Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 20.02.2012 E-894/2009

February 20, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,873 words·~9 min·3

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl; Verfügung des BFM vom 7. Januar 2009 / N

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­894/2009 Urteil   v om   2 0 .   Februar   2012 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli,  Richterin Christa Luterbacher,  Gerichtsschreiberin Sarah Straub. Parteien A._____, geboren (…), Eritrea,   vertreten durch BAS Beratungsstelle für Asylsuchende der  Region Basel,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl;  Verfügung des BFM vom 7. Januar 2009 / N (…).

E­894/2009 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, ein Tigriner aus dem Dorf B._____ (in der Nähe  der  Stadt  C._____,  […]) mit  letztem Wohnsitz  in  C._____,  war  gemäss  eigenen Angaben während den  letzten Monaten  vor  seiner Ausreise  im  Gefängnis in D._____ inhaftiert. Von dort konnte er im (…) mit Hilfe eines  Freundes  seines  Vaters  fliehen  und  gelangte  in  einem Personenwagen  nach  Tokombia,  ging  zu  Fuss  über  die  Grenze  bis  nach  Hamdait  im  Sudan und reiste von dort – wiederum in einem Personenwagen – nach  Khartum. Im August 2004 verliess er Khartum und gelangte nach Tripolis  (Libyen),  wo  er  bis  Dezember  2006  blieb.  Danach  ging  er  auf  dem  Seeweg nach Sizilien und anschliessend mit dem Zug nach Mailand. Von  dort kam er in einem Auto am 30. Dezember 2006 in die Schweiz, wo er  gleichentags im (…) um Asyl nachsuchte. Anlässlich der Kurzbefragung durch das BFM vom 6. Februar 2007 und  der  Anhörung  vom  16.  April  2007  durch  die  zuständigen  kantonalen  Behörden  von  (…)  brachte  er  vor,  er  habe  von  1996  bis  2004  allein  in  C._____ gewohnt und dort die High School besucht, mit Unterbrechung  von  Juni  2000  bis  Juni  2001,  als  vorübergehend  auch  Schüler  zum  Militärdienst  eingezogen  worden  seien.  Seine  Eltern  seien  ehemalige  Befreiungskämpfer gewesen und sein Vater habe anschliessend  für den  Staat  gearbeitet.  Im  (…)  sei  er  (der  Vater)  aus  unbekannten  Gründen  inhaftiert  worden.  Die  Familie  habe  anfänglich  gedacht,  er  sei  aus  beruflichen  Gründen  für  einige  Monate  verreist,  wie  es  dem  Beschwerdeführer  mitgeteilt  worden  sei,  als  er  Mitte  2003  für  eine  Unterschrift  in  dessen  Büro  gegangen  sei.  Als  sein  Vater  jedoch  nicht  zurückgekommen  sei,  habe  er  alles  seinem  Bruder  erzählt,  und  dieser  habe ihn in seinem Urlaub vom Nationaldienst im (…) zur Verwaltung von  C._____  begleitet,  um  sich  nach  dem  Vater  zu  erkundigen.  Man  habe  ihnen  gesagt,  es  gehe  sie  nichts  an,  wo  ihr  Vater  sei,  und  sie  hätten  nichts machen können. Er habe danach noch zwei bis drei weitere Male  bei  der  Verwaltung  vorgesprochen.  Im  (…),  als  er  erneut  mit  seinem  Bruder  bei  der  Verwaltung  gewesen  sei,  hätten  die  Angestellten  die  Polizei gerufen, und diese habe sie festgenommen und an getrennte Orte  gebracht. Nach  der  Festnahme  sei  er  einen  Monat  auf  dem  Polizeiposten  von  C._____  inhaftiert  gewesen  und  danach  ins  Gefängnis  (…)  in  D._____  gebracht  worden.  Dort  habe  man  ihn  befragt  und  ihm  gesagt,  er  solle 

