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Bundesverwaltungsgericht 03.02.2012 E-7198/2009

February 3, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,804 words·~9 min·1

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­7198/2009 Urteil   v om   3 .   Februar   2012   Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richterin Muriel Beck Kadima,    Gerichtsschreiber Jan Feichtinger. Parteien A._______, geboren am (…), Äthiopien,   vertreten durch lic. iur. Tarig Hassan,   (…), Gesuchstellerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Gegenstand Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom  13. Mai 2009 / E­2245/2008.

E­7198/2009 Sachverhalt: A.  A.a  Die  Gesuchstellerin,  eigenen  Angaben  zufolge  eine  eritreische  Staatsangehörige  tigrinischer  Volkszugehörigkeit  aus  B._______  (Äthiopien), verliess  ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am 18.  August  2007 und gelangte  am 10. September  2007  in  die Schweiz, wo  sie  gleichentags  ein  Asylgesuch  einreichte.  Am  19.  September  2007  wurde sie  im Empfangs­ und Verfahrenszentrum Basel erstmals befragt,  am 1. Februar 2008 erfolgte die Anhörung zu den Asylgründen.  Zur Begründung  ihres Asylgesuches machte  sie  dabei  –  soweit  für  das  vorliegende  Verfahren  wesentlich  –  geltend,  sie  sei  Tochter  einer  Äthiopierin  und  eines  Eritreers.  Obschon  sie  seit  ihrer  Geburt  in  B._______ gelebt habe,  fühle sie sich als Eritreerin.  In Äthiopien sei sie  nie  formell  registriert  worden,  dementsprechend  verfüge  sie  auch  über  keine  äthiopischen  Ausweispapiere.  Infolge  von  Problemen  mit  der  äthiopischen  Regierung  sei  ihr  Vater  [Jahrzahl]  zusammen  mit  seiner  Familie nach Eritrea ausgereist, wo er in Asmara lebe. Ihre Mutter sei im  Jahr  (…)  verstorben,  worauf  die  Gesuchstellerin  mit  ihren  Halbgeschwistern, mit welchen sie sich schlecht verstanden habe, alleine  in  Äthiopien  verblieben  sei.  Hierauf  habe  sie  mit  ihrem  Vater  Kontakt  aufgenommen,  wovon  die  äthiopischen  Behörden  Kenntnis  genommen  und  sie  in  der  Folge  mehrmals  verhaftet  und  verhört  hätten.  Da  ihre  Zugehörigkeit zur (...) und ihre äthiopische Abstammung mütterlicherseits  einem  Umzug  nach  Eritrea  entgegengestanden  hätten,  habe  sie  schliesslich  in  das  Heiratsangebot  eines  auf  sie  angesetzten  Ermittlers  eingewilligt. Bereits kurz nach der Heirat habe  ihr Ehemann sie bedroht  und  geschlagen.  Später  habe  er  ihr  mitgeteilt,  dass  er  sich  von  ihr  scheiden  lassen  wolle.  Im  (…)  2007  sei  die  Ehe  nach  (…)  geschieden  worden. Kurz darauf habe sie sich zum Freund ihres Vaters und danach  zu  dessen  Schwester  begeben.  Da  sie  als  Eritreerin  keine  Zukunftsperspektiven  gehabt  habe,  habe  sie  sich  zur  Ausreise  entschlossen. B.  Mit Verfügung vom 4. März 2008 stellte das BFM fest, die Gesuchstellerin  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  das  Asylgesuch  ab,  verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Die  gegen  diese  Verfügung  erhobene  Beschwerde  vom  7. April 2008  wies  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  Urteil  E­2245/2008  vom 

