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Bundesverwaltungsgericht 07.09.2011 E-6829/2007

September 7, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,734 words·~9 min·3

Summary

Asylwiderruf | Asylwiderruf; Verfügung des BFM vom 5. September 2007

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6829/2007 Urteil   v om   7 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter Maurice Brodard,    Gerichtsschreiberin Sarah Diack. Parteien A._______,, geboren (…), Türkei, vertreten durch lic.iur. Manuela Schiller, Rechtsanwältin, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asylwiderruf;  Verfügung des BFM vom 5. September 2007 / N (…).

E­6829/2007 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  türkischer  Staatsangehöriger  –  reichte  am  1. Februar  1995  bei  der  Schweizerischen  Botschaft  in  Bukarest  ein  Asylgesuch  ein,  worauf  ihm  das  damalige  Bundesamt  für  Flüchtlinge  (BFF,  heute:  BFM)  am  22.  Februar  1995  die  Einreise  in  die  Schweiz  zwecks  Abklärung  des  Sachverhaltes  bewilligte.  Mit  Entscheid  vom  13. November  1995  gewährte  das  BFF  ihm  unter  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft Asyl. B.  Mit Urteil vom (…) 2001 wurde der Beschwerdeführer wegen mehrfachen  Fahrens  in  angetrunkenem  Zustand,  mehrfacher  Entwendung  eines  Fahrzeuges  zum  Gebrauch  und  mehrfachen  Fahrens  trotz  Führerausweisentzug  zu  zehn  Monaten  Gefängnis  unbedingt  verurteilt.  Am (…) 2003 verurteilte  ihn das Obergericht des Kantons B._______ zu  fünf  Monaten  Gefängnis  unbedingt  wegen  Fahrens  in  angetrunkenem  Zustand  und  Fahrens  ohne  Führerausweis  und  ordnete  eine  vollzugsbegleitende  ambulante  Massnahme  an.  Mit  Urteil  des  Bezirksgerichts  C.________  vom  (…)  2005  wurde  er  zu  16  Monaten  Gefängnis  unbedingt  verurteilt  wegen  mehrfachen  Fahrens  in  angetrunkenem  Zustand,  mehrfacher  Vereitelung  einer  Blutprobe,  der  Entwendung  zum Gebrauch,  des mehrfachen  pflichtwidrigen Verhaltens  bei Unfall, des mehrfachen Fahrens trotz Führerausweisentzug sowie der  mehrfachen  Verletzung  von  Verkehrsregeln.  Am  (…)  2007  folgte  ein  Urteil des Bezirksgerichts C._______, mit welchem er wegen mehrfachen  Fahrens  in  fahrunfähigem  Zustand  mit  qualifizierter  Blutalkoholkonzentration,  mehrfachen  Lenkens  eines  Fahrzeuges  trotz  Führerausweisentzug  sowie  mehrfacher  Verletzung  von  Verkehrsregeln  zu  einer  teilweisen  Zusatzstrafe  von  acht  Monaten  Freiheitsstrafe  und  einer Busse von Fr. 100.­­ verurteilt wurde. C.  Am  23.  März  2007  gelangte  [die  kantonale  Behörde]  schriftlich  an  das  BFM,  informierte es über die ergangenen strafrechtlichen Verurteilungen  und  ersuchte  darum,  die Voraussetzungen  für  einen Asylwiderruf  sowie  für eine Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft zu prüfen.  D.  Mit Schreiben vom 18. Mai 2007  teilte das BFM dem Beschwerdeführer  mit,  dass  es  aufgrund  seiner  wiederholten  Straffälligkeit  die 

