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Bundesverwaltungsgericht 15.11.2011 D-1541/2011

15 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,606 mots·~8 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung (Beschwerden gegen Wiedererwägungsentscheid) | Flüchtlingseigenschaft und vorläufige Aufnahme (Beschwerden gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom 7. Februar 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­1541/2011 Urteil   v om   1 5 .   No v embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Robert Galliker, mit Zustimmung von Richterin Nina Spälti Giannakitsas;   Gerichtsschreiber Matthias Jaggi. Parteien A._______, geboren (…), Iran,   vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt,  Advokatur Kanonengasse, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und vorläufige Aufnahme  (Beschwerden gegen Wiedererwägungsentscheid);  Verfügung des BFM vom 7. Februar 2011 / N (…).

D­1541/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  iranischer  Staatsangehöriger  mit  letztem  Wohnsitz  in B._______ – verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben  zufolge am 28. Dezember 2007 und reiste via die Türkei von Deutschland  herkommend am 20. Januar 2008 unter Umgehung der Grenzkontrolle in  die  Schweiz  ein,  wo  er  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  C._______  ein  Asylgesuch  einreichte.  Mit  Verfügung vom 21. Februar 2008  trat das BFM auf das Asylgesuch des  Beschwerdeführers  in  Anwendung  von  Art.  34  Abs.  2  Bst.  a  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  ein  und  ordnete  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  an.  Zur  Begründung  des  ablehnenden  Entscheides  führte  die  Vorinstanz  im  Wesentlichen  aus,  der  Beschwerdeführer  könne  nach  Deutschland  zurückkehren, wo  er  sich  zuvor  aufgehalten  habe.  Zudem erfülle  er  die  Flüchtlingseigenschaft  offensichtlich  nicht.  Eine  dagegen  erhobene  Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 25. März  2008 (D­1198/2008) ab, soweit es darauf eintrat. Seit dem 8. April 2008  galt der Beschwerdeführer unbekannten Aufenthaltes. B.  Am 15. Mai  2008 beantragte  der Beschwerdeführer  im EVZ D._______  ein  zweites  Mal  Asyl.  Mit  Verfügung  vom  26.  Mai  2009  wies  das  BFM  dieses  zweite  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  mit  der  Begründung  ab,  er  könne  nicht  glaubhaft  machen,  dass  er  zum  Zeitpunkt  seiner  Ausreise  aus  dem  Iran  einer  asylrelevanten  Verfolgung  ausgesetzt  gewesen  sei  oder  begründete  Furcht  gehabt  habe,  in  absehbarer  Zeit  einer  solchen  ausgesetzt  zu  werden.  Überdies  hielten  die  geltend  gemachten  subjektiven  Nachfluchtgründe  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 und 54 AsylG nicht stand. Mit Urteil  vom  24.  November  2009  wies  das  Bundesverwaltungsgericht  (D­ 4132/2009) die dagegen erhobene Beschwerde vom 26. Juni 2009 ab. C.  Mit als  "neues Asylgesuch" bezeichneter Eingabe vom 19. Januar 2011  gelangte der Beschwerdeführer – handelnd durch seinen Rechtsvertreter  – an  die  Vorinstanz  und  beantragte  unter  anderem,  es  sei  seine  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  Eventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit  des 

