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Bundesverwaltungsgericht 15.02.2012 E-6841/2011

February 15, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,863 words·~14 min·4

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 18. November 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6841/2011 Urteil   v om   1 5 .   Februar   2012 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richterin Christa Luterbacher,    Gerichtsschreiber Tobias Meyer. Parteien A._______, geboren (…), Belarus,   vertreten durch Linda Keller, Rechtsanwältin, Advokaturbüro  Bodenmann, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 18. November 2011 / N (…).

E­6841/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  belarussischer  Staatsangehöriger,  verliess  nach  eigenen  Angaben  am  12. Januar  2011  sein  Heimatland  und  gelangte  per  Lastkraftwagen  über  ihm  unbekannte  Transitländer  am  14. Januar  2011  in  die  Schweiz,  wo  er  am  15. Januar  2011  um  Asyl  nachsuchte.  B.  Am 21. Januar 2011 wurde er zur Person befragt (Protokoll: A7) und am  2. Februar  2011  zu  seinen  Fluchtgründen  angehört  (Protokoll:  A14).  Dabei machte er  im Wesentlichen geltend, er habe seit seinem 10. oder     11.  Lebensjahr  bei  seiner  Schwester  in  B._______  gewohnt,  die  seine  einzige Verwandte sei und  im Alter von 18 Jahren seine Vormundschaft  übernommen  habe.  Als  er  am  9. Januar  2011  nach  Hause  gekommen  sei, habe er  in der Wohnung seine Schwester, deren Freund und einen  weiteren  Mann  angetroffen.  Der  Freund  habe  zusammen  mit  seinem  Kollegen  die Wohnung  durchsucht  und  die  Schwester  geschlagen.  Die  Männer  hätten  wahrscheinlich  das  Geld  gesucht,  das  die  Schwester  durch  den  Verkauf  der  Wohnung  der  Anfang Dezember  2010  verstorbenen  Grossmutter  erhalten  habe.  Nachdem  ihm  die  Flucht  aus  der Wohnung gelungen sei, habe er nicht gewusst, wohin er gehen sollte.  Er  habe  nicht  in  einem  Waisenhaus  enden  wollen,  da  ihn  dort  der  mutmasslich  kriminelle  Freund  seiner  Schwester  leicht  hätte  finden  können.  Deshalb  sei  er  zu  einer  Freundin  seiner  Schwester  gegangen.  Zusammen mit dieser Freundin und deren Vater habe er vergeblich nach  seiner  Schwester  gesucht.  Nach  drei  Tagen  habe  ihm  der  Vater  der  Freundin geraten, so schnell wie möglich auszureisen. C.  Mit  Verfügung  vom  8. Februar  2011  trat  das  BFM  aufgrund  fehlender  Reise­  und  Identitätspapiere  nicht  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers ein, wies  ihn aus der Schweiz weg und ordnete den  Vollzug  der  Wegweisung  an.  Die  gegen  diese  Verfügung  erhobene  Beschwerde vom 23. Februar 2011 hiess das Bundesverwaltungsgericht  mit  Urteil  vom  7. März  2011  gut.  Das  Gericht  hob  die  angefochtene  Verfügung  auf  und  wies  die  Sache  zur materiellen  Behandlung  an  das  BFM zurück. Zur  Begründung  führte  das  Bundesverwaltungsgericht  aus,  dass  das  BFM  in  seiner  Verfügung  das  Kindeswohl  des  minderjährigen 

E­6841/2011 Beschwerdeführers  nicht  berücksichtigt  und  keine  Ausführungen  dazu  gemacht habe, wo und unter wessen Obhut er bei einer Rückkehr in sein  Heimatland  leben sollte. Damit bedürfe es  für einen Entscheid über den  Vollzug  der Wegweisung  im  vorliegenden  Fall  weiterer  Abklärungen  zu  Wegweisungsvollzugshindernissen,  und  der  getroffene  Nichteintretensentscheid  verstosse  gegen  Bundesrecht.  Das  Bundesverwaltungsgericht  verlangte  vom  BFM  eine  konkrete  Überprüfung  der  Situation,  in  der  sich  der  Beschwerdeführer  nach  der  Rückkehr  befinden  würde.  In  Anbetracht  der  angeblich  fehlenden  Familienmitglieder  sei  eine  besonders  gründliche Abklärung der  konkret  zu erwartenden Situation im Heimatland und namentlich am Herkunftsort  des Beschwerdeführers erforderlich. D.  Mit  Schreiben  vom  9. Mai  2011  ersuchte  das  BFM  die  Schweizerische  Botschaft  in  Warschau  um  Abklärungen  bezüglich  der  Identität  des  Beschwerdeführers,  seiner  angeblichen  Wohnadressen,  seiner  Schule,  allfälliger  Verwandter,  zu  denen  er  zurückkehren  könnte,  sowie  zu  Waisenhäusern oder Jugendheimen, die ihn aufnehmen könnten. E.  Mit  Schreiben  vom  11. Oktober  2011  sandte  die  Schweizerische  Botschaft in Warschau dem BFM die Antworten ihres Büros in Minsk. Der  Chef des Büros in Minsk teilte darin mit, die Ermittlungen hätten ergeben,  dass  in  Belarus  keine  Person  mit  den  vom  Beschwerdeführer  angegebenen Namen, Vornamen, Geburtstag, Geburtsort und Adressen  registriert  sei.  Weder  in  der  Datenbank  des  Adressenbüros  der  Stadt  B._______  noch  im  zentralen  Adressenbüro  des  Innenministeriums  sei  der Beschwerdeführer  registriert. Das gleiche gelte  für seine Schwester.  Nach ihren Quellen habe die Polizei der Stadt B._______ zudem keinerlei  Suchaktionen  nach  einer  Person  mit  dem  Namen  der  angeblichen  Schwester  durchgeführt,  da  sie  keine  Hinweise  auf  kriminelle  Machenschaften  gegen  eine Frau mit  diesem Namen gehabt  habe. Auf  Nachfrage des BFM sandte das Büro in Minsk am 25. Oktober 2011 eine  Liste mit Waisenhäusern in B._______ und in der Region C._______. F.  Mit  Schreiben  vom  25. Oktober  2011  setzte  das  BFM  den  Beschwerdeführer  über  die  Ergebnisse  der  Botschaftsabklärung  in  Kenntnis und gab ihm Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen.