E­6829/2007 Voraussetzungen  eines  Asylwiderrufs  als  erfüllt  erachte.  Gemäss  Art. 63 Abs. 2  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  werde  das  Asyl  widerrufen,  wenn  Flüchtlinge  besonders  verwerfliche  strafbare  Handlungen  begangen  hätten.  Diese  Voraussetzung  sei  grundsätzlich  erfüllt,  da  er  mit  seinem  Verhalten  wiederholt  Leib  und  Leben anderer Personen gefährdet habe. Deshalb beabsichtige es, das  ihm gewährte Asyl zu widerrufen. Es räumte dem Beschwerdeführer dazu  das rechtliche Gehör ein, indem es ihm Frist zur Stellungnahme bis zum  28. Mai 2007 ansetzte. E.  Am 22. Mai 2007 ersuchte der sich zu diesem Zeitpunkt im Justizvollzug  in  der  (…)  Anstalt  D._______  befindende  Beschwerdeführer  um  Fristerstreckung  zur  Einreichung  seiner  diesbezüglichen  Stellungnahme  bis  zum 4.  Juni  2007. Er  benötige  ein wenig mehr Zeit,  da er  aufgrund  von sprachlichen Schwierigkeiten auf Unterstützung angewiesen sei. F.  Am  23.  Mai  2007  erfolgte  eine  Eingabe  der  psychiatrischen  Dienste  E._______.  Dr.  med  F._______,  Oberarzt  des  forensischen  Dienstes,  hielt  darin  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  einer  stützenden  psychiatrischen Intervention bedürfe, weniger einer Therapie im engeren  Sinne.  Er  leide  unter  einer  posttraumatischen  Belastungsstörung  vor  allem  in  Bezug  auf  die  miterlebte  Tötung  [seines  Kindes].  Diese  quälenden  Erinnerung  habe  ihn  dazu  bewogen,  seit  [damals]  vermehrt  Alkohol  zu  trinken  und  unter  diesem  Einfluss  die  verschiedenen  Strassenverkehrsdelikte  zu  begehen.  Der  Beschwerdeführer  habe  sich  nun  im  Rahmen  der  Therapie  aber  für  die  Abstinenz  entschieden.  Die  Medikation habe zu Verbesserungen auch im Zusammenhang mit seinen  Schlafstörungen  geführt.  Es  sei  weiterhin  eine  stützende  Therapie  notwendig,  die  Gefahr  eines  Rückfalles  erachte  er  jedoch  als  relativ  gering.  Indes  könne  eine  Rücknahme  des  Asyls  eine  psychische  Destabilisation des Beschwerdeführers zur Folge haben. G.  Am  29.  Mai  2007  nahm  der  Beschwerdeführer  zur  Frage  des  Asylwiderrufs Stellung. Er brachte im Wesentlichen sinngemäss vor, dass  er  für  die  begangenen  Delikte  seinen  Alkoholkonsum  verantwortlich  mache,  sich  der  begangenen  Taten  nun  bewusst  sei  und  diese  Taten  bereue. Er befinde sich gegenwärtig im Strafvollzug, wobei das Strafende  auf  den  (…)  2008  falle  und  er  seine  Entlassung  erstmals  auf  den  (…) 

E­6829/2007 2007  beantragen  könne.  Er  nehme  seit  Vollzugsbeginn  regelmässig  an  Therapiegesprächen mit  einer  Fachperson  teil.  Es  seien  ihm  bereits  elf  Urlaube  bewilligt  worden,  von  denen  er  jeweils  korrekt  und  ohne  Alkoholkonsum  zurückgekehrt  sei. Darauf  sei  er  stolz  und  er würde  die  Verdrängung  der  schrecklichen  Erinnerungen  durch  Alkoholkonsum  in  Zukunft  vermeiden.  Eine  Rückkehr  in  die  Türkei  wäre  für  ihn  schwierig  und traumatisierend. H.  Ebenfalls mit Datum vom 29. Mai 2007 reichte das Amt für Justizvollzug  E._______  einen  den  Beschwerdeführer  betreffenden  Sozialbericht  ein.  Darin wurde festgehalten, dass die vorgegebenen Normen und die hohe  Regelungsdichte im Strafvollzug vom Beschwerdeführer stets eingehalten  worden  seien.  Er  werde  vom  Betreuungs­  und  Sicherheitsdienst  als  angepasst  und  kooperativ  bezeichnet;  es  sei  noch  nie  eine  Disziplinierung nötig gewesen. Seit Beginn des Vollzugs arbeite er intern  mit einem Beschäftigungsgrad von 100% und leiste qualitativ gute Arbeit.  Er sei stets pünktlich, selbständig, ruhig und werde von den Mitinsassen  akzeptiert.  Seine  psychischen Schwankungen würden  teilweise  sichtbar  werden, er versuche jedoch, diese mit der Teilnahme an Sportanlässen in  den  Griff  zu  bekommen.  Es  seien  ihm  bereits  elf  Urlaube  gewährt  worden,  von  denen  er  stets  pünktlich  und  korrekt  zurückgekehrt  sei.  Er  befinde  sich  seit  (…)  2006  in  einer  freiwilligen  ambulanten  Therapie,  welche  eine  stabilisierende  Wirkung  habe.  Er  habe  einen  problematischen Umgang mit Alkohol, indes verhelfe eine Medikation zur  Stabilisierung  seiner  Stimmungsschwankungen.  Begründet  durch  sprachliche  Schwierigkeiten  hätten  Beratungsthemen  indes  mit  dem  Sozialdienst bisher nicht differenziert bearbeitet werden können. I.  Mit Entscheid vom 5. September 2007 – eröffnet am 6. September 2007  – widerrief  das  BFM  gestützt  auf  Art. 63  Abs. 2  AsylG  das  dem  Beschwerdeführer  am  13. November  1995  gewährte  Asyl.  Auf  die  Begründung wird  –  soweit  entscheidwesentlich  –  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen. J.  Mit  Eingabe  vom  8. Oktober 2007  erhob  der  Beschwerdeführer –  handelnd  durch  seine  Rechtsvertreterin  –  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung.  In  formeller  Hinsicht  ersuchte  er  um  die 

