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Bundesverwaltungsgericht 15.09.2011 E-4461/2009

September 15, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,044 words·~10 min·2

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 10. Juni 2009 / N

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­4461/2009 Urteil   v om   1 5 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richterin Jenny de Coulon Scuntaro, Richter Kurt Gysi,    Gerichtsschreiber Jonas Tschan. Parteien A._______, geboren (…), Türkei,   vertreten durch Hans Peter Roth, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 10. Juni 2009 / N (…).

E­4461/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  alevitischer  Kurde  mit  letztem  Wohnsitz  in  einem  Dorf  (B._______)  in  der  Provinz  C._______,  verliess  die  Türkei  gemäss eigenen Angaben am 14. Mai 2009, reiste auf dem Seeweg nach  Italien und gelangte am 20. Mai 2009 in die Schweiz, wo er gleichentags  um Asyl nachsuchte. Bei  der  Erstbefragung  vom  26.  Mai  2009  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Basel  brachte  der  Beschwerdeführer  vor,  er  habe  sein  Land  verlassen,  weil  er  wegen  Unterstützung  von  Kämpfern  der  PKK  (Partiya  Karkerên  Kurdistan/Arbeiterpartei  Kurdistans)  von  Soldaten  schikaniert  worden  sei.  Schliesslich  sei  es,  nachdem  er  zusammen  mit  Kameraden  im  Besitze  von  Jagdgewehren  angehalten  worden  sei,  zu  einem  Gerichtsverfahren  gekommen.  Ein  Polizist  habe  ihm anlässlich einer Aus­weiskontrolle gesagt, er  falle  in  letzter Zeit auf.  Unbekannte,  vermutlich Angehörige  des  JITEM  (Jandarma  İstihbarat  ve  Terörle  Mücadele,  Ge­heimdienst/Terrorabwehr)  seien  nach  Hause  gekommen und hätten ihn aufgefordert, als Dorfschützer tätig zu werden.  Als er sich geweigert habe, hätten  ihm diese Leute gedroht und  ihn auf  die  bevorstehende  Gerichtsverhandlung  hingewiesen.  Danach  habe  er  sich Sorgen gemacht und am 6. Mai 2009 die Flucht ergriffen. Über den  Stand  des  Gerichtsverfahrens,  welches  am  (…)  stattgefunden  habe,  wisse  er  nichts,  er  vermute  aber,  dass  er  gesucht  werde.  Schliesslich  komme der Militärdienst hinzu,  den er keinesfalls leisten wolle. Am  8.  Juni  2009  wurde  der  Beschwerdeführer  vom  BFM  zu  seinen  Asylgründen  angehört.  Er machte  geltend,  aus D._______  zu  kommen.  Die  Armee  würde  dort  täglich  operieren,  willkürlich  vorgehen  und  den  Einwohnern Angst einjagen. In der Gegend gebe es sehr viele Guerillas,  und es  komme deshalb oft  zu Gefechten. Früher hätten  in  seinem Dorf  (…) Familien gelebt, heute gebe es dort nur noch (…). Einerseits würden  sie von den Guerillas unter Druck gesetzt, anderseits von der Armee. Sie  würden aber nicht nur wegen ihrer kurdischen Abstammung unter Druck  gesetzt,  sondern  auch,  weil  sie  Aleviten  seien.  Da  seine  Familie  (…)  werde  sie  immer  wieder  von  den  Guerillas  um  Unterstützung  angegangen.  Er  habe  für  diese  einige  Male  als  Kurier  gearbeitet.  Bei  einem  solchen  Kuriergang  habe  er  den  abzuliefernden  Brief  vorzeitig  vernichtet,  sodass  man  auf  dem  Posten,  auf  den  er  nach  seiner  Festnahme  verbracht  worden  sei,  bei  ihm  nichts  Belastendes  gefunden 

