Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 17.01.2012 D-7933/2010

January 17, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,550 words·~13 min·3

Summary

Asyl (ohne Wegweisung) | Asylgesuch; Verfügung des BFM vom 8. Oktober 2010

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­7933/2010 Urteil   v om   1 7 .   J a nua r   2012 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter Martin Zoller,    Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren am _______, Türkei,   vertreten durch lic. iur. Andreas Fäh, _______ Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 8. Oktober 2010 / _______

D­7933/2010 Sachverhalt: A.  A.a.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  der  Beschwerdeführer  seinen  Heimatstaat  _______  2007  und  gelangte  über  ihm  unbekannte  Länder  _______ 2007  in  die Schweiz, wo er  am selben Datum ein Asylgesuch  stellte. Dazu wurde er _______ summarisch befragt. _______ 2008 führte  das BFM eine Anhörung durch. A.b. Der Beschwerdeführer machte  im Wesentlichen geltend, kurdischer  Ethnie  zu  sein  und  in  _______  gelebt  zu  haben.  Er  stamme  aus  einer  politisch  aktiven  und  entsprechend  verfolgten  Familie.  Während  der  Schulzeit  habe  er  sich  innerhalb  demokratischer  Schranken  politisch  betätigt. Er habe unter anderem bei der Organisation von Schulboykotten  mitgeholfen und gegen Studiengebühren protestiert. Im Frühjahr 1998 sei  er  vier  Tage  lang  polizeilich  festgehalten  worden.  Dabei  habe  er  Folterungen  erlitten.  _______  1999  sei  er  bei  einer  Razzia,  welche  offenbar  wegen  seines  abwesenden  Bruders  stattgefunden  habe,  zuhause erneut  festgenommen worden, da er eingeräumt habe, die von  den Sicherheitskräften gefundene Zeitschrift  "Kurtulus" gehöre  ihm. Man  habe ihn auf die Abteilung zur Bekämpfung des Terrors gebracht und ihm  angelastet,  im  Frühjahr  1998  an  einer  Molotow­Cocktail­Aktion  beteiligt  gewesen  zu  sein.  Er  habe  die  angebliche  Teilnahme  verneint  und  sei  gefoltert worden. Wegen der Folterungen habe er Taten, welche von ihm  gar  nicht  begangen  worden  seien,  gestanden.  Er  sei  in  Untersuchungshaft  genommen  und  vorerst  ins  Gefängnis  von  _______  gebracht worden. Dort hätten _______ Massaker stattgefunden. _______  2005 und mithin nach  insgesamt  fünfeinhalb Jahren sei er aus der Haft  entlassen worden. Die frühzeitige Freilassung sei gestützt auf das in Kraft  getretene neue  türkische Strafgesetz erfolgt. Das gegen  ihn eingeleitete  Strafverfahren sei weitergeführt worden. Es werde  ihm vorgeworfen, die  DHKP­C  (Devrimci  Halk  Kurtulus  Partisi­Cephesi)  beziehungsweise  die  LDG  (Revolutionäre  Gymnasialjugend)  zu  unterstützen  respektive  unterstützt  zu haben. Dies stimme  insofern nicht, als er  zwar mit dieser  Organisation  sympathisiere,  sie  aber  erst  im  Gefängnis  kennen  gelernt  habe.  Seit  dem Engagement während  der  Schulzeit  habe  er  an  keinen  politischen  Aktivitäten  teilgenommen.  Nach  der  Haftentlassung  habe  er  versucht,  ein  normales  Leben  zu  führen,  und  vom  April  2006  an  im  Kaffeehaus  seines  Bruders  gearbeitet.  _______  2006  sei  einer  seiner  Kunden  nach  dem  Verlassen  des  Kaffeehauses  zusammen  mit  einer  Freundin  durch  einen Mann mit  einer  Schusswaffe  angegriffen  worden. 

