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Bundesverwaltungsgericht 27.01.2012 C-931/2009

27 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,523 mots·~13 min·2

Résumé

Personen des Asylrechts | Verweigerung der Zustimmung zur Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung (Art. 14 Abs. 2 AsylG)

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung III C­931/2009 Urteil   v om   2 7 .   J a nua r   2012 Besetzung Richterin Marianne Teuscher (Vorsitz), Richter Blaise Vuille,  Richter Antonio Imoberdorf,    Gerichtsschreiberin Giulia Santangelo. Parteien M._______,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Verweigerung der Zustimmung zur Erteilung einer  Aufenthaltsbewilligung (Art. 14 Abs. 2 AsylG).

C­931/2009 Sachverhalt: A.  Am  16.  August  1993  gelangte  der  aus  Jordanien  stammende  Beschwerdeführer  (geb. 1965)  illegal  in die Schweiz. Unter dem Namen  X._______,  geb.  1965,  palästinensischer  Herkunft  (Gaza),  ersuchte  er  am  23.  August  1993  um Asyl.  Unterlagen,  insbesondere  seine  Identität  betreffend reichte er keine ein. Das ehemalige Bundesamt für Flüchtlinge  (BFF,  heute:  BFM)  stellte  am  7.  Februar  1994  fest,  dass  er  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle,  lehnte  das  Asylgesuch  ab  und wies  ihn  unter  Ansetzung  einer  Ausreisefrist  aus  der  Schweiz  weg.  Seine  gegen diese Verfügung gerichtete Beschwerde wies die Schweizerische  Asylrekurskommission (ARK) mit Urteil vom 14. April 1994 ab. Das BFF  setzte ihm daraufhin eine Ausreisefrist bis zum 15. Mai 1994. Der Verpflichtung  zur Ausreise  kam der Beschwerdeführer  in  der  Folge  nicht  nach.  Er  bemühte  sich  auch  nicht  um  Beschaffung  der  für  die  Rückkehr  erforderlichen  heimatlichen  Reisepapiere.  Die  Wegweisung  konnte daher nicht vollzogen werden. B.  Am 15. Oktober 2001 beantragte das Amt  für öffentliche Sicherheit  des  Kantons Solothurn dem BFF die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme  in der Schweiz, da der Vollzug der Wegweisung nicht möglich sei. Dieser  Antrag  wurde  am  18.  Dezember  2001  im  Wesentlichen  mit  der  Begründung  abgelehnt,  es  seien  keine  neuen  Elemente  oder  Erkenntnisse  ersichtlich,  welche  Aufschluss  über  die  Identität  des  Beschwerdeführers geben könnten. Trotz  mehrfacher  Anstrengungen  ­  unter  Einbezug  verschiedener  ausländischer  Botschaften  ­  war  es,  mangels  Kooperation  des  Beschwerdeführers  bis  im  Mai  2008  weder  der  kantonalen  Migrationsbehörde  noch  der  Vorinstanz  gelungen,  einen  gültigen  Reisepass  oder  einen  Laissez­passer  für  den  Vollzug  der Wegweisung  erhältlich  zu  machen.  Insbesondere  standen  weder  Identität  noch  Nationalität fest. C.  Infolge  fehlender  Kooperationsbereitschaft  zur  Ausreise  sowie  aufgrund  der  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  zwischen  1994  und  2005  Fürsorgekosten  von  Fr.  121'220.50  (ohne  Krankenkassenprämien)  verursacht hatte, erklärte sich der Kanton bereit, ihm die Aufnahme einer 

C­931/2009 Erwerbstätigkeit  zu  bewilligen.  Zudem  wurde  ihm  in  Aussicht  gestellt,  dass  nach 12 Monaten Erwerbstätigkeit  ein Antrag  auf  Zustimmung  zur  Aufenthaltsregelung  gestellt  werde,  sofern  er  dann  seine  Identität  offenlege.  Mit Verfügung vom 5. Februar 2007 wurde der Stellenantritt bewilligt. Ein  Jahr  später,  am  27.  März  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  beim  kantonalen  Migrationsamt  persönlich  seinen  abgelaufenen  jordanischen  Pass,  die Geburtsurkunde  sowie Ausbildungsunterlagen  ein.  Ihm wurde  dabei  versichert,  dass  er  nach  so  langer  Zeit  nicht  mehr  ausgeschafft  werde. D.  Am 3. Juni 2008 gelangte die Migrationsbehörde des Kantons Solothurn  an  die  Vorinstanz  mit  dem  Antrag  auf  Zustimmung  zur  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 14 Abs. 2 des Asylgesetzes vom  26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31). Das BFM teilte dem Beschwerdeführer  am  11.  September  2008 mit,  dass  erwogen werde,  die  Zustimmung  zu  einer entsprechenden Aufenthaltsregelung zu verweigern und räumte ihm  Gelegenheit  zur  Stellungnahme  ein.  Der  zwischenzeitlich  nunmehr  rechtsvertretene Beschwerdeführer  liess  sich  am 2. Oktober  2008  dazu  vernehmen. E.  Mit  Verfügung  vom  13.  Januar  2009  verweigerte  die  Vorinstanz  ihre  Zustimmung  zur Erteilung  einer Aufenthaltsbewilligung. Dabei  führte  sie  im Wesentlichen  aus,  der  Beschwerdeführer  habe  im Asylverfahren  die  Identitätsfeststellung  missbräuchlich  vereitelt,  um  sich  auf  diese  Weise  den  Aufenthalt  zu  erschleichen,  was  vorliegend  zu  berücksichtigen  sei.  Anderenfalls  würde  die  Missachtung  der  geltenden  Vorschriften  in  gewisser  Weise  nachträglich  belohnt.  Die  Härtefallregelung  diene  nicht  dazu,  den Aufenthalt  von  Ausländern  zu  legalisieren,  die  sich  zunächst  lange  Zeit  unter  Verstoss  gegen  die  asyl­  und  ausländerrechtlichen  Bestimmungen  in  der  Schweiz  aufgehalten  und  gearbeitet  hätten.  Im  Weiteren  könne  er  zwar  aufgrund  der  Bewilligung  zur  Erwerbstätigkeit  seinen Lebensunterhalt seit 1. Juli 2007 selbst bestreiten. Er sei lediglich  als  Hilfsarbeiter  tätig  und  habe  sich  nie  weitergebildet.  Die  persönliche  Einsatzbereitschaft  vermöge  die  fehlende  Qualifikationen  nicht  zu  kompensieren. Es könne davon ausgegangen werden, dass er sich dem  hiesigen sozialen Umfeld angepasst habe, doch stelle dies an sich keine  besonders  enge  persönliche  Beziehung  zur  Schweiz  dar.  Der 

