Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 27.10.2011 C-5985/2010

27 octobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,713 mots·~9 min·1

Résumé

Einreiseverbot | Einreiseverbot

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung III C­5985/2010 Urteil   v om   2 7 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richterin Marianne Teuscher (Vorsitz), Richter Andreas Trommer,  Richter Jean­Daniel Dubey,    Gerichtsschreiberin Giulia Santangelo. Parteien A._______,  vertreten durch lic. iur. Bernhard Zollinger, Rechtsanwalt Rämistrasse 5, Postfach 462, 8024 Zürich, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz,  Gegenstand Einreiseverbot.

C­5985/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  nigerianischer  Staatsangehöriger,  geboren  1978,  reiste  nach  eigenen  Angaben  am  12.  Mai  2004  illegal  in  die  Schweiz ein und  reichte am 16. Mai  2004 unter  dem Aliasnamen Peter  Tailo,  geboren  1969  in  Greenville  Liberia,  ein  Asylgesuch  ein.  Mit  Verfügung vom 26. August 2004  trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch  nicht  ein  und  wies  den  Beschwerdeführer  aus  der  Schweiz  weg.  Die  Ausreisefrist wurde auf den 27. August 2004 angesetzt. Am 7. September  2004 erhob der Beschwerdeführer gegen die Verfügung Beschwerde bei  der damaligen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK), welche mit  Entscheid  vom  15.  September  2004  abgewiesen  wurde.  Am  20.  September 2004 wurde er durch den Migrationsdienst des Kantons Bern  (MIDI)  schriftlich  angewiesen,  die  Schweiz  selbständig  bis  am  24.  September  2004  zu  verlassen.  Da  sich  der  Beschwerdeführer  trotz  zweimaliger Verlängerung der Ausreisefrist der Ausreise widersetzte und  eine  Ausschaffung  insbesondere  wegen  seines  unkooperativen  Verhaltens nicht möglich war, hielt er sich  in den nachfolgenden Jahren  illegal in der Schweiz auf.  B.  Am 9. November 2004 wurde der Beschwerdeführer mit Verfügung des  MIDI  wegen  Drogenhandels  aus  dem  Gebiet  der  Gemeinde  Thun  ausgegrenzt.  Gemäss  Strafregisterauszug  wurde  er  zwischen  dem  24.  September 2004 und dem 7. Juni 2006 mehrmals wegen rechtswidrigen  Aufenthalts,  Missachtung  einer  Massnahme  etc.  zu  insgesamt  14  Monaten Gefängnisstrafen verurteilt. C.  Anlässlich  einer  Polizeikontrolle  am  12.  März  2010  wurde  der  Beschwerdeführer auf die Polizeiwache in Biel gebracht, wo man ihn als  Peter  Tailo  identifizierte.  Mithin  ergab  die  Überprüfung  des  in  seinem  Besitze gefundenen Mobiltelefons im RIPOL, dass dieses seit dem Jahre  2008  im  Zusammenhang  mit  einem  Raub  ausgeschrieben  war.  Der  Verdacht  einer  möglichen  Beteiligung  des  Beschwerdeführers  konnte  jedoch  nicht  erhärtet  werden.  Indessen  wurde  er  wegen  Widerhandlungen gegen das Ausländergesetz  vom 16. Dezember  2005  (AuG,  SR  142.20)  angezeigt.  Der  MIDI  ordnete  umgehend  die  Ausschaffungshaft  an  und  führte  ihn  dem  Ausländer­  und  Bürgerrechtsdienst Bern (nachfolgend ABD) zu.

