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Bundesverwaltungsgericht 15.11.2011 C-468/2011

15 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,840 mots·~9 min·3

Résumé

Schengen-Visum | Verweigerung der Einreisebewilligung

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung III C­468/2011 Urteil   v om   1 5 .   No v embe r   2011 Besetzung Richterin Marianne Teuscher (Vorsitz), Richter Blaise Vuille, Richter Andreas Trommer, Gerichtsschreiber Daniel Brand. Parteien M._______, vertreten durch lic. iur. Christian Affentranger, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Verweigerung der Einreisebewilligung.

C­468/2011 Sachverhalt: A.  Nachdem  ein  erstes  Einreisebegehren  von  der  Schweizerischen  Botschaft in Islamabad am 3. Juli 2009 formlos abgewiesen worden war,  beantragte der aus Pakistan  stammende Beschwerdeführer  (geb.  1973)  am  27.  Juli  2010  bei  derselben  Vertretung  erneut  die  Erteilung  eines  Einreisevisums. Als Zweck der beabsichtigten Reise gab er an, sich einer  medizinischen  Behandlung  in  der  Schweiz  unterziehen  zu  wollen.  Während  seines  60­tägigen  Aufenthaltes  werde  er  bei  seinem  Bruder  S._______  (geb.  1972)  in  Dübendorf/ZH  logieren.  Mit  Verfügung  vom  28. Juli  2010  wies  die  Schweizervertretung  den  Visumsantrag  ab.  Dagegen  erhob  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesamt  für  Migration  (BFM) frist­ und formgerecht Einsprache. B.  Nachdem  die  Migrationsbehörde  des  Kantons  Zürich  beim  Gastgeber  ergänzende Auskünfte eingeholt und mit negativer Stellungnahme an das  BFM  weitergeleitet  hatte,  wies  die  Vorinstanz  die  Einsprache  am  14.  Dezember  2010  ab.  Dies  im  Wesentlichen  mit  der  Begründung,  die  anstandslose  und  fristgerechte  Wiederausreise  nach  einem  Besuchsaufenthalt  könne  nicht  als  gesichert  betrachtet  werden,  habe  doch  bereits  der  Bruder  des  Beschwerdeführers  erfolglos  ein  Asylverfahren  in  der  Schweiz  durchlaufen  und  seine  Heimführung  nur  durch  die  Heirat  mit  einer  hierzulande  lebenden  Person  verhindern  können.  Die  medizinische  Behandlung  könne  ohne  weiteres  in  der  Heimatregion,  allenfalls  in  einem  der  zahlreichen  umliegenden  Länder  Pakistans wahrgenommen werden. C.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  13.  Januar  2011  beantragt  der  Beschwerdeführer die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die  Erteilung des gewünschten Einreisevisums. Zur Begründung  lässt  er  im  Wesentlichen  vorbringen,  die  Vorinstanz  gehe  zu  Unrecht  davon  aus,  seine Wiederausreise  nach der  geplanten medizinischen Behandlung  in  der  Schweiz  wäre  nicht  gesichert,  lasse  er  doch  nicht  nur  seine  Familienangehörigen  in  Pakistan  zurück,  sondern  gehe  dort  einer  geregelten  Erwerbstätigkeit  nach.  Er  vermiete  und  vermittle  sehr  erfolgreich  verschiedene  Ladenlokalitäten  und  erziele  damit  ein  beträchtliches  und  überdurchschnittlich  hohes  Einkommen.  Anlässlich  einer  früheren  Operation  sei  vom  behandelnden  Arzt  ein  Augennerv 