C­931/2009 Beschwerdeführer sei alleinstehend und kinderlos. Er  leide unter keinen  gesundheitlichen Problemen, deren Behandlung bei der Rückkehr  in die  Heimat  nicht  gewährleistet  seien.  Es  sei  zudem weder  ersichtlich  noch  geltend  gemacht  worden,  dass  er  bei  seiner  Rückkehr  grösseren  Nachteilen als die einheimische Bevölkerung ausgesetzt sein würde. Der  lange Aufenthalt vermöge für sich allein das öffentliche Interesse an einer  restriktiven Migrationspolitik nicht zu überwiegen. F.  Gegen  die  vorgenannte  Verfügung  legte  der  Beschwerdeführer  am  13. Februar  2009  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  ein  und  stellte die folgenden Rechtsbegehren: Die Verfügung der Vorinstanz vom  13.  Januar  2009  sei  aufzuheben  und  es  sei  festzustellen,  dass  die  Voraussetzungen  für die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung aufgrund  eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalles erfüllt seien. Es sei die  Vorinstanz anzuweisen, dem Antrag des Kantons Solothurn auf Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  zuzustimmen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  ersucht  er  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege.  Hierzu lässt er im Wesentlichen vorbringen, das Ziel der Härtefallregelung  würde verfehlt, wenn sich Versäumnisse  im Asylverfahren auch auf das  Härtefallverfahren  auswirken  würden.  Die  Folgen  von  Verletzungen  der  Mitwirkungspflichten  im  Asylverfahren  fänden  dort  eine  abschliessende  Regelung. Eine Sonderbehandlung jener, welche dort ihren Namen nicht  korrekt  angegeben  hätten,  ihre  Identität  in  Härtefallverfahren  jedoch  offenlegten,  verletze  zudem  das  Gleichheitsprinzip.  Der  Beschwerdeführer lebe seit über 15 Jahren in der Schweiz, was zu einer  Herabsetzung  der  übrigen  Voraussetzungen  führe.  In  Bezug  auf  seine  Integration  könne  ihm  nicht  vorgeworfen  werden,  keine  Weiterbildung  besucht  zu  haben,  er  lese  täglich  die  Zeitung  und  informiere  sich  über  das politische Geschehen in der Schweiz. Eine private Weiterbildung sei  zu  teuer.  Sein  Wille  zur  Teilhabe  am  Wirtschaftsleben  sei  durch  die  Anstellung und die finanzielle Unabhängigkeit erwiesen.  G.  In  ihrer  Vernehmlassung  vom  29. Mai  2009  schloss  die  Vorinstanz  auf  Abweisung der Beschwerde. H.  Der  Beschwerdeführer  hielt  mit  Replik  vom  30.  Juni  2009  an  seinem  Rechtsmittel unverändert fest.

C­931/2009 I.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  11.  Oktober  2011  gab  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  Gelegenheit  zur  Aktualisierung  des  Sachverhalts.  Von  dieser  Möglichkeit  machte  er  am  30. Oktober 2011 Gebrauch. Im Wesentlichen liess er darin festhalten, er  sei  gesundheitlich  angeschlagen.  Seine  Halswirbelsäule  weise  degenerative  Veränderungen  auf.  Seit  August  2011  bestehe  zusätzlich  eine Lähmung der Hand und einzelner Finger. Seit 2008 werde er wegen  mittelschwerer  Depressionen  und  psychosomatischer  Beschwerden  behandelt.  J.  Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird,  soweit  rechtserheblich,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Verfügungen  des  BFM  betreffend  Zustimmung  zur  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  nach  Art.  14  Abs.  2  AsylG  unterliegen  der  Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 31, Art. 32 sowie Art.  33 Bst. d des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR  173.32]). 1.2. Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet  sich  nach  dem  Bundesgesetz  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  soweit  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  und  das  Asylgesetz  nichts  anderes  bestimmen (Art. 6 AsylG und Art. 37 VGG ). 1.3. Der Beschwerdeführer ist als Adressat der angefochtenen Verfügung  zur  Beschwerde  legitimiert  (Art.  48  Abs.  1  VwVG).  Auf  seine  frist­  und  formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 49 ff. VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  –  soweit  nicht  eine  kantonale 

