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Bundesverwaltungsgericht 09.11.2011 C-3453/2011

9 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,802 mots·~9 min·2

Résumé

Bewilligung zur Wiedereinreise | Ausstellung eines Identitätsausweises mit Bewilligung zur Wiedereinreise

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung III C­3453/2011 Urteil   v om   9 .   No v embe r   2011 Besetzung Richter Antonio Imoberdorf (Vorsitz), Richter Andreas Trommer, Richterin Ruth Beutler, Gerichtsschreiber Daniel Grimm. Parteien 1. A._______, 2. B._______, 3. C._______, Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz. Gegenstand Ausstellung von Identitätsausweisen mit Bewilligung zur  Wiedereinreise.

C­3453/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  1  (geb.  […]),  seine  Ehefrau,  die  Beschwerdeführerin  2  (geb.  […])  und  die  Adoptivtochter  (die  Beschwerdeführerin 3, geb. […]) sind afghanische Staatsangehörige und  lebten  ihren  eigenen  Angaben  zufolge  während  mehreren  Jahren  mit  einer  provisorischen  Aufenthaltsbewilligung  als  Flüchtlinge  im  Iran.  Im  Sommer  2006  verliessen  sie  dieses  Land  und  gelangten  am  19. September  2006  in  die  Schweiz,  wo  sie  gleichentags  um  Asyl  nachsuchten.  Die  Vorinstanz  lehnte  die  Gesuche  mit  Verfügung  vom  15. Juni 2007 ab und wies sie unter Ansetzung einer Ausreisefrist aus der  Schweiz  weg.  Gegen  den  negativen  Asylentscheid  erhoben  die  Beschwerdeführenden am 18. Juli  2007 beim Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde.  Nachdem  das  BFM  am  31. August  2009  in  teilweiser  Wiedererwägung  seiner  Verfügung  vom  15. Juni  2007  wegen  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  die  vorläufige  Aufnahme  der  Betroffenen  angeordnet  hatte,  wurde  das  fragliche  Rechtsmittel  vom  Bundesverwaltungsgericht  mit  Urteil  vom  5. April  2011,  soweit  nicht  gegenstandslos geworden, abgewiesen (Geschäfts­Nr. E­4950/2007). B.  Während  der  Hängigkeit  des  Asylbeschwerdeverfahrens  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  stellten  die  Beschwerdeführenden  am  30. März  2010  (Beschwerdeführerinnen  2  und  3)  bzw.  15. Juli  2010  (Beschwerdeführer 1) bei der kantonalen Migrationsbehörde Gesuche um  Ausstellung  von  Identitätsausweisen mit  Bewilligung  zur Wiedereinreise  für Reisen in den Iran. Diesen Gesuchen hat das hierfür zuständige BFM  am 15. April 2010 resp. 26. Juli 2010 stattgegeben und die gewünschten  Dokumente ausgestellt. C.  Am  21. April  2011  bzw.  28. April  2011  ersuchten  die  Beschwerdeführenden  beim Amt  für Migration  und Schweizer Ausweise  des  Kantons  Solothurn  erneut  um  Ausstellung  von  Identitätsausweisen  mit Bewilligung zur Wiedereinreise für Reisen in den Iran. Mit  Schreiben  vom  10. Juni  2011  hielt  das  BFM  gegenüber  den  Beschwerdeführenden fest, die Voraussetzungen für die Ausstellung der  entsprechenden  Dokumente  seien  offensichtlich  nicht  erfüllt.  Bei  dieser  Ausgangslage  werde  auf  den  Erlass  einer  Verfügung  verzichtet.  Ohne 

