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Bundesverwaltungsgericht 07.12.2011 E-5265/2011

December 7, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,121 words·~11 min·1

Summary

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 9. September 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­5265/2011 Urteil   v om   7 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Walter Stöckli,    Gerichtsschreiber Jan Feichtinger. Parteien A._______, geboren am (…), China (Volksrepublik),   vertreten durch Dr. iur. Hans­Martin Allemann, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­ Verfahren); Verfügung des BFM vom 9. September 2011 / N (…).

E­5265/2011 Sachverhalt: A.  A.a  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  der  Beschwerdeführer,  ein  Staatsangehöriger  der  Volksrepublik  China  tibetischer  Ethnie,  seinen  Heimatstaat  Ende  Februar  2010  per  Auto,  LKW  und  zu  Fuss  nach  B._______, reiste per Flugzeug weiter nach Rumänien und von dort (mit  unbekannten  Transportmitteln)  nach  Ungarn,  wo  er  festgenommen  und  wiederum  nach  Rumänien  verbracht  wurde.  Nach  einem  weiteren  Aufenthalt  von  etwa  einem  Jahr  gelangte  er  in  einem  Personenwagen  und  im  Zug  durch  ihm  unbekannte  Länder  am  27.  Juli  2011  in  die  Schweiz,  wo  er  gleichentags  um Asyl  nachsuchte.  Am  16. August 2011  wurde  er  (…)  summarisch  zum  Reiseweg  und  zu  den  Asylgründen  befragt. Dabei  machte  er  im  Wesentlichen  geltend,  er  habe  ab  seinem  14.  Lebensjahr bis zum Alter von etwa (…) Jahren, mithin bis etwa 2008 als  Mönch  im  C._______­Kloster  gelebt.  Mitte  März 2008  habe  er  in  C._______  demonstrieren  wollen,  sei  aber  nicht  dazu  gekommen.  Dennoch sei er von "den Chinesen" festgenommen und während zweier  Tage im örtlichen Gefängnis gefangen gehalten worden. Am 8. respektive  9. Februar 2010  habe  er  Flugblätter  verfasst  und  diese  dann  in  C._______ verstreut. Am selben Abend hätten "die Chinesen" sein Haus  durchsucht und dabei die  restlichen Flugblätter sowie  tibetische Fahnen  und  eine  Abbildung  des  Dalai  Lama  gefunden.  Sein  Bruder  habe  ihm  zudem  erzählt,  dass  viele  Personen  festgenommen  worden  seien.  Deshalb  sei  er  nach D._______  gereist,  von wo  er  das  Land  über  den  Grenzübergang in E._______ nach B._______ verlassen habe. A.b  Gemäss  EURODAC­Datenbank  suchte  der  Beschwerdeführer  am  (…). April 2010 und am (…) Juni 2010 in Rumänien um Asyl nach, wobei  er  jeweils erkennungsdienstlich erfasst wurde. Anlässlich der Befragung  vom  (…) August 2011 wurde  ihm daher  zu einer  allfälligen Überstellung  nach  Rumänien  das  rechtliche  Gehör  gewährt.  Hierzu  erklärte  er,  eine  solche  würde  einer  Wegweisung  nach  China  gleichkommen.  Der  Dolmetscher  im  rumänischen  Asylverfahren  sei  Chinese  gewesen  und  habe seine Vorbringen an China weitergeleitet. Hierauf sei die Polizei an  seiner  Wohnadresse  in  F._______  aufgetaucht,  habe  seinem  Bruder  G._______  über  den  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  in  Rumänien  befragt und ihn statt seiner festgenommen.  