C­931/2009 Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend  gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE  2011/1 E. 2). 3.  3.1. Gemäss Art. 14 Abs. 2 AsylG kann der Kanton mit Zustimmung des  BFM  einer  ihm  nach  dem  Asylgesetz  zugewiesenen  Person  eine  Aufenthaltsbewilligung  erteilen,  wenn  die  betroffene  Person  sich  seit  Einreichung  des  Asylgesuches  mindestens  fünf  Jahre  in  der  Schweiz  aufhält (Bst. a), der Aufenthaltsort der betroffenen Person den Behörden  immer bekannt war  (Bst. b) und wegen der  fortgeschrittenen  Integration  ein  schwerwiegender  persönlicher Härtefall  vorliegt  (Bst.  c).  Dabei  geht  es  nur  um  die  Frage,  ob  der  Kanton  ermächtigt  wird,  eine  Aufenthaltsbewilligung  zu  erteilen  bzw.  ein  Aufenthaltsverfahren  durchzuführen.  Anwendbar  ist  die  im  Rahmen  der  Asylgesetzrevision  vom  16.  Dezember  2005  per  1. Januar  2007  in  Kraft  getretene  Härtefallregelung von Art. 14 Abs. 2 AsylG sowohl auf Personen, die ein  Asylverfahren  erfolglos  durchlaufen  haben,  als  auch  auf  Personen,  die  sich  noch  im  Asylverfahren  befinden.  Sie  stellt  eine  Ausnahme  vom  Grundsatz  der  Ausschliesslichkeit  des  Asylverfahrens  dar  (PETER  NIDERÖST,  Sans­Papiers  in  der  Schweiz,  in:  Peter  Uebersax/Beat  Rudin/Thomas  Hugi  Yar/Thomas  Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2.  Auflage  Basel  2009,  Rz. 9.35;  zur  Rechtsnatur  dieses  Verfahrens  vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­7265/2007  vom  24. März  2010  E. 3). 3.2. Bereits vor der Revision vom 16. Dezember 2005 sah das Asylgesetz  in Art. 44 Abs. 3 bis 5 (AS 1999 2273) die Möglichkeit vor, in Fällen einer  schwerwiegenden  persönlichen  Notlage  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen,  sofern  vier  Jahre  nach  Einreichen  des  Asylgesuchs  noch  kein  rechtskräftiger Entscheid ergangen war. Rechtskräftig abgewiesene  Asylsuchende  waren  von  der  Möglichkeit  der  vorläufigen  Aufnahme  ausgeschlossen.  Die  nunmehr  geltende  Regelung  von  Art. 14  Abs.  2  AsylG enthält  nicht  nur  eine Ausweitung des Anwendungsbereiches auf  rechtskräftig abgewiesene Asylsuchende, sondern bringt der betroffenen  Person  auch  insoweit  eine  rechtliche  Besserstellung,  als  ihr  eine 

C­931/2009 Aufenthaltsbewilligung erteilt und nicht mehr nur die vorläufige Aufnahme  gewährt werden kann (zur Entstehung des heutigen Art. 14 Abs. 2 AsylG  vgl. BVGE 2009/40 E. 3.1).  3.3. Das BFM  ist umfassend  für die Prüfung der Voraussetzungen nach  Art. 14  Abs.  2  AsylG  zuständig.  Eine  umfassende,  originäre  Sachentscheidskompetenz  der  Vorinstanz  gilt  übrigens  auch  für  das  ausländerrechtliche  Zustimmungsverfahren  gemäss  Art. 40  Abs.  1  des  Ausländergesetzes  vom  16. Dezember  2005  (AuG,  SR  142.20)   i.V.m.  Art. 99 AuG (zum alten, aber gleich ausgestalteten Recht: BGE 127 II 49  E. 3a S. 51 f. und BGE 120 Ib 6 E. 3a S. 9 f.). Vorliegend ist es somit an  der  Vorinstanz  zu  beurteilen,  ob  die  Voraussetzungen  gemäss  Art. 14  Abs.  2  Bst.  a  –  c  AsylG  erfüllt  sind.  Dass  die  dafür  notwendigen  Sachverhaltsabklärungen  in  der  Regel  von  den  antragstellenden  Kantonen  durchgeführt  werden,  vermag  daran  nichts  zu  ändern  (siehe  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­1591/2010  vom  31. Oktober  2011  E.  3.3  mit  Hinweis).  Weder  das  BFM  noch  das  Bundesverwaltungsgericht  sind  mithin  an  die  Einschätzung  der  kantonalen  Behörde  gebunden  (zum  Ganzen  vgl.  auch  E.  4.1  –  5.3  hiernach). 4.  4.1.  Der  Beschwerdeführer  hält  sich  seit  der  Einreichung  des  Asylgesuches  mehr  als  fünf  Jahre  in  der  Schweiz  auf,  wobei  sein  Aufenthaltsort  den  Behörden  immer  bekannt  war.  Die  in  Art.  14  Abs.  2  Bst. a und b AsylG genannten Anforderungen sind damit erfüllt. Zu prüfen  bleibt,  ob  nach Massgabe  von  Art.  14  Abs.  2  Bst.  c  AsylG  "wegen  der  fortgeschrittenen  Integration  ein  schwerwiegender  persönlicher  Härtefall  vorliegt". Diese Frage beurteilt sich auf der Grundlage der umfangreichen  Rechtsprechung  zum Härtefallbegriff  gemäss Art.  13 Bst.  f  der  bis  zum  31. Dezember 2007 geltenden Verordnung vom 6. Oktober 1986 über die  Begrenzung der Zahl der Ausländer  (Begrenzungsverordnung, BVO, AS  1986 1791; vgl. heute Art. 30 Abs. 1 Bst. b des Ausländergesetzes vom  16. Dezember 2005  [AuG, SR 142.20]). Mit Art.  14 Abs. 2 Bst.  c AsylG  hat  der  Gesetzgeber  nämlich  keinen  eigenen  Härtefallbegriff  schaffen,  sondern  den  bereits  im  Kontext  des  Ausländerrechts  bestehenden  und  von  der  Rechtsprechung  konkretisierten  Härtefallbegriff  auch  für  das  Asylrecht  anwendbar  machen  wollen  (vgl.  dazu  eingehend  BVGE  2009/40 E. 5 mit Hinweisen).