E­6841/2011 G.  Mit Schreiben vom 7. November 2011 brachte der Beschwerdeführer vor,  er könne sich nicht erklären, warum er nicht registriert sei. Sein Pass sei  beim Fahrer des Lastkraftwagens, der ihn in die Schweiz gebracht habe,  geblieben.  Auch  habe  er  von  der  Schweiz  aus  einen  Brief  an  seine  Schule geschickt, um einen Schulausweis zu erhalten. Er habe jedoch nie  eine Antwort erhalten und die Kopie des Briefes habe er verloren. H.  Mit  Verfügung  vom  18. November  2011  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  sein  Asylgesuch  ab,  wies  ihn  aus  der  Schweiz  weg  und  beauftragte  den  zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Zur  Begründung  führte  das  BFM  im  Wesentlichen  an,  die  Botschaftsabklärung  habe  ergeben,  dass  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers zu seiner Identität nicht stimmten. Dasselbe gelte für  seine  Aussagen  bezüglich  der  Identität  seiner  angeblichen  Schwester.  Zudem verfüge die Polizei von B._______ über keine Hinweise, dass eine  Person  dieses  Namens  verschwunden  oder  Opfer  eines  Verbrechens  geworden  sei.  Der  Beschwerdeführer  beharre  jedoch  auf  seinen  nachweislich  falschen  Identitätsangaben.  Daraus  sei  der  Schluss  zu  ziehen,  dass  auch  an  den  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Verfolgungen  gezweifelt  werden  müsse.  Diese  Feststellung  werde  dadurch  verstärkt,  dass wichtige Vorbringen des Beschwerdeführers als  unglaubhaft  zu  bewerten  seien.  Seine  Aussagen  enthielten  in  wesentlichen  Punkten  Widersprüche,  insbesondere  im  Zusammenhang  mit  den Umständen  des Verschwindens  seiner  Schwester  und  darüber,  ob  ihr  Verschwinden  der  Polizei  gemeldet  worden  sei.  Des  Weiteren  widersprächen  einige  seiner  Aussagen  der  allgemeinen  Erfahrung  und  der  Logik  des  Handelns.  Insgesamt  hielten  seine  Vorbringen  den  gesetzlichen Anforderungen  an  die Glaubhaftigkeit  nicht  stand,  so  dass  ihre Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Bezüglich  allfälliger  individueller  Gründe,  die  gegen  die  Zumutbarkeit  einer  Rückkehr  nach  Belarus  sprechen  könnten,  führte  das  BFM  aus,  durch  sein  Beharren  auf  den  falschen  Angaben  zu  seiner  Identität  verunmögliche  der  Beschwerdeführer  dem  BFM  abzuklären,  ob  solche  Gründe  existierten.  Es  sei  deshalb  nicht  davon  auszugehen,  dass  er  in  Belarus  keine  Verwandten  habe.  Vielmehr  deute  die  Identitätsverschleierung auf andere familiäre Verhältnisse hin, als von ihm 

