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Bundesverwaltungsgericht 16.11.2011 E-1833/2010

November 16, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,485 words·~12 min·1

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 19. Februar 2010

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­1833/2010 Urteil   v om   1 6 .   No v embe r   2011   Besetzung Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richterin Muriel Beck Kadima, Richter François Badoud,    Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren am (…), Irak,   vertreten durch Ruth Dönni, Rechtsanwältin,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 19. Februar 2010 / N (…).

E­1833/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  nach  eigenen  Angaben  den  Irak  am  10. Dezember  2007  und  reiste  am  20.  Dezember  2007  in  die  Schweiz  ein, wo er am 21. Dezember 2007 im Empfangs­ und Verfahrenszentrum  B._______  um Asyl  ersuchte.  Nach  der  Kurzbefragung  vom  16. Januar  2008  wurde  er  für  die  Dauer  des  Verfahrens  dem  Kanton  C._______  zugeteilt. Am 27. April 2009  fand eine direkte Anhörung durch das BFM  statt. B.  Der  Beschwerdeführer  brachte  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  im  Wesentlichen vor, er sei kurdischer Ethnie und sei in D._______ geboren,  wo  er  bis  zur  Ausreise  im  Quartier  E._______  gelebt  habe.  Seine  Muttersprache  sei  Kurdisch  und  er  verfüge  auch  über  bescheidene  Kenntnisse des Arabischen. Sein Bruder habe als Dolmetscher  für  eine  amerikanische  oder  kanadische  Organisation  gearbeitet  und  sei  Ende  2005  nach  F._______  ausgereist.  In  den  Jahren  2005  und  2006  habe  seine Familie mehrere vermutlich von arabischen Terroristen stammende  Drohbriefe erhalten,  in welchen sie mit  dem Tod bedroht worden seien,  falls sie nicht ihr Haus und ihr Geschäft verlassen würden. Sein Vater sei  am  20.  Dezember  2006  bei  einem  Bombenanschlag  auf  den  Markt  G._______  im  Quartier  H._______,  wo  er  gearbeitet  habe,  getötet  worden.  Seine  Mutter  sei  im  September  2007  an  den  Folgen  eines  Schlaganfalls verstorben.  Im Weiteren seien zwei seiner Freunde  in den  Jahren  2005  respektive  2006  bei  Bombenanschlägen  ums  Leben  gekommen (Akten BFM A1 S. 5), respektive von Terroristen entführt und  umgebracht worden (A18 S. 7ff.). Nach dem Tod des ersten Freundes im  Jahre  2005  sei  er  aus  Sicherheitsgründen  nicht  mehr  zur  Schule  gegangen.  Er  habe  sich  schliesslich  aus  Angst,  ebenfalls  zum  Opfer  eines Anschlags oder Übergriffs der Terroristen zu werden sowie weil er  in  seinem  Heimatland  keine  Familienangehörigen  mehr  habe,  zur  Ausreise entschlossen. Ein Freund  seines Vaters,  bei welchem er nach  dem Tod seiner Mutter gelebt habe, habe seine Reise organisiert. Er sei  versteckt  im Laderaum von LKWs über die Türkei und vermutlich  Italien  illegal  und ohne kontrolliert worden zu sein  in die Schweiz gelangt. Der  Beschwerdeführer  reichte  zur  Stützung  seiner  Vorbringen  seine  Identitätskarte,  einen  Todesschein  seines  Vaters  sowie  zwei  Familienfotos ein.  