C­3453/2011 Gegenbericht  bis  zum  4. Juli  2011  würden  die  Gesuche  als  gegenstandslos geworden abgeschrieben. Am  15. Juni  2011  erklärten  die  Beschwerdeführenden,  aus  politischen  Gründen  in  die  Schweiz  geflüchtet  zu  sein,  weshalb  sie  sich  nicht  um  heimatliche Dokumente bemühen könnten.  Im vergangenen Jahr hätten  sie  entsprechende  Reiseausweise  bekommen,  um  die  Schwester  der  Beschwerdeführerin  2  im  Iran  zu  besuchen.  Wegen  des  prekären  Gesundheitszustandes  der  Schwester  müssten  sie  sich  jedes  Jahr  dorthin begeben. Die gleiche Eingabe wurde am 17. Juni 2011 (mit einem  Begleitschreiben  und  weiteren  Beilagen)  auch  noch  direkt  beim  Bundesverwaltungsgericht abgegeben. D.  Mit  Verfügung  vom  17. Juni  2011 wies  die  Vorinstanz  die Gesuche  ab.  Zur  Begründung  wurde  im Wesentlichen  ausgeführt,  die  Kontaktnahme  mit den Behörden des Heimat­ oder Herkunftsstaates könne namentlich  von  schutzbedürftigen  und  asylsuchenden  Personen  nicht  verlangt  werden.  Die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  seien  rechtskräftig  abgewiesen  und  die  Betroffenen  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  vorläufig  aufgenommen worden.  Sie  seien  in  der  Schweiz zu keinem Zeitpunkt als Flüchtlinge anerkannt gewesen. Darum  könne  ihnen  zugemutet  werden,  sich  bei  den  zuständigen  heimatlichen  Behörden  um  die  Ausstellung  gültiger  Reisedokumente  zu  bemühen.  Hierbei  obliege es den Beschwerdeführenden,  die  von der  heimatlichen  Botschaft  verlangten  notwendigen  Anforderungen  zur  Ausstellung  eines  Passes zu erfüllen. Technische Verzögerungen seien nicht geeignet, die  Schriftenlosigkeit nach Art. 6 der Verordnung vom 20. Januar 2010 über  die Ausstellung von Reisedokumenten für ausländische Personen (RDV,  SR  143.5)  zu  begründen.  Die  Beschaffung  von  Reisepässen  sei  auch  nicht  unmöglich  im  Sinne  von  Art. 6  Abs.  1  Bst.  b  RDV.  Die  Beschwerdeführenden  hätten  sich  in  dieser  Hinsicht  darauf  beschränkt,  das  Formular  "Schriftenlosigkeit"  auszufüllen  und  die  Möglichkeiten,  einen  heimatlichen  Reisepass  zu  erhalten,  nicht  ausgeschöpft.  Die  Schriftenlosigkeit sei somit nicht erwiesen. E.  Das  Bundesverwaltungsgericht  nahm  die  ihm  am  17. Juni  2011  ausgehändigten Unterlagen als sinngemässes Rechtsmittel entgegen und  forderte  die  Beschwerdeführenden  mit  Zwischenverfügung  vom  7. Juli  2011 auf, bis zum 16. August 2011 ein Rechtsbegehren zu stellen. 

C­3453/2011 F.  Mit  Beschwerdeverbesserung  vom  12. Juli  2011  beantragen  die  Beschwerdeführenden  sinngemäss  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  sowie  die  Ausstellung  der  verlangten  Reisedokumente  mit  Bewilligung  zur  Wiedereinreise.  Hierzu  bringen  sie  in  schlecht  verständlichem Deutsch vor, es sei gefährlich  für  sie und nicht möglich,  auf die heimatliche Botschaft zu gehen. Sie möchten hier politisches Asyl  und  brauchten  Pässe  für  Reisen  in  den  Iran.  Sie  hätten  Probleme  mit  ihrem Heimatland und dessen Botschaft, könnten  jedoch keine Beweise  einreichen.  Auf  der  afghanischen  Botschaft  in  der  Schweiz  würden  Mitarbeitende, es handle sich um Azharen und Schiiten, Geld nehmen. Der  Eingabe  beigelegt  waren  u.a.  ausgedruckte  Fassungen  zweier  an  das BFM gerichteter E­Mails der Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende  Aargau  vom  20. Juni  2011  und  der  Beschwerdeführerin  2  vom  28. Juni  2011. G.  Die Vorinstanz  schliesst  in  ihrer Vernehmlassung vom 20. Juli  2011 auf  Abweisung der Beschwerde und hält ergänzend  fest, die  im Jahre 2010  gestellten Gesuche seien gutgeheissen worden, weil die Betroffenen zum  damaligen  Zeitpunkt  aufgrund  des  pendenten  Asylverfahrens  als  schriftenlos  gegolten  hätten.  Mit  dem  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  5. April  2011  sei  die  Ablehnung  der  Asylgesuche  nun  aber  in  Rechtskraft  erwachsen.  Die  Beschwerdeführenden  könnten  somit  nicht  mehr  als  schriftenlos  betrachtet  werden,  weshalb  die  Voraussetzungen  zur  Ausstellung  von  Identitätsausweisen mit Bewilligung zur Wiedereinreise nicht mehr erfüllt  seien. H.  Die Beschwerdeführenden liessen sich trotz gewährtem Replikrecht nicht  mehr vernehmen. I.  Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird,  soweit  rechtserheblich,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