E­4461/2009 habe. Er sei aber stark unter Druck gesetzt und bedroht worden, weshalb  er das Land verlassen habe.  B. Mit  Verfügung  vom  10.  Juni  2009  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das  Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz  und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. C. Mit  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  vom  10.  Juli  2009  erhob  der  Beschwerdeführer  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte  in  materieller  Hinsicht,  die  Verfügung  der  Vorinstanz  sei  aufzuheben,  es  sei  festzustellen,  dass  er  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle,  und  es  sei  ihm  Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzumutbarkeit der Wegweisung  festzustellen und als Folge davon dem Beschwerdeführer die  vorläufige  Aufnahme zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er –  unter  Kosten­  und  Entschädigungsfolge  zulasten  der  Vorinstanz  –  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  und  den  Verzicht  auf  die  Erhebung eines Kostenvorschusses.  Zusammen mit der Beschwerde reichte er einen Internet­Auszug zu den  Akten. D. Der  Instruktionsrichter  stellte mit  Zwischenverfügung  vom  17.  Juli  2009  fest,  der  Beschwerdeführer  dürfe  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege  unter  der  Voraussetzung  des  Nachreichens  einer  Fürsorgebestätigung  und  unter  dem  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen  Lage  gut  und  forderte  ihn  auf,  andernfalls  innert  der  angesetzten Frist einen Kostenvorschuss von Fr. 600.­ zu leisten. Die Fürsorgebestätigung ging am 4. August 2009 beim Gericht ein. E. Das BFM hielt  in seiner Vernehmlassung vom 13. August 2009 fest, der  Beschwerdeführer  mache  in  der  Beschwerde  bezüglich  seiner  Festnahme  andere  Angaben  als  anlässlich  der  Anhörung.  Dem  eingereichten  Internet­Auszug  komme  keine  Beweiskraft  zu.  Das 

E­4461/2009 Bundesamt  hielt  an  den  Erwägungen  seiner  angefochtenen  Verfügung  vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. F. In  seiner  Replik  vom  1.  September  2009  führte  der  Beschwerdeführer  aus, die Korrektur des Sachverhalts in der Rechtsmitteleingabe durch das  BFM (Verlassen der Heimat über Izmir und nicht über Istanbul) sei richtig,  und wies darauf hin, dass er nicht auf manipulative Weise Eingang in die  Nachrichten von (…) gefunden habe (Internet­Auszug).  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).  1.2  Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG,  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 52  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  hat  am  vorinstanzlichen  Verfahren  teilgenommen,  ist  durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz­ würdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  einzutreten.

E­4461/2009 2. Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Mass­nahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen  oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli­ chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den  Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver­ fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1  4.1.1 Zur Begründung seines angefochtenen Entscheides führte das BFM  unter  Hinweis  darauf,  dass  die  Schweiz  Asyl  gewähre,  wenn  die  Asyl  suchende Person eine Verfolgung  im Sinne von Art. 3 AsylG zumindest  glaubhaft mache (Art. 7 AsylG) und keine gesetzlichen Ausschlussgründe  vorliegen  würden,  aus,  es  sei  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  die  türkischen  Behörden  den  Beschwerdeführer  hätten  unter  Druck  setzen  sollen, als Dorfschützer aktiv zu werden, wenn er gleichzeitig verdächtigt  worden  sei,  mit  der  PKK  etwas  zu  tun  zu  haben,  würden  doch  Dorfschützer gegen eben diese Organisation eingesetzt. Es gebe keinen  formellen Zwang, ein solches Angebot anzunehmen, und es  finde keine  Strafverfolgung  statt,  wenn  jemand  sich  dieser  Aufgabe  verweigere.  Deshalb  würden  zumindest  ernsthafte  Zweifel  an  den  Problemen  des  Beschwerdeführers  im  Zusammenhang  mit  dem  Anwerbeversuch  der 