C­5985/2010 C­5985/2010 D.  Gemäss  Strafregisterauszug  vom  13.  März  2010  wurde  der  Beschwerdeführer  am  24.  September  2004  durch  das  Untersuchungsrichteramt  III  Bern­Mittelland  wegen  rechtswidrigen  Aufenthalts  zu  einer  bedingten  Gefängnisstrafe  verurteilt  (bei  einer  Probezeit von 2 Jahren). Mit Urteil vom 15. Juni 2005 des Gerichtskreises  X Thun wurde der Beschwerdeführer wegen  rechtswidrigen Aufenthalts,  Missachtung einer Massnahme sowie Hinderung einer Amtshandlung zu  einer Gefängnisstrafe  von  vier Monaten  verurteilt.  Am  10.  August  2005  erfolgte eine Verurteilung durch das Untersuchungsrichteramt  IV Berner  Oberland  Thun  wegen  Missachtens  einer  Massnahme  zu  30  Tagen  Gefängnis.  Mit  Urteil  vom  6.  April  2006  des  Obergerichts  des  Kantons  Bern  wurde  der  Beschwerdeführer  wegen  Vergehens  gegen  das  Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer vom 26.  März  1931  (ANAG,  BS  1  121),  Missachtens  einer  Massnahme  sowie  Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen zu einer Gefängnisstrafe von  3 Monaten verurteilt. Am 7. April 2006 verurteilte ihn der Gerichtskreis X  Thun wegen  rechtswidrigen Aufenthalts, Missachtens  einer Massnahme  sowie  wegen  Rückfalls  zu  einer  Gefängnisstrafe  von  5 Monaten  und  2  Wochen. E.   Mit  Entscheid  des  Haftgerichts  III  Bern­Mittelland  vom  8.  Juni  2010  betreffend  Verlängerung  der  Ausschaffungshaft  wurde  zunächst  im  Wesentlichen festgestellt, dass die Ausschaffung bis anhin nicht möglich  gewesen  sei. Mangels Kenntnis  der  Identität  hätten  keine Reisepapiere  beschafft  werden  können.  Der  Beschwerdeführer  habe  jedoch  in  der  Verhandlung  vom  8.  Juni  2010  angegeben,  dass  er  Omogbai  Ileaboya  heisse,  1978  geboren  sei  und  aus  Nigeria  stamme.  Da  die  Voraussetzungen  von  Art.  80  Abs.  4  AuG  erfüllt  waren,  wurde  die  Haftverlängerung gutgeheissen. F.  Am 20. Juli 2010 wurde dem Beschwerdeführer Gelegenheit eingeräumt,  zu  einer  allfälligen  Fernhaltemassnahme  Stellung  zu  nehmen.  Er  verzichtete  jedoch  auf  sein  Äusserungsrecht  und  verweigerte  eine  diesbezügliche Unterschrift. Mit Verfügung  vom 23.  Juli  2010  verhängte  die Vorinstanz über den Beschwerdeführer ein dreijähriges Einreiseverbot  mit Gültigkeit ab dem 29. Juli 2010. Zur Begründung stützte sie sich auf  Art.  67  Abs.  1  Bst.  a  AuG  wegen  Nichtbefolgens  behördlicher  Anordnungen,  illegalen  Aufenthalts  sowie  falscher  Identitätsangabe  und 