E­7198/2009 13. Mai 2009  ab. In  Bezug  auf  die  –  vorliegend  massgebliche  –  Staatsangehörigkeit  der  Gesuchstellerin  ist  den  Urteilserwägungen  im  Wesentlichen  zu  entnehmen,  diese  sei  eigenen  Angaben  zufolge  in  B._______  geboren  und  aufgewachsen,  habe  dort  die  Schule  besucht,  geheiratet  und  sich  wieder scheiden lassen. Vor diesem Hintergrund sei nicht glaubhaft, dass  sie  in Äthiopien  nie  registriert worden  sei  und  über  keinen  äthiopischen  Identitätsausweis verfüge.  Im Ergebnis sei davon auszugehen, dass die  Gesuchstellerin die eritreische Staatsangehörigkeit nicht besitze, sondern  Äthiopierin sei. C.  C.a Mit Eingabe  vom 27. August 2009 ersuchte die Gesuchstellerin  das  BFM  um Wiedererwägung  der  Verfügung  vom  4. März  2008  betreffend  den  Vollzug  der  Wegweisung  und  beantragte  in  prozessualer  Hinsicht  insbesondere die Aussetzung des Wegweisungsvollzuges  in Form einer  vorsorglichen Massnahme. C.b  Mit  selbständig  anfechtbarer  Zwischenverfügung  vom  7.  September 2009 entschied das BFM, der Vollzug der Wegweisung werde  nicht ausgesetzt. C.c Mit Beschwerde vom 8. Oktober 2009 focht die Gesuchstellerin diese  Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht an. C.d  Mit  Verfügung  vom  13.  Oktober  2009  wies  das  BFM  das  Wiedererwägungsgesuch  vom  27.  August  2009  ab,  erklärte  die  Verfügung  vom  4. März  2008  für  rechtskräftig  und  vollstreckbar,  erhob  eine Gebühr  von Fr.  600.– und stellte  fest,  einer allfälligen Beschwerde  komme keine aufschiebende Wirkung zu. C.e  Mit  Urteil  vom  16.  Oktober  2009  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  fest,  infolge  des  Erlasses  eines  verfahrensabschliessenden  Entscheides  durch  das  BFM  sei  die  gegen  dessen  Zwischenverfügung  vom  7.  September  2009  gerichtete  Beschwerde  vom  8.  Oktober  2009  gegen­standslos  geworden  und  schrieb dieselbe ab. D.  D.a  Gegen  die  Verfügung  vom  13.  Oktober  2009  erhob  die  Gesuchstellerin mit  Eingabe  vom  2.  November  2009  Beschwerde  beim 

E­7198/2009 Bundesverwaltungsgericht und ersuchte um deren Aufhebung sowie um  Gewährung  von  Asyl,  eventualiter  um  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme. D.b  Mit  Urteil  E­6842/2009  vom  10. November 2009  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Nichtigkeit  der  Verfügung  des  BFM  vom  13. Oktober 2009  fest  und  schrieb  das  Verfahren  als  gegenstandslos  geworden ab. Zur Begründung  führte es an, dass das BFM für die Beurteilung der mit  Eingabe vom 27. August 2009 geltend gemachten Revisionsgründe nicht  zuständig gewesen sei (vgl. hierzu Ziff. 3.1.). E.  E.a Mit Eingabe  ihres Rechtsvertreters  vom 18. November 2009 an das  Bundesverwaltungsgericht liess die Gesuchstellerin in materieller Hinsicht  beantragen,  es  sei  das  Urteil  E­2245/2008  vom  13. Mai 2009  revisionsweise  aufzuheben,  das  mit  Eingabe  vom  7. April 2008  eingeleitete  Beschwerdeverfahren  wieder  aufzunehmen  und  die  Flüchtlingseigenschaft  der Gesuchstellerin  festzustellen. Eventualiter  sei  das  BFM  anzuweisen,  die  Gesuchstellerin  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  wurde  beantragt,  der  Gesuchstellerin  sei  unter  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses die unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  zu  gewähren,  es  sei  die  aufschiebende Wirkung des vorliegenden Gesuchs  festzustellen und die  Vollzugsbehörden  seien  anzuweisen,  bis  zu  einem  Entscheid  über  das  vorliegende Revisionsgesuch von Vollzugshandlungen abzusehen. Zur  Begründung  verwies  die  Gesuchstellerin  auf  die  geltend  gemachte  eritreische  Staatsangehörigkeit  und  reichte  zu  deren  Beweis  eine  eritreische Identitätskarte, welche sie über das eritreische Konsulat in der  Schweiz habe ausstellen lassen, zu den Akten.   