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Bundesverwaltungsgericht 15.09.2011 E-5293/2008

September 15, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,766 words·~14 min·3

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Juli 2008

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­5293/2008 Urteil   v om   1 5 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richterin Claudia Cotting­ Schalch, Richterin Christa Luterbacher, Gerichtsschreiber Thomas Hardegger. Parteien A._______, geboren am (…), und B._______, geboren am  (…), Eritrea, beide vertreten durch Tarig Hassan, Advokatur  Kanonengasse, Militärstrasse 76, Postfach 2115,  8021 Zürich,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 15. Juli 2008 / N (…).

E­5293/2008 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin  reiste  gemäss  ihren  Angaben  am  2.  Februar  2006  von  Eritrea  in  den  Sudan.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  der  Beschwerdeführer  Eritrea  am 2.  September  2006,  gelangte  ebenfalls  in  den Sudan und traf dort die Beschwerdeführerin, mit welcher er seit (…)  1996 verheiratet war, sie aber seit September 1996 nicht mehr gesehen  hatte.  Sie  seien  bis  am  1.  März  2007  in  Khartum  geblieben,  dann  gemeinsam durch die Sahara nach Libyen gereist und Mitte März 2007 in  Tripolis eingetroffen. Per Schiff und Auto seien sie am 29. Oktober 2007  in die Schweiz gelangt, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchten. B.  Am 5. November 2007 wurden sie im Empfangs­ und Verfahrenszentrum  Basel zu den Personalien und Ausreisegründen befragt. Sie reichten ihre  in  Khartum  ausgestellten  Identitätskarten  und  den  auf  den  Beschwerdeführer  lautenden Ausweis  der Eritrean Liberation Front­R.C.  (ELF­R.C.)  ein.  Das  BFM  hörte  sie  am  6.  Dezember  2007  zu  den  Asylgründen an.  B.a. Der Beschwerdeführer machte geltend, Tigriner römisch­katholischer  Religion zu sein. Ursprünglich stamme er aus (…). Bis 1981 habe er sich  als Unabhängigkeitskämpfer der ELF betätigt. Von 1981 bis 1987 habe er  in Khartum gelebt und sich seit 1983 als (…) betätigt. 1987 bis 1995 habe  er sich in Libyen befunden und sei auch dort (…) gewesen. In dieser Zeit  habe  er  eine  Beziehung mit  einer  heute  in  Addis  Abeba  lebenden  (…)  gehabt, aus der  (…) Kinder hervorgegangen seien.  Im September 1995  sei  er  nach  Eritrea  übersiedelt.  Er  habe  im  (…)  1996  in  (…)  die  Beschwerdeführerin  geheiratet.  Im  September  1996  sei  er  vom  eritreischen  Militär  rektrutiert  und  ins  Militärlager  (…)  mitgenommen  worden.  Dort  sei  er  zur  Tätigkeit  als  Unabhängigkeitskämpfer  der  ELF  befragt worden. Er  sei während  (…) Monaten  festgehalten und gefoltert  worden. Danach habe er im Militärdienst verbleiben müssen und ihm sei  eine  Tätigkeit  in  der  C._______  zugewiesen  worden.  Er  sei  gegen  die  Regierung,  weil  sie  diktatorisch  auftrete  und  ihr  Handeln  von  Willkür  geprägt  sei.  Als  er  2006  realisiert  habe,  dass  er  zu  einem  Einsatz  in  Somalia  abkommandiert  werden  könnte,  und  er  zufälligerweise  ins  Grenzgebiet  zum  Sudan,  (…),  verlegt  worden  sei,  habe  er  diese  Gelegenheit zur Flucht genutzt.

E­5293/2008 B.b. Den Aussagen der Beschwerdeführerin, einer ethnischen Tigrinerin  römisch­katholischer Religion, ist zu entnehmen, dass sie in (…) geboren  sei  und  in  (…)  die  Schulen  besucht  habe.  1979  sei  sie  von  den  Unabhängigkeitskämpfern der ELF beauftragt worden, Kinder und ältere  Leute zu unterrichten. 1982 sei sie mit den Eltern  in den Sudan gereist,  wo sie als Köchin gearbeitet habe. 1993 sei sie nach Eritrea gezogen. Im  (…) 1996 habe sie den Beschwerdeführer geheiratet. Ihre Brüder seien in  den Militärdienst eingezogen worden und ihr Vater sei von den Behörden  mitgenommen  worden.  Sie  kenne  die  gegenwärtigen  Aufenthaltsorte  dieser Angehörigen nicht. 2006 sei sie – aus Furcht vor einer Festnahme  – nach  Khartum  ausgereist.  Einige  Zeit  später  habe  sie  dort  den  Beschwerdeführer  angetroffen,  welcher  ihren  Aufenthaltsort  über  die  Befragung von Landsleuten erfahren habe.  B.c.   Über weitere Einzelheiten der Asylbegründungen wird, wo nötig,  in  den Erwägungen eingegangen. C.  Das Urkundenlabor der Kriminaltechnischen Abteilung der Kantonspolizei  Zürich  überprüfte  auf  Antrag  des  BFM  zwei  Ausweise  des  Beschwerdeführers auf  ihre Echtheit. Es stellte am 13. Mai 2008 bei der  Identitätskarte  unter  anderem  mechanische  Rasuren  und  eine  Überschreibung  im  Bereich  des  Geburtsjahrs  fest.  Beim  Ausweis  der  ELF­R.C. ergab die Prüfung vom 18. April  2008 diverse Manipulationen  (wie  Bildauswechslung,  Rasur,  Übertünchungen  mit  Deckweiss,  Überschreibung).  Beide  überprüften  Dokumente  erachtete  das  Urkundenlabor als gefälscht.  Das  BFM  gewährte  den  Beschwerdeführenden  zu  den  Feststellungen  des Urkundenlabors das rechtliche Gehör.  Die Beschwerdeführenden nahmen am 21. und 30. April 2008 zu diesen  Erkenntnissen Stellung. D.  Mit Verfügung vom 15. Juli 2008 – eröffnet am 17. Juli 2008 – stellte das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht, wies  ihre Asylgesuche ab und  verfügte  ihre Wegweisung aus der  Schweiz.  Es  nahm  die  Beschwerdeführenden  wegen  unzumutbaren  Wegweisungsvollzugs  vorläufig  auf  und  zog  die  als  gefälscht  erkannten  Ausweise ein.