C­5985/2010 auf  Art.  67  Abs.  1  Bst.  c  und  d  AuG,  weil  er  in  Ausschaffungshaft  gewesen  sei  und  ausgeschafft  werden  musste.  Einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  wurde  die  aufschiebende  Wirkung  entzogen  (Art.  55.  Abs.  2  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20.  Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021]) und der Beschwerdeführer wurde  nach 138 Tagen Haft am 29. Juli 2010 nach Lagos ausgeschafft. G.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  23.  August  2010  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragt  der  Beschwerdeführer,  die  angefochtene Verfügung sei aufzuheben, eventualiter  sei das Verfahren  im  Sinne  der  Erwägungen  zu  weiteren  Abklärungen  und  Neuverfügung  zurückzuweisen.  In  formeller  Hinsicht  rügt  er  zunächst  eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs,  weil  er  vor  Erlass  des  Einreiseverbotes  nicht  angehört worden sei. Weiter sei gemäss Art 67 Abs. 2 AuG vor Erlass der  Verfügung der Dienst  für Analyse und Prävention  (DAP)  (seit  1.  Januar  2010  Nachrichtendienst  des  Bundes,  NDB)  anzuhören,  was  versäumt  worden  sei.  Bezüglich Dauer  des Verbots  enthalte  die Verfügung  keine  Angaben über eine Befristung, was gegen Art. 67 Abs. 3 AuG und Art. 29  Abs.  2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom 18. April  1999  (BV, SR 101) verstosse. Dem Massnahmecharakter  der  Bestimmung  sei  zu  wenig  Rechnung  getragen  worden.  Es  gelte  nämlich  künftige  Störungen  zu  verhindern,  was  nicht  seinen  Absichten  entspreche. Daher rechtfertige sich im Zuge der Verhältnismässigkeit die  Prüfung einer Milderung. Da in seiner Heimatregion Verfolgungen gehäuft  vorkämen  gelte  er  zumindest  als  abstrakt  gefährdet.  Dass  ihm  nun  die  Möglichkeit  zur  Flucht  in  die  Schweiz  abgeschnitten  werde,  sei  fragwürdig.  Unter  Hinweis  auf  Art.  80  Abs.  2  der  Verordnung  über  Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit vom 24. Oktober 2007 (VZAE,  SR 142.201), müsse aufgrund konkreter Anhaltspunkte eine  "erhebliche  Wahrscheinlichkeit" bestehen, dass ein Aufenthalt zu einem erheblichen  Verstoss  gegen  die  öffentliche  Ordnung  führen  könne.  Indessen  sei  dieser Vorwurf von der Vorinstanz nicht erhoben worden. Weiter sei auch  seiner familiären Situation nicht Rechnung getragen worden.  Mit  Eingabe  vom  4.  November  2010  reicht  der  Beschwerdeführer  eine  nigerianische  Heiratsurkunde  in  Kopie  zu  den  Akten.  Dieser  ist  zu  entnehmen,  dass  er  am  6.  Oktober  2010  eine  Schweizer  Staatsangehörige  geheiratet  hat.  Dazu  führt  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen aus, er gehe davon aus, dass unter diesen Umständen ein 

C­5985/2010 Einreiseverbot  unverhältnismässig wäre,  da die Eheleute  sonst  getrennt  würden.

C­5985/2010 H.  Die  Vorinstanz  schliesst  in  ihrer  Vernehmlassung  vom  10.  Dezember  2010  auf  Abweisung  der  Beschwerde  und  hält  ergänzend  fest,  die  Kriterien  von  Art.  67  AuG  seien  erfüllt.  Durch  Nichtbefolgen  einer  behördlichen Anordnung,  illegalen Aufenthalt  und  falschen Angaben zur  Identität habe der Beschwerdeführer gegen die öffentliche Sicherheit und  Ordnung  der  Schweiz  verstossen,  weshalb  die  Fernhaltemassnahme  gerechtfertigt sei. I.  Am  17.  Januar  2011  repliziert  der  Beschwerdeführer  unter  Einreichen  weiterer  Unterlagen  im  Wesentlichen,  das  Einreiseverbot  erfülle  überhaupt  keine  gesetzlichen  Kriterien.  Bei  Verheirateten  sei  ein  Einreiseverbot nur in schwerwiegenden Fällen zulässig. Vorliegend störe  die Schweiz massiv den "heiligen ehelichen Frieden", was eine schwere  Verletzung  von  Art.  8  Ziff.  1  der  Konvention  zum  Schutze  der  Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK, SR  0.101) darstelle. J.  Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird,  soweit  rechtserheblich,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.1.  Gemäss Art.  31  des Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom 17.  Juni  2005  (VGG,  SR  173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerden  gegen  Verfügungen  im  Sinne  von  Art.  5  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom 20. Dezember  1968  (VwVG, SR  172.021),  sofern  keine  Ausnahme  nach  Art.  32  VGG  vorliegt.  Als  Vorinstanzen  gelten  die  in  Art.  33  VGG  genannten  Behörden.  Dazu  gehört auch das BFM, das mit der Anordnung eines Einreiseverbotes  eine  Verfügung  im  erwähnten  Sinne  und  daher  ein  zulässiges  Anfechtungsobjekt  erlassen  hat.  Eine  Ausnahme  nach  Art.  32  VGG  liegt nicht vor. 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet  sich  nach  dem  VwVG,  soweit  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG).