D­7933/2010 Der Kunde sei entkommen und ins Kaffeehaus zurückgekehrt, wo er ihm  das  Vorgefallene  geschildert  habe.  Er  wisse  nicht,  wohin  sich  die  Freundin begeben habe. Zusammen mit diesem Kunden habe er später  seinen Arbeitsort  verlassen mit  der Absicht,  an die Adresse der Familie  der  Freundin  zu  gelangen.  Unterwegs  seien  sie  durch  den  erwähnten  Bewaffneten erneut angegangen worden. Dieser habe nicht den Kunden,  sondern  ihn mit  fünf Schüssen getroffen. Er sei  in Spitalpflege gebracht  worden.  Dort  habe  ihn  die  Polizei  aufgesucht.  Er  sei  nicht  zum  selber  Erlebten, sondern zu einem Mordfall, welcher sich kurz zuvor im gleichen  Stadtquartier  ereignet  habe,  verhört  worden.  Trotz  seiner  schweren  Verletzungen sei er durch die Polizei aus dem Spital geführt und in Haft  genommen  worden.  Nachdem  er  eine  behördliche  Zusammenarbeit  als  Spitzel  verweigert  habe,  sei  ihm das  vorerwähnte Morddelikt  angelastet  worden. Beim Opfer habe es sich um eine rechtsgerichtete Persönlichkeit  gehandelt.  Ihn  als  Linksgerichteten  habe  man  im  Rahmen  eines  Polizeikomplotts  fälschlicherweise  dieses  Tötungsdelikts  beschuldigt.  Er  habe sich geweigert, ein entsprechendes Protokoll zu unterzeichnen. Es  seien  Personen  zur  Identifizierung  des  Täters  vorgeladen  worden.  Gemäss Aussagen der Schwester des Opfers habe er dieses zwei Tage  vor  dem  Mord  in  einem  Gerichtsgebäude  bedroht.  Die  dreizehnjährige  Nichte  des  Ermordeten  habe  behauptet,  er  sei  der  Täter;  sie  habe  ihn  schon  zuvor  gesehen.  Zusammen  mit  anderen  habe  er  ihren  Onkel  nachts  um  ein  Uhr  umgebracht.  Das  Kind  habe  auf  Nachfragen  indes  widersprüchliche  Aussagen  gemacht.  Im Weiteren  habe  ihn  die  Polizei  mit  dem  Tode  bedroht.  Wegen  mangelnder  Beweise  und  widersprüchlicher  Zeugenaussagen  habe  das  zuständige  Gericht  beschlossen,  ihn aus der Untersuchungshaft  zu entlassen. Auch dieses  Verfahren sei nach wie vor hängig. Er rechne aber aufgrund der dürftigen  Beweislage mit einer Verfahrenseinstellung. Die Polizei habe in der Folge  noch  mehrfach  versucht,  einen  gerichtlichen  Haftbefehl  gegen  ihn  zu  erwirken.  Den  wiederholten  Bemühungen  sei  indes  nicht  entsprochen  worden.  _______  2007  habe  ihn  die  Polizei  im  vorerwähnten  Zusammenhang  wiederum  verhaftet.  Er  sei  gerichtlich  einvernommen  worden;  auch  der  erneute  Haftantrag  sei  aber  gerichtlich  abgelehnt  worden. _______ 2007 sei er ein weiteres Mal polizeilich festgenommen  worden.  Die  Verhaftung  –  gestützt  auf  einen  Haftbefehl  wegen  Nichterscheinens  zu einem Gerichtstermin –  sei  im Zusammenhang mit  Unruhen  gestanden,  welche  sich  während  seiner  Untersuchungshaft  _______  im  Gefängnis  ereignet  hätten.  Diesbezüglich  sei  ein  weiteres  Verfahren  gegen  ihn  hängig.  Dem  Antrag  auf  Anordnung  der  Untersuchungshaft  sei  aber  vom  Gericht  wiederum  nicht  entsprochen 

D­7933/2010 worden.  Aus  Angst,  wegen  der  andauernden  polizeilichen  Machenschaften früher oder später erneut im Gefängnis zu landen, sei er  schliesslich  ins Ausland geflohen. Dies auch deshalb, weil  er befürchtet  habe,  im  Rahmen  des  Militärdienstes  aus  politischen  Gründen  weitere  Repressionen zu erleiden. A.c. Im Rahmen der Anhörung wurde dem Beschwerdeführer ferner das  rechtliche Gehör  zu  einem  Abklärungsergebnis  der  Vorinstanz,  wonach  es sich bei der eingereichten  Identitätskarte um eine Fälschung handle,  gewährt. Dabei hielt er an der Echtheit des Dokuments fest.  A.d. Für die eingereichten Beweismittel ist auf die vorinstanzlichen Akten  zu verweisen (vgl. die Auflistungen gemäss A 1/9 S. 6 beziehungsweise   A 8/1).  B.  Am  10.  April  2008  zeigte  eine  vormalige  Rechtsvertretung  des  Beschwerdeführers dem BFM ihre Mandatsübernahme an. Im Schreiben  wurde  festgehalten,  beim  eingereichten  Identitätsausweis  des  Beschwerdeführers  handle  es  sich  entgegen  den  Abklärungen  der  Vorinstanz  um  ein  unverfälschtes  Dokument.  Gleichzeitig  wurde  um  Zustellung einer Kopie des Ausweises für weitere Abklärungen ersucht.  C.  _______ 2008 gelangte die Vorinstanz an die Schweizerische Botschaft  in  _______  und  ersuchte  um Abklärungen  vor Ort.  Deren  Ergebnis  traf  _______  2008  beim  BFM  ein.  Im  Bericht  wurde  unter  anderem  festgehalten,  gegen den Beschwerdeführer  seien  zwei Strafverfahren  in  der Türkei hängig.  D.  Am  9  April  2009  legte  die  vormalige  Rechtsvertretung  des  Beschwerdeführers ihr Mandat nieder.  E.  Am  5.  Mai  2009  zeigte  eine  weitere  vormalige  Rechtsvertretung  des  Beschwerdeführers dem BFM ihre Mandatsübernahme an. Im Schreiben  wurde  um  Bekanntgabe  des  Verfahrensstands  beziehungsweise  um  einen  baldigen Entscheid  ersucht.  In  der  Folge  nahm  das BFM mit  der  Rechtsvertretung telefonischen Kontakt auf. 

