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Bundesverwaltungsgericht 21.09.2011 C-1851/2010

21 septembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,948 mots·~10 min·3

Résumé

Schengen-Visum | Visum zu Besuchszwecken

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung III C­1851/2010 Urteil   v om   2 1 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Andreas Trommer (Vorsitz), Richter Bernard Vaudan, Richterin Marianne Teuscher, Gerichtsschreiberin Denise Kaufmann. Parteien A._______,    Beschwerdeführer,  vertreten durch lic. iur. Lotti Sigg Bonazzi, Rechtsanwältin, gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Visum zu Besuchszwecken.

C­1851/2010 Sachverhalt: A.  Der  1991  geborene  kenianische  Staatsangehörige  B._______  (im  Folgenden:  Gesuchsteller)  beantragte  am  23.  November  und  7. Dezember  2009  bei  der  Schweizerischen  Botschaft  in  Nairobi  ein  Schengen­Visum  für  einen  sechswöchigen  Besuchsaufenthalt  bei  A._______  (im  Folgenden:  Gastgeber  bzw.  Beschwerdeführer)  in  C._______  (ZH).  Die  Schweizer  Vertretung  lehnte  es  ab,  in  eigener  Kompetenz  ein  Visum  zu  erteilen,  und  leitete  das  Gesuch  zur  Prüfung  und zum Entscheid an die Vorinstanz weiter. B.  Zum Antrag begrüsst, holte das Migrationsamt des Kantons Zürich beim  Gastgeber  ergänzende  Auskünfte  ein  und  leitete  sie  an  die  Vorinstanz  weiter.  Den  Auskünften  und  einem  Begleitbrief,  datiert  vom  27.  Januar  2010,  kann  unter  anderem  entnommen werden,  dass  die  Freundin  des  Gastgebers  eine  Halbschwester  des  Gesuchstellers  ist.  Nebst  dieser  leben der Vater, die Stiefmutter und zwei Halbbrüder des Gesuchstellers  in der Schweiz.  C.  Die Vorinstanz  lehnte  es  in  einer Verfügung  vom 19.  Februar  2010  ab,  das beantragte Besuchsvisum zu erteilen. Dies  im Wesentlichen mit der  Begründung,  die  anstandslose  und  fristgerechte  Wiederausreise  des  Gesuchstellers nach einem Besuchsaufenthalt  könne nicht als gesichert  betrachtet  werden.  Der  Gesuchsteller  stamme  aus  einer  Region,  aus  welcher  als  Folge  der  dort  insbesondere  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  herrschenden  Verhältnisse  ein  anhaltend  starker  Zuwanderungsdruck  festzustellen  sei.  Bei  ihm  selbst  seien  weder  familiäre  Verantwortlichkeiten  noch berufliche Verpflichtungen oder  eine  spezielle  Ausbildungssituation  erkennbar,  die  trotz  der  allgemeinen  Verhältnisse  besondere  Gewähr  für  eine  Wiederausreise  bieten  könnten.  Eine  fristgerechte Rückkehr nach Kenia könne im Weiteren auch deshalb nicht  als gewährleistet betrachtet werden, weil schon versucht worden sei, dem  Gesuchsteller  im  Familiennachzug  zu  einem  dauerhaften  Aufenthalt  in  der  Schweiz  zu  verhelfen.  Es  bestehe  auch  kein  Anlass,  trotz  Fehlens  von  Einreisevoraussetzungen  aus  besonderen,  beispielsweise  humanitären Gründen ein Visum mit  räumlich beschränkter Gültigkeit zu  erteilen.