E.b Mit  prozessleitender  Verfügung  vom  20. November 2009  setzte  die  zuständige  Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung vorsorglich  aus. E.c  Mit  prozessleitender  Verfügung  vom  1. Dezember 2009  stellte  die  Instruktionsrichterin  fest,  der  Vollzug  der  Wegweisung  werde  bis  zum  Abschluss  des  Verfahrens  ausgesetzt,  verwies  den  Entscheid  über  die 

E­7198/2009 Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG auf  einen  späteren Zeitpunkt  und  verzichtete antragsgemäss auf  die Erhebung eines Kostenvorschusses. E.d  Mit  Eingaben  ihres  Rechtsvertreters  vom  9. März 2010  und  vom  14. Juli 2011  liess  die  Gesuchstellerin  um  Beschleunigung  ihres  Verfahrens ersuchen. F.  Ein  von  der  Gesuchstellerin  eingeleitetes  Verfahren  vor  Bundesgericht  betreffend Rechtsverzögerung endete mit einem Nichteintretensentscheid  der  II.  öffentlich­rechtlichen  Abteilung  vom  30. August 2011.  Unter  dem  Gesichtspunkt  der  Aufsichtsanzeige  stellte  die  Verwaltungskommission  des  Bundesgerichts  mit  Entscheid  vom  21. Dezember 2011  fest,  das  Verfahren  vor  Bundesverwaltungsgericht  dauere  zu  lange  und  forderte  dasselbe  zur  beförderlichen  Behandlung  und  zügigen  Entscheidfällung  auf. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  gemäss  Art. 105  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf dem Gebiet des  Asyls endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen des BFM. Es  ist  ausserdem  zuständig  für  die  Revision  von  Urteilen,  die  es  in  seiner  Funktion  als  Beschwerdeinstanz  gefällt  hat  (vgl.  BVGE  2007/21  E. 2.1  S. 242). 1.2. Gemäss Art. 45 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR 173.32)  gelten  für  die  Revision  von  Urteilen  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  Art. 121 ­ 128  des  Bundesgesetzes  vom  17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110) sinngemäss. Nach Art. 47 VGG findet  auf  Inhalt,  Form  und  Ergänzung  des  Revisionsgesuches  Art. 67  Abs. 3  VwVG Anwendung. 1.3.  Mit  dem  ausserordentlichen  Rechtsmittel  der  Revision  wird  die  Unabänderlichkeit  und  Massgeblichkeit  eines  rechtskräftigen  Beschwerdeentscheides  angefochten,  im  Hinblick  darauf,  dass  die 

E­7198/2009 Rechtskraft  beseitigt  wird  und  über  die  Sache  neu  entschieden werden  kann  (vgl.  PIERRE  TSCHANNEN/ULRICH  ZIMMERLI,  Allgemeines  Verwaltungsrecht, 2. Aufl., Bern 2005, S. 269). 1.4.  Das  Bundesverwaltungsgericht  zieht  auf  Gesuch  hin  seine  Urteile  aus den in Art. 121 – 123 BGG aufgeführten Gründen in Revision (Art. 45  VGG). Nicht  als Revisionsgründe  gelten Gründe, welche  die Partei,  die  um  Revision  nachsucht,  bereits  im  ordentlichen  Beschwerdeverfahren  hätte geltend machen können (sinngemäss Art. 46 VGG). 2.  2.1. Im Revisionsgesuch ist insbesondere der angerufene Revisionsgrund  anzugeben und die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens im Sinne von  Art. 124 BGG darzutun. 2.2.  