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Bundesverwaltungsgericht 16.08.2011 C-3450/2009

16 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,818 mots·~9 min·1

Résumé

Einreiseverbot | Einreiseverbot

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung III C­3450/2009 Urteil   v om   1 6 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Antonio Imoberdorf (Vorsitz), Richterin Marianne Teuscher, Richter Bernard Vaudan,    Gerichtsschreiberin Mirjam Angehrn. Parteien R._______, vertreten durch Fürsprecher Mark Schibler,  Käfiggässchen 10, 3011 Bern, Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Einreiseverbot.

C­3450/2009 Sachverhalt: A.  Die Beschwerdeführerin  (geb. 1981)  ist brasilianische Staatsangehörige.  Am  11.  August  2006  reiste  sie  in  die  Schweiz  ein  und  hielt  sich  einige  Wochen  bei  ihrer  Tante  in M._______  (VS)  auf.  Anschliessend  wohnte  sie mehrere Monate bei  einer Freundin  ihrer Tante  in W._______  (BE),  bis sie in B._______ ein Zimmer mietete. B.  Am  15.  April  2009  wurde  die  Beschwerdeführerin  von  der  Polizei  angehalten  und  einer  Personenkontrolle  unterzogen.  Dabei  wurde  festgestellt,  dass  sie  sich  illegal  in  der  Schweiz  aufhielt.  Gleichentags  verfügte  der Migrationsdienst  des  Kantons  Bern  die  Ausschaffungshaft.  Mit  Entscheid  des  Haftgerichts  III  Bern­Mittelland  vom  16.  April  2009  wurde  die  Ausschaffungshaft  bis  zum  14.  Juli  2009  bestätigt.  Die  Beschwerdeführerin  erhob  dagegen  Beschwerde  beim  Verwaltungsgericht  des  Kantons  Bern.  Mit  Urteil  vom  28.  April  2009  wurde  die  Beschwerde  gutgeheissen  und  die  Beschwerdeführerin  umgehend aus der Haft entlassen. C.  Mit  Verfügung  vom  28.  April  2009  verhängte  die  Vorinstanz  gegen  die  Beschwerdeführerin ein Einreiseverbot für die Dauer von drei Jahren und  entzog  einer  allfälligen  Beschwerde  die  aufschiebende  Wirkung.  Zur  Begründung führte sie unter Bezugnahme auf Art. 67 Abs. 1 Bst. a, c und  d des Ausländergesetzes vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20; zur  damaligen Fassung vgl. AS 2007 5437) aus, es liege ein Verstoss gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und Ordnung wegen  illegalen  Aufenthalts  und  Erwerbstätigkeit  ohne  Bewilligung  vor.  Zudem  habe  die  Beschwerdeführerin  in  Ausschaffungshaft  genommen  und  ausgeschafft  werden müssen. D.  Die Beschwerdeführerin reiste am 2. Mai 2009 in  ihr Heimatland zurück.  Gleichentags  wurde  ihr  das  rechtliche  Gehör  zur  Verhängung  einer  Fernhaltemassnahme gewährt und das Einreiseverbot ausgehändigt. E.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  27.  Mai  2009  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragt  die  Beschwerdeführerin  die  Aufhebung  des  Einreiseverbots.  Eventualiter  sei  im  Sinne  einer 