C­468/2011 verletzt worden, weshalb die Sehkraft des betreffenden Auges sehr stark  eingeschränkt sei und sich zunehmends verschlechtere. Drei in Pakistan  durchgeführte  Operationen  hätten  nicht  den  gewünschten  Erfolg  gebracht. Seinem Bruder sei es nunmehr gelungen, in der Schweiz einen  Augenarzt  zu  finden,  welcher  nach  Studium  seiner  Krankenakte  bereit  sei,  einen  operativen  Eingriff  vorzunehmen.  Sämtliche  Kosten  dieser  (unerlässlichen)  Operation  würden  von  ihm  selber  getragen.  Während  seines Aufenthaltes in der Schweiz könne er bei seinem Bruder wohnen,  welcher  ihn  nach  der  Operation  weiter  betreuen  werde.  Dieser  sei  der  einzige im Ausland lebende Verwandte.  Der  Eingabe  waren  zahlreiche  Dokumente  beigelegt  (u.a.  Arztberichte  der  behandelnden  Ärzte  in  Pakistan  [Sammelbelege],  Fotos  des  Beschwerdeführers  vor  und  nach  dem  operativen  Eingriff,  mehrere  Schreiben einer Schweizer Ärztin, Kostenvoranschlag sowie Dokumente  zur Sicherstellung der Kosten für die vorgesehene Augenoperation usw.). D.  In ihrer Vernehmlassung vom 4. März 2011 spricht sich die Vorinstanz für  die  Abweisung  der  Beschwerde  aus  und  hält  ergänzend  fest,  aus  den  eingereichten  Unterlagen  ergäben  sich  keine  Hinweise,  wonach  die  erforderliche Operation nicht in der Heimatregion (beispielsweise im Iran)  durchgeführt werden  könnte. Abgesehen davon bestehe  kein  genereller  Anspruch auf Einreise und Aufenthalt zwecks medizinischer Behandlung. E.  In  seiner  Replik  vom  13.  April  2011  hält  der  Beschwerdeführer,  unter  Beilage zahlreicher weiterer Beweismittel, an seinen Anträgen und deren  Begründung  vollumfänglich  fest  und  stellt  entschieden  in  Abrede,  dass  der geplante medizinische Eingriff auch in der Heimatregion (erfolgreich)  durchgeführt werden könnte. Aus nachvollziehbaren Gründen sei es  ihm  nicht  möglich,  ärztliche  Berichte  aus  seiner  Heimat  vorzulegen,  die  bestätigen würden, dass die früheren Operationen schief gelaufen seien.  Die medizinischen Möglichkeiten, die in Pakistan bestünden, seien jedoch  ausgeschöpft,  was  nicht  nur  von  seinem  Augenarzt,  einem  führenden  Spezialisten  auf  diesem  Fachgebiet,  sondern  auch  von  weiteren  pakistanischen Ärzten bestätigt worden sei. Als anerkannter und beruflich  stark engagierter Geschäftsmann, Eigentümer eines Einkaufscenters und  Vermieter einzelner Geschäftsräume,  liege es  in seinem Interesse, nach  erfolgter Operation so bald wie möglich wieder in seine Heimat, zu seinen  Angehörigen, zurückzukehren.