C­3453/2011 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR  173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  –  unter  Vorbehalt  der  in  Art.  32  VGG  genannten  Ausnahmen  –  Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom  20. Dezember  1968  (VwVG,  SR  172.021),  welche  von  einer  in  Art.  33  VGG  aufgeführten  Behörde  erlassen  wurden.  Darunter  fallen  unter  anderem  Verfügungen  des  BFM  betreffend  Ausstellung  von  Reisedokumenten  für  ausländische  Personen  (vgl.  Art.  59  des  Ausländergesetzes vom 16. Dezember 2005 [AuG, SR 142.20] und Art. 1  RDV).  Das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  ist  endgültig  (Art.  83  Bst. c Ziff. 6 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  [BGG, SR  173.110]). 1.2.  Gemäss  Art.  37  VGG  richtet  sich  das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  nach  dem  Verwaltungsverfahrensgesetz,  soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt.  1.3. Die  Beschwerdeführenden  sind  als  Verfügungsadressaten  gemäss  Art. 48  Abs.  1  VwVG  zur  Beschwerde  legitimiert.  Auf  die  frist­  und  nachträglich  formgerecht  eingereichte Beschwerde  ist  –  unter Vorbehalt  der nachfolgenden Ausführungen (siehe E. 2 hiernach) – einzutreten (vgl.  Art. 50 und 52 VwVG). 2.  2.1.  Verfahrensgegenstand  bilden  drei  Gesuche  um  Ausstellung  von  Identitätsausweisen mit Bewilligung  zur Wiedereinreise  für  den Sommer  2011.  Gemäss  Art.  48  Abs.  1  Bst.  b  und  c  VwVG  ist  zur  Beschwerde  berechtigt, wer durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist  und  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  oder  Änderung  hat. Das  schutzwürdige  Interesse besteht  im praktischen bzw.  positiven  Nutzen, welchen die erfolgreiche Beschwerde der beschwerdeführenden  Partei  eintragen  würde  oder  aber  in  der  Abwendung  eines  realen –  materiellen oder ideellen – Nachteils (vgl. etwa BGE 131 II 587 E. 2.1 S.  588 f., BGE 131 V 298 E. 3 S. 300 und BGE 127 V 80 E. 3a/aa S. 82 f.  oder BVGE 2007/20 E. 2.4.1). Ein solches Interesse ist  in der Regel nur  dann  schutzwürdig,  wenn  es  im  Zeitpunkt  der  Urteilsfällung  aktuell  ist  (BGE  129  I  113  E.  1.7  S.  119,  BGE  128  II  34  E.  1b  S.  36).  In  der  Rechtsprechung  wird  auf  das  Erfordernis  der  Aktualität  des  Interesses  ausnahmsweise  verzichtet,  wenn  sich  die  aufgeworfenen  Fragen  jederzeit  unter  gleichen  oder  ähnlichen  Umständen  wieder  stellen 