E­4461/2009 Behörden  bestehen,  und  zudem  wäre  dieses  Vorbringen  nicht  asylbeachtlich. Gemäss  dem  Subsidiaritätsprinzip  seien  Personen  mit  einer  innerstaatlichen Fluchtalternative nicht auf den Schutz eines Drittstaates  angewiesen. Die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Probleme im  Zusammenhang  mit  der  Rekrutierung  zum  Dorfschützer  würden  eine  lokale, allenfalls regionale Verfolgungsmassnahme darstellen, welcher er  sich durch Umzug in einen anderen Teil der Türkei entziehen könne, und  dies auch deshalb, weil  im Westen der Türkei mehrere nahe Verwandte  leben  würden.  Demnach  wäre  dieses  Vorbringen,  selbst  wenn  es  glaubhaft wäre, nicht asylbeachtlich.  4.1.2 Der Beschwerdeführer mache geltend, sein Heimatdorf liege mitten  in einem Kriegsgebiet, wegen den Repressionen sei nur seine Familie im  Dorf geblieben. Es komme häufig zu Gefechten und die Bevölkerung wer­ de geängstigt und schikaniert.  Auch  diese  Nachteile  stellten  aber  lokal  oder  regional  beschränkte  Verfolgungsmassnahmen  dar,  denen  sich  der  Beschwerdeführer  durch  Wegzug entziehen könne, sie seien nicht asylrelevant. 4.1.3 Eine asylrelevante Verfolgung liege nicht vor, wenn staatliche Mass­ nahmen rechtsstaatlich legitimen Zwecken dienten. Der  Beschwerdeführer mache  geltend,  im  (…)  (…)  in Haft  gewesen  zu  sein. Die Soldaten hätten ihn verdächtigt,  für die PKK tätig zu sein, man  habe ihm jedoch nichts nachweisen können. Der eigentliche Grund für die  Gerichtsvorladung  auf  den  (…)  sei  der  Verdacht  der  Unterstützung  der  PKK gewesen. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass die geltend gemachte Verhaftung,  die  angebliche  Drohung  und  die  Gerichtsvorladung  etwas  mit  den  Aktivitäten des Beschwerdeführers für die PKK zu tun hätten, habe dieser  doch  vorgebracht,  mit  Kollegen  im  Besitze  von  Jagdwaffen  unterwegs  gewesen zu sein, weshalb man ihm auf dem Polizeiposten denn auch nur  vorgeworfen  habe,  Jagdbestimmungen  missachtet  zu  haben.  Der  Beschwerdeführer  wäre  mit  Sicherheit  nicht  bereits  nach  (…)  bedingungslos freigelassen worden, wenn tatsächlich im Zusammenhang  mit der PKK etwas gegen ihn vorgelegen wäre. 

E­4461/2009 Schliesslich  mache  der  Beschwerdeführer  geltend,  er  müsse  (…)  oder  (…)  in  den  Militärdienst  einrücken,  was  er  auf  keinen  Fall  wolle.  Die  Leistung des Militärdienstes stelle aber eine staatbürgerliche Pflicht dar,  in diesem Kontext bestehe keine Asylrelevanz.  4.1.4  Die  Folge  der  Ablehnung  des  Asylgesuches  sei  gemäss  Art.  44    Abs.  1  AsylG  in  der  Regel  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz.  Da  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle,  könne  auch  der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG nicht  angewendet  werden.  Es  gebe  keine  Hinweise  darauf,  dem  Beschwerdeführer  drohe  bei  einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  eine  durch  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,              SR  0.101)  verbotene  Strafe  oder  Behandlung. Weder die  im Heimatstaat herrschende politische Situation  noch  andere  Gründe  würden  gegen  die  Zumutbarkeit  der  Rückführung  dorthin  sprechen. Auch  individuelle Gründe gegen die Zumutbarkeit  der  Wegweisung würden nicht bestehen. Beim Beschwerdeführer handle es  sich  um  einen  gesunden,  jungen  Mann  mit  überdurchschnittlicher  Ausbildung; Familienmitglieder  und zahlreiche Verwandte würden  in der  Türkei  leben,  und  die  Familie  habe  offenbar  auch  keine  finanziellen  Probleme. Ausserdem  sei  der  Vollzug  der  Wegweisung  technisch  möglich  und  praktisch durchführbar. 4.2 4.2.1. In der Beschwerde wird nach einer Sachverhaltszusammenfassung  zur Flüchtlingseigenschaft ausgeführt, diese sei nach Meinung des BFM  nicht  erfüllt,  weil  der  Beschwerdeführer  die  Anforderungen  an  die  Glaubhaftmachung  nicht  erfülle.  Das  Bundesamt  finde  es  nicht  logisch,  dass ein der Zusammenarbeit mit der PKK Verdächtiger zur Tätigkeit als  Dorfschützer  aufgefordert  werde.  Diese  Überlegung  der  Vorinstanz  sei  sicher nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Sie würde aber die Taktik  der  Sicherheitskräfte  ausblenden,  Verdächtige  für  diese  Aktivitäten  zu  nötigen.  Der  Beschwerdeführer  habe  an  sich  keine  Wahl  gehabt.  Im  Übrigen  bestehe  schon  seit  einiger  Zeit  internationaler  Druck  auf  die  Türkei,  diese  umstrittene  Institution  abzuschaffen.  Der  im  Internet  veröffentlichte  kurze  Bericht  über  die  Nötigung  des  Beschwerdeführers  sei in diesem Kontext zu sehen.