C­468/2011 F.  In seiner ergänzenden Vernehmlassung vom 11. Mai 2011 schliesst die  Vorinstanz weiterhin auf Abweisung der Beschwerde und vertritt nach wie  vor  die  Auffassung,  die  vorgesehene  Operation,  bei  welcher  es  sich  offentlichtlich  nicht  um  ein  schwerwiegendes  gesundheitliches  Leiden,  sondern um einen routinemässigen Eingriff handle, könne heutzutage von  Augenärzten  auf  der  ganzen  Welt  durchgeführt  werden.  Gemäss  Aktennotiz des Migrationsamtes des Kantons Zürich vom 18. November  2010 könne eine solche Operation unter anderem im "Mayo Hospital"  in  Lahore  vorgenommen  werden.  Im  Übrigen  sei  es  fraglich,  ob  der  Gastgeber in der Schweiz tatsächlich über genügend finanzielle Mittel für  den  Unterhalt  und  die  Behandlungskosten  seines  Bruders  verfüge,  insbesondere im Hinblick auf allfällige Mehrkosten.  G.  In  einer  Stellungnahme  vom  10.  Juni  2011  bestreitet  der  Beschwerdeführer, dass es sich bei der vorzunehmenden Operation um  einen routinemässigen Eingriff handle. Dem Schreiben der behandelnden  Schweizer Augenärztin vom 23. November 2010 sei zu entnehmen, dass  die  Operation  in  seiner  Heimat  bereits  zweimal  gescheitert  sei  und  lediglich  noch  von  einem  Spezialisten  durchgeführt  werden  könne.  Der  vorgesehene  Eingriff  werde  sich  gemäss  Kostenvoranschlag  des  Luzerner Kantonsspitals  vom 22. November  2010  auf  knapp Fr.  9'000.­  belaufen und sei durch das von seinem Bruder aufgenommene Darlehen  in der Höhe von Fr. 10'000.­ gedeckt. H.  Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird,  soweit  rechtserheblich,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Gemäss  Art.  31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR  173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  unter  Vorbehalt  der  in  Art.  32  VGG  genannten  Ausnahmen  Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das Verwaltungsverfahren  (VwVG, SR 172.021), welche  von  einer  in  Art. 33  VGG  aufgeführten  Behörde  erlassen  wurden.  Darunter 

C­468/2011 fallen u.a. Verfügungen bzw. Einspracheentscheide des BFM betreffend  Verweigerung  der  Einreisebewilligung,  welche  vom  Bundesverwaltungsgericht endgültig beurteilt werden (Art. 83 Bst. c Ziff. 1  des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Sofern  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes  bestimmt,  richtet sich das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht nach dem  VwVG (Art. 37 VGG). 1.3.  Der  Beschwerdeführer  ist  gemäss  Art.  48  Abs.  1  VwVG  zur  Beschwerde  berechtigt.  Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  –  sofern  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend  gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE  2011/1 E. 2). 3.  Das  schweizerische Ausländerrecht  kennt weder  ein  allgemeines Recht  auf Einreise noch gewährt es einen besonderen Anspruch auf Erteilung  eines  Visums.  Die  Schweiz  ist  daher  –  wie  andere  Staaten  auch –  grundsätzlich nicht gehalten, Ausländerinnen und Ausländern die Einreise  zu  gestatten.  Vorbehältlich  völkerrechtlicher  Verpflichtungen  handelt  es  sich  dabei  um  einen  autonomen  Entscheid  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002,  BBl 2002 3774; BGE 135 II 1 E. 1.1 mit Hinweisen). 4.  Die inländischen Bestimmungen über das Visumsverfahren und über die  Ein­  und  Ausreise  finden  Anwendung,  sofern  die  Schengen­ Assoziierungsabkommen  keine  abweichenden  Bestimmungen  enthalten 

