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Bundesverwaltungsgericht 11.08.2011 E-4972/2007

August 11, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,287 words·~11 min·2

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 20. Juni 2007

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­4972/2007 Urteil   v om   1 1 .   Augus t   2011 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter Maurice Brodard,    Gerichtsschreiberin Blanka Fankhauser. rParteien A._______, geboren am (…), Afghanistan,    vertreten durch Annelise Gerber, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 20.  Juni 2007 / N (…).

E­4972/2007 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer  ­  ein  ethnischer Hazara  aus  der  Provinz Herat  ­  verliess  eigenen Angaben  zufolge  sein Heimatland  im November  2001,  um  sich  in  den  Iran  zu  begeben,  wo  er  bis  2005  gelebt  habe.  Die  türkische  Grenze  habe  er  zu  Fuss  passiert.  Er  reiste  sodann  in  einem  Kamion  mit  Hilfe  eines  Schleppers  von  Istanbul  unter  Umgehung  der  Grenzkontrolle am 30. August 2005 in die Schweiz ein, wo er am darauf  folgenden  Tag  in  der  Empfangsstelle  (heute:  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  [EVZ])  in  B._______  um  Asyl  nachsuchte.  Am  14.  September  2005  wurde  er  nach  dem  Transfer  nach  C._______  dort  summarisch  befragt  und  am  10  Oktober  2005  erfolgte  die  eingehende  Anhörung  durch  die  zuständige  kantonale  Behörde.  Am  19.  Juni  2007  wurde er ergänzend durch das Bundesamt angehört. Anlässlich  der  Befragungen  machte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  seine Mutter  sei  gestorben  als  er  zehn  Jahre  alt  gewesen  sei.  Im  Jahre  1996  sei  sein  Bruder  von  den  Taliban  festgenommen  worden,  weil  diese  geglaubt  hätten,  dass  er  Waffen  besitze. Als sie gesehen hätten, dass er keine Waffen besitze und auch  keine Informationen über solche habe, hätten sie  ihn nach einem Monat  wieder  freigelassen.  Im  Jahre  1988  sei  sein  Vater  von  den  Taliban  festgenommen  und  zwei  Jahre  lang  im  Gefängnis  von  Kandahar  festgehalten und dabei  geschlagen worden. Nach der Freilassung habe  er  mit  den  Taliban  zusammengearbeitet  und  einige  Leute,  bei  denen  Waffen versteckt worden seien, den Taliban verraten, worauf diese Leute  verschwunden seien. Nach dem Sturz der Taliban  im Jahre 2001 seien  sein  Vater  und  auch  sein  Bruder  aus  Rache  von  den  eigenen  Leuten  getötet  worden.  Der  Beschwerdeführer  sei  zu  diesem  Zeitpunkt  auf  seinem  Arbeitsplatz  gewesen  und  über  den  Vorfall  von  einem  Nachbarsjungen informiert worden.  B.  Das  Bundesamt  stellte  mit  Verfügung  vom  20.  Juni  2007  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  ordnete  es  die  Wegweisung  des  Beschwerdeführers aus der Schweiz an. Die Vorinstanz begründete ihren  Entscheid  im  Wesentlichen  damit,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  genügen  würden,  weshalb  deren  Asylrelevanz  nicht  geprüft  werden 