Die  Gesuchstellerin  macht  den  Revisionsgrund  des  Nachreichens  entscheidender  Beweismittel  (Art. 123  Abs. 2  Bst. a  BGG)  geltend  und  zeigt  ausserdem  die  Rechtzeitigkeit  des  Revisionsbegehrens  auf.  Die  Eingabe  vom  18. November 2009  erweist  sich  damit  als  hinreichend  begründet.  Auf  das  im  Übrigen  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Revisionsgesuch  ist  deshalb  einzutreten  (Art. 47  VGG  i.V.m.  Art. 67  Abs. 3 VwVG und Art. 52 VwVG). 3.  3.1. Mit  ihrer  als  "Wiedererwägungsgesuch"  bezeichneten Eingabe  vom  27. August 2009  reichte  die  Gesuchstellerin  eine  auf  sie  lautende  eritreische  Identitätskarte  zu  den  Akten  und  machte  geltend,  mit  der  Einreichung dieses Originaldokuments gelinge es ihr, alle Zweifel an ihrer  (seit  jeher  behaupteten)  eritreischen  Staatsbürgerschaft  auszuräumen.  Mithin stellte sie auf einen Umstand (ihre angebliche Staatszugehörigkeit)  ab,  welcher  im  Rahmen  des  ordentlichen  Beschwerdeverfahrens  zu  ihrem  Nachteil  unbewiesen  geblieben  ist  (vgl.  Urteil  E­2245/2008  vom  13. Mai 2009).  Folgerichtig  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  Urteil  E­6842/2009  vom  10. November 2009  fest,  entgegen  der  Einschätzung  des  BFM  im  Wiedererwägungsentscheid  vom  13. Oktober 2009 rufe die Gesuchstellerin Revisionsgründe im Sinne von  Art.  123  Abs.  2  Bst.  a  BGG  an  und  stellte  –  infolge  fehlender  Zuständigkeit  des  BFM  –  die   Nichtigkeit  des  vorgenannten  Wiedererwägungsentscheides fest.

E­7198/2009 Auch  mit  der  vorliegenden  Revisionseingabe  wird  geltend  gemacht,  die Gesuchstellerin habe stets vorgebracht, keinerlei Identitätsdokumente  erhalten  zu  haben  und  nie  in  Äthiopien  registriert  worden  zu  sein.  Mit   Urteil  E­2245/2008  vom  13. Mai 2009  habe  das  Bundesverwaltungsgericht  festgestellt,  es  sei  davon  auszugehen,  dass  die Gesuchstellerin die eritreische Staatsangehörigkeit nicht besitze und  vielmehr  Staatsbürgerin  Äthiopiens  sei.  Mittels  Nachreichung  ihrer  eritreischen  Identitätskarte  vermöge  sie  nun  ihre  im  Rahmen  des  ordentlichen  Verfahrens  zu  ihrem  Nachteil  unbewiesen  gebliebene  Staatsangehörigkeit  zu beweisen. Deshalb handle es sich dabei um ein  neues Beweismittel  im revisionsrechtlichen Sinne (vgl. Revisionseingabe  S. 3 und 5). Das  vorliegende  Verfahren  hat  entsprechend  dem  revisionsrechtlichen  Prüfungsumfang  entlang  der  Frage  nach  der  Richtigkeit  des  angefochtenen Urteils  E­2245/2008  vom  13. Mai 2009  zu  verlaufen. Mit  anderen  Worten  wird  zu  untersuchen  sein,  ob  die  darin  getroffene  Feststellung,  die  Gesuchstellerin  verfüge  über  die  äthiopische  Staatsangehörigkeit,  vor  dem  Hintergrund  des  neuen  Beweismittels  Bestand haben kann.  3.2. Dem Wortlaut  von  Art.  123  Abs.  2  Bst.  a  BGG  ist  zu  entnehmen,  dass  eine  Revision  verlangt  werden  kann,  wenn  die  ersuchende  Partei  nachträglich  erhebliche  Tatsachen  erfährt  oder  entscheidende  Beweismittel  auffindet,  die  sie  im  früheren  Verfahren  nicht  beibringen  konnte.  Demnach  müssen  die  zur  Stützung  eines  Revisionsgesuches  geltend  gemachten  Tatsachen  und  eingereichten  Beweismittel  neu  und  erheblich sein. Wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen (vgl. E 3.4.) ergibt, erweist  sich  das  vorliegend  eingereichte  Dokument  als  revisionsrechtlich  unerheblich, weshalb die Frage seiner revisionsrechtlichen Neuheit offen  gelassen werden kann.  3.3.  