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Bundesverwaltungsgericht 21.09.2011 E-8648/2010

September 21, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,782 words·~14 min·2

Summary

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung nach Italien (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 2. Dezember 2010

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­8648/2010 Urteil   v om   2 1 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter  Kurt  Gysi,  Richterin  Gabriela  Freihofer,  Richter  Walter Stöckli, Richterin Jenny de Coulon,   Gerichtsschreiberin Stella Boleki. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), Afghanistan,    beide  vertreten  durch  Carmen  Lehmann,  Amt  für  Jugend­  und Berufsberatung Zürich\Zentralstelle MNA, (..),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten  auf  Asylgesuch  und  Wegweisung  (Dublin­ Verfahren); Verfügung des BFM vom 2. Dezember 2010 / N  (…).

E­8648/2010 Sachverhalt: A.  Die  aus  C._______  (Provinz  Herat)  stammenden  minderjährigen  afghanischen  Staatsangehörigen  verliessen  ihre  Heimat  eigenen  Angaben  zufolge  am  30.  Juni  2010  mit  ihrem  volljährigen  Bruder  G._______[N (…];        […]) und reisten am 14. September 2010 illegal in  die  Schweiz  ein,  wo  sie  am  20.  September  2009  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ um Asyl nachsuchten. B.  Der Meldung der europäischen Fingerabdrucksdatenbank "Eurodac" vom  21.  September  2010  konnte  hinsichtlich  A._______  kein  Eintrag  entnommen werden. Betreffend B._______  liegt keine Eurodac­Meldung  in den Akten.  Ihr älterer Bruder G._______ wurde am 10. September  in  Italien  in  der  Eigenschaft  als  "Asylbewerber"  mit  der  Kennziffer  "1"  daktyloskopisch erfasst.  B.a.  Am  29.  September  2010  wurde  B._______  das  rechtliche  Gehör  zum  sogenannten  Dublin­Verfahren  gewährt.  Am  selben  Tag  wurden  A._______  beziehungsweise  am  4.  Oktober  2010  B._______  im  Transitzentrum Altstätten zu den Personalien, den Familienverhältnissen  und den Aufenthalten  in  anderen Ländern befragt, wobei  sich das BFM  hinsichtlich  des  Reisewegs  und  des  Datums  sowie  der  Umstände  der  Einreise  in  die  Schweiz  grösstenteils  auf  die  Angaben  von  G._______  abstützte (vgl. BFM­Akte A1 S.5, A2 S. 5). Alle drei Befragungen fanden  in Anwesenheit von G._______ statt. Der  ältere  der  beiden minderjährigen  Beschwerdeführenden  A._______  führte dabei aus, sie (die drei Brüder) seien im Boot von der italienischen  Polizei  aufgegriffen  und  in  eine  ihm  unbekannte  Stadt  auf  einen  Polizeiposten  gebracht  worden,  wo  die  Polizei  mit  ihrem  volljährigen  Bruder gesprochen habe. Anderntags seien sie entlassen und mit einem  Schlepper  zu  einem Bahnhof  gebracht  worden,  von wo  sie  per  Zug  zu  einer ihm unbekannten Stadt gefahren seien. Nachdem sie einen halben  Tag  gewartet  hätten,  habe  sie  der  Schlepper  per  Auto  in  die  Schweiz  gefahren. B.b.  Im  Hinblick  auf  einen  allfälligen  Nichteintretensentscheid  nach  Art. 34  Abs.  2  Bst.  d  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  und  einen Wegweisungsvollzug  nach  Italien  oder Griechenland  führten  die  Beschwerdeführenden  anlässlich  der  Gewährung  des 

E­8648/2010 rechtlichen  Gehörs  aus,  nicht  dorthin  zurückkehren  zu  wollen;  in  Griechenland  seien  sie  unmenschlich  behandelt  worden  und  auch  in  Italien  sei  es  sehr  unangenehm  gewesen.  Die  Menschen  dort  seien  komisch  gewesen,  so  dass  es  zu  einem  Streit  zwischen  dem  älteren  Bruder und einigen dortigen Personen gekommen sei.  B._______ führte diesbezüglich zusätzlich aus, in Griechenland seien sie  von  der  Polizei  voneinander  getrennt  worden  und  der  ältere  Bruder  sei  vor  ihren  Augen  geschlagen  und  nackt  ausgezogen  worden,  danach  seien  auch  sie  geschlagen  worden.  In  Italien  hätten  ihnen  zwei  ältere  Männer  in  der  Bahnhoftoilette  nachgestellt,  dabei  hätten  sie  ihnen  zugezwinkert. Im Übrigen gab er an, kein Asylgesuch in Italien gestellt zu  haben.  C.  Das  BFM  teilte  der  zuständigen  kantonalen  Migrationsbehörde  mit  Schreiben  vom  29.  September  2010,  welches  am  11.  Oktober  2010  zugestellt wurde, mit,  es handle sich bei den Beschwerdeführenden um  unbegleitete  minderjährige  Asylsuchende,  weshalb  gestützt  auf  die  geltenden Vorschriften unverzüglich Schutzmassnahmen in die Wege zu  leiten seien oder die zuständige Vormundschaftsbehörde zu  informieren  sei.  Am  11. Oktober  2010  wurden  die  Beschwerdeführenden  für  die  Dauer des Verfahrens dem Kanton E._______ zugeteilt. D.  Mit  Schreiben  vom  15.  Oktober  2010  ersuchte  das  BFM  Italien  um  Rückübernahme  der  Beschwerdeführenden  gestützt  auf  Art. 16  Abs.  1  Bst. c der Verordnung EG Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003  zur  Festlegung  von  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrages  zuständig ist (Dublin­II­VO).  E.  Am 19. November 2010 teilte die Vorinstanz den italienischen Behörden  auf  elektronischem  Weg  mit,  dass  sie  von  der  stillschweigenden  Zustimmung zur Wiederaufnahme der Asylsuchenden infolge Verfristung  Kenntnis genommen hätten und Italien gestützt auf Art. 20 Abs. 1 Bst. c  Dublin­II­VO für die Überprüfung des Asylgesuchs zuständig sei.  F.  Mit  Schreiben  vom  23.  November  2010  (Eingang  BFM:  1.  Dezember 