E­4972/2007 müsse. Den Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan befand das BFM  für zulässig, zumutbar und möglich. Zur  Begründung  führte  das  Bundesamt  vorab  aus,  die  eingereichten  Dokumente,  welche  die  Haft  des  Vaters  durch  die  Taliban  belegten,  würden den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht genügen,  zumal  der  Beschwerdeführer  explizit  geltend  gemacht  habe,  selbst  keinerlei Probleme mit den Taliban gehabt zu haben. Auch würden sich  aus  den  Akten  keine  Hinweise  ergeben,  dass  er  in  Zukunft  einer  Verfolgung  durch  die  Taliban  ausgesetzt  sein  könnte,  weshalb  dieses  Vorbringen asylrechtlich irrrelevant sei.  Ferner  habe  der  Beschwerdeführer  widersprüchliche  Angaben  zu  den  Vorbringen,  welche  sich  auf  die  Zeit  nach  der  Haftentlassung  seines  Vaters  beziehen  würden,  gemacht.  So  habe  er  bei  der  kantonalen  Anhörung angegeben, sein Vater sei nach der Haftentlassung täglich von  den  Taliban  besucht  worden,  während  er  demgegenüber  bei  der  ergänzenden Anhörung berichtet habe, die Taliban seien drei Mal  in der  Woche gekommen.  Im Rahmen des  rechtlichen Gehörs habe er erklärt,  die Taliban seien immer in Jebreil gewesen, nach Hause seien sie jedoch  zwei  oder  drei  Mal  gekommen.  Mit  dieser  Erklärung  habe  der  Beschwerdeführer  den  Widerspruch  nicht  zu  entkräften  vermocht.  Im  Weiteren habe er bei der kantonalen Anhörung geltend gemacht, kurz vor  dem Sturz der Taliban eine Arbeitsstelle in der Stadt gefunden zu haben.  Im  Gegensatz  dazu  habe  er  in  der  ergänzenden  Anhörung  erklärt,  er  habe  diese  Stelle  zum  Zeitpunkt,  als  sein  Vater  und  sein  Bruder  umgebracht  worden  seien,  bereits  zwei  Jahre  gehabt.  Sodann  habe  er  bei der kantonalen Anhörung zu Protokoll gegeben, die Angehörigen der  verschwundenen  Männer  hätten  seinen  Vater  und  seinen  Bruder  totgeschlagen, bei der ergänzenden Anhörung, habe er die Frage, ob er  wisse,  wie  sein  Vater  und  sein  Bruder  umgebracht  worden  seien,  verneint.  An  einer  anderen  Stelle  der  Befragung,  habe  er  geltend  gemacht,  der  Nachbarsjunge,  der  ihn  benachrichtigt  habe,  habe  die  Schüsse gehört und sei deshalb über den Mord  informiert gewesen. Auf  diese  Widersprüche  aufmerksam  gemacht,  habe  er  die  bei  der  kantonalen  Befragung  gemachte  Aussage  in  Abrede  gestellt,  womit  die  Widersprüche  bestehen  blieben.  Zudem  habe  er  erklärt,  vom  Nachbarsjungen um zehn Uhr über den Mord  informiert worden zu sein,  im Widerspruch dazu habe er bei der ergänzenden Anhörung angegeben,  dies  sei  um  ein  Uhr  gewesen.  Überdies  habe  er  bei  der  kantonalen  Anhörung  zu  Protokoll  gegeben,  sein  Arbeitgeber  habe  ihm  während 