E­6829/2007 Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs.1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  und  um  Möglichkeit  der  Beschwerdeergänzung,  da  die  vorinstanzlichen  Akten  zu  diesem  Zeitpunkt noch nicht bei der Rechtsvertreterin eingegangen seien. K.  Mit  Zwischenverfügung  vom  17. Oktober  2007  forderte  die  zuständige  Instruktionsrichterin den Beschwerdeführer auf, bis zum 26. Oktober 2007  seine Beschwerdeergänzung einzureichen. L.  Mit  Datum  vom  26. Oktober  2007  reichte  der  Beschwerdeführer  seine  Beschwerdeergänzung ein.  Als  Beweismittel  legte  der  Beschwerdeführer  ein  Gutachten  der  psychiatrischen  Dienste  B._______,  datiert  vom  (…)  2003,  eine  Verfügung  des  Bezirksgerichts  G._______  vom  (…)  2003  betreffend  Strassenverkehrsgesetz (SVG)­Widerhandlung,  einen  Situationsbericht  von H._______, dipl. Psychologin,  I._______, datiert vom (…) 2004, ein  psychiatrisches  Massnahmegutachten  des  Institutes  für  Rechtsmedizin  der  Universität  Zürich  vom  30.  September  2005,  einen  Bericht  der  psychiatrischen Dienste  E._______  vom  22. Dezember  2006  und  einen  Sozialbericht des Amts  für Justizvollzug E._______ vom 4. Januar 2007  vor. Er  rügte  im  Wesentlichen,  die  begangenen  Strassenverkehrsdelikte  würden  keine  "besonders  verwerfliche  Handlung"  gemäss  Asylgesetz  darstellen.  Zudem  wäre  der  Grundsatz  der  Verhältnismässigkeit  nicht  gewahrt,  zumal  seine  Traumatisierung  –  infolge  des  Miterlebens  der  Tötung [seines Kindes] – hätte mitberücksichtigt werden müssen. M.  Am  7.  Dezember  2007  reichte  die  Vorinstanz  ihre  diesbezügliche  Vernehmlassung  ein.  Sie  führte  im  Wesentlichen  aus,  dass  der  Beschwerdeführer  anhand  seiner  Aussagen  von  unentschuldbarer  Uneinsichtigkeit  sei.  So  hätten  ihn  –  wie  bereits  erwähnt  –  auch  die  vollzogenen  Freiheitsstrafen  bisher  nicht  davon  abgehalten,  weiter  zu  delinquieren und dadurch Leib und Leben anderer Verkehrsteilnehmer zu  gefährden. Möglicherweise werde ihn nun aber ein Asylwiderruf zu einer 

E­6829/2007 Verhaltensänderung  veranlassen.  Im  Übrigen  verweise  sie  auf  ihre  Erwägungen in der Verfügung, an denen sie vollumfänglich festhalte.  N.  Der Beschwerdeführer verzichtete auf die Eingabe einer Replik. O.  Am 13. Juli 2011 reichte die Rechtsvertreterin ihre Kostennote ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art.  33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  im Bereich  des Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.   Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Der  Beschwerdeführer  ist  daher  zur  Einreichung  der Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  108 Abs.  1 AsylG  i.V.m. Art.  48 Abs. 1, Art. 50  sowie 52 VwVG).   Auf  die Beschwerde  ist  somit einzutreten.