C­5985/2010 1.3 Der  Beschwerdeführer  ist  als  Verfügungsbetroffener  legitimiert  (Art.  48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist­ und formgerecht eingereichte Beschwerde  ist somit einzutreten (Art. 49 ff. VwVG). 1.4 Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  endgültig  (Art.  83 Bst.  c  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). 2. Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  –  sofern  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend  gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich  die  Rechts­  und  Sachlage  zum  Zeitpunkt  seines  Entscheides (vgl. BVGE 2011/1 E.2). 3. Der  Beschwerdeführer  rügt  formell  eine  Verletzung  des  Anspruchs  auf  rechtliches Gehör in zweifacher Hinsicht: Unter Bezugnahme auf Art. 67 Abs. 2 AuG (seit 1. Januar 2011 Art. 67  Abs. 4 AuG),  rügt er, dass vor Erlass der Einreisesperre der DAP hätte  angehört werden müssen. Zunächst  ist anzumerken, dass der Dienst für  Analyse  und  Prävention  (DAP)  und  der  strategische  Nachrichtendienst  (SND)  zusammengeführt  wurden.  Per  1.  Januar  2010  entstand  daraus  der Nachrichtendienst  des Bundes  (NDB). Diese Änderung wurde  auch  im Gesetz so übernommen. Eine Anhörung durch den NDB setzt voraus,  dass das Bundesamt für Polizei (fedpol) den Erlass des Einreiseverbotes  beabsichtigt, was vorliegend nicht der Fall ist. Diese Rüge erweist sich als  unbegründet. Der  Beschwerdeführer  rügt  zudem,  dass  ihm  vor  Erlass  des  Einreiseverbotes  das  rechtliche  Gehör  nicht  gewährt  worden  sei.  Den  Akten  zufolge  wurde  ihm  am  20.  Juli  2010  im Regionalgefängnis  Thun  explizit die Möglichkeit geboten, sich im Rahmen des rechtlichen Gehörs 