C­3450/2009 Verwarnung gemäss Art. 96 Abs. 2 AuG ein Einreiseverbot anzudrohen.  Sie  rügt  dabei,  das  Einreiseverbot  sei  erlassen  worden,  bevor  ihr  das  rechtliche Gehör dazu gewährt worden sei. Zudem fehle die Unterschrift  auf der Verfügung. Weiter bringt sie – mit der Rüge, der Sachverhalt sei  unrichtig bzw. unvollständig  festgestellt worden – vor, es könne  ihr nicht  vorgeworfen  werden,  dass  sie  in  Aus­ schaffungshaft genommen worden sei, sei sie doch auf Beschwerde hin  aus der Haft entlassen worden. Auch habe sie nicht ausgeschafft werden  müssen. Sie habe am 19. Februar 2009 ein One­Way­Flugticket bestellt  und  habe  am  29.  August  2009  freiwillig  zurück  nach  Brasilien  fliegen  wollen. Den seitens der Migrationsbehörden organisierten Rückflug habe  sie  nur  antreten  müssen,  weil  dieser  sonst  verfallen  wäre.  Ihr  einziges  Fehlverhalten  sei  ihr  illegaler  Aufenthalt  in  der  Schweiz  gewesen,  allenfalls verbunden mit kleineren Arbeitstätigkeiten. Allein deshalb könne  nicht schon von einer  für ein Einreiseverbot genügenden Verletzung der  öffentlichen Sicherheit und Ordnung ausgegangen werden. Dafür würde  es  erhebliche  oder  wiederholte  Verstösse  gegen  gesetzliche  Bestimmungen  oder  behördliche  Verfügungen  bedürfen.  Sie  habe  sich  während  ihres Aufenthalts  in der Schweiz hingegen nicht das Geringste  zu Schulden kommen lassen. F.  Mit  Subeventualbegehren  vom  19.  August  2009  beantragt  die  Beschwerdeführerin die Aufhebung der Verfügung der Vorinstanz und die  Verfügung eines auf ein Jahr befristeten Einreiseverbots. G.  Die  Vorinstanz  beantragt  in  ihrer  Vernehmlassung  vom  18.  September  2009 die Abweisung der Beschwerde. H.  Mit Replik vom 20. November 2009 hält die Beschwerdeführerin an ihrer  Beschwerde und deren Begründung fest. I.  Die Beschwerdeführerin reichte mit Schreiben vom 8. Oktober 2010 einen  Studentenausweis zu den Akten. J.  Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird  –  soweit  rechtserheblich  –  in  den  Erwägungen eingegangen.

C­3450/2009 C­3450/2009 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  im  Sinne  von  Art.  5  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20. Dezember  1968  (VwVG,  SR  172.021),  sofern  keine  Ausnahme  nach  Art.  32  VGG  vorliegt.  Als  Vorinstanzen  gelten  die  in  Art.  33  VGG  genannten  Behörden.  Dazu  gehört  auch  das  BFM,  das  mit  der  Anordnung  eines  Einreiseverbotes  eine  Verfügung  im  erwähnten  Sinne  und  daher  ein  zulässiges  Anfechtungsobjekt erlassen hat. Eine Ausnahme nach Art. 32 VGG liegt  nicht vor. 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet  sich  nach  dem  VwVG,  soweit  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde  legitimiert  (Art.  48  Abs.  1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG). 1.4  Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  endgültig  (Art.  83 Bst.  c  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). 2. Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  sowie  –  wenn  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt  werden  (Art.  49  VwVG).  Das  Bundesverwaltungsgericht  wendet  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden  und  kann  die  Beschwerde  auch  aus  anderen  als  den  geltend  gemachten  Gründen  gutheissen oder abweisen. Massgebend  ist grundsätzlich die Sach­ und  Rechtslage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. E. 1.2 des Urteils des  Bundesgerichts 2A.451/2002 vom 28. März 2003, teilweise publ.  in BGE  129 II 215).