E­4461/2009 4.2.2 Das BFM erachte die Verfolgungsgefahr für den Beschwerdeführer  als unerheblich. Dieser habe vorgebracht, in einem Dorf zu wohnen, aus  dem wegen der Aktivitäten der Armee ausser seiner Familie alle geflohen  seien. Die kurdischen Bewohner würden dort, einem Rückzugsgebiet der  PKK,  unter  Generalverdacht  seitens  der  türkischen  Sicherheitskräfte  stehen.  Im  Oktober  2008  habe  das  türkische  Parlament  weiteren  Operationen  im  Nordirak  zugestimmt.  Es  seien  temporäre  Sicherheitszonen erklärt worden, zu denen auch C._______ gehöre.  Die  Bedrohungssituation  in  B._______  erscheine  prima  vista  nicht  als  ausreichend, um einen ernsthaften Nachteil zu begründen, welcher dem  Beschwerdeführer  das  weitere  Leben  im  Heimatstaat  verunmöglichen  würde. Vor dem Hintergrund der geschilderten Entwicklung in der Türkei  erscheine die Furcht vor einer zukünftigen Verfolgung aber durchaus als  berechtigt.  Das  BFM  habe  es  unterlassen,  sich  vertieft  mit  der  Verfolgungsfurcht  des  Beschwerdeführers  auseinanderzusetzen,  obschon diese auch ohne bereits erlittene Nachteile asylbegründend sein  könne. Die Begründung könne, wie die einschlägige Literatur zeige, nicht  einfach durch Textbausteine ersetzt werden.  4.2.3 Das Bundesamt halte fest, dass es keinen Hinweis darauf gebe, die  Gerichtsvorladung  habe  etwas  mit  der  Kuriertätigkeit  des  Beschwerdeführers für die PKK zu tun. Aus den Erfahrungen mit anderen  Prozessen  gegen  vermutete  Separatisten  könne  jedoch  der  Schluss  gezogen werden, dass ein solches, harmlos anmutendes Verfahren nicht  selten  von  den Behörden  dazu  benutzt werde,  um massive Anklage  zu  erheben.  4.2.4 Militärdienstverweigerung  könne  gemäss  herrschender  Praxis  und  Lehre  unter  Umständen  trotzdem  zur  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  führen.  Illegitim und damit asylbeachtlich sei eine  entsprechende  Verfolgung  jedoch  auch  dann,  wenn  die  Leistung  des  Militärdienstes  die  Teilnahme  an militärischen  Aktionen mit  sich  bringe.  Zu  denken  sei  insbesondere  an  einen  Einsatz  gegen  eigene  Volksangehörige.  Vom  Beschwerdeführer  jedenfalls  könne  der  Militärdienst  in der Armee nicht als staatsbürgerliche Pflicht eingefordert  werden; als Kurde sei dieser nicht bereit, Mitglieder seiner unterdrückten  Ethnie zu bekämpfen. 4.2.5 Bezüglich der Unzulässigkeit beziehungsweise der Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  wird  in  der  Rechtsmitteleingabe  geltend 