E­4972/2007 zweier Tage, als er sich bei ihm versteckt gehalten habe, mitgeteilt, dass  er  überall  gesucht  werde,  bei  der  ergänzenden  Anhörung  habe  er  dies  trotz mehrerer Nachfragen nicht mehr wiederholt. Auf Vorhalt hin habe er  die  bei  der  kantonalen Anhörung  geltend  gemachte Aussage  in Abrede  gestellt, womit der Widerspruch bestehen bleibe.  Bezüglich  des  Wegweisungsvollzugs  hielt  die  Vorinstanz  fest,  dass  gemäss dem Koordinationsurteil der Asylrekurskommission (ARK), heute  Bundesverwaltungsgericht,  die  Wegweisung  nach  Afghanistan  in  jene  Regionen  grundsätzlich  als  zumutbar  zu  betrachten  sei,  in  denen  seit  2004  keine  bedeutenden  militärischen  Aktivitäten  mehr  bekannt  geworden seien und die nicht einer permanent instabilen Lage ausgesetzt  seien:  Der  Anteil  der  Hazarabevölkerung  werde  auf  ca.  20%  geschätzt  und  umfasse  etwa  5  Millionen  Menschen.  In  Herat  würden  die  Hazara  eine  bedeutende  ethnische  Minderheitsquote  bilden.  Nach  übereinstimmender  aktueller  Einschätzung  aus  Expertenkreisen  würden  diese  Gebiete  im  innerafghanischen  Vergleich  zu  den  sichereren  des  Landes gehören. Der Beschwerdeführer habe widersprüchliche Angaben  zur  Verfolgungssituation  gemacht;  dementsprechend  seien  seine  Angaben  über  den  Aufenthalt  seiner  Familienangehörigen  ebenfalls  in  Zweifel  zu  ziehen.  Zudem  habe  er  keine  Identitätspapiere,  die  seine  Identität belegen würden, eingereicht, weshalb es dem BFM nicht möglich  sei, sich  in voller Kenntnis der  tatsächlichen persönlichen und familiären  Situation  des  Beschwerdeführers  zur  Zumutbarkeit  der Wegweisung  zu  äussern.  Grundsätzlich  stünde  dem  Beschwerdeführer  jedoch  eine  innerstaatliche  Wohnsitzalternative,  beispielweise  im  Grossraum  Kabul,  wo seine (…) lebe, die ein wirtschaftliches Auskommen habe. Hinsichtlich  seiner  [gesundheitliche  Beschwerden],  die  der  Beschwerdeführer  als  Hindernis  für  seine  Rückkehr  angegeben  habe,  sei  festzuhalten,  dass  diese  auch  in  seiner Heimat  behandelbar  seien.  Schliesslich  könne  der  Beschwerdeführer Rückkehrhilfe beantragen. C.  Mit Eingabe  vom 20.  Juli  2007  liess  der Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertreterin  die  BFM­Verfügung  vom  20.  Juli  2007  anfechten  und  beantragen,  diese  sei  aufzuheben,  es  sei  festzustellen,  dass  er  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle  und  es  sei  ihm  als  Folge  davon  Asyl  zu  gewähren;  eventuell  sei  die  Unzulässigkeit  beziehungsweise  die  Unzumutbarkeit  festzustellen  und  als  Folge  davon  für  ihn  die  vorläufige  Aufnahme anzuordnen. In formeller Hinsicht beantragte er die Bezahlung  allfälliger Gerichtskosten vom Sicherheitskonto.

E­4972/2007 Zur  Begründung  gab  er  vorab  den  bereits  in  der  vorinstanzlichen  Verfügung festgehaltenen Sachverhalt wieder. Sodann rügte er, dass die  in  der  angefochtenen  Verfügung  angeführten  Widersprüche  in  seinen  Vorbringen  nicht  dermassen  gravierend  seien,  dass  diese  zu  einer  Ablehnung  des  Asylgesuch  hätte  führen  sollen.  So  sei  er  zur  Zeit  der  Ereignisse mit seinem Vater und seinem Bruder noch ein Kind gewesen.  Es sei für ihn unmöglich, sich an jedes Detail, an Daten und Uhrzeiten zu  erinnern.  Vor  allem  sei  er  unter  Schock  gestanden.  Er  sei  bei  der  Ermordung seines Vaters und seines Bruders nicht dabei gewesen. Also  könne  er  nicht  wissen,  wie  sie  umgebracht  worden  seien.  Es  sei  auch  nicht  klar,  ob  der  Nachbarsjunge  selbst  direkter  Augenzeuge  gewesen  sei. Auch sei für ihn unmöglich, genau zu sagen, wie oftmals pro Woche  die Taliban  zu  seinem Vater  nach Hause gekommen seien;  die Taliban  seien  einfach  allgegenwärtig  gewesen  und  die  Menschen  hätten  in  dauernder  Angst  gelebt.  Zudem  sei  er  auch  nicht  immer  zu  Hause  gewesen. Hinsichtlich seiner Arbeit gab er an, vor dem Sturz des Taliban­ Regimes bereits seit zwei Jahren etwa zwei bis drei Tage  in der Woche  gearbeitet zu haben, nach dem Sturz sei dies 100% gewesen.  Nun  habe  sich  im  Verlaufe  des  Monats  Juni  2007  die  Situation  in  Afghanistan noch einmal dramatisch  zugespitzt. Die Gewaltakte würden  steigen und die Taliban klar das Ziel verfolgen, durch Anschläge auf die  zivile  Bevölkerung  den  Wiederaufbau  des  Staates  zu  verhindern.  Bei  wahllosen  und  wenig  präzisen  Militäroperationen  seien  innert  einer  Woche 90 Zivilisten ums Leben gekommen. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  26.  Juli  2007  verzichtete  die  Instruktionsrichterin  ­  aufgrund  des  vorhandenen  Sicherheitskontos  mit  ausreichender  Kostendeckung  ­  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  lud  gleichzeitig  das  BFM  zur  Einreichung  einer  Vernehmlassung ein.  E.  Mit  Vernehmlassung  vom  30.  Juli  2007  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde. Diese wurde dem Beschwerdeführer am 8.  August 2007 zur Kenntnis gebracht. F.  Mit  Schreiben  vom  1.  Oktober  2010  leitete  das  BFM  das  am  23. 