E­8648/2010 2010)  stellte  die  gesetzlich  zuständige  Vertretung  der  Beschwerdeführenden  ein  Gesuch  um  Akteneinsicht  und  rechtliches  Gehör. Dabei beantragte sie, dieses sei ihr vor einem allfälligen negativen  Entscheid zu gewähren.  G.  Mit  Verfügung  vom  2.  Dezember  2010,  welche  den  Beschwerdeführenden am 10. Dezember 2010 direkt eröffnet wurde, trat  das BFM gestützt auf Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG auf deren Asylgesuche  nicht  ein,  ordnete  die  gemeinsame Wegweisung  nach  Italien mit  deren  volljährigem  Bruder  (N  […])  an  und  forderte  sie  auf,  die  Schweiz  spätestens  am  Tag  nach  Ablauf  der  Beschwerdefrist  zu  verlassen.  Zudem  wurde  festgehalten,  dass  einer  Beschwerde  gegen  diesen  Entscheid  keine  aufschiebende  Wirkung  zukomme  und  die  editionspflichtigen  Verfahrensakten  den  Beschwerdeführenden  gemäss  Aktenverzeichnis ausgehändigt würden. Auf  die  Begründung  wird  –  soweit  für  den  Entscheid  relevant  –  in  den  Erwägungen eingegangen. H.  Mit  Schreiben  vom  16.  Dezember  2010  (Poststempel:  17.  Dezember  2010)  erhoben  die  Beschwerdeführenden  durch  ihre  gesetzliche  Vertreterin  beim  Bundesverwaltungsgericht  gegen  die  vorinstanzliche  Verfügung Beschwerde und beantragten, die angefochtene Verfügung sei  aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, das Asylgesuch materiell zu  behandeln,  (eventualiter)  sei  festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführenden  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllten  und  es  sei  ihnen  Asyl  zu  gewähren,  subeventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit,  Unzulässigkeit  und  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  Beschwerdeführenden  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen.  Subsubeventualiter  sei  die  Vorinstanz  anzuweisen,  das  Recht  des  Selbsteintritts  auszuüben  und  sich  für  die  vorliegende  Asylverfahren für zuständig zu erklären.  In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, es sei der Beschwerde  die  aufschiebende  Wirkung  zu  gewähren  und  es  seien  die  Vollzugsbehörden  unverzüglich  anzuweisen,  von  allfälligen  Vollzugsmassnahmen  abzusehen.  Weiter  sei  im  Sinne  einer  vorsorglichen  Massnahme  die  Kontaktaufnahme  mit  dem  Heimatstaat  sowie  jegliche Weitergabe  von  Daten  an  denselben  bis  zum  Entscheid  über  die  Beschwerde  zu  sistieren.  Vor  einer  allfälligen  Ablehnung  der 

E­8648/2010 Beschwerde sei eine eventuell bereits erfolgte Datenweitergabe offen zu  legen  und  den  Beschwerdeführenden  dazu  das  rechtliche  Gehör  im  Hinblick  auf  subjektive  Nachfluchtgründe  zu  gewähren.  Ferner  sei  den  Beschwerdeführenden die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren.  Auf  die  Begründung  wird  –  soweit  für  den  Entscheid  relevant  –  in  den  Erwägungen eingegangen. I.  Mit  Telefax  vom  20.  Dezember  2010  setzte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Vollzug  der  Wegweisung  sofort  einstweilen aus. J.  Nach  Eingang  der  vorinstanzlichen  Akten  beim  Bundesverwaltungsgericht  ordnete  dieses  mit  Verfügung  vom  22.  Dezember  2010  an,  die  bereits  per  Telefax  vom  20.  Dezember  2010  superprovisorisch  angeordnete  Aussetzung  des  Vollzuges  gestützt  auf  Art.  56  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sei  weiterhin  aufrechtzuerhalten.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  hiess  es  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Verfahrenskostenvorschusses. Des Weiteren verfügte es die koordinierte  Behandlung  der  Verfahren  (…)  ([…])  und  (…)  ([…])  und  lud  die  Vorinstanz insbesondere hinsichtlich einer allfälligen Anwendung von Art.  6 Abs. 2 Dublin­II­VO zur Vernehmlassung ein.   K.  Am 31. Dezember 2010 reichte die Vorinstanz innert der ihr angesetzten  Frist eine Vernehmlassung zu den Akten und beantragte die Abweisung  der Beschwerde.  L.  Mit Verfügung vom 10. Januar 2011 forderte die Instruktionsrichterin des  Bundesverwaltungsgerichts  die  Beschwerdeführenden  auf,  zu  den  vorinstanzlichen  Ausführungen  Stellung  zu  nehmen,  worauf  diese  das  Replikrecht  durch  ihre  Rechtsvertreterin  mit  Eingabe  vom  24.  Januar  2011  fristgerecht  wahrnahmen  und  Kopien  eines  sie  betreffenden  Arztberichtes von med. H._______, Praxis Dr. med. I._______ und med.  H._______, Fachärzte für Allgemeinmedizin und Klassische Homöopathie  FMH/SVHA,  (…), vom 18. Januar 2011 sowie einer sie betreffende und  an  die  Rechtsvertreterin  adressierte  Email  von  einer  Betreuungsperson 