C­468/2011 (vgl. Art.  2 Abs.  4  und  5  des Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 5.  5.1. Angehörige  von Drittstaaten  benötigen  zur  Einreise  in  die  Schweiz  bzw.  den  Schengenraum  für  einen  Aufenthalt  von  höchstens  drei  Monaten  gültige  Reisedokumente,  die  zum  Grenzübertritt  berechtigen,  und ein Visum, sofern dieses erforderlich ist (vgl. Art. 5 Abs. 1 Bst. a AuG  sowie  Art. 2  Abs. 1  der  Verordnung  vom  22. Oktober  2008  über  die  Einreise  und  die Visumerteilung  [VEV,  SR  142.204]  i.V.m.  Art. 5  Abs. 1  Bst. a  und  b  der  Verordnung  [EG]  Nr. 562/2006  des  Europäischen  Parlaments  und  des  Rates  vom  15. März  2006  über  einen  Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen  [nachfolgend:  Schengener  Grenzkodex,  SGK,  ABl. L  105  vom  13.04.2006, S. 1–32]  und Art.  2  der Verordnung  [EU] Nr.  265/2010  des  Europäischen  Parlaments  und  des  Rates  vom  25.  März  2010  zur  Änderung des Übereinkommens zur Durchführung des Übereinkommens  von Schengen und der Verordnung [EG] Nr. 562/2006  in Bezug auf den  Verkehr  von  Personen  mit  einem  Visum  für  einen  längerfristigen  Aufenthalt [ABl. L 85 vom 31.03.2010, S. 1–4]). 5.2.  Im  Weiteren  müssen  Drittstaatsangehörige  den  Zweck  und  die  Umstände  ihres  beabsichtigten  Aufenthalts  belegen  und  hierfür  über  ausreichende  finanzielle Mittel  verfügen  (Art. 5 Abs. 1 Bst. b AuG, Art. 5  Abs. 1  Bst. c  SGK  und  Art.  14  Abs.  1  Bst. a ­ c  der  Verordnung  [EG]  Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Juli  2009 über  einen Visakodex der Gemeinschaft  [nachfolgend: Visakodex,  ABl. L 243 vom 15.09.2009, S. 1–58]). Namentlich haben sie zu belegen,  dass  sie  den  Schengenraum  vor  Ablauf  der  Gültigkeitsdauer  des  beantragten Visums wieder verlassen bzw. Gewähr  für  ihre  fristgerechte  Wiederausreise  zu  bieten  (Art.  14  Abs.  1  Bst.  d  und  Art.  21  Abs.  1  Visakodex sowie Art. 5 Abs. 2 AuG). Ferner dürfen Drittstaatsangehörige  nicht  im Schengener Informationssystem (SIS) zur Einreiseverweigerung  ausgeschrieben  sein  und  keine  Gefahr  für  die  öffentliche  Ordnung,  die  innere  Sicherheit,  die  öffentliche  Gesundheit  oder  die  internationalen  Beziehungen  eines  Mitgliedstaats  darstellen  (Art. 5  Abs. 1  Bst. c  AuG,  Art. 5 Abs. 1 Bst. d und e SGK). 6.  Anhang I  zur  Verordnung  (EG)  Nr. 539/2001  des  Rates  vom  15. März  2001  listet  diejenigen  Staaten  auf,  deren  Staatsangehörige  beim 

C­468/2011 Überschreiten  der  Aussengrenzen  der  Schengen­Mitgliedstaaten  im  Besitze  eines  Visums  sein müssen  (ABl.  L 81  vom  21.03.2001,  S. 1–7,  zum vollständigen Quellennachweis vgl. Fussnote zu Art. 4 Abs. 1 VEV).  Da Pakistan zu diesen Staaten zählt, unterliegt der Beschwerdeführer der  Visumspflicht. 7.  7.1. Vorliegend  ist  zu  prüfen,  ob  die  Vorinstanz  unter  Berücksichtigung  der Verhältnisse im Herkunftsland und der persönlichen Lebensumstände  einen ermessensfehlerfreien Entscheid getroffen hat. Dabei rechtfertigt es  sich,  Einreisegesuchen  von  Personen  aus  Staaten  mit  politisch  oder  wirtschaftlich  vergleichsweise  ungünstigen  Verhältnissen  mit  einer  gewissen Zurückhaltung zu begegnen, da die persönliche Interessenlage  in  solchen  Fällen  häufig  nicht  mit  dem  Ziel  und  Zweck  einer  zeitlich  befristeten Einreisebewilligung in Einklang steht. 7.2.  Das  Wirtschafts­  und  Investitionsklima  in  Pakistan  leidet  unter  anhaltender  politischer  Instabilität,  einer  angespannten  Sicherheitslage  und der fortdauernden Energiekrise. Nach einer vorübergehenden Phase  wirtschaftlicher  Erholung  hat  sich  die  fragile  makroökonomische  Lage  unter  anderem  durch  die  Auswirkungen  der  verheerenden  Flutkatastrophe  vom  Sommer  2010  wieder  verschlechtert.  Erhebliche  Teile der landwirtschaftlichen Nutzflächen konnten – hauptsächlich in den  Provinzen  Sindh  und  Punjab  –  landesweit  für  mindestens  zwei  Ernten  nicht  genutzt  werden.  Die  zurückkehrenden  Familien  fanden  häufig  zerfallene  oder  stark  beschädigte  Häuser  und  zerstörte  Infrastruktur  (Schulen,  Krankenhäuser,  Brücken,  Strassen,  kontaminiertes  Trinkwasser) vor. Darüber hinaus ist auch die für Pakistan wichtige Textil­  und  Lederindustrie  betroffen,  die  zudem  noch  unter  der  anhaltenden  Energiekrise  zu  leiden hat. Die  pakistanische Zentralbank  prognostiziert  daher für das laufende Haushaltsjahr nur ein zaghafte Wachstum von 2­ 3%;  die  Inflationsrate  ist  auf  über  15%  gestiegen,  das  Haushaltsdefizit  liegt  über  6%  des  Bruttoinlandprodukts  (BIP).  Ohne  Reformen  droht  Pakistan  ein  weiteres  Ansteigen  des  Haushaltsdefizits  und  der  Inflationsrate.  Vor  allem  auf  dem  Land  wird  die  Gesellschaft  Pakistans  noch  immer  von  feudalen  Machtstrukturen  dominiert.  Die  Bevölkerungsmehrheit  bilden  arme  Lohnarbeiter  und  Bauern,  die  zum  Teil  in  starker  Abhängigkeit  von  Grossgrundbesitzern  leben.  Eine  bürgerliche Mittelschicht  bildet  sich  in  den Städten  heraus  und  entfaltet  zunehmend politisches Bewusstsein.

