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Bundesverwaltungsgericht 18.08.2011 C-312/2010

18 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,778 mots·~9 min·1

Résumé

nach Auflösung der Familiengemeinschaft | Verweigerung der Zustimmung auf Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung III C­312/2010 Urteil   v om   1 8 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Antonio Imoberdorf (Vorsitz), Richterin Marianne Teuscher, Richter Andreas Trommer,    Gerichtsschreiberin Mirjam Angehrn. Parteien T._______, vertreten durch lic. iur. Marco Albrecht, Advokat,  Marktgasse 6, 4051 Basel, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz.  Gegenstand Verweigerung der Zustimmung zur Verlängerung der  Aufenthaltsbewilligung und Wegweisung

C­312/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  geboren  1976,  ist  türkischer  Staatsangehöriger.  Am  6.  November  2003  reiste  er  in  die  Schweiz  ein  und  stellte  am  10.  November  2003  ein  Asylgesuch.  Mit  Verfügung  des  Bundesamtes  für  Flüchtlinge  (BFF,  heute:  BFM)  vom  12.  November  2003  wurde  der  Beschwerdeführer dem Kanton Zürich zugewiesen. Am 27. Januar 2004  lehnte das BFF das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung. Eine  dagegen  erhobene  Beschwerde  wurde  von  der  damaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  mit  Urteil  vom  15.  März  2004  abgewiesen. Das BFM setzte dem Beschwerdeführer eine neue Frist bis  zum 17. Mai 2004 um die Schweiz zu verlassen. B.  Am  15.  Juni  2004  heiratete  der  Beschwerdeführer  eine  Schweizer  Bürgerin, worauf der Kanton Basel­Stadt ihm eine Aufenthalts­ sowie eine  Arbeitsbewilligung erteilte. Die Aufenthaltsbewilligung wurde letztmals bis  zum 14. Juni 2006 verlängert. C.  Mit Verfügung des Zivilgerichts Basel­Stadt vom 28. Januar 2005 wurde  das Getrenntleben zwischen dem Beschwerdeführer und seiner Ehefrau  mit Wirkung ab 1. Januar 2005 bewilligt.  D.  Am 25. April 2006 stellte der Beschwerdeführer beim Kanton Basel­Stadt  ein Gesuch um Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung. E.  Zur  Abklärung  des  Sachverhalts  bezüglich  der  Verlängerung  der  Aufenthaltsbewilligung legte die zuständige Behörde des Kantons Basel­ Stadt  am  25.  August  2006  der  Ehefrau  und  am  31.  August  2006  dem  Beschwerdeführer  Fragen  insbesondere  zur  Eheschliessung,  der  Ehe  und der Beziehung seit der Trennung vor. Die entsprechenden Antworten  ergingen am 31. August bzw. 15. September 2006. F.  Mit Urteil vom 19. Mai 2008 wurde die Ehe durch das Zivilgericht Basel­ Stadt rechtskräftig geschieden. 