E­5293/2008 E.  Nach  erfolgter  Akteneinsicht  vom  25.  Juli  2008  reichten  die  Beschwerdeführenden  am  15.  August  2008  (Postaufgabe)  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  ein  und  beantragten  die  Aufhebung  der  Ziffern  1  (Nichterfüllen  der  Flüchtlingseigenschaft),  2  (Abweisung  der  Asylgesuche),  3  (Anordnung  der  Wegweisung)  und  8  (Einzug zweier Ausweise) des Dispositivs der Verfügung des BFM sowie  die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylerteilung. Ferner  sei  die  unentgeltliche  Prozessführung  zu  gewähren  und  von  der  Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen. Mit  der  Beschwerde  wurden  zwei  Vollmachten  vom  23.  Juli  2008,  eine  Fürsorgebestätigung  vom  11.  August  2008,  Kopien  der  Identitätskarten  der Mutter  und der Schwester  des Beschwerdeführers,  ein Couvert,  ein  fremdsprachiges Schreiben und die Kopie der angefochtenen Verfügung  eingereicht. F.  F.a.  Mit  Zwischenverfügung  vom  21.  August  2008  hiess  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gut,  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  setzte  den  Beschwerdeführenden  Frist  zur  Einreichung  der  Übersetzung  des  fremdsprachigen  Schreibens  und  der  Identitätsnachweise der im Bestätigungsschreiben vermerkten Personen.  Gleichzeitig  lud  der  Instruktionsrichter  das  BFM  zur  Abgabe  einer  Vernehmlassung ein. F.b. Das BFM verzichtete in seinem Schreiben vom 12. September 2008  auf die Abgabe einer Vernehmlassung. F.c.  Mit  Schreiben  vom  15.  und  26.  September  2008  reichten  die  Beschwerdeführenden  eine  vom  28.  August  2008  datierte  Mitgliedschaftsbestätigung  der  ELF  in  Genf  in  französischer  Sprache  beziehungsweise  ein  Arztzeugnis  vom  5.  Mai  2005  und  eine  von  vier  Landsleuten  unterschriebenen  Bestätigung,  jeweils  samt  Übersetzung,  ein. G.  Am  21.  Oktober  2010  liessen  die  Beschwerdeführenden  ein  Schreiben  der Eritrean National Salvation Front (ENSF) – Europe Zone vom 5. Juli 

E­5293/2008 2010  nachreichen,  wonach  der  Beschwerdeführer  zum  offiziellen  Vertreter der ENSF in (…) ernannt worden sei.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m.  Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde  ist einzutreten. 1.4.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. 

E­5293/2008 2.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG).  Entscheidend  ist,  ob  eine  Gesamtwürdigung  der  Vorbringen  ergibt,  dass  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr. 1  E. 5,  mit  weiteren  Hinweisen). 2.3.  Wer  sich  darauf  beruft,  dass  mit  oder  nach  der  Ausreise  durch  eigenes  Verhalten  eine  Gefährdungssituation  entstanden  sei,  macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend.  Sind  diese  nachgewiesen  oder  zumindest  glaubhaft  gemacht,  begründen  sie  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im Sinne von Art. 3 AsylG,  führen  jedoch gemäss  Art. 54  AsylG  zum  Ausschluss  des  Asyls,  unabhängig  davon,  ob  sie  missbräuchlich  oder  nicht  missbräuchlich  gesetzt  wurden  (vgl.  BVGE  2009/28 E. 7.1). 3.  3.1.    Das  BFM  lehnte  die  Asylgesuche  ab,  da  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  den  Anforderungen  an  das  Glaubhaftmachen  gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers  seien wenig genau und unsubstanziiert ausgefallen. Die Schilderung der  Flucht  aus  seiner  militärischen  Einheit  und  der  illegalen  Ausreise  aus 