D­1541/2011 Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  Zur Begründung machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend,  die  nachfolgend  geschilderten  Tatsachen  seien  noch  nicht  aktenkundig  und bisher zu keinem Zeitpunkt geltend gemacht worden, weswegen es  sich um neue Tatsachen handle. Das Bundesverwaltungsgericht habe in  seinem  letzten  Entscheid  seine  politischen  Aktivitäten  als  ungenügend  erachtet, um eine Verfolgung durch seine Heimatbehörden zu bewirken.  Er habe sein politisches Engagement  in der Schweiz zusammen mit der  DVF  (Demokratische  Vereinigung  für  Flüchtlinge)  fortgesetzt  und  intensiviert. Mit seinen zahlreichen weiteren politischen Aktivitäten, allen  voran  den  publizierten  Artikeln  und  dem  Einsatz  für  die  Radiosendung  "(…)",  habe  er  sich  politisch  eindeutig  von  der  Mehrzahl  seiner  Landsleute abgehoben. In der Folge würden seine Aktivitäten seit dem 4.  August  2009  dargestellt.  Zur  Untermauerung  seines  politischen  Profils  werde zudem auf vor Abschluss des ersten und zweiten Asylverfahrens  stattgefundene  Ereignisse,  die  bisher  noch  nicht  aktenkundig  seien,  hingewiesen. Diese  seien  jedoch  nur  subsidiär  zu  beachten  und  sollten  keine  Wiedererwägung  oder  Revision  des  ursprünglichen  Entscheides  beziehungsweise  des  Bundesverwaltungsgerichtsurteils  begründen.  Die  Tatsache, dass er als Radiomoderator bei der Sendung "(…)" beschäftigt  sei  –  ein  Programm  der  DVF,  welches  durch  eine  Radiostation  ausgestrahlt werde  – wirke  sich  erst  in  der Gegenwart  und  der  Zukunft  aus,  weshalb  sie  zu  diesem  Zeitpunkt  geltend  gemacht  werde  und  als  neue  Tatsache  behandelt  werden  sollte.  Am  12. Oktober  2010  habe  er  überdies  einen  Artikel  unter  seinem  Namen  in  der  Monatszeitschrift  Kanoun  veröffentlicht,  der  auch  auf  der  Internetseite  der DVF  publiziert  worden sei. Am 4. August 2009, 26. September 2009, 24. Oktober 2009,  6.  November  2009,  21.  November  2009,  10.  Dezember  2009,  14.  Dezember 2009, 11. Februar 2010, 15. Februar 2010, 5. Juni 2010 und  12.  Juni  2010  habe  er  an  Kundgebungen  gegen  das  iranische Regime  teilgenommen.  In  Anbetracht  des  verschärften  Vorgehens  gegenüber  jeglicher Form von Kritik im Iran sei davon auszugehen, dass er bei einer  Rückkehr  in  den  Iran  an  Leib  und  Leben  gefährdet  sei.  Eine  objektive  Betrachtungsweise müsse zum Schluss gelangen, dass seine Aktivitäten  ein  Ausmass  erreicht  hätten,  welches  geeignet  sei,  ein  ernsthaftes  Vorgehen der heimatlichen Behörden gegen  ihn zu bewirken. Die Folge  davon sei die Anerkennung als Flüchtling. 

D­1541/2011 Der  Eingabe  lagen  unter  anderem  ein  Bestätigungsschreiben  der  DVF  vom 18. November 2010, eine CD, ein fremdsprachiger Artikel (inklusive  deutscher  Zusammenfassung),  die  Kopie  eines  DVF­Ausweises  des  Beschwerdeführers sowie zahlreiche Unterlagen von Kundgebungen bei. D.  Das BFM nahm das Gesuch  als Wiedererwägungsgesuch  an  die Hand  und  trat  auf  dieses  mit  Verfügung  vom  7.  Februar  2011  –  eröffnet  am  folgenden Tag – nicht ein, bezeichnete die Verfügung vom 26. Mai 2008  (recte: 2009) als  rechtskräftig und vollstreckbar,  erhob eine Gebühr  von  Fr.  600.­­  und  stellte  fest,  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende Wirkung zu. Zur Begründung ihres Entscheides führte die  Vorinstanz  im  Wesentlichen  aus,  die  vorgebrachten  Argumente  zur  Stützung des Gesuchs seien nicht geeignet, eine Änderung der Sachlage  herbeizuführen  und  enthielten  weder  neue  Tatschen  noch  Beweismittel  im  widererwägungsrechtlichen  Sinne.  Die  vom  Beschwerdeführer  vorgebrachten  Tätigkeiten  und  ihr  Einfluss  auf  die  Anerkennung  als  Flüchtling  seien  bereits  Gegenstand  im  ordentlichen  Asylverfahren  gewesen und dort eingehend geprüft worden. Einzig das Vorbringen einer  neuen  Aktivität,  vorliegend  die  Mitwirkung  des  Beschwerdeführers  an  Radiosendungen, stelle nicht eine neue Tatsache dar, die berücksichtigt  werden  könne.  Auch  die  eingereichten  Dokumente  stellten  nicht  neue  Beweismittel  dar.  Aus  dem  vorliegenden  Gesuch  sei  daher  kein  qualifiziertes  Motiv  ersichtlich,  das  eine  Neuüberprüfung  der  rechtskräftigen  Verfügung  als  notwendig  erscheinen  lasse,  weswegen  darauf nicht einzutreten sei.  Für  die  weitere  Begründung  wird  auf  die  Verfügung  der  Vorinstanz  verwiesen.  E.  Mit  Beschwerde  vom  9.  März  2011  (Poststempel)  an  das  Bundesverwaltungsgericht  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter  beantragen,  die  Verfügung  der  Vorinstanz  sei  vollumfänglich  aufzuheben  und  die  Sache  sei  zur  Behandlung  als  Asylgesuch an die Vorinstanz  zurückzuweisen.  In  prozessualer Hinsicht  sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die Erhebung  eines Kostenvorschusses zu verzichten.  Zur  Begründung  seiner  Beschwerde  machte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  gestützt  auf  die  Rechtsprechung  des 

