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Bundesverwaltungsgericht 11.01.2012 E-6972/2011

January 11, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·886 words·~4 min·2

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 30. November 2011 / N

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­6972/2011 E­6974/2011 Urteil   v om   1 1 .   J a nua r   2012   Besetzung Einzelrichter Bruno Huber, mit Zustimmung von Richterin Nina Spälti Giannakitsas;   Gerichtsschreiber Jonas Tschan. Parteien A._______, geboren (…), und dessen Ehefrau B._______, geboren (…), Bosnien und Herzegowina,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügungen des BFM vom 30. November 2011 / N (…) und  N (…).

E­6972/2011 und E­6974/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass  die  Beschwerdeführenden  Bosnien  und  Herzegowina  eigenen  Angaben  zufolge  am  7.  September  2011  verliessen  und  am  11.  September  2011  in  die  Schweiz  gelangten,  wo  sie  am  12.  September  2011  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  C._______  (EVZ)  um  Asyl  nachsuchten, dass sie bei den Befragungen vom 22. September 2011 und den direkten  Anhörungen  zu  den  Asylgründen  vom  24.  November  2011  im  Wesentlichen  geltend  machten,  die  Situation  sei  für  sie  als  ethnische  Roma schlimm, dass  sie  überall  benachteiligt  und  schikaniert  würden  und  es  kaum  möglich sei, eine Arbeit zu finden, dass  der Beschwerdeführer A._______  zusammen mit  seinem Sohn  im  (…)  überfallen  worden  sei,  wobei  die  Angreifer  Letzteren  (…)  schwer  verletzt hätten, dass  die  Beschwerdeführerin  B._______  in  D._______,  wo  die  Schwiegereltern  gewohnt  hätten,  mehrfach  von  Serben  geschlagen  worden sei, dass  das  BFM  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  mit  Verfügungen vom 30. November 2011 – jeweils eröffnet am 1. Dezember  2011  –  ablehnte,  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  verfügte  und  den  Vollzug der Wegweisung anordnete, dass das Bundesamt zur Begründung anführte, vereinzelte Übergriffe auf  Angehörige von Minderheiten könnten in Bosnien und Herzegowina zwar  nicht  restlos  ausgeschlossen  werden,  aber  solchen  Verfolgungsmassnahmen  komme  in  der  Regel  keine  asylrelevante  Intensität zu, dass die  von den Beschwerdeführenden vorgebrachten Vorfälle auch  in  Bosnien  und  Herzegowina  Straftatbestände  darstellen  würden,  die  strafrechtliche  Verfolgung  nach  sich  zögen,  und  der  Staat  bestrebt  sei,  Verfehlungen von Beamten zu ahnden, dass  in  diesem  Zusammenhang  darauf  hinzuweisen  sei,  dass  der  Bundesrat mit  Beschluss  vom 25.  Juni  2003 Bosnien  und Herzegowina  als verfolgungssicheren Staat (Safe Country) im Sinne von Art. 6a Abs. 2    

E­6972/2011 und E­6974/2011 Bst.  a  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  bezeichnet habe, dass  im  vorliegenden  Fall  keine  Hinweise  erkennbar  seien,  der  Staat  habe den Schutz verweigert, dass es allerdings keinem Staat möglich sei, die absolute Sicherheit aller  Bürger jederzeit und überall zu garantieren, dass  der  Vollzug  der Wegweisung  zulässig,  zumutbar  und möglich  sei,   zumal  die  Beschwerdeführenden  in  ihrem  Heimatstaat  über  ein  Beziehungsnetz verfügen würden, dass  die  Beschwerdeführenden  mit  separaten  Eingaben  vom  27.  Dezember  2011  (Poststempel)  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  (inhaltlich  identische)  Beschwerden  einreichten  und  beantragen,  die  Verfügungen  des  BFM  vom  30.  November 2011 seien aufzuheben, es sei ihnen Asyl zu gewähren und zu  ermöglichen, in der Schweiz bis auf Weiteres zu verbleiben, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Eingang  der  Beschwerden mit  Verfügung vom 6. Januar 2012 bestätigte, und zieht in Erwägung, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art. 5  VwVG)  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 31 ­ 33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  die  Beschwerdeführenden  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen haben,  durch  die  angefochtenen Verfügungen  besonders  berührt  sind,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  haben  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerden  legitimiert  sind  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48 Abs. 1 VwVG),

E­6972/2011 und E­6974/2011 dass  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichten  Beschwerden  unter  Vorbehalt  der  nachstehenden  Erwägungen  einzutreten  ist  (Art. 108  Abs. 1  AsylG;  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 52  Abs. 1  VwVG),  dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Verfahren  der  beiden  Beschwerdeführenden  (E­6972/2011  und  E­6974/2011)  aufgrund  des  engen zeitlichen und sachlichen Zusammenhangs vereinigt und in einem  einzigen Urteil über die Beschwerden befindet, dass  im vorliegenden Verfahren gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf  die Einholung einer Vernehmlassung verzichtet wurde, dass die Schweiz Flüchtlingen grundsätzlich Asyl  gewährt  (Art. 2 Abs. 1  AsylG), wobei Flüchtlinge Personen sind, die  in  ihrem Heimatstaat oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnten,  wegen  ihrer  Rasse,  Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden  (Art. 3 Abs. 1 AsylG) und den  frauenspezifischen Fluchtgründen  Rechnung zu tragen ist (Art. 3 AsylG), dass die Flüchtlingseigenschaft nachgewiesen oder zumindest glaubhaft  gemacht werden muss (Art. 7 AsylG), dass die Flüchtlingseigenschaft glaubhaft gemacht ist, wenn die Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält, dass  Vorbringen  insbesondere  dann  unglaubhaft  sind,  wenn  sie  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte  oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden, dass  vorliegend  die  von  den  Beschwerdeführenden  geltend  gemachten  Vorbringen  von  der Vorinstanz  nicht  in  Frage  gestellt  werden  und  auch  das  Bundesverwaltungsgericht  angesichts  der  auf  Beschwerdeebene  eingereichten Beweismittel keine Veranlassung hat, hieran zu zweifeln,

