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Bern Verwaltungsgericht 04.08.2025 100 2024 344

4 août 2025·Deutsch·Berne·Verwaltungsgericht·PDF·1,597 mots·~8 min·6

Résumé

Steuererlass; unentgeltliche Rechtspflege (Verfügungen der Steuerrekurskommission des Kantons Bern vom 5. November 2024; 100 24 200, 200 24 186) | Kosten

Texte intégral

100.2024.344/345U HAT/COS/SRE Verwaltungsgericht des Kantons Bern Verwaltungsrechtliche Abteilung Urteil des Einzelrichters vom 4. August 2025 Verwaltungsrichter Häberli Gerichtsschreiberin Corazza A.________ Beschwerdeführerin gegen Steuerverwaltung des Kantons Bern Brünnenstrasse 66, Postfach, 3001 Bern Beschwerdegegnerin und Steuerrekurskommission des Kantons Bern Nordring 8, 3013 Bern betreffend Steuererlass; unentgeltliche Rechtspflege (Verfügungen der Steuerrekurskommission des Kantons Bern vom 5. November 2024; 100 24 200, 200 24 186)

Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 04.08.2025, Nrn. 100.2024.344/ 345U, Seite 2 Der Einzelrichter zieht in Erwägung: – Die Steuerrekurskommission des Kantons Bern (StRK) wies mit Zwischenverfügungen vom 5. November 2024 in den Verfahren betreffend Erlass von Kantons- und Gemeindesteuern sowie direkter Bundessteuer 2022 die Gesuche von A.________ um unentgeltliche Rechtspflege wegen Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren ab und erhob einen Kostenvorschuss in der Höhe von insgesamt Fr. 800.--. – Gegen diese Verfügungen hat A.________ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) mit einer auf den 12. November 2024 datierten Eingabe Verwaltungsgerichtsbeschwerde erhoben. Sie beantragt sinngemäss, die angefochtenen Verfügungen seien aufzuheben und ihr sei in den Verfahren vor der StRK die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Die StRK schliesst auf Abweisung der Beschwerden (Vernehmlassung vom 25.11.2024), während die Steuerverwaltung auf Stellungnahme verzichtet hat (Beschwerdeantwort vom 6.12.2024). – Das Verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Beschwerden als letzte kantonale Instanz gemäss Art. 112 Abs. 3 i.V.m. Art. 74 ff. des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) zuständig. Die Beschwerdeführerin hat an den vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen, ist durch die angefochtenen Zwischenverfügungen besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung (Art. 79 Abs. 1 VRPG). Die Bestimmungen über Form und Frist sind eingehalten (Art. 151 des Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 [StG; BSG 661.11] i.V.m. Art. 81 Abs. 1 und Art. 32 VRPG; Art. 145 Abs. 2 i.V.m. Art. 140 des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 über die direkte Bundessteuer [DBG; SR 642.11]). Auf die Beschwerden ist einzutreten. – Die Verfahren betreffend die Kantons- und Gemeindesteuern sowie die direkte Bundessteuer sind zu vereinigen (Art. 17 Abs. 1 VRPG). – Auf Gesuch hin befreit die Verwaltungsjustizbehörde eine Partei von den Verfahrenskosten, wenn die Partei nicht über die erforderlichen

Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 04.08.2025, Nrn. 100.2024.344/ 345U, Seite 3 Mittel verfügt und ihr Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 111 Abs. 1 VRPG; vgl. auch Art. 117 der Schweizerischen Zivilprozessordnung vom 19. Dezember 2008 [Zivilprozessordnung, ZPO; SR 272]). Ein Prozess ist nicht aussichtslos, wenn berechtigte Hoffnung besteht, ihn zu gewinnen, das heisst wenn Gewinnaussichten und Verlustgefahren sich ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese. Als aussichtslos sind nach der einschlägigen Rechtsprechung demgegenüber Prozessbegehren anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich geringer sind als die Verlustgefahren und die deshalb kaum als ernsthaft bezeichnet werden können (statt vieler BVR 2019 S. 128 E. 4.1; BGE 142 III 138 E. 5.1; weiterführend Lucie von Büren, in Herzog/Daum [Hrsg.], Kommentar zum bernischen VRPG, 2. Aufl. 2020, Art. 111 N. 29 ff.). – Die Vorinstanz hat die Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege mit der Begründung abgewiesen, Rekurs und Beschwerde gegen die Steuererlassentscheide vom 15. Mai 2024 seien aussichtslos: Die Gegenüberstellung von Einkünften und Lebenshaltungskosten ergebe eine freie Einkommensquote, die es der Beschwerdeführerin erlaube, die ausstehenden Steuerschulden innert sieben Monaten zu bezahlen, sodass das Vorliegen eines Härtefalls voraussichtlich zu verneinen sei. Die Erfolgsaussichten in den Verfahren vor der StRK seien daher deutlich geringer als die damit verbundenen Verlustgefahren. Die Beschwerdeführerin bringt dagegen vor, die StRK habe bei der Berechnung ihres Existenzminimums zu Unrecht hohe Kosten für ihren «Begleithund» sowie die Ausgaben für ihren Umzug im Jahr 2022 nicht berücksichtigt. – Rechtskräftig festgesetzte Kantons-, Gemeinde- und Kirchensteuern sowie die direkte Bundessteuer können ganz oder teilweise erlassen werden, wenn ihre Zahlung in Ausnahmefällen mit einer erheblichen bzw. grossen Härte verbunden wäre (Art. 240 Abs. 1 StG bzw. Art. 167 Abs. 1 DBG). Ob die Tilgung einer offenen Steuerschuld aus wirtschaftlichen Gründen mit einer erheblichen bzw. grossen Härte im Sinn von Art. 240b Abs. 1 Bst. b StG bzw. Art. 167 Abs. 1 DBG verbunden wäre, ist anhand einer Gegenüberstellung von Einkünften und Lebens-

Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 04.08.2025, Nrn. 100.2024.344/ 345U, Seite 4 haltungskosten zu beurteilen, wie sie sich im Entscheidzeitpunkt präsentiert (Art. 240a Abs. 2 Satz 1 StG bzw. Art. 10 Verordnung des EFD vom 12. Juni 2015 über die Behandlung von Gesuchen um Erlass der direkten Bundessteuer [Steuererlassverordnung; SR 642.121]). Eine entsprechende Notlage besteht, wenn es der steuerpflichtigen Person trotz gebotener Einschränkung ihrer Lebenshaltung nicht möglich ist, den ausstehenden Steuerbetrag innert absehbarer Zeit zu begleichen. Als massgebende Grösse für die zumutbare Einschränkung bezeichnen die einschlägigen Bestimmungen das betreibungsrechtliche Existenzminimum gemäss Art. 93 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 11. April 1889 über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG; SR 281.1). Dieses ist aufgrund des Kreisschreibens Nr. B1 der Aufsichtsbehörde in Betreibungs- und Konkurssachen für den Kanton Bern vom 1. Januar 2011 (nachfolgend: KS B1) zu ermitteln, das inhaltlich den Richtlinien entspricht, welche die Konferenz der Betreibungs- und Konkursbeamten der Schweiz am 1. Juli 2009 beschlossen hat (KS B1 Beilage 1), sowie aufgrund der zugehörigen Ergänzungen und Präzisierungen der kantonalen Aufsichtsbehörde (KS B1 Beilage 2; alles einsehbar unter: <www.justice.be.ch>, Rubriken «Verwaltungsgerichtsbarkeit/Kosten/Unentgeltliche Rechtspflege»). – Die Beschwerdeführerin argumentiert vorab mit den hohen Kosten für ihren Hund. Sie ist der Ansicht, dass Aufwendungen für ihren «Begleithund» behinderungsbedingte Mehrkosten darstellen und als Zuschlag zum monatlichen Grundbetrag im Existenzminimum zu berücksichtigen sind. Im Zwangsbedarf sind indes nicht die bereits angefallenen Kosten zu berücksichtigen, sondern nur unmittelbar bevorstehende Gesundheitskosten, welche die verfügbare Einkommensquote zeitweise reduzieren können (KS B1 Beilage 1 Ziff. II/8; VGE 2016/263 vom 6.6.2017 E. 3.5). Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Auslagen (insb. Tierarztkosten) für den inzwischen verstorbenen «Begleithund» sind vergangene Ausgaben und fallen bereits deshalb ausser Betracht (Zusammenstellung der Tierarztrechnungen 2024 [act. 1C]). Soweit die Beschwerdeführerin dann (ohnehin gänzlich unbelegte) Auslagen (insb. Ausbildungskosten) für den neu erworbenen «Begleithund» geltend macht, ist festzuhalten, dass sich ein

Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 04.08.2025, Nrn. 100.2024.344/ 345U, Seite 5 krankheitsbedingter Zuschlag zum Grundbetrag nur rechtfertigt, wenn der Hund nachweislich ein «unabdingbares medizinisches Hilfsmittel» ist (Wuffli/Fuhrer, Handbuch unentgeltliche Rechtspflege im Zivilprozess, 2019, Rn. 309). Mit dem Bestätigungsschreiben ihrer Psychotherapeutin vom 9. November 2023 (act. 1C) vermag die Beschwerdeführerin eine entsprechende Qualifikation ihres Hundes von vornherein nicht darzutun (vgl. BGer 5A_696/2009 vom 3.3.2010 E. 3.2). Hinzu kommt, dass die Invalidenversicherung (IV) Pauschalbeiträge für die notwendigen Unkosten (insb. für Anschaffungs- sowie Futter- und Tierarztkosten) zu vergüten hat, falls der «Begleithund» der Beschwerdeführerin die Anforderungen für das Hilfsmittel «Assistenzhund» erfüllt (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20] i.V.m. Art. 14 Abs. 1 Bst. a der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201] und Art. 2 ff. sowie Ziff. 14.06 des Anhangs der Verordnung des EDI vom 29. November 1976 über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung [HVI; SR 831.232.51]). Es ist somit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin als IV-Rentnerin für die Kosten ihres «Begleithunds» nicht selber aufkommen muss, soweit dieser für sie medizinisch unabdingbar ist. Erfüllt der Hund die entsprechenden Anforderungen nicht, rechtfertigen die Kosten keinen Zuschlag, zumal die Auslagen für den Unterhalt und die Pflege von Haustieren bereits im Grundbetrag enthalten sind (BGE 128 III 337 E. 3b und 3c; BGer 5A_696/2009 vom 3.3.2010 E. 3.2; VGE 2017/209 vom 17.5.2018 E. 3.8). – In Bezug auf die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Umzugskosten gilt ebenfalls, dass gemäss KS B1 Beilage 1 Ziff. II/8 nur Auslagen für einen unmittelbar bevorstehenden Wohnungswechsel im Zwangsbedarf zu berücksichtigen sind (VGE 2012/102 vom 15.4.2013 E. 3.8.6). Es ist daher nicht zu beanstanden, dass die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Kosten für den bereits im Jahr 2022 erfolgten Umzug nicht angerechnet wurden. – Nach dem Gesagten bringt die Beschwerdeführerin nichts vor, was die Berechnung ihres Existenzminimums als rechtsfehlerhaft erscheinen

Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 04.08.2025, Nrn. 100.2024.344/ 345U, Seite 6 liesse. Es ist daher nicht zu beanstanden, dass die StRK das Vorliegen einer Notlage im Sinn von Art. 240b Abs. 1 Bst. b StG bzw. Art. 167 Abs. 1 DBG für unwahrscheinlich gehalten und damit Rekurs und Beschwerde gegen die Erlassentscheide vom 15. Mai 2024 im Rahmen einer summarischen Prüfung der Prozessaussichten als aussichtslos bewertet hat. Die Beschwerden erweisen sich als unbegründet und sind abzuweisen. – Für die Rechtsmittelverfahren betreffend Entscheide über Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 112 Abs. 3 Satz 2 i.V.m. Abs. 1 VRPG; vgl. BVR 2002 S. 526 E. 5b; VGE 2023/69/70 vom 9.4.2024 E. 6.1). Ersatzfähige Parteikosten sind keine angefallen (Art. 151 StG i.V.m. Art. 108 Abs. 3 und 104 Abs. 3 VRPG; Art. 145 Abs. 2 i.V.m. Art. 144 Abs. 4 DBG und Art. 64 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren [Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021]). – Die vorliegenden Entscheide fallen in die einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 57 Abs. 2 Bst. b des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).

Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 04.08.2025, Nrn. 100.2024.344/ 345U, Seite 7 Demnach entscheidet der Einzelrichter: 1. Die Verfahren betreffend die Kantons- und Gemeindesteuern sowie die direkte Bundessteuer werden vereinigt. 2. Die Beschwerden werden abgewiesen. 3. Es werden weder Verfahrenskosten erhoben noch Parteikosten gesprochen. 4. Zu eröffnen: - Beschwerdeführerin - Beschwerdegegnerin - Steuerrekurskommission des Kantons Bern - Eidgenössische Steuerverwaltung Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Rechtsmittelbelehrung Gegen dieses Urteil kann innert 30 Tagen seit Eröffnung beim Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, subsidiäre Verfassungsbeschwerde gemäss Art. 39 ff. und 113 ff. des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) oder, falls sich eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung stellt oder es sich aus anderen Gründen um einen besonders bedeutenden Fall handelt, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten gemäss Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. BGG geführt werden. Gegebenenfalls ist in der Begründung auszuführen, warum sich eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung stellt oder es sich aus anderen Gründen um einen besonders bedeutenden Fall handelt.

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