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Bundesverwaltungsgericht 19.07.2011 E-8044/2008

July 19, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,622 words·~18 min·1

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. November 2008

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­8044/2008 Urteil   v om   1 9 .   Juli   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting­Schalch, Richterin Muriel Beck Kadima,  Gerichtsschreiberin Gabriela Oeler. Parteien A._______, geboren am (…), Äthiopien,   vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, (…), Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), vormals Bundesamt für  Flüchtlinge (BFF), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12.  November 2008 / N (…).

E­8044/2008 Sachverhalt: A.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  die  Beschwerdeführerin,  eine  ethnische Oromo aus Addis Abeba, Äthiopien mit ihrem eigenen Pass am  20. April 2003 auf dem Luftweg in Richtung Italien, und gelangte von dort  am  21.  April  2003  in  die  Schweiz.  Am  23.  April  2003  stellte  sie  in  der  Empfangsstelle (heute: Empfangs­ und Verfahrenszentrum/EVZ) Vallorbe  ein  erstes Asylgesuch. Dieses  begründete  sie  damit,  dass  ihr  Vater  sie  wegen einer Beziehung mit einem Christen geschlagen habe. Auch habe  er  beabsichtigt,  sie  mit  einem  ihr  nicht  bekannten  älteren  Mann  zu  verheiraten.  Sie  habe  sich  deshalb  während  sechs  Monaten  versteckt  gehalten und sei dann mit Hilfe ihres Freundes und einer guten Freundin  aus  Amerika  ausgereist.  Politisch  sei  sie  nicht  aktiv  gewesen.  Mit  der  heimatlichen Polizei oder den Behörden habe sie keine Probleme gehabt.  Sie habe (…) Jahre die Schule besucht. Einen Schulabschluss habe sie  keinen. Von (…) bis (…) habe sie ihrem Vater im Grosshandel geholfen.  B.  Die Beschwerdeführerin gab keinerlei Identitätspapiere zu den Akten. Sie  führte aus, die Identitätskarte habe sie bei ihrem Freund zurückgelassen,  den Pass habe sie ihrem Schlepper abgeben müssen. C.  Das  BFF  lehnte  dieses  erste  Asylgesuch  mit  Entscheid  vom  12.  September 2003, eröffnet am 16. September 2003, mit der Begründung  ab, die Vorbringen vermöchten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit  gemäss  Art  7  AsylG  nicht  standzuhalten.  Es  ordnete  in  der  Folge  die  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin  an  und  erklärte  den  Wegweisungsvollzug  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Auf  eine  verspätete  Beschwerde  vom  5.  November  2003  trat  die  damalige  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  mit  Urteil  vom  11.  November 2003 nicht ein. D.  Das [Amt] meldete dem BFM mit Schreiben vom 3. Dezember 2003, die  Beschwerdeführerin  sei  seit  dem  21.  November  2003  unbekannten  Aufenthalts. E.  Am 27. Januar 2004 wurde die Beschwerdeführerin in der Empfangsstelle  Vallorbe  ein  zweites  Mal  vorstellig  und  erneuerte  ihr  Asylbegehren. 

E­8044/2008 Anlässlich  einer  kurzen Anhörung  zu  den Gründen machte  sie  geltend,  sie  habe  die  Schweiz  seit  Ablehnung  des  letzten  Gesuches  nicht  verlassen,  sondern  bei  Freunden  in  Zürich,  Lausanne  und Genf  gelebt.  Sie habe keine neuen Asylgründe vorzubringen. Sie wünsche jedoch für  den weiteren Aufenthalt einem anderen Kanton zugeteilt zu werden. Am  früheren Ort habe sie gesundheitliche Probleme gehabt und sei depressiv  geworden. Auch habe sie das nötige Geld nicht erhalten, das sie während  des  Ramadans  für  das  Essen  zur  richtigen  Zeit  gebraucht  hätte.  Noch  gleichentags teilte das BFM der Beschwerdeführerin schriftlich mit, ihrem  zweiten  Asylgesuch  werde  keine  Folge  gegeben.  Vorab  habe  sie  sich  beim  Kanton  (…),  welcher  im  ersten  Verfahren  ihr  Zuteilungskanton  gewesen  sei,  um  Wiederaufnahme  zu  bemühen.  Danach  könne  sie  immer  noch  ein  Gesuch  um  Kantonswechsel  einreichen.  Schliesslich  verwies  das  BFM  die  Beschwerdeführerin  auf  die  Möglichkeit  des  Stellens eines Wiedererwägungsgesuches. F.  Am 13. Februar  2006 stellte die Beschwerdeführerin  im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Kreuzlingen  ein  weiteres  Asylgesuch.  Anlässlich  einer  ersten  Befragung  vom  22.  Februar  2006  im  EVZ  Kreuzlingen  machte  die  Beschwerdeführerin  ­  nach  ihrem  zwischenzeitlichen  Aufenthaltsort  gefragt  ­  geltend,  sie  sei  einem  sudanesischen Mann zirka  im März 2004 nach  Italien gefolgt, da dieser  versprochen habe, sie zu heiraten. Der Mann habe viel getrunken und sie  geschlagen.  Zur  Heirat  sei  es  nicht  gekommen.  Sie  habe  ihn  zirka  vor  einem  Jahr  verlassen  und  fortan  in  Rom  bei  Bekannten  gewohnt.  Insgesamt habe sie sich während zirka eines Jahres und acht Monaten in  Italien aufgehalten. Weil  sei dort nicht habe  leben und arbeiten können,  sei  sie  vor  elf  Tagen  in  die  Schweiz  zurückgekehrt.  Ihr  Gesundheitszustand  sei  nicht  gut,  sie  habe  Probleme  im  Kopf  beziehungsweise psychische Probleme. Nach ihren Asylgründen gefragt,  gab  die  Beschwerdeführerin  an,  sie  habe  keine  neuen  Gründe  vorzubringen.  Seit  dem  ersten  Gesuch  hätten  sich  keine  neuen  Sachverhalte  oder  Aspekte  ergeben.  Sie  habe  in  ihrem  ersten  Asylverfahren  erklärt,  weshalb  sie  nicht  nach  Äthiopien  zurückkehren  könne. Es  sei  ihr  zu  verzeihen,  dass  sie  nach  Italien gegangen  sei;  sie  habe gehofft, die Heirat gelinge. Sie habe keine Möglichkeit, nach Hause  zurückzukehren.  Sie  habe  ein  grosses  Problem mit  ihren  Angehörigen,  insbesondere mit ihrem Vater. Davon habe sie jedoch bereits erzählt.

