtert.  Politisch  Oppositionelle  jeglicher  Couleur  werden  seitens  der  Regierung  als  Staatsfeinde  betrachtet  und  müssen  mit  entsprechenden  Verfolgungsmassnahmen  rechnen  (vgl.  Urteil  E­ 6220/2006  vom  27. Oktober  2011  E. 7)  und  es  bestehen  verschiedene  Risikogruppen,  welche  auch  nach  Beendigung  des  Krieges  verdächtigt  werden,  mit  den  LTTE  in  Verbindung  zu  stehen  beziehungsweise  gestanden  zu  haben.  Auch  unabhängige  Journalisten  beziehungsweise  regierungskritische Medienschaffende haben ein erhöhtes Risikoprofil. Im  Weiteren  ist  bei  Opfern  und  Zeugen  von  Menschenrechtsverletzungen  und Personen, die entsprechende Übergriffe behördlich angezeigt haben,  mit  erhöhter  Verfolgungsgefahr  zu  rechnen.  Ausserdem  laufen  abgewiesene tamilische Asylsuchende aus der Schweiz unter Umständen  Gefahr,  bei  der  Rückkehr  behördlich  belangt  zu  werden,  weil  ihnen  Kontakte  zu  führenden  LTTE­Kadern  in  der Schweiz  unterstellt werden.  Wegen  drohender  Erpressung,  Kidnapping  und  anderen  Verfolgungshandlungen  bilden  schliesslich  Personen,  welche  über  beträchtliche  finanzielle  Mittel  verfügen,  eine  weitere  Risikogruppe.  Bei  allen Personen, die dieser Risikogruppe angehören, muss allerdings bei  der  Prüfung  der  Flüchtlingseigenschaft  das  Motiv  der  jeweiligen  Verfolgungshandlungen  sorgfältig  untersucht  werden.  Sofern  ausschliesslich ein finanzielles Verfolgungsinteresse auszumachen ist, ist  diesem Aspekt bei der Prüfung der Wegweisungshindernisse Rechnung  zu tragen (vgl. Urteil E­6220/2006 vom 27. Oktober 2011 E. 8). 3.7.  Zufolge  seiner  nicht  glaubhaften  Aussagen  hinsichtlich  seiner  Tätigkeiten  bei  den  LTTE  kann  nicht  davon  ausgegangen  werden,  der  Beschwerdeführer  habe  bei  seiner  Ausreise  im  Jahre  2008  dieser  militanten  tamilischen  Rebellenorganisation  angehört.  Anhaltspunkte  dafür,  dass  der  Beschwerdeführer  verdächtigt  werden  könnte,  mit  den  LTTE  respektive  einem  ranghohen  Mitglied  der  LTTE  in  Verbindung  gestanden  zu  haben,  liegen  ebenfalls  keine  vor.  Die  Verfahrensakten  lassen  auch  nicht  darauf  schliessen,  der  Beschwerdeführer  habe  während seines Aufenthaltes in der Schweiz nahe Kontakte zu den LTTE  respektive  einem  LTTE­Kader  unterhalten.  Auch  sonst  gehört  der  Beschwerdeführer  keiner  Risikogruppen  an.  Der  Beschwerdeführer  ist  seinen  Angaben  zufolge  politisch  nicht  tätig  gewesen,  er  stammt  nicht  aus einer politisch aktiven Familie und er wurde auch nie verurteilt. Es ist  demnach nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer von den  sri­lankischen  Sicherheitskräften  oder  von  paramilitärischen  Gruppierungen  landesweit  gesucht  wird  beziehungsweise  in  Zukunft 

D­2996/2009 verfolgt  würde.  Alleine  der  Umstand,  dass  er  seit  etwas  mehr  als  drei  Jahren landesabwesend gewesen ist und in der Schweiz ein Asylgesuch  eingereicht  hat,  vermag  seine  Flüchtlingseigenschaft  ebenfalls  nicht  zu  begründen.  3.8. Angesichts  der  vorstehenden Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  sowie  die  beigelegte,  allerdings nicht mehr aktuellen Lageanalyse der SFH vom 11. Dezember  2008 einzugehen, da sie am Ergebnis nichts zu ändern vermögen. In der  Beschwerde wird nicht begründet, weshalb die Sache entsprechend dem  Subeventualantrag  (Rechtsbegehren  Ziff.  3)  an  das  BFM  zur  Neubeurteilung zurückzuweisen sei. Da der rechtserhebliche Sachverhalt  vollständig  und  richtig  erhoben  ist  und  aufgrund  der  Akten  auch  sonst  nicht  ersichtlich  ist,  inwiefern  Anlass  für  Rückweisung  und  eine  Neubeurteilung  durch  gegeben  sein  könnte,  ist  der  Subeventualantrag  abzuweisen.  Festzuhalten  bleibt,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art. 3  AsylG  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  zu  machen  vermag.  Das  BFM  hat  das  Asylgesuch  demnach  zu  Recht  abgelehnt.  4.   4.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 4.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; EMARK 2001 Nr. 21). 4.3.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. STÖCKLI, a.a.O., Rz. 11.148). 