D­1541/2011 Bundesverwaltungsgerichts  seien  Gesuche  wie  dasjenige  im  vorliegenden  Verfahren  klarerweise  als  neue  Asylgesuche  entgegenzunehmen  und  zu  behandeln,  auf  welche  in  der  Regel  eingetreten  werden  müsse.  Ob  vorliegend  ausnahmsweise  Gründe  vorlägen, welche es rechtfertigten, nicht auf das Asylgesuch einzutreten,  könne  hier  offen  gelassen  werden,  zumal  die  Vorinstanz  offensichtlich  Bundesrecht verletze, indem sie eine unzutreffende rechtliche Grundlage  für die Beurteilung der Sache herangezogen habe. An keiner Stelle werde  nämlich  beantragt,  die  Verfügung  vom  26.  Mai  2009  sei  in  Wiedererwägung zu ziehen. Vielmehr stütze sich das neue Gesuch einzig  auf Gründe, die nicht im Rahmen des letzten ordentlichen Asylverfahrens  geprüft worden seien, da sie erst später entstanden seien.  F.  Mit  Verfügung  vom  14.  März  2011  ordnete  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  an,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  ausgesetzt  werde  und  der  Beschwerdeführer  den  Entscheid  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Gleichzeitig  verfügte  der  Instruktionsrichter,  dass über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  im  Endentscheid  befunden  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet  werde.  Ausserdem  wurde  die  Vorinstanz  zur Einreichung einer Stellungnahme bis zum 30. März 2011 eingeladen.  G.  In ihrer Vernehmlassung vom 16. März 2011 hielt die Vorinstanz an ihrer  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  Vernehmlassung  des  BFM  wurde  dem  Beschwerdeführer  am  21.  März  2011 zur Kenntnis gebracht.  H.  Mit Schreiben vom 2. September 2011 liess der Beschwerdeführer durch  seinen Rechtsvertreter um beschleunigte Behandlung seiner Beschwerde  ersuchen. Zur Begründung brachte er vor, er leide unter gesundheitlichen  Schwierigkeiten und der Aufenthalt in Notunterkünften verlangsame seine  Genesung.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 

D­1541/2011 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).  Es  liegt  kein  solches  Auslieferungsbegehren  vor,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht  vorliegend endgültig entscheidet. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  Art. 108  Abs. 1  AsylG,  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über  offensichtlich  begründete  Beschwerden  wird  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art.  111  Bst.  e  AsylG).  Wie  nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art.  111a Abs. 2 AsylG). 4. 