E­8044/2008 G.  Mit Eingabe vom 26. Juli 2007 ans BFM ersuchte die Beschwerdeführerin  um Einsicht in die bisherigen Akten. Diesem Gesuch entsprach das BFM  am 6. August 2007 insoweit, als es sich nicht um interne oder kantonale  Akten handelte. H.  Mit  Eingabe  vom  20.  Dezember  2007  stellte  die  Beschwerdeführerin,  handelnd  durch  ihren  Rechtsvertreter,  schriftlich  ein  neues  Asylgesuch.  Darin  beantragte  dieser,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführerin  festzustellen  und  ihr  sei  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Auf die Erhebung  eines  Gebührenvorschusses  sei  zu  verzichten.  Zur  Begründung  führte  der Rechtsvertreter aus, die Verhältnisse  in Äthiopien hätten sich für die  Oromo,  erst  recht  wenn  diese  wie  die  Beschwerdeführerin  Angehörige  der  [Organisation]  seien,  in  einem  Ausmass  verändert,  welches  eine  erneute Überprüfung  der Flüchtlingseigenschaft  der Beschwerdeführerin  erfordere. Die Beschwerdeführerin werde im Falle ihrer Rückkehr wegen  ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu den Oromo und ihrer Unterstützung der  Oromo­Bewegung  im  Ausland  mit  Verfolgung  durch  die  äthiopischen  Behörden  rechnen  müssen.  Alleine  die  Tatsache,  dass  sie  sich  seit  Jahren  im  Ausland  befinde,  würde  bei  einer  Rückkehr  den  Verdacht  erwecken, sie habe sich in Europa exilpolitisch für die Sache der Oromo  betätigt.  Auch  das  der  Eingabe  beiliegende  Bestätigungsschreiben  der  [Organisation] habe zum Inhalt, dass die Beschwerdeführerin als Oromo  bekannt  sei  und  dass  ihr  bei  einer  Rückkehr  Verfolgung  drohe.  Die  Repression  des  äthiopischen  Regimes  gegenüber  der  Volksgruppe  der  Oromo  habe  in  letzter  Zeit  stark  zugenommen.  Dieser  Umstand  stelle  einen objektiven Nachfluchtgrund dar, welcher zur Asylgewährung führen  müsse.  Bereits  die  Mitgliedschaft  bei  der  [Organisation]  stelle  eine  staatsfeindliche  Handlung  dar,  welche  strafrechtlich  verfolgt  werde.  Als  allgemein  bekannt  dürfe  vorausgesetzt  werden,  dass  die  äthiopischen  Behörden  die  Aktivitäten  ihrer  Staatsangehörigen  in  Europa  sehr  stark  überwachten.  Zudem  würden  sie  bei  einer  Rückkehr  nach  langer  Abwesenheit  ohnehin  Verdacht  schöpfen  beziehungsweise  Rückkehrenden  in  pauschaler  Weise  vorwerfen,  an  verbotenen  oppositionellen  Aktivitäten  beteiligt  gewesen  zu  sein.  Eine  solche  Vorgehensweise sei umso wahrscheinlicher, als die Beschwerdeführerin  bereits  vor  ihrer  Ausreise  mit  den  äthiopischen  Sicherheitsbehörden  Probleme  gehabt  habe  und  daher  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit 

E­8044/2008 registriert  sein  dürfte.  Der  Eingabe  lag  ein  "Affidavit"  der  [Organisation]  aus  [Deutschland]  vom 15. Oktober  2007 bei,  in welchem die  Lage der  Oromo  in  Äthiopien  dargestellt  und  die  Oromo­Zugehörigkeit  der  Beschwerdeführerin bestätigt wurde. I.  Am 20. August 2008 wurde die Beschwerdeführerin gemäss Art. 29. Abs.  1  AsylG  zu  ihren  neu  geltend  gemachten Asylgründen  angehört.  Dabei  gab  sie  zu  Protokoll,  sie  habe  ungefähr  im  September  2007  erstmals  Kontakt mit  der Oromo­Organisation  in  der  Schweiz  aufgenommen.  Sie  habe  damals  an  einer  Versammlung  von  50­60  Personen  in  (…)  teilgenommen; dort sei über die Gefangenen, die Erniedrigung der Oromo  und  die  Hilfsmöglichkeiten  gesprochen  worden.  Am  10.  August  2008  habe sie sodann an einem Fest der Oromo in (…) teilgenommen. Beide  Male  seien  die  Einladungen  an  alle  Oromo  verschickt  worden.  Dazwischen habe sie zweimal in Abständen von drei bis vier Monaten an  Versammlungen  in  (...)  teilgenommen,  an  die  Daten  vermöge  sie  sich  jedoch nicht mehr zu erinnern. Vor zirka zwei Monaten sei sie Mitglied der  Oromo­Organisation  geworden.  Sie  glaube  nicht,  dass  die  äthiopischen  Behörden Kenntnis  von  ihrer  Teilnahme  an  den Versammlungen  in  (...)  hätten.  Die  Organisation  sei  nicht  gut  organisiert,  sie  habe  kein  Büro,  keine  permanente  Adresse,  keine  Telefonnummer  und  es  gebe  keine  Publikationen oder sonstigen Schriften. Nach Befürchtungen für den Fall  der  Rückkehr  gefragt,  gab  die  Beschwerdeführerin  an,  sie  habe  einen  entfernten  Verwandten  und  einen  Bekannten,  die  in  Äthiopien  wegen  [ORGANISATION]­Zugehörigkeit festgenommen, schliesslich aber wieder  freigelassen worden seien. J.  Mit Verfügung vom 12. November 2008, eröffnet am 13. November 2008,  lehnte das BFM das mit Nachfluchtgründen motivierte Asylgesuch ab und  ordnete die Wegweisung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz samt  Vollzug  an.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  die  Asylvorbringen  vermöchten  den  Voraussetzungen  der  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3 AsylG nicht  zu genügen. Den Wegweisungsvollzug erachtete das  BFM als zulässig, zumutbar und möglich. Auf die detaillierte Begründung  wird in den nachstehenden Erwägungen eingegangen. K.  Mit Eingabe vom 15. Dezember 2008 beantragte der Rechtsvertreter der  Beschwerdeführerin  beim Bundesverwaltungsgericht  die Aufhebung  des 

E­8044/2008 vorinstanzlichen  Entscheids  und  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  oder  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  eine  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  Sodann  sei  der  Beschwerdeführerin  die  unentgeltliche  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  zu  gewähren.  Auf  die  Begründung wird  in den nachstehenden Erwägungen eingegangen. Der  Eingabe  lagen  sieben  Fotos  von  Oromo­  beziehungsweise  [ORGANISATION]­Veranstaltungen bei. L.  Mit  Instruktionsverfügung  vom 17. Dezember  2008  teilte  die  zuständige  Instruktionsrichterin  dem  Rechtsvertreter  mit,  die  Beschwerdeführerin  könne  den  Ausgang  des  Beschwerdeverfahrens  in  der  Schweiz  abwarten.  Sodann  hiess  sie  mit  Verfügung  vom  2.  Februar  2009  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  unter  Vorbehalt der Veränderung der finanziellen Lage der Beschwerdeführerin  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wurde abgewiesen. Gleichzeitig wurde das  BFM eingeladen, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.  M.  Am  28.  Januar  2009  reichte  der  Rechtsvertreter  ein weiteres  "Affidavit"  der [ORGANISATION], ausgestellt in [Deutschland] am 16. Januar 2009,  zu  den  Akten.  Dieses  hat  im  Wesentlichen  zum  Inhalt,  dass  die  Beschwerdeführerin  ein  aktives  [ORGANISATION]­Mitglied  und  deswegen im Falle einer Rückkehr gefährdet sei. N.  Mit  Vernehmlassung  vom  11.  Februar  2009  beantragte  das  BFM  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  vorinstanzliche  Stellungnahme  wurde  dem Rechtsvertreter am 18. Februar 2009 zur Kenntnis gebracht. O.  Am  21.  September  2010  reichte  die  Beschwerdeführerin  bei  der  kantonalen  Behörde  ein  Gesuch  um  Erteilung  einer  humanitären  Aufenthaltsbewilligung ein. Auf dieses Gesuch trat die kantonale Behörde  mit Verfügung vom 25. Oktober 2010 nicht ein.