E­5293/2008 Eritrea  lasse  substanziierte  Attribute  einer  real  erlebten  Desertion  vermissen.  Die  Militärdienstzeit  schildere  er  bloss  in  einer  allgemeinen  Weise, und seine Angaben zur Teilnahme am Krieg  im Jahr 2000 seien  nichtssagend;  sie  liessen  eine  vertiefende  Substanz,  eine  authentische  erlebnisvermittelnde  Nacherzählung  und  Realitätsmerkmale  vermissen.  Die  Beschwerdeführerin  sei  ebenfalls  nicht  in  der  Lage,  ihre  Ausreisegründe  und  die  Flucht  in  den  Sudan  substanziiert  zu  beschreiben.  Auch  bei  ihr  fehlten Realmerkmale, wie  sie  von Personen  erwartet  werden  dürften,  die  Selbsterlebtes  wiedergeben.  Es  gebe  in  zentralen  Punkten  der  Asylbegründung  Widersprüche.  So  stütze  die  Beschwerdeführerin  ihr  Asylgesuch  in  der  Erstanhörung  allein  auf  den  Umstand, dass ihre Mutter befürchtet habe, sie könnte seitens der Armee  Probleme bekommen, falls der Beschwerdeführer desertieren würde. Sie  sei  ausgereist,  um  einer  Verhaftung  zuvorzukommen.  Später  habe  sie  angegeben, aus Furcht vor einer Festnahme wegen ihrer Brüder und dem  Vater  ausgereist  zu  sein.  Der  Beschwerdeführer  habe  jedoch  vorgebracht,  von  September  1996  bis  September  2006  keinen  Kontakt  mit  seiner  Ehefrau  gehabt  zu  haben,  weshalb  seine  Ehefrau  gar  nichts  von seinen Desertions­ und Fluchtabsichten habe wissen können. Weiter  habe die Beschwerdeführerin einmal angegeben, seit 1981 als (…) für die  ELF tätig gewesen zu sein. Andernorts erkläre sie  jedoch, 1979 von der  ELF beauftragt worden zu sein,  in einer Schule Kinder und ältere Leute  zu unterrichten. Auch der Beschwerdeführer überzeuge nicht mit seinen  unstimmigen  Antworten  auf  Nachfragen  zu  seiner  Militäreinteilung.  Er  habe auch seine Rekrutierung und die Dauer seines Militärdienstes (zehn  respektive  zwölf  Jahre)  widersprüchlich  dargelegt.  Ferner  decke  sich  seine  Geburtsangabe  in  der  Anhörung  (…)  nicht  mit  derjenigen  seiner  Identitätskarte  (…).  Der  Beschwerdeführer  soll  sich  mit  einem  somalischen  Pass  von  1987  bis  1995  in  Libyen  aufgehalten  haben;  indessen sei seine Identitätskarte (…) in Khartum ausgestellt worden, und  der  Beschwerdeführer  habe  sie  nach  seinen  Angaben  selber  auf  dem  betreffenden  Büro  in  Khartum  beantragt.  Weiter  könne  nicht  zutreffen,  dass er weder im Sudan noch in Libyen habe leben und arbeiten können,  zumal  er  auch  angegeben  habe,  über  Jahre  hinweg  als  (…)  tätig  gewesen  zu  sein.  Auch  könne  nicht  zutreffen,  dass  die  Beschwerdeführerin,  nachdem  sie  im  Jahr  2006  in  den  Sudan  gelangt  sei, dort nicht mehr länger habe leben können, zumal ihre Identitätskarte  ebenfalls  in Khartum ausgestellt worden sei. Den Beschwerdeführenden  sei  nicht  zu  glauben,  dass  sie  nicht  wüssten,  durch  welche  Länder  sie  gereist  seien,  zumal  die  Beschwerdeführerin  eigenen  Angaben  zufolge  der  italienischen  und  beide  Beschwerdeführenden  der  englischen 

E­5293/2008 Sprache  kundig  seien.  Schliesslich  seien  die  zwei  vom  Urkundenlabor  überprüften  und  auf  den  Namen  des  Beschwerdeführers  lautenden  Ausweise  gefälscht.  In  Anbetracht  all  dieser  Unstimmigkeiten  sei  von  konstruierten  Sachverhalten  auszugehen.  Desertion  und  illegale  Ausreisen  seien  nicht  glaubhaft  gemacht,  und  die  Identität  des  Beschwerdeführers stehe nicht fest. 3.2.  In  der  Rechtsmitteleingabe  wird  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer  habe die geltend gemachten Vorkommnisse  tatsächlich erlebt. Was  ihm  das  BFM  entgegenhalte,  seien  unhaltbare  Argumente  und  Mutmassungen.  Da  die  zehn  Jahre  Militärdienst  nicht  ereignisreich  gewesen  seien,  habe  seine  Schilderung  nicht  umfangreich  ausfallen  können.  Er  sei  auf  der  Strasse  im  Rahmen  einer  Sammelaktion  (als  Razzia  bezeichnet)  aufgegriffen  und  zum  Militärdienst  eingezogen  worden.  In diesem Kontext  bestehe  kein Widerspruch. Der Hinweis  von  zwölf  Jahren  Militärdienstzeit  sei  falsch  und  rühre  von  einem  blossen  Übersetzungsfehler  her.  Auch  hier  sei  angesichts  der  damaligen  Befragungssituation  (summarische  Natur;  Stress  bei  Erstbefragung;  Fehlübersetzung bei Rückübersetzung) kein Widerspruch abzuleiten. Die  Schilderung  der  Fronteinsätze  sei  nicht  substanzlos  ausgefallen,  denn  Kampforte  und  ­art  seien  aktenkundig.  Zudem  seien  keine  weiteren  konkreten Fragen (beispielsweise Umstände an der Front, Waffenkunde,  Hierarchien,  Befehle)  gestellt  worden,  weshalb  der  Vorhalt  einer  fehlenden militärischen  Fronterfahrung  nicht  sachgerecht  sei  und  durch  eine  ergänzende  Befragung  hätte  ausgeräumt  werden  können.  Zudem  habe der Beschwerdeführer als (…) nicht einer regulären Truppeneinheit  angehört,  sondern  sei  der  C._______  der  (…)  zugeteilt  gewesen.  Die  Fluchtgründe  der  Beschwerdeführerin  seien  hingegen  in  der  Tat  diffus  ausgefallen.  Sie  seien  aber  aus  so  vielen  verschiedenen Komponenten  zusammengesetzt,  dass  verständlich  sei,  dass  sie  in  den  Befragungen  überfordert und bloss noch fähig gewesen sei, die verschiedenen Gründe  für ihr Verhalten anzugeben. Es sei somit nachvollziehbar, dass sie dem  psychischen  Druck,  der  von  all  den  verschiedenen  Fluchtgründen  (alle  männlichen  Familienangehörige  ins  Militär  eingezogen,  Gefahr  der  eigenen Zwangsrekrutierung, alleinstehende Frau mit ständigen Ängsten  vor Übergriffen, frühere Kontakte zur ELF, […], später die Desertion ihres  Mannes)  genährt worden  sei,  nicht mehr  gewachsen  gewesen  sei.  Ihre  Art  der  Schilderung  spreche  für  das  Vorliegen  eines  unerträglichen  Druckes.  Ihre  Tätigkeit  als  Lehrerin  habe  sie  im  Alter  von  (…)  Jahren  ausgeübt, mithin schon sehr früh, was durchaus erklären könne, dass die  diesbezüglichen  protokollierten  Angaben  "nicht  so  frisch  erscheinen" 