D­1541/2011 4.1. Die Wiedererwägung im Verwaltungsverfahren ist ein gesetzlich nicht  geregelter  Rechtsbehelf,  auf  dessen  Behandlung  durch  die  verfügende  Behörde  grundsätzlich  kein  Anspruch  besteht.  Gemäss  herrschender  Lehre  und  ständiger Praxis  des Bundesgerichts wird  jedoch aus Art. 29  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101)  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ein  verfassungsmässiger  Anspruch  auf  Wiedererwägung  abgeleitet  (vgl.  BGE 127 I 133 E. 6 S. 137 f. mit weiteren Hinweisen). Danach ist auf ein  Wiedererwägungsgesuch  einzutreten,  wenn  sich  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  seit  dem  ursprünglichen  Entscheid  beziehungsweise  seit  dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz  in  wesentlicher Weise verändert hat – wenn also erhebliche Tatsachen oder  Beweismittel  geltend  gemacht  werden,  die  im  früheren  Verfahren  nicht  bekannt waren oder damals noch nicht eingebracht werden konnten, oder  wenn sich die Umstände seit der letzten Beurteilung wesentlich geändert  haben  –  und  mithin  die  ursprüngliche  (fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene  Veränderungen  der  Sachlage  anzupassen  ist  (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 7 E. 1. S. 42 f.; BGE 124 II 1 E.  3a S. 6, BGE 120  Ib 42 E. 2b S. 46, BGE 113  Ia 146 E. 3a S. 150  ff.).  Sodann  können  auch  Revisionsgründe  einen  Anspruch  auf  Wiedererwägung  begründen,  sofern  sie  sich  auf  eine  in  materielle  Rechtskraft  erwachsene  Verfügung  beziehen,  die  entweder  unangefochten  geblieben  oder  deren  Beschwerdeverfahren  mit  einem  formellen Prozessurteil abgeschlossen worden ist. Ein solchermassen als  qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch zu bezeichnendes Rechtsmittel ist  grundsätzlich  nach  den  Regeln  des  Revisionsverfahrens  zu  behandeln  (vgl. EMARK 2003 Nr. 17 E. 2.a S. 103 f. mit weiteren Hinweisen). 4.2. Ein Spezialfall der Wiedererwägung ist in Art. 32 Abs. 2 Bst. e AsylG  geregelt:  Gemäss  dieser  Bestimmung  wird  auf  ein  Asylgesuch  nicht  eingetreten, wenn Asylsuchende in der Schweiz bereits ein Asylverfahren  erfolglos  durchlaufen  oder  ihr  Gesuch  zurückgezogen  haben  oder  während  des  hängigen  Asylverfahrens  in  den  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  zurückgekehrt  sind,  ausser  die  Anhörung  ergebe  Hinweise,  dass  in  der  Zwischenzeit  Ereignisse  eingetreten  sind,  die  geeignet sind, die Flüchtlingseigenschaft  zu begründen, oder die  für die  Gewährung vorübergehenden Schutzes relevant sind. 4.3. Gemäss dem in EMARK 1998 Nr. 1 publizierten Grundsatzentscheid  der  ARK  (bestätigt  in  EMARK  2006  Nr.  20),  welchen  das 

D­1541/2011 Bundesverwaltungsgericht  als  weiterhin  zutreffend  erachtet,  ist  die  Abgrenzung  zwischen Wiedererwägungsgesuch  und neuem Asylgesuch  wie  folgt  vorzunehmen: Stellt  ein Asylbewerber,  nachdem er  bereits  ein  oder mehrere  Asylverfahren  erfolglos  durchlaufen  hat,  ein  weiteres Mal  ein Gesuch, mit welchem er  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  verlangt, ist dieses neue Gesuch – unabhängig von seiner Bezeichnung –  nach  der  Bestimmung  von  Art.  32  Abs.  2  Bst.  e  AsylG  zu  behandeln.  (EMARK 1998 Nr. 1 betraf allerdings noch die Vorgängerbestimmung von  Art. 16 Abs. 1 Bst. d des Asylgesetzes vom 5. Oktober 1979 [aAsylG von  1979,  AS  1980  1718]  in  der  Fassung  gemäss  Ziff.  1  des  Bundesbeschlusses vom 22. Juni 1990 über das Asylverfahren [AS 1990  938]).  Von  dieser  Regel  darf  nur  abgewichen  werden,  wenn  die  Asyl  suchende  Person  Revisionsgründe  geltend  macht.  Das  erfolglose  Durchlaufen eines Asylverfahrens bedeutet nicht mehr und nicht weniger,  als  dass  in  diesem  Asylverfahren  rechtskräftig  festgestellt  oder  implizit  davon  ausgegangen  worden  ist,  dass  die  Asyl  suchende  Person  nicht  Flüchtling ist. 5.  5.1. In vorliegendem Fall wies das BFM mit Verfügung vom 26. Mai 2009  das  zweite Asylgesuch des Beschwerdeführers mit  der Begründung ab,  er könne nicht glaubhaft machen, dass er zum Zeitpunkt seiner Ausreise  aus  dem  Iran  einer  asylrelevanten  Verfolgung  ausgesetzt  gewesen  sei  oder  begründete  Furcht  gehabt  habe,  in  absehbarer  Zeit  einer  solchen  ausgesetzt  zu  werden.  Überdies  hielten  die  geltend  gemachten  subjektiven  Nachfluchtgründe  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 und 54 AsylG nicht stand. Mit Urteil  vom  24.  November  2009  wies  das  Bundesverwaltungsgericht  die  dagegen  erhobene  Beschwerde  vom  26.  Juni  2009  ab  (vgl.  Bst.  B.  vorstehend). Mit  als  "neues Asylgesuch"  bezeichneter Eingabe  vom 19.  Januar  2011  gelangte  der  Beschwerdeführer  erneut  an  die  Vorinstanz  und  beantragte,  es  sei  seine  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen.  Er  ersuchte  an  diesem  Datum  nicht  –  wie  von  der  Vorinstanz  in  der  angefochtenen Verfügung  fälschlicherweise  (sinngemäss)  festgehalten –  um Wiedererwägung des ablehnenden Asylentscheides, zumal er explizit  geltend machte, dass er mit seinem Gesuch keine Wiedererwägung oder  Revision  des  ursprünglichen  Entscheides  respektive  des  Bundesverwaltungsgerichtsurteils begründen wolle. Er richtete denn auch  in  keiner  Phase  des  hier  vorliegenden  Verfahrens  eine  als  Wiedererwägungsgesuch  bezeichnete  oder  inhaltlich  als  ein  solches  Gesuch  zu  verstehende  Eingabe  an  die  Asylbehörden.  Der 