D­7933/2010 F.  Am  6.  August  2009  (Eingang  BFM)  gab  der  Beschwerdeführer  ein  türkisches  Gerichtsdokument  vom  _______  zu  den  Akten.  Gleichzeitig  beantragte er erneut die prioritäre Behandlung seines Gesuchs.  G.  Im Rahmen des  am 17. Dezember  2009  gewährten  rechtlichen Gehörs  zu den Botschaftsabklärungen nahm der Beschwerdeführer mit Eingabe  seiner  Rechtsvertretung  vom  23.  Dezember  2009  Stellung.  Er  machte  geltend, die Abklärungen bestätigten seine asylrelevante Gefährdung.  H.  Als  nächste  Akte  (A  32/3)  wurde  vom  BFM  die  Stellungnahme  eines  türkischen  Rechtsanwalts  samt  Beilage  und  (auszugsweiser)  Übersetzung paginiert.  I.  Mit  Zwischenverfügung  vom  13.  Januar  2010  forderte  das  BFM  den  Beschwerdeführer  im Zusammenhang mit dem unter Bst. F.  vorstehend  erwähnten  Gerichtsdokument  auf,  die  vollständige  Urteilsschrift  im  besagten  Strafverfahren  nachzureichen  und  anzugeben,  ob  er  Beschwerde gegen dieses erstinstanzliche Urteil eingereicht habe.  J.  Am  10.  Februar  2010  gab  der  Beschwerdeführer  die  geforderte  Urteilsschrift  zu  den Akten. Über  die  eingereichte Beschwerde  sei  noch  nicht befunden worden.  K.  Mit Eingabe vom 28. April 2010 ersuchte der Beschwerdeführer das BFM  um  einen  baldigen  Entscheid  sowie  um  Akteneinsicht  vor  Entscheidfällung.  L.  Am 2.  September  2010  ging  beim BFM ein  fremdsprachiges Schreiben  des Beschwerdeführers ein.  M.  Am 24. September 2010 gewährte das BFM die beantragte Akteneinsicht.  N.  Mit  Verfügung  vom  8.  Oktober  2010  –  eröffnet  am  12.  Oktober  2010 – 

D­7933/2010 stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Abs. 1 und Abs. 2 des Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31),  lehnte  das Asylgesuch  gestützt  auf  Art.  53  AsylG  ab,  ordnete  die Wegweisung  des  Beschwerdeführers  aus  der  Schweiz  an  und  nahm  ihn  zufolge  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  vorläufig  auf.  Die  Vorinstanz  begründete  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  mit  seiner  glaubhaft  gemachten Involvierung in das Verfahren betreffend DHKP­C, in welchem  er  zu einer  langjährigen Haftstrafe  verurteilt worden sei. Dieses genüge  rechtsstaatlichen  Massstäben  nicht.  Das  zweite  Verfahren  im  Zusammenhang  mit  dem  ihm  angelasteten  Tötungsdelikt  in  _______  erachtete die Vorinstanz für rechtsstaatlich legitim.  Hinsichtlich  der  festgehaltenen Asylunwürdigkeit  hielt  das BFM  fest,  die  blosse  Mitgliedschaft  bei  einer  kriminellen  respektive  terroristisch  operierenden  Organisation  stelle  eine  verwerfliche  Handlung  im  Sinne  von  Art.  53  AsylG  dar.  Als  Beteiligte  seien  alle  Personen  anzusehen,  welche funktionell in eine solche Organisation eingegliedert seien und im  Hinblick  auf  deren  Zweckentfaltung  Aktivitäten  ausüben  würden.  Diese  Aktivitäten  bräuchten  für  sich  alleine  besehen  nicht  notwendigerweise  konkrete  Straftaten  zu  sein.  Bei  Personen,  welche  nicht  in  die  Organisationsstruktur  integriert  seien,  komme  die  Variante  der  Unterstützung  in  Frage.  Diese  verlange  einen  bewussten  Beitrag  zur  Förderung der Organisationsaktivitäten. Dabei müsse der Unterstützende  wissen  oder  zumindest  in  Kauf  nehmen,  dass  sein  Beitrag  der  gewaltsamen Zweckverfolgung der Organisation dienen könne.  Dem  Beschwerdeführer  hätten  die  türkischen  Behörden  vorgeworfen,  Mitglied  der DHKP­C  zu  sein. Er  solle  einschlägige Zeitschriften  verteilt  und sich an bewaffneten Anschlägen beteiligt haben. Es sei offenkundig,  dass  die  DHKP­C  gewaltsame  Mittel  zur  Zielerreichung  einsetze.  Der  Beschwerdeführer bestreite zwar, Mitglied der DHKP­C gewesen zu sein  und  sich  an  gewaltsamen  Anschlägen  beteiligt  zu  haben.  Er  behaupte,  die  Organisation  erst  während  seiner  Inhaftierung  kennen  gelernt  zu  haben.  Ferner  habe  er  ausgeführt,  sich  nur während  der Gymnasialzeit  im  Rahmen  demokratischer  Aktivitäten  politisch  betätigt  zu  haben.  Aufgrund  der  Aktenlage  müssten  diese  Erklärungen  indes  als  wenig  überzeugende  Schutzbehauptungen  gewertet  werden.  So  könnten  sich  die  türkischen  Behörden  im  vorliegenden  Fall  auf  eine  aussagekräftige  Beweislage stützen. Der Beschwerdeführer werde angeklagt, Mitglied der  DHKP­C­Jugendgruppe  LDG  in  seinem  Quartier  gewesen  zu  sein.  In 