E­5293/2008 würden. Nachfragen zum damaligen Einsatz seien ihr nie gestellt worden.  Von  1979  bis  1981  sei  sie  als  Lehrerin  tätig  gewesen.  Somit  existiere  auch  hier  kein  Widerspruch.  Was  die  Fälschungsmerkmale  auf  der  Identitätskarte des Beschwerdeführers anbelange, sei zu beachten, dass  die Karte  von  einer  quasistaatlichen Organisation  zwecks Durchführung  des Referendums ausgestellt worden sei. Es sei daher vorstellbar, dass  Falschangaben  und Korrekturen  von  dieser Organisation  vorgenommen  worden  seien.  Ausserdem  habe  der  Beschwerdeführer  diese  Karte  auf  sich  getragen,  was  Abnutzungsspuren  auf  dem  Ausweis  hinterlassen  habe. Er habe jedenfalls mit der allfälligen Fälschung nichts zu tun gehabt  und  betrachte  die  Identitätskarte  als  authentisch.  Ohnehin  reiche  eine  gefälschte  Identitätskarte  nicht,  um  die  eritreische Herkunft  in  Frage  zu  stellen. Was Ausstellungsdatum  und  ­ort  der  Identitätskarte  betreffe,  so  habe  der  Beschwerdeführer  seinen  Aufenthalt  in  Libyen  im  besagten  Moment  kurz  unterbrochen.  Die  Beschwerdeführenden  würden  zudem  die Geographie Europas nicht besonders gut kennen. Ihr Schlepper habe  erfolgreich  verhindert,  dass  sie  über  ihre  Reiseroute  zu  viel  erfahren  könnten.  Schliesslich  sei  die  Auffassung  des  BFM  unangemessen,  wonach  die  Asylrelevanz  der  Vorbringen  wegen  ihrer  Unglaubhaftigkeit  nicht  zu  prüfen  sei,  zumal  die  Herkunft  der  Beschwerdeführenden  aus  Eritrea  vom  BFM  nicht  bestritten  werde.  Der  Beschwerdeführer  sei  in  einem militärdienstpflichtigen Alter und sei entgegen der vorinstanzlichen  Ansicht desertiert. Das BFM habe bei dieser Sachlage keine Grundlage,  auf  eine  generelle  Unglaubhaftigkeit  der  Angaben  des  Beschwerdeführers  zu  schliessen.  Dazu  wären  entsprechende  Gegenbeweise  (beispielsweise  ein  Lingua­Gutachten)  erforderlich.  Der  Beschwerdeführer sei während der (…)monatigen Festhaltung durch die  Militärpolizei  gefoltert  worden.  Er  sei,  ebenso  wie  die  Beschwerdeführerin, illegal aus Eritrea geflohen.  Am  15.  September  2008  reichten  die  Beschwerdeführenden  eine  Bestätigung der Schweizer Sektion der ELF vom  (…) 2008 ein. Daraus  geht  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  eritreischer  Staatsbürger,  aktives Mitglied und Freiheitskämpfer der ELF gewesen sei. (…). Eritrea  befinde  sich  in  einer  katastrophalen  Lage.  Es  kenne  seit  1991  keine  Verfassung mehr, habe 2002 alle religiösen Aktivitäten, Versammlungen  und Kundgebungen verboten und mittlerweile zahlreiche Religionsstätten  unterschiedlicher  Glaubensgemeinschaften  geschlossen.  Die  Unterdrückung  der  Bürger  habe  zugenommen,  Personen  würden  willkürlich  verhaftet  und  unter  unmenschlichen  Bedingungen  jahrelang  festgehalten.  Die  Kriege  um  den  Grenzverlauf  hätten  zur 

E­5293/2008 Verschlimmerung  des  inneren  Klimas  beigetragen;  Terror  und  Perspektivenlosigkeit  seien  verbreitet.  Der  Beschwerdeführer  habe  sein  Leben gerettet, indem er dieser Situation entflohen sei. 3.3. Vier  Personen  eritreischer  Herkunft  erklärten  in  einem  gemeinsam  verfassten  Schreiben  vom  13.  September  2008,  der  Beschwerdeführer  sei eritreischer Staatsbürger und habe in Eritrea schon lange Zeit gelebt.  Er  sei  Soldat  in  einer  bewaffneten  Einheit  gewesen. Weiter  reichte  der  Beschwerdeführer  am  26.  September  2008  ein  (…)  beglaubigtes  ärztliches Zeugnis vom 5. Mai 2005 ein. Aus diesem geht hervor, dass er  (…) und an Malaria erkrankt sei. Mit Schreiben vom 5. Juli 2010 erklärte  der Vertreter der ENSF – Europe Zone, dass der Beschwerdeführer am  22. Februar 2010 zum Vertreter  für die Partei  (…) nominiert worden sei.  Der Rechtsvertreter wies  in diesem Zusammenhang  im Begleitschreiben  darauf  hin,  dass  regimekritische  Tätigkeiten  im  Ausland  von  den  eritreischen  Behörden  überwacht  und  streng  geahndet  würden.  Hoch­  und  Landesverrat  werde  mit  Haft,  Folter  und  extralegaler  Hinrichtung  abgegolten. Auch die Mitgliedschaft  seines Mandanten bei der ELF und  deren  Splittergruppen  könne  zu  einer  solchen  Verfolgungssituation  führen.  Der  Beschwerdeführer  habe  begründete  Furcht  vor  Verfolgung.  Eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  bestehe  nicht  und  Asylausschlussgründe lägen nicht vor. 4.  4.1.  Das  BFM  erachtete  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführer  hinsichtlich  seines  Einzugs  ins  Militär  im  Jahr  1996,  der  Militärdienstleistung  von  12  Jahren  beziehungsweise  von  September  1996  bis  September  2006,  der  Desertion  und  der  Flucht  des  Beschwerdeführers  als  überwiegend  unglaubhaft  und  schloss  daraus,  dass  nicht  von  einer  illegal  erfolgten  Ausreise  aus  Eritrea  auszugehen  sei.  Dieser Einschätzung kann gemäss den nachfolgenden Erwägungen nur  teilweise gefolgt werden. 4.2.  Das  BFM  hat  die  Identitätskarte  und  den  ELF­R.C.­Ausweis  des  Beschwerdeführers  nach  erfolgten  Prüfungen  durch  das  Urkundenlabor  und  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs  als  gefälscht  qualifiziert  und  eingezogen.  In  der  Rechtsmitteleingabe  wird  weiterhin  die  Authentizität  der  Ausweise  behauptet  und  jedenfalls  daran  festgehalten,  dass  der  Beschwerdeführer keinen persönlichen Fälschungsbeitrag erbracht hat. 