E­4461/2009 gemacht,  das  BFM  erachte  die  Asylrelevanz  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  als  nicht  gegeben  und  die  Wegweisung  in  den  Heimatstaat  als  zumutbar.  Die  Vorinstanz  setze  sich  jedoch  mit  der  aktuellen politischen Situation  im Fluchtland wenig auseinander, und die  Feststellung,  es  gebe  in  der  Türkei  keine  Gründe,  welche  für  die  Unzumutbarkeit  der  Rückkehr  sprechen  würden,  könne  so  nicht  akzeptiert  werden.  Den  Garantien  eines  fairen  Verfahrens  sei  das  Bundesamt mit der  lapidaren Erwägung, dass weder die  im Heimatstaat  des  Beschwerdeführers  herrschende  politische  Situation  noch  andere  Gründe  gegen  die  Zumutbarkeit  der  Rückführung  dorthin  sprechen  würden, nicht nachgekommen. Der angefochtene Entscheid werde nicht  rechtsgenüglich begründet. Zu den besonders gefährdeten Minderheiten  in  der  Türkei  würden  einerseits  Kurden,  anderseits  die  Familienangehörigen  von  staatskritischen  Aktivisten  gehören,  weshalb  der Beschwerdeführer gleich doppelt betroffen sei. 5. 5.1 Das Gericht  befasst  sich  vorweg mit  dem zentralen Vorbringen des  Beschwerdeführers,  man  habe  ihn  als  Dorfschützer  rekrutieren  wollen,  was  er  abgelehnt  habe,  weshalb  er  in  der  Folge  unter  Druck  gesetzt  worden und bedroht worden sei. Gemäss  eigenen  Angaben  ist  der  Beschwerdeführer  als  Kurier  für  die  PKK tätig gewesen (Anhörungsprotokoll BFM A8/12 F17), und die Familie  hat  die  Guerilla  unterstützen  müssen  (Befragungsprotokoll  BFM  A1/10    Ziff.  16).  Es  kann  offenbleiben,  weshalb  ausgerechnet  die  Familie  des  Beschwerdeführers  (…)  in  einem  Dorf  zurückgeblieben  ist,  das  im  Operationsgebiet  der  türkischen  Armee  liegt,  zumal  es  der  Familie  finanziell recht gut zu gehen scheint (A8/12 F72 ). Immerhin hätte sie die  Möglichkeit,  zu  Verwandten  im  Westen  der  Türkei  zu  ziehen,  was  sie  wohl tun würde, wenn der Druck andauernd hoch wäre (A8/12 F5 ff. und  A8/12 F18 ff.).  Zu klären ist dagegen die Frage, weshalb die Sicherheitskräfte versuchen  sollten, einen jungen Mann anzuwerben, der verdächtigt wird, für die PKK  tätig  zu  sein. Diese müsste  doch  damit  rechnen,  dass  er  Informationen  und  Feststellungen  weitergibt.  Aber  auch  der  angegebene  Kurierdienst  wirft  Fragen  auf:  Weshalb  sollte  die  PKK  im  Kriegsgebiet  einem  Dorfbewohner vertrauen, von dem sie annehmen muss, dass dieser von  den  Behörden  unter  Druck  gesetzt  und  allenfalls  als  Spitzel  eingesetzt  wird. 