D­7933/2010 diesem  Zusammenhang  habe  er  bei  der  Summarbefragung  ausgesagt,  während  der  Gymnasialzeit  in  einer  "der  Polizei  bekannten"  Jugendgruppe  politisch  aktiv  gewesen  zu  sein.  Somit  basierten  die  Vorwürfe  der  türkischen  Behörden  auf  einer  von  ihm  zugegebenen  objektiven Grundlage. Im Weiteren hätten der Beschwerdeführer und die  Mitangeklagten detaillierte Angaben zu den ihnen angelasteten Molotow­ Anschlägen  gemacht.  Diese  Aussagen  seien  gemäss  seinen  Angaben  indes  wegen  Folter  erfolgt.  Diese  Foltervorwürfe  seien  zwar  nicht  zu  bestreiten. Allein die Foltervorwürfe seien  indes noch kein Beweis dafür,  dass  die  Anschuldigungen  der  türkischen  Behörden  nicht  zutreffen  könnten.  Aufgrund  der  gegenseitigen  Belastungen  der  Angeklagten  im  türkischen Verfahren verbunden mit detaillierten Aussagen bestünden im  Ergebnis  erhebliche  Anhaltspunkte  dafür,  dass  die  von  den  türkischen  Behörden  erhobenen  Anklagen  nicht  unbegründet  seien.  Vor  diesem  Hintergrund sei mit grosser Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  seiner  DHKP­C  Mitgliedschaft  oder  seiner  Unterstützungstätigkeiten  für  die  DHKP­C  an  mehreren  bewaffneten  Aktionen mit Molotow­Cocktails  teilgenommen  habe.  Somit  seien  ihm  Straftaten  vorzuwerfen,  welche  dem  schweizerischen  Verbrechensbegriff  entsprechen  würden,  was  zum  Asylausschluss  gemäss Art. 53 AsylG führe.  O.  Mit  Eingabe  seiner  neu  mandatierten  Rechtsvertretung  vom  11.  November  2010  beantragte  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  die  Aufhebung  des  vorinstanzlichen  Entscheids  im  Asylpunkt  und  betreffend  Wegweisung  als  solche,  die  Gewährung  des  Asyls  und  in  prozessualer  Hinsicht  die  unentgeltliche  Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom  20.  Dezember  1968  [VwVG,  SR 172.021])  samt  Entbindung  von  der  Kostenvorschusspflicht sowie – in Anbetracht der noch nicht übermittelten  vorinstanzlichen  Akten  –  Fristansetzung  zur  Nachreichung  einer  ergänzenden Begründung. Im Zusammenhang mit der ihm vorgehaltenen  Asylunwürdigkeit  machte  er  geltend,  entgegen  der  vorinstanzlichen  Sichtweise  nicht  Mitglied  der  DHKP­C  gewesen  zu  sein;  auch  habe  er  sich nicht an bewaffneten Anschlägen beteiligt. Die DHKP­C habe er erst  im  Gefängnis  kennengelernt.  Er  habe  sich  lediglich  während  der  Gymnasialzeit  im  Rahmen  demokratischer  Aktivitäten  politisch  betätigt.  Die  vermeintlich  aussagekräftige  Beweislage,  auf  welche  sich  die  Vorinstanz  stütze,  seien  unter  Folter  gemachte  Aussagen  im  DHKP­C­ Verfahren. Seine Ausführungen anlässlich der Summarbefragung,  in der 