Mit  Entscheid  12T_3/2011  vom  21. Dezember 2011  stellte  die  Verwaltungskommission  des  Bundesgerichts  fest,  dass  das  vorliegende  Verfahren  keine  Besonderheiten  aufweise,  welche  eine  solchermassen  lange  Verfahrensdauer  vertretbar  machen  würden.  Eritreische  Identitätskarten  wiesen  gemäss  der  Stellungnahme  des  Bundesverwaltungsgerichts keine Sicherheitszeichen auf. Im Hinblick auf  im  ordentlichen  Verfahren  eingereichte  Dokumente  habe  das  Gericht 

E­7198/2009 bereits  im  rechtskräftigen Entscheid  vom 13. Mai 2009  festgestellt,  dass  solche Dokumente ohne Weiteres unrechtmässig erworben sein könnten  und  daher  nur  einen  geringen  Beweiswert  hätten  (E.  2.5).  Mit  dieser  Feststellung ist das Erfordernis der revisionsrechtlichen Erheblichkeit des  neu beigebrachten Beweismittels  angesprochen. Tatsächlich weist  auch  eine  eritreische  Identitätskarte  im  Original  lediglich  einen  beschränkten  Beweiswert auf. Indessen vermag das Beweismittel vorliegend auch unter   der Annahme, hierbei handle es sich um ein authentisches Dokument, zu  keiner  vom  angefochtenen  Urteil  abweichenden  Betrachtungsweise  zu  führen. Unter Hinweis auf die nachstehenden Erwägungen kann deshalb  auf die Durchführung einer Dokumentenanalyse verzichtet werden.  3.4.  Davon  ausgehend,  die  Gesuchstellerin  habe  auf  der  eritreischen  Auslandvertretung  in  der  Schweiz  eine  authentische  eritreische  Identitätskarte  anfertigen  lassen,  ist  nachstehend  zu  erörtern,  inwieweit  dieser Umstand der Feststellung im Urteil E­2245/2008 vom 13. Mai 2009  getroffenen Feststellung, wonach sie Äthiopierin sei, entgegensteht.  3.4.1. Gemäss  eritreischer  Staatsangehörigkeitsverordnung  erwirbt  jede  Person  mit  einem  eritreischen  Elternteil  die  eritreische  Staatsangehörigkeit durch Geburt (Gazette of Eritrean Laws, Ziffer 2 Art.  1 Eritrean Nationality Proclamation [No. 21/1992]: "Any person born to a  father  or  a mother  of  Eritrean  origin  in  Eritrea  or  abroad  is  an  Eritrean  national by birth"). Dies bedeutet, dass die Gesuchstellerin gegenüber der  Auslandvertretung  den  Nachweis  ihrer  Abstammung  von  einem  eritreischen Elternteil  erbracht  haben  dürfte. Da  gemäss  der  genannten  Verordnung die doppelte Staatsangehörigkeit zulässig  ist  (ebenda, Ziffer  2  Art.  5:  "Any  person  who  is  Eritrean  by  birth,  resides  abroad  and  possesses  foreign  nationality  shall  apply  to  the  Department  of  Internal  Affairs  if  he  wishes  to  officially  renounce  his  foreign  nationality  and  acquire  Eritrean  nationality  or  wishes,  after  providing  adequate  justification,  to  have  his  Eritrean  nationality  accepted  while  maintaining  his foreign nationality"), wäre aus eritreischer Sichtweise die Ausstellung  einer Identitätskarte sogar  im unwahrscheinlichen Fall denkbar, dass die  Gesuchstellerin ihre äthiopische Staatsbürgerschaft offengelegt hätte. Bei  der  Klärung  der  vorliegend  relevanten  Frage,  ob  eine  teilweise  eritreische  Abstammung  aus  äthiopischer  Optik  die  äthiopischen  Staatsbürgerschaft  ausschliesst,  sind  die  historische  Ausgangslage  und  die  jüngeren  Entwicklungen  der  äthiopischen  Nationalstaatengesetzgebung zu berücksichtigen. 