D­2996/2009 4.4.  4.4.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner  Form zur Ausreise  in  ein  Land gezwungen werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  [FK,  SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden.  4.4.2. Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement schützt nur  Personen,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5  AsylG  rechtmässig.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  nach  Sri  Lanka  dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK  verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung  drohen würde  (vgl. EGMR  [Grosse Kammer], Saadi gegen  Italien, Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124 ­ 127,  mit  weiteren Hinweisen). 

D­2996/2009 4.4.3. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat sich  wiederholt  mit  der  Gefährdungssituation  im  Hinblick  auf  eine  EMRK­ widrige  Behandlung  für  Tamilen  befasst,  die  aus  einem  europäischen  Land  nach  Sri  Lanka  zurückkehren  müssen  (vgl.  E­6220/2006  vom  27. Oktober  2011  E. 10.4.2  mit  weiteren  Hinweisen).  Der  Gerichtshof  unterstreicht dabei, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei,  zurückkehrenden  Tamilen  drohe  unmenschliche  Behandlung;  eine  entsprechende  Risikoeinschätzung  müsse  vielmehr  verschiedene  Faktoren  in  Betracht  ziehen,  aus  denen  sich  insgesamt  im  Einzelfall  schliessen  lasse,  dass  der  Betreffende  ernsthafte  Gründe  für  die  Befürchtung  habe,  die  Behörden  hätten  an  seiner  Festnahme  und  Befragung ein Interesse. Als derartige risikobegründende Faktoren nennt  der  EGMR  namentlich  Aspekte  wie  eine  frühere  Registrierung  als  verdächtigtes  oder  tatsächliches  LTTE­Mitglied,  das  Bestehen  einer  Vorstrafe  oder  eines  offenen  Haftbefehls,  die  Flucht  aus  der  Haft  oder  aus  Kautionsauflagen,  die  Unterzeichnung  eines  Geständnisses  oder  ähnlicher Dokumente, die Anwerbung als Informant der Sicherheitskräfte,  die Existenz von Körpernarben, die Rückkehr nach Sri Lanka von London  oder  von  einem  anderen  Ort,  welcher  als  LTTE­ Finanzmittelbeschaffungszentrum gelte, das Fehlen von ID­Papieren oder  anderen  Dokumenten,  die  Asylgesuchstellung  im  Ausland  oder  die  Verwandtschaft  mit  einem  LTTE­Mitglied.  Gleichzeitig  hält  der  EGMR  fest,  dass  dem  Umstand  gebührende  Beachtung  geschenkt  werden  müsse,  dass  diese  einzelnen  Faktoren,  für  sich  alleine  betrachtet,  möglicherweise  kein  "real  risk"  darstellten,  jedoch bei  einer  kumulativen  Würdigung  diese  Schwelle  erreicht  sein  könnte,  namentlich  unter  der  weiteren  Berücksichtigung  der  aktuellen,  gegebenenfalls  erhöhten,  Sicherheitsvorkehrungen  aufgrund  der  im  Lande  herrschenden  allgemeinen Lage.  4.4.4. Was die Prüfung derartiger Risikofaktoren betreffend die Situation  des  Beschwerdeführers  anbelangt,  ist  an  dieser  Stelle  auf  die  vorangegangenen  Erwägungen  zu  verweisen,  aus  welchen  sich  ergibt,  dass  er  im  Hinblick  auf  die  Erfüllung  der  Flüchtlingseigenschaft  keiner  Risikogruppe  zugerechnet  werden  kann  (vgl.  E. 3.7).  Nachdem  der  Beschwerdeführer  nicht  glaubhaft  gemacht  hat,  dass  er  befürchten  müsse,  bei  einer  Rückkehr  ins  Heimatland  die  Aufmerksamkeit  der  sri­ lankischen  Behörden  in  einem  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Ausmass  auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür, ihm würde  aus  demselben  Grund  eine  menschenrechtswidrige  Behandlung  im  Heimatland drohen. Weder die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri 