E­894/2009 nicht daran denken, etwas über seinen Vater zu erfahren. Nachdem der  Vorgesetzte des Gefängnisses ausgewechselt worden sei, habe man ihn  im  (…)  ins Gefängnisbüro  gerufen  und gefragt,  ob  er  derjenige  sei,  der  über seinen verräterischen Vater Fragen gestellt habe. Er sei mit einem  Metallstab  geschlagen  und  gezwungen  worden,  während  mehreren  Minuten  im Stehen Tretbewegungen  zu machen,  danach habe man  ihn  zurückgebracht.  Anfang  (…)  sei  er  aus  ihm  unerklärlichen  Gründen  in  einem  verschlossenen  Auto  nach  E._____  gebracht  und  einem  Mann  übergeben worden, der ihn in den Sudan gebracht habe. Später habe er  erfahren,  dass  der  neue  Gefängnisleiter  ein  Freund  seines  Vaters  gewesen sei. Vom Sudan sei er  im August 2004 nach Libyen gereist und er habe bis  Dezember  2006  als  Handlanger  ohne  eine  Arbeitsbewilligung  in  einem  Restaurant  namens  F._____  in  Tripolis  gearbeitet.  Er  habe  dort  sieben  Tage  in  der Woche  gearbeitet  und  pro  Tag  zehn Dinar  verdient.  Als  er  von den Behörden erwischt worden sei, habe man ihm sein ganzes Geld  abgenommen, und er sei geschlagen worden. In der Zeit  in Libyen habe  er nie ruhig schlafen können, niemand habe ihm helfen können. Es seien  viele  Eritreer  inhaftiert  gewesen,  und  es  habe  viele  Zwangsrückschaffungen gegeben. Er habe deshalb von seinem Lohn das  nötige Geld gespart, um in die Schweiz zu reisen. Als Beweismittel  reichte der Beschwerdeführer  ein Diplom der  (…)  vom  (…) und ein Sekundarschulzeugnis des (…) für das Schuljahr (…) ein. B.  Mit  Verfügung  vom  7.  Januar  2009  –  eröffnet  am  12.  Januar  2009 –  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft,  lehnte  das  Asylgesuch  ab  und wies  ihn  aus  der  Schweiz  weg.  Gleichzeitig  ordnete  es  wegen  Unzulässigkeit  der  Wegweisung die vorläufige Aufnahme an. Zur Begründung führte es aus,  die  Vorbringen  seien  widersprüchlich  und  unsubstanziiert  und  würden  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  standhalten,  so  dass  deren Asylrelevanz  nicht  zu  prüfen  sei.  Aufgrund  der  illegalen Ausreise  aus  Eritrea  im  militärpflichtigen  Alter  bestehe  jedoch  die  begründete  Furcht, bei einer Rückkehr ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  ausgesetzt  zu  werden.  Der  Beschwerdeführer  erfülle  daher  aufgrund  von  subjektiven  Nachfluchtgründen die Flüchtlingseigenschaft und sei deshalb vorläufig in 

E­894/2009 der  Schweiz  aufzunehmen.  Für  Einzelheiten  wird,  soweit  entscheidwesentlich, auf die nachstehenden Erwägungen verwiesen. C.  Der Beschwerdeführer  liess den vorinstanzlichen Entscheid mit Eingabe  seiner  Rechtsvertretung  vom  11.  Februar  2009  beim  Bundesverwaltungsgericht  anfechten.  In  materieller  Hinsicht  beantragte  er  die  Aufhebung  der  Verfügung  des  BFM  im  Asylpunkt  und  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  unabhängig  von  subjektiven  Nachfluchtgründen  sowie  die  Gewährung  von  Asyl.  In  prozessualer  Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.  Als Beweismittel reichte er mehrere Berichte zur Lage in Eritrea ein. Für  die  Begründung  und  Einzelheiten  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  auf  die nachstehenden Erwägungen verwiesen. Mit  Schreiben  vom  4.  März  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Bestätigung seiner Fürsorgeabhängigkeit zu den Akten. D.  Die  vormals  zuständige  Instruktionsrichterin  stellte  mit  Verfügung  vom    16.  März  2009  fest,  Gegenstand  des  Verfahrens  seien  einzig  die  Gewährung von Asyl und die Anordnung der Wegweisung. Sie hiess das  Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren vom  20.  Dezember  1968  (VwVG,  SR 172.021)  gut,  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  lud  das  BFM  zur  Vernehmlassung ein. E.  Das BFM hielt  in der Vernehmlassung vom 18. März 2009, welche dem  Beschwerdeführer  am  26.  März  2009  zur  Kenntnis  gebracht  wurde,  an  seiner  Verfügung  vom  7.  Januar  2009  fest  und  beantragte  die  vollumfängliche Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den 