E­6829/2007 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).   3.  3.1. Gemäss Art. 63 Abs. 2 AsylG widerruft das BFM das Asyl, wenn ein  Flüchtling die innere oder die äussere Sicherheit der Schweiz verletzt hat,  gefährdet  oder  besonders  verwerfliche  strafbare  Handlungen  begangen  hat.  Ein  derartiger  Widerruf  setzt  gemäss  konstanter  Rechtsprechung  eine qualifizierte Asylunwürdigkeit (Art. 53 AsylG) voraus; mithin muss die  "besonders  verwerfliche  Handlung"  qualitativ  eine  Stufe  über  der  "verwerflichen Handlung" im Sinne von Art. 53 AsylG stehen. Die in Frage  stehende  Straftat  muss  demnach  mit  einer  erheblichen  Strafe  bedroht  sein  und  eine  gewisse  Intensität  aufweisen.  Zudem  muss  bei  der  Würdigung  einer  strafbaren  Handlung  als  "besonders  verwerflich"  im  Sinne  von Art.  63 Abs. 2 AsylG der Grundsatz der Verhältnismässigkeit  beachtet werden (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen]  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 11). 3.2.  Nach  der  bisherigen  Rechtsprechung  galten  als  "verwerfliche"  Handlungen  diejenigen  Delikte,  die  dem  abstrakten  Verbrechensbegriff  des Strafrechts entsprachen (vgl. EMARK 2003 Nr. 11; WALTER STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  Basel/Genf/München  2009,  Rz. 11.51  S. 541).  Gemäss  dem  bis  zum  31. Dezember  2006  geltenden Art.  9  Abs.  1  des  alten Schweizerischen  Strafgesetzbuchs vom 21. Dezember 1937 (aStGB, SR 311.0) galten die  mit  Zuchthaus  bedrohten  strafbaren  Handlungen  als  Verbrechen;  im  Gegensatz  zu  den mit  Gefängnis  als  Höchststrafe  bedrohten  Vergehen  (Art. 9 Abs. 2 aStGB). Zuchthaus galt  als die höchste Strafe, mit  einem  Strafrahmen zwischen einem bis  zwanzig Jahren  respektive, wo es das  Gesetz besonders bestimmte, lebenslänglich (Art. 35 aStGB). 3.3.  Am  1. Januar  2007  trat  der  neue  Allgemeine  Teil  (AT)  des  Schweizerischen  Strafgesetzbuchs  vom  21. Dezember  1937  (StGB,  SR  311.0)  in Kraft  (vgl. AS 2006 3459; BBI 1999 1979). Seither werden als  Verbrechen jene Taten definiert, die mit Freiheitsstrafe von mehr als drei  Jahren bedroht sind (Art. 10 Abs. 2 StGB). Demgegenüber sind Vergehen  Taten,  die  mit  Freiheitsstrafe  bis  zu  drei  Jahren  oder  mit  Geldstrafe  bedroht sind  (Art. 10 Abs. 3 StGB). Die Höchstdauer der Freiheitsstrafe 