C­1851/2010 D.  Mit Beschwerde vom 23. März 2011 lässt der Gastgeber beantragen, die  vorinstanzliche  Verfügung  sei  aufzuheben,  und  das  gewünschte  Besuchsvisum  sei  zu  erteilen.  Zur  Begründung  wird  im  Wesentlichen  geltend  gemacht,  die  Vorinstanz  gehe  zu Unrecht  davon  aus,  dass  die  Wiederausreise des Gesuchstellers nach einem Besuchsaufenthalt in der  Schweiz  nicht  gesichert  sei.  Der  Gesuchsteller  habe  sich  in  der  Vergangenheit  bereits  zweimal  zu  Besuch  bei  seinen  hier  lebenden  Angehörigen  aufgehalten,  und  sei  jeweils  anstandslos  wieder  in  seine  Heimat zurückgekehrt. In Kenia lebe er zusammen mit seiner Schwester,  habe ein Studium begonnen und werde später einmal das Restaurant der  Schwester  übernehmen  und  ein  gutes  Einkommen  erzielen  können.  Obwohl  der  Gesuchsteller  in  Kenia  aufgewachsen  sei,  habe  stets  ein  guter  Kontakt  zwischen  ihm  und  seinen  in  der  Schweiz  lebenden  Familienangehörigen bestanden. Der nun gewünschte Besuchsaufenthalt  sei  ursprünglich  eigentlich  als  Überraschung  für  die  Adoptivmutter  (der  Gesuchsteller  sei  nach kenianischem Recht  von der Schweizer Ehefrau  seines  Vaters  adoptiert  worden)  geplant  gewesen,  weil  diese  wegen  gesundheitlicher Probleme während einiger Jahre nicht mehr nach Kenia  habe reisen können. Vor diesem Hintergrund wäre in einer Verweigerung  der Einreise möglicherweise sogar ein unzulässiger Eingriff  in das durch  Art.  8  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  geschützte  Familienleben  zu  sehen,  da  der  persönliche  Kontakt  zwischen  dem  Gesuchsteller und seiner Adoptivmutter verunmöglicht würde. E.  Die Vorinstanz schliesst  in  ihrer Vernehmlassung vom 18. Mai 2010 auf  Abweisung der Beschwerde. In Berücksichtigung der familiären Situation  und  vor  dem  Hintergrund  schwieriger  wirtschaftlicher  Verhältnisse  in  Kenia,  fehlender  Verpflichtungen  des  Gesuchstellers  in  seiner  Heimat  und  erfolgloser  Bemühungen  zu  einer  dauerhaften  Übersiedlung  in  die  Schweiz  müsse  insgesamt  von  einem  hohen  Migrationsrisiko  ausgegangen  werden.  Aus  der  anstandslosen  Rückkehr  des  Gesuchstellers nach Besuchsaufenthalten  in den Jahren 2003 und 2004  könne schon deshalb nichts zu seinen Gunsten abgeleitet werden, weil er  damals  schon  aufgrund  seines  Alters  nicht  selbstbestimmt  über  seinen  Aufenthaltsort habe entscheiden können. F.  In  einer  Replik  vom  12.  August  2010  hält  der  Beschwerdeführer  an 

C­1851/2010 seinem  Rechtsbegehren  und  an  dessen  Begründung  fest.  Die  von  der  Vorinstanz  zur  Beurteilung  des Visumantrags  herangezogenen Kriterien  (allgemeine wirtschaftliche Lage  im Heimatland sowie  fehlende  familiäre  Verantwortlichkeiten)  seien  willkürlich  bzw.  wirkten  sich  diskriminierend  aus.  Insbesondere  sei  zu  berücksichtigen,  dass  der  Gesuchsteller  mit  seiner  Schwester  und  deren  Familie  zusammen  lebe.  Er  helfe  im  familieneigenen  Restaurationsbetrieb  mit  und  werde  bald  seinen  Schulabschluss machen.  Im Weiteren  wird  gerügt,  die  Vorinstanz  habe  die  Interessen  der  Beteiligten  an  einem  Besuchsaufenthalt  des  Gesuchstellers  in der Schweiz unberücksichtigt gelassen. Die Einladung  bezwecke  in erster Linie eine Begegnung mit der Adoptivmutter, welche  aus gesundheitlichen Gründen  in naher Zukunft keine Möglichkeit habe,  den  Gesuchsteller  in  Kenia  zu  besuchen. Was  das  von  der  Vorinstanz  erwähnte Familiennachzugsbegehren betreffe, so dürfe dieses nicht dazu  führen,  dass  dem  Gesuchsteller  nun  für  alle  Zukunft  Besuche  in  der  Schweiz  verwehrt  würden.  Dies  vor  allem  auch  deshalb,  weil  der  ablehnende Entscheid  damals  von der Familie  ohne weiteres akzeptiert  worden sei und der Gesuchsteller nicht versucht habe, auf andere Weise  hierher zu gelangen. Zusammen  mit  der  Replik  liess  der  Beschwerdeführer  die  Kopie  einer  undatierten  Stellungnahme  der  in  der  Schweiz  lebenden  Stief­  bzw.  Adoptivmutter  des  Gesuchstellers  sowie  Kopien  von  Unfallscheinen  (diese betreffend) zu den Akten reichen. G.  Auf  den  weiteren  Akteninhalt  und  die  eingereichten  Unterlagen  wird,  soweit entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.    Gemäss  Art.  31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR  173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  unter  Vorbehalt  der  in  Art.  32  VGG  genannten  Ausnahmen  Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom  20. Dezember  1968  (VwVG,  SR  172.021),  welche  von  einer  in  Art.  33  VGG  aufgeführten  Behörde  erlassen  wurden.  Darunter  fallen  u.a.  Verfügungen des BFM, mit denen die Erteilung eines Schengen­Visums  zu  Besuchszwecken  verweigert  wird.  In  dieser Materie  entscheidet  das 