E­8648/2010 des  AOZ  MNA­Zentrums  Lilienberg  vom  21.  Dezember  2010  zu  den  Akten reichten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art.  33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet auf dem Gebiet des Asyls gemäss Art. 105 AsylG endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht. 1.2.   Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 2  AsylG, Art. 37 VGG i.V.m. Art. 52 VwVG). Die Beschwerdeführenden sind  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art.  48  Abs.  1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde ist – unter nachfolgendem Vorbehalt E. 3.1 – einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­8648/2010 3.  3.1.  Nach  herrschender  Rechtspraxis  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK),  welche  vom  Bundesverwaltungsgericht  weitergeführt  wird,  kommt  diesem  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  das  BFM  es  ablehnt,  das  Asylgesuch auf deren Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 32 bis Art. 35  AsylG),  eine beschränkte Kognition  zu. Erachtet  die Beschwerdeinstanz  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig,  enthält  sie  sich  einer  materiellen Prüfung und weist die Sache zur erneuten Überprüfung an die  Vorinstanz  zurück.  Hingegen  steht  der  Beschwerdeinstanz  hinsichtlich  der Wegweisung und des Vollzugs volle Kognition zu, weil die Vorinstanz  eine  materielle  Prüfung  vorgenommen  hat  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission/ARK  [EMARK]  2004 Nr.  34 E.  2.1. S.  240,  und auch BVGE 2007/8 E.  2.1). Bei  einem  Nichteintretensentscheid  gemäss  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  AslylG,  wonach  eine asylsuchende Person  in einen Drittstaat weiterreisen kann, welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  zuständig  ist,  umfasst  die  beschränkte  Kognition  nebst  der  eigentlichen  Zuständigkeitsprüfung nach Art. 3 der Dublin­II­VO auch die Frage, ob die  Vorinstanz wegen Drohung  von  völkerrechtlichen Verletzungen  im  nach  Dublin­II­VO  zuständigen  Staat  oder  aus  humanitären  Gründen  vom  Selbsteintrittsrecht gemäss Art. 3 Abs. 2 der Dublin­II­VO i. V. m. Art. 29a  Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen  [AsylV 1,  SR  142.311]  hätte  Gebrauch  machen  sollen.  Gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  zur  Auffassung,  die  Vorinstanz  hätte  einen  Nichteintretensentscheid nach Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG nicht erlassen  dürfen,  hebt  sie  die  Verfügung  auf  und  weist  die  Sache  zur  Neubeurteilung – allenfalls mit  der Anweisung das Asylgesuch materiell  zu beurteilen – an diese zurück. Demzufolge ist aufgrund der sogenannt  eingeschränkten  Kognition  des  Bundesverwaltungsgerichts  hinsichtlich  der Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, der Asylgewährung und der  vorläufigen  Aufnahme  auf  die  diesbezüglichen  Anträge  der  Beschwerdeführenden  nicht  einzutreten  (vgl.  das  zur  Publikation  vorgesehene Urteil E­7221/2009 vom 10. Mai 2011mit Hinweis auf BVGE  2010/45.  3.2.  Der  Antrag  auf  vorsorgliche  Massnahme,  wonach  die  Kontaktaufnahme  mit  dem  Heimatstaat  sowie  jegliche  Weitergabe  von  Daten an denselben bis zum Entscheid über die Beschwerde zu sistieren  sei, ist mit vorliegendem Endentscheid gegenstandslos geworden.

E­8648/2010 4.  4.1. Grundsätzlich sind den Parteien Verfügungen schriftlich zu eröffnen  (Art.  34  Abs.  1  VwVG)  ausnahmsweise  können  sie  –  jedoch  unter  Einhaltung gewisser Regeln – mündlich eröffnet werden  (vgl.  13 Abs. 1  AsylG).  Gemäss  Art.  11  Abs.  3  VwVG  erfolgen  die  Mitteilungen  von  Behörden  an  den  Vertreter  der  Partei,  sofern  der  mit  der  Rechtssache  beauftragte Rechtsvertreter  den Behörden  angezeigt  worden  ist.  Erfolgt  die  Mitteilung  direkt  gegenüber  der  Partei  und  nicht  an  den  Vertreter,  insbesondere  wenn  der  Vertretungsbefugte  bekannt  ist,  stellt  dieses  Vorgehen  ein  Eröffnungsmangel  dar  (vgl.  VERA  MARANTELLI­ SONANINI/SAID  HUBER,  in: Waldmann/Weissenberger,  Praxiskommentar  zum  VwVG,  N  30  zu  Art. 11).  Aus  dieser  mangelhaften  Eröffnung  darf  den  Parteien  kein  Nachteil  erwachsen  (Art.  38  VwVG),  diese  tangiert  deren  Rechsgültigkeit  indessen  nicht  (vgl.  die  weiterhin  geltende  Rechtsprechung  in  EMARK  1998  Nr.  5  E.  3.a  S.  34).  Mit  dem  seit  1.  Januar  2011  in  Kraft  getretenen  Art.  13  Abs  5  AsylG  ist  neu  eine  Abweichung von der Grundregel gesetzlich verankert worden. Demnach  kann  das  BFM  asylsuchenden  Personen,  welche  durch  eine  bevollmächtigte Person vertreten werden, Nichteintretensentscheide nach  Art.  34 Abs.  2 Bst.  d AsylG direkt  eröffnen, wobei  der  bevollmächtigten  Person die Eröffnung unverzüglich bekanntgegeben wird.  4.2. Die gesetzliche Vertreterin  (Zentralstelle MNA, Amt  für  Jugend und  Berufsberatung,  Zürich)  der Beschwerdeführenden  zeigte  dem BFM mit  Schreiben  vom 23. November  2010  die Mandatsübernahme  an. Dieses  Schreiben  ging  beim  BFM  am  1.  Dezember  2010  ein,  weshalb  es  von  diesem Rechtsverhältnis  vor Erlass  seiner Verfügung vom 2. Dezember  2010 Kenntnis hatte. Unter diesen Umständen wäre das BFM gesetzlich  verpflichtet  gewesen,  die  angefochtene Verfügung  der Rechtsvertreterin  der  Beschwerdeführenden  zu  eröffnen,  zumal  Art.  13  Abs.  5  AsylG  zu  diesem  Zeitpunkt  noch  nicht  in  Kraft  war.  Die  am  10. Dezember  2010  erfolgte direkte Eröffnung an die Beschwerdeführenden stellt somit einen  Eröffnungsmangel  dar,  wobei  den  Beschwerdeführenden  aus  diesem  Verfahrensfehler  kein  schwerwiegender  nicht  wiedergutzumachender  Nachteil  im  Sinne  von  Art.  38  VwVG  erwachsen  ist.  Die  Beschwerdeführenden  konnten  rechtzeitig  durch  ihre  gesetzliche  Vertreterin  eine  gültige  Beschwerde  einreichen.  Somit  schadete  der  festgestellte  Verfahrensmangel  der  Rechtsgültigkeit  der  Eröffnung  der  angefochtenen Verfügung nicht. 5. 