D­1541/2011 Beschwerdeführer  brachte  in  der Eingabe  vom 19.  Januar  2011  vor,  er  habe  sein  exilpolitisches  Engagement  in  der  Schweiz  nach  Abschluss  seines  zweiten  Asylverfahrens  zusammen  mit  der  DVF  fortgesetzt  und  intensiviert,  da  er  nach  diesem  Zeitpunkt  als  Radiomoderator  tätig  gewesen  sei,  er  einen  regimekritischen  Artikel  verfasst  habe,  der  publiziert worden  sei,  und  er  an mehreren Protestkundgebungen  gegen  das  iranische  Regime  teilgenommen  habe.  Soweit  er  exilpolitische  Aktivitäten  vorbringt,  die  vor  Abschluss  des  zweiten  Asylverfahrens  stattgefunden haben, hält  er  fest,  dass diese nur  subsidiär  zu beachten  seien  und  keine  Wiedererwägung  oder  Revision  des  ursprünglichen  Entscheids  respektive  des  Bundesverwaltungsgerichtsurteils  begründen  sollen. Der Beschwerdeführer beruft sich somit in seiner Eingabe vom 19.  Januar  2011  hauptsächlich  auf  Vorbringen,  die  wegen  ihrer  zeitlichen  Situierung offenkundig nicht als Revisionsgründe in Betracht fallen. Es ist  überdies unbestritten, dass er  in der Schweiz bereits zwei Asylverfahren  erfolglos durchlaufen hat. Damit brachte er hinlänglich vor, dass er – nach  erfolglos  durchlaufenem  zweiten  Asylgesuch  –  erneut  um  Schutz  vor  Verfolgung  ersucht, weshalb  seine Eingabe  vom 19.  Januar  2011  ohne  Weiteres  unter  den  Begriff  Asylgesuch  im  Sinne  von  Art.  18  AsylG  zu  subsumieren ist. 5.2. Demzufolge  lässt sich  festhalten, dass die Eingabe vom 19. Januar  2011  einschliesslich  der  eingereichten  Beweismittel  –  zumindest  soweit  sie  exilpolitische  Aktivitäten  betrifft,  die  der  Beschwerdeführer  nach  Abschluss  des  zweiten  Asylgesuchs  ausgeübt  hat  –  nicht  ein  Wiedererwägungsgesuch,  sondern  ein  neues  Asylgesuch  darstellt,  welches  vom  Bundesamt  unter  dem  Aspekt  von  Art.  32  Abs.  2  Bst.  e  AsylG hätte geprüft werden müssen (vgl. EMARK 2006 Nr. 20 E. 2.3. S.  214),  zumal  der  Beschwerdeführer  die  Eingabe  vom  19.  Januar  2011  explizit nicht als Wiedererwägungsgesuch, sondern als neues Asylgesuch  verstanden  haben  will.  Das  Bundesamt  missachtet  demnach  mit  der  angefochtenen  Verfügung  Verfahrensvorschriften  und  damit  auch  Bundesrecht. 6.  6.1.  Abschliessend  stellt  sich  die  Frage,  ob  dies  eine  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  und  die  Rückweisung  der  Sache  zur  Neubeurteilung an das BFM zur Folge hat oder ob der Verfahrensmangel  ausnahmsweise als durch das vorliegende Beschwerdeverfahren geheilt  betrachtet werden kann.