E­5293/2008 Aufgrund  der  einwandfrei  festgestellten  Fälschungsmerkmale  in  den  beiden  Beweismitteln  und  der  nicht  hilfreichen  Erklärungen  der  Beschwerdeführenden  hat  das  BFM  zu  Recht  die  beiden  laminierten  Ausweise  als  Fälschungen  erkannt  und  zur  Vermeidung  weiteren  Missbrauchs  eingezogen.  Dabei  kann  offen  bleiben,  ob  das  auf  der  Identitätskarte  geänderte  Geburtsjahr  als  (…)  oder,  was  aufgrund  des  fehlenden  Horizontalstrichs  bei  der  letzten  Ziffer  ebenso  möglich  wäre,  als  (…) zu  lesen  ist, und weshalb diese Manipulation stattgefunden hat.  Die Beschwerde  ist deshalb bezogen auf den Antrag auf Aufhebung der  Einzugsverfügung  (vgl.  Ziffer  8  des  Dispositivs  der  angefochtenen  Verfügung) abzuweisen.  4.3. Trotz der Verwendung gefälschter Identitätsausweise stellt das BFM  die  eritreische  Staatsangehörigkeit  des  Beschwerdeführers  nicht  in  Frage.  Auch  das  Bundesverwaltungsgericht  hat  keine  Veranlassung  daran zu zweifeln, dass der Beschwerdeführer aus Eritrea stammt. 4.4.  Hinsichtlich  des  Kernvorbringens  des  Beschwerdeführers  bis  zum  Zeitpunkt  der  Ausreise  aus  Eritrea  (Einzug  in  die  Armee,  Militärdienst,  Desertion) kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass das  BFM  dieses  zu  Recht  und  mit  zutreffender  Begründung  als  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art. 7  AsylG  nicht  genügend  erachtet  hat.  Die  Ausführungen  in  der  Beschwerdeeingabe  vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Es kann bei dieser  Sachlage  grundsätzlich  auf  die  vorinstanzliche  Begründung  verwiesen  werden. Einige ergänzende Hinweise mögen dies verdeutlichen: Zwar  ist  bekannt,  dass  die  Wehrpflicht  von  den  eritreischen  Regionalbehörden mitunter mittels  sogenannter  "giffa"  (eine Art Razzia)  gegenüber  verdächtigten Wehrdienstpflichtigen  durchgesetzt worden  ist.  Dennoch sind die entsprechenden Angaben des Beschwerdeführers nicht  zu glauben. So widersprach er sich in den Anhörungen in massiver Weise  betreffend die erlebten Modalitäten seiner Einberufung: In der Befragung  in der Empfangsstelle führte er zuerst an, er sei  im September bei einer  Razzia  festgenommen  und  für  den  Militärdienst  nach  (…)  gebracht  worden  (A1  S.  2).  Er  sei  erst  nach  der  auf  der  Strasse  erfolgten  Rekrutierung, Überführung nach (…), Zuteilung zu einer Einheit und drei  Tage  nach  Beginn  der  ersten  militärischen  Ausbildung  auf  seine  Vergangenheit  als  Kämpfer  der  ELF  angesprochen  worden.  Die  Militärpolizei  habe  ihm  vorgehalten,  der  Armee  die  Vergangenheit  als  Kämpfer  der  ELF  verschwiegen  zu  haben.  Sie  habe  ihn  verhört  und 