E­4972/2007 September 2010 (Eingang BFM) eingereichte Gesuch um Erteilung einer  Aufenthaltsbewilligung an [kant. Migrationsbehörde] weiter.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1 Gemäss  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2  Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  Art. 37  VGG  i.V.m.  Art.  48  Abs. 1  VwVG,  Art.  50  sowie  Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 

E­4972/2007 3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck bewirken.  3.2. Nach  Lehre  und  Rechtsprechung  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile  von  bestimmter  Intensität  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  begründet  befürchten  muss,  die  ihr  gezielt  und  aufgrund  Nach  Lehre  und  Rechtsprechung  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  die  bestimmter  Verfolgungsmotive  zugefügt  zu  werden  drohen  und  vor  denen  sie  keinen  ausreichenden  staatlichen  Schutz  erwarten  kann  (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts BVGE 2007/31 E. 5.2  f., BVGE 2008/4 E. 5.2, jeweils mit weiteren Hinweisen). 4.  4.1.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.2. Grundsätzlich  sind  Vorbringen  dann  glaubhaft,  wenn  sie  genügend  substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in  vagen  Schilderungen  erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten  nicht  widersprüchlich  sein  oder  der  inneren  Logik  entbehren  und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen.  Die  asylsuchende  Person  muss  persönlich  glaubwürdig  erscheinen,  was  insbesondere  dann  nicht  der  Fall  ist,  wenn  sie  ihre  Vorbringen  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abstützt,  wenn  sie  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt  oder  unbegründet  nachschiebt, 

E­4972/2007 mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung  impliziert  ferner  –  im  Gegensatz  zum  strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum  für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers.  Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn der Richter von  ihrer Wahrheit  nicht  völlig  überzeugt  ist,  sie  aber  überwiegend  für wahr  hält,  obwohl  nicht  alle Zweifel  beseitigt  sind. Für  die Glaubhaftmachung  reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der  Inhalt der Vorbringen zwar  möglich  ist,  aber  in Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte  Darstellung  des  Sachverhalts  sprechen.  Entscheidend  ist  im  Sinne  einer  Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit des dargelegten  Sachverhalts  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf  eine  objektivierte Sichtweise abzustellen. 5.  5.1.  Das  BFM  erachtete  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  insgesamt als unglaubhaft, da er  im Laufe des Verfahrens angeblich zu  wesentlichen  Punkten  unterschiedliche  Angaben  gemacht  habe.  Nach  Durchsicht  der  Akten  sind  die  diesbezüglichen  Argumente  in  der  angefochtenen Verfügung wenig überzeugend und die Widersprüche, wie  in  der Beschwerde  zutreffend  gerügt wird,  nicht  derart  gravierend,  dass  generell  auf  Unglaubhaftigkeit  aller  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  geschlossen werden müsste.  Es  erübrigt  sich  aber,  näher  darauf  sowie  die  entsprechenden  Einwände  in  der  Beschwerde  einzugehen,  weil  es  dem  Beschwerdeführer,  wie  im  Folgenden  zu  zeigen  ist,  nicht  gelingt,  eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG darzutun.  5.2. Zunächst  ist  festzustellen, dass der Beschwerdeführer selbst weder  Probleme mit den Taliban noch mit der zivilen Bevölkerung, die sich an  seinem Vater und Bruder gerächt haben sollen, geltend machte. Auch in  der  Beschwerde  wird  nicht  auf  seine  persönliche  Gefährdungssituation  hingewiesen, sondern vielmehr allgemein über die bürgerkriegsähnlichen  Zustände  und  die  Gewaltakte  der  Taliban  gegen  die  Zivilbevölkerung  berichtet.  5.2.1.  Als  Zwischenergebnis  ist  daher  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  zum Zeitpunkt  seiner  Ausreise  nicht  selbst  von  einer  konkreten,  gegen  ihn  gerichteten  Verfolgungshandlung  betroffen  war,  mithin  keine  asylrechtlich  relevanten  Nachteile  erlitten  hat.  Nachdem 