E­6841/2011 im  Rahmen  des  Asylgesuchs  dargelegt.  Grundsätzlich  bestünde  in  Belarus  für  alleinstehende  Minderjährige  die  Möglichkeit,  in  einem  Waisenhaus  untergebracht  zu  werden.  Das  BFM  führte  eine  Liste  mit  sieben  Institutionen  für  Waisen  in  B._______  und  in  der  Region  C._______  an  (inklusive  Adressen  und  Telefonnummern).  Für  die  Aufnahme  in  einer  dieser  Institutionen  müsse  die  Identität  des  Minderjährigen  feststehen,  und  es  müsse  bestätigt  sein,  dass  dieser  keine Eltern habe und dass seine Verwandten nicht über das Sorgerecht  für ihn verfügten. I.  Mit  Eingabe  vom  20. Dezember  2011  (Datum  des  Poststempels)  erhob  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  des  BFM.  Er  beantragte,  die  Verfügung  sei  aufzuheben,  es  sei  festzustellen,  dass  er  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle, und es sei  ihm  in der Schweiz Asyl zu gewähren. Es sei zudem  festzustellen, dass ihm die Rückkehr in seine Heimat nicht zumutbar sei.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragte  er  Befreiung  von  der  Leistung  der  Verfahrenskosten  und  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Prozesskostenvorschusses. Zur Begründung der Beschwerde  führte er  im Wesentlichen an, er habe  tatsächlich  teilweise  unterschiedliche  Aussagen  gemacht.  Allerdings  seien  die  Unterschiede  jeweils  nachvollziehbar.  Seine  Aussagen  seien  zudem  vor  dem  Hintergrund  seines  Alters  und  der  traumatischen  Umstände seiner Ausreise zu würdigen. Eine Rückführung nach Belarus  wäre  für  ihn nicht zumutbar. Vor einer Rückkehr müssten die Schweizer  Behörden seine Identität feststellen: Nur wenn feststehen würde, dass er  auf sich allein gestellt wäre, wäre eine Aufnahme  in einer der vom BFM  genannten  Institutionen möglich. Diese  Institutionen entsprächen zudem  keinesfalls  auch  nur  annähernd  ähnlichen  Institutionen  in  der  Schweiz.  Allein durch die Auflistung der verschiedenen existierenden  Institutionen  erfülle  das  BFM  deshalb  nicht  die  Voraussetzungen,  die  gegeben  sein  müssten,  um  einen  erst  15­jährigen  Minderjährigen  unbegleitet  in  sein  Heimatland zurückzuschicken. J.  Mit  Zwischenverfügung  vom  23. Dezember  2011  verzichtete  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  verschob  die  Behandlung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung auf einen späteren Zeitpunkt.

E­6841/2011 E­6841/2011 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls  in  der Regel  –  so  auch  vorliegend  –  endgültig  (Art. 105  des Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen  und  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt. Damit hat  der  Beschwerdeführer  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  der  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  der  Verfügung  und  ist  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Das Verfahren  richtet  sich  nach  dem VwVG,  soweit  das  VGG  und  das  AsylG  nichts  anderes  bestimmen  (Art. 37  VGG).  Auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1  AsylG). 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 

E­6841/2011 Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte  oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.  Die Vorinstanz  hat  das Beweismass  des Glaubhaftmachens  korrekt  auf  den  vorliegenden  Fall  angewendet.  Die  angefochtene  Verfügung  begründet einlässlich, weshalb die Flüchtlingseigenschaft nicht glaubhaft  dargetan  ist.  Die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  auf  Beschwerdeebene sind aus den nachstehenden Gründen nicht geeignet,  an der vorinstanzlichen Beweiswürdigung etwas zu ändern. 4.1.  Der  Beschwerdeführer  macht  in  der  Beschwerdeschrift  in  grundsätzlicher Weise geltend, es sei zu beachten, dass er zum Zeitpunkt  der  Befragungen  erst  15  Jahre  alt  gewesen  sei.  Er  sei  in  einem  Land  aufgewachsen,  in  dem  keine  freie Meinungsäusserung  bestehe;  zudem  sei  er  sehr  verschlossen  und  habe Mühe,  sich  gegenüber  Fremden  zu  öffnen. 4.1.1.  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  20. November  1989  über  die  Rechte  des  Kindes  (SR  0.107,  KRK)  sieht  vor,  dass  bei  allen  Massnahmen,  die  Kinder  betreffen,  das  Kindeswohl  vorrangig  zu  berücksichtigen  ist.  Art. 22  KRK  verpflichtet  die  Vertragsstaaten,  alle  geeigneten  Massnahmen  zu  treffen,  damit  asylsuchende  Minderjährige  angemessenen  Schutz  bei  der  Wahrnehmung  ihrer  Rechte  erhalten.  Daraus  ist  für das Asylverfahren unter anderem zu folgern, dass bei der  Bewertung  von  Aussagen  minderjähriger  Asylsuchender  deren  Alter  zu  berücksichtigen  ist.  Dies  bedeutet  insbesondere,  dass  nicht  erwartet  werden kann, dass sich ein Minderjähriger mit der gleichen Präzision und  Klarheit ausdrücken kann wie eine Erwachsener, was bei der Würdigung  der  Aussagen  zu  berücksichtigen  ist  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  1999  Nr. 2  E. 6d;  vgl.  auch  UNHCR,  Guidelines  on  International  Protection  No. 8  vom  22. September  2009,  Child  Asylum  Claims  under  Articles 