E­894/2009 Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend  – endgültig  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2  Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht. Der Beschwer­ deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die  angefochtene Verfügung besonders  berührt  und hat  ein  schutzwürdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er  ist  daher  zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1  AsylG,  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen  oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in 

E­894/2009 wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte  oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.3 Flüchtlingen wird  unter  anderem dann nicht Asyl  gewährt, wenn  sie  erst  durch  ihre  Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  oder  wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise zu Flüchtlingen im Sinne von  Art. 3 AsylG wurden (subjektive Nachfluchtgründe nach Art. 54 AsylG). 4.  4.1  Zur  Begründung  ihres  angefochtenen  Entscheids  führte  die  Vorinstanz aus, der Beschwerdeführer widerspreche sich in wesentlichen  Punkten,  namentlich  bezüglich  der  Personen,  welche  mit  ihm  bei  der  Verwaltung  vorgesprochen  hätten,  der Gründe  für  die Vorsprachen  und  der  Umstände  seiner  Flucht  aus  dem  Gefängnis.  Weiter  könne  nicht  nachvollzogen werden, weshalb die Familie erst  (…) nach dem Verbleib  des Vaters gefragt habe, nachdem dieser bereits  im  (…) verschwunden  sei,  und  es  könne  nicht  geglaubt  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  wegen der blossen Nachfrage nach seinem Vater während vier Monaten  inhaftiert,  befragt  und  misshandelt  worden  sei.  Sodann  seien  dessen  Vorbringen  zu  wenig  konkret,  detailliert  und  differenziert  dargelegt  worden.  Die  Angaben  zu  seiner  Ausbildung  und  Arbeit  seien  trotz  mehrmaligen  Nachfragens  rudimentär  geblieben,  und  zur  Inhaftierung  und  Flucht  habe  er  keine  konkreten  und  differenzierten  Aussagen  gemacht.  Die  Schilderung  der  Probleme  mit  den  Behörden,  der  Inhaftierung  und  der  Flucht  würden  nicht  im  Entferntesten  selbsterlebt  wirken. Der Beschwerdeführer sei bei Rückfragen zu Unstimmigkeiten in  seinen  Vorbringen  durch  unruhiges  und  ungehaltenes  Verhalten  aufgefallen  und  habe,  was  in  seinen  Ausführungen  nicht  einleuchtend  gewesen sei, damit erklärt, dass er erst später  in Libyen davon erfahren  habe.  Die  Vorbringen  seien  daher  insgesamt  als  unglaubhaft  zu  qualifizieren, und ihre Asylrelevanz sei deshalb nicht zu prüfen. Den Akten sei zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer Eritrea im (…)  illegal und im militärpflichtigen Alter verlassen habe. Dies werde von den  eritreischen  Behörden  grundsätzlich  sehr  streng  bestraft,  wobei  sich  Strafmassnahmen  durch  ein  hohes  Mass  an  Brutalität  auszeichnen  würden.  Damit  habe  er  begründete  Furcht,  bei  einer  Rückkehr  nach  Eritrea  ernsthaften Nachteilen  im Sinne  von Art. 3  AsylG  ausgesetzt  zu  werden,  womit  er  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle.  Indessen  sei  ihm  gemäss  Art. 54  AsylG  kein  Asyl  zu  gewähren,  da  er  erst  durch  die 