C­3450/2009 3.  Entgegen  den Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  stellt  die Unterschrift  von  Bundesrechts  wegen  kein Gültigkeitserfordernis  für  eine  Verfügung  dar (vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C­1346/2010  vom  14.  Januar  2011  E.  3.2  mit  Hinweisen).  Der  Unterschrift  bei  Verfügungen  kommt  lediglich  eine  Beweis­  sowie  eine  Identifikationsfunktion  zu.  Bei  Einreiseverboten  handelt  es  sich  um  Verfügungen,  welche  in  grosser  Zahl  (über  8'000  Verfügungen  jährlich;  vgl.  BFM  Migrationsbericht  2010)  erlassen  werden  und  welche  bei  der  Ausstellung und der Eröffnung grosse Unterschiede zur Mehrzahl der im  Verwaltungsverfahren  erlassenen  Verfügungen  aufweisen.  Ein  Einreiseverbot wird  immer von einem aufgrund des Pflichtenheftes dazu  berechtigten Mitarbeiter des BFM erlassen. Die entsprechende Verfügung  wird  dazu  elektronisch  im  Zentralen  Migrationsinformationssystem  (ZEMIS) erfasst, wobei eine Zuordnung zu einem bestimmten Mitarbeiter  aufgrund  der  elektronischen  Protokollierung  im  ZEMIS  jederzeit  gewährleistet  ist.  Dieser  Mitarbeiter  wird  in  der  Referenz  (Referenz/Aktenzeichen)  der Verfügung mit  seinem Kürzel  genannt  und  ist  daher  jederzeit  identifizierbar.  Zudem  kann  der  Verfügungsadressat  nachträglich eine eigenhändig unterschriebene Verfügung verlangen. Das  Aktenzeichen mit Kürzel  ist mit Blick auf die  Identifikationsfunktion einer  Faksimile­Unterschrift,  welche  gemäss  bundesgerichtlicher  Rechtsprechung eine Originalunterschrift ersetzen kann (vgl. BGE 97  IV  205  E.  1),  gleichwertig.  Die  Form  der  Verfügung  ist  somit  als  rechtsgenüglich zu erachten. 4. Vor  einer  allfälligen  materiellrechtlichen  Beurteilung  ist  in  formeller  Hinsicht zu prüfen, ob die Vorinstanz mit dem Erlass der angefochtenen  Verfügung  nicht  das  rechtliche  Gehör  verletzt  hat,  da  der  Beschwerdeführerin keine Möglichkeit eingeräumt wurde, sich vorgängig  zum Einreiseverbot zu äussern.  4.1  Den Akten  ist  folgender  Sachverhalt  zu  entnehmen: Die  Vorinstanz  verfügte  die  beantragte  Massnahme  am  28.  April  2009.  Gleichentags  wurde  die  Beschwerdeführerin  aus  der  Haft  entlassen.  In  den  der  Vorinstanz  zum  Zeitpunkt  des  Verfügungserlasses  vorliegenden  Unterlagen  deutete  nichts  darauf  hin,  dass  der  Beschwerdeführerin  bereits durch kantonale Behörden (beispielsweise die Kantonspolizei) das  rechtliche  Gehör  zu  einer  allenfalls  zu  verhängenden  Fernhaltemassnahme gewährt worden wäre. Vielmehr wurde sie von dem 

C­3450/2009 gegen sie  laufenden Verfahren betreffend Einreiseverbot erst am 2. Mai  2009, kurz vor  ihrem Rückflug in ihr Heimatland,  in Kenntnis gesetzt. Zu  diesem Zeitpunkt war die fragliche Verfügung jedoch bereits erlassen. 4.2 Nach der  bundesgerichtlichen Rechtsprechung  ist  der Anspruch auf  rechtliches  Gehör  formeller  Natur.  Dessen  Verletzung  führt  ungeachtet  der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung  (BGE 135  I  279 E.  2.6.1 mit Hinweisen).  Nach  der  Praxis  des  Bundesgerichts  kann  eine  –  nicht  besonders  schwerwiegende  –  Gehörsverletzung  geheilt  werden,  wenn  die  unterbliebene  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs  (also  etwa  die  unterlassene  Anhörung  bzw.  deren  Kenntnisnahme,  Akteneinsicht  oder  Begründung) in einem Rechtsmittelverfahren nachgeholt wird, in dem die  Beschwerdeinstanz  mit  der  gleichen  Prüfungsbefugnis  entscheidet  wie  die  untere  Instanz.  Die  Heilung  ist  aber  in  der  Regel  ausgeschlossen,  wenn  es  sich  um  eine  besonders  schwerwiegende  Verletzung  der  Parteirechte  handelt;  zudem  darf  dem  Beschwerdeführer  kein  Nachteil  erwachsen  und  die Heilung  soll  die Ausnahme  bleiben  (vgl.  BGE  135  I  279 E. 2.6 S. 285 ff. mit Hinweisen; BGE 126 V 130 E. 2b; BGE 126 I 68  E.  2;  BVGE  2009/61  E.  4.1.3.  S.  851;  HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN,  Allgemeines  Verwaltungsrecht,  6.  vollständig  überarbeitete  Aufl.,  Zürich/St. Gallen 2010, Rz.  1710  f.). Die  vom Bundesgericht  statuierten  Voraussetzungen zur Heilung sind  im vorliegenden Fall erfüllt, denn das  Bundesverwaltungsgericht  als  Beschwerdeinstanz  hat  volle  Kognition.  Obwohl der Vorinstanz die Mitteilung über die begleitete Zuführung zum  Flughafen  (inkl.  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs)  erst  nach  der  Anordnung des Einreiseverbots zugestellt wurde, konnte sie sich in casu  an  Hand  der  Haftanordnung  des  Migrationsdienstes  des  Kantons  Bern  vom  15.  April  2009  ein  klares  Bild  der  Sachlage  machen  bevor  sie  verfügte. Unter diesen Umständen würde die Rückweisung der Sache an  die  Vorinstanz  zur  Durchführung  eines  Vorbescheidverfahrens  einen  prozessualen  Leerlauf  darstellen,  welcher  durch  die  Heilung  der  Verletzung  des  Gehörsanspruchs  im  Beschwerdeverfahren  vermieden  werden  kann.  Es  wird  daher  vorliegend  auf  eine  Rückweisung  an  die  Vorinstanz  verzichtet  und  die Verletzung  des Anspruchs  auf  rechtliches  Gehör im vorinstanzlichen Verfahren als geheilt betrachtet.  5. Wird gegen eine Person, welche nicht Angehörige eines Staates  ist, der  durch  eines  der  Schengen­Assozierungsabkommen  gebunden  ist  (vgl.  Anhang 1 Ziffer  1 AuG),  ein Einreiseverbot  nach Art.  67 AuG verhängt, 