C­468/2011 Seit Ende April 2009 haben sich die militärischen Auseinandersetzungen  zwischen dem pakistanischen Militär und den Taliban verschärft. Letztere  hatten  zuvor  eine  Vereinbarung  mit  der  Provinzregierung  von  Khyber  Pakhtunkhwa im Februar 2009 genutzt, um die Herrschaft im Swat­Tal zu  übernehmen  und  anschliessend  in  zwei  Nachbardistrikte  vorzurücken.  Die  Armee  antwortete  daraufhin  am  26.  April  2009  mit  einer  Gegenoffensive  und  beendete  die  Taliban­Herrschaft  im  Swat­Tal.  Von  Oktober  bis  Dezember  2009  wurden  die  Taliban  aus  Süd­Wasiristan  (FATA)  vertrieben,  einer  Region,  die  von  ihnen  jahrelang  kontrolliert  worden  war.  Die  Taliban  reagieren  auf  diese  Militäroperationen  mit  Terroranschlägen, von denen vor allem Khyber Pakhtunkhwa und FATA  betroffen  sind,  die  sich  aber  auch  gegen  Ziele  in  pakistanischen  Grossstädten wie beispielsweise Karachi, Lahore und Faisalabad richten  (Quelle: Deutsches Auswärtiges Amt, <http://www.auswaertiges­amt.de>,  Reise  &  Sicherheit  >  Pakistan  >  Wirtschaft,  Staatsaufbau/Innenpolitik,  Stand vom April 2011, besucht im Oktober 2011). 7.3.  In  Anbetracht  der  nach  wie  vor  schwierigen  wirtschaftlichen  und  politischen  Lage  in  Pakistan  und  unter  Berücksichtigung,  dass  die  Bereitschaft,  das  Heimatland  zu  verlassen,  erfahrungsgemäss  dort  begünstigt wird, wo bereits Verwandte oder Bekannte  im Ausland leben,  ist die Beurteilung der Vorinstanz, die das Risiko einer nicht fristgerechten  Wiederausreise  als  relativ  hoch  einschätzte,  nicht  zu  beanstanden.  Allerdings wäre es zu schematisch und nicht haltbar, generell und ohne  spezifische Anhaltspunkte ausschliesslich aufgrund der allgemeinen Lage  in  der  Herkunftsregion  auf  eine  nicht  hinreichend  gesicherte  Wiederausreise  zu  schliessen.  Es  gilt  somit,  über  die  Situation  im  Herkunftsland  hinaus,  ebenfalls  die weiteren Umstände  des Einzelfalles  zu  würdigen.  Namentlich  können  berufliche,  gesellschaftliche  oder  familiäre  Verpflichtungen  die  Prognose  einer  anstandslosen  Wiederausreise begünstigen. 8.  8.1.  Vorab  gilt  es  festzuhalten,  dass  sich  die  Vorinstanz  weder  in  der  angefochtenen  Verfügung  noch  in  ihren  Vernehmlassungen  ausführlich  mit den persönlichen Verhältnissen des Beschwerdeführers auseinander  gesetzt hat.  Beim  Beschwerdeführer  handelt  es  sich  um  einen  in  Lahore,  der  zweitgrössten  Stadt  Pakistans,  wohnhaften  38­jährigen,  verheirateten  Mann und Vater  von  zwei  schulpflichtigen Kindern, was  für  eine  intakte 