C­1851/2010 Bundesverwaltungsgericht  endgültig  (Art.  83  Bst. c  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.    Sofern  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes  bestimmt,  richtet sich das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht nach dem  VwVG (Art. 37 VGG). 1.3.    Der  Beschwerdeführer  ist  gemäss  Art.  48  Abs.  1  VwVG  zur  Beschwerde  berechtigt.  Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  –  sofern  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend  gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich  die  Rechts­  und  Sachlage  zum  Zeitpunkt  seines  Entscheides (vgl. BVGE 2011/1 E. 2 mit Hinweisen). 3.  Der  angefochtenen  Verfügung  liegt  das  Gesuch  eines  kenianischen  Staatsangehörigen um Erteilung eines Visums  für  einen sechswöchigen  Aufenthalt  in der Schweiz zugrunde. Da sich der Gesuchsteller nicht auf  die  EU/EFTA­Personenfreizügigkeitsabkommen  berufen  kann  und  die  beabsichtigte  Aufenthaltsdauer  drei  Monate  nicht  überschreitet,  fällt  die  vorliegende  Streitsache  in  den  persönlichen  und  sachlichen  Anwendungsbereich  der  Schengen­Assoziierungsabkommen,  mit  denen  die  Schweiz  den  Schengen­Besitzstand  und  die  dazugehörigen  gemeinschaftsrechtlichen  Rechtsakte  übernommen  hat.  Das  Ausländergesetz  vom 16. Dezember  2005  (AuG, SR  142.20)  und  seine  Ausführungsverordnung  gelangen  nur  soweit  zur  Anwendung,  als  die  Schengen­Assoziierungsabkommen keine abweichenden Bestimmungen  enthalten (Art. 2 Abs. 2 bis Abs. 5 AuG).