C­931/2009 4.2.  In  Anlehnung  an  die  Rechtsprechung  des  Bundesgerichts  hat  der  Verordnungsgeber  in  Art.  31  Abs.  1  der  Verordnung  vom  24. Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit  (VZAE,  SR  142.201) eine entsprechende Kriterienliste aufgestellt, die sich sowohl auf  Art.  14  Abs.  2  AsylG  als  auch  auf  den  Anwendungsbereich  des  AuG  (Art. 30  Abs.  1  Bst.  b,  Art.  50  Abs.  1  Bst.  b  und  Art.  84  Abs.  5  AuG)  bezieht. Im Einzelnen werden folgende Kriterien genannt: Die Integration  (Bst.  a),  die  Respektierung  der  Rechtsordnung  (Bst.  b),  die  Familienverhältnisse (Bst. c), die finanziellen Verhältnisse sowie der Wille  zur Teilhabe am Wirtschaftsleben und zum Erwerb von Bildung (Bst. d),  die Dauer der Anwesenheit (Bst. e), der Gesundheitszustand (Bst. f) und  die Möglichkeit für eine Wiedereingliederung im Herkunftsland (Bst. g). 4.3.  Im  Weiteren  statuiert  die  auf  die  soeben  genannten  Härtefallregelungen nach AsylG und AuG anwendbare Bestimmung von  Art.  31  Abs.  2  VZAE,  dass  die  gesuchstellende  Person  ihre  Identität  offenlegen muss. Dieses Erfordernis steht im Zusammenhang mit Art. 13  und  Art.  90  AuG,  wonach  die  gesuchstellende  Person  im  Bewilligungs­  und  Anmeldeverfahren  ein  gültiges  Ausweispapier  vorlegen  und  diesbezüglich  zutreffende  und  vollständige  Angaben  machen  muss.  Werden diese zwingenden Vorschriften verletzt, kann dies den Wiederruf  einer Bewilligung zur Folge haben (Art. 62 Bst. a und Art. 63 Abs. 1 Bst. a  AuG) und zu Zwangsmassnahmen (Art. 76 Abs. 1 Bst. b Ziff. 3 AuG und  Art. 77 Abs. 1 Bst. c AuG) oder gar strafrechtlichen Sanktionen (Art. 120  Abs. 1 Bst. e AuG) führen (PETER UEBERSAX, Einreise und Aufenthalt,  in  Ausländerrecht,  a.a.O.,  Rz.  7.272  ff.).  Einen  weiterreichenden  Regelungsumfang  hat  die  insoweit  nur  deklaratorische  Verordnungsbestimmung  von Art.  31 Abs.  2 VZAE  (abgesehen  von der  wohl ungenauen Übersetzung im französischen Text) nicht. 5.  5.1.  Im Hinblick auf die Rechtsprechung zum Härtefallbegriff von Art. 13  Bst.  f  BVO  und  die  diesbezüglich  in  Art.  31  Abs.  1  VZAE  aufgestellten  Kriterien  darf  auch  im  Anwendungsbereich  des  Asylgesetzes  ein  schwerwiegender  persönlicher  Härtefall  nicht  leichthin  angenommen  werden.  Erforderlich  ist,  dass  sich  die  ausländische  Person  in  einer  persönlichen  Notlage  befindet,  was  bedeutet,  dass  ihre  Lebens­  und  Existenzbedingungen,  gemessen  am  durchschnittlichen  Schicksal  von  ausländischen  Personen,  in  gesteigertem  Mass  in  Frage  gestellt  sind  bzw. die Verweigerung einer Aufenthaltsbewilligung für sie mit schweren  Nachteilen verbunden wäre.

C­931/2009 5.2. Die Anerkennung als Härtefall muss allerdings nicht bereits deshalb  erfolgen, weil sich die Anwesenheit in der Schweiz als einziges Mittel zur  Verhinderung einer persönlichen Notlage darstellt. Es genügt auch nicht,  wenn sich die ausländische Person während längerer Zeit in der Schweiz  aufgehalten,  sich  in  sozialer  und  beruflicher  Hinsicht  gut  integriert  und  sich nichts hat zuschulden kommen  lassen. Vielmehr bedarf es einer so  engen Beziehung zur Schweiz, dass es ihr nicht zugemutet werden kann,  im Ausland, insbesondere in ihrem Heimatland, zu leben (BGE 130 II 39  E. 3; BVGE 2007/16 E. 5.1); die in diesem Kontext anwendbaren Kriterien  von  Art.  31  Abs.  1  VZAE  stellen weder  einen  abschliessenden Katalog  dar  noch müssen  sie  kumulativ  erfüllt  sein  (vgl. BVGE 2009/40 E.  6.2).  Immerhin  werden  bei  einem  sehr  langen  Aufenthalt  weniger  hohe  Anforderungen  an  das  Vorliegen  besonderer  Umstände  wie  etwa  eine  überdurchschnittliche  Integration  oder  andere  Faktoren  gestellt,  welche  die  Rückkehr  ins  Heimatland  als  ausgesprochen  schwierig  erscheinen  lassen (BGE 124 II 110 E. 3 S. 112 f.). 5.3. Zu  beachten  gilt  es  ferner,  dass  die  ausländerrechtliche Zulassung  wegen  eines  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefalles  nicht  das  Ziel  verfolgt, eine ausländische Person gegen die Folgen eines Krieges oder  des  Missbrauchs  staatlicher  Gewalt  zu  schützen.  Solche  Erwägungen  betreffen  einerseits  die Frage  der Asylgewährung,  andererseits  sind  sie  für  die  Beurteilung  der  Vollziehbarkeit  einer  verfügten Wegweisung  von  Bedeutung  (vgl.  Art.  83  AuG).  Im  Zusammenhang  mit  dem  schwerwiegenden persönlichen Härtefall sind ausschliesslich humanitäre  Gesichtspunkte  ausschlaggebend,  wobei  der  Schwerpunkt  auf  der  Verankerung  in  der Schweiz  liegt.  Im Rahmen  einer Gesamtschau  sind  jedoch  seit  jeher  auch  der Gesundheitszustand  einer  Person  sowie  die  Möglichkeiten  einer  Wiedereingliederung  im  Herkunftsland  mitzuberücksichtigen  (heute  sind  diese  von  der  Rechtsprechung  entwickelten Kriterien in Art. 31 Abs. 1 Bst. f und g VZAE positivrechtlich  verankert).  Diese  Prüfung  kann  nicht  losgelöst  von  den  persönlichen,  familiären  und  ökonomischen  Schwierigkeiten  erfolgen,  denen  eine  ausländische Person in ihrem Heimatland ausgesetzt wäre (vgl. BGE 123  II 125 E. 3 S. 128). Daraus ergibt sich eine gewisse Überschneidung von  Gründen, die den Wegweisungsvollzug betreffen, und solchen, die einen  Härtefall (mit)begründen können. Das ist nicht zu vermeiden und in Kauf  zu nehmen (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C­8270/2008 vom  10. Mai 2010 E. 5.3 mit Hinweis). 6. 