E­8648/2010 5.1. In formeller Hinsicht rügte die Rechtsvertreterin, die Vorinstanz habe  die Rechte der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden verletzt. Das  BFM  hätte  den  Beschwerdeführenden  anlässlich  der  Befragungen  eine  rechtskundige  Person  beiordnen  müssen,  weil  kein  Vormund  oder  Vertretungsbeistand  für  sie  ernannt  worden  sei  und  sie  selbst  keine  rechtskundige  Person  zur  Wahrung  ihrer  Interessen  beauftragt  hätten  (vgl. Art. 22 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über  die Rechte des Kindes [SR 0.107]; EMARK 1998 Nr. 13 und Art. 7 AsylV  1 i.V.m. Art.17 Abs. 2 und Abs. 3 AsylG). Damit wird implizit gerügt, dass  die am 29. September 2010 erfolgte Anordnung von Schutzmassnahmen  zu spät ergangen sei.  5.2.  Aktenkundig  ist,  dass  das  BFM  die  unbegleiteten  minderjährigen  Asylsuchenden  am  29.  September  2010  und  am  4.  Oktober  2010  im  F._______  in  Anwesenheit  des  erwachsenen  Bruders  –  indes  ohne  Beisein  einer  rechtskundigen  Person  –  befragte.  Mit  am  gleichen  Tag  verfasstem  Schreiben,  welches  gleichzeitig  wie  die  Kantonszuweisung  aber  erst  am  11.  Oktober  2010  versendet  wurde,  wies  das  BFM  die  zuständige  Migrationsbehörde  des  Kantons  (…)  an,  die  für  die  unbegleiteten  minderjährigen  Asylsuchenden  vorgesehenen  Schutzmassnahmen in die Wege zu leiten. Zu Recht ging das BFM nicht  davon  aus,  dass  eine  gewohnheitsrechtlich  übertragene  Verantwortung  des  erwachsenen  Bruders  über  dessen  minderjährige  Brüder  bestehe  (vgl. Weisung  des  BFM  vom  1.  Januar  2008  Kapitel  III  1.3.1  S.  9;  vgl.  dazu  auch  Art.  2  Abs.  1  Bst.  h  Dublin­II­VO).  Somit  geht  es  im  vorliegenden  Verfahren  unbestrittenermassen  um  unbegleitete  minderjährige Asylsuchende. 5.3. An diese Feststellung schliesst  sich die Frage an,  ob das BFM die  Beschwerdeführenden zu Recht ohne Anwesenheit einer rechtskundigen  Person  befragt  hat  bzw.  ob  die  unbegleiteten  minderjährigen  Asylsuchenden  im  erstinstanzlichen  Dublin­Verfahren  ihre  Interessen  rechtsgenügend  haben  wahren  können  und  ihren  Mitwirkungspflichten  zur  Erstellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  haben  nachkommen  können. 5.3.1.  Die  Vorgängerorganisation  des  Bundesverwaltungsgerichts  im  Asylbereich, die ARK, hat sich in ihrer Rechtsprechung mehrfach mit der  Frage  der  verfahrensrechtlichen  Garantien  von  unbegleiteten  minderjährigen Asylsuchenden – auch im Lichte der Konvention über die  Rechte des Kindes vom 20. November 1989 (Kinderrechtskonvention; SR  0.107),  welche  von  der  Schweiz  am  24.  Februar  1997  ratifiziert  wurde 