C­1851/2010 4.  Die Voraussetzungen für die Erteilung eines Visums präsentieren sich im  Anwendungsbereich der genannten Rechtsgrundlagen wie folgt: 4.1.    Das  schweizerische  Ausländerrecht  kennt  weder  ein  allgemeines  Recht  auf  Einreise  noch  gewährt  es  einen  besonderen  Anspruch  auf  Erteilung eines Visums. Die Schweiz ist daher – wie andere Staaten auch  – grundsätzlich  nicht  gehalten,  Ausländerinnen  und  Ausländern  die  Einreise  zu  gestatten.  Vorbehältlich  völkerrechtlicher  Verpflichtungen  handelt es sich dabei um einen autonomen Entscheid (vgl. Botschaft zum  Bundesgesetz  über  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002,  BBl 2002 3774; BGE 135 II 1 E. 1.1 mit Hinweisen). Das Schengen­Recht  schränkt  die  nationalstaatlichen  Befugnisse  insoweit  ein,  als  es  einheitliche  Voraussetzungen  für  Einreise  und  Visum  aufstellt  und  die  Mitgliedstaaten  verpflichtet,  die Einreise bzw. das Visum zu verweigern,  wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Einen Anspruch auf Einreise  bzw. Visum vermittelt auch das Schengen­Recht nicht (a.M. PHILIPP EGLI /  TOBIAS  D.  MEYER,  in:  Martina  Caroni  /  Thomas  Gächter  /  Daniela  Thurnherr [Hrsg.], Stämpflis Handkommentar zum Bundesgesetz über die  Ausländerinnen und Ausländer, Bern 2010, Art. 5 N. 3 f.). 4.2.    Angehörige  von  Drittstaaten  dürfen  über  die  Aussengrenzen  des  Schengen­Raums  für  einen  Aufenthalt  von  höchstens  drei  Monaten  je  Sechsmonatszeitraums  einreisen,  wenn  sie  im  Besitz  gültiger  Reisedokumente  sind,  die  zum  Grenzübertritt  berechtigen.  Ferner  benötigen  sie  ein  Visum,  falls  ein  solches  nach  Massgabe  der  Verordnung  (EG)  Nr.  539/2001  des  Rates  vom  15.  März  2001  zur  Aufstellung  der  Liste  der  Drittländer,  deren  Staatsangehörige  beim  Überschreiten der Aussengrenzen  im Besitz eines Visums sein müssen,  sowie  der  Liste  der  Drittländer,  deren  Staatsangehörige  von  dieser  Visumpflicht  befreit  sind,  erforderlich  ist.  Kein  Visum  benötigen  Drittstaatsangehörige,  die  Inhaber  eines  gültigen  Aufenthaltstitels  sind  oder über ein gültiges Visum  für den  längerfristigen Aufenthalt  verfügen  (vgl.  Art. 5  Abs. 1  Bst. a  AuG,  Art. 2  Abs. 1  der  Verordnung  vom  22. Oktober  2008  über  die  Einreise  und  die  Visumerteilung  [VEV,  SR  142.204]  i.V.m.  Art. 5  Abs. 1  Bst. a  und  b  der  Verordnung  (EG)  Nr.  562/2006  des  Europäischen  Parlaments  und  des  Rates  vom  15. März  2006 über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen  durch Personen [nachfolgend: Schengener Grenzkodex, SGK, ABl. L 105  vom 13.04.2006, S. 1­32], Art. 4 VEV).

C­1851/2010 4.3.    Im  Weiteren  müssen  Drittstaatsangehörige  den  Zweck  und  die  Umstände  ihres  beabsichtigten  Aufenthalts  belegen  und  hierfür  über  ausreichende  finanzielle Mittel verfügen  (Art. 5 Abs. 1 Bst. b AuG, Art. 2  Abs. 1 VEV, Art. 5 Abs. 1 Bst. c und Abs. 3 SGK sowie Art. 14 Abs. 1 Bst.  a–c  der  Verordnung  [EG]  Nr. 810/2009  des  Europäischen  Parlaments  und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft  [nachfolgend:  Visakodex]).  Namentlich  haben  sie  in  diesem  Zusammenhang  zu  belegen,  dass  sie  den  Schengen­Raum  vor  Ablauf  des  bewilligungsfreien  Aufenthaltes  verlassen,  bzw.  ausreichende  Gewähr  für  eine  fristgerechte Wiederausreise  zu  bieten  (Art.  14  Abs.  1  Bst. d und Art. 21 Abs. 1 Visakodex sowie Art. 5 Abs. 2 AuG; vgl. dazu  PHILIPP  EGLI  /  TOBIAS D. MEYER,  a.a.O.  Art.  5  N. 33).  Weiterhin  dürfen  Drittstaatsangehörige nicht  im Schengener  Informationssystem (SIS) zur  Einreiseverweigerung  ausgeschrieben  sein  und  keine  Gefahr  für  die  öffentliche  Ordnung,  die  innere  Sicherheit,  die  öffentliche  Gesundheit  oder  die  internationalen  Beziehungen  eines  Mitgliedstaats  darstellen  (Art. 5 Abs. 1 Bst. c AuG, Art. 5 Abs. 1 Bst. d und e SGK). 4.4.   Eine Gefahr für die öffentliche Ordnung im Sinne von Art. 5 Abs. 1  Bst.  e SGK  ist  auch  dann  anzunehmen, wenn  die  drittstaatsangehörige  Person  nicht  bereit  ist,  das  Hoheitsgebiet  des  Schengen­Raums  fristgerecht  wieder  zu  verlassen  (vgl.  dazu  PHILIPP  EGLI  /  TOBIAS  D.  MEYER,  a.a.O.,  Art.  5  N. 33;  ferner  Urteil  des  deutschen  Bundesverwaltungsgerichts 1 C. 1.10 vom 11. Januar 2011 Rz. 29). Die  Behörden haben daher zu prüfen und drittstaatsangehörige Personen zu  belegen, dass die Gefahr einer  rechtswidrigen Einwanderung oder einer  nicht fristgerechten Ausreise nicht besteht (Art. 14 Abs. 1 Bst. d und Art.  21 Abs. 1 Visakodex). Die Gewähr der gesicherten Wiederausreise, wie  sie Art. 5 Abs. 2 AuG verlangt, wenn nur ein vorübergehender Aufenthalt  vorgesehen  ist,  steht  mit  dieser  Regelung  im  Einklang  (vgl.  BVGE  2009/27  E.  5  mit  Hervorhebung  des  Zusammenhangs  zum  Einreiseerfordernis  des  belegten  Aufenthaltszwecks  nach  Art.  5  Abs.  1  Bst. c SGK). 4.5.    Sind  die  vorerwähnten  Einreisevoraussetzungen  (Visum  ausgenommen) nicht erfüllt, darf ein  für den gesamten Schengen­Raum  geltendes  "einheitliches  Visum"  (Art.  2  Ziff.  3  Visakodex)  nicht  erteilt  werden (Art. 12 VEV, Art. 32 SGK). Hält es  jedoch ein Mitgliedstaat aus  humanitären  Gründen,  aus  Gründen  des  nationalen  Interesses  oder  aufgrund  internationaler  Verpflichtungen  für  erforderlich,  so  ist  er  berechtigt,  der  drittstaatsangehörigen  Person,  welche  die  ordentlichen 