C­5985/2010 zu  äussern,  worauf  er  jedoch  verzichtete  und  seine  Unterschrift  verweigerte. Dem ist nichts beizufügen. 4. 4.1.  Mit  Inkrafttreten  des  AuG  am  1.  Januar  2008  wurde  das  ANAG  abgelöst (vgl. Art. 125 AuG i.V.m. Ziffer I des Anhangs 2 zum AuG). Das  AuG  beansprucht  Geltung  auf  alle  Verfahren,  die  nach  seinem  Inkrafttreten  eingeleitet  wurden,  sei  es  nun  auf  Gesuch  hin  oder  von  Amtes wegen (vgl. Art. 126 Abs. 1 AuG e contrario; ferner BVGE 2008/1  E.  2  mit  Hinweisen). Wenn  bei  der  Anwendung  des  neuen  Rechts  auf  Verhältnisse  abgestellt  wird,  die  –  wie  vorliegend  –  noch  unter  der  Herrschaft  des alten Rechts entstanden sind und beim  Inkrafttreten des  neuen  Rechts  andauern,  liegt  eine  unechte  Rückwirkung  vor,  die –  vorbehältlich  des  Vertrauensschutzprinzips  –  grundsätzlich  zulässig  ist  (vgl.  ULRICH  HÄFELIN  /  GEORG  MÜLLER  /  FELIX  UHLMANN,  allgemeines  Verwaltungsrecht, 6. Vollständig überarbeitet Auflage, Zürich / St. Gallen  2010, Rz. 337 ff. sowie BVGE 2009/3 E.3.2). 4.2. Wird gegen eine Person, welche nicht Angehörige eines Staates ist,  der  durch  eines  der  Schengen­Assoziierungsabkommen  (vgl.  Anhang  1  Ziffer 1 AuG) gebunden ist, ein Einreiseverbot nach Art. 67 AuG verhängt,  wird  diese  Person  gestützt  auf  Art.  94  Abs.  1  und  Art.  96  des  Übereinkommens  vom  19.  Juni  1990  zur  Durchführung  des  Übereinkommens  betreffend  den  schrittweisen Abbau  der Kontrollen  an  den gemeinsamen Grenzen (Schengener Durchführungsübereinkommen  [SDÜ], Abl. L 239 vom 22. September 2000, S. 19­62) und Art. 16 Abs. 2  und  4  des  Bundesgesetzes  vom  13. Juni  2008  über  die  polizeilichen  Informationssysteme  des  Bundes  (BPI,  SR  361)  normalerweise  im  SIS  (vgl.  dazu  Art.  92  ff.  SDÜ)  zur  Einreiseverweigerung  ausgeschrieben.  Eine  solche  Ausschreibung  einer  Person  im  SIS  zur  Einreiseverweigerung  aufgrund  einer  vom  BFM  verhängten  Fernhaltemassnahme bewirkt, dass ihr die Einreise  in das Hoheitsgebiet  der  Schengen­Mitgliedstaaten  verweigert  wird  (vgl.  Art.  13  Abs.  1  der  Verordnung  [EG]  Nr.  562/2006  des  Europäischen  Parlaments  und  des  Rates  vom  15.  März  2006  über  einen  Gemeinschaftskodex  für  das  Überschreiten  der  Grenzen  durch  Personen  [Schengener  Grenzkodex  bzw. SGK, Abl. L 105 vom 13. April 2006, S. 1­32]). 5. 5.1.  Auf  den  1.  Januar  2011  trat  als  Folge  der  Weiterentwicklung  des  Schengen­Besitzstandes  eine  neue  Fassung  des  in  Art.  67  AuG 

C­5985/2010 geregelten Einreiseverbots in Kraft (zum Ganzen vgl. BBl 2009 8881 und  AS  2010  5925).  Nach  Art.  67  Abs.  1  AuG wird  ein  Einreiseverbot  vom  BFM  unter  Vorbehalt  von  Abs.  5  gegenüber  weggewiesenen  Ausländerinnen und Ausländern verfügt, wenn die Wegweisung nach Art.  64d Abs. 2 Bst.  a –  c AuG sofort  vollstreckt wird  (Art.  67 Abs. 1 Bst.  a  AuG)  oder  die  betroffene  Person  der  Ausreiseverpflichtung  nicht  nachgekommen ist (Art. 67 Abs. 1 Bst. b AuG). Es kann nach Art. 67 Abs.  2 AuG sodann gegen ausländische Personen erlassen werden, die gegen  die  öffentliche Sicherheit  und Ordnung  in  der Schweiz  oder  im Ausland  verstossen  haben  oder  diese  gefährden  (Art.  67  Abs.  2  Bst.  a),  Sozialhilfekosten  verursacht  haben  (Art.  67  Abs.  2  Bst.  b)  oder  in  Vorbereitungs­,  Ausschaffungs­  oder  Durchsetzungshaft  genommen  werden mussten (Art. 67 Abs. 2 Bst. c). Das Einreiseverbot wird für eine  Dauer  von  höchstens  fünf  Jahren  verhängt.  Es  kann  für  eine  längere  Dauer verfügt werden, wenn die betroffene Person eine schwerwiegende  Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung darstellt (Art. 67 Abs. 3  AuG).  Schliesslich  kann  die  verfügende Behörde  aus  humanitären  oder  anderen  wichtigen  Gründen  von  der  Verhängung  eines  Einreiseverbots  absehen  oder  ein  Einreiseverbot  vollständig  oder  vorübergehend  aufheben (Art. 67 Abs. 5 AuG).  Die  bisher  bestehende  Praxis  der  Vorinstanz  bei  der  Ansetzung  von  Fernhaltemassnahmen  ist  mit  den  obgenannten  Grundsätzen  vereinbar  (vgl. BBl 2009 8896 ad Art. 67 Abs. 3 in fine sowie erwähntes Urteil des  Bundesverwaltungsgerichts C­2482/2009 E. 6.2 in fine).  5.2.  Wie  bereits  die  altrechtliche  Einreisesperre  (vgl.  Art.  13  Abs.  1  ANAG)  ist  das  Einreiseverbot  keine  Sanktion  für  vergangenes  Fehlverhalten,  sondern  eine  Massnahme  zur  Abwendung  künftiger  Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (siehe Botschaft zum  Bundesgesetz  über  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl 2002, 3709, 3813). Die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne  von Art. 67 Abs. 1 Bst. a AuG (seit dem 1. Januar 2011: Art. 67 Abs. 2  Bst.  a  AuG)  bildet  den  Oberbegriff  für  die  Gesamtheit  der  polizeilichen  Schutzgüter.  Sie  umfasst  unter  anderem  die  Unverletzlichkeit  der  objektiven Rechtsordnung; deren Verletzung  ist namentlich gegeben bei  erheblichen oder wiederholten Verstössen gegen gesetzliche Vorschriften  oder  behördliche  Verfügungen  sowie  bei  Nichterfüllung  öffentlichrechtlicher  oder  privatrechtlicher  Verpflichtungen  (Botschaft,  a.a.O., 3809; vgl. auch Art. 80 Abs. 1 Bst. a und b VZAE sowie RAINER J.  SCHWEIZER/PATRICK SUTTER/NINA WIDMER, in: Rainer J. Schweizer [Hrsg.], 