E­6841/2011 1(A)2 and 1(F) of  the 1951 Convention and/or 1967 Protocol  relating  to  the Status of Refugees, Ziff. 65 ff., insbes. Ziff. 72 f.).  4.1.2. Vorab  ist  festzuhalten,  dass  die  vom  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  festgestellten  Widersprüche  nicht  auf  eine  mangelnde  Ausdrucksfähigkeit  des  Beschwerdeführers  zurückgeführt  werden  können.  Im  Mittelpunkt  der  vorinstanzlichen  Ausführungen  zur  Glaubhaftigkeit der Vorbringen stehen die Identitätstäuschung durch den  Beschwerdeführer und verschiedene inhaltliche Widersprüche zu von ihm  angeblich erlebten Geschehnissen (E. 4.2). Dabei handelt es sich um die  Wiedergabe  einfacher  Tatsachen  und  Ereignisse  –  nicht  um  die  Darstellung komplexer Sachverhalte und Hintergründe –, was von einem  15­jährigen  Jugendlichen,  der  acht  Jahre  die  Schule  besucht  hat  (A7  S. 2),  erwartet  werden  kann.  Dem  Beschwerdeführer  wurde  für  die  Anhörung  durch  das  BFM  zudem  eine  Vertrauensperson  nach  Art. 7  Abs. 2 f.  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  zur  Seite  gestellt,  die  ihn  in  rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht beraten konnte und die im Protokoll  keinerlei  (kritische)  Bemerkungen  festgehalten  hat.  Damit  besteht  kein  Grund,  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers  allein  aufgrund  seines  Alters nachsichtiger zu beurteilen. 4.2. Der Beschwerdeführer bringt  in der Beschwerdeschrift  vor,  er habe  sich zwar unterschiedlich zu den Umständen, unter denen er am Abend  des  9. Januar  2010  die  Wohnung  der  Schwester  verlassen  habe,  geäussert.  Er  bestreitet  nicht,  dass  er  einmal  ausgesagt  hat,  er  sei  an  diesem  Abend  vom  Theater  gekommen,  ein  anderes  Mal,  er  habe  auf  dem Schulhof  Fussball  gespielt.  Er  bringt  jedoch  vor,  seine Aussage  in  der  Befragung  zur  Person,  der  Freund  der  Schwester  habe  diese  geschlagen, und seine Aussage bei der Anhörung, der Freund sei neben  der Schwester  gestanden,  seien  nicht widersprüchlich.  Es  sei  durchaus  nachvollziehbar,  dass  er  aufgrund  des Umstandes,  dass  die  Schwester  am  Boden  lag,  mit  dem  Rücken  zum  Sofa  angelehnt,  die  Situation  so  interpretiert  habe,  dass  sie  von  ihrem  Freund  oder  dessen  Kollege  geschlagen worden sei. 4.2.1. Diesbezüglich  ist  festzuhalten,  dass  der Beschwerdeführer  in  der  Befragung zur Person aussagte: "Als ich am 9. Januar 2011 nach Hause  kam, sah  ich plötzlich, dass V. und K.  (der Freund und dessen Kollege)  meine Schwester  schlugen"  (A7 S. 6).  In  der Anhörung  (die  zwölf  Tage  später stattfand) sagte er  jedoch aus, er habe seine Schwester auf dem 

E­6841/2011 Sofa  liegend  gefunden,  und  ihr  Freund  sei  neben  ihr  gestanden  (A14  S. 3).  In  der  gleichen  Anhörung  sagte  er  später,  die  Schwester  sei  auf  dem Boden neben dem Sofa gelegen und habe sich mit dem Rücken am  Sofa  angelehnt;  ihr  Freund  sei  daneben  gestanden  und  K.  sei  auch  irgendwo in der Wohnung gewesen, allerdings ohne dass er ihn gesehen  habe  (A14  S. 4).  Erst  auf  mehrmaliges  Nachfragen  hin  sagte  der  Beschwerdeführer  in  der  Anhörung  aus,  seine Schwester  habe  geweint  und  sei  rot  im  Gesicht  gewesen  (A14  S. 5).  Er  gab  in  der  Anhörung  jedoch mit keinem Wort zu verstehen, der Freund und sein Kollege hätten  seine Schwester geschlagen,  sondern verneint  sogar, dies  je gesagt  zu  haben (A14 S. 11). Unter diesen Umständen muss der Hinweis, er habe  aufgrund  der  Lage  der  Schwester  darauf  geschlossen,  diese  sei  geschlagen  geworden,  als  nachgeschoben  und  damit  unglaubhaft  bezeichnet  werden,  und  die  beiden  Versionen  sind  offensichtlich  widersprüchlich. 4.2.2.  Hinzu  kommen  weitere  Widersprüche.  So  sagte  der  Beschwerdeführer in der Befragung zur Person aus, der Freund und sein  Kollege hätten die Wohnung durchsucht und es habe ein Durcheinander  geherrscht  (A7 S. 6).  In der Anhörung erwähnte er keine Durchsuchung  der Wohnung  und  behauptete,  er  habe  keine Übersicht  über  die  ganze  Wohnung  (eine  Einzimmerwohnung)  gehabt.  Erst  auf  Nachfrage  hin  sagte er, es seien ein paar Schuhe herumgelegen, sonst habe er nichts  feststellen können (A14 S. 6). In Widersprüche verstrickt er sich auch bei  der  Frage,  ob  er  die  Polizei  über  das  Verschwinden  der  Schwester  informiert habe. In der ersten Befragung sagte er aus, die Freundin seiner  Schwester und deren Vater hätten die Polizei verständigt (A7 S. 6). In der  Anhörung bestätigte er dies zuerst (A14 S.4) und meinte später, der Vater  der  Freundin  habe  ihm  davon  abgeraten  und  ihn  gewarnt,  sobald  die  Polizisten  von  den  Geschehnissen  erfahren  würden,  würde  er  in  ein  Internat versetzt, wo es schlecht um ihn stehen würde (A14 S. 6). Zudem  hat auch die Botschaftsabklärung des BFM ergeben, dass der Polizei  in  B._______  nichts  über  die  Vorkommnisse  bekannt  ist.  Diese Aussagen  sind entsprechend unglaubhaft. 4.3. Schliesslich  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  bezüglich  seiner Identität unwahre Aussagen gemacht hat und dies – wie vom BFM  zu Recht festgestellt – auch seine persönliche Glaubwürdigkeit und damit  die Glaubhaftigkeit seiner übrigen Vorbringen grundsätzlich untergräbt. 