E­1833/2010 C.  Ein  vom  BFM  beauftragter  Experte  kam  in  einer  Herkunftsanalyse  (LINGUA­Analyse)  vom  17.  August  2009  zum  Schluss,  dass  die  Sprachkenntnisse  des  Beschwerdeführers  sowie  sein  geographisches  und  kulturelles  Wissen  darauf  schliessen  liessen,  er  sei  in  einem  kurdischen Milieu  im Irak sozialisiert worden,  jedoch nicht  in D._______.  Aufgrund des von ihm gesprochenen Dialekts sei von einer Sozialisation  in der Provinz Dohuk auszugehen.   D.  Am  5. November  2009  unterzog  das  BFM  die  vom  Beschwerdeführer  eingereichte irakische Identitätskarte einer  internen Dokumentenanalyse.  Dabei  stellte  das  BFM  fest,  dass  dieses  Dokument  objektive  Fälschungsmerkmale aufweise. E.  Mit  Verfügung  vom  6.  November  2009  wurde  dem  Beschwerdeführer  Gelegenheit  zur  Stellungnahme  zu  den  Ergebnissen  der  LINGUA­ Analyse sowie der Dokumentenprüfung gegeben. F.  Mit  Eingabe  vom  13.  November  2009  zeigte  die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  unter  Beilage  einer  Vollmacht  die  Übernahme  des  Vertretungsmandats  an  und  ersuchte  um  Erstreckung  der  Frist  zur  Stellungnahme  sowie  um  Gewährung  der  Einsicht  in  die  vollständigen  Verfahrensakten. G.  Mit Verfügung vom 18. November 2009 hiess das BFM das Gesuch um  Fristerstreckung  gut,  lehnte  hingegen  das  Begehren  um  Akteneinsicht  unter  Hinweis  auf  das  noch  nicht  abgeschlossene  Untersuchungsverfahren ab. H.  Mit  Eingabe  seiner  Vertreterin  vom  3.  Dezember  2009  hielt  der  Beschwerdeführer  an  der  behaupteten  Herkunft  aus  D._______  sowie  daran,  dass  die  eingereichte  Identitätskarte  von  der  zuständigen  Amtsstelle  ausgestellt  worden  sei,  fest.  Zur  Begründung  brachte  er  namentlich  vor,  die  Folgerungen  des  Gutachters  seien  in  Anbetracht  seines  jugendlichen  Alters  im  Zeitpunkt  der  Flucht  sowie  seines  kurdischen  Umfelds  in  der  Heimat  nicht  haltbar.  Zudem  sei  nicht 

E­1833/2010 erkennbar,  ob  der  Experte  einen  angemessenen  Bezug  zu  seinem  Herkunftsort E._______ habe. Es werde daher,  falls das Bundesamt an  seinem Abklärungsergebnis festhalte, beantragt, dass eine neue Analyse  durch  einen  entsprechend  qualifizierten  Sachverständigen  durchgeführt  werde.  I.  Mit  Schreiben  vom  10.  Februar  2010  gewährte  das  Bundesamt  dem  Beschwerdeführer  unter Bezugnahme auf  das entsprechende Begehren  in  der  Eingabe  vom  13.  November  2010  (recte:  2009)  Einsicht  in  die  Verfahrensakten. J.  Mit  Verfügung  vom  19.  Februar  2010  stellte  das  BFM  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle,  lehnte  sein  Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den  Vollzug an. Ferner wurde die Einziehung der  Identitätskarte  angeordnet  und  der  Antrag  auf  ein  erneutes Herkunftsgutachten  abgelehnt.  Auf  die  detaillierte  Begründung  wird  –  soweit  entscheidwesentlich  –  in  den  Erwägungen eingegangen. K.  Mit  Eingabe  seiner  Rechtsvertreterin  vom  23.  März  2010  erhob  der  Beschwerdeführer  Beschwerde  gegen  diese Verfügung  und  beantragte,  diese  sei  aufzuheben  und  die  Vorinstanz  anzuweisen,  ihm  die  Flüchtlingseigenschaft  zuzusprechen  und  das  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit  und  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen und  ihm die vorläufige Aufnahme zu  gewähren, subeventualiter die Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung  an die Vorinstanz  zurückzuweisen.  In  formeller Hinsicht  ersuchte  er  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  und  Verbeiständung  gemäss  Art.  65  Abs.  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sowie  um  Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zur Stützung seiner  Vorbringen  reichte der Beschwerdeführer einen Geburtsschein  in Kopie,  inklusive  Übersetzung,  sowie  einen  Arbeitsvertrag  und  eine  Fürsorgebestätigung der I._______ vom 22. März 2010 zu den Akten.  L.  Mit Zwischenverfügung  vom 26. März 2010 hiess der  Instruktionsrichter  das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut und verzichtete auf die 

