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Bundesverwaltungsgericht 15.08.2011 E-2691/2011

August 15, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·751 words·~4 min·1

Summary

Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone | Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung des BFM vom 9. Mai 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­2691/2011 Urteil   v om   1 5 .   Augus t   2011   Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiberin Karin Maeder­Steiner. Parteien A._______,  Afghanistan,  vertreten durch Johanna Fuchs, Elisa – Asile, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung des BFM vom 9. Mai 2011 / N (…).

E­2691/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,  dass der Beschwerdefürer eigenen Angaben zufolge am 17. März 2011 in  die Schweiz einreiste und am 18. März 2011 um Asyl nachsuchte, dass der – eigenen Angaben zufolge minderjährige – Beschwerdeführer  mit  Schreiben  vom  18.  März  2011  darum  ersuchte,  dem  Kanton  B._______,  wo  seine  Schwester  mit  ihrem  Ehemann  lebe,  zugeteilt  zu  werden, dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  21.  April  2011  gestützt  auf  Art.  32  Abs. 2  Bst.  b  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  eintrat  und  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug  anordnete, dass  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  ans  Bundesverwaltungsgericht  vom 4. Mai 2011 Beschwerde gegen die Verfügung vom 21. April  2011  erheben liess, dass  die  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  hängig  ist  und  aufgrund des sachlichen Zusammenhangs mit heutigem Datum und vom  gleichen Spruchgremium entschieden wird. dass  das  BFM  den  Beschwerdeführer  mit  Entscheid  vom  9.  Mai  2011  gestützt auf Art. 27 Abs. 3 AsylG dem Kanton C._______ zuwies, ohne  diesen Entscheid näher zu begründen, dass  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  vom  11.  Mai  2011  ans  Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen den Zuweisungsentscheid  des  BFM  vom  9.  Mai  2011  erheben  liess  und  die  Aufhebung  des  Zuweisungsentscheids,  die  Zuweisung  des  Beschwerdeführers  an  den  Kanton B._______ und in prozessrechtlicher Hinsicht den Verzicht auf die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  die  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021) beantragte, dass  das  BFM  in  der  Vernehmlassung  vom  3.  Juni  2011  an  der  Kantonszuweisung festhielt, dass  sich  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Stellungnahme  vom  29.  Juni  2011 nicht mehr zum Kantonszuweisungsentscheid äusserte,

E­2691/2011 und zieht in Erwägung, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art.  5  VwVG)  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz such (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  31­33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR  173.32]);  Art.  83  Bst.  d  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass es sich beim Entscheid um die Zuteilung an einen Kanton  (Art. 27  Abs.  3  AsylG)  um  eine  selbständig  beim  Bundesverwaltungsgericht  anfechtbare Zwischenverfügung handelt (Art. 107 Abs. 1 AsylG), dessen  asylrechtlichen  Abteilungen  dafür  zuständig  sind  (Art.  23  Abs.  4  i.V.m.  Ziff. 4  Abs.  1  und  Ziff.  3  des  Anhangs  des  Geschäftsreglements  vom  17. April 2008 für das Bundesverwaltungsgericht [VGR, SR 173.320.1]), dass  sich  das  Verfahren  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG  richtet, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art.  6 AsylG), dass  der  Zuweisungsentscheid  nur  mit  der  Begründung  angefochten  werden kann, er verletze den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 27  Abs. 3 Satz 3 AsylG), dass  der  Beschwerdeführer  den  Zuweisungsentscheid  mit  der  Begründung  anfocht,  seine  Schwester  wohne  mit  ihrem  Ehemann  im  Kanton B._______, weshalb er diesem Kanton zugeteilt werden möchte, dass somit die grundsätzliche Rüge der Verletzung des Grundsatzes der  Einheit der Familie erhoben wird, dass die Beschwerde  frist­  und  formgerecht eingereicht wurde, weshalb  darauf  einzutreten  ist  (Art.  108 Abs.  1 AsylG und Art.  105 AsylG  i.V.m.  Art. 37 VGG i.V.m. Art. 52 VwVG), dass das Bundesverwaltungsgericht nach Prüfung der Akten zunächst in  formeller  Hinsicht  eine  durch  das  BFM  begangene  Verletzung  des  Anspruchs auf rechtliches Gehör feststellt,

E­2691/2011 dass nämlich nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts  in Bezug  auf  Zuweisungsentscheide  gemäss Art.  27 Abs.  3 AsylG  eine  blosse Formalverfügung – wie sie die Zwischenverfügung des BFM vom  9. Mai  2011  darstellt  –  den  Anforderungen  an  die  Begründungsdichte  nicht  genügt,  wenn  die  asylsuchende  Person  ein  begründetes  Gesuch  stellt,  wegen  familiärer  Beziehungen  einem  bestimmten  Kanton  zugewiesen  zu  werden,  oder  sich  Anhaltspunkte  für  die  Zuweisung  an  einen  bestimmten  Kanton  aus  den  Akten  ergeben  (BVGE  2008/47  E.  3.3.3), dass  der  Beschwerdeführer  vorliegend  am  18.  März  2011  ein  begründetes Gesuch eingereicht hat und demnach in der angefochtenen  Verfügung  eine  Auseinandersetzung  mit  den  geltend  gemachten  Interessen  des  Beschwerdeführers  an  der  Zuweisung  in  den  Kanton  B._______ hätte stattfinden müssen, dass dieser Mangel  jedoch auf Beschwerdeebene geheilt wurde, da das  BFM  in  seiner  Vernehmlassung  vom  3.  Juni  2011  die  Begründung  nachreichte  und  geltend machte,  gemäss  Art.  22  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  verteile das BFM die Asylsuchenden unter Berücksichtigung bereits in der  Schweiz  lebender  Familienangehöriger,  der  Staatsangehörigkeiten  und  besonders  betreuungsintensiver  Fälle  möglichst  gleichmässig  auf  die  Kantone, dass  vorliegend  –  so  das  BFM  weiter  –  selbst  wenn  der  Beschwerdeführer seine Minderjährigkeit hätte glaubhaft machen können  keine  Verletzung  des  nach  Art.  1a  Bst.  e  AsylV  1  definierten  Familienbegriffs  vorliegen würde  und  keine  besonders  schützenswerten  Interessen seitens des Beschwerdeführers bestünden, dass  gemäss  Rechtsprechung  besonders  schützenswerte  verwandtschaftliche  Beziehungen  ausserhalb  der  Kernfamilie  nur  vorlägen,  wenn  ‒ nebst  einer  nahen,  echten  und  tatsächlich  gelebten  Beziehung  zwischen  den  Familienangehörigen  –  ein  besonderes  Abhängigkeitsverhältnis vorliege, dass  vorliegend  nicht  von  einem  besonderen  Abhängigkeitsverhältnis  zwischen  dem  Beschwerdeführer  und  seiner  im  Kanton  B._______  lebenden Schwester auszugehen sei,