C­931/2009 6.1. Nach Ablauf  der  Ausreisefrist  am  15. Mai  1994 war  der  Aufenthalt  des Beschwerdeführers  rechtswidrig. Die  illegale Anwesenheit dauerte –  mit Ausnahme der Dauer des Verfahrens auf Anordnung einer vorläufigen  Aufnahme vom 15. Oktober 2001 bis zum 18. Dezember 2001 – bis zum  Beginn des vorliegenden Verfahrens am 3. Juni 2008 und damit rund 14  Jahre.  Aus  der  mittlerweile  18  Jahre  und  6  Monate  dauernden  Anwesenheit  (wovon  lediglich  rund viereinhalb Jahre  rechtmässig  in der  Schweiz  verbracht  wurden)  kann  er,  wie  nachfolgend  aufzuzeigen  ist,  somit nichts zu seinen Gunsten ableiten.  6.2. Der Beschwerdeführer hält sich mit über 18 Jahren vergleichsweise  lange  in der Schweiz auf. Ausschlaggebende Bedeutung kommt diesem  Element jedoch nicht zu. Wohl hat das Bundesgericht in einem Urteil aus  dem  Jahr  1998  entschieden,  dass  bei  einer  ausländischen  Person,  die  sich seit zehn Jahren in der Schweiz aufhält, in der Regel vom Vorliegen  eines schwerwiegenden persönlichen Härtefalles auszugehen  ist,  sofern  sie  finanziell  unabhängig,  sozial  und  beruflich  gut  integriert  ist  und  sich  bis  dahin  klaglos  verhalten  hat,  vorausgesetzt,  dass  sie  die  Dauer  des  Aufenthaltes  nicht  absichtlich  durch  das  missbräuchliche  Ergreifen  von  Rechtsmitteln  verlängert  hat.  Allerdings  bezieht  sich  diese  Rechtsprechung  auf  Asylbewerber,  über  deren  Asylgesuch  nach  zehn  Jahren  immer noch nicht  befunden wurde  (vgl. BGE 124  II  110 E.  3 S.  112  f.).  Damit  wird  der  besonderen  Situation  dieser  Personenkategorie  Rechnung  getragen,  die  von  Verfahrens  wegen  gezwungen  ist,  den  Kontakt  zum Herkunftsland  abzubrechen  (BGE  123  II  125 E.  3  S.  128;  Urteil  des  Bundesgerichts  2A.542/2005  vom  11.  November  2005  E.  3.2.1).  Der  Beschwerdeführer  befindet  sich  in  einer  anderen  Situation.  Das Asylverfahren wurde bereits  nach acht Monaten am 14. April  1994  rechtskräftig  entschieden,  worauf  er  eine  Frist  zur  Ausreise  aus  der  Schweiz erhielt. Sein Aufenthalt über die Ausreisefrist hinaus gründet sich  ausschliesslich  auf  seine  Weigerung  zur  Preisgabe  von  Identität  und  Nationalität  sowie  auf  die  damit  verbundene  Folge,  der  Duldung  durch  den  Wohnkanton.  Weder  war  der  Beschwerdeführer  in  dieser  Zeit  gezwungen, den Kontakt zu seiner Heimat abgebrochen zu halten, noch  durfte  er  davon  ausgehen  –  auch  wenn  ihm  die  kantonale  Behörde  nachträglich  versicherte,  ihn nicht wegzuweisen  ­  sein Aufenthalt werde  durch  das  absichtliche  und  gezielte Hinauszögern  der Preisgabe  seiner  wahren  Identität  definitiv  geregelt.  Es  stellt  sich  die  Frage,  wie  die  sonstigen Umstände seines Aufenthalts und Verhaltens zu würdigen sind  bzw.  ob  sich  für  ihn  allenfalls  daraus  eine  schwerwiegende  Notlage  ergibt.