E­894/2009 Ausreise  aus  dem  Heimatstaat  zum  Flüchtling  geworden  sei  und  die  Flüchtlingseigenschaft somit auf subjektiven Nachfluchtgründen beruhe. Da  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle,  werde  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  gemäss  Art. 5  Abs. 1  AsylG  angewandt und der Vollzug der Wegweisung als unzulässig erachtet. Er  sei deshalb in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 4.2  In  der  Rechtsmitteleingabe  macht  der  Beschwerdeführer,  soweit  er  nicht  den  Sachverhalt  wiedergibt  oder  sich  zur  allgemeinen  Lage  in  Eritrea  äussert,  geltend,  er  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft,  weil  er  aufgrund  der  politischen  Anschauungen  seines  Vaters  im  Sinne  einer  Reflexverfolgung  aktuellen,  gezielten  und  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  gewesen  sei  und  begründete  Furcht  davor  habe,  künftig  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Seitens  der  eritreischen  Behörden könne er keinen Schutz erwarten. Er  bestreitet  das  Vorliegen  von Unglaubhaftigkeitsmerkmalen  und weist  darauf  hin,  dass  die  geschilderten Erlebnisse  einige  Jahre  zurückliegen  würden  und  zu  beachten  sei,  dass  Asylsuchende  –  zum  Teil  kulturell  bedingt – nicht ein nach Tagen, Wochen und Monaten gerichtetes Leben  führen  würden.  Bezüglich  der  Personen,  welche  ihn  zur  Verwaltung  begleitet  hätten,  liege  kein Widerspruch  vor,  da  er  zwar  in  der  zweiten  Anhörung  nicht  mehr  erwähnt  habe,  dass  die  Mutter  bei  der  letzten  Vorsprache  dabei  gewesen  sei,  sie  jedoch  auch  nicht  explizit  als  abwesend  bezeichnet  habe.  Wenn  man  bedenke,  dass  die  beiden  Männer  wahrscheinlich  die  Hauptakteure  gewesen  seien,  sei  nicht  unwahrscheinlich,  dass  er  die Mutter  nicht  erwähnt  habe, weil  sie  nicht  am  Geschehen  beteiligt  gewesen  sei.  Es  sei  weiter  nicht  erstaunlich,  dass  er  nach  fünf  Jahren  nicht  mehr  wisse,  ob  die  Verhaftung  (…)  gewesen  sei,  und  es  stimme  nicht,  dass  die  Angaben  zu  den  Vorsprachen  und  zur  Verhaftung  divergieren  würden.  Bezüglich  der  Auswechslung  der  Gefängnisleitung  habe  er  keinen  genauen  Zeitpunkt  genannt,  sondern  lediglich  angegeben,  dass  dies  gegen  Ende  seiner  Haftzeit gewesen sei. Es könne deshalb auch sein, dass die Inhaftierung  und Misshandlung  im  (…)  noch  vor  dem Wechsel  der Gefängnisleitung  stattgefunden habe. Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz sei es in  einem  afrikanischen  Kontext  auch  durchaus  nachvollziehbar,  dass  eine  Familie nicht nach dem Vater frage, bis keine Zahlungen mehr eintreffen  würden.  Der  Vater  habe  die  Funktion  des  Ernährers,  und  persönliche  Beziehungen bestünden oft nicht oder nur im Hintergrund. Die Behörden 