E­6829/2007 beträgt  gemäss  Art.  40  StGB  zwanzig  Jahre  respektive,  wo  es  das  Gesetz ausdrücklich bestimmt, lebenslänglich. 3.4.  Da  mit  der  gesetzlichen  Neuerung  die  Unterscheidung  zwischen  Zuchthaus  und  Gefängnis  aufgegeben  wurde,  ist  die  Abgrenzung  zwischen Verbrechen und Vergehen nicht mehr  an diesem begrifflichen  Unterschied  festzumachen.  Neu  wird  bei  der  Abgrenzung  zwischen  Verbrechen  und  Vergehen  auf  die  abstrakte  Höchststrafandrohung  abgestellt.  Im Ergebnis handelt es sich  jedoch um dieselbe Abgrenzung  wie  im  alten  Recht,  da  die  Gefängnisstrafe  früher  –  abgesehen  von  wenigen Ausnahmen – gemäss Art. 36 aStGB maximal drei Jahre betrug  (vgl.  Botschaft  zur  Revision  des  StGB  vom  21. September  1998,  BBI  1999 II 2001). Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Gesetzgeber mit  der  Neuformulierung  des  Verbrechensbegriffs  indirekt  auch  den  in  den  Art.  53  und  Art.  63  Abs.  2  AsylG  verwendeten  Begriff  "verwerflich"  inhaltlich neu hätte definieren wollen. Mithin besteht keine Veranlassung,  die  Verknüpfung  des  Begriffs  der  "verwerflichen  Handlung"  mit  demjenigen des "Verbrechens" gemäss Art. 10 StGB aufzugeben. Daraus  folgt,  dass unter den Begriff  der  "verwerflichen Handlung"  im Sinne von  Art.  53 AsylG  (weiterhin) diejenigen Taten zu subsumieren sind, die mit  einer  Freiheitsstrafe  von  mehr  als  drei  Jahren  bedroht  sind  (vgl.  beispielsweise Entscheide  des Bundesverwaltungsgerichts D­1071/2011  und D­6747/2010,  beide  vom  23. Mai  2011,  und D­4286/2010  vom  23.  Februar 2011). 4.  4.1.  Vorliegend  ist  als  Erstes  zu  prüfen,  ob  der  Beschwerdeführer  Straftaten  verübt  hat,  die  in  Anbetracht  des  Obgenannten  (E.  3)  als  "besonders verwerflich"  im Sinne von   Art. 63 Abs. 2 AsylG zu erachten  sind.  4.2. Mit Urteilen vom (…) 2001, (…) 2003, (…) 2005 und (…) 2007 wurde  der Beschwerdeführer wegen mehrfacher Entwendung eines Fahrzeuges  zum Gebrauch, mehrfachen Fahrens trotz Führerausweisentzug, Fahrens  in angetrunkenem Zustand ohne Führerausweis (einmal mit qualifizierter  Blutalkoholkonzentration),  mehrfachen  pflichtwidrigen  Verhaltens  bei  Unfall  sowie  mehrfacher  Verletzung  von  Verkehrsregeln  verurteilt.  Bei  den  begangenen  Delikten  handelt  es  sich  ausschliesslich  um  Straftatbestände des Strassenverkehrsgesetzes vom 19. Dezember 1958  (SVG,  SR  741.01).  Die  Tatbestände  Fahren  im  fahrunfähigen  Zustand 

E­6829/2007 (Art. 91 Abs. 1 SVG), Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der  Fahrunfähigkeit  (vorliegend  die  Vereitelung  einer  Blutprobe  gemäss  Art. 91a Abs. 1 SVG), pflichtwidriges Verhalten bei Unfall (Art. 92 Abs. 1  und  2  SVG),  Entwendung  zum  Gebrauch  (Art.  94  Abs. 1  SVG)  sowie  Fahren  ohne  Führerweis  trotz  Entzugs  (Art. 95  Ziff.  2  SVG)  sind  ausnahmslos mit einer Höchststrafe von bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe  bedroht.  Daher  handelt  es  sich  gemäss  Rechtsprechung  nicht  um  "Verbrechen",  sondern  um  Taten,  die  auf  der  Stufe  des  Vergehens  stehen,  womit  ihnen  keine  "Verwerflichkeit"  oder  gar  "besondere  Verwerflichkeit" im Sinne des Asylgesetzes zukommt.  4.3.  Die  Vorinstanz  hat  in  ihrer  Verfügung  als  Schlussbemerkung  angefügt, der Beschwerdeführer sei im Übrigen insgesamt zu einer Strafe  von  mehr  als  drei  Jahren  verurteilt  worden.  Diese  Überlegung  ist  unzutreffend:  Der  Begriff  der  "verwerflichen  Handlung"  lehnt  –  wie  erwähnt – ausschliesslich an das Höchstmass der Strafe an, mit der die  entsprechende  Straftat  bedroht  ist  und  nicht  an  die  Dauer  der  tatsächlichen  Verurteilung.  Da  sich  das  abstrakte  Höchststrafmass  mit  der  mehrfachen  Begehung  nicht  verändert,  ist  im  Hinblick  auf  die  Würdigung  als  "besonders  verwerflich"  nicht  relevant,  wie  oft  die  Tat  begangen wurde. 4.4. Da eine  "verwerfliche" Tat  im Sinne des AsylG auf  der Stufe eines  Verbrechens steht, verletzt sie per se  immer die  "öffentliche Sicherheit",  da diese alle geltenden Rechtsnormen umfasst. Das AsylG verwendet im  Zusammenhang  mit  dem  Asylwiderruf  den  Begriff  der  "öffentlichen  Sicherheit"  indes  nicht,  womit  eine  Gefährdung  oder  Verletzung  der  "öffentlichen Sicherheit" vorliegend nicht relevant ist.  Die Vorinstanz führt in ihrer Verfügung aus, es sei wohl nur dem Zufall zu  verdanken,  dass  durch  das  Verhalten  des  Beschwerdeführers  bisher  keine  Personen  verletzt  oder  gar  getötet  worden  seien.  Auch  durch  mehrere  Strafurteile  beziehungsweise  durch  Entzug  des  Führerausweises  habe  sich  der  Beschwerdeführer  nicht  von  weiterer  Delinquenz  abhalten  lassen.  Die  begangenen  Taten  würden  sich  als  "besonders  verwerfliche  Verhaltensweise"  darstellen,  und  der  Beschwerdeführer  habe  Leib  und  Leben  anderer  Personen  und  damit  auch  deren  Sicherheit  gefährdet.  Auch  aus  dieser  Überlegung  heraus  seien  die  "verwerflichen"  Straftaten  als  "besonders  verwerflich"  zu  qualifizieren und daher  rechtfertige sich ein Asylwiderruf gemäss Art. 63  Abs.  2  AsylG.  Soweit  mit  diesen  Erwägungen  sinngemäss  begründet 