D­2996/2009 Lanka  noch  individuelle  Faktoren  in  Bezug  auf  die  Situation  des  Beschwerdeführers  lassen  demnach  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen Zeitpunkt als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 4.5.  4.5.1.  Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  insbesondere  dann  nicht  zumutbar,  wenn  die  beschwerdeführende  Person  bei  einer  Rückkehr  in  ihren  Heimatstaat  einer  konkreten  Gefährdung  ausgesetzt  wäre.  Diese  Bestimmung  wird  vor  allem  bei  Gewaltflüchtlingen  angewendet,  das  heisst  bei  Ausländerinnen  und  Ausländern,  die  mangels  persönlicher  Verfolgung  weder  die  Voraussetzungen  der  Flüchtlingseigenschaft  noch  jene  des  völkerrechtlichen  Non­Refoulement­Prinzips  erfüllen,  jedoch  wegen  der  Folgen  von  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  nicht  in  ihren Heimatstaat  zurückkehren  können.  Im Weiteren  findet  sie  Anwendung  auf  andere  Personen,  die  nach  ihrer  Rückkehr  ebenfalls  einer konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil sie die absolut notwendige  medizinische  Versorgung  nicht  erhalten  könnten  oder  –  aus  objektiver  Sicht  –  wegen  der  vorherrschenden  Verhältnisse  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich  in völlige Armut gestossen würden,  dem  Hunger  und  somit  einer  ernsthaften  Verschlechterung  ihres  Gesundheitszustands,  der  Invalidität  oder  sogar  dem  Tod  ausgeliefert  wären (vgl. Urteil E­6220/2006 vom 27. Oktober 2011 E. 11.1, vgl. BVGE  2009/28 E. 9.3.1 S. 367).  4.5.2.  In der angefochtenen Verfügung vom 7. April 2009 hielt das BFM  zur  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzuges  im Wesentlichen  fest,  ein  Ende  der  gewalttätigen  Auseinandersetzungen  zwischen  der  sri­ lankischen  Regierung  und  den  LTTE  und  eine  substanzielle  Verbesserung der Sicherheits­ und Menschenrechtslage seien im Norden  und Osten von Sri Lanka nicht in Sicht. Eine Rückkehr in den Norden des  Landes  sei  daher  unzumutbar.  Aufgrund  der  Niederlassungsfreiheit  könne der Beschwerdeführer  jedoch  in einem anderen Teil des Landes,  beispielsweise  im Grossraum Colombo, Wohnsitz  nehmen. Für Tamilen  seien dort die Lebensbedingungen zwar erschwert. Dennoch bestehe im  Süden und Westen des Landes keine Situation allgemeiner Gewalt. Für  die Zumutbarkeit einer Wohnsitznahme in Colombo spreche, dass er sich  seinen  Angaben  zufolge  dort  aufgehalten  habe.  Auch  sei  davon  auszugehen,  dass  er  dort  über  ein  entsprechendes  Beziehungsnetz 