C­312/2010 G.  Der Beschwerdeführer stellte am 15. Juli 2009 beim Kanton Basel­Stadt  ein weiteres Gesuch um Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung.  H.  Am 21. Oktober 2009 stellte das Migrationsamt Basel­Stadt dem BFM ein  Gesuch um Zustimmung zur Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung des  Beschwerdeführers zu. I.  Mit  Schreiben  vom  12.  November  2009  teilte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer mit, der Kanton Basel­Stadt habe  ihm den Antrag auf  Zustimmung zur Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung unterbreitet. Es  werde  erwogen  diese Zustimmung  zu  verweigern. Die  ihm eingeräumte  Möglichkeit zur Äusserung nahm der Beschwerdeführer mit Eingabe vom  8. Dezember 2009 wahr. J.  Die Vorinstanz verweigerte mit Verfügung vom 16. Dezember 2009  ihre  Zustimmung  zur  Verlängerung  der  Aufenthaltsbewilligung  des  Beschwerdeführers  und wies  ihn aus der Schweiz weg. Sie begründete  dies  im  Wesentlichen  damit,  der  Beschwerdeführer  habe  keinen  zivilstandsunabhängigen  Anspruch  auf  Verlängerung  der  Aufenthaltsbewilligung  erworben,  da  die  dafür  notwendige  Dauer  des  Aufenthaltes  nicht  erreicht  worden  sei.  Zudem  bestehe  kein  Grund  zur  Annahme,  die Rückkehr des Beschwerdeführers  in die Türkei würde  zu  einer schweren persönlichen Notlage führen. K.  Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer am 18. Januar 2010  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  und  beantragt  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  und  die  Verlängerung  der  Aufenthaltsbewilligung  gemäss  Art.  50  Abs.  1  des  Ausländergesetzes  vom       16. Dezember 2005  (AuG, SR 142.20). Eventualiter ersucht er  um  Rückweisung  der  Sache  zur  Ergänzung  des  Sachverhaltes  sowie  zum  Erlass  einer  neuen  Verfügung  an  die  Vorinstanz.  In  formeller  Hinsicht  beantragt  er  die  unentgeltliche  Rechtspflege.  Zur  Begründung  wird  im  Wesentlichen  vorgebracht,  der  durch  die  kantonale  Behörde  gestellte  Antrag  auf  Verlängerung  der  Aufenthaltsbewilligung  vom  21.  Oktober  2009  sei  der massgebliche  Zeitpunkt  der  Gesuchseinreichung.  Somit würden die neue Regelung in Art. 50 Abs. 1 Bst. a AuG und nicht 

C­312/2010 die  Bestimmungen  des  Bundesgesetzes  vom  26.  März  1931  über  Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG, AS 49 279) gelten,  welche  das  BFM  angewendet  habe.  Käme  trotzdem  das  ANAG  zum  Zuge, so  fände Art. 7 Abs. 1 ANAG keine Anwendung, da es  in diesem  Artikel  um die Niederlassungsbewilligung und nicht wie  im  vorliegenden  Fall  um  die  Aufenthaltsbewilligung  gehe.  Nur  für  die  Erlangung  einer  Niederlassung seien fünf Jahre Ehe vorausgesetzt. Für die Verlängerung  seiner Aufenthaltsbewilligung müsse er keine fünfjährige Ehe vorweisen,  da  im  ANAG  keine  solche  Regel  zu  finden  sei.  Viel  mehr  sei  diese  Gesetzeslücke  mit  Art.  50  Abs.  1  Bst.  a  AuG  geschlossen  worden.  Deshalb  müsse  das  neue  Recht  angewendet  werden.  Die  Ehe  habe  länger  als  drei  Jahre  gedauert.  Das  Getrenntleben  hätten  die  Eheleute  nach  sechs  Monaten  beschlossen,  weil  die  vorehelichen  Kinder  seiner  Ehefrau mit dem Zusammenleben Probleme gehabt hätten. Weiter sei er  beruflich gut integriert, habe viele Freunde und sei finanziell unabhängig.  Zudem  seien  seine  Deutschkenntnisse  gut  genug,  um  im  Arbeitsalltag  zurecht zu kommen. L.  Mit  Zwischenverfügung  vom  15.  Februar  2010  gab  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege samt Verbeiständung nicht statt. M.  Die  Vorinstanz  beantragt  mit  Vernehmlassung  vom  24.  März  2010  die  Abweisung der Beschwerde. N.  Mit  Replik  vom  29.  April  2010  hält  der  Beschwerdeführer  an  den  gestellten Rechtsbegehren und deren Begründung fest. O.  Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird,  soweit  rechtserheblich,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR  173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht,  unter 