C­3450/2009 wird  diese  Person  gestützt  auf  Art.  94  Abs.  1  und  Art.  96  des  Übereinkommens  vom  19.  Juni  1990  zur  Durchführung  des  Übereinkommens  betreffend  den  schrittweisen Abbau  der Kontrollen  an  den gemeinsamen Grenzen (Schengener Durchführungsübereinkommen  [SDÜ], Abl. L 239 vom 22. September 2000, S. 19­62) und Art. 16 Abs. 2  und  4  des  Bundesgesetzes  vom  13.  Juni  2008  über  die  polizeilichen  Informationssysteme  des  Bundes  (BPI,  SR  361)  grundsätzlich  im  Schengener  Informationssystem  [SIS],  vgl.  dazu  Art.  92  ff.  SDÜ)  zur  Einreiseverweigerung ausgeschrieben. Eine solche Ausschreibung einer  Person  im  SIS  zur  Einreiseverweigerung  aufgrund  einer  vom  BFM  verhängten  Fernhaltemassnahme  bewirkt,  dass  ihr  die  Einreise  in  das  Hoheitsgebiet der Schengen­Mitgliedstaaten verweigert wird (vgl. Art. 13  Abs. 1 der Verordnung [EG] Nr. 562/2006 des Europäischen Parlaments  und des Rates  vom 15. März 2006 über  einen Gemeinschaftskodex  für  das  Überschreiten  der  Grenzen  durch  Personen  [Schengener  Grenzkodex bzw. SGK, Abl. L 105 vom 13. April 2006, S. 1­32]). 6. 6.1  Auf  den  1.  Januar  2011  trat  als  Folge  der  Weiterentwicklung  des  Schengen­Besitzstandes  eine  neue  Fassung  von  Art.  67  AuG  in  Kraft  (zum Ganzen vgl. BBl 2009 8881 und AS 2010 5925). Nach Art. 67 Abs.  1 AuG wird ein Einreiseverbot vom BFM unter Vorbehalt von Abs. 5 nun  gegenüber  weggewiesenen  Ausländerinnen  und  Ausländern  verfügt,  wenn  die  Wegweisung  nach  Art.  64d  Abs.  2  Bst.  a  –  c  AuG  sofort  vollstreckt wird (Art. 67 Abs. 1 Bst. a AuG) oder die betroffene Person der  Ausreiseverpflichtung  nicht  nachgekommen  ist  (Art.  67  Abs.  1  Bst.  b  AuG).  Es  kann  nach  Art.  67  Abs.  2  AuG  sodann  gegen  ausländische  Personen  erlassen  werden,  die  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  in  der Schweiz  oder  im Ausland  verstossen  haben oder  diese  gefährden (Art. 67 Abs. 2 Bst. a), Sozialhilfekosten verursacht haben (Art.  67  Abs.  2  Bst.  b)  oder  in  Vorbereitungs­,  Ausschaffungs­  oder  Durchsetzungshaft  genommen worden sind  (Art.  67 Abs.  2 Bst.  c). Das  Einreiseverbot wird  für eine Dauer  von höchstens  fünf  Jahren verhängt.  Es  kann  für  eine  längere  Dauer  verfügt  werden,  wenn  die  betroffene  Person  eine  schwerwiegende  Gefahr  für  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung darstellt (Art. 67 Abs. 3 AuG). Schliesslich kann die verfügende  Behörde  aus  humanitären  oder  anderen  wichtigen  Gründen  von  der  Verhängung  eines  Einreiseverbots  absehen  oder  ein  Einreiseverbot  vollständig oder vorübergehend aufheben (Art. 67 Abs. 5 AuG).