E­5265/2011 A.c Am  30. August 2011  teilte  das  BFM  den  zuständigen  rumänischen  Behörden  mit,  dass  der  Beschwerdeführer  gemäss  EURODAC­ Datenbank am (…) April 2010 in Rumänien ein Asylgesuch gestellt habe  und  ersuchte  gestützt  auf  Art.  16  Abs.  1  Bst.  e  der  Verordnung  (EG)  Nr. 343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003   zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­Verordnung;  nachfolgend  Dublin­II­VO) um dessen Rückübernahme.  A.d  Mit  Mitteilung  vom  7. September 2011  stimmte  Rumänien  einer  Rückübernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst.  e Dublin­II­VO zu. B.  Mit Verfügung vom 9. September 2011 – eröffnet am 20. September 2011  –  trat das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  vom  27.  Juli  2011  nicht  ein  und  ordnete  die  Wegweisung nach Rumänien sowie deren Vollzug an. Gleichzeitig wurde  festgestellt,  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende  Wirkung zu. Zur  Begründung  dieses  Entscheides  führte  das  BFM  aus,  der  Beschwerdeführer habe  in Rumänien am  (…). April 2010 Asyl beantragt  und  sei  dabei  erkennungsdienstlich  erfasst  worden.  Aus  diesem Grund  sei  gestützt  auf  das  Abkommen  vom  26.  Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (SR  0.142.392.68)  und  dem  Übereinkommen vom 17. Dezember 2004 zwischen der Schweizerischen  Eidgenossenschaft,  der  Republik  Island  und  dem Königreich Norwegen  über  die  Umsetzung,  Anwendung  und  Entwicklung  des  Schengen­ Besitzstands und über die Kriterien und Verfahren  zur Bestimmung des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in der Schweiz, in Island oder  in  Norwegen  gestellten  Asylantrags  (SR  0.362.32)  Rumänien  für  die  Durchführung  des  Asylverfahrens  zuständig.  Die  zuständigen  rumänischen  Behörden  hätten  zudem  am  7. Septem­ber 2011  der  Übernahme  (recte:  Rückübernahme)  des  Beschwerdeführers  zugestimmt.  Die  Rückführung  habe  –  vorbehältlich  einer  allfälligen 

E­5265/2011 Unterbrechung  gemäss  Art.  19  Abs.  3  Dublin  VO  oder  Verlängerung  gemäss Art. 19 Abs. 4 Dublin­II­VO – bis spätestens am 7. März 2012 zu  erfolgen. Die Vorinstanz führte weiter aus, dem Beschwerdeführer sei im  Hinblick auf ein Dublin­Verfahren das  rechtliche Gehör gewährt worden.  Dabei habe er keine Einwände vorgebracht, die gegen eine Zuständigkeit  Rumäniens sprächen. C.  Mit  gegen  diese Verfügung  gerichteter  Eingabe  seines Rechtsvertreters  vom 22. September 2011 (Poststempel) liess der Beschwerdeführer beim  Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und dabei  in materieller  Hinsicht beantragen, die Verfügung des BFM vom 9. September 2011 sei  aufzuheben,  es  sei  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  einzutreten  und  ihm  Asyl  zu  gewähren,   eventuell  sei  er  infolge  festzustellenden  Vorliegens  von  subjektiven  Nachfluchtgründen  als  Flüchtling in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher  Hinsicht  wurde  beantragt,  dem Beschwerdeführer  sei  die  unentgeltliche  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  zu gewähren, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen  und  dem  Beschwerdeführer  sei  umfassende  Akteneinsicht  und  anschliessend  die  Gelegenheit  zu  einer  zusätzlichen  Beschwerdebegründung  zu  gewähren.  Im  Sinne  von  Beweisanträgen  wurde  schliesslich  beantragt,  es  seien  alle  Akten  des  rumänischen  Asylverfahrens  zu  edieren  sowie  eine  Stellungnahme  des  UNHCR  zur  Behandlung tibetischer Flüchtlinge in Rumänien einzuholen.  Zur Untermauerung  der Beschwerdevorbringen wurde  ein mit  dem Titel  "(…)"  versehenes  und  als  "Verfügung  des  rumänischen  Innenministeriums  vom  (…) Juni 2011"  bezeichnetes  Dokument  in  rumänischer Sprache zu den Akten gereicht. D.  D.a Mit  prozessleitender Verfügung  vom 23. September 2011  setzte  die  stellvertretende  Instruktionsrichterin  im  Rahmen  einer  vorsorglichen  Massnahme den Vollzug der Wegweisung bis zum definitiven Entscheid  über die Gewährung der aufschiebenden Wirkung aus.  D.b Mit prozessleitender Verfügung vom 27. September 2011 verzichtete  die  zuständige  Instruktionsrichterin  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses, verwies den Entscheid über die weiteren Anträge auf 