E­1833/2010 Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Hingegen  wurde  das  Gesuch  um  unentgeltliche Verbeiständung abgewiesen. Ferner wurde die Vorinstanz  zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen. M.  In  ihrer Vernehmlassung vom 1. April  2010 hielt  die Vorinstanz an  ihrer  Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. N.  Die  vorinstanzliche  Vernehmlassung  wurde  dem  Beschwerdeführer  mit  Zwischenverfügung vom 13. April 2010 zur Stellungnahme zugestellt.  O.  Mit Eingabe  vom 10. Mai  2010  reichte  der Beschwerdeführer  innert  auf  Gesuch  hin  mit  Sendung  vom  28.  April  2010  erstreckter  Frist  eine  Stellungnahme ein. P.  Am 22. Dezember 2010 stellte das Zivilstandsamt J._______ gestützt auf  Art. 10 Abs. 2 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998  (AsylG, SR 142.31)  zu  Handen  des  BFM  folgende  Identitätsdokumente  des  Beschwerdeführers sicher: Geburtsschein, ausgestellt am 16. September  2009,  Nationalitätenausweis,  ausgestellt  am  7.  Januar  2007,  Zivilregisterauszug,  ausgestellt  am  1.  Februar  2010,  Identitätskarte  in  Kopie.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d 

E­1833/2010 Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Zur Begründung seiner Verfügung stellte das Bundesamt  fest, dass  sich die vom Beschwerdeführer eingereichte Identitätskarte als Fälschung  erwiesen  habe.  Zudem  sei  der  begutachtende  Experte  zum  Schluss 

E­1833/2010 gekommen,  er  sei  nicht,  wie  von  ihm  behauptet,  in  der  Region  D._______,  sondern  im  kurdischen  Nordirak  sozialisiert  worden.  Die  Erklärungen  des  Beschwerdeführers  in  seiner  diesbezüglichen  Stellungnahme  vermöchten  nicht  zu  überzeugen.  Auch  von  einer  jugendlichen  Person  könnten  gewisse  Kenntnisse  von  deren  Heimatort  erwartet  werden.  Zudem  vermöge  er  das  eindeutige  Ergebnis  der  Sprachanalyse nicht  zu widerlegen. Die eingereichten Fotos  seien nicht  geeignet,  seine  Herkunft  zu  beweisen.  Dem  Todesschein  des  Vaters,  welcher  in D._______ ausgestellt worden sein  solle,  komme wegen der  leichten  Beschaffbarkeit  derartiger  Dokument  im  Heimatstaat  des  Beschwerdeführers  nur  ein  sehr  geringer  Beweiswert  zu.  Aus  diesen  Gründen  sei  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  entgegen  seiner  Behauptung  nicht  in  D._______  sondern  im  Nordirak  aufgewachsen  sei.  Damit  sei  seinen  Asylvorbringen  jegliche  Grundlage  entzogen  und  seine  Vorbringen  seien  als  tatsachenwidrig  zu  bewerten.  Die  am  Sachverständigen  geäusserte  Kritik  könne  nicht  gehört  werden  und  der  Antrag  auf  ein  erneutes  Gutachten  durch  eine  anderen  Sachverständigen sei demnach abzuweisen. Im Übrigen sei festzustellen,  dass  er  zu  wesentlichen  Punkten  widersprüchliche  Angaben  gemacht  habe,  so  zur  Frage,  ob  er  im  Irak  noch  Verwandte  habe  und  zu  den  Umständen  des  Todes  seiner  beiden  Freunde.  Die  seiner  Familie  angeblich  zugestellten  Drohbriefe  habe  er  zudem  anlässlich  der  Empfangsstellenbefragung  nicht  erwähnt,  obwohl  es  sich  um  ein  wesentliches Vorbringen handle. Die Vorbringen des Beschwerdeführers  vermöchten  demnach  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftmachung  gemäss Art. 7 AsylG nicht zu genügen. Im Weiteren würden sich aus den  Akten keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass ihm im Heimatstaat eine  gemäss Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  verbotene  Strafe  oder  Behandlung  drohe  und  der  Wegweisungsvollzug  in  die  nordirakischen Provinzen Dohuk, Erbil und Suleymania sei grundsätzlich  als  zumutbar  zu  erachten.  Eine  Prüfung  der  individuellen  Situation  des  Beschwerdeführers  sei  nicht  möglich,  da  er  seine  wahre  Herkunft  zu  verschleiern versuche. 4.2.  Zur  Begründung  seiner  Beschwerde  rügte  der  Beschwerdeführer,  das Bundesamt habe  falsche Anforderungen an die Glaubhaftmachtung  gestellt.  Es  habe  die  Pflicht,  auch  die  für  seine  Glaubwürdigkeit  sprechenden  Umstände  zu  würdigen,  verletzt,  indem  es  nur  diejenigen  Elemente  berücksichtigt  habe,  welche  aus  seiner  Sicht  gegen  die  Glaubhaftigkeit  seiner  Aussagen  sprechen  würden.  Es  werde  daran 