C­3450/2009 Die  bisher  bestehende  Praxis  der  Vorinstanz  bei  der  Ansetzung  von  Fernhaltemassnahmen  ist  mit  den  obgenannten  Grundsätzen  vereinbar  (vgl. BBl 2009 8896 ad Art. 67 Abs. 3 in fine). Für die Beschwerdeführerin  ändert sich dadurch im Ergebnis nichts. 6.2 Wie  bereits  die  altrechtliche  Einreisesperre  (vgl.  Art.  13 Abs.  1  des  Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung  der Ausländer  [ANAG, BS 1 121])  ist das Einreiseverbot keine Sanktion  für  vergangenes  Fehlverhalten,  sondern  eine  Massnahme  zur  Abwendung künftiger Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung  (siehe  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002  [nachfolgend:  Botschaft],  BBl  2002  3709,  3813). Die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 2  Bst.  a  AuG  (welcher  der  alten  Fassung  von Art.  67  Abs.  1  Bst.  a  AuG  entspricht)  bildet  den  Oberbegriff  für  die  Gesamtheit  der  polizeilichen  Schutzgüter.  Sie  umfasst  unter  anderem  die  Unverletzlichkeit  der  objektiven Rechtsordnung; deren Verletzung  ist namentlich gegeben bei  erheblichen oder wiederholten Verstössen gegen gesetzliche Vorschriften  oder  behördliche  Verfügungen  sowie  bei  Nichterfüllung  öffentlichrechtlicher  oder  privatrechtlicher  Verpflichtungen  (Botschaft,  a.a.O., 3809; vgl. auch Art. 80 Abs. 1 Bst. a und b der Verordnung vom  24.  Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit  [VZAE,  SR  142.201]  sowie  RAINER  J.  SCHWEIZER/PATRICK  SUTTER/NINA  WIDMER, in: Rainer J. Schweizer [Hrsg.], Sicherheits­ und Ordnungsrecht  des Bundes, SBVR Bd. III/1, Basel 2008, Teil B, Rz. 13 mit Hinweisen). 6.3  Allgemein  gilt,  dass  für  die  Verhängung  eines  Einreiseverbots  kein  vorsätzlicher  Verstoss  gegen  ausländerrechtliche  Bestimmungen  erforderlich  ist.  Es  genügt,  wenn  der  ausländischen  Person  eine  Sorgfaltspflichtverletzung  zugerechnet  werden  kann.  Unkenntnis  oder  Fehlinterpretation  der  Einreise­  oder  Aufenthaltsvorschriften  stellen  normalerweise  keinen  hinreichenden  Grund  für  ein  Absehen  von  einer  Fernhaltemassnahme  dar.  Jeder  Ausländerin  und  jedem  Ausländer  obliegt,  sich  über  bestehende Rechte  und  Pflichten  im  Zusammenhang  mit ausländerrechtlichen Vorschriften ins Bild zu setzen und sich im Falle  von Unklarheiten  bei  den  zuständigen Stellen  zu  informieren  (vgl. Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­4639/2010  vom  15. Februar  2011  E.  5.3 mit Hinweis). 7.  7.1  Sofern  sie  keiner  Erwerbstätigkeit  nachgehen,  benötigen  Auslän­