D­2996/2009 verfüge.  Ausserdem  sei  er  jung,  gesund  und  weise  eine  zehnjährige  Schulbildung auf.  4.5.3. Seit  Ende  des  bewaffneten  Konflikts  zwischen  der  sri­lankischen  Armee  und  den  LTTE  im Mai  2009  hat  sich  die  allgemeine  Lage  in Sri  Lanka  erheblich  verbessert.  Die  Situation  in  der  Ostprovinz  hat  sich  weitgehend stabilisiert und normalisiert, so dass der Wegweisungsvollzug  in  das  gesamte  Gebiet  der  Ostprovinz  als  grundsätzlich  zumutbar  zu  erachten ist (vgl. Urteil E­6220/2006 vom 27. Oktober 2011 E. 13.1). Die  Lage  in  der  Nordprovinz  von  Sri  Lanka  ist  indes  differenziert  zu  betrachten,  da  sich  die  Situation  gebietsweise  sehr  unterschiedlich  präsentiert.  So  ist  in  den  Gebieten,  die  bereits  seit  längerer  Zeit  unter  Regierungskontrolle stehen, das heisst in den Distrikten Jaffna und in den  südlichen  Teilen  der  Distrikte  Vavuniya  und  Mannar,  der  Alltag  eingekehrt. Die Lage in Jaffna hat sich namentlich nach der Öffnung der  Verbindungsstrasse  A9  (Hauptverkehrsachse  zwischen  Kandy  in  der  Zentralprovinz  nach  Jaffna)  im  November  2009  deutlich  gebessert  und  die Versorgungslage  ist entspannt. Die Militärpräsenz  in Jaffna hat zwar  abgenommen, ist aber nach wie vor praktisch auf jeder Strasse sichtbar.  Gleichzeitig  haben  die  Polizei­  und  Zivilbehörden  ihre  Funktionen  und  Tätigkeiten  aufgenommen  beziehungsweise  von  den  Militärbehörden  übernommen.  Gemäss  UNOCHA  hat  die  UNO  guten  Zugang  zu  den  Rückkehrgebieten  im  Norden  ("return  areas").  Der  Fortschritt  in  diesen  Gebieten  soll  beeindruckend  sein.  In  den  genannten  Gebieten  (Distrikt  Jaffna  und  die  südlichen  Teile  der  Distrikte  Vavuniya  und  Mannar,  mit  anderen  Worten:  die  Nordprovinz  unter  Ausschluss  des  sogenannten  "Vanni­Gebietes")  herrscht  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  und  die  dortige  politische  Lage  ist  nicht  dermassen  angespannt,  dass  eine  Rückkehr  dorthin  als  generell  unzumutbar  eingestuft  werden  müsste.  Angesichts der im humanitären und wirtschaftlichen Bereich nach wie vor  fragilen  Lage  drängt  sich  aber  beim  Wegweisungsvollzug  in  dieses  Gebiet  eine  sorgfältige,  zurückhaltende  Beurteilung  der  individuellen  Zumutbarkeitskriterien  auf.  Nebst  der  allgemeinen  Zumutbarkeit  (u.a.:  sozio­ökonomische und medizinische Aspekte, Kindeswohl etc.), ist dabei  auch  dem  zeitlichen  Element  gebührend  Rechnung  zu  tragen.  Für  Personen, die aus der Nordprovinz stammen und dieses Gebiet erst nach  Beendigung  des  Bürgerkrieges  im  Mai  2009  verlassen  haben,  ist  der  Wegweisungsvollzug  (zurück)  in  dieses  Gebiet  als  grundsätzlich  zumutbar  zu  beurteilen,  wenn  davon  ausgegangen  werden  kann,  dass  die  betreffende  Person  auf  die  gleiche  oder  gleichwertige  Lebens­  und  Wohnsituation  zurückgreifen  kann,  die  im  Zeitpunkt  der  Ausreise 