E­4972/2007 offensichtlich  sein  Vater  und  Bruder  getötet  worden  sind  und  somit  der  "Gerechtigkeit"  Genüge  getan  worden  ist,  besteht  kein  Anlass  zur  Annahme,  dass  auch  der  damals  (…)jährige  Beschwerdeführer  begründete  Furcht  gehabt  hätte,  asylrechtlich  relevanten  Übergriffen  ausgesetzt gewesen zu sein. 5.2.2. Massgeblich  für  die Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  die  Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides, wobei die Frage nach der im  Zeitpunkt  der  Ausreise  vorhandenen  Furcht  vor  einer  absehbaren  Verfolgung  im  Heimatstaat  Ausgangspunkt  der  Prüfung  bildet.  Veränderungen  der  objektiven  Situation  im  Heimatstaat  zwischen  Ausreise  und  Asylentscheid  sind  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen  (vgl. BVGE 2008/4 E.  5.4 S. 38 f. und dort zitierte Praxis).  5.3. Es  bleibt  daher  zu  prüfen,  inwiefern  der  Beschwerdeführer  im  Fall  einer Rückkehr in sein Heimatland im heutigen Zeitpunkt eine begründete  Furcht vor allfälliger asylrelevanter Verfolgung hat (Art. 3 AsylG).  5.3.1.  Es  kann  zwar  nicht  gänzlich  ausgeschlossen  werden,  dass  der  Beschwerdeführer – möglicherweise auch aufgrund seiner Zugehörigkeit  zur Ethnie der Hazara – von anderen Bewohnern paschtunischer Ethnie,  worunter  auch  Taliban  zu  rechnen  sind,  bedroht  und  belästigt  werden  könnte.  Dennoch  ist  aufgrund  seiner  Darlegungen  sowie  der  beigezogenen Akten nicht anzunehmen, dass er bei einer Rückkehr nach  Afghanistan in absehbarer Zukunft und mit erheblicher Wahrscheinlichkeit  mit gegen ihn gerichteten Verfolgungsmassnahmen im Sinne ernsthafter  Nachteile  gemäss  Art.  3  Abs.  2  AsylG  rechnen  müsste.  Nach  dem  Gesagten,  muss  seine  Furcht  vor  Verfolgung  auch  aktuell  als  objektiv  nicht  nachvollziehbar  und  somit  als  unbegründet  gewertet  werden.  Die  Vorinstanz  hat  daher  die  Flüchtlingseigenschaft  zu  Recht,  wenn  auch  teilweise mit anderer Begründung, abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer 

E­4972/2007 solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  vgl.  BVGE  2009/50  E.  9  S.  733). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind  alternativer  Natur:  Ist  eine  von  ihnen  erfüllt,  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln. Gegen eine allfällige Aufhebung der  vorläufigen Aufnahme steht  dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an das  Bundesverwaltungsgericht offen (Art. 112 AuG i.V.m. Art. 84 Abs. 2 AuG),  wobei in jenem Verfahren die Vollzugshindernisse von Amtes wegen und  nach Massgabe  der  dannzumal  herrschenden  Verhältnisse  von  Neuem  zu prüfen sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 mit weiteren Hinweisen). 8.  8.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG die 