E­5265/2011 einen späteren Zeitpunkt und setzte dem Beschwerdeführer eine Frist zur  Übersetzung des vorgenannten fremdsprachigen Beweismittels.  E.  Mit  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  vom  11. Oktober 2011  liess  der  Beschwerdeführer  eine  Übersetzung  der  Verfügung  des  rumänischen  Innenministeriums  vom  (…) Juni 2011  sowie  eine  Vielzahl  weiterer  Beweismittel (elektronischer Schriftverkehr des Rechtsvertreters mit dem  H._______  mit  Übersetzungen,  verschiedene  Internetausdrucke,  Pressemitteilung  des  EuGH  vom  22. Septem­ber 2011,  Beschluss  des  Bayrischen Verwaltungsgerichts Regensburg vom 7. September 2011) zu  den Akten reichen. F.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  20. Oktober 2011  beantragte  das  BFM  die Abweisung der Beschwerde. In  Ergänzung  seiner  bisherigen  Erwägungen  führte  es  dabei  an,  angesichts des EURODAC­Treffers der Kategorie 1 sowie der auf Art. 16  Abs. 1  Bst.  e  Dublin­II­VO  gestützten  Zustimmung  der  rumänischen  Behörden  stehe  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  –  entgegen  seiner  Beteuerungen  in  der  Rechtsmitteleingabe  –  in  Rumänien  um  Asyl  nachgesucht  habe.  Der  geltend  gemachten  Gefahr  einer  Kettenabschiebung  sei  entgegenzuhalten,  dass Rumänien Signatarstaat  der  massgeblichen  völkerrechtlichen  Übereinkommen  sei  und  keine  Anhaltspunkte zur Annahme vorlägen, es halte sich nicht an die daraus  resultierenden  Verpflichtungen.  Schliesslich  lasse  sich  aus  der  Aufforderung  des  Innenministeriums,  der  Beschwerdeführer  solle  Rumänien  verlassen,  nicht  schliessen,  dass  man  ihn  nach  China  zurückschaffen werde. G.  G.a  Mit  Eingabe  vom  26. Oktober 2011  liess  der  Beschwerdeführer  bereits  aktenkundige,  neu  übersetzte  Beweismittel  (Schriftverkehr  mit  dem H._______) zu den Akten reichen. G.b  Am  1. November 2011  wurde  ein  Schreiben  des  seitens  des  Rechtsvertreters kontaktierten rumänischen Rechtsanwalts nachgereicht.

E­5265/2011 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 2  AsylG,  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  52  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung, weshalb er zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  ist  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  48  Abs.  1  VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen  (Art. 32  ­ 35 und Art. 35a Abs. 2 AsylG),  ist die Beurteilungskompetenz 

E­5265/2011 der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  die  vom  Bundesverwaltungsgericht  fortgeführte  Rechtsprechung  der  vormaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [ARK]  in  Entscheidungen und Mitteilungen der ARK  [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1  S. 240  f.  sowie Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D­1244/2010 vom  13.  Januar  2011  E. 3.1).  Die  Beschwerdeinstanz  enthält  sich  einer  selbständigen materiellen Prüfung und weist die Sache – sofern sie den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  zu  neuer  Entscheidung an die Vorinstanz zurück. Da die Vorinstanz die Frage der  Wegweisung  und  des  Vollzugs  materiell  prüft,  kommt  dem  Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich grundsätzlich volle Kognition zu,  wobei  sich  diese  Fragen  –  namentlich  diejenigen  hinsichtlich  des  Bestehens  von Vollzugshindernissen  (Durchführbarkeit  der Überstellung  an den  zuständigen Staat)  –  in  den Dublin­Verfahren bereits  vor Erlass  des Nichteintretensentscheides stellen  (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.2.3 und  10.2). Demzufolge  ist  auf  die  Beschwerde  nicht  einzutreten,  soweit  darin  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Gewährung  von  Asyl  beantragt wird (Rechtsbegehren 3 a und b). 4.  4.1.  Vorab  ist  festzustellen,  dass  der  Antrag  auf  Gewährung  der  "umfassenden  Akteneinsicht"  sowie  einer  Nachfrist  zur  ergänzenden  Beschwerdebegründung  (Rechtsbegehren  6  b)  ins  Leere  geht,  da  dem  Beschwerdeführer  die  editionspflichtigen  Akten  (Originalverfügung,  Befragungsprotokoll,  Eurodac­Treffer)  gemäss  Aktenverzeichnis  ausgehändigt  wurden  (vgl.  Dispositivziffer  5  der  angefochtenen  Verfügung).  Demzufolge  ist  auch  auf  diesen  Antrag  mangels  Rechtsschutzinteresses nicht einzutreten. 4.2. Der Antrag auf Edition "aller Akten der rumänischen Behörden über  den  Beschwerdeführer"  ist  abzuweisen,  zumal  aus  den  vorliegenden  Akten  ersichtlich  ist,  dass  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  von  den  rumänischen Behörden abgewiesen wurde  (Akten BFM A 12 S. 2).  Abgesehen davon geht es im vorliegenden Verfahren lediglich darum, die  Voraussetzungen  einer  Überstellung  nach  Rumänien  im  Rahmen  der  Dublin­II­VO zu prüfen. 