C­3450/2009 derinnen  und Ausländer  für  einen Aufenthalt  in  der Schweiz  von  bis  zu  drei  Monaten  keine  Bewilligung  (Art.  10  Abs.  1  AuG).  Demgegenüber  benötigen  Ausländerinnen  und  Ausländer,  die  in  der  Schweiz  eine  Erwerbstätigkeit  ausüben  wollen,  unabhängig  von  der  Aufenthaltsdauer  eine  Bewilligung  (Art.  11  Abs.  1  Satz  1  AuG).  Art.  9  Abs.  1  VZAE  hält  präzisierend  fest,  dass  Ausländerinnen  und  Ausländer  ohne  Erwerbstätigkeit  in  der  Schweiz  für  einen  Aufenthalt  von  bis  zu  drei  Monaten  innerhalb  eines  Zeitraums  von  sechs  Monaten  nach  Einreise  keine  Bewilligung  benötigen  und  sich  nicht  anmelden  müssen  (bewilligungsfreier  Aufenthalt).  Die Einreisevoraussetzungen  nach Art.  5  AuG müssen während des gesamten bewilligungsfreien Aufenthalts erfüllt  sein (Art. 9 Abs. 2 VZAE). 7.2  Anlässlich  der  polizeilichen  Einvernahme  vom  15.  April  2009  sagte  die  Beschwerdeführerin  aus,  sie  sei  in  die  Schweiz  eingereist,  um  hier  eine Arbeit zu suchen und zu leben. (Antwort auf Frage 1). Sie finanziere  ihren  Lebensunterhalt  mit  Kinderhüten  und  Putzen  bei  Kollegen  und  Bekannten  (Antwort  auf  Frage  2)  und  verdiene  Fr.  800.­­  pro  Monat  (Antwort  auf  Frage  3).  Ein  Touristenvisum  für  die  Schweiz  besitze  sie  nicht (Antwort auf Frage 5).  7.3 Als Erwerbstätigkeit gilt  jede üblicherweise gegen Entgelt ausgeübte  unselbstständige  oder  selbstständige  Tätigkeit,  selbst  wenn  sie  unentgeltlich  erfolgt  (Art.  11  Abs.  2  AuG).  Ohne  Belang  für  die  Qualifikation  als  (unselbstständige)  Erwerbstätigkeit  ist  unter  anderem  weiter,  ob  die  Beschäftigung  nur  stunden­  oder  tageweise  oder  vorübergehend ausgeübt wird (Art. 1a Abs. 1 VZAE). 7.4 Die  von  der  Beschwerdeführerin  vorgenommenen  Arbeitsleistungen  sind  damit  als  Erwerbstätigkeit  im  Sinne  von  Art.  11  Abs.  2  AuG  zu  qualifizieren,  für  welche  sie  vorgängig  eine  Bewilligung  hätte  einholen  müssen. Mit der Ausübung einer nicht bewilligten Erwerbstätigkeit hat sie  ausländerrechtlichen  Bestimmungen  (Art.  115  Abs.  1  Bst.  c  AuG)  zuwidergehandelt. 8. 8.1 In der angefochtenen Verfügung wird der Beschwerdeführerin zudem  vorgeworfen, sich rechtswidrig in der Schweiz aufgehalten zu haben. Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  sie  am  11.  August  2006  ohne  (Touristen)visum mit der Absicht auf Erwerbstätigkeit  (vgl. E. 7.2)  in die  Schweiz eingereist ist und sich bis zur Rückreise in ihr Heimatland am 2. 