C­5985/2010 Sicherheits­ und Ordnungsrecht des Bundes, SBVR Bd. III/1, Basel 2008,  Teil B, Rz. 13 mit Hinweisen).  5.3.  In  Bezug  auf  die  Verfehlungen,  die  dem  Beschwerdeführer  vorgeworfen  werden,  gilt  zudem  allgemein,  dass  für  die  Verhängung  eines  Einreiseverbots  kein  vorsätzlicher  Verstoss  gegen  ausländerrechtliche Bestimmungen erforderlich  ist. Es genügt, wenn der  ausländischen  Person  eine  Sorgfaltspflichtverletzung  zugerechnet  werden  kann.  Unkenntnis  oder  Fehlinterpretation  der  Einreise­  oder  Aufenthaltsvorschriften  stellen  normalerweise  keinen  hinreichenden  Grund  für  ein  Absehen  von  einer  Fernhaltemassnahme  dar.  Jeder  Ausländerin und  jedem Ausländer obliegt, sich über bestehende Rechte  und  Pflichten  im  Zusammenhang  mit  ausländerrechtlichen  Vorschriften  ins Bild zu setzen und sich im Falle von Unklarheiten bei den zuständigen  Stellen  zu  informieren  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­ 4639/2010 vom 15. Februar 2011 E. 5.3 mit Hinweis). 6. 6.1.  In der angefochtenen Verfügung wird dem Beschwerdeführer Missachten  einer  behördlichen  Anordnung,  illegaler  Aufenthalt  sowie  falsche  Identitätsangabe  vorgeworfen. Aus den Akten geht  hervor,  dass er  sich  vom 25. September  2004  bis  zu  seiner Ausschaffung  am 29.  Juli  2010  illegal in der Schweiz aufgehalten hat. Sein Aufenthalt ist als rechtswidrig  im  Sinne  von  Art.  115  Abs.  1  Bst.  b  AuG  zu  bezeichnen  (zum  entsprechenden bis zum 31. Dezember 2007 geltenden Art. 23 Abs. 1 al.  4  ANAG  vgl.  VALENTIN  ROSCHACHER,  Die  Strafbestimmungen  des  Bundesgesetzes  über Aufenthalt  und Niederlassung der Ausländer  vom  26.  März  1931  [ANAG],  Diss.  Chur/Zürich  1991,  S.  42  ff.).  Der  Beschwerdeführer  wurde  deswegen  verschiedentlich  strafrechtlich  zur  Verantwortung  gezogen.  Es  steht  ausser  Zweifel,  dass  er  durch  das  Nichtbefolgen  der  behördlich  angesetzten  Ausreisefrist,  den  illegalen  Aufenthalt  von  knapp  sechs  Jahren,  der  Vereitelung  jeglicher  Vollzugsmassnahmen sowie der  fehlenden Bereitschaft, während dieser  Zeit  auszureisen,  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  in  der  Schweiz verstossen hat (vgl. Art. 67 Abs. 2 Bst. a AuG).  6.2.  Hinzu  kommt,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Ausschaffungs­  und  Durchsetzungshaft  genommen  und  ausgeschafft  werden musste.  Durch  seinen Haftaufenthalt von 138 Tagen hat er dem Kanton Bern Kosten in  der  Höhe  von  Fr.  29'000.­  verursacht,  weshalb  er  auch  diesbezüglich 