E­894/2009 hätten den Beschwerdeführer verhaftet, um ihn unter Kontrolle zu haben,  da  er  wahrscheinlich  allzu  hartnäckig  nach  seinem  Vater  gefragt  habe,  welchem verräterische politische Aktivitäten vorgeworfen worden seien. Soweit  er  danach  gefragt  worden  sei,  habe  der  Beschwerdeführer  konkrete und detaillierte Angaben gemacht; der Vorwurf, seine Erlebnisse  zu  wenig  detailliert  ausgeführt  und  seine  Vorbringen  nicht  hinreichend  begründet  zu  haben,  treffe  nicht  zu.  Das  bisweilen  unruhige  und  ungehaltene  Verhalten  anlässlich  der  Anhörung  vom  16.  April  2007  sei  darauf  zurückzuführen,  dass  er  sich  nicht  wohl  gefühlt  habe  und  es  zwischen den beteiligten Personen eine persönliche Abneigung gegeben  habe.  5.  5.1  Aus  den  vorinstanzlichen  Akten  geht  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer das Protokoll der Anhörung vom 16. April 2007 nur bis  Seite 22 visiert und nicht unterzeichnet hat und auch die Unterschrift der  Übersetzerin  fehlt.  Der  dem  Protokoll  beigehefteten  Bemerkung  der  Befragerin  ist  zu  entnehmen,  dass  er  während  der  Befragung  sehr  unruhig  und  aggressiv  gewesen  sei.  Er  habe  immer  wieder  darauf  hingewiesen werden müssen, sich höflich zu benehmen, und alle hätten  den  Eindruck  gehabt,  dass  er  Deutsch  perfekt  verstehe.  Bei  der  Rückübersetzung  der  Seite  22  sei  er  erneut  ausgerastet  und  habe  gesagt, er sei nicht  ins Gefängnis gebracht, sondern dorthin gewechselt  worden, wobei er den Kugelschreiber auf den Tisch geworfen habe und  mit  dem Stuhl  gegen die Wand gerutscht  sei. Er  habe die Übersetzerin  verbal angegriffen; diese habe versucht,  ihm zu erklären, dass zwischen  den  beiden  fraglichen  Verben  im  Prinzip  kein  Unterschied  bestehe.  Er  habe  jedoch  nicht  zugehört,  sei  aufgestanden  und  habe  den  Kugelschreiber erneut auf den Tisch geworfen. Es sei so weit gegangen,  dass die Übersetzerin die Rückübersetzung schliesslich verweigert habe.  Dem  Beschwerdeführer  sei  dies  egal  gewesen,  und  somit  sei  das  Protokoll  ab  Seite  22  nicht  mehr  rückübersetzt  worden.  Die  Notiz  des  Hilfswerksvertreters  vom  18.  April  2007  bestätigt,  dass  die  Rückübersetzung  auf  Seite  22  abgebrochen  worden  sei  und  der  Beschwerdeführer gesagt habe, er sei wortwörtlich von der Polizeistation  ins  Gefängnis  "gewechselt"  worden,  wogegen  im  Protokoll  "gebracht"  stehe. Man habe versucht, dem Beschwerdeführer klar zu machen, dass  dies  dasselbe  bedeute.  Der  Hilfswerksvertreter  bestätigt  weiter,  das  gesamte  Befragungsprotokoll  gelesen  zu  haben;  dessen  Inhalt  entspreche  dem,  was  er  während  der  Befragung  gehört  und  miterlebt 