D­7933/2010 Schulzeit  einer  "der  Polizei  bekannten",  politisch  aktiven  Jugendgruppe  angehört zu haben, sei für die Vorinstanz Anlass gewesen, die Vorwürfe  der  Ermittlungsorgane  für  objektiv  gerechtfertigt  zu  erachten,  was  nicht  angehe.  Das  BFM  stütze  sich  in  seinem  Entscheid  massgeblich  auf  Dokumente der nicht rechtsstaatlich handelnden Behörden.  P.  Mit  Zwischenverfügung  vom  23.  November  2011  setzte  die  Instruktionsrichterin  Frist  zur  Beschwerdeergänzung  an,  verzichtete  auf  die Erhebung eines Kostenvorschusses und hiess das Gesuch im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut. Q.  In seiner ergänzenden Rechtsschrift vom 30. November 2011 bekräftigte  der  Beschwerdeführer  seine  bisherigen  Ausführungen.  Ferner  legte  er  dar,  selbst  wenn  er  die  ihm  vorgeworfenen  Taten  wie  namentlich  Schmiere stehen bei Molotow­Aktionen tatsächlich begangen hätte, noch  keine Verwerflichkeit im Sinne von Art. 53 AsylG vorliegen würde.  R.  Mit  Vernehmlassung  vom  17.  Dezember  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  vorinstanzliche  Stellungnahme  wurde  dem Beschwerdeführer am 21. Dezember 2010 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).

D­7933/2010 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  2.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 2.2. Flüchtlingen  wird  kein  Asyl  gewährt,  wenn  sie  wegen  verwerflicher  Handlungen dessen unwürdig sind oder wenn sie die innere oder äussere  Sicherheit der Schweiz verletzt haben oder gefährden (Art. 53 AsylG). 2.3. Nachdem das BFM den Beschwerdeführer als Flüchtling anerkannt  hat, beschränkt sich der Prozessgegenstand vorliegend auf die Frage, ob  die Vorinstanz  zu Recht  vom Bestehen  des Asylausschlussgrundes  der  Asylunwürdigkeit gemäss Art. 53 AsylG ausgegangen ist. 3.  3.1. Praxisgemäss  fallen  unter  den  in Art.  53 AsylG enthaltenen Begriff  der  "verwerflichen  Handlungen"  auch  Delikte,  die  nicht  ein  schweres  Verbrechen  im Sinne  von Art.  1  F Bst.  b  des Abkommens  vom 28. Juli 

D­7933/2010 1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR 0.142.30)  darstellen, solange sie dem abstrakten Verbrechensbegriff von Art. 9 Abs.  1  des  Schweizerischen  Strafgesetzbuches  vom  21. Dezember  1937  (StGB,  SR  311.0)  in  dessen  bis  zum  31. Dezember  2006  gültiger  Fassung  entsprechen.  Als  Verbrechen  definiert  wurde  dort  jede  mit  Zuchthaus  bedrohte  Straftat.  Im  heute  geltenden  StGB  definiert  Art.  10  Abs.  2  Straftaten  als  Verbrechen,  die  mit  mehr  als  3  Jahren  Freiheitsstrafe  bedroht  sind.  Unter  Hinweis  auf  Art.  333  Abs.  2  Bst.  a  StGB  scheint  auch  denkbar,  dass  eine  mit  weniger  als  drei  Jahren  Freiheitsstrafe  bedrohte  Straftat  als  "verwerfliche  Handlung"  gewertet  werden  und  zum  Asylausschluss  führen  könnte;  diese  Frage  kann  indessen im vorliegenden Fall offen gelassen werden. Die Anbindung an  den Verbrechensbegriff  in  der  alten  Fassung  des Strafgesetzbuches  im  Zusammenhang  mit  Art. 53  AsylG  wurde  vom  Gesetzgeber  mit  der  Totalrevision des Asylgesetzes bewusst übernommen (vgl. Botschaft zur  Totalrevision des Asylgesetzes sowie zur Änderung des Bundesgesetzes  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  vom  4.  Dezember  1995,  Bbl. 1996  II  71  ff.).  Dabei  ist  es  auch  heute  noch  (nach  der  zu  einem späteren Zeitpunkt erfolgten Revision des StGB) irrelevant, ob die  verwerfliche Handlung einen ausschliesslich gemeinrechtlichen Charakter  hat  oder  als  politisches  Delikt  aufzufassen  ist  (vgl.  BVGE  E­4286/2008  mit weiteren Hinweisen). 3.2.  Unter  Art.  53  AsylG  sind  ausserdem  auch  Handlungen  zu  subsumieren, denen keine strafrechtliche Konnotation  im engeren Sinne  des Strafrechts zukommen. Art. 53 AsylG verwendet keinen der Begriffe  Verbrechen,  Vergehen,  Delikte  oder  strafbare  Handlungen,  sondern  vielmehr  den  juristisch  nicht  allgemein  definierten  und  moralisch  besetzten Ausdruck der "verwerflichen Handlungen". Auch aus dem Titel  von Art. 53 AsylG ("Asylunwürdigkeit") geht, wie in EMARK 2002 Nr. 9 E.  7d  ausgeführt,  hervor,  dass  jemand,  der  verwerfliche  Handlungen  begangen habe,  des Asyls  unwürdig  sei, was  doch  auf  einen  gewissen  moralischen Charakter der Norm hinweise (vgl. BVGE    E­4286/2008 E.  6.3.). 3.3. Hinsichtlich  des  anzuwendenden  Beweismasses  ist  bei  Straftaten,  die im Ausland begangen wurden, kein strikter Nachweis erforderlich. Die  ARK  legte  hinsichtlich  der  Praxis  bei  der  Anwendung  der  Ausschlussklausel  von  Art.  1  F  Bst. a  FK  fest,  dass  die  Verwaltungsbehörde nicht darüber zu entscheiden hat, ob die betreffende  Person  sich  im  strafrechtlichen  Sinne  eines  Verbrechens  gegen  den 