E­6841/2011 4.4.  Damit  sind  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers  insgesamt  als  unglaubhaft  zu  bezeichnen.  Das  BFM  hat  zu  Recht  seine  Flüchtlingseigenschaft verneint und sein Gesuch um Asyl abgelehnt. 5.  Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie. Der  Beschwerdeführer  verfügt  weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  (Art. 44 Abs. 1 AsylG, Art. 32 AsylV 1). Die Wegweisung wurde  demnach zu Recht angeordnet. 6.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht  möglich,  regelt  das  Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bei  der  Geltendmachung  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens glaubhaft zu machen. 7.  7.1. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So darf  keine Person  in  irgendeiner Form zur Ausreise  in  ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit  aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet  ist oder in dem sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  [FK,  SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere 

E­6841/2011 grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.2.  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  das  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Refoulementverbots nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  findet  der  in  Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  seinen  Heimatstaat  ist  demnach  unter dem Aspekt  von Art. 5 AsylG  rechtmässig. Des Weiteren ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den  Heimatstaat  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 8.  Nach  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren.  8.1.  In Belarus besteht keine Situation allgemeiner Gewalt, die sich über  das  ganze  Staatsgebiet  oder  weite  Teile  desselben  erstrecken  würde.  Eine  gänzlich  unsichere,  von  bewaffneten  Konflikten  oder  permanent  drohenden  Unruhen  dominierte  Lage,  aufgrund  derer  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  unvermeidlich  einer  konkreten  Gefährdung ausgesetzt wäre, besteht nicht. 8.2. Bezüglich der  individuellen Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  macht der Beschwerdeführer vorab eine unvollständige Feststellung des 

E­6841/2011 rechtserheblichen  Sachverhalts  durch  das  BFM  geltend  (nachstehend  E. 8.3.)  und  bezeichnet  sodann  seine  Rückkehr  ins  Heimatland  als  unzumutbar im Hinblick auf das Kindeswohl (nachstehend E. 8.4.). 8.3. Der Beschwerdeführer  hält  dafür,  vor  einer Rückkehr  nach Belarus  müssten von den Schweizer Behörden seine Identität und seine Herkunft  festgestellt werden. Erst wenn zweifelsohne feststünde, dass er auf sich  allein  gestellt  wäre,  wäre  eine  Aufnahme  in  einer  der  vom  BFM  aufgelisteten  Institutionen  möglich.  Es  könne  und  dürfe  nicht  genügen,  dass  das  BFM  sich  darauf  beschränke,  einige  Adressen  und  Telefonnummern von Institutionen aufzuführen. Damit rügt er implizit eine  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  durch  das BFM. 8.3.1.  Gemäss  Art.  12  VwVG  stellt  die  zuständige  Behörde  den  Sachverhalt  von  Amtes  wegen  fest.  Nach  der  Rechtsprechung  der  vormaligen  ARK  und  des  Bundesverwaltungsgerichts  verpflichten  Art. 3  und 22 KRK die  asylrechtlichen Behörden,  das Kindeswohl  im Rahmen  der  Zumutbarkeitsprüfung  als  gewichtigen  Aspekt  zu  berücksichtigen.  Das  BFM  ist  bezüglich  unbegleiteter  minderjähriger  Asylsuchender  verpflichtet  abzuklären,  ob  der  Minderjährige  zu  seinen  Eltern  oder  anderen  Angehörigen  zurückgeführt  werden  kann  und  ob  diese  in  der  Lage  sind,  seine  Bedürfnisse  abzudecken.  Können  keine  Angehörigen  ausfindig gemacht werden, ist weiter abzuklären, ob der Minderjährige in  der  Heimat  in  einer  geeigneten  Anstalt  oder  bei  Drittpersonen  untergebracht  werden  kann.  Diesbezüglich  sind  konkrete  Abklärungen  vorzunehmen;  blosse  allgemeine  Feststellungen,  es  gebe  in  dem  betreffenden  Land  entsprechende  Einrichtungen,  genügen  nicht  (vgl.  EMARK 2006 Nr. 24 E. 6.2.4). Das  BFM  ist  jedoch  nur  in  dem  Ausmass  zur  Untersuchung  des  Sachverhaltes  verpflichtet,  wie  man  dies  vernünftigerweise  von  ihm  erwarten  kann.  Der  Untersuchungsgrundsatz  wird  durch  die  Mitwirkungspflichten  eingeschränkt,  die  das  Gesetz  vorsieht  (ALFRED  KÖLZ/ISABELLE  HÄNER,  Verwaltungsverfahren  und  Verwaltungsrechtspflege  des  Bundes,  2. Aufl.,  Zürich  1998,  Rz.  269 f.).  Die  Mitwirkungspflicht  des  Gesuchstellers  betrifft  insbesondere  Tatsachen,  die  seine  persönliche  Situation  betreffen  und  die  der  Gesuchsteller  besser  kennt als die Behörden oder die  von diesen ohne  seine Mitwirkung gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erhoben  werden können (vgl. BGE 128 II 139 E. 2b, BGE 130 II 449 E. 6.1; PIERRE 