E­8648/2010 und für sie am 26. März 1997 in Kraft trat – auseinandergesetzt; letztmals  im  Entscheid  EMARK  2006  Nr.  14,  in  welchem  sie  unter  anderem  die  bisherige  Rechtsprechung  zusammenfasste.  Diesbezüglich  führte  sie  aus,  in  EMARK  1998  Nr.  13  habe  die  ARK  eine  seither  konstante  Rechtsprechung  mit  dem  Grundsatz  begründet,  dass  die  mit  der  Anhörung betraute Behörde verpflichtet sei, unbegleiteten Minderjährigen  – solange keine vormundschaftsrechtlichen Massnahmen Platz gegriffen  hätten  –  für  die  Dauer  des  Asylverfahrens  von  Amtes  wegen  eine  rechtskundige  Person  beizuordnen,  bevor  die  Anhörung  zu  den  Asylgründen  erfolge.  Diese  Verpflichtung  ergebe  sich  aus  den  Grundsätzen der Achtung des Kindeswohls (Art. 3 KRK, Art. 11 BV), der  Rechtsgleichheit sowie des Anspruchs auf  rechtliches Gehör  (Art. 8 und  Art.  29  BV)  und  solle  der  speziellen  Situation  von  Minderjährigen  im  Asylverfahren Rechnung tragen. Die ARK habe diese Rechtsprechung in  EMARK 1999 Nr. 18 E. 5b dahingehend präzisiert, dass die Verpflichtung  zur Beiordnung einer Vertrauensperson auch  in Konstellationen gelte,  in  denen  die  betroffene  minderjährige  Person  zwar  nicht  von  den  kantonalen  Behörden  zu  ihren  Asylgründen,  aber  von  einem  vom  Bundesamt  beauftragten  Sachverständigen  befragt  werde.  In  solchen  Konstellationen  sei  das  Bundesamt  verpflichtet,  die  erforderlichen  Massnahmen  zu  treffen.  Eine  Missachtung  der  Pflicht  zur  Beiordnung  einer Vertrauensperson sei als Verletzung des Anspruchs auf rechtliches  Gehör zu behandeln  (vgl. EMARK 1999 Nr. 2 E. 5) und  führe, wenn sie  auf  Beschwerdeebene  gerügt  werde,  in  der  Regel  zur  Kassation  der  angefochtenen  Verfügung,  da  eine  Heilung  nur  in  Ausnahmefällen  zulässig sei (vgl. EMARK 1999 Nr. 18 E. 5d).  5.3.2.  In  gesetzgeberischer  Hinsicht  ist  darauf  zu  verweisen,  dass  der  Bundesrat  anlässlich  der  Teilrevision  des  Asylgesetzes  vom  16. Dezember  2005  insbesondere  betreffend  besondere  Verfahrensbestimmungen  für unbegleitete Minderjährige gemäss Art.  17  Abs. 3 AsylG in seiner Botschaft zur Änderung des Asylgesetzes vom 4.  September  2002  Folgendes  beantragte:  "Unbegleiteten  Minderjährigen  kommt nach den Bestimmungen der Kinderrechtskonvention  (SR 0.107)  ein  besonderer  Schutz  zu.  Entsprechend  dem  anwendbaren  schweizerischen  Recht  sind  deshalb  die  zuständigen  kantonalen  Behörden  bereits  heute  verpflichtet,  bei  diesen  Personen  vormundschaftliche  Massnahmen  einzuleiten.  Ist  die  Bestellung  eines  Vormundes  oder  Beistandes  nicht  sofort  möglich,  muss  eine  Vertrauensperson  bestimmt  werden,  welche  die  Interessen  der  minderjährigen Person während der Dauer des Asylverfahrens wahrt. Der 

E­8648/2010 bisherige  Absatz  3  setzte  für  die  Einleitung  vormundschaftlicher  Massnahmen und die Bestellung einer Vertrauensperson die Zuweisung  (Art. 27 Abs. 3 AsylG) des Minderjährigen an einen Kanton voraus. Neu  sollen  auch  bei  unbegleiteten  Minderjährigen  Entscheide  an  der  Empfangsstelle  gefällt  und  Wegweisungen  vollzogen  werden  können.  Sowohl  im  Verfahren  am  Flughafen  wie  in  der  Empfangsstelle  müssen  folglich  vormundschaftliche  Massnahmen  eingeleitet  werden  und  eine  Vertrauensperson  ernannt  werden,  wenn  entscheidrelevante  Verfahrensschritte  vorgenommen  werden  [Hervorhebung  durch  das  Bundesverwaltungsgericht],  die  über  die  summarische  Erstbefragung  hinausgehen. Art. 17 Absatz 3 erwähnt abschliessend, in welchen Fällen  eine  Vertrauensperson  ernannt  werden  muss."(vgl.  Botschaft  zur  Änderung  des  Asylgesetzes  (…)  vom  4.  September  2002,  02.060  BBl  2002 6845  [6878  f.]). Art. 17 Abs. 3 AsylG  ist dergestalt  in der Fassung  des  Asylgesetzes  vom  16. Dezember  2005  seit  dem  1.  Januar  2008  in  Kraft.  Zuvor  hielt  Art.  17 Abs.  3  aAsylG  lediglich  fest,  dass, wird  einem  Kanton  eine  unbegleitete  minderjährige  Asylsuchende  Person  zugewiesen,  dieser  unverzüglich  eine  Vertrauensperson  zu  ernennen  habe.  Die  neue  Fassung  von  Art. 17  Abs.  3  AsylG  präzisiert,  dass  die  zuständigen  kantonalen  Behörden  für  unbegleitetete  minderjährige  Asylsuchende  unverzüglich  eine  Vertrauensperson  bestimmen,  welche  deren  Interessen  wahrnimmt  für  die  Dauer  a)  des  Verfahrens  am  Flughafen, wenn dort entscheidrelevante Verfahrensschritte durchgeführt  werden; b) des Aufenthalts  in einer Empfangsstelle, wenn dort  über die  Kurzbefragung gemäss Art. 26 Abs. 2 hinausgehende entscheidrelevante  Verfahrensschritte  [Hervorhebung  durch  das  Bundesverwaltungsgericht]  durchgeführt  werden  oder  c)  des  Verfahrens  nach  Zuweisung  in  den  Kanton.  Art.  26  Abs.  2  AsylG  gibt  vor,  welche  Angaben  anlässlich  der  Kurzbefragung  im  EVZ  erhoben  werden  können  (Personalien  der  Asylsuchenden,  in  der  Regel  deren  Fingerabdrücke  und  Fotographien,  allenfalls  weitere  biometrische  Daten).  Gleichzeitig  werden  die  Asylsuchenden summarisch zum Reiseweg und zu den Gründen befragt,  warum sie ihr Land verlassen haben.  5.3.3. Seit  dem  12.  Dezember  2008,  also  nach  Inkraftreten  von  Art. 17  Abs.  3 AsylG  in  seiner  heutigen Fassung,  ist  die Schweiz Schengener­  bzw.  Dublin­Assoziierungsstaat  (vgl.  Art.  21  Abs.  3  AsylG  und  Dublin­ Assoziierungsabkommen,  Anhang  1  zum  AsylG)  und  als  solcher  verpflichtet,  seine  Zuständigkeit  zur  Durchführung  des  Asylverfahrens  unter  Berücksichtigung  der  Bestimmungen  der  Dublin­ Assoziierungsabkommen zu prüfen (Art. 21 Abs. 2 AsylG). 