E­1833/2010 festgehalten,  dass  die  eingereichte  Identitätskarte  von  der  zuständigen  Amtsstelle ausgestellt worden sei. Auch wenn es sich bei dieser um eine  Fälschung handle, könne demnach daraus nicht auf die Unglaubhaftigkeit  seiner  Vorbringen  geschlossen  werden.  Seine  Herkunft  aus  D._______  sei auch aus dem Todesschein seines Vaters und dem zwischenzeitlich  beschafften  Geburtsschein  ersichtlich.  Es  gehe  nicht  an,  dem  Todesschein  keinen  massgeblichen  Beweiswert  beizumessen.  Hinsichtlich  der  ihm  von  der  Vorinstanz  vorgeworfenen  mangelhaften  Kenntnisse  seines  Herkunftsorts  D._______  sowie  der  Analyse  seiner  Sprachkenntnisse werde auf die Ausführungen in der Stellungnahme vom  3.  Dezember  2009  verwiesen.  Sollte  weiterhin  an  seiner  Herkunft  aus  E._______ gezweifelt werden, werde die Rückweisung der Sache an die  Vorinstanz zur Durchführung einer Sprachanalyse mit einem qualifizierten  Sachverständigen beantragt, zumal  in der angefochtenen Verfügung die  Kritik  am  Verfasser  der  ersten  Analyse  ohne  Angabe  von  Gründen  zurückgewiesen  worden  sei.  Hinsichtlich  der  ihm  vorgeworfenen  Widersprüche sei  zu berücksichtigen, dass es sich um solche zwischen  seinen  Aussagen  bei  der  ersten  Befragung  an  der  Empfangsstelle  und  bei der Anhörung durch das BFM handle. Die erste Befragung sei aber  nur  summarisch  gewesen  und  zudem  habe  er  den  Dolmetscher  nur  schlecht  verstanden,  da  er  einen  anderen  Dialekt  gesprochen  und  nur  gemurmelt habe. Dies habe er bereits anlässlich der Anhörung durch das  BFM  zu  Protokoll  gegeben,  weshalb  dies  nicht  als  nachgeschobene  Schutzbehauptung qualifiziert werden könne. Zu beachten sei schliesslich  auch,  dass  er  bei  der  ersten  Befragung  erst  (…)­jährig  gewesen  und  durch die  vorangegangenen Erlebnisse  verunsichert  gewesen sei. Dass  er die Drohbriefe bei der Empfangsstellenbefragung nicht erwähnt habe,  sei  in  Anbetracht  dieser Umstände  nachvollziehbar.  Im Weiteren werde  auf seine Ausführungen zu den Widersprüchen anlässlich der Anhörung  durch das BFM verwiesen. Seine Ausführungen seien demnach entgegen  der Auffassung der Vorinstanz als glaubhaft zu erachten und es sei vom  Bestehen  einer  asylrelevanten  Verfolgung  auszugehen.  Sollte  die  Asylrelevanz  seiner  Vorbringen  verneint  werden,  sei  ihm  diesbezüglich  das  rechtliche  Gehör  zu  gewähren.  Im  Weiteren  sei  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  unzumutbar  zu  erachten.  Nachdem  seine  Eltern  verstorben  seien,  wäre  er  im  Irak  auf  sich  alleine  gestellt  und  er  wäre,  zumal  in  Anbetracht  der  nach  wie  vor  unsicheren  Lage  in  seinem  Heimatland, nicht in der Lage, sich eine Existenz aufzubauen.          5. 