D­7933/2010 Frieden,  eines  Kriegsverbrechens  oder  eines  Verbrechens  gegen  die  Menschlichkeit  schuldig  gemacht  hat.  Sie  stellt  lediglich  fest,  dass  hinlänglich  konkrete  Anhaltspunkte  (faisceau  d'indices)  dafür  vorliegen  müssen,  dass  die  betreffende  Person  für  solche  verpönte  Taten  individuell verantwortlich ist (vgl. EMARK 2006 Nr. 29 E. 4 S. 313 ff.). Das  Bundesverwaltungsgericht  hält  dafür,  dass  auch  für  die  Beurteilung,  ob  Gründe für einen Asylausschluss vorliegen, der gleiche Beweismassstab  anzuwenden  ist  wie  bei  der  Beurteilung,  ob Gründe  für  den  wesentlich  bedeutsameren Ausschluss von der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 1 F  Bst.  a  FK  vorliegen.  Dies  heisst,  dass  die  Behörde,  die  über  den  Asylausschluss  nach  Art.  53  AsylG  entscheidet,  zu  prüfen  hat,  ob  hinlänglich  konkrete  Anhaltspunkte  (faisceau  d'indices)  dafür  vorliegen,  der  Gesuchsteller  beziehungsweise  Beschwerdeführer  habe  eine  individuelle Verantwortlichkeit für "verwerfliche Handlungen" im Sinne des  Asylgesetzes.  Die  Praxis  folgt  sodann  der  in  der  Lehre  vertretenen  Auffassung,  dass  bei  der  Beurteilung  der  Asylunwürdigkeit  auch  der  Grundsatz  der  Verhältnismässigkeit  zu  beachten  ist.  Dabei  ist  vorab  in  Betracht  zu  ziehen, wie  lange die Tat  bereits  zurückliegt, wobei  auf  die  Verjährungsbestimmungen  des  Strafrechts  verwiesen  wird.  Ebenso  haben das Alter des Flüchtlings im Zeitpunkt der Tatbegehung sowie eine  allfällige Veränderung der  Lebensverhältnisse nach der Tat Einfluss auf  die diesbezügliche Entscheidfindung (vgl. zum Ganzen EMARK 2002 Nr.  9 E. 7d S. 82 mit Hinweisen). 4.  4.1. Gemäss Art. 260ter StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu  fünf  Jahren  bestraft,  wer  sich  an  einer  Organisation  beteiligt,  die  ihren  Aufbau  und  ihre  personelle  Zusammensetzung  geheim  hält  und  die  den  Zweck  verfolgt,  Gewaltverbrechen  zu  begehen  oder  sich  mit  verbrecherischen  Mitteln  zu  bereichern,  oder  eine  solche  Organisation  in  ihrer  verbrecherischen Tätigkeit unterstützt. Somit gilt die Beteiligung an einer  solchen  Organisation  beziehungsweise  die  Unterstützung  derselben  in  ihrer  verbrecherischen  Tätigkeit  als  Verbrechen  und  würde  demzufolge  einen Asylausschluss begründen (vgl. EMARK 2002 Nr. 9 E. 7c S. 80 ff.).  Es  genügt  die  Beteiligung  oder  Unterstützung  ohne  Nachweis  des  individuellen  Tatbeitrages  an  einem  konkreten  Delikt.  Der  Begriff  der  kriminellen  Organisation  im  Sinne  von  Art.  260ter  StGB  umfasst  neben  den  mafiaähnlichen  Verbrechersyndikaten  auch  hochgefährliche  terroristische  Gruppierungen.  Nicht  dazu  gezählt  werden  hingegen  (grundsätzlich) extremistische Parteien, oppositionelle politische Gruppen  sowie  Organisationen,  die  mit  angemessenen  (nicht  verbrecherischen) 