E­4461/2009 Die beiden Vorbringen erscheinen umso unlogischer, als die Familie (…)  im Dorf verblieben ist, mithin beide Seiten – PKK wie Sicherheitskräfte –  damit rechnen müssten, die Familie des Beschwerdeführers könnte in die  eine oder andere Richtung tätig werden, und sie jedenfalls nicht mit deren  Loyalität zu rechnen hatten.  An dieser Feststellung ändert auch der auf Beschwerdeebene  ins Recht  gelegte  Internet­Auszug nichts, wonach ein Schäfer  namens E._______  aufgefordert worden sei, als Dorfschützer und Spion tätig zu werden. Das  BFM  führte  in  seiner  Vernehmlassung  dazu  aus,  es  gehe  daraus  nicht  hervor, von wem diese Information stamme, es könne sich auch um eine  nicht  überprüfbare  Aussage  einer  Drittperson  handeln.  In  der  Replik  entgegnete  der  Beschwerdeführer,  die  Nachrichten  des  türkischen  Medienkonzerns,  der  diese  Meldung  verbreitet  habe,  würden  als  zuverlässig und politisch unverfänglich gelten. Das Gericht geht nicht darauf ein, ob die Mitteilung manipuliert  ist. Denn  es  bleibt  die  Frage  unbeantwortet,  weshalb  eine  solche mit  dem  vollen  Namen des unter Druck Gesetzten erscheint und wer dafür verantwortlich  zeichnet,  zumal  es  sich  bei  diesem  nicht  um  eine  bekannte  Person  handelt, und auch der im Internet verbreiteten Meldung nicht entnommen  werden  kann,  der  Beschwerdeführer  sei  härter  angefasst worden  als  in  analogen Fällen, wo Kurden angehalten oder gar schikaniert werden. Der  Nachricht kommt mithin kein eigentlicher Beweiswert zu.  Es kann ohne weitere diesbezügliche Erwägungen geschlossen werden,  dass auch bei der Annahme, der Beschwerdeführer sei tatsächlich unter  Druck gesetzt worden, für die Polizei zu arbeiten, die geltend gemachten  Behelligungen  nicht  über  das  hinausgehen,  was  grössere  Teile  der  kurdischen Bevölkerung zu ertragen haben.  5.2  Zum  Beweis  für  seine  Verfolgung  und  Gefährdung  führt  der  Beschwerdeführer  die  Gerichtsvorladung  für  den  (…)  an.  Die  entsprechende  kurze  Festnahme  war  erfolgt,  als  er  zusammen  mit  Freunden  im Besitze  von  Jagdwaffen  angehalten worden  ist;  sie  hätten  diese mitgeführt, um sich im Falle einer Anhaltung als Jäger ausgeben zu  können. Ganz abgesehen davon, dass es kurios und naiv anmutet, sich  in  einem  eigentlichen  Kriegsgebiet  (A8/12  F16)  nötigenfalls  als  auf  der  Jagd  befindlich  auszugeben,  bleibt  festzustellen,  dass  das  Gerichtsverfahren  einzig  wegen  dieses  Vorfalls  und  nicht  wegen  der  Beschuldigung,  für die Guerilla  tätig zu sein, eröffnet worden  ist (A81/10 