E­7198/2009 3.4.2.  Der  Staat  Eritrea  wurde  1952  auf  Beschluss  der  Vereinten  Nationen  föderiert.  Mit  der  Aufhebung  der  Föderation  1962  und  der  Neudefinition  Eritreas  als  äthiopische  Provinz  wurde  die  eritreische  Nationalität jedoch nichtig. Entsprechend galten nach äthiopischem Recht  bis  zur  erneuten  Unabhängigkeit  Eritreas  im  Jahre  1993  alle  Eritreer  respektive  ethnischen  Tigriner  als  äthiopische  Staatsangehörige.  Mithin  hatte  jede  von  mindestens  einem  äthiopischen  Elternteil  abstammende  Person Anspruch auf die äthiopische Staatsbürgerschaft. Da das damals  geltende äthiopische Nationalstaatengesetz von 1930 keine rückwirkende  Aberkennung  der  äthiopischen  Staatsangehörigkeit  vorsah,  waren  auch  doppelte  Staatsbürgerschaften  möglich.  Vor  diesem  Hintergrund  ist  mit  Blick auf die –  (…) als Tochter einer Äthiopierin  in B._______ geborene  Gesuchstellerin  –  davon  auszugehen,  dass  sie  ungeachtet  ihres  allfälligen  tigrinischen Hintergrundes  väterlicherseits  –  wie  eine  Vielzahl  von  Personen  mit  jeweils  einem  äthiopischen  und  einem  eritreischen  Elternteil  –  seinerzeit  als  äthiopische Staatsbürgerin  verzeichnet wurde.  Wer nach 1992 die eritreische Nationalität annehmen wollte, musste 1993  am  Unabhängigkeitsreferendum  teilnehmen.  Nach  Ausbruch  des  eritreisch­äthiopischen  Grenzkonflikts  1998  wurde  den  am  Referendum  teilnehmenden  Personen  die  äthiopische  Staatsangehörigkeit  entzogen,  sie  wurden  fortan  als  Eritreer  betrachtet.  Personen,  welche  am  Referendum  nicht  teilgenommen  haben,  wurden  aus  äthiopischer  Optik  hingegen  nach  wie  vor  als  Äthiopier  angesehen,  auf  den  Kebeles  registriert  und  erhielten  in  aller  Regel  äthiopische  Dokumente.  Für  die  Gesuchstellerin,  welche  1993  (…)  Jahre  alt  und  damit  am Referendum  nicht  teilnahmeberechtigt  war,  ergibt  sich  aus  dem Gesagten,  dass  sie  auch  nach  diesem  Zeitpunkt  weiterhin  als  äthiopische  Staatsbürgerin  gegolten haben muss. Der Grundsatz, wonach jede Person mit mindestens einem äthiopischen  Elternteil Anspruch auf die äthiopische Staatsangehörigkeit hat, wurde im  vom  äthiopischen  Parlament  im  Dezember 2003  verabschiedeten  Staatsangehörigkeitsgesetz (Provision 378/2003) schriftlich verbrieft (Art.  3  Abs. 1).  Ferner  bestimmt  das  Gesetz,  dass  der  Verlust  der  Staatsangehörigkeit  keine  Auswirkungen  auf  die  Nationalität  von  Ehegatten und Kindern hat (Art. 21). Entsprechend kommen im eritreisch­ äthiopischen  Kontext  unterschiedliche  Staatsangehörigkeiten  innerhalb  ein  und  derselben  Familie  durchaus  vor.  Selbst  wenn  der  Vater  der  Gesuchstellerin  nach  seiner  Ausreise  im  Jahr  (…)  die  eritreische  Staatsbürgerschaft  angenommen  haben  sollte,  hätte  dies  nicht  zum 

E­7198/2009 Verlust  der  äthiopischen  Bürgerrechte  seitens  der  Gesuchstellerin  geführt.  Im Sinne eines Zwischenergebnisses  ist  nach dem Gesagten das Urteil  E­2245/2008 vom 13. Mai 2009 insoweit zu bestätigen, als es sich bei der  Gesuchstellerin  zum  Urteilszeitpunkt  mit  an  Sicherheit  grenzender  Wahrscheinlichkeit um eine äthiopische Staatsangehörige handelte.  3.4.3. Diese Erkenntnis wird dadurch verstärkt, dass die Behauptung der  Gesuchstellerin,  in  Äthiopien  niemals  formell  registriert  worden  zu  sein,  weitestgehend  ausgeschlossen  werden  kann.  