C­5985/2010 Gründe  für die Verhängung einer Fernhaltemassnahme gesetzt hat  (vgl.  Art. 67 Abs. 2 Bst. c AuG). 7.  7.1. Es  bleibt  zu  prüfen,  ob  die Massnahme  in  richtiger  Ausübung  des  Ermessens  ergangen  und  angemessen  ist.  Der  Grundsatz  der  Verhältnismässigkeit  steht  dabei  im  Vordergrund.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist eine wertende Abwägung vorzunehmen zwischen dem  öffentlichen  Interesse  an  der  Massnahme  einerseits  und  den  von  der  Massnahme  beeinträchtigten  privaten  Interessen  des  Betroffenen  andererseits.  Die  Stellung  der  verletzten  oder  gefährdeten Rechtsgüter,  die Besonderheit des ordnungswidrigen Verhaltens und die persönlichen  Verhältnisse des Verfügungsbelasteten bilden dabei den Ausgangspunkt  der Überlegungen  (vgl. statt vieler HÄFELIN  / MÜLLER  / UHLMANN, a.a.O.,  Rz. 613 ff.). 7.2. Wie  dargelegt,  hat  der  Beschwerdeführer  nicht  unerheblich  gegen  ausländerrechtliche  Vorschriften  verstossen.  Das  generalpräventiv  motivierte  öffentliche  Interesse,  die  gesetzliche  Ordnung  durch  eine  konsequente Massnahmenpraxis gegenüber ausländischen Personen zu  schützen,  ist  gewichtig.  Im  vorliegenden  Fall  treten  spezialpräventive  Gründe  hinzu.  Diesbezüglich  ist  insbesondere  zu  berücksichtigen,  dass  der Beschwerdeführer sich unter Angabe einer falschen Identität während  mehrerer  Jahre  rechtswidrig  in  der  Schweiz  aufgehalten  hat,  ohne  sich  um  die  Illegalität  seiner  Anwesenheit  zu  kümmern  und  freiwillig  Konsequenzen daraus zu ziehen. So widersetzte er sich den behördlich  angesetzten Ausreisefristen und musste letztendlich während 138 Tagen  in Ausschaffungs­ und Durchsetzungshaft genommen werden, was hohe  Kosten  verursachte.  Sein  Verhalten  vermittelt  ganz  allgemein  das  Bild  einer  Geringschätzung  hiesiger  Konventionen  und  Gesetzesnormen.  Insofern sind die Voraussetzungen von Art. 67 Abs. 3, 2. Satz AuG erfüllt.  Sowohl  aus  general­  wie  aus  spezialpräventiven  Überlegungen  besteht  daher  ein  erhebliches  öffentliches  Interesse  daran,  ihn  mit  einem  Einreiseverbot von der verhängten Dauer zu belegen. Mit Bezug auf Art.  80  Abs.  2  VZAE  führt  das  bisherige  Verhalten  des  Beschwerdeführers  offensichtlich zu einer negativen Prognose. Die Erfahrung deutet auf die  erhebliche Wahrscheinlichkeit einer künftigen Gefährdung hin. 7.3. Der Einwand  des Beschwerdeführers,  das Einreiseverbot  verwehre  jede Möglichkeit  zur  Flucht  in  die  sichere  Schweiz  zielt  ins  Leere,  weil 