C­1851/2010 Einreisevoraussetzungen  nicht  erfüllt,  ausnahmsweise  ein  "Visum  mit  räumlich  beschränkter  Gültigkeit"  zu  erteilen  (Art.  2  Ziff.  4  Visakodex).  Dieses  Visum  ist  grundsätzlich  nur  für  das  Hoheitsgebiet  des  ausstellenden  Staates  gültig  (Art.  32  i.V.m.  Art.  25  Abs.  1  Bst.  a  Visakodex;  unter  denselben  Voraussetzungen  kann  einer  drittstaatsangehörigen  Person  die  Einreise  an  den  Aussengrenzen  gestattet werden, vgl. Art. 5 Abs. 4 Bst. c SGK). 5.  5.1.  Der Gesuchsteller unterliegt als kenianischer Staatsangehöriger der  Visumspflicht  (Anhang  I  zur  Verordnung  (EG)  Nr. 539/2001  des  Rates  vom 15. März 2001). Bei der Prüfung der Einreisevoraussetzungen nach  Art.  5  Abs.  1  SGK  steht  die  Frage  der  gesicherten Wiederausreise  im  Vordergrund,  welche  die  Vorinstanz  aufgrund  der  allgemeinen  Lage  im  Heimatland  sowie  der  persönlichen  Verhältnisse  des  Gesuchstellers  anzweifelt.  Dazu  lassen  sich  in  der  Regel  keine  gesicherten  Feststellungen, sondern lediglich Prognosen treffen. Dabei sind sämtliche  Umstände des konkreten Einzelfalles zu würdigen. 5.2.    Anhaltspunkte  zur  Beurteilung  der  Gewähr  für  eine  fristgerechte  Wiederausreise  können  sich  aus  der  allgemeinen  Situation  im  Herkunftsland  der  Besucherin  oder  des  Besuchers  ergeben.  Einreisegesuche  von  Bürgerinnen  und  Bürgern  aus  Staaten  bzw.  Regionen  mit  politisch  oder  wirtschaftlich  vergleichsweise  ungünstigen  Verhältnissen  können  darauf  hindeuten,  dass  die  persönliche  Interessenlage  in  solchen  Fällen  nicht  mit  dem  Ziel  und  Zweck  einer  zeitlich  befristeten  Einreisebewilligung  in  Einklang  steht.  Das  Abstützen  auf  die  Herkunft  einer  gesuchstellenden  Person  und  die  Inanspruchnahme bestimmter allgemeiner Kriterien bei der Prüfung eines  Gesuchs sind – entgegen der Meinung des Beschwerdeführers – weder  diskriminierend noch willkürlich. Die unterschiedliche Behandlung je nach  Herkunftsland  ist  schon  in  der  Regelung  der  Visumspflicht  bzw.  Visumsbefreiung angelegt. 5.3.    Obwohl  Kenia  die  leistungsfähigste  Volkswirtschaft  in  der  ostafrikanischen Region ausweisen kann, leben trotzdem knapp 60% der  Bevölkerung  unterhalb  der  Armutsgrenze.  Ungefähr  25%  der  Bevölkerung müssen mit  weniger  als  1  US­Dollar  pro  Tag  auskommen  (Quelle:  Webseite  des  Deutschen  Auswärtigen  Amtes:  www.auswaertiges­amt.de > Länder, Reise, Sicherheit > Auswahl Kenia >  Wirtschaftspolitik,  Stand:  November  2010,  besucht  im  Juli  2011).  http://www.auswaertiges-amt.de