C­3450/2009 Mai 2009 ununterbrochen  in der Schweiz aufgehalten hat.  Ihre Einreise  und der anschliessende Aufenthalt sind als rechtswidrig im Sinne von Art.  115 Abs. 1 Bst. a und b AuG zu bezeichnen. 8.2 Die Beschwerdeführerin hat durch die illegale Einreise (vgl. E. 7.1 u.  7.2  oben),  den  illegalen  Aufenthalt  sowie  die  illegale  Erwerbstätigkeit  gegen  ausländerrechtliche  Vorschriften  von  zentraler  Bedeutung  verstossen,  womit  die  Voraussetzungen  für  ein  Einreiseverbot  gemäss  Art. 67 Abs. 1 Bst. a AuG in der Fassung vom 1. Januar 2008 bzw. Art.  67 Abs. 2 Bst. a AuG in der Fassung vom 1. Januar 2011 erfüllt sind.  Dass  die  Beschwerdeführerin  wegen  ihrer  widerrechtlichen Handlungen  nicht  strafrechtlich  zur  Verantwortung  gezogen  worden  ist,  spielt  keine  Rolle.  Denn  das  Einreiseverbot  knüpft  nicht  an  die  Erfüllung  einer  Strafnorm,  sondern  an  das  Vorliegen  einer  Polizeigefahr  an.  Ob  eine  solche besteht und wie sie zu gewichten  ist, hat die Behörde  in eigener  Kompetenz  unter  Zugrundelegung  spezifisch  ausländerrechtlicher  Kriterien  zu  beurteilen  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­ 6017/2010 vom 19. April 2011 E. 6.1). 9.  9.1 Schliesslich wird das Einreiseverbot von der Vorinstanz dahingehend  begründet,  die  Beschwerdeführerin  habe  in  Ausschaffungshaft  genommen und ausgeschafft werden müssen.  9.2  Gemäss  Urteil  vom  28.  April  2009  des  Verwaltungsgerichts  des  Kantons  Bern  wurde  die  Beschwerde  gutgeheissen  und  der  Entscheid  der Haftrichterin 2 des Haftgerichts III Bern­Mittelland vom 16. April 2009  aufgehoben  sowie  die  Beschwerdeführerin  umgehend  aus  der  Ausschaffungshaft  entlassen.  Zum  Vollzug  der  Wegweisung  hatte  sie  sich  am  Samstag,  den  2.  Mai  2009,  um  11.00  Uhr,  vor  dem  Regionalgefängnis Bern einzufinden. Laut Schreiben vom 12. November  2009  des  Verwaltungsrichters  Dr.  Thomas  Müller  des  Verwaltungsgerichts  des  Kantons  Bern  an  den  Parteivertreter  im  vorliegenden  Verfahren  wurde  festgehalten,  dass  es  dem Gericht  nicht  opportun  schien,  das  Flugticket  des  Rückfluges  für  die  Beschwerdeführerin,  welcher  im  Urteilszeitpunkt  bereits  gebucht  war,  verfallen  zu  lassen,  um  ihr  die  selbständige  Ausreise  zu  ermöglichen.  Weiter  wird  ausgeführt,  dass  die  Beschwerdeführerin  von  einer  unbewaffneten Beamtin mit deren Privatfahrzeug, ohne Anwendung von  Zwangsmitteln, zum Flughafen Zürich gefahren und den dort zuständigen 

C­3450/2009 Behörden übergeben wurde. Aus gerichtlicher Sicht hätte nichts dagegen  gesprochen,  die  Beschwerdeführerin  selbständig  nach  Zürich  reisen  zu  lassen, was  jedoch aus administrativen Gründen nicht möglich gewesen  sei.  9.3 Das  rechtskräftige Urteil  des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern  vom  28.  April  2009  und  die  Ausführungen  des  Verwaltungsrichters  beweisen, dass die Beschwerdeführerin zu Unrecht in Ausschaffungshaft  genommen worden war. Demzufolge stützte sich die Vorinstanz während  des gesamten Verfahrens – obwohl sie im Zeitpunkt der Vernehmlassung  bereits  vom Urteil  des  Verwaltungsgerichts  des  Kantons  Bern  Kenntnis  hatte – zu Unrecht auf Art. 67 Abs. 1 Bst. c und d AuG  in der Fassung  vom 1. Januar 2008 bzw. Art. 67 Abs. 2 Bst. c AuG in der Fassung vom   1. Januar 2011. 10.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  in  der  Schweiz  verstossen  und  damit den Fernhaltegrund von Art. 67 Abs. 2 Bst. a AuG gesetzt hat. Die  Verhängung  der  Fernhaltemassnahme  erweist  sich  damit  in  grundsätzlicher Hinsicht als gerechtfertigt. 11. 11.1  Es  bleibt  zu  prüfen,  ob  die Massnahme  in  richtiger  Ausübung  des  Ermessens  ergangen  und  angemessen  ist.  Der  Grundsatz  der  Verhältnismässigkeit  steht  dabei  im  Vordergrund.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist eine wertende Abwägung vorzunehmen zwischen dem  öffentlichen  Interesse  an  der  Massnahme  einerseits  und  den  von  der  Massnahme  beeinträchtigten  privaten  Interessen  des  Betroffenen  andererseits.  Die  Stellung  der  verletzten  oder  gefährdeten Rechtsgüter,  die  Besonderheiten  des  ordnungswidrigen  Verhaltens  und  die  persönlichen  Verhältnisse  des  Verfügungsbelasteten  bilden  dabei  den  Ausgangspunkt  der  Überlegungen  (vgl.  statt  vieler  HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., Rz. 613 ff.). 11.2  Das  Fehlverhalten  der  Beschwerdeführerin  wiegt  objektiv  nicht  leicht. Es beinhaltet die Missachtung ausländerrechtlicher Normen, denen  im  Interesse  einer  funktionierenden  Rechtsordnung  eine  zentrale  Bedeutung zukommt. 