C­312/2010 Vorbehalt  der  in  Art.  32  VGG  genannten  Ausnahmen,  Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom  20. Dezember 1968  (VwVG, SR 172.021), die von einer  in Art. 33 VGG  aufgeführten Behörde erlassen wurden. Darunter fallen Verfügungen des  BFM  betreffend  Zustimmung  oder  Verweigerung  der  Zustimmung  zur  Erteilung bzw. Verlängerung einer Aufenthaltsbewilligung und betreffend  Wegweisung.  Sofern  kein  Anspruch  auf  Erteilung  bzw.  Verlängerung  einer  Aufenthaltsbewilligung  besteht  und  insoweit  als  die Verfügung  die  Wegweisung  anordnet,  entscheidet  das  Bundesverwaltungsgericht  endgültig  (Art.  83 Bst.  c Ziff.  2  und 4  des Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2  Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG  soweit  das  Verwaltungsgerichtsgesetz nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3  Der  Beschwerdeführer  ist  als  Verfügungsbetroffener  zur  Erhebung  des  Rechtsmittels  legitimiert  (Art.  48  Abs.  1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  ist  somit  einzutreten  (Art.  49  ff.  VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  ­  soweit  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  ­  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend  gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich  die  Rechts­  und  Sachlage  zum  Zeitpunkt  seines  Entscheides (vgl. E. 1.2 des Urteils des Bundesgerichts 2A.451/2002 vom  28. März 2003 teilweise publiziert in BGE 129 II 215). 3. Am  1.  Januar  2008  traten  das  neue  AuG  in  Kraft  und  mit  ihm  unter  anderem  auch  die  Verordnung  vom  24.  Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit  (VZAE,  SR  142.201).  In  Verfahren,  die  vor  diesem Zeitpunkt  anhängig  gemacht wurden, wie  es  vorliegend  der  Fall  ist  (Einreichung des Gesuchs am 25. April  2006, Ablauf der  letzten 

C­312/2010 kantonalen Bewilligung am 14. Juni 2006; vgl. oben Bst. B), bleibt nach  der  übergangsrechtlichen  Ordnung  des  AuG  das  alte  materielle  Recht  anwendbar. Dabei ist entgegen dem zu engen Wortlaut des Art. 126 Abs.  1 AuG ohne Belang, ob das Verfahren auf Gesuch hin oder von Amtes  wegen  eröffnet  wurde  (vgl.  BVGE  2008/1  E.  2  mit  Hinweisen).  Einschlägig  sind  das  ANAG,  die  Vollziehungsverordnung  vom  1. März  1949  zum  Bundesgesetz  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  (ANAV,  AS  1949  228),  die  Verordnung  vom  20. April  1983  über  das  Zustimmungsverfahren  im  Ausländerrecht  (nachfolgend:  Zustimmungsverordnung,  AS  1983  535)  und  die  Verordnung  vom  6. Oktober  1986  über  die  Begrenzung  der  Zahl  der  Ausländer  (Begrenzungsverordnung,  BVO,  AS  1986  1791).  Das  Verfahren  selbst  folgt  grundsätzlich  dem  neuen Verfahrens­  und Organisationsrecht  (Art.  126 Abs. 2 AuG), was insbesondere bezüglich der Wegweisung gilt (vgl.  Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C­5268/2008 vom   1. Juni 2011 E.  3 in fine mit Hinweis).  4. 4.1  Die Kantone  sind  zuständig  für  die Erteilung  und Verlängerung  von  Bewilligungen (vgl. Art. 15 Abs. 1 und Art. 18 ANAG sowie Art. 51 BVO).  Vorbehalten  bleibt  jedoch  die  Zustimmung  durch  das  BFM.  Das  Zustimmungserfordernis ergibt sich im vorliegenden Fall aus Art. 1 Abs. 1  Bst.  a  der  Zustimmungsverordnung  in  Verbindung  mit  den  Weisungen  und Erläuterungen  des BFM über Einreise, Aufenthalt  und Arbeitsmarkt  (ANAG­Weisungen,  3.  Auflage,  Bern,  Mai  2006.  Im  Internet  unter:  www.bfm.admin.ch  >  Dokumentation  >  rechtliche  Grundlagen  >  Weisungen und Kreisschreiben > Archiv Weisungen und Kreisschreiben).  Letztere  sehen  in  Ziffer  132.4  Bst.  e  vor,  dass  die  Verlängerung  der  Aufenthaltsbewilligung  einer  ausländischen  Person  nach  der  Scheidung  vom  schweizerischen  Ehegatten  oder  nach  dessen  Tod  dem  BFM  zur  Zustimmung zu unterbreiten ist, sofern die ausländische Person nicht aus  einem Mitgliedstaat der EFTA oder der EG stammt. Gemäss Art. 19 Abs.  5 ANAV darf  eine  entsprechende  kantonale Bewilligung  erst  ausgestellt  werde,  wenn  die  Zustimmung  des  BFM  vorliegt;  ansonsten  ist  sie  ungültig. 4.2  Die  Ehe  zwischen  dem  Beschwerdeführer  und  seiner  Schweizer  Ehegattin wurde geschieden, bevor er gestützt  auf Art.  7 Abs. 1 Satz 2  ANAG einen zivilstandsunabhängigen Anspruch auf Verlängerung seiner  Aufenthaltsbewilligung erworben hatte  (vgl. BGE 128  II 145 E. 1.1.4 mit 