C­468/2011 soziale  Struktur  und  einen  engen  familiären  Bezug  zum  Heimatland  spricht.  Insbesondere  der  Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  für  die  Dauer  des  beabsichtigten  Aufenthaltes  in  der  Schweiz  die  Ehefrau  und  seine  beiden  Söhne  in  Pakistan  zurücklassen  würde,  lässt  auf  persönliche Verpflichtungen  und daraus auf  eine gewisse Verwurzelung  schliessen,  was  die  Gefahr  einer  Emigration  im  Vergleich  zu  jüngeren  und ungebundenen Landsleuten relativiert. 8.2.  Der  Beschwerdeführer  macht  des  Weiteren  berufliche  Bindungen  geltend.  Als  Geschäftsmann  und  Eigentümer  eines  Einkaufscenters  vermiete  er  Ladenlokalitäten  und  erziele  damit  ein  beträchtliches  und  überdurchschnittlich  hohes  Einkommen.  All  diese  Angaben  sind  durch  entsprechende  Mietverträge,  Dokumentationen  des  Einkaufscenters,  Bankauszüge  sowie weitere Unterlagen  belegt,  welche  im Verlaufe  des  Verfahrens eingereicht worden sind. Der Beschwerdeführer verfügt damit  zusätzlich  über  eine  massgebliche  berufliche  Verankerung  bzw.  eine  gesicherte wirtschaftliche Existenz in seinem Heimatland, die geeignet ist,  das  Risiko  einer  nicht  fristgerechten  Wiederausreise  nach  einem  Besuchsaufenthalt in der Schweiz entscheidend herabzusetzen. 8.3.  Insgesamt betrachtet  verfügt  der Beschwerdeführer  somit  durchaus  über  eine  massgebliche  familiäre  wie  auch  berufliche  Verankerung  in  Pakistan. Die Vorinstanz hat es jedoch sowohl vor Erlass ihrer Verfügung  wie  auch  in  ihren  beiden  Vernehmlassungen  unterlassen,  den  dargelegten Sachverhalt eingehend zu prüfen. Vielmehr hebt sie hervor,  bereits  der  Bruder  des  Beschwerdeführers  habe  erfolglos  ein  Asylverfahren  in  der  Schweiz  durchlaufen  und  seine  Heimführung  nur  durch  die  Heirat  mit  einer  hierzulande  lebenden  Person  verhindern  können.  Dieses  Argument  vermag  schon  deshalb  nicht  zu  überzeugen,  weil  die  Asylgesuchseinreichung  des  Bruder  länger  als  15  Jahre  zurückliegt.  Im  fraglichen  Jahr  (1996)  reichten  immerhin  noch  512  Personen  aus Pakistan  in  der  Schweiz  ein  Asylgesuch  ein.  Seitdem  ist  die Anzahl der Asylsuchenden aus diesem Land stetig zurückgegangen,  wobei  in  den  letzten  fünf  Jahren  im  Durchschnitt  deutlich  unter  100  Personen pro Jahr ein Asylgesuch in der Schweiz eingereicht haben (vgl.  Asylstatistiken  1996  –  2010  des  BFM,  im  Internet  unter:  www.bfm.admin.ch > Dokumentation > Zahlen und Fakten > Asylstatistik  >  Jahresstatistiken).  Zudem  handelt  es  sich  in  casu  um  zwei  völlig  verschiedene Sachverhalte, die sich keineswegs miteinander vergleichen  lassen,  reiste  doch  der  damals  erst  24­jährige  und  noch  ledige  Bruder  des  Beschwerdeführers  nicht  zwecks  (notwendiger)  medizinischer  http://www.bfm.admin.ch

