RVJ / ZWR 2020 235 Zivilprozessrecht – unentgeltliche Rechtspflege – KGE (Einzelrichter der Zivilkammer) vom 20. April 2020, X. – TCV C3 20 39 Teilgewährung der unentgeltlichen Rechtspflege - Die unentgeltliche Rechtspflege kann bei mehreren selbständige Rechtsbegehren, die unabhängig voneinander beurteilt werden können, auch bloss teilweise gewährt werden (Art. 118 Abs. 2 ZPO; E. 4.1). - Umfasst ein Rechtsbegehren mehrere Forderungsposten, ist eine Teilgewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ausgeschlossen. Diesfalls ist die unentgeltliche Rechtspflege entweder vollständig zu gewähren oder - bei offensichtlichem und massivem Überklagen - komplett abzuweisen (Art. 118 Abs. 2 ZPO; E. 4.1). - Aussichtslosigkeit darf bei heiklen Sachverhalts- und Rechtsfragen nicht leichthin angenommen werden, weil deren Beurteilung dem Sachgericht vorbehalten ist (E. 4.1). - Anwendungsfall (E. 4.2). Octroi partiel de l’assistance judiciaire - En présence de plusieurs conclusions indépendantes, qui peuvent être jugées indépendamment les unes des autres, l’assistance judiciaire peut également être octroyée de manière partielle (art. 118 al. 2 CPC ; consid. 4.1). - Si une conclusion recouvre plusieurs prétentions, un octroi partiel de l’assistance judiciaire est exclu. Dans un tel cas, l’assistance judiciaire doit être, soit accordée de manière complète, soit - en cas de conclusions manifestement exagérées – entièrement refusée (art. 118 al. 2 CPC ; consid. 4.1). - Le défaut de chance de succès ne doit pas être facilement admis lorsque se posent de délicates questions de fait ou de droit, celles-ci devant en effet être résolues par le tribunal devant juger la cause au fond (consid. 4.1). - Cas d’espèce (consid. 4.2).
Verfahren und Sachverhalt (gekürzt)
X. reichte eine Forderungsklage gegen Rechtsanwalt Y. ein und verlangte von ihm gestützt auf die Haftung als Anwalt Fr. 822 600.zuzüglich Zins. Sie warf ihm vor, er habe es als ihr Rechtsbeistand im Scheidungsverfahren verpasst, sichernden Massnahmen zu veranlassen, damit ihr Ex-Ehemann nicht Vermögenswerte – konkret Fr. 369 091.- – ins Ausland verschieben konnte. Ihr Klagebegehren setzte sie aus Forderungen aus Güterrecht von Fr. 600 000.- und nachehelichem Unterhalt von Fr. 222 600.- zusammen, die sie ihrer Meinung nach im Rahmen der Scheidung erhalten hätte, wenn ihre Ansprüche abgesichert worden wären.
236 RVJ / ZWR 2020 Das Bezirksgericht gewährte der Klägerin die unentgeltliche Rechtspflege nur teilweise, weil es die Klage einzig im Umfang von Fr. 184 545.50 als nicht aussichtslos erachtete. Es begründete, die Hälfte der ins Ausland transferierten Vermögenswerte von Fr. 369 091.stellte nach der gesetzlichen Vermutung Errungenschaft dar (Art. 200 Abs. 3 ZGB), womit die Klägerin in der Scheidung Fr. 184 545.50 hätte geltend machen können. Für den restlichen, aussichtslosen Teil der Klage verpflichtete es die Klägerin, einen Kostenvorschuss zu leisten, andernfalls darauf nicht eingetreten werde. Die Klägerin focht diesen Entscheid mit Beschwerde beim Kantonsgericht Wallis an und verlangte, die unentgeltliche Rechtspflege sei primär vollständig, subsidiär für Fr. 484 545.50 bzw. subsubsidiär für Fr. 369 091.- zu gewähren.