C­312/2010 Hinweisen  –  welcher  auch  die  vom  Beschwerdeführer  zu  dieser  Norm  vertretene Auffassung widerlegt [vgl. oben Bst. K]). 4.3  Eine  andere  Anspruchsgrundlage  des  Landes­  oder  Völkerrechts  besteht nicht. Insofern der Beschwerdeführer geltend macht, Art. 50 Abs.  1 Bst. a AuG sei anzuwenden, wird auf E. 3 und 4.2 verwiesen. Bei dieser  Rechtslage liegt der Entscheid über die Erteilung oder Verweigerung der  Zustimmung im pflichtgemässen Ermessen des BFM (vgl. Art. 4 ANAG). 5. Der  Begriff  der  "pflichtgemässen  Ermessensausübung"  impliziert  die  Beachtung  rechtlicher  Schranken  bei  der  Ausfüllung  der  Ermessensspielräume.  Vorliegend  steht  der  Grundsatz  der  Verhältnismässigkeit  von  Verwaltungsakten  im  Vordergrund.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist  eine  wertende  Abwägung  vorzunehmen  zwischen  dem  öffentlichen  Interesse  an  der  Verweigerung  der  Zustimmung einerseits und den durch die Verweigerung beeinträchtigten  privaten  Interessen  der  betroffenen  Person  andererseits  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts C­5268/2008  vom      1.  Juni  2011 E.  5 mit  Hinweis). 5.1  Was  das  öffentliche  Interesse  anbelangt,  ist  festzuhalten,  dass  die  Schweiz  hinsichtlich  des  Aufenthaltes  von  Ausländerinnen  und  Ausländern,  die  nicht  aus  dem  EU/EFTA­Raum  stammen  (nachfolgend  Drittstaatsangehörige), eine restriktive Politik verfolgt (vgl. BGE 135 I 153  E. 2.2.1 mit Hinweisen). Diese Politik findet ihren Ausdruck insbesondere  in  den  strengen  regulatorischen  Zulassungsbeschränkungen  der  Begrenzungsverordnung,  denen  erwerbstätige  Drittstaatsangehörige  namentlich in Gestalt hoher Anforderungen an die berufliche Qualifikation  (Art. 8 BVO) und der Höchstzahlen  (Art. 12 BVO) unterworfen sind. Das  erhebliche Gewicht des öffentlichen Interesses an der Durchsetzung der  restriktiven Einwanderungspolitik gegenüber Drittstaatsangehörigen zeigt  sich  daran,  dass  humanitäre  Gründe  in  diesem  rechtlichen  Zusammenhang  erst  Bedeutung  erlangen,  wenn  die  Betroffenheit  des  Einzelnen  die  Grenze  zum  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefall  im  Sinne  von Art. 13 Bst. f BVO erreicht. Nach der Auflösung der Ehe,  die  sie  von  den  restriktiven  qualitativen  und  quantitativen  Zulassungsvoraussetzungen  der  Begrenzungsverordnung  ausnehmen,  muss die ausländische Person dieses öffentliche Interesse grundsätzlich  wieder  gegen  sich gelten  lassen  (auch wenn  sie  gemäss Art. 12 Abs. 2  BVO den Höchstzahlen der Begrenzungsverordnung nach wie  vor  nicht 