Selbst  unter  der  vorstehend  verworfenen  Annahme  einer  ausschliesslich  eritreischen  Staatsangehörigkeit  ist  davon  auszugehen,  dass  die  Gesuchstellerin  aufgrund  der  im  Januar  2004  erlassenen  Direktive  über  die  rechtliche  Lage  von  Eritreern  in  Äthiopien  zumindest  über  eine  permanente  Aufenthaltsbewilligung in Gestalt einer sogenannt "blauen Identitätskarte"  (vgl.  5  Abs.  2  und  Art.  6  Abs.  1)  verfügt  hätte.  Die  genannte  Direktive  regelt  den  Status  von  Personen  eritreischer  Herkunft  welche  zwischen  1993 und 2004 ununterbrochen in Äthiopien gelebt haben ("to any person  of  Eritrean origin who was a resident in Ethiopia when Eritrea became an  independent State and has continued maintaining permanent residence in  Ethiopia  up  until  this  Directive  is  issued"  [Ministry  of  Foreign  Affairs  of  Ethiopia, Directive Issued to Determine the Residence Status of Eritrean  Nationals  Residing  in  Ethiopia,  January  2004]),  was  auf  die  Gesuchstellerin  eigenen  Angaben  zufolge  zutraf.  Gemäss  den  dem  Bundesverwaltungsgericht  vorliegenden  Unterlagen  wurden  von  der  Erteilung  einer  Aufenthaltsberechtigung  nur  jene  Personen  ausgeschlossen, welche Äthiopien nach Kriegsausbruch verlassen haben  ("However,  according  to  one  source  the  Directive  and  especially  its  provisions  for  Eritreans  re­acquiring  Ethiopian  citizenship  or  gaining  a  permanent  residence  permit,  does  not  apply  to  Eritreans  who  were  expelled  to Eritrea after  the war began. Nor does  the Directive apply  to  Eritreans coming to Ethiopia from another country." [Writenet, Ethiopia: A  Sociopolitical Assessment, May 2006]). Der Schluss,  dass die Gesuchstellerin  in Äthiopien  zumindest  registriert  gewesen  sein  muss,  drängt  sich  insbesondere  aufgrund  der  Tatsache  auf,  dass  sie  in B._______ geboren wurde,  die Schule besucht  und bis  zum  Alter  von  (…)  Jahren  ununterbrochen  dort  gelebt  hat.  Dabei  ist  anzumerken,  dass  in Äthiopien  der Besitz  eines  Identitätsausweises  für  Personen ab 16 Jahren obligatorisch ist (IRIN, Ethiopia: Foreigners to be 

E­7198/2009 registered, 8. Oktober 2008). Schliesslich handelt es sich bei der geltend  gemachten  Eheschliessung  und  Scheidung  um  förmliche  Verwaltungsakte,  die  in  aller  Regel  der  Vorlage  von  Ausweispapieren  bedürfen.  Wenn  nun  feststeht,  dass  die  Gesuchstellerin  in  Äthiopien  registriert  gewesen  sein  muss,  ist  nicht  einzusehen,  weshalb  sie  von  ihrem  äthiopischen Staatsbürgerrecht nicht hätte Gebrauch machen sollen. Dies  umso weniger, als ihr eritreischer Vater (…) gewesen sein soll.   3.4.4. Angesichts der vorstehenden Ausführungen kann kein vernünftiger  Zweifel  daran  bestehen,  dass  die  Gesuchstellerin  zum  Zeitpunkt  ihrer  Ausreise über die äthiopische Staatsangehörigkeit  sowie entsprechende  Ausweisdokumente  verfügte.  An  dieser  Feststellung  vermag  die  nachträglich  angefertigte  eritreische  Identitätskarte  nichts  zu  ändern.  Hiermit wird – unter Annahme der Echtheit des Dokuments – einzig der  geltend gemachte  tigrinische Hintergrund der Gesuchstellerin  respektive  die  Abstammung  von  einem  eritreischstämmigen  Elternteil  belegt,  welcher wie  aufgezeigt  einer  äthiopischen Staatsangehörigkeit  in  keiner  Weise  entgegensteht.  