C­931/2009 6.3.  In  Bezug  auf  die  Beachtung  der  Rechtsordnung  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  strafrechtlich  nicht  negativ  in  Erscheinung  getreten  ist. Gleichwohl kann sein Leumund aufgrund seines Verhaltens  im  Asylverfahren  sowie  während  der  nachfolgenden  14  Jahre  nicht  als  makellos bezeichnet werden. Diesbezüglich ist – wie bereits festgestellt –  auszuführen,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  Einreichung  seines  Asylgesuchs eine falsche Identität angab und vorgab, keine Reisepapiere  oder  andere  die  Identität  oder  Nationalität  belegenden  Unterlagen  zu  besitzen.  Erst  nachdem  sich  der  Kanton  bereit  erklärt  hatte,  dem Bund  die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 14 Abs. 2 AsylG zu  beantragen, gab er den Behörden ­ nachdem diese ihm versichert hatten,  dass  er  nicht  mehr  weggewiesen  werde  –  seine  wahre  Identität  und  Nationalität  preis  und  reichte  seinen  abgelaufenen  jordanischen  Reisepass, seine Geburtsurkunde sowie Ausbildungsunterlagen ein. Dies  stellt grundsätzlich einen strafrechtlich  relevanten Verstoss das (vgl. Art.  118  Abs.  1  AuG).  Die  jahrelange  Täuschung  von  kantonalen  und  eidgenössischen  Behörden  ist  als  fehlende  Respektierung  der  Rechtsordnung  zu  qualifizieren,  was  bei  der  vorliegenden  Prüfung  massgeblich ins Gewicht fällt. Wie schon die  frühere Regelung soll  auch die heutige Härtefallregelung  nach Art. 14 Abs. 2 AsylG nur  für Personen  in Betracht  fallen, die nach  Abweisung  ihres Asylgesuchs  aus  nicht  selbst  verschuldeten  oder  nicht  selbst  zu  verantwortenden Gründen  in der Schweiz geblieben  sind  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­5438/2010  vom  4.  November  2011  E.  6.1  mit  Hinweisen).  Eine  solche  Situation  ist  vorliegend  nicht  gegeben.  Es  genügt  nicht,  dass  der  Beschwerdeführer  Identität  und  Nationalität erst  im vorliegenden Verfahren offengelegt hat, vielmehr war  sein vorheriges Verhalten rechtsmissbräuchlich. 6.4. Was die persönliche und soziale Integration anbelangt, geht aus den  Akten  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  die  deutsche  sowie  die  schweizerdeutsche  Sprache  gut  beherrscht.  Er  betont,  dass  soziale  Verankerung  nicht  zwingend  eine  Familie  und  Kinder  voraussetze,  sondern  sich  auch  durch  Freundschaften  ausdrücken  könne.  Diesbezüglich  reichte  er  das  Empfehlungsschreiben  eines  bekannten  Schriftstellers  ein.  In  diesem  wird  er  als  Einzelgänger  beschrieben,  welcher in seiner Umgebung gut integriert sei. Inwiefern eine von Dritten  als  Einzelgänger  bezeichnete  Person  sozial  überdurchschnittlich  gut  integriert  sein  kann,  ist  jedoch  fraglich.  Entsprechend  kann  der  Beschwerdeführer  weder  darlegen,  dass  er  sich  um  Integration  bemüht 

C­931/2009 hat noch, dass er über Bekanntschaften und damit über ein soziales Netz  verfügt. Die soziale Anpassung, die sich üblicherweise infolge der langen  Anwesenheitsdauer  in  der  Schweiz  ergibt,  ist  in  casu  bestenfalls  durchschnittlich.  Entsprechend  liegen  keine  weiteren  Empfehlungsschreiben  oder  anderweitige  Angaben  vor,  welche  eine  soziale  Integration  belegen  könnten.  Die  vage,  nicht  näher  ausgeführte  oder mit Beweismitteln untermauerte Behauptung genügt  für sich alleine  nicht.  Überdies  enthalten  die  Akten  keine  Belege  für  Bemühungen  wie  Kursbesuche,  Vereinsmitgliedschaften,  Aufgaben  innerhalb  der  Wohngemeinde  oder  sonstige  Aktivitäten,  welche  die  behauptete  Verwurzelung nachweisbar darlegen könnten.  6.5. In Bezug auf die wirtschaftliche Integration ist dem Beschwerdeführer  zu  Gute  zu  halten,  dass  er  nach  Bewilligung  einer  Arbeitstätigkeit  ab  Februar 2007 eine Stelle angetreten hat und finanziell unabhängig wurde.  Zuvor  hatte  er  jedoch  weder  an  Beschäftigungsprogrammen  oder  sozialen  Projekten  teilgenommen  noch  Kurse  besucht  oder  auf  andere  Weise  seinen  Willen  zur  Teilhabe  am  Wirtschaftsleben  unter  Beweis  gestellt.  Vielmehr  beklagt  er  diesbezüglich  lediglich,  dass  private  Weiterbildungen  zu  teuer  seien.  Um  die  bestehenden  alternativen  Bildungsprogramme  hat  er  sich  indessen  nicht  bemüht.  Vor  dem  Hintergrund, dass er während der 14 Jahre vor Arbeitsantritt  im Februar  2007  überhaupt  keine  Bemühungen  zur  wirtschaftlichen  Integration  nachweisen kann, er indessen während dieser Zeit massive Sozialkosten  verursacht hat, liegt nicht ansatzweise eine wirtschaftliche Integration vor.  Seit  Mai  2011  ist  der  Beschwerdeführer  erneut  arbeitslos,  zu  100%  krankgeschrieben  und  damit  wohl  nicht  mehr  in  der  Lage,  seinen  finanziellen  Verpflichtungen  nachzukommen.  Trotz  Bemühungen  in  neuerer  Zeit,  tritt  hervor,  dass  seine  Absichten  stets  primär  auf  die  Bewilligung  zur  Aufenthaltsregelung  abzielten.  Entsprechend wurde  ihm  die Antragstellung nach einem Jahr Erwerbstätigkeit, durch den Kanton in  Aussicht gestellt. Der Wille zur Teilhabe am Wirtschaftsleben erscheint ­  wenn überhaupt vorhanden ­ stets als zweitrangig. 6.6.  Der  Beschwerdeführer  ist  im  Alter  von  28  Jahren  in  die  Schweiz  gelangt.  Er  hat  somit  den  grössten  Teil  seines  bisherigen  Lebens  in  seiner  Heimat  verbracht,  darunter  die  prägenden  Phasen  als  Jugendlicher und junger Erwachsener. Er verfügt dort über ein familiäres  Beziehungsnetz  und  es  kann  im Sinne  einer  Erfahrungstatsache  davon  ausgegangen  werden,  dass  er  über  den  familiären  Kreis  hinaus  mannigfaltige soziale Kontakte unterhält, auf die er notfalls zurückgreifen 