C­5985/2010 damit eine asylrechtliche Frage aufgeworfen wird, welche ohnehin bloss  hypothetischen Inhalts ist.  7.4. Persönliche  Interessen  sieht  der  Beschwerdeführer  in  der während  des  Beschwerdeverfahrens  geschlossenen  Ehe  mit  einer  Schweizer  Bürgerin. Er macht diesbezüglich geltend, der  "heilige eheliche Frieden"  eines weitgehend unbescholtenen Ehepaares werde massiv gestört, was  gegen  Art.  8  Ziff.  1  EMRK  verstosse.  Dieser  Einwand  ist,  wie  sich  aus  den  nachstehenden  Erwägungen  ergeben  wird,  unbegründet:  Im  vorliegenden  Zusammenhang  können  allfällige  Einschränkungen  des  Privat­ bzw. Familienlebens des Beschwerdeführers aufgrund sachlicher  bzw.  funktioneller  Unzuständigkeit  des  Bundesverwaltungsgerichts  nicht  Verfahrensgegen­stand sein, soweit sie auf das Fehlen eines dauerhaften  Aufenthaltsrechts  in  der  Schweiz  zurückzuführen  sind  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts C­4509/2009 vom 7. Januar 2010 E. 7.3 mit  Hinweisen). Die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen fällt grundsätzlich  in  die  Zuständigkeit  der  Kantone,  wobei  im  Falle  einer  Bewilligungserteilung  auch  das  bestehende  Einreiseverbot  aufzuheben  wäre (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_793/2008 vom 27. März 2009 E.  3.2).  Die  Wirkungen  des  Einreiseverbots  bestehen  zudem  nicht  darin,  dass  dem  Beschwerdeführer  während  dessen  Geltungsdauer  Besuchsaufenthalte  bei  ihm  nahe  stehenden  Personen  in  der  Schweiz  schlichtweg untersagt wären. Es steht ihm vielmehr die Möglichkeit offen,  aus  wichtigen  Gründen  mittels  begründetem  Gesuch  die  zeitweilige  Suspension der angeordneten Fernhaltemassnahme zu beantragen (Art.  67  Abs.  5  AuG).  Die  Suspension  wird  aber  praxisgemäss  nur  für  eine  kurze  Zeit  gewährt  (zum  Ganzen  siehe  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts C­4941/2008 vom 23. November 2009 E.7.3,  C­5422/2008 vom 10. Juni 2009 E. 8.6 oder C­1401/2008 vom 20. August  2008 E. 6.5).   7.5. Eine wertende Gewichtung der sich entgegenstehenden öffentlichen  und  privaten  Interessen  führt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  das  auf  drei  Jahre  befristete  Einreiseverbot  eine  verhältnismässige  und  angemessene  Massnahme  zum  Schutz  der  öffentlichen Sicherheit und Ordnung darstellt. 8. Aus diesen Erwägungen folgt, dass sich die angefochtene Verfügung im 

C­5985/2010 Ergebnis  als  rechtmässig  erweist  (Art.  49  VwVG).  Die  Beschwerde  ist  daher abzuweisen. 9. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschwerdeführer  die Kosten aufzuerlegen  (Art.  63 Abs.  1 VwVG  i.V.m. Art.  1, Art.  2  und  Art. 3 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]). (Dispositiv Seite 13)

C­5985/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  800.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt und mit dem am 25. Oktober 2010 geleisteten Kostenvorschuss  verrechnet. 3.  Dieses Urteil geht an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben) – die Vorinstanz (Akten Ref­Nr.__________ retour) – das Migrationsamt des Kantons Bern Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Marianne Teuscher Giulia Santangelo Versand:

C-5985/2010 — Bundesverwaltungsgericht 27.10.2011 C-5985/2010 — Swissrulings