E­4972/2007 vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818).  8.2. Von  vornherein  ausgeschlossen  ist  ein Vollzug  der Wegweisung  in  den  Iran,  wo  sich  der  Beschwerdeführer  als  afghanischer  Staatsbürger  während vier Jahren aufgehalten und dort gearbeitet hat. Die Annahme,  dass er sich in diesem Land möglicherweise legal als Flüchtling aufhalten  könnte,  ist  zwar  nicht  ausgeschlossen.  Hingegen  erscheint  nicht  realistisch,  dass  er  als  afghanischer  Staatsbürger  die  iranische  Staatsbürgerschaft erwerben konnte.  In den  Iran könnte der Vollzug der  Wegweisung indes nur dann erfolgen, wenn die Möglichkeit einer legalen  Wiedereinreise bestünde. Diese Möglichkeit  ist  von der Vorinstanz aber  zu  Recht  nicht  erwogen  worden,  zumal  der  Beschwerdeführer  als  afghanischer Staatsbürger einen allfälligen Duldungsanspruch  in diesem  Drittstaat  aufgrund  seiner  langen  Landesabwesenheit  ohnehin  verwirkt  haben  dürfte  (vgl.  dazu  die  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­ 3936 vom 10. August 2009, D­6471/2007 vom 26. August 2009 sowie D­ 8645/2007 vom 7. Juni 2010). 8.3.  Im  zur  Publikation  vorgesehenen  Urteil  BVGE  E­7625/2008  vom  16. Juni  2011  skizziert  das  Bundesverwaltungsgericht  ein  äusserst  düsteres  Bild  der  aktuellen  Lage  in  Afghanistan,  und  zwar  über  alle  Regionen hinweg. Das Gericht kommt zum Schluss, dass in weiten Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte Sicherheitslage und derart schwierige humanitäre Bedingungen  bestünden, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei  die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen als  zumutbar  qualifiziert werden. Solche Umstände  könnten  grundsätzlich  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre  hinweg und der auch in Kabul schwierigen Situation verstehe es sich aber  von  selbst,  dass  die  bereits  von  der  vormaligen  Beschwerdeinstanz  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (EMARK)  2003  Nr.  10  formulierten  strengen 

E­4972/2007 Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar sei  in erster Linie ein soziales Netz, das sich  im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehres  als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für einen Rückkehrer aus Europa bestehe aufgrund der Vermutung, dass  er  Devisen  auf  sich  trage,  gleich  nach  seiner  Ankunft  in  Kabul  ein  erhöhtes Risiko,  entführt  oder  überfallen  zu werden. Verfüge  er  auf  der  anderen Seite  über  keine  genügenden  finanziellen Mittel,  hätte  er  ohne  soziale  Vernetzung  kaum  Aussicht  auf  eine  zumutbare  –  das  heisst  winterfeste  und  mit  minimaler  sanitärer  Einrichtung  ausgestattete –  Unterkunft.  Auch  bei  der  Arbeitssuche  sei  die  Einstellung,  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne  die  Hilfe  von  nahestehenden  Personen  ebenfalls  kaum  möglich,  und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig; Unterstützungsmassnahmen der Regierung oder  internationaler Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen daran  nichts  ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine  existenbedrohende  Situation.  Im  Übrigen  betone  auch  der  schweizerische Botschafter in Islamabad die vorrangige Bedeutung eines  tragfähigen  sozialen  Netzes  für  einen  Rückkehrer  zur  Vermeidung  unüberbrückbarer Schwierigkeiten (vgl. E. 9.3 ff.). 8.4. Der Beschwerdeführer stammt aus der Provinz Herat. Die Frage, ob  hinsichtlich Herat, der zweitgrössten Stadt Afghanistans analog zu Kabul  allenfalls  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ebenfalls  von  der  Zumutbarkeit  des  Vollzugs  ausgegangen  werden  könne,  ist  im  zitierten  Urteil offen gelassen worden  (E. 9.9.3). Fest steht  indes, dass die oben  stehend  aufgeführten  strengen  Bedingungen  für  eine  dortige  Wohnsitznahme ebenfalls erfüllt sein müssten. 8.4.1. Gemäss seinen Angaben, lebte der Beschwerdeführer nicht in der  Stadt  selbst,  sondern  bis  zu  seinem  17.  Lebensjahr  auf  dem  Lande  im  D._______, wo  er  nicht  zur Schule  gegangen  ist.  Bis  zum Tode  seines  Vaters und Bruders  im November 2001 arbeitete er als (…)  in der Stadt  Herat. Danach kehrte er nicht mehr in seinen Heimatdort zurück, sondern 