C­312/2010 untersteht).  Es  ist  deshalb  ein  vergleichsweise  strenger  Massstab  angebracht,  wenn  es  zu  beurteilen  gilt,  ob  nach  Wegfall  des  Privilegierungsgrundes  private  Interessen  bestehen,  denen  gegenüber  das  öffentliche  Interesse  an  der  Durchsetzung  der  restriktiven  Migrationspolitik  zurückzustehen  hat.  Dementsprechend  geht  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  der  Vorinstanz  davon  aus,  dass  die  Verlängerung  der  Aufenthaltsbewilligung  nach  Auflösung  der  Ehe  in  erster Linie ein  Instrument zur Vermeidung von Härtefällen darstellt  (vgl.  Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C­5268/2008 vom 1. Juni 2011 E.  5.1 mit Hinweis). 5.2  Unter  dem  Aspekt  der  Verhältnismässigkeit  ist  zu  prüfen,  ob  das  private  Interesse  an  einem  weiteren  Verbleib  in  der  Schweiz  höher  zu  gewichten  ist,  als  das  oben  dargelegte  öffentliche  Interesse  an  der  Durchsetzung  einer  restriktiven  Einwanderungspolitik.  Entscheidend  ist,  inwieweit  es  der  ausländischen  Person  in  persönlicher,  wirtschaftlicher  und  sozialer  Hinsicht  zugemutet  werden  kann,  den  Aufenthalt  in  der  Schweiz aufzugeben,  in  ihre Heimat  zurückzukehren und dort  zu  leben.  Zu  diesem  Zweck  ist  ihre  zukünftige  Situation  im  Ausland  den  persönlichen Verhältnissen  in der Schweiz gegenüberzustellen. Darüber  ist nach Massgabe der gesamten Umstände des Einzelfalles zu befinden.  Dazu gehören allgemeine,  von der Ehe unabhängige Elemente, wie die  Dauer  des  Aufenthaltes  in  der  Schweiz,  der  Grad  der  sozialen  und  wirtschaftlichen Integration in die hiesigen Verhältnisse, das Alter und der  gesundheitliche  Zustand.  Sind  Kinder  vorhanden,  ist  deren  Alter  und  schulische  Integration  mit  einzubeziehen.  Zu  berücksichtigen  sind  aber  auch  die Unterkunft  und  die Reintegrationsmöglichkeiten  in  der Heimat.  Andererseits sind auch ehespezifische Elemente, wie die Dauer der Ehe  und die Umstände, die zur Auflösung geführt haben, zu beachten. 5.3  Welcher  Grad  an  Betroffenheit  in  den  persönlichen  Verhältnissen  verlangt  werden  muss,  damit  das  öffentliche  Interesse  zurückzustehen  hat,  ist  mit  Blick  auf  die  Regelung  von  Art.  7  Abs.  1  ANAG  zu  beantworten,  der  ausländischen  Ehegatten  von  Schweizern  nach  fünf  Jahren Ehe auf schweizerischem Territorium einen vom weiteren Bestand  der  Ehe  unabhängigen  Anspruch  auf  Aufenthalt  vermittelt.  Vor  dem  Erreichen  dieser  zeitlichen  Grenze  kommt  es  entscheidend  darauf  an,  welche  Bedeutung  den  ehespezifischen  Elementen  im  jeweiligen  Einzelfall zukommt, das heisst der Dauer der ehelichen Gemeinschaft auf  schweizerischem  Territorium,  den  Umständen  der  Auflösung  der  ehelichen Gemeinschaft und der Existenz gemeinsamer Kinder. Je mehr 