D­2996/2009 geherrscht  hat  und  dem  Wegweisungsvollzug  zurück  dorthin  nichts  im  Wege  steht.  Liegt  der  letzte  Aufenthalt  der  betreffenden  Person  in  der  Nordprovinz  indessen  längere  Zeit  zurück  (vor  Beendigung  des  Bürgerkrieges  im  Mai  2009)  oder  gehen  konkrete  Umstände  aus  den  Verfahrensakten hervor, dass sich die Lebensumstände seit der Ausreise  massgeblich  verändert  haben  können,  sind  die  aktuell  vorliegenden  Lebens­  und  Wohnverhältnisse  sorgfältig  abzuklären  und  auf  die  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzuges  hin  zu  überprüfen.  In  diesem  Zusammenhang  erscheinen  namentlich  die  Existenz  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes  und  die  konkreten  Möglichkeiten  der  Sicherung  des  Existenzminimums  und  der  Wohnsituation  als  massgebliche  Faktoren.  Falls solche begünstigenden Faktoren in der Nordprovinz nicht vorliegen,  ist  die  Zumutbarkeit  einer  innerstaatlichen  Aufenthaltsalternative  im  Übrigen Staatsgebiet, namentlich im Grossraum Colombo zu prüfen (vgl.  Urteil E­6620/2006 vom 27. Oktober 2011 E. 13.2.1).  4.5.4.  Im  sogenannten  "Vanni­Gebiet"  präsentiert  sich  die  Lage  demgegenüber  einiges  schwieriger.  Bis  heute  sollen  ca. 180'000  intern  Vertriebene  (IDP)  in  dieses  Gebiet  zurückgekehrt  sein,  wobei  diese  in  prekären  Verhältnissen  leben.  Es  fehlt  den  Menschen  an  einer  Lebensgrundlage.  Das  "Vanni­Gebiet"  ist  zudem  sehr  stark  militarisiert.  Dabei  wird  als  "Vanni­Gebiet"  jene  Region  bezeichnet,  die  im  Januar  2008  noch  von  den  LTTE  kontrolliert  worden  war,  nachdem  die  sri­ lankische Regierung die Waffenstillstandsvereinbarung von 2002 offiziell  aufgekündigt hat. Es ist mithin jenes Gebiet, in welchem sich in der Folge  bis zur endgültigen Besiegung der LTTE die Kriegshandlungen abgespielt  haben.  Dieses  "LTTE"­  respektive  "Vanni­Gebiet"  umfasst  die  Distrikte  von  Kilinochchi  und  Mullaitivu  (samt  diesen  beiden  Städten)  sowie  die  nördlichen  Teile  der  Distrikte  von  Mannar  und  Vavuniya  sowie  einen  schmalen  Landstreifen  an  der Ostküste  des  Jaffna­Distrikts  südlich  von  Nagarkovil. Die Städte Mannar und Vavuniya, ebenso wie Jaffna und die  Jaffna­Halbinsel,  liegen ausserhalb des "Vanni­Gebietes". Dieses Gebiet  war  damals  durch  eine  südliche  und  nördliche  Frontlinie  ("Forward  Defence  Line";  FDL)  vom  Regierungsgebiet  abgegrenzt.  Die  nördliche  FDL verlief auf der Jaffna­Halbinsel südlich der Achse Kilali­Muhamalai­ Nagarkovil.  Das  Gebiet  entlang  der  FDL  war  auf  beiden  Seiten  von  starken militärischen Kräften besetzt. Die südliche FDL verlief südlich der  Ortschaft  Adampan  (auf  dem  Festland  im  westlichen  Teil  des  Mannar­ Bezirkes),  entlang  der  Hauptstrassen  A14  und  A30  bis  zur  Ortschaft  Pandisurichchan.  Von  dort  führte  die  Linie  nördlich  der  Stadt  Vavuniya  über die Ortschaften Vellankulam und Vannankulam bis zum Checkpoint 

D­2996/2009 Omanthai. Danach führte die südliche FDL weiter Richtung Südosten ins  unwegsame Gebiet  über  Karunkalikkulam,  Richtung  Süden  bis  fast  zur  Ortschaft  Madukanda,  von  dort  über  die  Grenze  der  Nordprovinz/Nord­ Zentral­Provinz  hinweg  bis  zum  grossen  Bewässerungsee  Padawiya  (Padawiya  Tank)  nach  Norden  bis  südöstlich  der  Ortschaft  Paddikkudiyiruppu und schliesslich über das Kokkilai Vogel­Reservat an  die Ostküste  in die Lagune von Kokkilai. Das  in diesem Sinne definierte  "Vanni­Gebiet" respektive die Infrastrukturen in dieser Region sind in sehr  starkem  Ausmass  vom  Krieg  in  Mitleidenschaft  gezogen  worden.  Die  meisten  Häuser  sind  zerstört,  der  Zugang  zu  Schulen  und  Spitälern  ist  erschwert. Das Gebiet ist noch sehr stark vermint und militarisiert. Es wird  nach  wie  vor  von  der  PTF  (Presidential  Task  Force)  kontrolliert.  Die  internationalen  Hilfsorganisationen  haben  nur  einen  sehr  beschränkten  Zugang. Namentlich aufgrund dieser weitgehend  zerstörten  Infrastruktur  und  der  Verminung  ist  der  Wegweisungsvollzug  in  dieses  definierte  Vanni­Gebiet  daher  als  unzumutbar  einzustufen.  Für  die  aus  diesem  Gebiet stammenden Personen ist daher zu prüfen, ob eine im Sinne der  Rechtsprechung zumutbare Aufenthaltsalternative existiert. Im Sri Lanka­ Kontext erfordert die Annahme einer solchen zumutbaren innerstaatlichen  Aufenthaltsalternative  für  Personen,  die  aus  dem  "Vanni­Gebiet"  stammen und in andere Landesteile von Sri Lanka weggewiesen werden,  das  Vorliegen  besonders  begünstigender  Faktoren,  insbesondere  die  Existenz  eines  tragfähigen  familiären  oder  sozialen  Beziehungsnetzes  sowie  die  Aussichten  auf  eine  gesicherte  Einkommens­  und  Wohnsituation (vgl. Urteil E­6620/2006 vom 27. Oktober 2011 E. 13.2.2). 4.5.5.  Im  Weiteren  ist  der  Wegweisungsvollzug  für  Personen,  die  aus  dem  übrigen  Staatsgebiet  von  Sri  Lanka  stammen  (das  heisst:  die  Provinzen  North  Central,  North Western,  Central,  Western  [namentlich:  der  Grossraum  Colombo],  Southern,  Sabarugamuwa  und  die  Uva­ Provinz)  und  dorthin  zurückkehren,  als  grundsätzlich  zumutbar  zu  erachten (vgl. Urteil E­6220/2006 vom 27. Oktober 2011 E. 13.3).   4.5.6.  Der  Beschwerdeführer  wurde  eigenen  Angaben  zufolge  in  E._______, Distrikt Jaffna (Nordprovinz) geboren, besuchte dort 10 Jahre  lang  die  Schule  und  wuchs  dort  auf.  E._______  liegt  nicht  im  oben  definierten  "Vanni­Gebiet".  Nach  seinem  angeblichen  Aufenthalt  von  1995 bis 2003 in der Region I._______ sind seine Eltern nach E._______  zurückgekehrt.  Der  Beschwerdeführer  selber  hielt  sich  von  2003  bis  zu  seiner  angeblichen  Festnahme  im  März  2008  angeblich  an  verschiedenen  Orten  in  der  Nordprovinz  respektive  im  Distrikt  Jaffna, 