E­8648/2010 5.4. Folglich ist zu prüfen, wie Art. 17 Abs. 3 AsylG auf Dublin­Verfahren  anzuwenden ist.  5.4.1. Die Europäische Union hat hinsichtlich des Verfahrensschutzes für  unbegleitete  Minderjährige  in  Erwägungsgrund  14  der  Richtlinie  2005/85/EG des Rates vom 1. Dezember 2005 über Mindestnormen  für  Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Zuerkennung und Aberkennung der  Flüchtlingseigenschaft  festgelegt,  dass  die  Mitgliedstaaten  für  unbegleitete  Minderjährige  aufgrund  ihrer  Verletzlichkeit  spezifische  Verfahrensgarantien vorsehen sollten und hierbei in erster Linie das Wohl  des Kindes zu berücksichtigen sei. Gemäss Art.  17 derselben Richtlinie  ergreifen  Mitgliedstaaten  sobald  wie  möglich  Massnahmen,  um  zu  gewährleisten,  dass  ein  Vertreter  bestellt  wird,  der  den  unbegleiteten  Minderjährigen bei der Prüfung des Antrags vertritt und/oder unterstützt.  Weiter  stellen  sie  sicher,  dass  der  Vertreter  Gelegenheit  erhält,  den  unbegleiteten  Minderjährigen  über  die  Bedeutung  und  die  möglichen  Konsequenzen  seiner  persönlichen  Anhörung  sowie  gegebenenfalls  darüber  aufzuklären,  wie  er  sich  auf  seine  persönliche  Anhörung  vorbereiten kann. Die Mitgliedstaaten gestatten dem Vertreter bei dieser  Anhörung  anwesend  zu  sein  sowie  innerhalb  des  von  der  anhörenden  Person  festgelegten  Rahmens  Fragen  zu  stellen  und  Bemerkungen  vorzubringen. Die Schweiz als Nichtmitglied der Europäischen Union  ist  nicht  verpflichtet,  diese  für  sie  nicht  verbindliche Richtlinie  umzusetzen,  kann  sich  indes  daran  orientieren.  Den  für  das  sogenannte  Dublin­ Verfahren für die Schweiz verbindlichen europäischen Verordnungen und  Richtlinien  (insbesondere  Dublin­II­VO)  ist  hingegen  hinsichtlich  der  Verfahrensgarantien  für  unbegleitete  Minderjährige  nichts  Konkretes  zu  entnehmen.  Demzufolge  ist  die  diesbezügliche  innerstaatliche  Gesetzgebung  und  Rechtsprechung  unter  Berücksichtigung  der  Kinderrechtskonvention entscheidend.  5.4.2.  Wie  oben  dargelegt,  ist  unbegleiteten  minderjährigen  Asylsuchenden seit der teilweisen Asylgesetzrevision vom 16. Dezember  2005 (in Kraft seit 1. Januar 2008) auch in beschleunigten Verfahren, die  bei  der  "Empfangsstelle"  (Art.  17  Abs.  3  AsylG;  heute:  Empfangs­und  Verfahrenszentrum)  und  an  den  Flughäfen  vollständig  abgewickelt  werden  können,  der  erforderliche  minimale  Schutz  –  Beiordnung  einer  Vertrauensperson  –  zu  gewähren,  sofern  entscheidrelevante  Verfahrensschritte  (im  Flughafen)  bzw.  über  die  Kurzbefragung  hinausgehende  entscheidrelevante  Verfahrensschritte  durchgeführt  werden.  Nachfolgend  ist  also  zu  prüfen,  wann  in  Dublin­Verfahren  die  entscheidrelevanten Verfahrensschritte getätigt werden.

E­8648/2010 5.4.3. Nach Art. 29a Abs. 1 AsylV 1 prüft das BFM die Zuständigkeit zur  Behandlung  eines  Asylgesuchs  nach  den  Kriterien  der  Dublin­II­VO,  wenn Hinweise dafür bestehen, dass eine asylsuchende Person in einen  Drittstaat  ausreisen  kann,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig  ist  (Art.  34  Abs.  2  Bst. d AsylG). Folglich ist bei der Asylantragstellung jeder asylsuchenden  Person  vorab  festzustellen,  ob  ein  Drittstaat  staatsvertraglich  für  die  Durchführung des Asylverfahrens zuständig ist. Um dies zu erfahren, sind  – neben einem allfälligen Eintrag in der europäische Datenbank Eurodac  zur Speicherung von Fingerabdrücken – insbesondere Angaben über die  Reiseroute  entscheidwesentlich.  Ergibt  diese Prüfung,  dass  ein  anderer  Staat  für die Behandlung des Asylgesuchs zuständig  ist, und hat dieser  Staat  der  Aufnahme  oder  Wiederaufnahme  der  asylsuchenden  Person  zugestimmt,  so  fällt  das  BFM  einen  Nichteintretensentscheid  (Art.  29a  Abs.  2 AsylV  1). Die Erstellung  dieser Entscheidgrundlage  findet  in  der  Regel anlässlich der summarischen Befragung im EVZ statt. Gleichzeitig  bzw.  in  gewissen  Fällen  auch  nachträglich  wird  der  asylsuchenden  Person  das  rechtliche  Gehör  zu  etwaigen  Überstellungshindernissen  in  die  für das Asylverfahren  im Sinne der Dublin­II­VO allfällig zuständigen  Mitgliedstaaten gewährt. Eine weitere Anhörung  findet nicht  statt. Damit  wird  deutlich,  dass  der  Kurzbefragung,  welche  in  Art.  17  Abs.  3  Bst.  b  AsylG erwähnt wird, in einem Asyl­ und Wegweisungsverfahren nicht die  gleiche  Bedeutung  zukommt  wie  in  einem  Dublin­Verfahren.  Bei  Letzterem  werden  nämlich  meist  keine  "über  die  Kurzbefragung  hinausgehende  Verfahrensschritte"  getätigt,  da  bereits  zu  diesem  Zeitpunkt  der  entscheidrelevante  Sachverhalt  (wie  beispielsweise  die  Personalien,  die  Reiseroute,  allfällige  Asylgesuche  im  Ausland  und  eventuelle  Überstellungshindernisse)  erhoben  wird.  Immerhin  hat  die  summarische  Befragung  im  Hinblick  auf  die  Prüfung  der  Zuständigkeit  eines Drittstaates nach den Kriterien der Dublin­II­VO auch der Erstellung  von  allfälligen  Sachverhaltselementen,  die  zu  einem  Selbsteintritt  verpflichten  beziehungsweise  zu  einem  solchen  aus  humanitären  Gründen  Anlass  geben  können  (vgl.  das  zur  Publikation  vorgesehene  Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E­7221/2009 vom 10. Mai 2011 E.  7 bzw. 8), zu dienen.  5.4.4. Hinsichtlich  der  Erstellung  des  entscheidrelevanten  Sachverhalts  gilt sodann zu berücksichtigen, dass die Mitgliedstaaten sowie die Dublin­ Assoziierungsstaaten gemäss Art.  8  der Verordnung  (EG) Nr.  2725/200  des Rates  vom 11. Dezember  2000 über  die Einrichtung  von  "Eurodac"  für  den  Vergleich  von  Fingerabdrücken  zum  Zwecke  der  effektiven 