C­1851/2010 Geschätzte  40%  [Stand  2008]  der  arbeitsfähigen  Bevölkerung  sind  arbeitslos  (Quelle:  Webseite  der  Central  Intelligence  Agency  [CIA]:  www.cia.gov  >  The  World  Factbook  >  Auswahl  Kenya  >  Economy,  besucht  im  Juli  2011).  Entsprechend  hoch  ist  der  Anteil  jener,  die  versuchen, nach Westeuropa – unter anderem auch in die Schweiz – zu  gelangen,  um  sich  unter  günstigeren  Bedingungen  eine  (bessere)  Existenz  aufzubauen.  Diese  Tendenz  zur  Auswanderung  zeigt  sich  erfahrungsgemäss  besonders  stark  bei  jüngeren  und  ungebundenen  Personen,  die  bereits  über  ein  minimales  soziales  Beziehungsnetz  im  Ausland (Verwandte oder Freunde) verfügen.  Im Falle der Schweiz führt  dies  angesichts  der  restriktiven  Zulassungsregelung  nicht  selten  zur  Umgehung ausländerrechtlicher Bestimmungen.  5.4.    Bei  der  Risikoanalyse  sind  allerdings  nicht  nur  die  erwähnten  allgemeinen  Umstände  und  Erfahrungen,  sondern  auch  sämtliche  Gesichtspunkte  des  konkreten  Einzelfalles  zu  berücksichtigen.  Obliegt  einer  gesuchstellenden  Person  im  Heimatland  beispielsweise  eine  besondere  berufliche,  gesellschaftliche  oder  familiäre  Verantwortung,  kann  dieser  Umstand  durchaus  die  Prognose  für  eine  anstandslose  Wiederausreise begünstigen. Umgekehrt muss bei Personen, die in ihrer  Heimat  keine  besonderen  Verpflichtungen  haben,  das  Risiko  für  ein  ausländerrechtlich  nicht  regelkonformes  Verhalten  (nach  bewilligter  Einreise zu einem Besuchsaufenthalt) hoch eingeschätzt werden. 6.  6.1.    Beim Gesuchsteller  handelt  es  sich  um  einen  20­jährigen  ledigen  Mann.  Gemäss  den  im  Zusammenhang  mit  dem  Familiennachzugsgesuch  am  12.  November  2006  abgegebenen  schriftlichen Auskünften wurde er ausserehelich geboren. Sein Vater war  schon  seit  1983  mit  einer  Schweizer  Bürgerin  (der  Stief­  bzw.  Adoptivmutter)  verheiratet  und  lebte  hier  in  der  Schweiz.  Zu  seiner  leiblichen  Mutter  (einer  tansanischen  Staatsangehörigen)  habe  der  Gesuchsteller nie eine Beziehung gehabt. Er sei bei einer Tante und nach  deren  Tod  bei  einem  Onkel  aufgewachsen.  Heute  lebt  er  bei  seiner  Schwester  und  deren  Familie  in  einem  gemeinsamen  Haushalt  in  Mombasa.  Damit mag  ein minimales  familiäres  Beziehungsnetz  vor Ort  bestehen.  Eigentliche  Verpflichtungen  familiärer  Natur,  welche  die  Prognose  einer  fristgerechten  und  anstandslosen  Wiederausreise  nach  einem  Besuchsaufenthalt  in  der  Schweiz  begünstigen  könnten,  sind  daraus  aber  nicht  abzuleiten.  Im Gegenteil:  Der Gesuchsteller,  der  sich  noch  in  Ausbildung  befindet,  dürfte  in  gewisser  Weise  von  seiner  http://www.cia.gov