E­6829/2007 werden  sollte,  der  Beschwerdeführer  habe  die  "öffentliche  Sicherheit"  gefährdet, kann dem nicht gefolgt. 5.  5.1.  Gemäss  Art. 63  Abs.  2  AsylG  kann  das  dem  Flüchtling  einmal  gewährte Asyl  sodann widerrufen werden, wenn dieser die  "innere oder  äussere Sicherheit der Schweiz" verletzt oder gefährdet hat.  5.2.    Wie  oben  festgestellt,  bleiben  die  Hinweise  des  BFM  auf  die  "Gefährdung  von  Leib  und  Leben  und  Sicherheit  anderer  Verkehrsteilnehmer"  ohne  Relevanz,  soweit  damit  sinngemäss  eine  Gefährdung der "öffentlichen Sicherheit" angerufen werden soll. Ebenso sind diese vorinstanzlichen Erwägungen nicht geeignet, um eine  Gefährdung  der  "inneren  oder  äusseren  Sicherheit  der  Schweiz"  aufzuzeigen.  Im  Gegensatz  zur  "öffentlichen  Sicherheit"  bezieht  sich  dieser Begriff auf sicherheitspolitische  Interessen der Schweiz als Staat.  "Darunter ist insbesondere die Gefährdung des Vorranges der staatlichen  Gewalt im militärischen und politischen Bereich zu verstehen; zu denken  ist etwa an die konkrete Bedrohung durch Terrorismus, den gewalttätigen  Extremismus,  den  verbotenen  Nachrichtendienst,  die  organisierte  Kriminalität und Handlungen und Bestrebungen, welche die auswärtigen  Beziehungen der Schweiz ernsthaft gefährden oder auf eine gewaltsame  Änderung der staatlichen Ordnung abzielen" (Botschaft des Bundesrates  vom  4.  Dezember  1995  zur  Totalrevision  des  Asylgesetzes  sowie  zur  Änderung  des  Bundesgesetzes  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer, BBI 1996  II, S. 72, vgl. auch das eidgenössische Justiz­ und  Polizeidepartement  [EJDP]  auf  seiner  offiziellen  Internetseite,  abrufbar  unter:  http://www.ejpd.admin.ch/content/ejpd/de/home/themen/sicherheit/innere _sicherheit.html  [zuletzt  besucht  am:  1.  September  2011],  sowie  MARC  SPESCHA  in:  Spescha/Thür/Zünd/Bolzli  [Hrsg.],  Migrationsrecht,  Zürich  2009, 2. aktualisierte Auflage, Kommentar zu Art. 62 AuG, Rz. 8 S. 148).  Somit  können  nur  schwerwiegende  Taten  im  Sinne  der  zitierten  Auflistung  "staatsgefährdend"  sein  (zum  Ganzen:  RUEDI  ILLES,  NINA  SCHREPFER,  JÜRG  SCHERTENLEIB,  Schweizerische  Flüchtlingshilfe  SFH  [Hrsg.]:  Handbuch  zum  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren,  Bern  u.a.  2009,  S.  201);  Strassenverkehrsdelikte  fallen  hier  offenkundig  nicht  darunter. 