C­931/2009 kann. Soweit ist nichts ersichtlich, was einer Wiedereingliederung in seine  angestammte  Umgebung  unüberwindbare  Hindernisse  entgegenstellen  würde.  Dass  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Heimat  infolge  des  Kontaktabbruchs  auf  familiäre  Schwierigkeiten  treffen  könnte,  mag  die  Wiedereingliederung zwar erschweren, ernsthaft in Frage gestellt wird sie  dadurch  aber  nicht.  Aufgrund  seiner  eher  überdurchschnittlichen  Schulbildung  (Gymnasium),  der  in  der  Schweiz  erworbenen  Berufserfahrung  und  Sprachkenntnisse  sowie  des  bestehenden  familiären und sozialen Rückhaltes  ist davon auszugehen, dass es dem  Beschwerdeführer  möglich  sein  wird,  sich  in  seiner  Heimat  wieder  einzugliedern.  6.7.  6.7.1.  Schliesslich  ist  auf  die  gesundheitliche  Situation  des  Beschwerdeführers  einzugehen.  Seit  April  2008  wird  er  wegen  mittelschwerer  Depressionen  und  psychosomatischen  Beschwerden  psychotherapeutisch  und  pharmakologisch  behandelt.  Krankheitsauslösende  sowie  krankheitsfördernde  Faktoren  seien  die  familiäre  Entwurzelung,  die  Vereinsamung  sowie  der  unsichere  Aufenthaltsstatus (ärztliches Zeugnis vom 17. Januar 2011). Weiter leide  er  unter  Nacken­  und  Armschmerzen  rechts  aufgrund  degenerativer  Veränderungen der Halswirbelsäule. Seit August 2011 besteht zusätzlich  eine  Lähmung  der  Hand  und  einzelner  Finger,  was  einen  operativen  Eingriff  erforderlich  machte.  Es  besteht  derzeit  eine  100%  Arbeitsunfähigkeit  (ärztliches  Zeugnis  vom  14.  Oktober  2011).  Krankgeschrieben ist er bereits seit Mai 2011.  6.7.2. Der Gesundheitszustand stellt ein Kriterium dar, das in Verbindung  mit  anderen  Elementen  grundsätzlich  zur  Anerkennung  eines  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefalls  nach  Art.  14  Abs.  2  AsylG  führen kann. Voraussetzung ist, dass der Betroffene an einer ernsthaften  gesundheitlichen  Beeinträchtigung  leidet,  die  während  einer  langen  Zeitspanne dauernde ärztliche Behandlung oder punktuelle medizinische  Notfallmassnahmen  notwendig  macht,  welche  im  Herkunftsland  nicht  erhältlich  sind,  so  dass  eine  Ausreise  aus  der  Schweiz  die  Gefahr  schwerwiegender  Folgen  für  seine  Gesundheit  nach  sich  zieht.  Der  Tatsache  allein,  dass  die  medizinische  Versorgung  in  der  Schweiz  höheren Standards entspricht, ist dagegen nicht relevant (BGE 128 II 200  E. 5.3 S. 209; Urteile des Bundesgerichts 2C_316/2011 vom 17. Oktober  2011  E.  3.3  und  2C_216/2009  vom  20. August  2009  E.  4.2).  Dass  gesundheitliche  Gründe  nicht  für  sich  allein,  sondern  nur  im 

C­931/2009 Zusammenwirken  mit  anderen  Elementen  einen  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefall  im  Sinne  von  Art.  14  Abs.  2  AsylG  begründen  können, ergibt sich einerseits aus dem Wortlaut dieser Bestimmung und  andererseits  aus  der  Tatsache,  dass  solche  Gründe  in  erster  Linie  ein  Vollzugshindernis nach Art.  83 Abs.  4 AuG darstellen. Eine Person,  die  lediglich  gesundheitliche  Gründe  vorbringen  kann,  unterscheidet  sich  nicht wesentlich von zahllosen in ihrer Heimat verbliebenen Landsleuten,  die  an  denselben  Beschwerden  leiden,  ohne  dass  sie  deswegen  eine  ausländerrechtlich privilegierte Behandlung beanspruchen könnten (Urteil  des Bundesgerichts 2A.214/2002 vom 23. August 2002 E. 3.4). 6.7.3.  Die  beim  Beschwerdeführer  festgestellten  mittelschweren  Depressionen und psychosomatischen Beschwerden stehen grösstenteils  im  Zusammenhang  mit  der  drohenden  Rückführung  in  seine  Heimat.  Psychische  Störungen  und  daraus  resultierende  Beeinträchtigungen,  welche  ihre Ursache  nicht  in  den Verhältnissen  des Ziellandes  sondern  im  Vorgang  des  Wegweisungsvollzugs  als  solchem  haben,  vermögen  Letzteren  grundsätzlich  nicht  in  Frage  zu  stellen  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­4655/2009  vom  5. Oktober  2011 E.  7.8.3  mit  Hinweis).  Als  weitere  Ursachen  werden  die  familiäre  Entwurzelung  sowie die Vereinsamung genannt. Nach dem Zeugnis von Dr. med. Ralf  Lechenmayr vom 14. Oktober 2011 leidet der Beschwerdeführer seit April  2008  an  einer  mittelschweren  Depression  mit  psychosomatischen  Beschwerden.  Der  Gesundheitszustand  ist  seit  der  Diagnose  im  April  2008 offensichtlich stabil geblieben. Es erscheint daher unwahrscheinlich,  dass  sich  sein  psychischer  Zustand  bei  der  Rückkehr  als  zusätzliche  Belastung  auswirken  könnte.  Insbesondere  kann  solchen  Umständen  gegebenenfalls  durch  entsprechende  Ausgestaltung  der  Vollzugsmodalitäten – wie beispielsweise einer adäquaten medizinischen  Betreuung  im Rahmen  der  Rückführung  –  Rechnung  getragen werden.  Die  medizinische  Versorgung  mit  Psychopharmaka  ist  sodann  in  Jordanien gewährleistet.  6.7.4.  Körperlich  leidet  der  Beschwerdeführer  an  Nacken  und  Armschmerzen  rechts,  infolge  degenerativer  Veränderungen  der  Halswirbelsäule  sowie  an  Lähmungen  der  linken  Hand  und  einzelner  Finger.  Degenerative  Veränderungen  (sog.  Abnutzungserscheinungen)  stellen  eine  natürliche  Folge  des  Älterwerdens  dar,  welche  vorliegend  erfolgreich  mit  Schmerzmitteln  behandelt  werden.  Die  Lähmung  wurde  mittels operativer Therapie behoben, am 14. November 2011 erfolgte der  Eingriff.  Inzwischen  dürfte  auch  die  medizinische  Nachbetreuung 