E­5265/2011 4.3. Unter Hinweis  auf  Ziffer  6  ist  schliesslich  der Antrag um Einholung  einer Stellungnahme des UNHCR zur Behandlung tibetischer Flüchtlinge  in  Tibet  abzuweisen,  da  angesichts  des  Verfahrensausgangs  ausgeschlossen werden kann, dass ein solcher Bericht Erkenntnisse zu  Tage  fördern  würde,  welche  in  Bezug  auf  die  vorliegend  relevanten  Fragestellungen zu einer anderen Beurteilung führen könnten (antizipierte  Beweiswürdigung:  vgl.  BVGE  2008/24  E.  7.2  S.  357,  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht, Basel 2008, S. 165 Rz. 3.144). 5.  Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchende  in  einen Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­ und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 34  Abs. 2 Bst. d AsylG). Aus  den  Akten  –  insbesondere  der  EURODAC­Meldung  –  ergibt  sich,  dass der Beschwerdeführer  in Rumänien am (…) April 2010 – und nach  seiner  Rückkehr  aus  Ungarn  –  am  (…) Juni 2010  um  Asyl  nachsuchte  und  dabei  daktyloskopisch  registriert  wurde,  bevor  er  das  ihm  zugewiesene rumänische Aufnahmezentrum im Juli 2011 wieder verliess  (A12 S. 4). Aufgrund der EURODAC­Meldung und der Gutheissung des  vom BFM  gestellten Wiederaufnahmeersuchens  durch  die  rumänischen  Behörden  ist  die  Behauptung  des  Beschwerdeführers,  wonach  er  in  Rumänien keinen Asylantrag gestellt habe (A1 S. 7), unglaubhaft. Da das  BFM  die  rumänischen  Behörden  am  30. August  2011  um  Wiederaufnahme  des Beschwerdeführers  gemäss Art.  16 Abs.  1 Bst.  e  Dublin­II­VO  ersuchte,  und  diese  am  7.  September  2011  einer  Rückübernahme  des  Beschwerdeführers  zustimmten,  ist  das  BFM  zu  Recht  von  der  staatsvertraglichen  Zuständigkeit  des  Dublin­Staates  Rumänien  ausgegangen.  Dies  wird  vom  Beschwerdeführer  denn  auch  nicht  bestritten,  weshalb  die  gesetzliche  Grundlage  von  Art.  34  Abs.  2  Bst. d AsylG erfüllt ist. 6.  6.1.  Im  Falle  des  Beschwerdeführers  ist  –  wie  vorstehend  aufgezeigt –  grundsätzlich Rumänien  für die Prüfung des Asylantrages zuständig  (im  Sinne  von Art. 3  Abs. 1 Dublin­II­VO).  Nach  der  Bestimmung  von Art. 3  Abs. 2  Dublin­II­VO  –  auf  welche  sich  der  Beschwerdeführer  beruft –  kann  die  Schweiz  jedoch  ein  Asylgesuch  materiell  prüfen,  auch  wenn  nach  den  einschlägigen  Kriterien  der  Dublin­II­VO  ein  anderer  Staat 

E­5265/2011 zuständig  wäre  (Selbsteintrittsrecht).  Diese  Bestimmung  ist  nicht  direkt  anwendbar, sondern kann nur in Verbindung mit einer anderen Norm des  nationalen  oder  internationalen  Rechts  angerufen  werden  (BVGE  2010/45  E. 5).  Droht  indes  ein  Verstoss  gegen  übergeordnetes  Recht,  namentlich  ein Verstoss gegen eine  zwingende Norm des Völkerrechts,  so  besteht  ein  einklagbarer  Anspruch  auf  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  (BVGE  2010/45  E. 7.2.;  CHRISTIAN  FILZWIESER/ANDREA  SPRUNG,  Dublin  II­Verordnung,  3.  Aufl.,  Wien/Graz  2010, K8 zu Art. 3). Erweist  sich demnach  im Einzelfall,  dass durch die  Überstellung nach den Bestimmungen zur Dublin­II­VO das Refoulement­ Verbot  nach  Art. 33  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30)  oder  die  Garantien  nach  der  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101),  des  Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (UNO­Pakt  II,  SR 0.103.2),  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (Folterkonvention;  FoK,  SR 0.105)  verletzt  würden, so muss vom Selbsteintrittsrecht Gebrauch gemacht werden. 6.2. Der Beschwerdeführer  rügt  in seiner Rechtsmitteleingabe, bei einer  Rückschiebung nach China drohe ihm eine asylrelevante Gefährdung. Da  er bei einer Rücküberstellung nach Rumänien Gefahr  laufe, Opfer eines  indirekten  Refoulements  (sog.  Kettenabschiebung)  zu  werden,  sei  auf  sein Asylgesuch einzutreten (recte: die Vorinstanz anzuweisen, ihr Recht  auf  Selbsteintritt  auszuüben  und  sich  für  vorliegendes  Asylgesuch  für  zuständig zu erklären). 6.2.1. Die Gefahr eines indirekten Refoulements kann sich zunächst aus  strukturellen Mängeln  im Asylverfahren  des  zuständigen Mitgliedstaates  ergeben.  So  hat  der  Europäische  Gerichtshof  für  Menschenrechte  (EGMR)  in  seinem Urteil M.M.S.  gegen Belgien  und Griechenland  vom  21. Januar 2011  festgestellt,  dass  die  Abschiebung  eines  afghanischen  Asylbewerbers aus Belgien nach Griechenland der EMRK unter anderem  deshalb zuwiderlaufe, weil das griechische Verfahren keinen Schutz vor  willkürlicher Abschiebung gewährleiste. Ein Selbsteintritt seitens Belgiens  hätte  sich  demnach  auch  aus  der  Vermutung  ergeben,  dass  die  Asylgründe  des  Beschwerdeführers  durch  Griechenland  nicht  in  rechtsgenüglicher  Weise  geprüft  werden  würden.  Mit  Blick  auf  das  vorgenannte Urteil des EGMR ist nachstehend zu untersuchen, ob das in 