E­6841/2011 MOOR/ETIENNE  POLTIER,  Droit  administratif,  Bd. II,  3. Aufl.,  Bern  2011,  S. 294 f.,  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Basel  2008,  Rz. 3.122).  Art. 13  VwVG  verpflichtet  die  Parteien,  an  der  Feststellung  des Sachverhaltes  in Verfahren mitzuwirken, die sie durch  ihr Begehren  eingeleitet  haben.  Art. 8  AsylG  konkretisiert  diese Mitwirkungspflicht  für  das  Asylverfahren.  Insbesondere  verpflichtet  Art. 8  Abs. 1  Bst. a  AsylG  Asylsuchende dazu, ihre Identität offenzulegen. Die Identität einer Person  ist  eine  Tatsache,  die  von  den  Behörden  ohne  die  Mitwirkung  des  Gesuchstellers gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand festgestellt  werden kann. Die Mitwirkungspflicht trifft grundsätzlich auch unbegleitete  minderjährige  Asylsuchende,  soweit  diese  dazu  aufgrund  ihres  Alters,  ihrer Reife und ihrer Ausbildung in der Lage sind. In der Beurteilung von  Verletzungen  der Mitwirkungspflicht  sind  die  Umstände  des  Einzelfalles  zu beachten (vgl. EMARK 1999 Nr. 2 E. 6d). 8.3.2. Es ist zu prüfen, ob das BFM gegen seine Pflicht zur Feststellung  des  Sachverhaltes  von  Amtes  wegen  verstossen  hat  und  damit  den  rechtserheblichen Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt hat. 8.3.2.1 Der  Beschwerdeführer  hat  im  Verlauf  des  Asylverfahrens  seine  Identität  nicht  belegt  und  sich  auch  nicht  bemüht,  Identitätspapiere  zu  beschaffen. Er  reichte  weder  im  erstinstanzlichen  Verfahren  noch  im  Beschwerdeverfahren  Identitätspapiere  ein.  Seine  Aussagen,  wieso  er  keine Identitätspapiere einreichen könne, sind vage und widersprüchlich.  In der Befragung zur Person gab er an, er habe nie einen Pass oder eine  Identitätskarte  besessen  (A7  S. 4).  In  der  Stellungnahme  zur  Botschaftsabklärung  des  BFM  brachte  er  hingegen  vor,  er  habe  einen  Pass  von  Belarus  gehabt;  dieser  sei  jedoch  beim  Fahrer  des  Lastkraftwagens, mit dem er in die Schweiz gelangt sei, geblieben (A58).  In  der  Befragung  zur  Person  gab  er  an,  er  habe  eine  Waisenkarte  besessen, die aber der Schlepper bei sich behalten habe (A7 S. 5). In der  Anhörung  gab  er  an,  er  wisse  nicht,  wieso  der  Schlepper  ihm  seine  Waisenkarte  weggenommen  habe  (A14  S. 2 f.).  Zudem  sagte  er  in  der  Befragung  zur  Person  aus,  er  habe  beim  Schuleintritt  eine  Geburtsurkunde  besessen,  von  der  er  nicht  wisse,  wo  sie  jetzt  sei  (A7  S. 5). In der Anhörung sagte er jedoch aus, die Geburtsurkunde habe er  beim Schuleintritt in die Schule gebracht (A14 S. 3).

E­6841/2011 Der  Beschwerdeführer  hatte  seit  seiner  Ankunft  in  der  Schweiz  ausreichend  Zeit  und  Gelegenheit  gehabt,  Belege  bezüglich  seiner  Identität  zu  beschaffen  und  einzureichen.  Es  bestehen  jedoch  keine  Anhaltspunkte dafür, dass er sich seit  seiner Ankunft  in der Schweiz  im  Januar  2011  auch  nur  im  Geringsten  um  die  Beschaffung  von  Identitätspapieren  bemühte,  obwohl  er  mehrmals  auf  seine  Mitwirkungspflicht  hingewiesen  wurde.  Weder  bemühte  er  sich  um  offizielle  Papiere,  noch  nahm  er  telefonisch  mit  Verwandten  oder  Bekannten Kontakt auf. In der Befragung zur Person gab er an, er wisse  nicht, ob er Papiere über seine Schule beschaffen könne (A14 S. 2 f.). In  der Stellungnahme zur Botschaftsabklärung des BFM gab er zwar an, er  habe  einen  Brief  an  seine  Schule  geschickt,  damit  sie  ihm  einen  Schulausweis  schicken würden. Er  habe aber nie eine Antwort  erhalten  und  die  Kopie  des  Briefes  sei  verloren  gegangen  (A58  S. 1).  Dieses  Vorbringen  ist  als  nachgeschoben  und  unglaubhaft  zu  bewerten.  In  der  Anhörung  gab  er  zudem  an,  er  wisse  nicht,  wie  er  mit  jemandem  in  Belarus  Kontakt  herstellen  könne.  Er  gab  an,  er  habe  keine  Telefonnummern,  weil  der  Schlepper  ihm  sein  Mobiltelefon  weggenommen  habe  (A14  S. 2);  die  Telefonnummer  seiner  Schwester  kenne  er  nicht  auswendig  (A7  S. 4).  Auch  diese  Vorbringen  sind  unplausibel und unglaubhaft. Damit  ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  bezüglich  seines Besitzes von Identitätspapieren nicht die Wahrheit sagte und seine  Identität  nicht  offen  legen  wollte.  Er  ist  damit  seiner  Mitwirkungspflicht  nach Art. 8 AsylG nicht nachgekommen. 8.3.2.2 Das  BFM  nahm  bezüglich  der  Identität  des  Beschwerdeführers  und  bezüglich  allfälliger  Verwandter,  zu  denen  er  zurückkehren  könnte,  im Rahmen einer Botschaftsanfrage konkrete Abklärungen vor (siehe die  Botschaftsanfrage  A26  S. 2).  Die  Resultate  dieser  Abklärungen  sind  grundsätzlich  als  glaubhaft  einzustufen.  Das  umsichtige  Vorgehen  des  Botschaftsbüros  in  Minsk  wird  durch  den  Umstand  belegt,  dass  dieses  sich  beim  BFM  nach  der  genauen  Schreibweise  des  Nachnamens  des  Beschwerdeführers  in  kyrillischen  Buchstaben  erkundigte  (A31).  Die  Vertrauenswürdigkeit der Abklärungen wird auch vom Beschwerdeführer  nicht in Zweifel gezogen. Dieser kann nicht erklären, wieso er in Belarus  nicht registriert ist.  Nachdem  die  Botschaftsabklärungen  ergaben,  dass  die  vom  Beschwerdeführer angegebene Identität nicht stimmen kann, war es dem 