C­1851/2010 Schwester abhängig sein. Dass der Ehemann der Schwester beruflich oft  im Ausland und sie selbst deshalb aus Sicherheitsgründen froh über die  Anwesenheit des Bruders sei (wie die Adoptivmutter in ihrem undatierten,  mit  der  Replik  eingereichten  Schreiben  ausführt),  mag  ein  Element  mit  bindender Wirkung  sein,  kann  aber  sicherlich  nicht  von  einer  allfälligen  Emigration  abhalten.  Auf  der  anderen  Seite  leben  mit  dem  Vater,  der  Stief­  resp.  Adoptivmutter  und  den  drei  Halbgeschwistern  nahe  Angehörige  in  der  Schweiz,  zu  denen  erklärtermassen  seit  je  her  eine  enge  Beziehung  bestand.  Der  Besuch  dieser  Angehörigen  steht  denn  auch im Vordergrund; dass der Freund der Halbschwester als Gastgeber  und Beschwerdeführer auftritt, hat offensichtlich eher praktische Gründe.  Vor  dem  aufgezeigten  familiären  Hintergrund  kann  tatsächlich  nicht  ausgeschlossen werden,  dass beim Gesuchsteller  auch heute noch der  Wunsch bestehen könnte, mit der Familie  in der Schweiz zusammen zu  leben.  6.2.  Tritt  hinzu,  dass  die  Zukunftspläne  und  ­perspektiven  des  Gesuchstellers  –  gemessen  an  seinem  Alter  –  recht  unbestimmt  erscheinen.  Im Zeitpunkt des Visumantrags ging er noch zur Schule, so  den  Gesuchsakten  zu  entnehmen.  Ob  er  inzwischen  –  wie  damals  geplant  –  die  Schule  erfolgreich  beendet  und  mit  einem  Studium  begonnen hat,  ist nicht bekannt.  Im Fragebogen zum Visumsantrag vom  23.  November  2009  vermerkte  der  Gesuchsteller,  er  werde  ein  Ingenieurstudium  ergreifen,  machte  dann  aber  schon  zwei  Wochen  später  am  8. Dezember  2009  in  einer  als  "appeal  against  rejection  of  visting  visa"  betitelten  schriftlichen  Eingabe  gegenüber  der  Schweizer  Vertretung in Nairobi geltend, er strebe eine juristische Karriere in seiner  Heimat  an.  Die  in  der  Schweiz  lebenden  Angehörigen  gehen  demgegenüber davon aus, dass der Gesuchsteller nach einem allfälligen  Studium  den  familieneigenen  Restaurationsbetrieb  übernehmen  werde,  welcher heute noch von der Schwester geführt wird (so die Adoptivmutter  in der erwähnten schriftlichen Stellungnahme). Ob der Gesuchsteller das  tatsächlich  will  und  welche  wirtschaftlichen  Perspektiven  dies  bieten  könnte, darüber ist allerdings nichts bekannt.  6.3.    Der  Beschwerdeführer  stösst  sich  daran,  dass  die  Vorinstanz  die  seinerzeitigen  Bemühungen  des  Gesuchstellers  und  seiner  hier  ansässigen Angehörigen für eine Aufenthaltsregelung in der Schweiz als  Risiko  für  eine  nicht  anstandslose Wiederausreise wertet.  Zwar  trifft  zu,  dass das  in Frage stehende Familiennachzugsverfahren  schon  fast  fünf  Jahre  zurückliegt,  und  dem  Antrag  Veränderungen  in  den 