E­5265/2011 Rumänien  durchgeführte  Asylverfahren  völkerrechtlichen  Mindeststandards zu genügen vermag.  6.2.2.  Hierzu  ist  vorab  festzustellen,  dass  Rumänien  unter  anderem  Signatarstaat der FK, der EMRK und der FoK ist. Sodann  wird  im  –  mit  Eingabe  vom  1. November 2011  eingereichten –  Schreiben  des  rumänischen  Rechtsanwalts  I._______  vom  26. Oktober 2011  die  landesrechtliche  Umsetzung  des  völkerrechtlichen  Non­Refoulement­Gebotes (Art. 3 EMRK) durch Rumänien umrissen und  aufgezeigt,  inwieweit  die  entsprechenden  Normen  im  Falle  von  chinesischen  Asylsuchenden  tibetischer  Volkszugehörigkeit  zur  Anwendung gelangen. Gemäss der genannten Parteieingabe ist in Art. 92  Abs. 1 Bst. f der Dringlichkeitsanordnung Nr. 194/2002 abstrakt geregelt,  "dass  die  Beseitigung  der  Staatsbürger  aus  dem  Gebiet  Rumäniens  verboten  ist,  wenn  es  gute  Gründe  dafür  gibt,  anzunehmen  dass  ihr  Leben in dem Staat  in den sie zurückgeschickt werden sollen,  in Gefahr  ist  oder  sie  Qualen  ausgesetzt  werden  oder  anderen  unmenschlichen  Behandlungen." Indessen würde die genannte Schutzklausel im Falle von  Tibetern nicht angewandt, da China nach rumänischer Praxis als sicheres  Land gelte, wobei  keine Unterscheidung zwischen ethnischen Chinesen  und Tibetern vorgenommen werde.  Diese  Einschätzung  deckt  sich  mit  jener  der  H._______­Mitarbeiterin  K._______,  deren  elektronische  Zuschriften  mit  Eingaben  vom  11.  und  vom  26. Oktober 2011  zu  den  Akten  gereicht  wurden.  Namentlich  bestätigt  der  H._______,  dass  Rumänien  "Flüchtlinge"  nach  China  zurückschicke,  sofern  sie  China  als  Herkunftsland  angegeben  hätten  (Mailzuschriften von 29. und 30. September 2011). Aus  dieser  Darstellung  ergibt  sich,  dass  die  rumänische Gesetzgebung  den  Grundsatz  des  Non­Refoulement  nach  Art.  33  Abs.  1  FK  in  eine  landesrechtliche  Bestimmung  überführt  hat  (Art.  92  Abs.  1  Bst.  f  der  Dringlichkeitsanordnung Nr. 194/2002). Auch bestehen keine ernsthaften  Hinweise  dafür,  Rumänien  würde  sich  grundsätzlich  nicht  an  die  massgebenden  völkerrechtlichen  Bestimmungen,  insbesondere  an  das  Rückschiebungsverbot oder die einschlägigen Normen der EMRK, halten.  In der Beschwerde und in den eingereichten Dokumenten wird denn auch  nicht nachgewiesen, dass Rumänien  in systematischer Weise seine  ihm  obliegenden  völkerrechtlichen Mindestverpflichtungen  verletze.  Mit  Blick  auf  den  vorliegenden  Fall  ist  zudem  davon  auszugehen,  dass  der 