E­894/2009 habe. In der Beschwerdeschrift  führt der Beschwerdeführer dazu aus, er  habe  sich  während  der  Befragung  nicht  wohl  gefühlt,  und  es  habe  persönliche  Abneigungen  gegeben;  er  macht  jedoch  nicht  geltend,  während der Anhörung gemachte Aussagen seien nicht oder nicht richtig  protokolliert  oder  Aspekte  seiner  Vorbringen  seien  von  der  Vorinstanz  nicht berücksichtigt worden. 5.2  Vorab  kann  festgehalten  werden,  dass  sich  aus  dem  fraglichen  Protokoll der Anhörung vom 16. April 2007 keine Hinweise auf unhöfliche  oder  anmassende  Antworten  seitens  des  Beschwerdeführers  ergeben.  Die Analyse der Antworten  lässt auch nicht den Schluss zu, dass dieser  unruhig  oder  nervös  geworden  wäre.  Hingegen  wird  aus  den  Klammerbemerkungen  ersichtlich,  dass  er  seitens  der  Befragerin  mehrmals  aufgefordert  wurde,  sich  anständig  zu  benehmen  (vgl.  Akten  BFM  A8  S. 19  und  S. 21),  dass  er  den  Kugelschreiber  auf  den  Tisch  geworfen  habe  (A8  S. 19)  und  wiederholt  ungehalten  gewesen  sei  (A8  S. 23).  Im  Protokoll  ist  auch  festgehalten,  dass  er  sich  für  das  beanstandete Verhalten entschuldigte (A8 S. 21 und S. 23). Bei der Lektüre des Protokolls  fällt auf, dass Erklärungen der Befragerin  und Aufforderungen zu einer Aussage sowie Notizen, wonach eine Frage  wiederholt  wurde,  häufig  mit  einem  Ausrufezeichen  versehen  sind  (A8  S. 7,  S. 10,  S. 11,  S. 12,  S. 14,  S. 18,  S. 20,  S. 21,  S. 22).  Mit  dem  Ausrufezeichen  verleiht  man  dem  Inhalt  der  vorangehenden  Ausführungen  besonderen  Nachdruck.  Die  auffallend  häufige  Verwendung  dieses  Zeichens  vermittelt  den  Eindruck,  dass  die  Befragerin  einen  gewissen  Druck  ausübte  und  ihr  die  nötige  professionelle  Distanz  fehlte.  Vor  diesem  Hintergrund  ist  verständlich,  dass  der  Beschwerdeführer  sich  unwohl  fühlte  und  nervös  wurde.  Das  Gefühl einer persönlichen Abneigung gegen ihn ist nachvollziehbar.  Gemäss den Klammerbemerkungen  im Protokoll und den Bemerkungen  der  Befragerin  kam  diese  zum  Schluss,  dass  der  Beschwerdeführer  Deutsch  sehr  gut  verstehe,  da  er  nach  der Übersetzung  immer mit  "ja"  geantwortet  respektive  bisweilen  die  Übersetzung  nicht  vollständig  abgewartet habe (A8 S. 18, S. 20, S. 30). Diese Auffassung ist in Zweifel  zu  ziehen.  Das  beschriebene  Verhalten  deutet  eher  auf  Unruhe  oder  Nervosität  hin.  Für  die  Beantwortung  einer  Anschlussfrage  im  klar  umrissenen  Kontext  einer  Schilderung  genügt  meist  ein  ungefähres  Verständnis,  das  schnelle  Unterbrechen  einer  Erklärung  mit  einem  einfachen Ja deutet eher auf Ungeduld oder Unverständnis hin. 