E­8648/2010 Anwendung  des  Dubliner  Übereinkommens  (Eurodac­Verordnung),  Ausländern,  die  in  Verbindung  mit  dem  illegalen  Überschreiten  einer  Aussengrenze aufgegriffen werden, erst ab dem vierzehnten Lebensjahr  die Fingerabdrücke abnehmen dürfen, was hingegen gemäss Erfahrung  des  Bundesverwaltungsgerichts  nicht  immer  der  Praxis  entspricht.  Deshalb  kommt  der  Erfragung  der  Reiseroute  und  der  vorgängigen  Aufenthalte  bei  Minderjährigen  unter  vierzehn  Jahren  eine  noch  gewichtigere Bedeutung  für  einen sie betreffenden Entscheid  zu als bei  älteren Asylsuchenden.  5.4.5.  Weiter  obliegt  dem  EU­Mitgliedstaat  oder  Dublin­ Assoziierungsstaat  die  Pflicht  zu  überprüfen,  ob  eine  Wegweisung  der  unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden in den Zielstaat (der für die  Durchführung  des  Asylverfahrens  zuständig  ist)  mit  dem  Kindeswohl  vereinbar  ist,  bzw.  ob  Minderjährige  einem Mitglied  der  Familie,  einem  offiziellen Vormund oder einer geeigneten  Aufnahmeeinrichtung im Sinne  der  Richtlinie  2008/115/EG  des  Rates  vom  16. Dezember  2008  über  gemeinsame  Normen  und  Verfahren  in  den  Mitgliedstaaten  zur  Rückführung  illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger übergeben werden  können  (vgl.  dazu  auch  der  seit  dem 1.  Januar  2011  in Kraft  stehende  Art.  69  Abs.  4  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20], BVGE 2010/45 E. 8.3  mit weiteren Hinweisen). 5.4.6.  Im  Ergebnis  steht  fest,  dass  die  Befragung  im  EVZ  den  entscheidrelevanten  Verfahrensschritt  für  die  Entscheidung  des  BFM  darstellt,  ob  Art. 34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  Anwendung  findet.  Bejahendenfalls  wird  darüber  hinaus  keine  weitere  Anhörung  durchgeführt. Folgerichtig wäre bereits für diese summarische Befragung  eine Vertrauensperson zu bestellen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen,  dass dies erst geschehen kann, wenn die entscheidenden Fragen hierfür  geklärt  sind,  namentlich  ob  die  asylsuchende  Person  unbegleitet  und  minderjährig  ist  sowie  ob  sie  sich  in  einem  Dublin­Verfahren  befindet.  Deshalb  erscheint  es  zweckdienlicher,  bei  unbegleiteten minderjährigen  Asylsuchenden,  für  welche  das  Dublin­Verfahren  in  Frage  kommen  könnte,  nachträglich  eine  weitere  Befragung  in  Anwesenheit  einer  Vertrauensperson  zum  für  dieses  Verfahren  entscheidrelevanten  Sachverhalt durchzuführen. 6. 