E­8044/2008 P.  Am  30.  Mai  2011  reichte  der  Rechtsvertreter  eine  Kostennote  zu  den  Akten.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.    Gemäss  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR 173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108 sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und  Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­8044/2008 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 3.3. Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist, macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend  (vgl.  Art.  54  AsylG).  Subjektive  Nachfluchtgründe  begründen  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss  Art.  54  AsylG  zum  Ausschluss  des  Asyls,  unabhängig  davon,  ob  sie  missbräuchlich gesetzt wurden oder nicht. Stattdessen werden Personen,  welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen  können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. 4.  4.1.  Die  Vorinstanz  verneinte  im  angefochtenen  Entscheid  die  flüchtlingsrechtliche  Relevanz  der  vorgebrachten  Nachfluchtgründe.  Zur  behaupteten  Gefährdung  aufgrund  der  Zugehörigkeit  zur  Ethnie  der  Oromo  führte  sie  einleitend  aus,  die  Beschwerdeführerin  habe  bis  hin  zum  letzten  Asylgesuch  nie  geltend  gemacht,  wegen  ihrer  ethnischen  Zugehörigkeit Probleme gehabt  zu haben. Abgesehen  von den privaten  Problemen  mit  der  Familie  habe  sie  zuvor  jegliche  weiteren 

E­8044/2008 Schwierigkeiten,  so  insbesondere  auch  mit  den  Behörden  des  Heimatlandes,  verneint.  Entsprechend  habe  sie  offenbar  problemlos  einen  Pass  erhalten,  mit  welchem  sie  dann  über  den  Flughafen  Addis  Abeba ausgereist sei.  Zur Gefährdung wegen Zugehörigkeit zur Volksgruppe der Oromo führte  das BFM aus, die Oromo gehörten zu einer der drei wichtigsten Ethnien  in Äthiopien. Ihr gehörten 40 % der Bevölkerung an und sie stelle gar den  Staatspräsidenten.  Die  äthiopische Regierung  betreibe  keine  Politik  der  systematischen  Diskriminierung  der  verschiedenen  Ethnien  oder  der  Vernichtung  ihrer  kulturellen  und  religiösen  Identität.  Sie  hindere  die  Mitglieder  auch  nicht  an  der  Teilnahme  am  politischen  Leben,  solange  diese der Gewalt absprächen.  Die  Oromo  People's  Democratic  Organisation  (OPDO)  vertrete  die  Gruppe  sodann  im  Parlament  und  ihre  Mitglieder  bekleideten  höchste  Ämter  in  der  Regierung.  Verschiedene  Quellen  wiesen  zwar  auf  die  Verletzung der Menschenrechte in der Region Oromia hin. Die Regierung  sei  jedoch  gewillt,  solche  missbräuchlichen  Machenschaften  zu  bekämpfen. Gemäss  allgemein  zugänglichen  Informationen  betreibe  die  von den Tigrinja dominierte EPRDF­Regierung keine Politik der gezielten  Verfolgung  der  Oromo.  Verhaftungen  zwecks  Aufrechterhaltung  der  inneren  Sicherheit  könne  es  allenfalls  dann  geben,  wenn  Oromo  der  aktiven Unterstützung der als terroristisch eingestuften [ORGANISATION]  verdächtigt  würden.  Insgesamt  lägen  aber  keine  Anhaltspunkte  für  die  Annahme  vor,  jedem  Oromo­Volkszugehörigen  drohe  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit eine asylbeachtliche Verfolgung. Hinsichtlich  der  exilpolitischen  Vorbringen  hielt  das  BFM  fest,  diese  könnten  nur  dann  im Sinne  von  subjektiven Nachfluchtgründen gemäss  Art.  54  AsylG  zur  Flüchtlingseigenschaft  führen,  wenn  davon  ausgegangen werden müsse, dass die Exil­Aktivitäten bei einer Rückkehr  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  ernsthafte  Massnahmen  für  den  Betroffenen zur Folge haben.  In diesem Zusammenhang wies das BFM  darauf  hin,  dass  die  Beschwerdeführerin  im  Rahmen  ihres  ersten  Asylgesuches  keine  politisch  motivierte  Verfolgung  durch  die  äthiopischen  Behörden  geltend  gemacht  habe.  Somit  bestehe  kein  Anlass  für  die  Annahme,  die  Beschwerdeführerin  sei  bereits  vor  dem  Verlassen  des  Heimatstaates  als  regimefeindliche  Person  ins  Blickfeld  der  äthiopischen  Behörden  geraten  oder  dort  in  irgendeiner  Form  als  Regimegegnerin oder politische Aktivistin registriert worden. Demzufolge 

E­8044/2008 sei  auch  nicht  davon  auszugehen,  dass  sie  nach  ihrer  Ankunft  in  der  Schweiz  unter  spezieller  Beobachtung  gestanden  habe.  Die  blosse  Teilnahme  an  einigen  Treffen  der  Oromo­Bewegung  führe  zu  keiner  Verfolgung  durch  die  äthiopischen Behörden.  Den Akten  könnten  keine  Hinweise  darauf  entnommen  werden,  dass  die  äthiopischen  Behörden  von  der  Teilnahme  der  Beschwerdeführerin  an  den  Treffen  überhaupt  Kenntnis  gehabt  oder  dass  sie  gestützt  darauf  irgendwelche  Massnahmen  zum  Nachteil  der  Beschwerdeführerin  eingeleitet  hätten.  Die  Beschwerdeführerin  habe  sich  zwar,  wie  eine  Vielzahl  ihrer  Landsleute,  in  marginaler  Weise  exilpolitisch  betätigt  Angesichts  der  grossen  Zahl  der  exilpolitischen  Anlässe  allein  in  der  Schweiz,  bei  welchen  oftmals  Gruppenbilder  erstellt  würden,  erscheine  unwahrscheinlich,  dass  die  äthiopischen  Behörden  diese  überwachen  und erst noch allen Gesichtern einen konkrete Namen zuordnen könnten.  Zudem dürfte auch den äthiopischen Behörden bekannt sein, dass viele  äthiopische  Emigranten  aus  vorwiegend  wirtschaftlichen  Gründen  versuchten,  in Europa vor oder nach Abschluss  ihres Asylverfahrens ein  dauerhaftes  Aufenthaltsrecht  zu  erwirken,  indem  sie  regimekritische  Aktivitäten  vorgäben.  Hinsichtlich  des  eingereichten  "Affidavit"  der  [ORGANISATION]  vom  15.  Oktober  2007  hielt  das  BFM  fest,  diese  bestätige  lediglich,  dass  die  Beschwerdeführerin  der  Ethnie  der  Oromo  angehöre.  Insgesamt  könne  aufgrund  der  Akten  somit  nicht  von  einer  exponierten  Tätigkeit der Beschwerdeführerin ausgegangen werden. Die äthiopischen  Behörden  hätten  jedoch  nur  dann  Interesse  an  der  Identifizierung  einer  Person, wenn deren Aktivitäten als konkrete Bedrohung für das politische  System  wahrgenommen  würden.  Vorliegend  bestünden  keine  Anhaltspunkte  für  die  Annahme,  dass  sich  die  Beschwerdeführerin  in  dieser besonderen Art und Weise exponiert habe. Mit Sicherheit gehöre  sie  nicht  zum  harten  Kern  von  aktiven  oppositionellen  Äthiopiern  im  Ausland, für die sich die äthiopischen Behörden interessierten. 4.2.  In  der  Beschwerde  hält  der  Rechtsvertreter  der  Argumentation  der  Vorinstanz  entgegen,  die  Situation  der  Oromo  sei  differenzierter  zu  betrachten. Zur Vermeidung von Redundanz seien die Ausführungen  im  schriftlichen  Asylgesuch  vom  20.  Dezember  2007  herbeizuziehen.  Die  Repression  der  Regierung  gegenüber  den  Oromo  habe  in  den  letzten  Jahren eine erhebliche Verschärfung erfahren. Ein Verwaltungsgericht in  Deutschland  habe  bestätigt,  dass  sowohl  Mitglieder  als  auch  Sympathisanten  der  [ORGANISATION]  einer  asylrelevanten  Verfolgung 