C­3453/2011 können,  ohne  dass  im  Einzelfall  rechtzeitig  eine  richterliche  Prüfung  stattfinden kann. Darüber hinaus muss an der Beantwortung der Fragen  wegen  ihrer  grundsätzlichen  Bedeutung  ein  hinreichendes  öffentliches  Interesse bestehen (BGE 131 II 670 E. 1.2 S. 673 f., BGE 128 II 34 E. 1b  S.  36;  ferner  VERA  MARANTELLI­SONANINI/SAID  HUBER,  in  Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, Zürich 2009,  Art. 48 N 15 f. oder ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren  und Verwaltungsrechtpflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, Rz. 540). 2.2.  Diese  Voraussetzungen  sind  vorliegend  erfüllt.  Die  Frage,  ob  die  Vorinstanz die Ausstellung der beantragten Reisedokumente verweigern  durfte, kann sich immer wieder stellen. Je nach Zeitpunkt der Einreichung  solcher  Gesuche  wird  das  Bundesverwaltungsgericht  aufgrund  der  gesetzlich  zwingend  zu  beachtenden  Verfahrensschritte  häufig  nicht  in  der Lage sein, vor Ablauf des gewünschten Reisetermins ein Urteil in der  Sache  zu  fällen.  Im  Übrigen  haben  die  Beschwerdeführenden  in  der  Stellungnahme  vom  15. Juni  2011  klar  signalisiert,  die  erkrankte  Schwester  der  Beschwerdeführerin  2  jedes  Jahr  im  Iran  besuchen  zu  wollen.  Sie  haben  daher  nach wie  vor  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  einer  richterlichen  Überprüfung  der  sich  in  diesem  Zusammenhang  in  Zukunft  erneut  stellenden Streitfragen  (siehe hierzu  ISABELLE HÄNER,  in:  Christoph  Auer/Markus  Müller/Benjamin  Schindler  [Hrsg.],  Kommentar  zum  Bundesgesetz  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG],  Zürich/St.  Gallen 2008, Art. 48 N 21 und 22).  2.3.  In  ihrer  Beschwerdeverbesserung  beantragen  die  Beschwerdeführenden  die  Gewährung  des  "politischen  Asyls".  Dieses  Begehren  geht  über  den  Anfechtungsgegenstand  hinaus  (vgl.  hierzu  KÖLZ/HÄNER,  a.a.O.,  Rz.  404).  Auf  das  Rechtsmittel  ist  somit  nur  im  dargelegten Umfang einzutreten. 3.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  –  sofern  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art. 62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend 

C­3453/2011 gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE  2011/1 E. 2). 4.  In  der  knapp  rechtsgenüglichen Rechtsmitteleingabe  vom 12. Juli  2011,  welche  wie  erwähnt  in  schwer  verständlichem  Deutsch  verfasst  wurde,  findet  sich sinngemäss ein Antrag auf Akteneinsicht  ("bitte Schicken sie  meinem  Akten").  Eine  ähnliche  Formulierung  enthält  die  E­Mail  vom  28. Juni  2011  an  die  Vorinstanz.  Das  vorinstanzliche  Dossier  und  die  Akten  des  Bundesverwaltungsgerichts  beinhalten,  mit  einer  Ausnahme,  allerdings ausschliesslich Unterlagen, Korrespondenzen und Entscheide,  welche  den  Beschwerdeführenden  bereits  bekannt  sind.  Eine  separate  bzw.  nochmalige  Akteneinsicht  in  die  fraglichen Dossiers  erübrigte  sich  daher.  Einzig  von  einer  am  8. Juli  2011  vom Bundesverwaltungsgericht  erstellten  Aktennotiz  haben  sie  keine  Kenntnis.  Beim  fraglichen  Aktenstück  handelt  es  sich  um  die  Wiedergabe  zweier  telefonischer  Auskünfte zu Handen der Beschwerdeführerin 2 vom 6. Juli 2011. Dieser  Telefonnotiz  kommt  indessen  weder  Beweischarakter  zu  noch  ist  sie  geeignet,  den  Ausgang  des  Verfahrens  beeinflussen  zu  können.  Nach  ständiger  bundesgerichtlicher  Rechtsprechung  bleiben  derartige  verwaltungsinterne  Akten  (Entwürfe,  Anträge,  Notizen, Mitberichte,  etc.)  sowohl  vom  gesetzlichen  als  auch  vom  verfassungsmässigen  Akteineinsichtsrecht ausgeschlossen (vgl. BERNHARD WALDMANN/MAGNUS  OESCHGER, Praxiskommentar VwVG, a.a.O., Art. 26 N 63 und 64). Eine  Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt demnach nicht vor. 5.  5.1. Machte die Verordnung vom 27. Oktober 2004 über die Ausstellung  von  Reisedokumenten  für  ausländische  Personen  (AS  2004  4577)  bei  schriftenlosen  schutzbedürftigen,  vorläufig  aufgenommenen  oder  asylsuchenden  Personen  das  Ausstellen  eines  Identitätsausweises  mit  Rückreisevisum noch vom Nachweis spezifischer Reisegründe abhängig  (vgl. Art. 5 Abs. 2 Bst. a bis c RDV von 2004), so verzichtet die revidierte  RDV  vom  20.  Januar  2010  für  vorläufig  aufgenommene  und  schutzbedürftige  Personen  auf  diese  Reiserestriktionen.  Gemäss  Art.  4  Abs.  4 RDV werden  diesen  beiden Personengruppen  für Auslandreisen  auf  Gesuch  hin  Bewilligungen  zur  Wiedereinreise  und  bei  erwiesener  Schriftenlosigkeit  im Sinne von Art. 6 RDV zusätzlich  Identitätsausweise  ausgestellt.  Zwingend  ist  für  vorläufig  aufgenommene  Personen  und 