E­5293/2008 arretiert  (A1 S. 4  f.).  In der zweiten Anhörung war zunächst keine Rede  von  einer  "Razzia":  So  gab  er  an,  das Militär  sei  im September  zu  ihm  gekommen beziehungsweise er sei von den Militärs auf dem Weg nach  Hause auf der Strasse angehalten und zum Einsteigen  in  ihren privaten  Personenwagen  genötigt  worden.  Sie  hätten  im  Rahmen  der  Rekrutierung  bereits  gewusst,  dass  er  früher  ein  Freiheitskämpfer  gewesen sei und ihn die Armee deshalb benötige. Er sei von der Armee  nach  (…)  überstellt  worden,  wo  ihn  die  Militärpolizei  sofort  zur  Vergangenheit  als  Kämpfer  der  ELF  und  zu  allfälligen  Kontakten  zu  Oppositionsparteien  befragt  habe.  Er  habe  im  betreffenden  Gespräch  seine  frühere Tätigkeit zu Gunsten der ELF zugegeben. Erklärend  fügte  er  an,  das  Militär  habe  seine  Vergangenheit  deshalb  gekannt,  weil  sie  "damals alle gemeinsam im Untergrund" gekämpft hätten; trotzdem sei er  in Haft gesetzt worden, wo er der Militärpolizei klar gemacht habe, dass  er  Freiheitskämpfer  der  ELF  gewesen  sei  (A6  S.  4  f.  und  8).  Diese  massiven,  teilweise  in der gleichen Befragung entstandenen Differenzen  in den Schilderungen führen zur Annahme, dass der Einzug in die Armee  im  Jahr  1996  –  falls  ein  solcher  stattgefunden  haben  sollte  –  nicht  so  geschehen ist wie geschildert.  Dasselbe  ist  auch  in  Bezug  auf  die  offen  zu  Tage  getretene  Substanzlosigkeit  in der Beschreibung der zehnjährigen Militärdienstzeit,  der  Desertion  und  der  illegalen  Grenzüberschreitung  festzustellen.  So  schilderte  er  diese  Vorkommnisse  sehr  vage  und  ohne  die  nötigen  Details,  die  ein  Asylvorbringen  hätten  nachvollziehbar  machen  können.  Der  vorherrschende  Mangel  an  Realkennzeichen  bei  den  wesentlichen  Vorkommnissen, die für ihn Anlass gewesen sein sollen, sein Heimatland  fluchtartig und unter grösster Lebensgefahr zu verlassen, zeigt klar, dass  er nicht von eigenen Erlebnissen berichtet.  Seine Militärdienstleistung in den Jahren 1996 bis 2006 ist auch deshalb  unglaubhaft,  weil  jegliche  Grundangabe  fehlt,  weshalb  der  Beschwerdeführer  nach  seiner  angeblichen  (…)monatigen  und  mit  Folterungen verbundenen  Inhaftierung am Anfang seines Militärdienstes  plötzlich das Vertrauen errungen haben soll für einen bewaffneten Dienst  bei einer (…) einer Armee, die im ganzen Land an diversen Objekten zum  Einsatz gekommen sei – und er damit über all die Jahre hin zum Träger  von  Dienstgeheimnissen  wesentlicher  Strukturvorhaben  der  Armee  geworden wäre. Dass ihm während des ganzen zehn­ oder zwölfjährigen  Militärdienstes  kein  einziger  Urlaub  gewährt  wurde,  passt  nicht  zu  den  dem Gericht bekannten Praktiken in der eritreischen Armee und ist nicht 

E­5293/2008 glaubhaft.  Schliesslich  nennt  der  Beschwerdeführer  keinen  plausiblen  Grund,  weshalb  er  nicht  altershalber  nach  Beendigung  der  regulären  Dienstzeit  –  für  den  Jahrgang  (…)  endete  die  ordentliche  Militärdienstpflicht im Jahr (…) – ausgemustert wurde. Für eine Desertion  im  Jahre  2006  besteht  deshalb  und  wegen  der  generellen  Unglaubhaftigkeit eines über  längere Zeit geleisteten Militärdienstes kein  Hinweis.  Weiter weist der (…) ärztliche Bericht vom 5. Mai 2005 (vgl. Beilage des  Schreibens  vom  19.  September  2008)  Gefälligkeitscharakter  auf:  Abgesehen  davon,  dass  der  Beschwerdeführer  die  entsprechende  ärztliche Behandlung während der Anhörungen nie  erwähnt  hat,  ist  von  ihm nicht dargelegt worden, wie er als angeblicher Deserteur nach all den  Jahren an dieses vom (…) beglaubigte Zeugnis gelangt sein soll. Es kann  im Übrigen praktisch ausgeschlossen werden, dass in einem vom Militär  verwendeten  Formular  nach mehrjähriger  Dienstzeit  die  Dienstnummer,  der militärische Rang, die Funktion und die Diensteinheit der Militärdienst  leistenden Person nicht erwähnt werden.  Dass er selber all diese militärischen Angaben nicht im Detail zu nennen  vermochte  und  nach  so  vielen  Jahren  trotz  seiner  angeblich  verantwortungsvollen  Aufgabe  keinen  Dienstgrad  erreicht  haben  soll,  lässt die Militärdienstleistung weiter unglaubhaft erscheinen.  4.5.  Schliesslich  ist  der  Ordnung  halber  anzuführen,  dass  dem  in  der  ersten Befragung erwähnten zusätzlichen Grund der Ausreise aus Eritrea  – die  angebliche  Zugehörigkeit  zur  Volksgruppe  der  (…)  und  die  damit  verbundenen  Benachteiligungen  im  Gesellschaftsleben  (A1  S.  6)  –  im  späteren  Verlauf  des  Verfahrens  und  auf  Beschwerdestufe  von  Seiten  des  Beschwerdeführers  keine  Bedeutung  mehr  zugemessen  wurde,  weshalb an dieser Stelle nicht weiter darauf einzugehen ist. 4.6.  Der  generelle  unglaubhafte  Eindruck  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  wird  gestützt  durch  die  Einreichung  gefälschter  Beweismittel (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG).  4.7. Ferner stellt das Schreiben des Leiters der schweizerischen Sektion  der Eritrean Liberation Front – National Congress vom 28. August 2008  ein  blosses  Unterstützungsschreiben  dar,  zumal  der  Beschwerdeführer  angegeben  hat,  nach  dem  Jahr  1996  sämtliche Tätigkeiten  zu Gunsten  der ELF eingestellt zu haben. Davon ist im betreffenden Schreiben keine  Rede.  Gefälligkeitscharakter  weist  auch  die  gemeinsam  verfasste 