E­5265/2011 Beschwerdeführer  in  Rumänien  ein  rechtsstaatlichen  Ansprüchen  genügliches  Asylverfahren  durchlaufen  hat.  Die  Problematik  des  vorliegenden  Verfahrens  ergibt  sich  vielmehr  einzig  aus  der  Tatsache,  dass  die  landesrechtliche  Prüfung  der  Zulässigkeit  des  Wegweisungsvollzuges  in Rumänien zu einem von der schweizerischen  Praxis abweichenden Ergebnis führte, worin per se keine Verletzung von  völkerrechtlichen Mindestverpflichtungen zu erblicken ist. Wenngleich  sich  die  Konstellation  des  vorgenannten Urteils  des  EGMR  (Urteil  M.M.S.  gegen  Belgien  und  Griechenland)  von  der  vorliegenden  insoweit  unterscheidet,  als  dort  eine  Verletzung  völkerrechtlicher  Verpflichtungen  durch  Griechenland  festgestellt  wurde,  so  ist  doch  bemerkenswert, dass hierin auch Belgien als überstellender Mitgliedstaat  wegen einer Verletzung von Art. 3 EMRK verurteilt wurde. 6.3.  Für  das  vorliegende  Verfahren  bleibt  zu  prüfen,  wie  weit  die  schweizerischen Asylbehörden im Rahmen des Selbsteintritts auch die –  im  folgenden  aufzuzeigende  –  eigene  Praxis  zu  tibetischen  Asylsuchenden einzubeziehen haben. 6.3.1.  In  BVGE  2009/29  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  festgestellt,  dass  die  illegale  Ausreise  von  Tibetern  aus  China  respektive  deren  längerer Aufenthalt im Ausland die Gefahr einer künftigen asylrelevanten  Verfolgung  zu  begründen  vermag.  Folgerichtig  werden  aus  China  ausgereiste Tibeter – unabhängig von der Rechtmässigkeit ihrer Ausreise  – in  der  Schweiz  gemäss  ständiger  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  in aller Regel als Flüchtlinge anerkannt. Aus  schweizerischer  Optik  ist  demzufolge  eine  Gefährdung  des  Beschwerdeführers nicht auszuschliessen. 6.3.2. Nebst der zuvor (Ziff. 6.2.1) aufgezeigten Fallkonstellation schliesst  der Grundsatz des Non­Refoulements nach Art.  33 Abs.  1 FK auch die  Nicht­Zurückweisung in Staaten ein, die ihrerseits den Flüchtling an einen  Ort,  an  dem  ihm  diese  Gefahr  droht,  weiterschicken,  das  sogenannte  indirekte Refoulement  (auch  „Kettenabschiebung“).  In  diesem  Fall  sind  beide Staaten für die Einhaltung des Refoulement­Verbots verantwortlich.  Der  Abschiebung  in  ein  als  sicher  geltendes  Land  muss  in  jedem  Fall  eine sorgfältige Abschätzung des Risikos  für ein  indirektes Refoulement  vorausgehen  (UNHCR  Büro  für  die  Schweiz  und  Liechtenstein;  Stellungnahme  zu  den  Änderungen  des  Asylgesetzes  und  des  Bundesgesetzes  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  in  Bezug  auf 