E­8648/2010 6.1.  Im vorliegenden Verfahren  ist  aktenkundig, dass die Vorinstanz die  beiden  Beschwerdeführenden  zum  entscheidwesentlichen  Sachverhalt  nicht  vollständig  persönlich  befragt  hat;  der  jüngere  minderjährige  Beschwerdeführer  B._______  wurde  weder  zur  Ausreise  noch  zu  den  Umständen  der  Ausreise  oder  der  Durchreise  durch  andere  Länder  beziehungsweise Einreise  in  die Schweiz  befragt;  der  ältere  der  beiden  minderjährigen Beschwerdeführenden A._______ wurde  zum Aufenthalt  in Italien nur kurz befragt. Dabei führte er aus, sie (die drei Brüder) seien  im  Boot  von  der  italienischen  Polizei  aufgegriffen  und  in  eine  ihm  unbekannte  Stadt  auf  einen  Polizeiposten  gebracht  worden,  wo  die  Polizei mit ihrem volljährigen Bruder gesprochen habe. Anderntags seien  sie  entlassen  und  mit  einem  Schlepper  zu  einem  Bahnhof  gebracht  worden, wo sie per Zug zu einer ihm unbekannten Stadt gefahren seien.  6.2.  Bei  der  Erstellung  des  sie  betreffenden  rechtserheblichen  Sachverhalts  stellte  das  BFM  hauptsächlich  darauf  ab,  dass  deren  erwachsener Bruder in Italien in der Eigenschaft als Asylbewerber mit der  Kennziffer  "1"  daktyloskopiert  worden  ist  (vgl.  Art.  2  Abs.  3  der  Verordnung  (EG)  Nr.  407/2002  des  Rates  vom  28. Februar  2002  zur  Festlegung  von  Durchführungsbestimmungen  zur  Verordnung  (EG)  Nr.  2725/2000  über  die  Einrichtung  von  "Eurodac"  […]).  In  ihrer  Vernehmlassung  vom  31.  Dezember  2010  führte  die  Vorinstanz  dazu  ergänzend aus, die Zuständigkeit Italiens sei auch für die Minderjährigen  gegeben,  zumal  diese  in  Italien  nicht  daktyloskopisch  erfasst  worden  seien;  gemäss  der  Eurodac­Verordnung  würden  anlässlich  eines  Asylgesuchs  nur  Fingerabdrücke  von  Personen  gespeichert,  welche  mindestens 14 Jahre alt seien.   6.3.  Die  rudimentären  Aussagen  des  älteren  minderjährigen  Asylsuchenden  und  der  Eurodac­Eintrag  des  erwachsenen  Bruders  der  Beschwerdeführenden,  auf  welche  sich  das  BFM  für  seinen  Entscheid  abstützte,  erscheinen  klar  unzureichend,  um  Italien  als  für  die  Durchführung  von  deren  Asylverfahren  zuständig  zu  erachten.  Insbesondere vermag dieses Vorgehen der besonderen Bestimmung von  Art.  6  Abs.  1  und  Abs.  2  Dublin­II­VO  –  welche  das  Bundesverwaltungsgericht  als  self­executing  erachtet  (vgl.  BVGE  2010/27  E.  5.2.1  ff.)  –  zum  Schutz  von  minderjährigen  Asylsuchenden  nicht  Rechnung  zu  tragen.  Denn  alleine  die  erkennungsdienstliche  Erfassung  von  unbegleiteten  minderjährigen  Asylsuchenden  im  Ersteinreisestaat  rechtfertigt  eine  Rücküberstellung  in  diesen  nicht,  solange kein Asylantrag gestellt beziehungsweise wirksam gestellt wurde  (vgl.  DOMINIK  BENDER  und  MARIA  BETHKE,  Das  Kindeswohl  im  Dublin­

E­8648/2010 Verfahren,  in:  Asylmagazin  3  und  4/2011,  S.  70  und  113).  Ob  die  Beschwerdeführenden  tatsächlich  in  Italien  ein  Asylgesuch  gestellt  haben,  ist  aufgrund  des  vorliegend  erhobenen  Sachverhalts  nicht  zu  beantworten.  Das  BFM  hätte  die  Beschwerdeführenden  vielmehr  ausführlicher zum Aufenthalt in Italien befragen und sich allenfalls an die  zuständigen  italienischen  Behörden  wenden  müssen,  um  den  rechtsrelevanten  Sachverhalt  erheben  zu  können.  Im  Zweifelsfall  hätte  das  BFM  vom  Selbsteintrittsrecht  Gebrauch  machen  müssen.  Dieses  unsorgfältige  Vorgehen  der  Vorinstanz  zur  Abklärung  des  entscheidrelevanten  Sachverhalts  stellt  einen  schwerwiegenden  Verfahrensmangel  dar,  zumal  die  Minderjährigen  im  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  keine  Begleitung  und  Unterstützung  von  einer  Vertrauensperson  erfuhren  (vgl.  Art.  7  Abs.  3  AsylV1).  Dieser  Mangel  kann auf Beschwerdeebene nicht geheilt werden, weshalb das Verfahren  im  Sinne  der  Erwägungen  zur  ergänzenden  Befragung  in  Anwesenheit  einer  Vertrauensperson  und  zur  neuen  Beurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen ist.  6.4.  Bei  einem  allfälligen  Wegweisungsvollzug  nach  Italien  dürften  überdies konkrete Abklärungen hinsichtlich vorhandener  Institutionen  für  unbegleitete  minderjährige  Asylsuchende  getätigt  werden  müssen,  um  dem Kindeswohl ausreichend Rechnung zu  tragen  (Art. 69 Abs. 4 AuG;  BVGE  2010/45  E.  8.3 mit  weiteren Hinweisen,  EMARK  2006 Nr.  24  E.  6.2.5, EMARK 1998 Nr. 13 E. 5). 6.5.  Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  ist  die  Beschwerde  gutzuheissen,  soweit  beantragt  wird,  die  angefochtene  Verfügung  vom  2. Dezember 2010 sei aufzuheben. Die Sache ist demnach im Sinne der  Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. 7.  Zusammenfassend  ist  im  Allgemeinen  festzuhalten,  dass  das  BFM  in  Dublin­Verfahren  vor  der  Erhebung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  die  zuständigen  kantonalen  Behörden  über  die  Anwesenheit  einer  unbegleiteten  minderjährigen  asylsuchenden  Person  informieren  muss,  um die unverzügliche Bestimmung einer Vertrauensperson nach Art.  17  Abs.  3  Bst.  b  AsylG  und  die  Befragung  zum  rechtserheblichen  Sachverhalt in deren Anwesenheit zu gewährleisten. 8. 

E­8648/2010 8.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu  erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG), weshalb das Gesuch  um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1  VwVG gegenstandslos geworden ist. 8.2.  Den  obsiegenden  Beschwerdeführenden  wäre  in  Anwendung  von  Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  eine  Parteientschädigung  zuzusprechen.  Die  Beschwerdeführenden  werden  indes  von  der  kantonalen Zentralstelle, also einer dafür zuständigen Behörde, vertreten,  welche  den  Beschwerdeführenden  keine  Kosten  in  Rechnung  stellt.  Demzufolge  sind  ihnen  keine  notwendigen  Kosten  erwachsen  und  ist  ihnen keine Parteientschädigung zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­8648/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  –  soweit  darauf  eingetreten  wird  –  gutgeheissen,  soweit beantragt wird, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben.  2.  Die  angefochtene  Verfügung  vom  2. Dezember  2010  wird  aufgehoben  und  die  Sache  im  Sinne  der  Erwägungen  an  die  Vorinstanz  zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  4.  Es wird keine Parteientschädigung entrichtet. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin Muriel Beck Kadima Stella Boleki Versand:

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