C­312/2010 diese  Elemente  ins  Gewicht  fallen,  umso  eher  wird  man  von  einer  hinreichend  schweren  Betroffenheit  ausgehen  können.  Umgekehrt  rechtfertigt sich ein umso strengerer Massstab, als sich die Härtesituation  nicht aus den oben genannten ehespezifischen Elementen ableiten lässt.  Dabei  darf  jedoch  nicht  ausser  Acht  gelassen  werden,  dass  der  Verordnungsgeber  in  Art.  12  Abs.  2  zweiter  Satz  BVO  unter  anderem  ausländische  Ehegatten  von  Schweizer  Bürgern  von  den  Höchstzahlen  der  Begrenzungsverordnung  auch  für  die  Zeit  nach  Auflösung  der  Ehe  ausnimmt  und  auf  diese Weise  ihrer  besonderen  Lage  Rechnung  trägt  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts    C­2524/2007  vom  13. August 2010 E. 4.3 mit Hinweis). 6. 6.1  Der  Beschwerdeführer  lebte  während  sieben  Monaten  mit  seiner  Schweizer  Ehefrau  tageweise  zusammen.  Die  gerichtliche  Bewilligung  zum Getrenntleben  erfolgte  nur  gerade  sieben Monate  nach der Heirat.  Drei  Jahre  und  knapp  vier  Monate  später  wurde  die  Ehe  geschieden.  Gemäss  den  mündlichen  Angaben  der  Ehefrau  vom  31.  August  2006  gegenüber  der  kantonalen Migrationsbehörde,  sei  ihre  Ehe  ein  Reinfall  gewesen.  Bereits  zwei  Wochen  nach  der  Hochzeit  habe  es  Terror  gegeben.  Ihr Ehemann habe sie angelogen und Dinge versprochen, die  er nicht eingehalten habe. Auch habe er  ihre drei Kinder von Anfang an  nicht  akzeptiert.  Weiter  habe  er  von  ihr  verlangt,  zu  seinen  Eltern  zu  ziehen.  Sie  sei  seiner  Aufforderung  jedoch  nicht  nachgekommen.  Anschliessend habe er  angekündigt,  er werde bei  ihr  einziehen, was er  hingegen  nicht  getan  habe.  Er  habe  nie  wirklich  mit  ihr  zusammen  gewohnt und nur manchmal einige Tage bei  ihr  verbracht. Zudem habe  sie nicht das Gefühl gehabt, er habe sie wirklich geliebt. Sie freue sich auf  die Scheidung,  denn dann könne sie endlich  ihren Freund, mit  dem sie  seit  einem  Jahr  zusammen  sei,  heiraten.  Der  Beschwerdeführer  seinerseits führte in seiner Stellungnahme vom 15. September 2006 aus,  das  Zusammenleben  sei  für  die  Kinder  seiner  Ehefrau  nicht  einfach  gewesen. Seine Ehefrau habe sich deshalb von  ihm trennen wollen. Sie  hätten  sich  in  der  Folge  den  Kindern  zu  liebe  getrennt  und  nicht  etwa  wegen ehelichen Problemen.  6.2 Aufgrund der Akten ist davon auszugehen, dass die unterschiedlichen  Auffassungen  der  Ehegatten  über  die  Lebensführung  sowie  Kommunikationsschwierigkeiten  zur  Trennung  und  anschliessenden  Scheidung  geführt  haben.  Dass  sich  ein  Ehepaar  aufgrund  unterschiedlicher Lebensauffassungen auseinanderlebt, scheint aufgrund 