E­5265/2011 den  Ersatz  von  Nichteintretensentscheiden,  März  2010).  Mit  anderen  Worten  muss  auch  im  Falle  eines  "sicheren  Drittstaates"  –  respektive  eines  Staates,  welcher  die  nationale  Rechtsprechung  in  völkerrechtskonformer  Weise  anwendet  –  gewährleistet  sein,  dass  bei  einer  Rückkehr  einer  asylsuchenden  Person  konkrete  Schutzmassnahmen vorhanden sind.  Aus der Optik der hiesigen Rechtsprechung kann vom Bestehen solcher  Schutzmassnahmen  in  Rumänien  nicht  ausgegangen werden.  Vielmehr  ist festzustellen, dass eine Rücküberstellung nach Rumänien im Ergebnis  einem – nach  schweizerischer Rechtsprechung unzulässigen und damit  das  Refoulement­Verbot  nach  Art. 33  FK  verletzenden –  Wegweisungsvollzug nach China gleichkäme. 6.3.3. Die im vorliegenden Einzelfall festzustellende Tatsache, dass einer  Überstellung  nach Rumänien  aus  schweizerischer Optik  letztendlich  ein  "real  risk"  einer  EMRK­Verletzung  innewohnen  würde,  kann  bei  der  Entscheidung  über  die  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  vernünftigerweise nicht ausgeblendet werden.  Dies  ergibt  sich  bereits  aus  der Konzeption  von Art.  3 Abs.  2 Dublin­II­ VO. Da die Norm "keine  inhaltlichen Vorgaben bietet,  liegt es primär an  den  innerstaatlichen Rechtsvorschriften und  im Ermessen des einzelnen  Mitgliedstaates,  unter  welchen  Voraussetzungen  ein  Selbsteintritt  in  die  Prüfung des Asylantrages erfolgt. […] Es liegt auf der Hand, dass es sich  hier  um  exzeptionelle  Fälle  handeln  muss,  da  ja  nach  der  Absicht  des  Verordnungsgebers  bereits  die  Zuständigkeitskriterien  der  Verordnung  ein EMRK­konformes Ergebnis liefern sollen. Nichtsdestotrotz bietet eben   Art.  3  Abs.  2 Dublin­II­VO  die  notwendige  Flexibilität,  um  diese  EMRK­ Konformität  auch  in  den  von  der  VO  nicht  ex  ante  vorhersehbaren  besonderen Fällen  zu garantieren. Diesfalls wird das Selbsteintrittsrecht  zwingend auszuüben sein" (FILZWIESER/ SPRUNG, a.a.O., K 8 zu Art. 3). Angesichts  der  besonderen  Konstellation  des  vorliegenden  Falles  (landesrechtliche Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft von tibetischen  Asylsuchenden,  erfolgte  Kontaktaufnahme  mit  den  chinesischen  Behörden,  hohe Wahrscheinlichkeit  einer Ausweisung  durch Rumänien)  ist  festzustellen,  dass  eine  EMRK­konforme  Behandlung  des  Beschwerdeführers  nur  durch  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts  garantiert werden kann.

E­5265/2011 Mithin  steht  fest,  dass  sich  die  Schweiz  seiner  Verantwortung  nicht mit  der  pauschalen  Begründung  entziehen  kann,  dass  der  zuständige  Mitgliedstaat (Rumänien) sich an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen  halte.  Dass  eine  solche  Haltung  zudem  mit  dem  Wesen  des  schweizerischen  Asylrechts  nicht  vereinbar  wäre,  hat  der  Bundesrat  bereits  an  anderer  Stelle,  in  seiner  Botschaft  zur  Teilrevision  des  Asylgesetzes  vom  4. September  2002  verdeutlicht,  indem  er  programmatisch zum Nichteintretenstatbestand des sicheren Drittstaates  (Art.  34  Abs.  2  Bst.  a  AsylG)  festhielt:  "Eine  strenge  Auslegung  der  Drittstaatenregelung  würde  es  zulassen,  auch  Personen  in  einen  Drittstaat  wegzuweisen,  die  offensichtlich  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen. Dies würde jedoch der humanitären Tradition widersprechen, an  welcher der Bundesrat festhalten will" (BBl 2002 6885). 6.3.4. Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass sich die – bereits aufgrund  der  Ausreise  aus  China  bestehende  –  Gefährdung  des  Beschwerdeführers  nach  Abschluss  des  rumänischen  Asylverfahrens  deutlich  akzentuiert  hat.   6.3.4.1  Die  chinesischen  Behörden  unterstellen  illegal  ausgereisten  tibetischen  Asylsuchenden wegen  ihres  Auslandaufenthaltes,  sie  hätten  mit  als  Dissidenten  behandelten  exiltibetischen  Kreisen  Kontakte  gepflegt,  und  erblicken  hierin  eine  oppositionelle  Haltung  sowie  eine  Zugehörigkeit  zu  als  separatistisch  betrachteten  Kreisen.  Es  ist  davon  auszugehen, dass Exiltibeter unabhängig von der zeitlichen Dauer  ihres  Auslandaufenthaltes  bei  einer  Rückkehr  nach  China  oppositioneller  politisch­religiöser  Anschauungen  verdächtigt  würden  und  aus  diesem  Grund  mit  Verfolgung  in  einem  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Sinn  zu  rechnen hätten. In BVGE 2009/29 (E. 6.6) wurde in Bezug auf tibetische  Asylsuchende, die China auf legalem Weg verlassen haben, präzisierend  festgehalten, dass diese sich – und zwar mit längerem Auslandaufenthalt  in zunehmendem Ausmass – dem Verdacht der chinesischen Behörden  ausgesetzt  sehen,  sie  hätten  sich  im  Ausland  in  exiltibetischen,  Dalai­ Lama­freundlichen Kreisen bewegt. Die betreffenden Personen müssten  gegenüber den chinesischen Behörden entsprechende Verdächtigungen  glaubhaft widerlegen können. Dies betreffe namentlich Länder, welche für  die  tibetische  Exilgemeinde  bedeutsam  sind.  In  Bezug  auf  die  Schweiz  wurde hervorgehoben, dass hier die grösste exiltibetische Gemeinschaft  Europas lebe, die vom Dalai Lama wiederholt besucht worden sei und mit  dem Kloster in Rikon ein wichtiges spirituelles Zentrum besitze.