E­1833/2010 5.1.  Grundsätzlich  sind  die  Vorbringen  eines  Gesuchstellers  dann  glaubhaft,  wenn  sie  genügend  substanziiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel sind; sie dürfen sich nicht  in vagen Schilderungen erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten  nicht  widersprüchlich  sein  oder  der  inneren  Logik  entbehren  und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr.  1  E.  5  S.  4  ff.).  An  die  Glaubhaftmachung  dürfen  nicht  zu  strenge  Anforderungen  gestellt  werden  und  die  Argumentation  der  Behörden  darf  sich  nicht  in  blossen  Gegenbehauptungen  oder  allgemeinen  Vermutungen  erschöpfen.  Angesichts  des  reduzierten  Beweismasses  der  Glaubhaftmachung  besteht  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob eine  Gesamtwürdigung  aller  Vorbringen  ergibt,  dass  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Gesuchstellers  sprechen  überwiegen oder nicht (vgl. EMARK 2004 Nr. 1 E 5 S. 4 ff., mit weiteren  Hinweisen, EMARK 1993 Nr. 21 S. 134 ff., EMARK 1993 Nr. 11 S. 67 ff.). 5.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  anerkennt  LINGUA­Analysen  des  BFM nicht als Sachverständigengutachten (Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57  ff.  des  Bundesgesetzes  vom  4.  Dezember  1947  über  den  Bundeszivilprozess  [BZP,  SR  273]  i.V.m.  Art.  19  VwVG),  sondern  als  schriftliche Auskünfte einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP  i.V.m.  Art.  19  VwVG),  misst  ihnen  indessen  −  sofern  bestimmte  Anforderungen an die  fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität  des  Experten  wie  auch  an  die  inhaltliche  Schlüssigkeit  und  Nachvollziehbarkeit  der  Analyse  erfüllt  sind  −  erhöhten  Beweiswert  zu  (vgl.  EMARK  2003  Nr.  14  E.  7,  EMARK  1998  Nr. 34).  Demnach  sind  LINGUA­Analysen  grundsätzlich  geeignet,  den  Nachweis  einer  Herkunftstäuschung zu erbringen (vgl. EMARK 1999 Nr. 19 E. 3d). Die  LINGUA­Analyse  vom  26.  Juni  2009  (Telefongespräch)  respektive  17. August  2009  (Analyse)  ist  fundiert,  sehr  differenziert  und  in  allen  Teilen  der  Begründung  überzeugend  ausgefallen.  Sie  gibt  zu  keinen  Beanstandungen  Anlass.  Der  eingesetzte  Gutachter  verfügt  gemäss  Aktenlage  über  vertiefte  Kenntnisse  von  Syrien  und  Kurdistan,  hat  analyserelevante  Kenntnisse  der  kurdischen  und  arabischen  Sprachen  und hat  insgesamt 48 Jahre  in der zu analysierenden Region verbracht.  Zudem  verfügt  er  über  eine  universitäre  Ausbildung  in  Linguistik.  Es  liegen demnach entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers keine  Gründe vor, an der Qualifikation des Gutachters insbesondere hinsichtlich 

E­1833/2010 der Analyse seiner sprachlichen Sozialisation zu zweifeln. Der Antrag auf  Durchführung einer neuen Sprachanalyse durch einen anderen Gutachter  ist  somit  abzuweisen.  Der  Beschwerdeführer  vermochte  der  vom  Gutachter  getroffenen  Einschätzung  weder  im  Rahmen  des  rechtlichen  Gehörs  zum  Ergebnis  der  Analyse  noch  in  seiner  Beschwerdeeingabe  stichhaltige  Argumente  entgegenzuhalten.  Insbesondere  wären  auch  unter  Berücksichtigung  seines  jungen  Alters  grundlegende  Kenntnisse  der  geographischen  Gegebenheiten  und  Lebens­  und  Sprachgewohnheiten  seiner  angeblichen Herkunftsregion D._______  zu  erwarten, zumal er nach seiner Darstellung während acht Jahren dort die  Schule  besuchte  und  soziale  Kontakte  auch  ausserhalb  seiner  Familie  pflegte.  Der Einsicht in den Wortlaut einer LINGUA­Analyse stehen überwiegende  öffentliche Geheimhaltungsinteressen entgegen (vgl. EMARK 1998 Nr. 34  E.  9  b). Das BFM hat  in  seiner Verfügung  vom 6. November  2009, mit  welcher  dem  Beschwerdeführer  Gelegenheit  zur  Stellungnahme  zum  Abklärungsergebnis  gewährt  wurde,  den  wesentlichen  Inhalt  des  Gutachtens  vom  17.  August  2009  in  hinreichendem  Umfang  wiedergegeben und damit den Grundsätzen des rechtlichen Gehörs und  des  fairen  Prozesses  Genüge  getan  (EMARK  2003  Nr.  14  E.  9).  Der  Antrag des Beschwerdeführers auf Offenlegung, welche seiner Angaben  zu  den  von  ihm  erwähnten  Schulen  sowie  zur  irakischen  Währung  unzutreffend seien, ist demnach abzuweisen. Nach dem Gesagten hat sich die Vorinstanz zu Recht auf das Ergebnis  der  LINGUA­Analyse  abgestützt,  wonach  der  Beschwerdeführer  entgegen  seinen  Angaben  nicht  in  D._______  sondern  höchstwahrscheinlich in der Provinz Dohuk sozialisiert wurde.  5.3. Das Ergebnis der Herkunfts­Analyse wird dadurch erhärtet, dass eine  von der Vorinstanz durchgeführte Prüfung der vom Beschwerdeführer zu  den Akten gereichten Identitätskarte ergeben hat, dass es sich dabei um  eine Fälschung handelt. Der Beschwerdeführer hat diese Bewertung nicht  grundsätzlich bestritten, hält aber daran fest, das Dokument legal bei der  zuständigen  Behörde  in  D._______  erworben  zu  haben.  Dies  erscheint  jedoch angesichts der zahlreichen und erheblichen Fälschungsmerkmale  als unglaubhaft und es kann diesem Dokument demnach in Bezug auf die  Herkunft des Beschwerdeführers kein Beweiswert zuerkannt werden. 