D­2996/2009 insbesondere  auch  bei  seinen  Eltern  in  E._______,  auf.  Diesen  Ort  bezeichnet  er  zudem  als  seinen  letzten Wohnsitz.  Nebst  seinen  Eltern,  von  denen  er  unter  anderem  in  finanzieller  Hinsicht  unterstützt  wurde,  verfügt er in E._______ und Umgebung über vier Geschwister sowie über  weitere Verwandte (vgl. act. A1/11 S. 1 ff., act. A8/29 S. 3 f. und S. 8 f.).  Der  (…)­jährige  Beschwerdeführer  hat  von  (…)­(…)  die  Grundschule  besucht (vgl. act. A8/29 S. 10) und er war in der Schweiz verschiedentlich  als  (…)  tätig,  womit  er  über  Berufserfahrung  verfügt.  Es  ist  demnach  davon  auszugehen,  dass  er  bei  einer Rückkehr  nach Sri  Lanka  auf  ein  existierendes,  tragfähiges  familiäres  Netz  stossen  wird  und  ihm  der  Aufbau  einer  wirtschaftlichen  Existenz  –  allenfalls  auch mit  Hilfe  seiner  Familie  und  weiteren  Verwandten  –  möglich  sein  wird.  Auch  wenn  der  Beschwerdeführer  seit  April  2008  und  somit  mehrere  Jahre  lang  landesabwesend  gewesen  ist,  bestehen  somit  keine  konkreten  Anhaltspunkte dafür, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka  in eine  existenzielle Notlage geraten würde.  4.5.7.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  erweist  sich  demnach  nicht  als  unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG.  4.6.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG),  weshalb der Vollzug der Wegweisung nicht als unmöglich zu bezeichnen  ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 5.  Nach  dem  Gesagten  ergibt  sich,  dass  das  BFM  im  Ergebnis  den  Wegweisungsvollzug  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  qualifiziert hat. Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt daher nicht  in Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG). 6.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf 

D­2996/2009 insgesamt  Fr. 600.–  festzusetzen  (Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Diese sind durch den  am  6. Juni  2009  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss  gedeckt  und werden mit diesem verrechnet. (Dispositiv nächste Seite) 

D­2996/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  durch  den  am  6.  Juni  2009  geleisteten  Kostenvorschuss gedeckt und wird mit diesem verrechnet.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Claudia Jorns Morgenegg Versand:

D-2996/2009 — Bundesverwaltungsgericht 27.12.2011 D-2996/2009 — Swissrulings