C­312/2010 der allgemeinen Lebenserfahrung nicht ungewöhnlich. Eine Scheidung ist  ein  angemessenes  und  legitimes  Mittel,  mit  solchen  Problemen  umzugehen.  6.3  Irgendwelche Besonderheiten  im Zusammenhang mit dem Scheitern  der  Ehe,  die  es  in  vorliegendem  Zusammenhang  zu  berücksichtigen  gäbe,  sind  nicht  bekannt.  Die  Umstände  der  Auflösung  der  Ehe  sind  demnach ebenso wenig geeignet, die Anforderungen an die Betroffenheit  zu senken, wie die Dauer der ehelichen Gemeinschaft, sofern man denn  in casu von einer solchen ausgehen will. Zudem blieb die Ehe kinderlos.  Es ist daher von einem strengen Massstab auszugehen. 7. 7.1 Der Beschwerdeführer hält sich mittlerweile seit sieben Jahren in der  Schweiz auf. Er war während seines ganzen Aufenthaltes arbeitstätig und  kam selbständig  für seinen Lebensunterhalt auf. Aus dem eingereichten  Arbeitszeugnis  geht  hervor,  dass  er  von  seinem  Arbeitgeber  sehr  geschätzt  wird.  Gemäss  seinen  Angaben  hatte  er  noch  keine  Zeit  für  einen Deutschkurs. Seine Deutschkenntnisse seien jedoch gut genug, um  den  Arbeitsalltag  zu  bestreiten.  Weiter  bringt  er  vor,  er  habe  seinen  Lebensmittelpunkt in der Schweiz und habe hier viele Freunde.  Die Aufenthaltsdauer von sieben Jahren ist angesichts dessen, dass der  Beschwerdeführer  erst  mit  knapp  28 Jahren  in  die  Schweiz  gekommen  ist,  nicht  als  sehr  lang  anzusehen.  In  beruflicher  und  wirtschaftlicher  Hinsicht hat er sich im zu erwartenden Mass in die hiesigen Verhältnisse  eingelebt.  Ebenso  ist  er  gemäss  seinen  Angaben  sozial  gut  integriert.  Insgesamt  unterscheidet  sich  der  Integrationsgrad  des  Beschwerdeführers  jedoch nicht  von dem, was von einer ausländischen  Person nach vergleichbarem Aufenthalt verlangt werden kann.  7.2  Sodann  stellt  sich  die  Frage,  ob  es  dem  Beschwerdeführer  zuzumuten  ist,  sein  Leben  hier  in  der  Schweiz  aufzugeben  und  in  sein  Heimatland zurückzukehren. Der Beschwerdeführer hat sein Heimatland  erst  im  Alter  von  knapp  28  Jahren  verlassen  und  ist  mit  den  dortigen  Verhältnissen deshalb noch gut vertraut. Er hat den weitaus grössten und  prägenden Teil seines Lebens – darunter seine gesamte Schulzeit, eine  Berufsausbildung,  Berufserfahrung  und  Militärdienst  –  in  der  Heimat  verbracht. Seine Eltern und seine drei Brüder  leben  in Ankara, wo auch  der Beschwerdeführer  vor seinem Aufenthalt  in der Schweiz zusammen  mit seinen Eltern gelebt hat. Zudem ist aus den Akten ersichtlich, dass er 