E­1833/2010 Im Weiteren weicht das auf dem Todesschein angegebene Geburtsdatum  des  Vaters  des  Beschwerdeführers  ([…])  eklatant  von  dessen  diesbezüglichen  Angaben  anlässlich  der  Befragungen  ab,  aus  welchen  sich  ein  Alter  des  Vaters  im  Todeszeitpunkt  von  etwa  (…)  oder  (…)  Jahren errechnen lässt (vgl. A1, S. 2, A18 S. 11). Zudem handelt es sich  bei  dem  verwendeten  Formular  lediglich  um  eine  Kopie  schlechter  Qualität.  Ebenso  weicht  das  im  Geburtsschein  des  Beschwerdeführers  angegebene  Alter  seiner  Eltern  ([…]  respektive  […]  Jahre)  sowohl  von  seinen  protokollierten,  oben  genannten  Angaben  als  auch  von  dem  im  Todesschein angegebenen Alter des Vaters ab Zudem wird  lediglich die  Geburtsprovinz (K._______ beziehungsweise L._______), nicht aber der  Geburtsort  oder  der  Bezirk  angegeben.  Demnach  sind  auch  an  der  Authentizität dieser Dokumente erhebliche Zweifel berechtigt.  In  Bezug  auf  die  weiteren  Dokumente  (Nationalitätenausweis,  Zivilregisterauszug)  ist zu berücksichtigen, dass nach Erkenntnissen der  schweizerischen  Asylbehörden  im  Irak  alle  Arten  von  Dokumenten  einfach auf illegale Weise zu beschaffen sind, weshalb ihnen generell nur  ein  reduzierter Beweiswert beizumessen  ist. Diese Dokument vermögen  daher  die  dargelegten  erheblichen  Anhaltspunkte  für  die  Unglaubhaftigkeit  der  Angaben  des  Beschwerdeführers  zu  seiner  Herkunft nicht auszuräumen. 5.4.  In  Anbetracht  dieser  Umstände  sowie  des  klaren  Ergebnisses  der  LINGUA­Analyse  gelangt  das  Gericht  in  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  zum  Schluss,  dass  der  Beschwerdeführer  seine  angebliche  Herkunft  aus  E._______  bei  D._______  nicht  glaubhaft  gemacht  hat.  Demzufolge  ist der von  ihm vorgebrachten Gefährdung durch arabische  Terroristen  in  seinem  angeblichen  Herkunftsort  jede  glaubhafte  Grundlage entzogen. 5.5. Diese Einschätzung wird dadurch gestützt, dass die Asylvorbringen  des Beschwerdeführers in wesentlichen Punkten Widersprüche enthalten  beziehungsweise sie erst bei der Anhörung durch das BFM vorgebracht  wurden  und  daher  als  nachgeschoben  zu  qualifizieren  sind.  Es  kann  hierzu auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung  verwiesen  werden.  Der  Beschwerdeführer  vermochte  diese  Ungereimtheiten weder anlässlich des Vorhalts in der Anhörung vom 27.  April  2009 noch  in der Beschwerdeeingabe überzeugend auszuräumen.  Das  Argument,  er  habe  den Dolmetscher  anlässlich  der  Kurzbefragung  vom 16. Januar 2008 schlecht verstanden, kann nicht gehört werden. Die 