E­4461/2009 Ziff. 15); die abweichende Einschätzung des Beschwerdeführers  ist eine  reine Vermutung und durch nichts belegt.  Der  Beschwerdeführer  macht  diesbezüglich  in  seiner  Rechtsmitteleingabe zwar geltend, dass eine erste Vorladung als Zeuge  in  einem  harmlos  erscheinenden  Verfahren  nicht  selten  von  der  türkischen  Justiz  dazu  benutzt  werde,  "um  gegen  "Zeugen"  selbst  Anklage zu erheben, weil er durch den oder die Angeklagte oder andere  "Zeugen"  selbst  belastet" werde  (S.  6). Zum Verfahren selber  sind dem  Gericht jedoch keine weiteren Informationen zugegangen. 5.3 Gänzlich und ohne weiteren Begründungsaufwand ist der Vorinstanz  auch  bezüglich  des  vom Beschwerdeführer  verweigerten Militärdienstes  zu  folgen.  Die  Vermutung,  er  würde  in  den  aktiven  Kampf  gegen  Angehörige  seiner  Ethnie  geschickt,  ist  abwegig,  und  die  in  der  Rechtsmitteleingabe  vorgebrachte  Argumentation  verzerrt  die  diesbezügliche  tatsächliche  Praxis  des  Gerichts  (und  der  vormaligen  Schweizerischen Asylrekurskommission [ARK]). 5.4 Es kann schliesslich auch nicht, wie vom Beschwerdeführer kritisiert,  davon  die  Rede  sein,  im  vorliegenden  Asylentscheid  fehle  eine  Auseinandersetzung  mit  der  aktuellen  Situation  in  dessen  Herkunftsgebiet  und  dem  dort  üblichen  Verfolgungsmuster,  womit  eine  Verletzung  des  Untersuchungsgrundsatzes  gerügt  wird.  Dazu  ist  festzuhalten: Im  Verwaltungsverfahren  gelten  der  Untersuchungsgrundsatz  und  die  Pflicht  zur  vollständigen  und  richtigen  Abklärung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  (Art. 12  VwVG;  vgl.  auch  Art. 49  Bst. b  VwVG;  für  das  Asylverfahren  ausserdem  Art. 6  AsylG).  Die  zuständige  Behörde  ist  demnach  verpflichtet,  den  für  die  Beurteilung  eines  Asylgesuchs  relevanten Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen.  Das Gericht  ist nach Prüfung aller Akten nicht der Auffassung, dass die  Vorinstanz die Untersuchungsmaxime nicht beachtet hat. Weder hat das  BFM  den  Sachverhalt  nicht  von  Amtes  wegen  abgeklärt  noch  dies  nur  unvollständig getan, weshalb keine Verletzung von Art. 49 Bst. b VwVG  vorliegt.  Die  diesbezüglichen  Ausführungen  sind  dem  Fall  angemessen  und weder lückenhaft noch oberflächlich.

E­4461/2009 5.5  Es  ist  verständlich,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  aufgrund  der  allgemeinen Lage in der Türkei und der Situation der alevitischen Kurden  verunsichert  fühlt.  Wie  vorstehend  aber  ausgeführt,  hielten  sich  die  geltend  gemachten  Behelligungen  in  engen  Grenzen,  und  der  Beschwerdeführer  verfügt  nicht  über  ein  Profil,  das  ihn  zur  Zielscheibe  der Sicherheitsbehörden machen würde.  5.6  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  dem  Beschwerdeführer  keine  begründete  Furcht  vor  ihm  drohender  asylrechtlich  relevanter  Verfolgung  im  Sinne   von  Art.  3  AsylG  zuerkannt  werden  kann.  Es  erübrigt  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  einzugehen,  da  sie  an  dieser  Einschätzung  des  Sachverhalts  nichts  zu  ändern vermögen. Das BFM hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 6. Die Abweisung eines Asylgesuchs hat in der Regel die Wegweisung aus  der Schweiz zur Folge (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Vorliegend hat der Kanton  keine  Aufenthaltsbewilligung  erteilt  und  es  besteht  kein  Anspruch  auf  Erteilung einer solchen (vgl. BVGE 2008/34 E. 9.2), weshalb die verfügte  Wegweisung  im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen steht und  demnach vom Bundesamt zu Recht angeordnet wurde. 7. 7.1  Ist  der Vollzug der Wegweisung nicht  zulässig,  nicht  zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  ge­ mäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flücht­ lingseigenschaft,  das heisst,  sie sind zu beweisen, wenn der strikte Be­ weis möglich  ist,  und  andernfalls wenigstens  glaubhaft  zu machen  (vgl.            WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi/Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2 Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entge­ genstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/34 http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/34 http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/34