E­8044/2008 unterliegen  würden  und  auf  keine  inländische  Fluchtalternative  zurückgreifen  könnten.  Namentlich  sich  für  längere  Zeit  im  Ausland  aufhaltende  Oromo  gerieten  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  in  den  Verdacht,  subversive  Absichten  gegen  das  Regime  in  Addis  Abeba  zu  hegen. Die Beschwerdeführerin befinde sich seit über fünf Jahren  in der  Schweiz  und  habe  sich  in  diesem  Zeitraum  exilpolitisch  betätigt.  Die  Beschwerdeführerin  habe  nicht  nur  ihre  ethnische  Zugehörigkeit  als  Verfolgungsgrund  geltend  gemacht,  sondern  vielmehr  ihr  exilpolitisches  Engagement  für  die  Anliegen  und  Rechte  dieser  Volksgruppe.  Zur  Untermauerung  des  Engagements  verwies  der  Rechtsvertreter  auf  die  der  Beschwerde  beigelegten  Fotos,  welche  anlässlich  von  drei  verschiedenen  [ORGANISATION]­  beziehungsweise  Oromo­ Veranstaltungen  in  den  Jahren  2007  und  2008  entstanden  seien.  Der  Rechtsvertreter  wendet  in  der  Beschwerde  weiter  ein,  die  Beschwerdeführerin  habe,  damit  sie  Mitglied  der  [ORGANISATION]­ Switzerland  habe  werden  können,  ein  Aufnahmeverfahren  durchlaufen  müssen.  In  Anbetracht  der  intensiven  Bespitzelungstätigkeit  des  äthiopischen  Geheimdienstes  im  Ausland  und  der  Gefährdung,  welche  die  [ORGANISATION]  für  die  innere  Sicherheit  darstelle,  sei  mit  hoher  Wahrscheinlichkeit  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  in  den  Fokus  der  äthiopischen  Behörden  gelangt  sei.  Die  eingereichten  Fotos, auf welchen die Beschwerdeführerin mit dem  [ORGANISATION]­ Kader  abgebildet  sei,  untermauerten  die  Plausibilität  dieser  Annahme.  Die  Beschwerdeführerin  sei  anlässlich  der  Anhörung  in  der  Lage  gewesen, detailliert über die OLF in der Schweiz Auskunft zu geben. Sie  habe den Eindruck  vermittelt, mit  der Organisation  vertraut  zu  sein  und  deren Anliegen mit Beherztheit  zu vertreten.  Ihr Engagement habe eine  weit  höhere  Qualität,  als  von  der  Vorinstanz  zu  suggerieren  versucht  worden  sei.  Sowohl  das  BFM  als  auch  das  Bundesverwaltungsgericht  hätten  in  identisch  gelagerten  Fällen  jeweils  die  Flüchtlingseigenschaft  festgestellt  ([…]).  Der  angefochtene  Entscheid  verstosse  somit  auch  gegen  das  Gleichbehandlungsgebot.  Mit  dem  Beitritt  zur  [ORGANISATION]  habe  die  Beschwerdeführerin  ihre  politische  Gesinnung  und  die  Kritik  am  Regime  in  Äthiopien  klar  zum  Ausdruck  gebracht.  Hinsichtlich  der  Überwachung  exilpolitisch  tätiger  Personen  verwies der Rechtsvertreter in seiner Beschwerde auf ein Gutachten von  Günter  Schröder  vom  7.  Oktober  2007,  wonach  die  Aktivitäten  der  äthiopischen  Sicherheitsorgane  im  Ausland  seit  2002  an  Umfang  und  Intensität  erheblich zugenommen hätten. Zahlreiche  reguläre Mitarbeiter  der Sicherheitsdienste  seien  als  scheinbare Privatpersonen  ins Ausland  entsandt  worden,  um  die  Exilgemeinschaften  zu  infiltrieren  und  zu 

E­8044/2008 überwachen.  Die  äthiopische  Auslandopposition  gehe  davon  aus,  dass  bei  jeder  ihrer  Veranstaltungen  reguläre  oder  informelle  Mitarbeiter  der  äthiopischen  Sicherheitsorgane  präsent  seien  und  genau  registrierten,  wer mit wem Kontakte pflege und wer was öffentlich sage. Durch Spitzel  und  Informanten  sei  die  äthiopische  Regierung  durchaus  in  der  Lage,  sämtliche  exilpolitisch  aktiven  Personen  zu  überwachen.  Das  Bundesverwaltungsgericht  habe  sich  im  Urteil  D­5060/2007  vom  30.  November  2007  in  ähnlichem Sinne  zur Überwachung  der  äthiopischen  Exilgemeinschaften geäussert.  4.3.   Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person  die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  oder  in  begründeter  Weise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter,  in  Art.  3 Abs. 1  AsylG  aufgezählter  Verfolgungsmotive  zugefügt  worden  sind  beziehungsweise zugefügt zu werden drohen, ohne dass  im Heimatland  effektiver Schutz erlangt werden könnte (BVGE 2008/34 E. 7.1 S. 507 f.,  mit weiteren Hinweisen). Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von  Art. 3 Abs. 1  AsylG  liegt  vor,  wenn  konkreter  Anlass  zur  Annahme  besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zeit  verwirklicht  beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher  Wahrscheinlichkeit  in  absehbarer  Zukunft  verwirklichen.  Grundsätzlich  sind  aber  auch  Konstellationen  möglich,  bei  denen  eine  Person  bei  Verlassen  ihres Heimatstaates noch keine asylrelevanten Gründe hatte,  jedoch solche mit der Ausreise oder nach der Ausreise entstehen. Solche  sogenannten  Nachfluchtgründe  sind  demnach  Asylgründe,  welche  erst  nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  eintreten  und  den  Flüchtling  bei  seiner  Rückkehr  in  ebendiesen  Staat  einer  asylrelevanten  Verfolgungssituation  aussetzen  würden.  Dabei  gilt  es  zwischen  objektiven  und  subjektiven  Nachfluchtgründen  zu  unterscheiden:  Während  Erstere  unabhängig  vom  Verhalten  der  asylsuchenden  Person  eintreten  ­  also  auf  äussere  Einflüsse  zurückzuführen  sind  ­  und  somit  die  Asylgewährung  für  den  Flüchtling  nach  sich  ziehen,  entstehen  Letztere  durch  die  Ausreise  der  asylsuchenden  Person  (sogenannte  Republikflucht)  oder  durch  ihr  Verhalten nach der Ausreise (beispielsweise eine exilpolitische Tätigkeit),  weshalb  –  wie  eingangs  erwähnt  ­  die  Asylgewährung  gemäss  Art.  54  AsylG  verweigert wird  (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH  [Hrsg.],  Handbuch zum Asyl­ und Wegweisungsverfahren, Bern 2009, S. 202 ff.;  SAMUEL  WERENFELS,  Der  Begriff  des  Flüchtlings  im  Schweizerischen 