D­7933/2010 Mitteln  um  die  politische Macht  in  ihrem  Heimatland  ringen  oder  einen  Freiheitskampf gegen diktatorische Regimes führen (vgl. BGE 130 II 337  E. 6 S. 344 f.; BGE 131 II 235 E. 2.12 S. 240 ff.; BGE 133 IV 58 E. 5 S.  63 ff.).  4.2. Nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts handelte es  sich bei der Dev­Sol, aus der die DHKP­C hervorgegangen  ist, um eine  illegale  Organisation  mit  dem  Ziel,  das  bestehende  türkische  Staatsgefüge  durch  bewaffnete  Revolution  zu  zerschlagen  und  ein  sozialistisches System einzurichten. Um ihre Ideologie dem Volk nahe zu  bringen  und  neue  Anhänger  zu  gewinnen,  führte  sie  auch  legale  Aktivitäten  durch und arbeitete  in  legalen und demokratischen Vereinen  mit.  Aufgrund  interner  Streitigkeiten  spaltete  sie  sich  im  Jahre  1992  in  zwei  verfeindete  Flügel,  die  THKP­C  (Türkische  Volksbefreiungspartei­ Front;  auch Yagan­Flügel  genannt)  und  die  1994  entstandene DHKP­C  (Revolutionäre Volksbefreiungspartei­Front oder Karatas­Flügel). Letztere  teilte sich wiederum  in einen politischen (DHKP) und einen militärischen  Flügel  (DHKC),  wobei  sie  weiterhin  die  Ziele  der  ehemaligen  Dev­Sol  verfolgte  (vgl.  Schweizerische  Flüchtlingshilfe,  Türkei  –  Turquie,  Informationen  für  HilfswerkvertreterInnen,  April  1997,  S.  124­129).  Die  DHKP­C hat sich massgeblich an den Hungerstreiks und Todesfasten in  türkischen Gefängnissen _______ beteiligt  und als einzige Organisation  noch bis Anfang 2007 daran festgehalten. Daneben führte sie aber auch  Anschläge  durch,  die  sich  gegen  Personen  und  Einrichtungen  der  türkischen  Regierung  und  Sicherheitskräfte  sowie  gegen  "Zeichen  des  Imperialismus"  richteten.  Bei  den  Todesfasten  sind  an  die  hundert  Mitglieder gestorben, wodurch die Organisation zunehmend geschwächt  wurde.  Zudem  ist  sie  heute  vom  türkischen  Geheimdienst  unterlaufen,  der  ihre geplanten Aktionen zu verhindern weiss, sodass ihnen in  letzter  Zeit keine spektakulären Operationen mehr gelungen sind. Dennoch geht  von  der  DHKP­C weiterhin  ein Gefährdungspotenzial  aus  und  sie  steht  nach  wie  vor  auf  der  europäischen  Liste  der  Terrororganisationen  vom  20.  Dezember  2007  des Rats  der  Europäischen Union  (vgl.  für  weitere  Hinweise  oben  erwähntes  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­ 3444/2006  vom  3.  Juli  2009).  Fraglich  bleibt  an  dieser  Stelle,  inwiefern  sich  auch  die  Jugendorganisation  LDG  den  Zielen  und  Aktivitäten  der  Mutterpartei angeschlossen hat. 4.3. Eine eingehende Auseinandersetzung mit der Frage, ob die DHKP­C  beziehungsweise  deren  Jugendorganisation  LDG  im  massgeblichen  Zeitpunkt  der möglichen Mitgliedschaft  des  Beschwerdeführers  als  eine 