C­3450/2009 11.3  Auf  der  anderen  Seite  ist  die  Gefahr  weiterer  gleichgelagerter  Zuwiderhandlungen  nicht  in  dem  Masse  zu  veranschlagen,  wie  zum  Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung von der Vorinstanz  angenommen  wurde.  Die  Beschwerdeführerin  war  im  Besitze  eines  (verlängerten)  nationalen  Reisepasses.  Sie  zeigte  sich  bei  der  polizeilichen  Einvernahme  äusserst  kooperativ.  Zudem  war  sie  bereit,  freiwillig  in  ihr Heimatland  zurückzukehren und hatte bereits  im Februar  2009  für  den  29.  August  2009  einen  Flug  gebucht,  den  sie  in  Raten  zahlte.  11.4  Eine  Abwägung  der  gegenläufigen  öffentlichen  und  privaten  Interessen führt zum Ergebnis, dass das Einreiseverbot dem Grundsatze  nach  zu  bestätigen  ist,  in  der  ausgesprochenen Dauer  von  drei  Jahren  jedoch  als  unangemessen  lang  erscheint.  Angesichts  der  konkreten  Umstände ist davon auszugehen, dass dem öffentlichen Interesse an der  Fernhaltung  der  Beschwerdeführerin  mit  einem  Einreiseverbot  von  der  bisherigen Dauer hinreichend Rechnung getragen wird. 12. Aus  diesen  Erwägungen  folgt,  dass  das  auf  drei  Jahre  bemessene  Einreiseverbot Bundesrecht verletzt (vgl. Art. 49 VwVG). Die Beschwerde  ist daher  teilweise gutzuheissen und das gegen die Beschwerdeführerin  verhängte Einreiseverbot auf das Datum des Urteils zu befristen. 13. Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  ermässigten  Verfahrenskosten  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  und  mit  dem  geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m.  Art. 1, Art. 2 und Art. 3 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Im  Umfang  ihres  Obsiegens  ist  der  Beschwerdeführerin  eine  gekürzte  Parteientschädigung  in  gerichtlich  festzusetzender Höhe zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 ff.  VGKE). (Dispositiv nächste Seite)

C­3450/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird  teilweise gutgeheissen und das Einreiseverbot auf  das Datum des Urteils befristet. 2. Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 400.­  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt und mit dem bereits geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 700.­  verrechnet. Der Restbetrag von Fr. 300.­ wird zurückerstattet. 3. Der  Beschwerdeführerin  wird  zu  Lasten  der  Vorinstanz  eine  Parteientschädigung von Fr. 500.­ zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Einschreiben) – die Vorinstanz (Akten Ref­Nr. […] retour) – den Migrationsdienst des Kantons Bern (Ref.­Nr. Zemis […]) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Antonio Imoberdorf Mirjam Angehrn Versand:

C-3450/2009 — Bundesverwaltungsgericht 16.08.2011 C-3450/2009 — Swissrulings