C­3453/2011 Schutzbedürftige  jedoch  der  Nachweis  der  Schriftenlosigkeit,  wenn  zusätzlich ein Identitätsausweis ausgestellt werden soll. 5.2. Als schriftenlos im Sinne der RDV gilt eine ausländische Person, die  keine  gültigen  Reisedokumente  ihres  Heimat­  oder  Herkunftsstaates  besitzt  und  von  der  nicht  verlangt  werden  kann,  dass  sie  sich  bei  den  zuständigen  Behörden  ihres  Heimat­  oder  Herkunftsstaates  um  die  Ausstellung  oder  Verlängerung  eines  Reisedokuments  bemüht  (Art.  6  Abs.  1  Bst. a  RDV),  oder  für  welche  die  Beschaffung  von  Reisedokumenten  unmöglich  ist  (Art.  6  Abs.  1  Bst.  b  RDV).  Die  Schriftenlosigkeit  wird  im Rahmen  der Gesuchsprüfung  durch  das  BFM  festgestellt (Art. 6 Abs. 4 RDV). 5.3. Aus  den  Akten  ergibt  sich,  dass  die  Beschwerdeführenden  zurzeit  über  keine  gültigen  heimatlichen  Reisepapiere  verfügen.  Damit  eine  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  jederzeit  möglich  bleibt,  müssen  ausländische  Personen  während  ihres  Aufenthaltes  in  der  Schweiz  im  Besitze  eines  gültigen,  nach  Art.  13  Abs.  1  AuG  anerkannten  Ausweispapiers  sein  (PETER  UEBERSAX,  Einreise  und  Anwesenheit,  in:  Peter  Uebersax/Beat  Rudin/Thomas  Hugi  Yar/Thomas  Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  Eine  umfassende  Darstellung  der  Rechtsstellung  von  Ausländerinnen  und  Ausländern  in  der  Schweiz  –  von  A(syl)  bis  Z(ivilrecht),  2.  Auflage,  Basel  2009,  Rz.  7.284  mit  weiteren  Hinweisen;  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3709  ff.,  3819).  Sie  sind  verpflichtet,  Ausweispapiere  zu  beschaffen  oder  bei  deren  Beschaffung  durch  die  Behörden mitzuwirken  (vgl.  Art.  89  und Art. 90 Bst.  c AuG  i.V.m. Art.  8  der  Verordnung  vom  24. Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit [VZAE, SR 142.201]).  6.  6.1.  Vorliegend  ist  demnach  vorab  zu  prüfen,  ob  die  Vorinstanz  hinsichtlich  der  Beschwerdeführenden  zu  Recht  die  Schriftenlosigkeit –  als  unabdingbare  Voraussetzung  für  die  Ausstellung  eines  Reisedokuments  –  verneint  hat,  indem  sie  sowohl  die  Möglichkeit  der  Beschaffung  eines  heimatlichen  Reisepasses  (vgl.  Art.  6  Abs.  1  Bst.  b  RDV)  als  auch  die  Zumutbarkeit  entsprechender  Bemühungen  bei  den  zuständigen  heimatlichen  Behörden  (vgl.  Art. 6  Abs.  1  Bst.  a  RDV)  als  gegeben erachtete. Die Frage der Zumutbarkeit, mithin diejenige, ob die  Beschaffung  von  Reisedokumenten  bei  den  Heimatbehörden  von  den  betreffenden  Personen  verlangt  werden  kann,  ist  dabei  nicht  nach 