C­468/2011 Behandlung,  sondern  aufgrund  einer  Aufenthaltsbewilligung  für  Schüler  und Studenten in die Schweiz ein. 9.  9.1.  Im  Weitern  gilt  es  festzuhalten,  dass  im  vorliegenden  Fall  keine  Zweifel  am  deklarierten  Aufenthaltszweck  (medizinische  Behandlung  bzw. Besuchsaufenthalt; vgl. Art. 15 Abs. 1 Bst. b und d i.V.m. Art. 16 und  Art. 12  Abs.  2  Bst.  c  in  fine  VEV)  bestehen. Der  Beschwerdeführer  hat  von  allem Anfang  an  geltend  gemacht,  er wolle  sich  einer  notwendigen  Augenoperation  unterziehen,  sei  doch  anlässlich  eines  früheren  operativen  Eingriffs  vom  behandelnden  Arzt  in  Pakistan  ein  Augennerv  verletzt  worden,  was  zu  einer  starken  Einschränkung  seiner  Sehkraft  geführt  habe; mehrere  Folgeoperationen  hätten  nicht  den  gewünschten  Erfolg gebracht. In einem Schreiben an die kantonale Migrationsbehörde  vom  23.  November  2010  hielt  die  vom  Gastgeber  und  Bruder  für  die  geplante  Operation  in  der  Schweiz  beauftragte  Spezialärztin  fest,  der  fragliche Patient  leide an einer  schwerwiegenden Muskelerkrankung mit  zunehmendem Herunterfallen der Augenlider (Oberlid­Ptose). Bei diesem  Eingriff müsse Sehne vom Bein entnommen und müssten die Augenlider  mittels dieser Sehne angehoben werden. Solche Operationen würden  in  der Schweiz sowie auch in EU­Staaten von geeigneten Spezialisten, die  auf  diesem  Fachgebiet  (okuloplastische  Chirurgie)  in  Pakistan  fehlten,  regelmässig  durchgeführt.  Eine Operation  in  der  Schweiz mache  schon  deshalb  Sinn,  weil  der  Patient  nach  dem  operativen  Eingriff  nebst  medizinischen Nachkontrollen auch eine gewisse Betreuung benötige, die  von  seinem  hier  lebenden  Bruder  geleistet  werden  könne.  Dass  der  Beschwerdeführer  an einer  starken Augenlidlähmung  (Ptosis)  leidet,  die  einer  weiteren  medizinischen  Behandlung  bedarf,  belegen  eindrücklich  die als Beweismittel eingereichten Fotos.  9.2. Unklar ist deshalb, was die Vorinstanz argumentativ mit dem Hinweis  auf  eine  fehlende  Notwendigkeit  für  die  Behandlung  in  der  Schweiz  beziehungsweise  mit  der  Feststellung  bezweckt,  wonach  eine  solche  ohne  weiteres  in  der  Heimatregion  oder  in  einem  der  zahlreichen  umliegenden  Länder  Pakistans  verwirklicht  werden  könnte.  In  einer  solchen  Notwendigkeit  kann  zumindest  keine  Voraussetzung  für  die  Erteilung  des  Visums  erblickt  werden  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts C­5960/2009 vom 29. März 2010 E. 6.5). Als  verfehlt  erweist  sich  demnach  der  Hinweis  des  BFM,  wonach  kein 