Dass  die  Gesuchstellerin  einen  eritreischen  Hintergrund  hat,  wurde  denn  im  Rahmen  des  ordentlichen  Verfahrens  auch nicht grundsätzlich bestritten.  Wie  unter  Ziffer  3.1.  festgestellt,  beschränkt  sich  das  vorliegende  Revisionsverfahren  auf  die  Frage,  ob  das  angefochtene  Urteil  vor  dem  Hintergrund des neuen Beweismittels Bestand haben kann. Diese Frage  wurde  vorstehend mit  der Begründung bejaht,  dass  die Beweiskraft  der  Identitätskarte  auf  die  eritreische  Abstammung  der  Gesuchstellerin  beschränkt ist.  Inwiefern der Akt der Ausstellung der Identitätskarte zu einer veränderten  Ausgangslage  –  etwa  zum  nachträglichen  Verlust  der  äthiopischen  Staatsangehörigkeit  und  der  Unmöglichkeit  der  Wiedererlangung  derselben (vgl. Ziff. 3.2. Bst. b der Revisionseingabe) – führen könnte, ist  hingegen nicht Gegenstand des vorliegenden Revisionsverfahrens, weil,  wie  oben  angeführt,  die  im  ordentlichen  Beschwerdeverfahren  entscheidrelevante  Feststellung  der  äthiopischen  Staatsangehörigkeit  einerseits  revisionsrechtlich  nicht  zu  beanstanden  ist.  Andererseits  sind  mit der nunmehr festgestellten "doppelten Staatsangehörigkeit" allein die  von  der Gesuchstellerin  befürchteten Nachteile  nicht  erwiesen, weshalb  sie revisionsrechtlich unerheblich ist.

E­7198/2009 3.5.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  mit  der  Eingabe  vom  18. November 2009 keine  revisionsrechtlich  relevanten Gründe dargetan  wurden.  Das  Gesuch  um  Revision  des  Urteils  E­2245/2008  vom  13. Mai 2009  ist demzufolge abzuweisen. 4.  Dem  Ausgang  des  Verfahrens  entsprechend  wären  die  Kosten  der  mit  ihren  Begehren  unterlegenen  Gesuchstellerin  zu  überbinden  (Art. 63  Abs. 1 VwVG). Diese hat  jedoch  im Rahmen der Gesuchsbegehren ein  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gestellt.  Gemäss  Art. 65  Abs. 1  VwVG  befreit  die  Beschwerdeinstanz  nach  Einreichung der Beschwerde eine Partei, die nicht über die erforderlichen  Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern  ihr  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheint.  Gesamthaft  betrachtet  kann  der Gesuchstellerin nicht vorgehalten werden, ihrem Gesuch habe es im  Zeitpunkt der Beantragung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Blick auf  die Erfolgsaussichten an der nötigen Ernsthaftigkeit gefehlt (vgl. BGE 125  II 265 E. 4b S. 275). Zudem ist aufgrund der Aktenlage (vgl. Bestätigung  der Fürsorgeabhängigkeit vom […] 2009) nicht davon auszugehen, dass  die  Gesuchstellerin  ein  den  prozessualen  Notbedarf  übersteigendes  Einkommen  erzielt.  Damit  sind  beide  kumulativ  erforderlichen  Voraussetzungen  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  erfüllt.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  ist  deshalb  gutzuheissen,  und die Gesuchstellerin ist von der Pflicht zur Kostentragung zu befreien.  Infolgedessen  sind  ihr  trotz  ihres  Unterliegens  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­7198/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Das Revisionsgesuch wird abgewiesen. 2.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Dieses Urteil  geht  an  die Gesuchstellerin,  das BFM und die  zuständige  kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Gabriela Freihofer Jan Feichtinger Versand:

E-7198/2009 — Bundesverwaltungsgericht 03.02.2012 E-7198/2009 — Swissrulings