C­3453/2011 subjektiven,  sondern  nach  objektiven  Massstäben  zu  beurteilen  (vgl.  Urteile  des  Bundesgerichts  2A.335/2006  vom  18. Oktober  2006  E.  2.1  sowie  2A.12/2005  und  2A.13/2005  vom  25. April  2005  E.  3.2  mit  Hinweisen). 6.2. Namentlich von Schutzbedürftigen und Asylsuchenden während dem  hängigen  Verfahren  kann  im  Hinblick  auf  eine  potentielle  Gefährdungslage  eine Kontaktaufnahme mit  den  zuständigen Behörden  des  Heimat­  oder  Herkunftsstaates  nicht  verlangt  werden  (vgl.  Art. 6  Abs. 3 RDV). Dasselbe gilt gemäss den diesbezüglichen Weisungen des  BFM  auch  in  Bezug  auf  Personen,  welche  infolge  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  (nach Massgabe  von Art. 83 Abs. 1  i.V.m.  Abs. 3  AuG)  vorläufig  aufgenommen  wurden  (vgl.  Ziff.  2  der  Ausführungsvorschriften zur RDV im Anhang 3/2 zu den Weisungen und  Erläuterungen über Einreise, Aufenthalt  und Arbeitsmarkt  von Mai  2006  [ANAG­Weisungen],  online  zu  finden  unter:  www.bfm.admin.ch,  Dokumentation  >  Rechtliche  Grundlagen  >  Weisungen  und  Kreisschreiben > Archiv Weisungen und Kreisschreiben  [ausser Kraft] >  Weisungen  und  Erläuterungen:  Einreise,  Aufenthalt  und  Arbeitsmarkt  >  Weisungen). 6.3.  Daraus  ist  zu  schliessen,  dass  von  Personen,  die  –  wie  die  Beschwerdeführenden  –  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nach  Art. 83  Abs.  1  i.V.m.  Abs.  4  AuG  vorläufig  aufgenommen  wurden,  eine  solche  Kontaktnahme  im  Hinblick  auf  die  Beschaffung  von  Reisedokumenten  grundsätzlich  verlangt  werden  darf.  Die Beschwerdeführenden machen zwar geltend, eine Kontaktaufnahme  wäre  für  sie,  da  sie  hierzulande  um  Asyl  ersucht  hätten  bzw.  aus  politischen Gründen, gefährlich. Dieser Argumentation kann jedoch nicht  gefolgt  werden,  wurden  ihre  Verfolgungsgründe  im  Asylverfahren  doch  als  unglaubhaft  eingestuft.  Soweit  Mitarbeitenden  der  afghanischen  Botschaft  sodann  vorgeworfen  wird,  Geld  zu  nehmen,  sind  die  diesbezüglichen  Ausführungen  zum  einen  viel  zu  unklar  und  unspezifiziert,  zum  anderen  lassen  es  die  Betroffenen  bei  blossen  Behauptungen  bewenden.  Subjektive  Empfindlichkeiten  können  im  Übrigen  nicht  als  Hindernis  anerkannt  werden.  Es  fehlt  daher  an  objektiven Gründen für die Annahme der Unzumutbarkeit nach Art. 6 Abs.  1 Bst. a RDV. Aus  den  Akten  ergeben  sich  des  Weiteren  keine  Hinweise,  dass  die  Beschwerdeführenden  sich  konkret  um  die  Ausstellung  heimatlicher 