C­312/2010 sich  in den Jahren 2006 bis 2010  insgesamt siebeneinhalb Monate aus  privaten  Gründen  in  seiner  Heimat  aufgehalten  hat.  Gemäss  seinen  Angaben  in  der  Anhörung  zu  den Asylgründen  vom  8. Dezember  2003  hat  er  nach  der  Sekundarschule  drei  Jahre  das  Industrie­  und  Berufsgymnasium  in  P._______  besucht  und  im  Jahr  1995  abgeschlossen.  Anschliessend  absolvierte  er  ein  einjähriges  Praktikum  als  Motorbauer.  Weiter  konnte  der  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz  berufliche  Erfahrungen  sammeln,  welche  ihm  bei  der  Wiedereingliederung  ins  Erwerbsleben  in  der  Türkei  von  Nutzen  sein  dürften. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass er mit  seinen  Qualitäten  ein  Erwerbsauskommen  finden  kann  und  dabei  von  seiner  Familie unterstützt wird. 7.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer durch den  Verlust des Aufenthaltsrechts in der Schweiz zwar in seinen persönlichen  Verhältnissen  getroffen  wird.  Der  Eingriff  kann  jedoch  nicht  als  derart  schwer angesehen werden, dass dem privaten Interesse an der weiteren  Regelung des Aufenthaltes gegenüber dem öffentlichen Interesse an der  Durchsetzung  der  restriktiven  Migrationspolitik  –  Personen  aus  dem  Nicht­EFTA/EU­Raum  betreffend  –  im  Rahmen  einer  pflichtgemässen  Ermessensausübung  und  auf  der  Grundlage  des  zur  Anwendung  gelangenden  strengen  Beurteilungsmassstabs  Vorrang  eingeräumt  werden könnte. Die Verweigerung der Zustimmung durch die Vorinstanz  ist daher nicht zu beanstanden. 8. 8.1  Aus  der  Rechtmässigkeit  der  Zustimmungsverweigerung  folgt  ohne  Weiteres  die  Rechtmässigkeit  der  Wegweisung  aus  der  Schweiz  (vgl.  Art. 64  Abs. 1  Bst.  c  AuG  in  der  Fassung  gemäss  Art.  2  Ziff.  1  des  Bundesbeschlusses  vom  18.  Juni  2010  betreffend  die  Übernahme  der  EG­Rückführungsrichtlinie [Richtlinie 2008/115/EG], in Kraft seit 1. Januar  2011,  der  dem  zeitgleich  aufgehobenen  Art.  66  Abs.  1  AuG  in  der  Fassung  vom  16.  Dezember  2005  [AS  2007  5437]  entspricht).  Demzufolge  bleibt  zu  prüfen,  ob Hinderungsgründe  für  den Vollzug  der  Wegweisung anzunehmen sind (Art. 83 Abs. 2 bis 4 AuG) und das BFM  deshalb  gestützt  auf Art.  83 Abs.  1 AuG die  vorläufige Aufnahme hätte  verfügen müssen. 8.2 Gemäss Art. 83 AuG  ist der Vollzug der Wegweisung nicht möglich,  wenn  die  ausländische  Person  weder  in  den  Heimat­  oder  in  den  Herkunftsstaat  noch  in  einen  Drittstaat  ausreisen  oder  dorthin  gebracht 

C­312/2010 werden  kann  (Abs.  2).  Er  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz eine Weiterreise der ausländischen Person  in den Heimat­, Herkunfts­ oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Abs.  3).  Er  kann  für  ausländische  Personen  unzumutbar  sein,  wenn  sie  in  Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer  Notlage im Heimat­ oder Herkunftsstaat konkret gefährdet sind (Abs. 4).  8.3  Weder  aus  den  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  gehen  Elemente  hervor,  die  auf  die  Unmöglichkeit  oder  Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs hindeuten würden.  8.4  Für  die  Voraussetzungen  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  kann  auf  die  zutreffenden  Ausführungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  (S.  6f.)  verwiesen  werden.  Die  Beschwerdeschrift  enthält  keine  expliziten  Ausführungen  zur  Frage  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  Die  Ausführungen  im  Allgemeinen und die Gesamtumstände  lassen, wie oben dargelegt,  den  Schluss nicht zu, dass die Rückkehr des Beschwerdeführers in die Türkei  zu  einer  besonderen  persönlichen  Härte  führen  würde.  Auch  in  dieser  Hinsicht ist die angefochtene Verfügung zu Recht ergangen. 9. Abschliessend  ist  festzuhalten,  dass  die  angefochtene  Verfügung  im  Lichte  von Art.  49 VwVG nicht  zu  beanstanden  ist. Die Beschwerde  ist  deshalb abzuweisen. 10. Entsprechend  dem  Ausgang  des  Verfahrens  wird  der  unterliegende  Beschwerdeführer  kostenpflichtig  (Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Die  Verfahrenskosten sind auf Fr. 800.­­ festzusetzen (Art. 1, Art. 2 und Art. 3  Bst.  b  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]) (Dispositiv nächste Seite)

C­312/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  800.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Sie  werden  mit  dem  geleisteten  Kostenvorschuss  in  gleicher  Höhe verrechnet. 3.  Dieses Urteil geht an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben) – die Vorinstanz (Akten Ref­Nr. ZEMIS […] und […] retour) – das Migrationsamt des Kantons Basel­Stadt (Ref­Nr. […]) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Antonio Imoberdorf Mirjam Angehrn Versand:

C-312/2010 — Bundesverwaltungsgericht 18.08.2011 C-312/2010 — Swissrulings