E­6972/2011 und E­6974/2011 dass  jedoch  in  der  Rechtsmitteleingabe  keine  neuen,  erheblichen  Argumente vorgetragen werden, die geeignet wären, zu einer vom BFM  abweichenden Beurteilung zu gelangen, dass  der  bosnisch­herzegowinische  Staat  sowohl  über  funktionierende  Polizeiorgane als auch über ein Rechts­ und Justizsystem verfügt, dass  die  Beschwerdeführenden  bei  einer  allfälligen  Bedrohung  durch  Dritte  bei  den  Behörden  Schutz  suchen  können,  zumal  Bosnien  und  Herzegowina durch den Bundesrat am 1. August 2003 als so genanntes  Safe Country bezeichnet wurde  (vgl. Art.  6 Abs. 2 AsylG), weshalb  von  der Schutzfähigkeit und vom Schutzwillen dieses Staates auszugehen ist, dass  zudem  darauf  hinzuweisen  ist,  dass  die  von  den  Beschwerdeführenden geltend gemachten Übergriffe die  in Art. 3 Abs. 2  AsylG geforderte Intensität nicht erreichen, dass  es  den  Beschwerdeführenden  somit  nicht  gelingt,  die  Flüchtlingseigenschaft  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  zu  machen, weshalb  das  Bundesamt  die  Asylgesuche  zu Recht  abgelehnt  hat, dass die Ablehnung eines Asylgesuchs in der Regel die Wegweisung aus  der Schweiz zur Folge hat (Art. 44 Abs. 1 AsylG), vorliegend der Kanton  keine  Aufenthaltsbewilligung  erteilt  hat  und  zudem  kein  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  besteht  (vgl.  BVGE  2009/50  E.  9  S. 733;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2001  Nr. 21),  weshalb  die  verfügte  Wegweisung  im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen steht und  demnach vom Bundesamt zu Recht angeordnet wurde, dass  das  BFM  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  regelt,  wenn  der  Vollzug  der Wegweisung  nicht  zulässig,  nicht  zumutbar  oder  nicht  möglich  ist  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer [AuG, SR 142.20]), dass  bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gemäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft  gilt,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens  glaubhaft  zu 

E­6972/2011 und E­6974/2011 machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl,  in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser  [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148), dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  nicht  zulässig  ist,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  der  Ausländerin oder des Ausländers  in den Heimat­, Herkunfts­ oder einen  Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG), dass  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen werden darf, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]), dass es den Beschwerdeführenden nicht gelungen  ist, eine asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  weshalb das in Art. 5 AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen  Non­Refoulement  vorliegend  keine  Anwendung  findet  und  keine  Anhaltspunkte für eine menschenrechtswidrige Behandlung im Sinne von  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  von  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  ersichtlich  sind,  die  ihnen  in  Bosnien  und  Herzegowina drohen, dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  vorliegend  in  Beachtung  der  massgeblichen völker­ und landesrechtlichen Bestimmungen zulässig ist,  dass sich der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer als unzumutbar  erweist,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer  Notlage konkret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AuG), dass  weder  die  allgemeine  Lage  in  Bosnien  und  Herzegowina  noch  individuelle  Gründe  auf  eine  konkrete  Gefährdung  der  Beschwerdeführenden im Falle einer Rückkehr schliessen lassen, 

E­6972/2011 und E­6974/2011 dass das Bundesverwaltungsgericht die oft schwierige Lage der Roma in  Bosnien  und  Herzegowina  nicht  verkennt,  insgesamt  gesehen  jedoch  gleichwohl kein Vollzugshindernis festzustellen ist, dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  in  Anbetracht  der  Aktenlage  als  zumutbar zu beurteilen ist, dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden  nach  Bosnien  und  Herzegowina  schliesslich  möglich  ist,  da  keine  Vollzugshindernisse bestehen (Art. 83 Abs. 2 AuG), und es ihnen obliegt,  bei  der  Beschaffung  gültiger  Reisepapiere  mitzuwirken  (Art. 8  Abs. 4  AsylG), dass  es  den  Beschwerdeführenden  demnach  nicht  gelungen  ist,  darzutun,  inwiefern  die  angefochtenen  Verfügungen  Bundesrecht  verletzten,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  oder  unvollständig  feststellen  oder  unangemessen  sind  (Art. 106  AsylG),  weshalb die Beschwerden abzuweisen sind,  dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  von  Fr. 600.­  (Art. 1 ­ 3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2])  den  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  sind  (Art. 63  Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

E­6972/2011 und E­6974/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerden werden abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  600.­  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen.  3.  Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, an das BFM und an das  Migrationsamt des Kantons E._______. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Bruno Huber Jonas Tschan Versand:

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