E­8044/2008 Asylrecht,  Bern,  1987,  S.  352  ff.;  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.]:  Ausländerrecht,  2.  Aufl.,  Basel  2009, Rz 11.19 und 11.55 ff.). 4.4. Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Durchsicht der Akten in  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  zum  Schluss,  dass  die  Beschwerdeführerin  selbst  unter  Berücksichtigung  der  Zunahme  der  Repression  im  Heimatland  einerseits  und  der  Spitzeltätigkeiten  im  Ausland  andererseits  allein  aufgrund  ihrer  wenigen  Versammlungsteilnahmen heute keine begründete Furcht vor Verfolgung  hegen muss. Den Aussagen der Beschwerdeführerin  ist  zu entnehmen,  dass  sie  sich  im  Heimatland  nicht  politisch  engagiert  hat  (A1/8,  S.  5;  A8/16, S. 10). Auch hat sie weder für die Zeit des ersten Asylverfahrens  in  der  Schweiz  noch  für  die  Dauer  ihres  Italienaufenthaltes  politische  Aktivitäten geltend gemacht. Auch nach ihrer Rückkehr in die Schweiz im  Februar  2006  zeigte  sie  vorerst  kein  politisches  Interesse.  Das  damals  erneuerte Asylgesuch begründete  sie mit  exakt denselben Gründen wie  das erste Asylgesuch (A29/3, S. 2). Erst eineinhalb Jahre später, zirka im  September  2007,  nahm  die  Beschwerdeführerin  laut  ihren  Angaben  erstmals an einem Treffen der Oromo­Gemeinschaft teil. Nur drei Monate  später  stellte  der  Rechtsvertreter  ein  erneutes  Asylgesuch,  welches  er  ausschliesslich mit dem politischen Engagement der Beschwerdeführerin  begründete. In diesem Zeitpunkt dürfte die Beschwerdeführerin wohl erst  ein einziges Mal an einer Versammlung teilgenommen haben (B9/10, S. 4  u. 5). Bezeichnenderweise vermochte der Rechtsvertreter im schriftlichen  Asylgesuch  das  politische  Engagement  in  keiner  Weise  darzulegen,  sondern verwies einzig auf ein zwei Monate zuvor ausgestelltes Affidavit  der [ORGANISATION] in [Deutschland], welches der Beschwerdeführerin  (vorerst  einzig)  die  Zugehörigkeit  zur  Ethnie  der  Oromo  bestätigte.  Der  dargestellte  Ablauf  verrät  klarerweise  ein  Konstrukt,  welches  offenbar  darauf  ausgerichtet  ist,  nach  rechtskräftig  abgeschlossenem  Asylverfahren Gründe für ein neues Asylverfahren zu schaffen.  Gegenstand  der  vorinstanzlichen  Verfügung  war  die  Würdigung  von  insgesamt drei Teilnahmen an Versammlungen der Oromo­Organisation  in  (...),  einer  Teilnahme  an  einem  Oromo­Fest  im  August  2008  in  (…)  sowie  die  Einordnung  einer  Bestätigung  der  [ORGANISATION]  in  [Deutschland]  vom  15.  Oktober  2007,  welche  die  Oromo­Zugehörigkeit  bestätigt.  Als  neu  zu  würdigender  Umstand  hinzugekommen  ist  auf  Beschwerdeebene ein Affidavit der [ORGANISATION], ausgestellt am 16.  Januar  2009  in  [Deutschland],  wonach  die  Beschwerdeführerin  ein 

E­8044/2008 aktives  Mitglied  der  Organisation  sei.  Im  Verlaufe  des  Beschwerdeverfahrens  wurde  nicht  geltend  gemacht,  dass  nach  der  Teilnahme  an  einem  Oromo­Fest  in  (...)  im  August  2008  weitere  Zusammenkünfte  stattgefunden  haben  beziehungsweise  das  Engagement  der  Beschwerdeführerin  eine  andere  Dimension  angenommen hätte. Das Gericht geht somit bei der folgenden Würdigung  von  einigen  wenigen  Teilnahmen  der  Beschwerdeführerin  an  Versammlungen und kulturellen Anlässen aus, die sich  jeweils entweder  an  die  gesamte  sich  in  der  Schweiz  aufhaltende  Oromo­Gesellschaft  gerichtet  haben  (B9/10,  S.  5)  oder  die  einen  kleineren  Kreis  betrafen,  welcher  sich  mangels  eines  festen  institutionellen  Sitzes  jeweils  telefonisch organisieren musste (B9/10. S. 8). 4.5. Unter welchen Voraussetzungen ein exilpolitisches Engagement eine  beachtliche  Verfolgungsgefahr  auslöst,  insbesondere,  ob  schon  die  blosse Mitgliedschaft in einer exilpolitischen Organisation dazu ausreicht,  wird in Judikatur und Literatur unterschiedlich eingeschätzt. In der Tat ist  es  aufgrund  der  Unberechenbarkeit  der  willkürlich  handelnden  äthiopischen  Behörden  schwierig,  für  die  Beurteilung  der  Verfolgungswahrscheinlichkeit  eine  Differenzierung  nach  dem  Gewicht  des  Engagements  vorzunehmen,  zumal  eine  systematische  Erfassung  von  Rückkehrern  nicht  stattfindet. Gemäss Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts  (vgl. Urteile vom  8. Juli 2008 i.S. D­4943/2006, vom 9. September 2008 i.S. D­2332/2008  und vom 12. Februar 2009 i.S. E­368/2009) ist zwar davon auszugehen,  dass die äthiopischen Sicherheitsbehörden die Aktivitäten der  jeweiligen  Exilgemeinschaften  im  Rahmen  ihrer  (beschränkten)  Möglichkeiten  überwachen  und  mittels  elektronischer  Datenbanken  registrieren.  Aufgrund dessen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass im Ausland  agierende  Personen,  welche  erkennbar  in  der  [ORGANISATION]  aktiv  waren  oder  auch  nur  mit  ihr  sympathisierten,  individuell  identifiziert  werden  könnten  und  im  Falle  einer  Zwangsrückschaffung  dem  äthiopischen Sicherheitsdienst bereits am Flughafen bekannt werden. Es  ist  davon  auszugehen,  dass  die  äthiopischen  Sicherheitsorgane  eine  zwangsweise  aus  dem  Ausland  zurückgeführte  Person,  die  Anhänger  oder Mitglied einer regimekritischen Organisation war oder noch ist, nach  wie  vor  als  zu  verfolgenden  Gegner  der  Regierung  ansehen  würden,  solange  von  dieser  Person  vor  ihrer  Ausreise  aus  dem  jeweiligen  Gastland kein eindeutiges Bekenntnis zur verfassungsmässigen Ordnung  Äthiopiens  und  eine  klare  Abkehr  von  der  bisherigen  Politik  dieser 