E­4972/2007 begab  sich  in  den  Iran,  wo  er  bis  2005  gelebt  hat.  Nach  erfolgter  Aufforderung  der  iranischen  Behörden,  nach  Afghanistan  zurückzukehren, verliess er den Iran und gelangte über die Türkei  in die  Schweiz.  8.4.2.  Die  Vorinstanz  erwog  zwar,  dass  in  Herat  nicht  von  einer  permanent  instabilen  Lage  gesprochen werden  könne,  stellte  aber  fest,  dass  es  für  sie  –  aufgrund  der  widersprüchlichen  Aussagen  des  Beschwerdeführers  –  nicht  möglich  sei,  sich  zur  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  zu  äussern,  und  bezeichnete  grundsätzlich  eine  innerstaatliche Wohnsitzalternative  im Grossraum Kabul als offen, zumal  er dort (…) habe, die über ein wirtschaftliches Auskommen verfüge.  8.4.3. Ob der Beschwerdeführer in Herat noch über ein Elternhaus, wo er  sich allenfalls niederlassen könnte verfügt, kann offen gelassen werden,  zumal  er  –  gemäss  eigenen  Aussagen  –  in  Herat  über  kein  soziales  Beziehungsnetz  mehr  verfügt.  Diesbezüglich  ist  zu  betonen,  dass  aufgrund  der  über  zehnjährigen  Abwesenheit  an  die  Tragfähigkeit  des  sozialen Netzes umso höhere Anforderungen zu stellen sind. Ob er in der  Stadt  Herat,  wo  er  vor  zehn  Jahren  arbeitete,  wieder  eine  Anstellung  finden  würde,  ist  ungewiss,  weshalb  nicht  davon  auszugehen  ist,  es  würde ihm gelingen, dort eine Existenzgrundlage aufzubauen. Ein Vollzug  der Wegweisung nach Herat ist somit als unzumutbar zu erachten. 8.4.4. Eine innerstaatliche Aufenthaltsalternative in Kabul ist ebenfalls zu  verneinen.  Zwar  wohnt  dort  (…),  aber  auch  hier  ist  nicht  von  einer  genügenden  Tragfähigkeit  des  Beziehungsnetzes  im  Sinne  der  Rechtsprechung  auszugehen,  zumal  der  Beschwerdeführer,  als  er  sich  noch in Afghanistan aufhielt, kaum Kontakt zu ihr hatte und anlässlich der  Befragung  im  EVZ  angab,  keine  gute  Beziehung  zu  ihr  zu  haben  (vgl.  A1/S. 3).  8.4.5. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Vollzug der  Wegweisung  nach Afghanistan  für  den Beschwerdeführer  zur  Zeit  nicht  zumutbar ist. 9.  Nach  dem  Gesagten  ist  die  Beschwerde,  soweit  den  Vollzug  der  Wegweisung betreffend,  gutzuheissen, und die Dispositivziffern 4 und 5  der  vor­instanzlichen Verfügung  vom 20.  Juni2007  sind  aufzuheben.  Im  Übrigen  ist  die  Beschwerde  abzuweisen.  Das  BFM  ist  sodann 

E­4972/2007 anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Art. 44  Abs. 2 AsylG und Art. 83 Abs. 4 AuG). 10.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  –  das  Bundesverwaltungsgericht  geht bei der vorliegenden Konstellation von einem hälftigen Durchdringen  aus  ­  sind  die  reduzierten  Verfahrenskosten  von  Fr.  300.­  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). 11.  Gemäss  Art.  64  Abs.  1  VwVG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  obsiegenden  Partei  eine  Parteientschädigung  für  die  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen.  Dem  vertretenen  Beschwerdeführer ist angesichts des teilweise Obsiegens eine reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  7  Abs.  2  des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Nachdem  keine  Kostennote  eingereicht  wurde  und  sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Aktenlage  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  lässt,  ist  dieser  anteilsmässig  auf  Fr.  600.­  (inklusive  Auslagen  und  allfällige  Mehrwertsteuer)  festzusetzen  und  von  der  Vorinstanz zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­4972/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  sie  den  Vollzug  der  Wegweisung betrifft. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  Verfügung  der  Vorinstanz  vom  20. Juni  2007  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  die  vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers anzuordnen. 3.  Dem  Beschwerdeführer  werden  die  hälftigen  Verfahrenskosten  von  Fr. 300.­  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen 4.  Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor  dem Bundesverwaltungsgericht eine  reduzierte Parteientschädigung von  Fr. 600.– auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Gabriela Freihofer Blanka Fankhauser Versand:

E-4972/2007 — Bundesverwaltungsgericht 11.08.2011 E-4972/2007 — Swissrulings