E­5265/2011 Der  Abklärung  des  H._______  ist  zu  entnehmen,  dass  das  Amt  für  Einwanderung  die  chinesische  Botschaft  kontaktiert  habe,  um  die  Rückführung  des  Beschwerdeführers  nach  China  zu  organisieren  (Mailzuschrift vom 28. September 2011). Es kann somit kein vernünftiger  Zweifel  an  der  Annahme  bestehen,  dass  die  chinesischen  Behörden  Kenntnis vom Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Schweiz haben.  6.3.4.2 Angesichts der eingereichten Beweismittel ist davon auszugehen,  dass  die  rumänischen  Behörden  im  Falle  einer  Rücküberstellung  des  Beschwerdeführers diesem neuen Sachverhalt nicht Rechnung trügen. Gemäss dem Schreiben des rumänischen Rechtsanwalts I._______ vom  26. Oktober 2011  würde  der  Beschwerdeführer  vielmehr  sofort  nach  dessen  Ergreifung  ohne  gültigen  Aufenthaltstitel  nach  China  zurückgeschickt.  Diese  Ansicht  teilt  auch  die  H._______­Mitarbeiterin  K._______,  indem  sie  ausführt:  "Falls  die  Flüchtlinge  [gemeint:  der  Beschwerdeführer  und  ein  weiterer  Tibeter]  jedoch  nach  dem  Dublin­ Verfahren nach Rumänien zurückgeschafft werden, ist zu beachten, dass  ihr  Asylverfahren in Rumänien beendet ist und sie direkt vom Flughafen  in  eine  geschlossene  Haftanstalt  verbracht  werden"  (Mailzuschrift  vom  30. September 2011). Die Auffassung des BFM, wonach sich aus der Wegweisungsverfügung  der  rumänischen Migrationsbehörden  noch  nicht  schliessen  lasse,  dass  diese  den  Beschwerdeführer  nach  China  zurückschaffen  würden  (Vernehmlassung  vom  20. Oktober 2011),  kann  vor  diesem Hintergrund  nicht geteilt werden. 6.4. Angesichts der vorliegenden Konstellation ergibt sich, dass das BFM  im  Falle  des  Beschwerdeführers  gehalten  war,  vom  Selbsteintrittsrecht  nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO Gebrauch zu machen. Der in Anwendung  von  Art.  34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  erfolgte  Nichteintretensentscheid  des  BFM vom 9. September 2011 ist daher aufzuheben.  7.  7.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  dem  Beschwerdeführer  keine  Kosten  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Damit  wird  das  im  Rahmen  der  Beschwerde  gestellte  (und  in  der  prozessleitenden  Verfügung  vom  27. September 2011  auf  einen  späteren  Zeitpunkt 

E­5265/2011 verwiesene) Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG gegenstandslos. 7.2.  Dem  Beschwerdeführer  ist  angesichts  des  Obsiegens  im  Beschwerdeverfahren  in  Anwendung  von  Art.  64  Abs.  1  VwVG  eine  Parteientschädigung  für  ihm  erwachsene  notwendige  Vertretungskosten  zuzusprechen (vgl. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die  Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,  SR 173.320.2]). Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund  der  Akten,  gemäss  welchen  keine  Kostennote  vorliegt,  zuverlässig  abschätzen,  weshalb  auf  die  Einforderung  einer  Kostennote  verzichtet  werden  kann.  In  Anbetracht  der  umfangreichen  Abklärungen  des  Rechtsvertreters  sowie  der  hohen  Qualität  seiner  Eingaben  ist  –  unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren  (Art.  9  ff.  VGKE) – die von der Vorinstanz zu entrichtende Parteientschädigung auf  Fr. 2000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

E­5265/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird.  2.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  9. September 2011  wird  aufgehoben  und  die Sache im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  hat  dem  Beschwerdeführer  für  das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 2000.– (inkl.  Auslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers,  das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Gabriela Freihofer Jan Feichtinger Versand:

E-5265/2011 — Bundesverwaltungsgericht 07.12.2011 E-5265/2011 — Swissrulings