C­1851/2010 Betreuungsverhältnissen  in  Kenia  zugrunde  gelegt  wurden.  Der  Gesuchsteller  war  damals  noch  minderjährig,  und  die  Frage  einer  Betreuung dürfte sich heute nicht oder zumindest nicht mehr im gleichen  Masse stellen, zumal er ja jetzt bei der Schwerster lebt. Gerade vor dem  Hintergrund  der  in  Kenia  vergleichsweise  prekären  wirtschaftlichen  Verhältnisse  und  eingeschränkten  Berufsperspektiven  kann  aber  nicht  ausgeschlossen  werden,  dass  ein  Leben  in  der  Schweiz  auch  aus  solchen Gründen favorisiert wird. Kommt hinzu, dass die im Oktober 2006  beantragte  Aufenthaltsregelung  in  der  Schweiz  damals  –  entgegen  der  Darstellung  der  Adoptivmutter  in  ihrer  schriftlichen  Stellungnahme  zuhanden des Beschwerdeverfahrens – nicht als vorübergehende Lösung  präsentiert wurde und die Beteiligten klar  zum Ausdruck brachten, dass  es ihnen nicht nur um die Sicherstellung der Betreuung, sondern um die  Zusammenführung von Familienangehörigen ging. 6.4.   Nach dem bisher Gesagten durfte die Vorinstanz davon ausgehen,  dass keine hinreichende Gewähr für eine fristgerechte und anstandslose  Wiederausreise  des  Gesuchstellers  nach  einem  Besuchsaufenthalt  besteht.  An  dieser  Einschätzung  vermögen  die  gegenteiligen  Zusicherungen  des  Beschwerdeführers  und  der  Stiefmutter  (in  ihrer  vorerwähnten  Stellungnahme)  nichts  zu  ändern.  Der  Beschwerdeführer  kann  zwar  als  Gastgeber  mit  rechtlich  verbindlicher  Wirkung  für  bestimmte  finanzielle  Risiken  im  Zusammenhang  mit  dem  Besuchsaufenthalt,  nicht  aber  für  ein  bestimmtes  Tun  oder Unterlassen  seines Gastes einstehen (vgl. in diesem Zusammenhang BVGE 2009/27  E. 9).  6.5.  Gründe für die Ausstellung eines Visums mit räumlich beschränkter  Gültigkeit (vgl. E. 4.5.) sind keine ersichtlich. Insbesondere kann nicht als  erstellt  betrachtet  werden,  dass  es  der  Stiefmutter  des  Gesuchstellers  aus  gesundheitlichen  Gründen  nicht  möglich  ist,  diesen  in  Kenia  zu  besuchen.  Den  eingereichten  Unfallscheinen  lässt  sich  lediglich  entnehmen,  dass  die  Stiefmutter  im  Zeitraum  des  Visumsverfahrens  arbeitsunfähig war. Die Arbeitsunfähigkeit endete dann per 1. Juni 2010.  Eine  allfällige  Reiseunfähigkeit  nach  diesem  Zeitpunkt  wurde  weder  näher  erläutert  noch  belegt.  Bereits  aus  diesem  Grunde  verfängt  schliesslich  auch  die  Rüge  nicht,  wonach  eine  Einreiseverweigerung  einen  unzulässigen  Eingriff  in  das  von  Art.  8  EMRK  geschützte  Familienleben  darstellen  würde  (vgl.  in  diesem  Zusammenhang  die  Urteile des Bundesverwaltungsgerichts C­6364/2009 vom 6. Juni 2011 E.  6.3.1.  ff.  und  C­7190/2009  vom  17.  Juni  2011  E.  8.4.).  Sowohl  dem 

C­1851/2010 Beschwerdeführer  wie  auch  den  in  der  Schweiz  lebenden  Angehörigen  des  Gesuchstellers  ist  es  möglich  und  auch  zumutbar,  persönliche  Kontakte durch Besuche in Kenia zu pflegen.  7.  Aus  vorstehenden Erwägungen  folgt,  dass  die  angefochtene Verfügung  im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Beschwerde ist  daher abzuweisen. 8.  Entsprechend  dem  Ausgang  des  Verfahrens  wird  der  unterliegende  Beschwerdeführer  kostenpflichtig  (Art. 63 Abs. 1 VwVG, Art.  1, 2 und 3  Bst.  b  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [SR 173.320.2]). Dispositiv S. 13

C­1851/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  700.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Sie  werden  mit  dem  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss verrechnet. 3.  Dieses Urteil geht an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben) – die Vorinstanz (Beilage: Akten Ref­Nr. ZEMIS […]) – das Migrationsamt des Kantons Zürich (Beilage: Akten ZH […]) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Andreas Trommer Denise Kaufmann Versand:

C-1851/2010 — Bundesverwaltungsgericht 21.09.2011 C-1851/2010 — Swissrulings