E­2691/2011 dass  dem  Beschwerdeführer  in  der  Folge  Frist  zur  Stellungnahme  eingeräumt  wurde  und  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Frage  der  Verletzung des Grundsatzes der Einheit der Familie mit  voller Kognition  prüfen kann (vgl. a.a.O. E. 3.3.4), dass das Gesetz mit der Öffnung des Rechtsmittelwegs bei Eingriffen  in  die  Familieneinheit  den  diesbezüglichen  Anforderungen  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  Rechnung  trägt  (vgl.  Art.  85  Abs.  4  AuG), dass der Kreis  der Personen,  die  sich  im  vorliegenden Zusammenhang  unter Umständen darauf berufen können, daher insbesondere von Art. 8  EMRK bestimmt wird, dass  abgesehen  von  der  Kernfamilie,  das  hiesst  den  Beziehungen  zwischen  Ehepartnern  sowie  zwischen  Eltern  und  ihren  minderjährigen  Kindern  (vgl.  Art.  1  Bst.  e  AsylV 1),  von  Art.  8  EMRK  auch  die  Beziehungen zwischen allen nahen Verwandten, die  in der Familie eine  wesentliche Rolle spielen können, erfasst werden, dass  im Verhältnis zwischen Verwandten ausserhalb der Kernfamilie die  Berufung auf den Grundsatz der Familieneinheit – über die nahe, echte  und  tatsächlich  gelebte  Beziehung  hinaus  –  indes  praxisgemäss  ein  besonderes Abhängigkeitsverhältnis voraussetzt, dass  ein  solches  Abhängigkeitsverhältnis  daher  auch  zwischen  dem  Beschwerdeführer  und  seiner  im  Kanton  B._______  wohnhaften  Schwester auszuweisen ist, dass der Familienbegriff nach Art. 8 EMRK diesbezüglich mit demjenigen  des  Asylgesetzes  übereinstimmt,  weshalb  die  Frage  welcher  Begriff  im  Rahmen  der  Kantonszuweisung  massgeblich  ist,  vorliegend  offen  gelassen werden kann, dass  die  Vorinstanz  einen  Anspruch  auf  Familieneinheit  zu  Recht  verneinte, dass  der  Beschwerdeführer  –  wie  im  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts E­2554/2011, welches ebenfalls mit heutigem  Datum ergeht, ausgeführt wird – seine geltend gemachte Minderjährigkeit  nicht  glaubhaft  machen  konnte,  und  deshalb  von  seiner  Volljährigkeit  auszugehen ist,

E­2691/2011 dass vorliegend weder aufgrund des Alters des Beschwerdeführers noch  aufgrund  anderer  Umstände  ein  Sachverhalt  vorliegt,  welcher  ein  Zusammenleben  des  Beschwerdeführers  mit  seiner  Schwester  wegen  einer  eigentlichen  einseitigen  Abhängigkeit  als  dringend  angezeigt  erscheinen lassen würde, dass  nach  dem  Gesagten  die  angefochtene  Verfügung  den  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  offensichtlich  nicht  verletzt  und  die  Beschwerde  abzuweisen ist, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  von  Fr.  600.‒  (Art. 16  Abs.  1  Bst.  a  VGG  i.V.m.  Art.  1­3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  grundsätzlich  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen wären, dass  die  angefochtene Verfügung  im  Zeitpunkt  ihres  Erlasses  indes  an  einem  Verfahrensmangel  litt,  weshalb  praxisgemäss  keine  Kosten  aufzuerlegen sind, das Gesuch um Kostenerlass gemäss Art. 65 Abs. 1  VwVG  gegenstandslos  wird  und  eine  vom  BFM  zu  entrichtende  Parteientschädigung zuzusprechen ist (vgl. BVGE 2008/47 E. 5 S. 680 f.), dass die Rechtsvertreterin  keine Kostennote  zu den Akten gereicht  hat,  weshalb  die  Parteientschädigung  gemäss  Art.  14  VGKE  unter  Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren aufgrund der  Akten  auf  insgesamt  Fr.  500.‒  (inklusive  sämtlicher  Auslagen)  festzusetzen sind. (Dispositiv nächste Seite)

E­2691/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Das  BFM  wird  verpflichtet,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 500.‒ zu entrichten. 4.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und die kantonale  Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Karin Maeder­Steiner Versand:

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