E­1833/2010 Befragung  fand  in  Kurmanji­Kurdisch  statt,  der  Muttersprache  des  Beschwerdeführers.  Zudem  ergeben  sich  aus  dem  Protokoll  keine  Hinweise  auf  Missverständnisse  und  der  Beschwerdeführer  hat  am  Schluss der Befragung ausdrücklich bestätigt,  dass er den Dolmetscher  gut verstanden habe. 5.6. Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  asylrelevante  Verfolgungsgefahr nachzuweisen oder glaubhaft darzutun. Die Vorinstanz  hat sein Asylgesuch demzufolge zu Recht abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  EMARK  2001  Nr. 21;  BVGE  2009/50  E.  9  S.  733  mit  weiteren Hinweisen ). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148).

E­1833/2010 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers in den Irak ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5  AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  den  Irak  dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren 

E­1833/2010 Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Nordirak,  wo der Beschwerdeführer höchstwahrscheinlich herkommt (vgl. E. 7.4.2),  lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht  als  unzulässig  erscheinen  (vgl.  BVGE  2008/4  E.  6.2  ff.).  Nach  dem  Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl­ als  auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4.  7.4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.4.2.  Wie  oben  ausgeführt,  ist  von  einer  Herkunft  des  Beschwerdeführers aus der Provinz Dohuk im Nordirak auszugehen.  7.4.3.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  aufgrund  einer  umfassenden  Beurteilung  der  aktuellen  Situation  in  den  nordirakischen  Provinzen  Dohuk, Suleimaniya und Erbil zum Schluss gekommen, dass in den drei  kurdischen  Provinzen  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht,  und  die  dortige  politische  Lage  nicht  dermassen  angespannt  ist,  dass  eine  Rückführung dorthin  als  generell  unzumutbar  betrachtet werden müsste  (vgl.  BVGE 2008/5).  Zudem  ist  die Region mit Direktflügen  aus Europa  und aus den Nachbarstaaten erreichbar. Damit entfällt  das Element der  unzumutbaren  Rückreise  via  Bagdad  und  anschliessend  auf  dem  Landweg  durch  den  von  Gewalt  heimgesuchten  Zentralirak.  Zusammenfassend wurde im erwähnten Entscheid festgehalten, dass die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde und junge kurdische Männer, die ursprünglich aus einer der drei  Provinzen  stammen  oder  eine  längere  Zeit  dort  gelebt  haben  und  dort  nach  wie  vor  über  ein  soziales  Netz  oder  Parteibeziehungen  verfügen,  zumutbar  ist.  Für  alleinstehende  Frauen  und  für  Familien  mit  Kindern,  sowie  für  Kranke  und Betagte  ist  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  dagegen  grosse  Zurückhaltung  angebracht  (vgl.  BVGE  2008/5  E.  7.5  und  insbesondere  E.  7.5.8  S.  65  ff.).  Die 