E­5293/2008 Bestätigung  der  vier  eritreischen  Personen  (Übersetzung  vom  13.  September 2008) auf, weil diese nicht nachvollziehbar aufgezeigt haben,  wie sie zu  ihrer Kenntnis – namentlich betreffend den (…) – gekommen  sind.  So  wusste  nach  Angaben  des  Beschwerdeführers  ab  September  1996 nicht einmal die Beschwerdeführerin über ihn Bescheid.  4.8.  Zusammenfassend  kann  festgestellt  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Zeitpunkt  des Verlassens  des Heimatlandes  nicht  verfolgt  war.  Da  die  Flüchtlingseigenschaft  bei  der  Ausreise  fehlte  und  keine  objektiven  Nachfluchtgründe  geltend  gemacht  wurden,  ist  die  Beschwerde bezüglich der Asylverweigerung (Ziffer 2 des Dispositivs der  angefochten  Verfügung,  bezogen  auf  den  Beschwerdeführer)  abzuweisen.  5.  5.1. Auch hinsichtlich der Beschwerdeführerin ist nicht glaubhaft, dass sie  aus  den  von  ihr  genannten  Gründen  habe  flüchten  müssen.  Daran  vermögen  die  eingereichten  Beweismittel  nichts  zu  ändern.  Selbst  bei  Personen,  die  unter  psychischem Druck  stehen,  kann  erwartet  werden,  dass  sie  im  Verlauf  der  Anhörungen  ihre  zentralen  Asylgründe  in  nachvollziehbarer Weise erklären können. Dies war bei  ihr offensichtlich  nicht  der  Fall.  Es  kann  zur  Vermeidung  von  Wiederholungen  auf  die  korrekten  Erwägungen  des  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden,  denen  sich  das  Bundesverwaltungsgericht  in  allen  Teilen anschliesst.  5.2. Auch die Beschwerdeführerin war mithin im Zeitpunkt des Verlassens  des Heimatlandes nicht verfolgt, und ihr Asylgesuch wurde vom BFM zu  Recht  abgewiesen  (Ziffer  2  des Dispositivs  der  angefochten Verfügung,  bezogen auf die Beschwerdeführerin). 6.  Die Beschwerdeführenden machen  ferner  geltend,  sie  hätten  beide  das  Heimatland unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten illegal  verlassen,  weshalb  sie  bei  der  Rückkehr  eine  flüchtlingsrechtlich  relevante Verfolgung  zu befürchten hätten. Es bleibt  deshalb  zu prüfen,  ob sie wegen illegaler Ausreise bei einer Rückkehr nach Eritrea – mithin  infolge  subjektiver  Nachfluchtgründe  –  befürchten  müssen,  ernsthaften  Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu seien. 6.1.  Als  subjektive  Nachfluchtgründe  gelten  insbesondere  illegales  Verlassen  des  Heimatlandes  (sogenannte  Republikflucht),  Einreichung 

E­5293/2008 eines Asylgesuches im Ausland oder aus der Sicht der heimatstaatlichen  Behörden  unerwünschte  exilpolitische  Betätigung,  wenn  sie  die  Gefahr  einer zukünftigen Verfolgung begründen. Durch Republikflucht wird zum  Flüchtling,  wer  sich  aufgrund  der  unerlaubten  Ausreise  mit  Sanktionen  konfrontiert  sieht,  die  bezüglich  ihrer  Intensität  und  der  politischen  Motivation  des  Staates  ernsthafte  Nachteile  gemäss  Art. 3  AsylG  darstellen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5, mit weiteren Hinweisen; Urteile des  Bundesverwaltungsgericht  D­3892/2008  vom  6.  April  2010  und  D­ 4299/2008  vom  22. Februar  2011).  Die  vom  Gesetzgeber  bezweckte  Bestimmung  subjektiver  Nachfluchtgründe  als  Asylausschlussgrund  verbietet  ein  Addieren  solcher  Gründe  mit  Fluchtgründen  vor  der  Ausreise,  die  für  sich  allein  nicht  zur  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft ausreichen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). Personen  mit  subjektiven Nachfluchtgründen  erhalten  zwar  gemäss Art.  54 AsylG  kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen.  6.2.  Die  eritreischen  Ausreisebestimmungen  sind  bekanntlich  äusserst  restriktiv und legale Ausreisen sind nur mit einem gültigen Reisepass und  einem  entsprechenden  Ausreisevisum  möglich  (vgl.  Art. 11  der  "Proclamation  No. 24/1992"),  wobei  gemäss  den  Erkenntnissen  des  Gerichts Männer bis zum Alter von 54 Jahren und Frauen bis 47 Jahren –  d. h. bis zur altersbedingten Beendigung der allgemeinen Dienstpflicht –  grundsätzlich  kein  Visum  erhalten.  Das  illegale  Verlassen  des  Landes  wird als Zeichen politischer Opposition erachtet und rigoros bestraft (vgl.  Art. 29  der  "Proclamation  No. 24/1992").  Wer  versucht,  das  Land  ohne  Erlaubnis  der  Behörden  zu  verlassen,  riskiert  neben  der  erwähnten  Bestrafung  sein  Leben,  da  die  Grenzschutztruppen  nach  wie  vor  den  Befehl  haben,  Fluchtversuche  mit  gezielten  Schüssen  zu  unterbinden.  Illegal  Ausgereisten  droht  in  Eritrea  eine  unverhältnismässig  harte  Bestrafung,  welcher  Härte  offensichtlich  die  Motivation  des  Staates  zugrunde  liegt,  die  betreffenden  Personen  ihrer  in  der  Handlung  der  illegalen  Ausreise  manifestierten  Opposition  wegen  zu  verfolgen.  Der  Praxis,  illegal  ausgereiste  eritreische  Asylsuchende  als  Flüchtlinge  anzuerkennen,  folgt  auch  das  BFM  (vgl.  angefochtene  Verfügung  S.  6  oben).  In  casu  wird  seitens  der  Vorinstanz  allerdings  die  Illegalität  der  Ausreise  nicht  geglaubt.  Der  Folgerung  des  BFM,  wegen  der  unglaubhaften  Schilderung  des  zwangsweisen  Einzugs  in  den  Militärdienst,  der  Militärdienstleistung  und  der  Desertion  des  Beschwerdeführers  sei  auch  die  illegale  Ausreise  aus  Eritrea  nicht  geglaubt,  kann  bei  der  bestehenden  Beweislage  nicht  beigepflichtet  werden.