E­6841/2011 BFM nicht möglich, weitere Abklärungen bezüglich allfälliger Verwandter  des  Beschwerdeführers  vorzunehmen.  Das  Gleiche  gilt  für  die  Abklärungen  des  BFM  bezüglich  Institutionen  für  Waisen,  die  den  Beschwerdeführer  bei  seiner  Rückkehr  aufnehmen  könnten.  Das  Bundesamt  listete  in  der  angefochtenen  Verfügung  sieben  solcher  Institutionen auf und nannte die Voraussetzungen für eine Aufnahme des  Beschwerdeführers (Feststellung seiner Identität als Waise). Dass es sich  nicht um die konkrete Aufnahme in einer der Institutionen bemühte, kann  dem  BFM  nicht  vorgeworfen  werden,  da  der  Beschwerdeführer  seine  wahre  Identität  offensichtlich  verheimlicht  und  es  ihm  damit  verunmöglichte,  weitere  Abklärungen  bezüglich  einer  konkreten  Aufnahme in einer der Institutionen zu machen. Wenn der Beschwerdeführer  in der Beschwerdeschrift geltend macht, er  könne  nur  in  seine  Heimat  zurückgeschickt  werden,  nachdem  die  Schweizer Behörden seine Identität und seine Herkunft festgestellt hätten  verkennt  er  die  Tragweite  seiner  Mitwirkungspflicht.  Grundsätzlich  ist  anzunehmen,  dass  ein  15­jähriger  Jugendlicher  in  der  Lage  ist,  exakte  Angaben  zu  seiner  Identität  zu  machen,  und  er  sich  der  Bedeutung  wahrheitsgetreuer  Aussagen  bewusst  ist.  Davon  kann  auch  im  vorliegenden  Fall  ausgegangen  werden,  zumal  der  Beschwerdeführer  angibt,  er  sei  zuletzt  in  der  neunten  Klasse  gewesen  und  habe  acht  Schuljahre absolviert (A7 S. 2). Zudem stand ihm seit der Anhörung beim  BFM am 2. Februar 2011 eine Vertrauensperson zur Seite, die  ihn über  die Bedeutung der Beschaffung von  Identitätspapieren aufklären und an  die  er  sich  bei  Problemen  mit  der  Beschaffung  von  Identitätspapieren  wenden konnte.  8.3.3.  Dem  BFM  kann  damit  nicht  vorgeworfen  werden,  es  sei  seinen  Verpflichtungen aus Art. 12 VwVG sowie aus Art. 3 und Art. 22 KRK nicht  nachgekommen.  Dreist  ist  dabei  der  Vorwurf,  das  BFM  habe  seine  Identität  nicht  genügend  abgeklärt,  wenn  der  Beschwerdeführer  gleichzeitig  jegliche  Mitwirkung  verweigert.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellt  fest,  dass  das  BFM  alles  in  seiner  Verpflichtung liegende getan hat, um die Identität des Beschwerdeführers  und dessen Situation bei einer Rückkehr  in sein Heimatland abzuklären.  Es  liegt  keine  unvollständige  Abklärung  des  Sachverhaltes  durch  das  BFM vor.  8.4. Die individuelle Zumutbarkeit einer Rückkehr nach Belarus ist auf der  Grundlage des vom BFM erstellten Sachverhaltes zu beurteilen.