E­1833/2010 Sicherheitslage in den drei kurdischen Provinzen hat sich seit Publikation  des  erwähnten  Urteils  nicht  verschlechtert.  In  der  überwiegenden  Mehrheit  der  Berichte  von  Regierungs­  und  Nichtregierungsorganisationen  sowie  des  UN­Sicherheitsrats  wird  eine  insgesamt stabile Situation beschrieben (vgl. statt vieler Quellen: Amt des  Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen [UNHCR], Note on  the Continued Applicability of the April 2009 UNHCR Eligibility Guidelines  for Assessing the International Protection Needs of Iraqi Asylum­Seekers,  Juli 2010, S. 2 f.). 7.4.4.  Beim  Beschwerdeführer  handelt  es  sich  um  einen  jungen,  alleinstehenden und gemäss Aktenlage gesunden Mann. Er verfügt über  eine  grundlegende  Schulbildung.  Gemäss  Aktenlage  hat  er  in  der  Schweiz  während  rund  zwei  Monaten  in  einem  Gastgewerbebetrieb  gearbeitet, hat aber darüber hinaus keine berufliche Erfahrung.  Gemäss seinen Angaben hat der Beschwerdeführer  im  Irak, abgesehen  von seiner Grossmutter mütterlicherseits, welche in einem Irrenhaus lebe,  keine  näheren  Familienangehörigen.  In  M._______  und  N._______  würden mehrere Cousins seines Vaters leben, zu welchen er aber keinen  Kontakt  pflege.  Ebenso  habe  er  keinen  Kontakt  zu  seinem  nach  F._______  emigrierten  Bruder.  Nachdem  erstellt  ist,  dass  der  Beschwerdeführer  unwahre  Angaben  zu  seinem  Herkunftsort  gemacht  hat, und seine Identität angesichts der gefälschten beziehungsweise nicht  beweiskräftigen  eingereichten  Identitätsdokumente  nicht  erstellt  ist,  sind  allerdings  auch  Zweifel  an  seinen  Aussagen  zu  seinem  Familiennetz  berechtigt.  Insbesondere  erscheint  wenig  plausibel,  dass  beide  Eltern  Einzelkinder gewesen sein sollen, und er daher keine Onkel und Tanten  habe.  Zudem  sind  die  vom  Zivilstandsamt  J._______  zu  Handen  des  BFM  am  22. Dezember  2010  sichergestellten Dokumente  zum Teil  erst  nach  der  Einreise  des  Beschwerdeführers  in  die  Schweiz  ausgestellt  worden  (Geburtsschein  vom  16. September  2009,  Zivilregisterauszug  vom  1.  Februar  2010)  und  sind  ihm  augenscheinlich  im  Jahre  2010  zugestellt  worden.  Auch  wenn  es  sich  bei  diesen  Dokumenten  mit  überwiegender Wahrscheinlichkeit um Fälschungen handelt (vgl. E. 5.3),  ist  davon auszugehen,  dass  sie  im  Irak  erstellt wurden. Demnach  kann  der Schluss gezogen werden, dass der Beschwerdeführer zumindest bis  ins Jahr 2010 über eine Bezugsperson in seinem Herkunftsland verfügte,  welche diese Dokumente beschaffte und sie ihm zustellte. Dies steht aber  im Gegensatz zu seiner Behauptung anlässlich der Anhörung durch das  BFM vom 27. April 2009, seine  letzte Bezugsperson  im Irak, ein Freund 

E­1833/2010 seines  Vaters,  welcher  seine  Ausreise  organisiert  habe,  sei  im  Januar  2009 in die Türkei ausgereist (A18 S. 16).  Unter  diesen  Umständen  ist  entgegen  der  Aussagen  des  Beschwerdeführers  davon  auszugehen,  dass  er  in  seiner Herkunftsland  über  ein  tragfähiges  soziales  Netz  verfügt.  Im  Übrigen  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  wirtschaftliche  Schwierigkeiten,  von  welchen  die  vor  Ort  ansässige  Bevölkerung  generell  betroffen  ist,  wie  beispielsweise  Wohnungsnot  oder  ein  schwieriger  Arbeitsmarkt,  für  sich  allein  praxisgemäss  keine  konkrete  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  83  Abs.  4  AuG  darstellen  (vgl.  EMARK  2003  Nr.  24  E.  5e  S.  159  mit  weiteren  Hinweisen). 7.4.5.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch als zumutbar. 7.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 7.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei  diesem Ausgang  des  Verfahrens wären  dem Beschwerdeführer  die  Verfahrenskosten aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da  indessen mit  Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts  vom 26. März 2010  das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  gutgeheissen  wurde  und  keine  Anhaltspunkte  dafür  bestehen,  dass  sich  seine  finanzielle  Lage 

E­1833/2010 seither  massgeblich  verändert  hätte,  wird  auf  die  Auferlegung  von  Verfahrenskosten verzichtet. (Dispositiv nächste Seite)

E­1833/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dieses Urteil  geht an die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers, das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Kurt Gysi Nicholas Swain Versand:

E-1833/2010 — Bundesverwaltungsgericht 16.11.2011 E-1833/2010 — Swissrulings