C­468/2011 genereller  Anspruch  auf  Einreise  und  Aufenthalt  zwecks  medizinischer  Behandlung in der Schweiz bestehe. 9.3.  Schliesslich  ist  auch  nicht  nachvollziehbar,  inwiefern  die  Finanzierung  des  vorgesehenen  medizinischen  Eingriffs  nicht  nachgewiesen  sein  soll,  wie  die  Vorinstanz  in  ihrer  ergänzenden  Vernehmlassung vom 11. Mai 2011 moniert. Gemäss Kostenvoranschlag  des  Kantonsspitals  Luzern  vom  22.  November  2010  sollen  sich  die  Gesamtkosten  für  die  vorgesehene  Ptosisoperation,  die  erfahrungsgemäss  eine  dreitägige  Hospitalisationsdauer  bedingt,  auf  knapp Fr.  9'000.­  belaufen. Aus den Akten ergibt  sich,  dass der Bruder  des  Beschwerdeführers  für  die  Begleichung  dieser  Kosten  ein  (Privat­ )Darlehen in der Höhe von Fr. 10'000.­ aufgenommen hat. Zudem ist eine  weitere  Sicherheit  darin  zu  erblicken,  dass  der  Gegenwert  für  die  voraussichtlichen  Behandlungskosten  vor  Eintritt  ins  Spital  als  Depotzahlung  zu  hinterlegen  ist,  ansonsten  der  Patient  nicht  operiert  würde.  10.  Aus  vorstehenden  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  in  casu  keine  Hinderungsgründe  im Sinne von Art. 5 SGK bzw. Art. 5 AuG erkennbar  sind. Demzufolge ist festzustellen, dass die angefochtene Verfügung den  rechtserheblichen Sachverhalt  unrichtig  respektive  unvollständig  festhält  und in fehlerhafter Ausübung des Ermessens ergangen ist (Art. 49 Bst. a  und b VwVG). Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, die angefochtene  Verfügung aufzuheben und die Sache zur neuerlichen Beurteilung an die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Dabei  ist  vom  BFM  abzuklären,  ob  die  in  Art. 2  Abs.  1  VEV  genannten  Einreisevoraussetzungen  gemäss  Schengener Grenzkodex erfüllt sind oder allenfalls gemäss Art. 2 Abs. 4  VEV  aus  humanitären  Gründen  ein  Visum  mit  räumlich  beschränkter  Gültigkeit zu erteilen ist. 11.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Kosten  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs.  1  und  2  VwVG)  und  der  geleistete  Kostenvorschuss  ist  zurückzuerstatten.  Ferner  ist  dem  obsiegenden  Beschwerdeführer  gestützt auf Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 ff. des Reglements vom 21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  zu  Lasten  der  Vorinstanz eine angemessene Parteientschädigung auszurichten.

C­468/2011 Dispositiv nächste Seite

C­468/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen.  Die  angefochtene  Verfügung  vom  14. Dezember  2010  wird  aufgehoben  und  die  Sache  zur  neuerlichen  Abklärung und Beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben und der am 2. Februar 2011  geleistete  Kostenvorschuss  von  Fr.  800.­  wird  dem  Beschwerdeführer  zurückerstattet. 3.  Die  Vorinstanz  hat  dem  Beschwerdeführer  für  das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 1'500.­ (inkl.  MwSt.) zu entrichten. 4.  Dieses Urteil geht an: – den  Beschwerdeführer  (Einschreiben;  Beilage:  Formular  "Zahladresse") – die Vorinstanz (Akten Ref­Nr. ZEMIS […] zurück) – das Migrationsamt des Kantons Zürich (ad ZH […]) Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Marianne Teuscher Daniel Brand Versand:

C-468/2011 — Bundesverwaltungsgericht 15.11.2011 C-468/2011 — Swissrulings