E­5293/2008 Wann  die  Beschwerdeführenden  ihr  Heimatland  verlassen  haben,  kann  wegen  der  sehr weit  gehenden Unglaubhaftigkeit  ihrer  Vorbringen  nicht  festgestellt werden. Immerhin gibt es verschiedene Indizien, dass sie sich  zu einem unbekannten Zeitpunkt einzeln oder gemeinsam in den Sudan  begeben haben und während einiger Zeit – mutmasslich während Jahren  – dort aufgehalten haben. Es erscheint äusserst unwahrscheinlich, dass  die  im  Zeitpunkt  des  Verlassens  ihres  Heimatlandes  mutmasslich  zwischen  (…)­  und  (…)­Jahre  alten  Beschwerdeführenden  Eritrea  auf  legale  Weise,  mithin  mit  einem  behördlichen  Ausreisevisum,  hätten  verlassen  können.  Ihre  Behauptung,  keine  Reisepässe  je  beantragt,  geschweige  denn  besessen  zu  haben  (A1  und  A2,  je  S.  3),  ist  in  Anbetracht  ihres  Alters  und  der  fehlenden  Hinweise  auf  eine  diesbezügliche  Privilegierung  glaubhaft.  Infolgedessen  können  sie  auch  nicht  im Besitz der erforderlichen Ausreisevisa gewesen sein. Es  ist bei  dieser  Sachlage  und  mangels  gegenteiliger  Indizien  von  einer  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  illegal  erfolgten  Ausreise  der  Beschwerdeführenden auszugehen.  Da sie damit einen Grund gesetzt haben, bei einer Rückkehr mutmasslich  Opfer  flüchtlingsrechtlich  relevanter  Verfolgungsmassnahmen  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  zu  werden,  ist  das  Bestehen  subjektiver  Nachfluchtgründe  im Sinne  von Art. 54 AsylG  zu bejahen. Mithin  ist  die  Beschwerde  bezogen  auf  die  Ziffer  1  der  angefochtenen  Verfügung  (Verneinung der Flüchtlingseigenschaft) gutzuheissen. 6.3.  Damit  braucht  auf  das  am  21.  Oktober  2010  nachgereichte  Beweismittel, das dem Beschwerdeführer am 5. Juli 2010 die Nomination  als  Vertreter  der  ENSF­Europe  Zone  (…)  attestiert,  und  die  damit  sinngemäss geltend gemachte exilpolitische Tätigkeit nicht eingegangen  zu  werden.  Selbst  wenn  angenommen  würde,  diese  Tätigkeit  sei  den  heimischen Behörden bekannt geworden und stelle ein Verfolgungsmotiv  für den eritreischen Staat dar, würde sich nichts daran ändern, dass die  Beschwerdeführenden – wie dargelegt – von der Asylgewährung gemäss  Art. 54 AsylG ausgeschlossen sind.  7.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  die  Beschwerdeführenden  im  Zeitpunkt ihrer Ausreisen offensichtlich keiner asylrelevanten Gefährdung  ausgesetzt  waren  und  die  Flüchtlingseigenschaft  erst  und  lediglich  aufgrund  subjektiver  Nachfluchtgründe  (illegale  Ausreise)  erfüllen.  Das  BFM  hat  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  somit  zu  Recht 

E­5293/2008 abgelehnt, allerdings zu Unrecht die Flüchtlingseigenschaft verneint. Der  Einzug von gefälschten Dokumenten ist zu Recht erfolgt.  Die  Beschwerde  ist  mithin  bezüglich  der  Ziffer  1  des  Dispositivs  gutzuheissen und im Übrigen abzuweisen. Das BFM ist anzuweisen, die  Beschwerdeführenden  als  Flüchtlinge  vorläufig  aufzunehmen.  Die  vorläufige  Aufnahme  erfolgt  dabei,  entgegen  der  ins  Dispositiv  der  angefochtenen  Verfügung  Eingang  gefundenen  Begründung  (Ziffer  4)  nicht wegen Unzumutbarkeit, sondern wegen Unzulässigkeit (Art. 5 Abs.  1 AsylG). 8.  8.1.    Den  Beschwerdeführenden  wurde  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  mit  Zwischenverfügung  vom  21.  August  2008  gewährt.  Von  der  Erhebung  von Verfahrenskosten ist somit abzusehen.  8.2. Den  im Beschwerdeverfahren vertretenen Beschwerdeführenden  ist  angesichts  ihres  teilweisen Obsiegens  in Anwendung von Art. 64 Abs. 1  VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 und 2 des Reglements vom 21. Februar 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine praxisgemäss um  die  Hälfte  reduzierte  Entschädigung  für  die  ihnen  notwendigerweise  erwachsenen  Parteikosten  zuzusprechen.  Eine  Kostennote  wurde  nicht  zu  den  Akten  gereicht.  Auf  das  Nachfordern  einer  solchen  kann  indes  verzichtet werden, da sich der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund  der  Akten  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  lässt  (Art. 14  Abs. 2  VGKE). Gestützt  auf  die  in Betracht  zu  ziehenden Bemessungsfaktoren  (Art. 8­13  VGKE)  ist  den  Beschwerdeführenden  zu  Lasten  des  Bundes  eine  um  die  Hälfte  reduzierte  pauschale  Parteientschädigung  von  Fr. 1100.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) zuzusprechen. Das  BFM  ist  anzuweisen,  diesen  Betrag  den  Beschwerdeführenden  als  Parteientschädigung auszurichten.  (Dispositiv nächste Seite)

E­5293/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  betreffend  die  Nichtanerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft gutgeheissen. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die  Ziffer  1  des Dispositivs  der  Verfügung  des BFM  vom  15.  Juli  2008  wird  aufgehoben,  die  Beschwerdeführenden  werden  als  Flüchtlinge  anerkannt  und  die  Vorinstanz  wird  angewiesen,  sie  als  Flüchtlinge  vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden für das Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  Parteientschädigung  von  Fr. 1'100.– auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Thomas Hardegger Versand:

E-5293/2008 — Bundesverwaltungsgericht 15.09.2011 E-5293/2008 — Swissrulings