E­8044/2008 regimekritischen  Organisationen  vorliegt.  Angesichts  der  beschränkten  Ressourcen  des  äthiopischen  Nachrichtendienstes  mag  sich  die  Frage  nach einer allfälligen Überwachung  in der Schweiz stellen, welche  indes  vorliegend offen bleiben kann. Entscheidend  ist nämlich die  tatsächliche  Erkennbarkeit  der  behaupteten  exilpolitischen  Tätigkeit,  die  Individualisierbarkeit  der  Beschwerdeführerin  sowie  deren  konkrete  exilpolitische  Tätigkeit  (vgl.  Urteile  vom  8.  Juli  2008  i.S.  D­4943/2006,  vom 9. September 2008 i.S. D­2332/2008 und vom 12. Februar 2009 i.S.  E­368/2009).  Ein  exponierter  exilpolitischer  Einsatz  der  Beschwerdeführerin, der sie ins Zentrum des Interesses des äthiopischen  Nachrichtendienstes  gerückt  hätte,  ist  aufgrund  der  vorliegenden  Akten  zu  verneinen.  Die  Beschwerdeführerin  hat  sich  mit  ihren  wenigen  Versammlungsteilnahmen  nicht  als  ernsthafte  Oppositionelle  hervorgehoben.  Die  in  Deutschland  ausgestellte  [ORGANISATIONS]­ Bestätigung  vom  16.  Januar  2009,  wonach  die  Beschwerdeführerin  ein  aktives Mitglied der  [ORGANISATION] sei,  ist vor diesem bescheidenen  Engagement  der Beschwerdeführerin  zu  relativieren. Vielmehr  erscheint  die  Beschwerdeführerin  bei  einer  Gesamtschau  als  blosse  Mitläuferin  ohne  erkennbares  subversives  Profil,  welches  es  zu  bekämpfen  gäbe.  Sie selbst gab denn anlässlich der Anhörung auch an, sie glaube nicht,  dass  die  äthiopischen  Behörden  Kenntnis  von  ihren  Versammlungsteilnahmen hätten. Weiter  ist darauf hinzuweisen, dass  in  der  Beschwerde  im  Widerspruch  zu  den  Angaben  der  Beschwerdeführerin  behauptet  wird,  diese  habe  bereits  im  Heimatland  Probleme mit  den  Sicherheitskräften  gehabt  und  sei  registriert  worden,  weshalb  die  Rückkehrgefährdung  umso  grösser  ausfalle.  Diese  Behauptung erweist sich klarerweise als aktenwidrig.  Nach  dem  Gesagten  ist  nicht  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  bei  einer  Rückkehr  in  ihr  Heimatland  eine  asylrechtlich  relevante  Gefährdung  zu  befürchten  hat.  Es  dürfte  den  äthiopischen  Behörden  im  Übrigen  aufgefallen  sein,  dass  die  exilpolitische  Betätigung  vieler  äthiopischer  Asylsuchender  nach  der  Ablehnung  ihrer  Asylgesuche  regelmässig  stark  zunimmt  respektive  intensiver wird oder überhaupt erst ab diesem Zeitpunkt einsetzt, was das  geltend  gemachte  politische  Engagement  auch  in  deren  Augen  als  zweifelhaft  erscheinen  lässt.  Im  vorliegenden  Verfahren  fehlen  jegliche  Hinweise  darauf,  dass  gegen  die  Beschwerdeführerin  aufgrund  der  vorgebrachten  Aktivitäten  in  Äthiopien  behördliche  Massnahmen  eingeleitet worden sind, wobei  in diesem Zusammenhang unter Hinweis  auf die in Art. 8 AsylG verankerte Mitwirkungspflicht festzuhalten ist, dass 

E­8044/2008 es nicht Sache der schweizerischen Asylbehörden sein kann,  jede auch  nur  ansatzweise  und  abstrakt  mögliche  Gefährdungssituation  im  Heimatland der Beschwerdeführers abklären zu müssen.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  die  geltend  gemachten  Nachfluchtgründe  nicht  geeignet  sind,  eine  flüchtlingsrechtlich  relevante  Verfolgungsfurcht  zu  begründen,  weshalb  die  Beschwerdeführerin  nicht  als Flüchtling anerkannt werden kann. An dieser Einschätzung vermögen  weder  der  Hinweis  auf  die  Praxis  der  Vorinstanz  in  angeblich  vergleichbaren Fällen noch die weiteren Ausführungen  in den Eingaben  etwas  zu  ändern,  weshalb  darauf  verzichtet  werden  kann,  auf  diese  weitergehend  einzugehen.  Unter  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  folgt,  dass die Beschwerdeführerin  keine Gründe nach Art.  3  AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konnte. 5.  5.1.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).

E­8044/2008 6.2.  Die  erwähnten  Wegweisungsvollzugshindernisse  sind  alternativer  Natur. Sobald eines von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  BVGE  2009/51  E.  5.4).  Die  nachfolgenden  Erwägungen  befassen  sich  mit  dem  Aspekt  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs. 6.3.   6.3.1.    Das  BFM  stützte  die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  in  seinem  Entscheid  vom  12.  November  2008  auf  Art.  14a  des  Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung  der Ausländer  (ANAG, BS  1  121). Dieses Gesetz wurde  jedoch  bereits  per 31. Dezember 2007 ausser Kraft gesetzt. An dessen Stelle trat per 1.  Januar  2008  das  Bundesgesetz  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20).  Gemäss  der  Übergangsbestimmung  von  Art.  121  AsylG  gilt  für  im  Zeitpunkt  des  Inkrafttretens  des  Asylgesetzes  hängige  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren  sodann  das  neue Recht,  dies  im Gegensatz  zu  den  Ende  2007  hängigen  ausländerrechtlichen  Gesuchen,  für  welche  auch  nach  Inkrafttreten  des AuG  das  bisherige Recht,  also  das ANAG,  anwendbar bleibt (vgl. die Übergangsbestimmungen von Art. 126 AuG).  Das  vorinstanzliche  Anführen  der  nicht  mehr  gültigen  Bestimmung  von  Art.  14a Abs.  4 ANAG  im angefochtenen Entscheid  vom 12. November  2008  im  Rahmen  der  Prüfung  des  Wegweisungsvollzugs  erfolgte  demnach zu Unrecht. Richtigerweise hätte das BFM die Anordnung des  Wegweisungsvollzuges gestützt auf Art. 44 Abs. 2 AsylG (in der Fassung  gemäss Anhang Ziffer II 1 des AuG, in Kraft ebenfalls seit dem 1. Januar  2008)  verfügen  müssen.  Dieser  Artikel  verweist  darauf,  dass  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme nach dem AuG ­ vorab Art. 83 AuG ­ zu regeln  ist,  falls  der  Vollzug  der  Wegweisung  nicht  zulässig,  nicht  zumutbar  oder  nicht möglich ist. Nachdem der vorliegend interessierende Art. 83 Abs. 4  AuG  inhaltlich  nur  eine  Konkretisierung  von  Art.  14a  Abs.  4  ANAG  im  Sinne  einer  Aufzählung  konkreter  Gefahren  darstellt,  ist  der  Beschwerdeführerin  durch  das  bausteinmässige  Anführen  einer  veralteten  Norm  kein  Nachteil  erwachsen.  Eine  Kassation  als  Folge  dieses Fehlers erschiene daher nicht als gerechtfertigt.