E­894/2009 5.3 Die Anhörung vom 16. April 2007 durch die zuständigen kantonalen  Behörden  von  (…)  verlief  somit  in  den  erwähnten  Punkten  nicht  zufriedenstellend.  Insbesondere weist das Protokoll Mängel auf. So fehlt  die Unterschrift  des  Beschwerdeführers,  und  es wurde  nicht  vollständig  rückübersetzt.  Dem  Beschwerdeführer  ist  jedoch  hieraus  keinerlei  Nachteil  erwachsen.  Er  konnte  sich  umfassend  zu  seinen  Asylgründen  äussern,  und  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  ist  genügend  erstellt.  Gemäss  den  Akten  hat  er  zudem  die  protokollierten  Aussagen  nicht  beanstandet, womit davon ausgegangen werden darf, dass das Protokoll  korrekt  abgefasst  wurde.  Somit  schadet  der  festgestellte  Verfahrensmangel der Rechtsgültigkeit der Anhörung nicht. 6.  6.1 In der angefochtenen Verfügung geht die Vorinstanz zu Recht davon  aus,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  nicht  hinreichend  begründet  sind.  Seine  Vorbringen,  insbesondere  zu  seiner  Verhaftung,  zum  Transfer  in  das  Gefängnis  von  D._____  und  zum  Verschwinden  seines  Vaters,  blieben  wenig  konkret,  nicht  detailliert  und  oberflächlich,  und  sie  wirken  nicht  selbsterlebt.  Die  in  der  Rechtsmitteleingabe  als  konkret  und  detailliert  bezeichneten  Angaben  zur  Flucht  beschränken  sich  ebenfalls  auf  Eckdaten  und  vermögen  kein  einheitliches  Bild  zu  zeichnen.  Es  erscheint  ausserdem  im  eritreischen  Kontext  sehr  unwahrscheinlich, dass die Flucht – wie beschrieben – durch zwei Helfer  ermöglicht  wurde,  da  sich  diese  dadurch  selbst  in  grosse  Gefahr  von  Gefangennahme  und  Folter  begeben  hätten.  Die  geltend  gemachte  Flucht erscheint vor diesem Hintergrund konstruiert. Bezüglich  der  vorgebrachten  Reflexverfolgung  aufgrund  der  politischen  Anschauungen seines Vaters ist anzumerken, dass auch diese Aussagen  des Beschwerdeführers äusserst allgemein und oberflächlich ausgefallen  sind. Insbesondere machte er keinerlei Angaben zu den Gründen für die  Verfolgung des Vaters oder zu spezifischen Vorkommnissen. Er brachte  einzig  vor,  sein  Vater  sei  früher  ein  Tegadalay  –  ein  eritreischer  Freiheitskämpfer  –  gewesen,  und  habe  danach  bis  (…)  für  den  Staat  gearbeitet. Aus unerklärlichen Gründen sei er verhaftet worden, wie man  ihm  (dem Beschwerdeführer)  gesagt  habe, weil  er  (…) unterstützt  habe  (A8 S. 12 und 13). Diese nicht weiter begründeten Vorbringen erscheinen  wenig  glaubhaft.  Im  Übrigen  ist  angesichts  des  Umstandes,  dass  der  Vater  bereits  vor  zehn  Jahren  festgenommen  wurde  und  die  Behörden  somit auf Informationen der Familienangehörigen nicht angewiesen sind,  kein Motiv für Reflexverfolgung ersichtlich.

E­894/2009 Sodann sind die Vorbringen des Beschwerdeführers durch nichts belegt.  Weder  im  vorinstanzlichen  Verfahren  noch  im  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  hat  er  Unterlagen  eingereicht,  welche  seine  Vorbringen belegen könnten. Es ist aus den Akten auch nicht ersichtlich,  dass er sich um Beweismittel bemüht hätte, was unter den vorliegenden  Umständen und aufgrund seiner Vorbringen sowie der ihm gemäss Art. 8  AsylG obliegenden Mitwirkungspflicht zu erwarten gewesen wäre. 6.2 Es ist dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen, eine im Zeitpunkt  seiner  Ausreise  aus  Eritrea  bestehende  oder  drohende  asylrechtlich  relevante  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen.  Damit  erübrigen  sich  weitere  Ausführungen  zur  Glaubwürdigkeit  des  Beschwerdeführers  und  zu  Widersprüchen  in  seinen  Vorbringen.  Das  BFM  hat  demnach  zu  Recht  festgestellt,  dass  er  erst  durch  seine  Ausreise  aus  dem  Heimatstaat  zum  Flüchtling  wurde,  die  Flüchtlingseigenschaft  mithin  auf  subjektiven  Nachfluchtgründen  beruht.  Es hat das Asylgesuch somit zu Recht abgewiesen. 7.  7.1  Lehnt  das  Bundesamt  das  Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.2 Der  Beschwerdeführer  verfügt  weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). 8.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  ist  nicht  Gegenstand  des  vorliegenden  Verfahrens,  da  dessen  Unzulässigkeit  bereits  vorinstanzlich  festgestellt  und  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  angeordnet worden ist. 9.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

E­894/2009 10.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  zwar  die  Kosten  dem  Be­ schwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Da  ihm  aber  mit  Zwischenverfügung  vom 16. März  2009  die  unentgeltliche Rechtspflege  gemäss  Art. 65  Abs. 1  VwVG  gewährt  wurde  und  aufgrund  der  vorliegenden Aktenlage von seiner Bedürftigkeit auszugehen ist, sind ihm  keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­894/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und (…). Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Bruno Huber Sarah Straub Versand:

E-894/2009 — Bundesverwaltungsgericht 20.02.2012 E-894/2009 — Swissrulings