C­3453/2011 Reisepapiere bemüht haben.  Im Gegenteil scheinen sie hierzu gar nicht  gewillt (in diesem Sinne vgl. etwa das Begleitschreiben der Asylhilfe Bern  vom  25. März  2010  zum  ersten  Gesuch,  aber  auch  die  Stellungnahme  der  Beschwerdeführenden  vom  15. Juni  2011  oder  die  Beschwerdeverbesserung  vom  12. Juli  2011).  Allfällige  technisch  oder  organisatorisch  bedingte  Verzögerungen  bei  der  Passausstellung  wiederum  wären  –  wie  die  Vorinstanz  in  ihrer  Verfügung  zu  Recht  festgehalten hat – nicht geeignet, eine Unmöglichkeit im Sinne von Art. 6  Abs. 1 Bst. b RDV zu begründen. Die Beschwerdeführenden haben die  bestehenden Möglichkeiten  zum Erhalt  eines  heimatlichen Reisepasses  mithin  nicht  ausgeschöpft,  sondern  bislang  keine  ernsthaften  Anstalten  getroffen,  davon  überhaupt  Gebrauch  zu machen.  Bei  dieser  Sachlage  kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass die Beschaffung von  Reisedokumenten  für  sie  unmöglich  im  Sinne  von  Art. 6  Abs.  1  Bst.  b  RDV ist.  6.4.  In  einer  E­Mail  vom  20. Juni  2011  (als  Beilage  zur  Beschwerdeverbesserung  vom  12. Juli  2011)  verweist  die  Rechtsberatungsstelle  für  Asylsuchende  Aargau  schliesslich  auf  den  Grundsatz  von  Treu  und  Glauben,  weil  die  Beschwerdeführenden  die  anbegehrten Dokumente für Auslandreisen im Jahre 2010 ja anstandslos  erhalten hätten. Der in Art. 9 der Bundesverfassung der Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR  101)  verankerte  Grundsatz  von  Treu  und  Glauben  verleiht  einer  Person  Anspruch  auf  Schutz  des  berechtigten  Vertrauens  in  behördliche  Auskünfte  und  Zusicherungen.  Er  kann  dazu  führen,  dass  ein  Rechtsverhältnis  abweichend vom objektiven Recht zu regeln ist. Voraussetzung dafür ist,  dass  die  Auskunft  bzw.  die  Zusicherung  für  einen  konkreten  Einzelfall  aufgrund einer vollständigen Darstellung des Sachverhalts vorbehaltslos  erteilt wurde, dass die Amtsstelle für die Auskunftserteilung zuständig war  oder der Bürger sie aus zureichenden Gründen als zuständig betrachten  durfte, dass die anfragende Person die Unrichtigkeit bei pflichtgemässer  Aufmerksamkeit  nicht  ohne  weiteres  erkennen  konnte,  dass  sie  im  berechtigten Vertrauen auf die Auskunft eine nicht wieder rückgängig zu  machende  Disposition  getroffen  hat  und  dass  die  Rechtslage  sich  seit  Erteilung der Auskunft nicht geändert hat (vgl. BGE 137 I 69 E. 2.5.1 S.  72 f. und BGE 131 II 627 E. 6.1 S. 636 f., je mit weiteren Hinweisen; Urteil  des  Bundesgerichts  2P.245/2006  vom  6.  November  2006  E.  2.3.1  mit  Hinweisen). 

C­3453/2011 Eine Berufung auf besagten Grundsatz scheitert hier bereits daran, dass  sich  die  Verhältnisse  der  Familie  und  damit  auch  die  rechtlichen  Voraussetzungen seit der erstmaligen Ausstellung von Reisedokumenten  im Jahre 2010 verändert haben, wurden die Asylgesuche der Betroffenen  mit  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  5. April  2011  doch  inzwischen rechtskräftig abgewiesen. Angesichts des veränderten Status  kann  ihnen  nun  zugemutet  werden,  sich  selber  um  die  Ausstellung  heimatlicher  Papiere  zu  bemühen  (siehe  E.  6.2  und  6.3  hiervor).  Von  einer  Verletzung  des  Vertrauensgrundsatzes  gemäss  Art. 9  BV  kann  vorliegend demnach nicht die Rede sein. 7.  Somit  ist  den  Beschwerdeführenden  die  Beschaffung  gültiger  heimatlicher  Reisedokumente  sowohl  zumutbar  als  auch  möglich.  Sie  sind  folglich  nicht  als  schriftenlos  im  Sinne  von  Art. 6  Abs.  1  RDV  zu  betrachten. 8.  Aus  diesen  Darlegungen  folgt,  dass  die  Vorinstanz  zu  Recht  die  Schriftenlosigkeit der Beschwerdeführenden verneint und die Ausstellung  der Identitätsausweise mit Bewilligung zur Wiedereinreise verweigert hat.  Die  angefochtene  Verfügung  erweist  sich  somit  im  Lichte  von  Art. 49  VwVG als rechtmässig und die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen. 9.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind den Beschwerdeführenden die  Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1, Art. 2  und Art. 3 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.1]). Dispositiv Seite 12

C­3453/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  abgewiesen,  soweit  darauf  eingetreten  werden  kann. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 800.­  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt.  Sie  werden  mit  dem  am  12. Juli  2011  in  gleicher  Höhe  geleisteten Kostenvorschuss verrechnet. 3.  Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführenden (Einschreiben) – die Vorinstanz (Akten Ref­Nr. […] retour) – das  Amt  für  Migration  und  Schweizer  Ausweise  des  Kantons  Solothurn (in Kopie) Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Antonio Imoberdorf Daniel Grimm

C­3453/2011 Versand:

C-3453/2011 — Bundesverwaltungsgericht 09.11.2011 C-3453/2011 — Swissrulings