E­4461/2009 So darf  keine Person  in  irgendeiner  Form  zur Ausreise  in  ein  Land ge­ zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem  Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überein­ kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,           SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden. 7.3  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nach­zuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5  AsylG  verankerte Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  im  vorliegenden  Ver­fahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  die  Türkei  ist  demnach  unter  diesem  Aspekt  rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus­ schaffung  in  die  Türkei  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art.  3 EMRK oder Art.  1 FoK  verbotenen Strafe  oder Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofs  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  er  eine  konkrete Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmensch­ liche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§ 124­127,  mit  weiteren  Hinweisen),  was  ihm  unter  Hinweis  auf  die  vorstehenden Erwägungen nicht gelungen ist.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hält  es  zwar  für  möglich,  dass  die  Sicherheitskräfte  den  Beschwerdeführer  behelligt  und  bedrängt  haben,  aber  die  vorgebrachten  Pressionen  erreichten  in  keiner  Weise  ein 

E­4461/2009 Ausmass, das asylrelevant wäre. Er ist zwar nicht völlig auszuschliessen,  dass er   bei einer Rückkehr  in sein Heimatland, das er  illegal verlassen  hat,  routinemässig  überprüft  wird;  da  jedoch  mit  Ausnahme  einer  Verletzung  von Jagdbestimmungen nichts Konkretes gegen  ihn  vorliegt,  besteht kein Grund zur Annahme, er würde weitergehenden behördlichen  Massnahmen ausgesetzt  sein. Zudem  lässt, wie  vorstehend ausgeführt,  auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  der  Türkei  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Ge­ fährdung festgestellt,  ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002.  BBl  2002  3818). 7.5  In  der Rechtsmitteleingabe wird  zwar  bezüglich  der Unzumutbarkeit  eingewendet, die Garantien eines  fairen Verfahrens werde mit der sum­ marischen Erwägung,  dass weder  die  im Heimatstaat  des Beschwerde­ führers herrschende politische Lage noch andere Gründe gegen die Zu­ mutbarkeit  der  Rückführung  in  den  Heimatstaat  sprechen  würden,  ver­ letzt.  Das  Gericht  ist  nicht  dieser  Auffassung:  In  der  Türkei  herrscht  zurzeit,  wie  bereits  angemerkt,  kein  Krieg,  kein  Bürgerkrieg  und  keine  Situation allgemeiner Gewalt, weshalb gemäss ständiger Praxis des Ge­ richts  und  in  Übereinstimmung mit  der  Vorinstanz  unter  diesem Aspekt  von der generellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs dorthin aus­ zugehen ist. 7.6  Wie  vorstehend  ausgeführt,  muss  sich  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  keiner  konkreten  Gefährdung  ausgesetzt  sehen.  Aufgrund  der  Aktenlage  ist  nicht  davon  auszugehen,  dass  ihm  Behelligungen  drohen,  die  zwar  nicht  die  von  Art.  3  EMRK  geforderte  Intensität  erreichen,  eine  Rückkehr  aber  trotzdem  als  unzumutbar  er­ scheinen  lassen.  Er  verfügt  in  seiner  Heimat  über  ein  familiäres  und  darüber  hinausgehendes  Beziehungsnetz.  Im  Übrigen  verfügt  der  noch  junge,  gemäss  Aktenlage  gesunde  Beschwerdeführer,  über  eine  gute  Schulbildung und Berufserfahrung in der (…). 

E­4461/2009 8. Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  das  BFM  den  Vollzug  der  Weg­ weisung  zu Recht  als  zulässig,  zumutbar  und möglich  bezeichnete. Die  Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt daher nicht in Betracht (Art. 83  Abs. 1­4 AuG). 9. Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer­ de ist demnach abzuweisen. 10. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten von Fr. 600.­ dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem  die  Beschwerde  indessen  nicht  als  aussichtslos  bezeichnet  werden  konnte  und  dem  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom  17.  Juli  2009  stattgegeben  worden  war,  ist  von  der  Auferlegung  von  Verfahrenskosten abzusehen.  (Dispositiv nächste Seite)

E­4461/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  3.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und das (…) des  Kantons F._______. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Bruno Huber Jonas Tschan Versand:

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