D­1541/2011 6.2.  Der  Beschwerdeführer  stellte  am  19.  Januar  2011  bei  den  Asylbehörden  unmissverständlich  ein  neues  Asylgesuch  und  reichte  Beweismittel  ein.  Er  machte  in  keiner  Phase  des  Verfahrens  Wiedererwägungsgründe  geltend,  sondern  ersuchte  mit  neuen  Vorbringen erneut um die Anerkennung als Flüchtling. Somit  kann nicht  davon  ausgegangen werden,  das  BFM  habe  das  erneute  Stellen  eines  Asylgesuches  vom  19.  Januar  2011  versehentlich  als  Wiedererwägungsgesuch  behandelt,  sondern  es  muss  vielmehr  angenommen  werden,  das  Bundesamt  nehme  die  Verletzung  von  Verfahrensvorschriften  im  vorliegenden  Fall  in  Kauf.  Unter  diesen  Umständen kann der festgestellte Verfahrensmangel von vornherein nicht  als  durch  das  vorliegende  Beschwerdeverfahren  geheilt  betrachtet  werden,  weil  andernfalls  ein  Präjudiz  geschaffen  würde,  welches  das  BFM  künftig  gleichsam  von  einer  sorgfältigen  Verfahrensführung  entbinden würde. 7.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  Vorinstanz  das  erneute  Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 19. Januar 2011 zu Unrecht als  Wiedererwägungsgesuch  behandelt  und  damit  Bundesrecht  verletzt  hat  (vgl.  Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde  ist  somit  gutzuheissen,  die  angefochtene Verfügung vom 7. Februar 2011 aufzuheben und die Sache  im  Sinne  der  Erwägungen  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  8.  Der  Beschwerdeführer  befindet  sich  somit  wiederum  im  Asylverfahren,  während  dessen  gesamter  Dauer  er  sich  gestützt  auf  Art.  42  Abs.  1  AsylG in der Schweiz aufhalten kann. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), womit das Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  gegenstandslos wird.  10.  Dem  Beschwerdeführer  ist  angesichts  des  Obsiegens  im  Beschwerdeverfahren  in  Anwendung  von  Art.  64  Abs.  1  VwVG  eine  Parteientschädigung  für  ihm  erwachsene  notwendige  Vertretungskosten  zuzusprechen (vgl. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die 

D­1541/2011 Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,  SR 173.320.2]). Nachdem der Rechtsvertreter  keine Kostennote  zu den  Akten  gereicht  hat,  ist  auf  die  Einforderung  einer  solchen  zu  Gunsten  einer Festsetzung aufgrund der Akten zu verzichten  (vgl. Art. 14 Abs. 2  VGKE),  zumal  sich  diese  mit  hinreichender  Zuverlässigkeit  abschätzen  lässt.  Die  dem  Beschwerdeführer  vom  BFM  auszurichtende  Parteientschädigung  ist  auf  insgesamt  Fr.  600.­­  (inkl.  Auslagen  und  allfälliger Mehrwertsteuer) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

D­1541/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  7.  Februar  2011  wird  vollumfänglich  aufgehoben und die Sache zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen  an die Vorinstanz zurückgewiesen.  3.  Der  Beschwerdeführer  kann  den  Ausgang  des  Asylverfahrens  in  der  Schweiz abwarten.  4.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  5.  Die  Vorinstanz  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 600.­­ auszurichten. 6.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Robert Galliker Matthias Jaggi Versand:

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