E­6841/2011 8.4.1. Das BFM hielt  in  der  angefochtenen Verfügung  fest,  es  sei  nicht  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Belarus  keine  Verwandten  habe.  Die  Verschleierung  der  Identität  deute  auf  andere  familiäre  Verhältnisse  hin,  als  von  ihm  im  Rahmen  des  Asylgesuchs  dargelegt.  Die  Minderjährigkeit  stellte  das  BFM  nicht  per  se  in  Frage,  wobei  es  allerdings  die  Identitätsangaben  insgesamt  als  falsch  bezeichnete. Der Beschwerdeführer macht auf Beschwerdeebene geltend, im Hinblick  auf  das  Kindeswohl  sei  eine  Rückkehr  nach  Belarus  für  ihn  als Waise  nicht  zumutbar.  Die  vom  BFM  aufgelisteten  Institutionen  für  Waisen  entsprächen keinesfalls auch nur annähernd ähnlichen Institutionen in der  Schweiz und seien damit für ihn nicht zumutbar. 8.4.2. Da  der  Beschwerdeführer  seine  Identität  nicht  glaubhaft  machen  konnte,  ist  auch  nicht  glaubhaft  gemacht,  dass  er  in  Belarus  keine  Verwandten hat und bei einer Rückkehr auf sich allein gestellt wäre. Auf  seine  Vorbringen  bezüglich  fehlender  Verwandter  und  Unzumutbarkeit  der  vom  BFM  aufgeführten  Institutionen  für  Waisen  ist  deshalb  im  Rahmen  der  Zumutbarkeitsprüfung  nicht  einzugehen.  Für  die  weitere  Prüfung wird jedoch von seiner Minderjährigkeit ausgegangen. 8.4.3. Sind von einem Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet im  Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt  von  gewichtiger  Bedeutung.  Dies  ergibt  sich  vor  allem  aus  einer  völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von  Art. 3 Abs. 1 KRK. Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind demnach in  die Beurteilung der Zumutbarkeit sämtliche Umstände einzubeziehen und  zu  würdigen,  die  im  Hinblick  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  eines  Kindes  wesentlich  erscheinen.  Namentlich  können  dabei  folgende  Kriterien im Rahmen einer Gesamtbeurteilung von Bedeutung sein: Alter  des  Kindes,  Reife,  Abhängigkeiten,  Art  (Nähe,  Intensität,  Tragfähigkeit)  seiner  Beziehungen,  Eigenschaften  seiner  Bezugspersonen  (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft  und  ­fähigkeit),  Stand  und  Prognose  bezüglich  Entwicklung  bzw.  Ausbildung,  sowie  der  Grad  der  erfolgten  Integration  bei  einem  längeren Aufenthalt  in  der Schweiz  (vgl.  BVGE 2009 Nr. 51 E. 5.6). 8.4.4. Der Beschwerdeführer  ist  angeblich  über  16  Jahre  alt  und  hat  in  Belarus acht Jahre die Schule besucht. Er macht keine gesundheitlichen  Beschwerden geltend, befindet sich erst seit einem Jahr  in der Schweiz 

E­6841/2011 und  hat  hier  keine  Schule  besucht.  Von  einer  erfolgreichen  Integration  kann  nur  schon  wegen  seines  wiederholten  Fehlverhaltens  nicht  gesprochen  werden:  Es  liegen  gegen  ihn  zwei  Strafbefehle  wegen  Widerhandlungen  gegen  das  Bundesgesetz  vom  3.  Oktober  1951  über  die Betäubungsmittel und die psychotropen Stoffe  (BetmG, SR 812.121)  und  wegen  Diebstahls  (A33  und  A52)  sowie  Ausgrenzungen  aus  den  Gebieten der Kantone D._______  (A38) und E._______  (A43) und eine  Eingrenzung  des  Kantons  F._______  (auf  das  Gebiet  des  Asylbewerberzentrums  (…);  act.  3)  vor.  Zudem  besteht  ein  Schlussbericht  der  Kantonspolizei  F._______  vom  24. Januar  2012  bezüglich Raufhandel/Angriff,  in  dem  der  Beschwerdeführer  beschuldigt  wird,  im Laufe einer Auseinandersetzung eine Person mit einem Messer  niedergestochen zu haben. Schliesslich laufen gemäss den Akten in den  Kantonen  F._______,  G._______  und  E._______  Ermittlungen  wegen  Ladendiebstahls  und  im  Kanton  H._______  wegen  Widerhandlungen  gegen  das BetmG  und  das Strassenverkehrsgesetz  vom  19. Dezember  1958 (SVG, SR 741.01). 8.5. Dem Beschwerdeführer ist es damit nicht gelungen, eine individuelle  Unzumutbarkeit einer Rückkehr nach Belarus glaubhaft zu machen. Der  Vollzug der Wegweisung erweist sich insgesamt als zumutbar. 9.  Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer,  sich bei der zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art. 8  Abs. 4  AsylG;  vgl.  dazu  auch  BVGE 2008/34  E. 12),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 10.  Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erachtet.  Die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs ist zu bestätigen. 11.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

E­6841/2011 12.  Mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  23. Dezember  2011  ist  dem  Beschwerdeführer  mitgeteilt  worden,  dass  über sein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung zu  einem  späteren  Zeitpunkt  befunden  werde.  Nach  Art. 65  Abs. 1  VwVG  wird eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag  hin von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit, sofern ihr Begehren  nicht  aussichtslos  erscheint.  Nach  dem  Gesagten  ergibt  sich,  dass  die  Begehren  des  Beschwerdeführers  nicht  als  aussichtslos  angesehen  werden  konnten.  Aufgrund  der  Bedürftigkeit  des  Beschwerdeführers  ist  sein  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  damit  gutzuheissen und auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.

E­6841/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die zuständige  kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Tobias Meyer Versand:

E-6841/2011 — Bundesverwaltungsgericht 15.02.2012 E-6841/2011 — Swissrulings