C­931/2009 (gemäss  Aktennotiz  der  kantonalen  Migrationsbehörde  vom  15.  November  2011  bestand  eine  Schienentragepflicht  von  lediglich  zwei  Wochen)  abgeschlossen  sein.  Insgesamt  lassen  die  gesundheitlichen  Indikationen eine Wiedereingliederung in der Heimat nicht als besondere  Härte erscheinen.  6.8. Schliesslich beklagt die Rechtsvertreterin eine Ungleichbehandlung,  wenn Personen, die  ihre  Identität erst bei Einreichung des Gesuchs um  Härtefallbewilligung  offenlegten  eine  Sonderbehandlung  erhielten.  Die  rechtsanwendenden  Behörden  sind  gestützt  auf  Art. 8  Abs.  1  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999  (BV,  SR  101)  gehalten,  gleiche  Sachverhalte  mit  gleichen  relevanten  Tatsachen  auch  gleich  zu  behandeln  (zum  Gleichbehandlungsgebot  vgl.  RAINER  J.  SCHWEIZER,  in:  Bernhard  Ehrenzeller/Philippe Mastronardi/Rainer J. Schweizer/Klaus A. Vallender,  Die  schweizerische  Bundesverfassung,  Zürich  2002,  N.  42  zu  Art.  8;  ferner BGE 129 I 346 E. 6 S. 357, BGE 129 I 113 E. 5.1 S. 125 f., BGE  123 I 1 E. 6a S. 7 oder BGE 117 Ia 257 E. 3b S. 259). Die Verletzung von  Mitwirkungspflichten bildet  lediglich ein Kriterium bei der Beurteilung, ob  ein  schwerwiegender  persönlicher  Härtefall  vorliegt.  Dieses  entscheidet  für  sich  allein  nicht  über  die  Erteilung  oder  Verweigerung  der  Zustimmung,  Dazu  bedarf  es  einer  Gesamtwürdigung  sämtlicher  Umstände.  Die  Verletzung  der  Mitwirkungspflichten  führt,  entgegen  der  Behauptung  nicht  zu  einer  Sonderbehandlung,  weshalb  das  Gebot  der  Gleichbehandlung nicht tangiert ist.  7.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  sich  die  Beziehung  des  Beschwerdeführers  zur  Schweiz  in  der  langen  (zum  grössten  Teil  rechtswidrigen) Aufenthaltsdauer erschöpft. Seine Integration hierzulande  kann bestenfalls als durchschnittlich bezeichnet werden. Wenn  ihm eine  Wiedereingliederung  in  Jordanien  nach  über  18  Jahren  Abwesenheit  auch nicht leicht fallen dürfte, so stehen ihm doch keine unüberwindbaren  Schwierigkeiten entgegen. Sollte er schliesslich nach seiner Rückkehr  in  Jordanien ärztlicher Betreuung bedürfen, steht es ihm frei, eine solche in  Anspruch  zu  nehmen.  Im  Rahmen  einer  Gesamtwürdigung  kommt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  kein  schwerwiegender  persönlicher  Härtefall  im  Sinne  von  Art.  14  Abs.  2  AsylG  vorliegt.  Die  Vorinstanz hat ihre Zustimmung daher zu Recht verweigert.

C­931/2009 8.  Aus  den  vorstehenden  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  zu  Recht  ergangen  ist  (Art.  49  VwVG).  Die  Beschwerde  ist  demzufolge abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 10.  Das  vorliegende  Urteil  ist  endgültig  (Art.  83  Bst.  c  Ziff.  2  des  Bundesgerichtsgesetzes [BGG, SR 173.110]). Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  700.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Sie  werden  mit  dem  am  22.  April  2009  in  gleicher  Höhe  geleisteten Kostenvorschuss verrechnet. 3.  Dieses Urteil geht an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben) – die Vorinstanz (Beilage: Akten Ref­Nr. N 270 121 retour) – die  Migrationsbehörde  des  Kantons  Solothurn  (Beilage:  Akten  SO  248603 retour) Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Marianne Teuscher Giulia Santangelo

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C-931/2009 — Bundesverwaltungsgericht 27.01.2012 C-931/2009 — Swissrulings