E­8044/2008 6.3.2. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.   Die  Vorinstanz  führte  in  ihrem  Entscheid  zur  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  an,  in  Äthiopien  herrsche  heute  weder  Krieg,  Bürgerkrieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Auch sprächen keine  individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs,  sei  die  Beschwerdeführerin  doch  amharischer  Muttersprache  und  habe  sie ihr ganzes Leben in Addis Abeba verbracht. 6.3.3. Zunächst ist zur allgemeinen Lage in Äthiopien zu bemerken, dass  in  Äthiopien  in  der  Tat  weder  Krieg,  Bürgerkrieg  noch  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht.  Hingegen  ist  das  Land  von  immer  wiederkehrenden ethnischen Unruhen geprägt. Auch hat sich die Lage im  Grenzgebiet zu Eritrea seit 2008 zugespitzt. Die Truppen Äthiopiens und  Eritreas  stehen  sich  seit  dem  Abzug  der  United  Nations  Mission  in  Ethiopia  and  Eritrea  (UNMEE)  direkt  gegenüber  und  ein  Wiederaufflammen  des  Konfliktes  ist  allgegenwärtig.  Eine  Lösung  der  Grenzproblematik und eine Normalisierung zwischen den beiden Staaten  ist  nach  wie  vor  nicht  in  Sicht.  Allgemein  ist  die  Sicherheitslage  in  Äthiopien labil. Addis Abeba und eine Reihe von Provinzstädten haben in  den  letzten  Jahren  vermehrt  Bombenanschläge  zu  verzeichnen,  die  sowohl  militärische  als  auch  zivile  Opfer  gefordert  haben  (vgl.  zur  dargestellten  Lage:  PETER  K. MEYER,  SFH,  Äthiopien,  Update:  Aktuelle  Entwicklungen  bis  Juni  2009,  Bern,  11.  Juni  2009,  S.  6  ff.;  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­1724/2007  vom  5.  Mai  2011  und  E­ 5432/2006 vom 13. Januar 2011). 6.3.4.  Äthiopien gilt sodann als eines der zehn ärmsten Länder der Welt.  Die  Lebensumstände  für  den  Grossteil  der  am  oder  unter  dem  Existenzminimum  lebenden  Bevölkerung  in  jeder  Hinsicht  (Einkommen,  Ernährungssicherung,  Gesundheit,  Bildung,  Wohnraumversorgung)  sind  extrem prekär. Im Frühling 2008 kam es im Osten/Südosten des Landes  zu  einer  Dürre,  in  deren  Folge  Hunderttausende  von  Nutztieren  verendeten  und  die  eine  Hungersnot  in  der  Bevölkerung  auslöste.  Daneben  führen  sintflutartige  Regenfälle  immer  wieder  zu  massiven  Zerstörungen  und  Opferzahlen  sowie  Hundertausenden  von  intern 

E­8044/2008 Vertriebenen.  Die  Existenzbedingungen  sind  für  die  Mehrheit  der  Bevölkerung  äusserst  hart  und  bei  Ernteausfällen  oft  auch  lebensbedrohlich.  In  den  letzten  Jahren  hat  die  internationale  Gemeinschaft  praktisch  kontinuierlich  Nahrungsmittelhilfe  in  der  einen  oder  anderen  Region  Äthiopiens  geleistet.  Die  rasante  Inflation  der  letzten Jahre (teilweise über 30%) drückt immer mehr Haushalte auch im  städtischen Bereich  unter  die  absolute Armutsgrenze,  so  dass  sie  nicht  mehr  in der Lage sind, die  zum Überleben notwendigen Nahrungsmittel  zu  erwerben.  Zum  Aufbau  einer  sicheren  Existenz  sind  ausreichend  finanzielle  Ressourcen  und  gut  vermarktbare  berufliche  Fähigkeiten  sowie intakte familiäre und soziale Netzwerke unabdingbar. Arbeitsplätze  bleiben  trotz  des  gestiegenen  Wirtschaftswachstums  der  letzten  Jahre  auch  in  städtischen Gebieten  rar.  Für wenig qualifizierte Arbeiter  ist  die  Arbeitssituation  nochmals  schwieriger.  Der  Gesundheitszustand  der  Bevölkerung  in  Äthiopien  ist  sehr  schlecht.  Die  Bevölkerung  leidet  landesweit  an  verschiedenen,  das  Leben  bedrohenden Krankheiten wie  Malaria,  Tuberkulose  und  anderen  Infektionskrankheiten,  die  insbesondere  durch  verunreinigte  Nahrungsmittel  übertragen  werden.  Grosse  Teile  der  ländlichen  Gebiete  haben  bis  heute  keine  Gesundheitseinrichtungen.  Was  die  sozioökonomische  Situation  von  alleinstehenden  Frauen  in  Äthiopien  betrifft,  ist  sodann  festzustellen,  dass  sich  diese  überaus  schlecht präsentiert. Die Arbeitslosigkeit von Frauen in Addis Abeba wird  auf 40 bis 55% geschätzt. Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen,  dass  eine  Frau  in  Äthiopien  einer  eigenständigen  Erwerbstätigkeit  nachgehen kann, sind eine höhere Schulbildung, das Leben in der Stadt,  das  Verfügen  über  finanzielle  Mittel,  Unterstützung  durch  ein  soziales  Netzwerk  sowie  Zugang  zu  Informationen  (vgl.  http:ethiopia.unfpa.org/drive/Gender.pdf,  zuletzt  abgerufen  am  10.  Mai  2011).  Ohne  diese  Voraussetzungen  bleiben  Frauen  oft  nur  Arbeiten,  welche  gesundheitliche  Risiken  bergen,  so  beispielsweise  in  der  Prostitution  oder  in  Haushalten,  wo  sie  regelmässig  verschiedenen  Formen  der  Gewalt,  auch  sexueller,  ausgesetzt  sind  (vgl.  ALEXANDRA  GEISER,  SFH,  Äthiopien:  Rückkehr  einer  jungen  alleinstehenden  Frau,  Bern, 13. Oktober 2009). Zwar hat Äthiopien in den letzten Jahren einen  wirtschaftlichen  Boom  mit  zeitweilig  zweistelligen  Wachstumsraten  zu  verzeichnen. Profitiert vom Boom hat bisher jedoch vor allem die urbane  Mittelschicht.