E­6829/2007 5.3.  Der  Vollständigkeit  halber  sei  betreffend  die  vorinstanzliche  Erwägung  in  der  Vernehmlassung,  wonach  der  Beschwerdeführer  eventuell  mit  dem  Asylwiderruf  dazu  bewegt  werden  könne,  von  den  Strassenverkehrsdelikten  abzulassen,  Folgendes  angemerkt:  Der  Beschwerdeführer ist für seine Delikte strafrechtlich verurteilt worden und  die  Strafen  wurden  vollzogen;  Strafen  und  entsprechende  (Vollzugs­ )massnahmen werden ausschliesslich durch das Strafrecht geregelt. Der  Asylwiderruf  stellt  indes  einen  verwaltungsrechtlichen  Akt  dar,  der  Resultat  der  entsprechenden  erfüllten  Voraussetzungen  ist.  Strafrechtliche  (Präventions)­massnahmen  entsprechen  nicht  Sinn  und  Zweck  des  Verwaltungsrechts,  womit  es  unzutreffend  ist,  einen  Asylwiderruf als strafrechtliche Massnahme zu erachten. 5.4. Nach  dem  Gesagten  steht  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  "verwerfliche",  mithin  auch  keine  "besonders  verwerfliche"  Straftat  und  keine  Gefährdung  oder  Verletzung  der  "inneren  oder  äusseren  Sicherheit"  der  Schweiz  begangen  hat.  Es  besteht  somit  kein  Asylwiderrufsgrund. 6.  Die  Beschwerde  vom  8. Oktober  2011  ist  demnach  gutzuheissen.  Der  angefochtene  Entscheid  des  BFM  vom  5. September  2007  ist  aufzuheben und dem Beschwerdeführer ist weiterhin Asyl in der Schweiz  zu gewähren. 7.  7.1. Der Beschwerdeführer  beantragt  die  unentgeltliche  Prozessführung  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  und  die  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG. Eine amtliche  Verbeiständung sei  ihm wegen der erheblichen Tragweite und aufgrund  sprachlicher  Schwierigkeiten,  der  damit  zusammenhängenden  Unterstützungsnotwendigkeit  und  seiner  Rechtsunkundigkeit  zu  gewähren. 7.2.  Der  obsiegenden  Partei  werden  keine  Verfahrenskosten  auferlegt  (Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Ihr  wird  zudem  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen Kosten, die die Vertretung sowie allfällige weitere Auslagen  der Partei beinhalten, eine Parteientschädigung ausgerichtet (Art. 64 Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  7  Abs.  1  und  Art.  8  Abs.  1  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem 

E­6829/2007 Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2).  Da  der  Beschwerdeführer  vollständig  obsiegt  hat,  ihm  somit  keine  Verfahrenskosten  auferlegt  werden  und  er  Anspruch  auf  Parteientschädigung hat, erübrigt sich eine Prüfung der Voraussetzungen  der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG und der  unentgeltlichen Rechtsverbeiständung nach Art. 65 Abs. 2 VwVG. 8.  8.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  somit  keine  Kosten  zu  erheben (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). 8.2. Dem obsiegenden Beschwerdeführer  ist  in Anwendung  von Art.  64  Abs.  1  VwVG  und  Art.  7  VGKE  zulasten  der  Vorinstanz  eine  Parteientschädigung  für  die  ihm  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig hohen Kosten zuzusprechen. Die Rechtsvertreterin des  Beschwerdeführers  weist  in  ihrer  Kostennote  vom  13.  Juli  2011  einen  Aufwand von 2,3 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 200.­ sowie  Auslagen  in  der  Höhe  von  Fr.  75.­­  aus.  Dieser  Aufwand  ist  als  angemessen zu erachten, und die Parteientschädigung  ist demnach auf  Fr. 576.­­ (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

E­6829/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Verfügung des BFM vom 5. September 2007 wird aufgehoben; das  dem Beschwerdeführer gewährte Asyl bleibt in Kraft. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung  in  Höhe  von  Fr.  576.­­  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer) zu entrichten. 5.  Dieses Urteil  geht an die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers, das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Sarah Diack Versand:

E-6829/2007 — Bundesverwaltungsgericht 07.09.2011 E-6829/2007 — Swissrulings