E­8044/2008 Auch wenn Addis Abeba bessere Arbeits­ und Einkommensmöglichkeiten  bietet als andere Städte oder  ländliche Regionen, wird durch die grosse  Arbeitsmigration diese Möglichkeit wieder relativiert. Arbeitsplätze bleiben  für wenig qualifizierte Rückkehrer  auch  in  städtischen Gebieten  rar. Auf  eine Arbeitsstelle,  für die nur eine niedrige Qualifikation erforderlich sei,  kommen  zum  Teil  mehrere  Hundert  Bewerberinnen.  Dementsprechend  niedrig fällt das Gehalt aus. Allein die starke Inflation der letzten Jahre (im  Jahr  2008  stiegen  beispielsweise  die  Preise  für  Lebensmittel  um  60  Prozent) hat sodann eine Mehrheit der Bevölkerung in existenzielle Nöte  gebracht  hat  (vgl.  PETER  K.  MEYER,  SFH,  a.a.O.,  S.  18  ff.). Näher  zu  betrachten  ist  nebst  der wirtschaftlichen Perspektive  auch die  gesellschaftliche  Akzeptanz  alleinstehender  Frauen  und  insbesondere  von  Rückkehrerinnen.  So  ist  es  für  alleinstehende  und  zurückkehrende  Frauen schwer,  sozialen Anschluss zu  finden, da nicht  verheiratete und  allein lebende Frauen von der Gesellschaft ­ auch der städtischen ­ nicht  akzeptiert  werden.  Alleinstehende  Frauen  werden  in  der  Nachbarschaft  nicht  gerne  gesehen,  sie  gelten  als  suspekt,  da  die  kulturelle  Norm  für  unverheiratete Frauen ein Leben  in der Familie vorsieht. Eine Wohnung  zu  finden  ist  in  der  Regel  nur  über  Bekannte  möglich.  Allgemein  wird  davon ausgegangen, dass sie auf der Suche nach sexuellen Abenteuern  seien. Wird eine alleinstehende Frau Opfer sexueller Gewalt, wird ihr die  Schuld gegeben (vgl. Österreichisches Rotes Kreuz, ACCORD, Austrian  Centre  for Country of Origin und Asylum Research and Documentation,  Reisebericht Äthiopien, Dezember 2004). 6.3.5.  Den  Akten  ist  nicht  zu  entnehmen,  dass  sich  die  Rückkehrperspektive  für  die  heute  (…)­jährige,  unverheiratete  Beschwerdeführerin  anders  als  beschrieben  darstellen  würde.  Die  Beschwerdeführerin  weist  zwar  eine  (…)­jährige  Schulbildung  aus,  hingegen hat sie keinen Schulabschluss vorzuweisen. Nach der Schulzeit  hat  sie  eigenen Angaben  zufolge  im  [Geschäft]  ihres Vaters  gearbeitet.  Laut  ihrem  ersten  Asylgesuch  und  ihren  Beteuerungen  in  den  nachfolgenden  Verfahren  ist  es  wegen  einer  dem muslimischen,  heute  (…)­jährigen  Vater  nicht  genehmen  Liebesbeziehung  der  Beschwerdeführerin  mit  einem  Christen  zum  Bruch  mit  der  Familie  gekommen.  Eine  Durchsicht  der  Akten  bringt  nebst  widersprüchlichen  Punkten  eine  hinsichtlich  der  Schwierigkeiten  mit  der  Familie  von  Realkennzeichen geprägte Schilderung zu Tage (vgl. A1/8, S. 4 f., A8/16,  S.  8),  welche  den  Abbruch  der  Beziehungen  als  plausibel  erscheinen  lässt. 

E­8044/2008 Die Beschwerdeführerin  stammt  zwar  von einer Familie  ab, welche  [ein  Geschäft]  betrieben  und welche  sie  in  diesem Bereich  auch  beschäftigt  hat. Angesichts des Zerwürfnisses mit ihrer Familie kann dieser Umstand  bei  der Einschätzung der Wiedereingliederungschancen  jedoch nicht  zu  ihren  Gunsten  veranschlagt  werden.  Vielmehr  ist  vom  Fehlen  eines  familiären  Netzes  und  damit  auch  der  Rückgriffsmöglichkeit  auf  die  frühere Tätigkeit  im elterlichen Geschäft auszugehen.  In Anbetracht des  Fehlens  eines  Schulabschlusses,  der  vorgängigen  Ausführungen  zur  prekären  Situation  auf  dem Arbeitsmarkt  sowie  der  bereits  achtjährigen  Landesabwesenheit  dürfte  auch  ein  anderweitiger  Einstieg  in  die  Berufswelt  äusserst  fraglich  sein. Angesichts  des massiven Mangels  an  Arbeitsplätzen dürften sodann auch ihre in der Schweiz in einem [Betrieb]  erworbenen Fähigkeiten bei der Stellensuche im städtischen Addis Abeba  wenig hilfreich sein; allenfalls vermöchten ihre beruflichen Erfahrungen zu  einer  mit  Ausbeutung  verbundenen,  das  Existenzminimum  oft  nicht  deckenden  Anstellung  als  Dienstmädchen/Haushalthilfe  zu  führen.  Aufgrund  der  beschriebenen  fehlenden  gesellschaftlichen  Akzeptanz  alleinstehender  Frauen  dürfte  es  für  die  Beschwerdeführerin  ohne  soziales  Netz  überdies  auch  kaum  möglich  sein,  in  Addis  Abeba  eine  Wohnung zu finden. Ob  dieser  Perspektivelosigkeit  erachtet  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Wegweisungsvollzug  der  Beschwerdeführerin  nach  Äthiopien  als  nicht zumutbar. 6.4. Aus den Akten gehen keine Hinweise auf allfällige Ausschlussgründe  von der vorläufigen Aufnahme  im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG hervor.  Die Voraussetzungen für die Gewährung einer vorläufigen Aufnahme sind  demnach erfüllt.  7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  hinsichtlich  des  angeordneten  Wegweisungsvollzugs  Bundesrecht  verletzt.  Die  Beschwerde  ist  nach  dem  Gesagten  im  Vollzugspunkt  gutzuheissen. Das BFM  ist  anzuweisen,  die Beschwerdeführerin wegen  Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  nur  reduzierte  Kosten 

E­8044/2008 aufzuerlegen.  Diese  werden  auf  Fr.  300.­­  bestimmt.  Dem  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  kann  heute  nicht  mehr  entsprochen  werden  (vgl.  Instruktionsverfügung vom 2. Februar 2009), da aufgrund der im Juli 2009  aufgenommenen  Berufstätigkeit  der  Beschwerdeführerin  heute  nicht  mehr  von deren Bedürftigkeit  ausgegangen werden  kann. Nachdem die  Beschwerdeführerin  im  Beschwerdeverfahren  vertreten  war,  sind  ihr  notwendige  und  verhältnismässig  hohe  Kosten  entstanden  (vgl.  Art.  64  Abs.  1 VwVG). Der Rechtsvertreter weist  in  seiner Kostennote  vom 30.  Mai 2011 einen Aufwand von 5.75 Stunden zu einem Stundenansatz von  Fr. 200.­­ sowie Auslagen von Fr. 21.­­ aus. Dieser Betrag ist tarifkonform  und erscheint angemessen; angesichts des nur  teilweisen Obsiegens  ist  die Parteientschädigung  indessen um die Hälfte zu reduzieren. Somit  ist  der Beschwerdeführerin  für  das  teilweise Obsiegen  zu Lasten des BFM  eine Parteientschädigung  in der Höhe von Fr. 630.­­ (inklusive Auslagen  und Mehrwertsteuer) zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite)

E­8044/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  und  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  beantragt  werden.  Im  Übrigen  wird  die  Beschwerde abgewiesen. 2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  Verfügung  vom  12.  November  2008 werden aufgehoben und das BFM wird angewiesen, die vorläufige  Aufnahme der Beschwerdeführerin anzuordnen. 3.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  wird  wiedererwägungsweise  abgewiesen.  Der  Beschwerdeführerin  werden  reduzierte  Verfahrenskosten  in  der  Höhe  von  Fr.  300.­­  auferlegt.  4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine  Parteientschädigung  in der Höhe von Fr. 630.­­  (inklusive Auslagen und  Mehrwertsteuer) zu entrichten.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Gabriela Oeler Versand:

E-8044/2008 — Bundesverwaltungsgericht 19.07.2011 E-8044/2008 — Swissrulings