D­7933/2010 kriminelle  Organisation  im  Sinne  der  bundesgerichtlichen  Rechtsprechung  zu  Art.  260ter  StGB  zu  qualifizieren  wäre,  kann  –  wie  nachfolgend aufgezeigt – im vorliegenden Fall jedoch unterbleiben. Nach  Prüfung  der  Akten  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  nämlich  zum  Schluss,  dass  die  bestehende  Beweislage  nicht  ausreicht,  um  dem  Beschwerdeführer die Beteiligung an der DHKP­C oder die Unterstützung  dieser  Organisation  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  vorzuhalten  (vgl. auch BGE 133 IV 53). 4.4.  Dem  Beschwerdeführer  wird  von  den  türkischen  Behörden  die  Mitgliedschaft  bei  der  DHKP­C/LDG  vorgeworfen.  Auf  die  Erkenntnisse  aus  dem  entsprechenden  türkischen  Strafverfahren  kann  dabei  jedoch  nicht  ohne  Weiteres  abgestellt  werden  (dazu  auch  nachfolgend).  Der  Beschwerdeführer  selber  hat  anlässlich  der  Summarbefragung  und  der  Anhörung  stets  bestritten  Mitglied  der  DHKP­C  oder  deren  Jugendorganisation  gewesen  zu  sein.  Die  DHKP­C  habe  er  erst  im  Gefängnis kennengelernt. An gewaltsamen Aktionen sei er nicht beteiligt  gewesen,  vielmehr  beschreibt  er  seine  politischen  Tätigkeiten  mit  Schulboykotten,  Teilnahme  an  Protestmärschen  und  Demonstrationen  sowie Verkauf von Zeitschriften. Der Beschwerdeführer stammt zwar aus  einer  politischen  Familie  und  seine  Geschwister  standen  offenbar  mit  verschiedenen  radikalen  Parteien  in  Kontakt,  dass  sich  diese  an  Gewaltakten beteiligt hätten, ergibt sich aus den Akten jedoch nicht. Auch  der Beschwerdeführer gab anlässlich der Empfangsstellenbefragung an,  in der Gymnasialzeit in einer der Polizei bekannten Gruppe politisch aktiv  gewesen zu sein. Davon, dass der Beschwerdeführer also eine gewisse  Nähe  zu  radikalen  linkslastigen  Organisationen  während  der  Gymnasialzeit  pflegte  und  dabei  auch  an  politischen Aktionen  teilnahm,  ist  aufgrund  der  Akten  auszugehen.  Allein  aufgrund  des  familiären  Hintergrundes und des Umstandes, dass er im Gymnasium politisch aktiv  war, kann vorliegend  jedoch noch nicht auf eine Mitgliedschaft bei einer  terroristisch  operierenden  Organisation  geschlossen  werden.  Zu  prüfen  sind vielmehr im Weiteren die ihm vorgeworfenen Straftaten.  4.5.  4.5.1. Das  BFM wirft  dem Beschwerdeführer  insbesondere  vor,  an  den  ihm  in  der Türkei  zur  Last  gelegten Brandanschlägen beteiligt  gewesen  zu  sein.  Dabei  stützt  es  sich  in  seinem  Entscheid  massgeblich  auf  die  türkischen  Ermittlungsakten  im  Zusammenhang mit  dem DHKP­C/LDG­ Verfahren  und  namentlich  das  _______  ergangene  Urteil.  Dies  erweist 

D­7933/2010 sich  vorliegend  jedoch  als  insofern  problematisch,  als  angesichts  der  glaubhaften  Aussagen  des  Beschwerdeführers  und  der  damaligen  Situation  in  der  Türkei  davon  auszugehen  ist,  dass  im  entsprechenden  Ermittlungsverfahren  Foltermethoden  eingesetzt  worden  sind.  Dies  wird  auch  vom  BFM  nicht  bestritten.  Die  Erkenntnisse  im  türkischen  Strafverfahren  sind  demzufolge  vor  diesem  Hintergrund  stark  zu  relativieren (vgl. dazu das vom BFM zitierte Urteil D­3720/2006 E. 4.4.1.  sowie D­6242/2008 E. 4.5. S. 15). 4.5.2.    Der  Beschwerdeführer  befand  sich  zwischen  1999  und  2005  jahrelang in Untersuchungshaft, während der er anscheinend unter Folter  ein Geständnis ablegte, wonach er sich an drei Brandanschlägen beteiligt  habe.  Bemerkenswert  ist  in  diesem  Zusammenhang  zunächst,  dass  es  zur  Festnahme  offenbar  deshalb  kam,  weil  der  Beschwerdeführer  anlässlich einer Razzia wegen der Suche nach seinem Bruder zugab, der  Besitzer einer sich  im Haus aufgefundenen oppositionellen Zeitschrift zu  sein (vgl. A17/16 S. 6f.). In der Haft wurde ihm dann vorgeworfen, an den  über ein Jahr früher stattgefundenen Brandanschlägen beteiligt gewesen  zu sein. Dieses Vorgehen wirft bereits gewisse Fragen auf. Sodann kann  auf  das  Geständnis  des  Beschwerdeführers  angesichts  der  angewendeten Folter  nicht  abgestellt werden. Das BFM  führt  in  diesem  Zusammenhang  zwar  aus,  aufgrund  der  protokollierten  ausführlichen  Darstellungen  des  Tathergangs  wie  auch  der  gegenseitigen  und  übereinstimmenden  Belastungsaussagen  der  Mittäter  sei  trotz  Folter  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  tatsächlich  an  den  Brandanschlägen beteiligt war. Dies vermag jedoch nicht zu überzeugen.  Geht  man  nämlich  davon  aus,  dass  das  Geständnis  mittels  Folter  erpresst  worden  ist,  ist  auch  zu  vermuten,  dass  die  zuständigen  Ermittlungsbehörden  die  angeblichen protokollierten Eingeständnisse  so  konstruierten,  dass  sie  für  ein  Gericht  zu  überzeugen  vermögen  und  gegenseitig  übereinstimmen.  In  diesem  Zusammenhang  führte  der  Beschwerdeführer  denn  auch  aus,  dass  er  nach Anwendung  der  Folter  das unterschreiben musste, was von den Ermittlungsbehörden vorbereitet  worden  war.  Es  seien  keine  Detailfragen  zum  Tathergang  gestellt  worden, er habe einfach ein Dossier unterschrieben ohne zu wissen, was  genau darin gestanden habe (vgl. A 17/16 S. 8). Auch hätten sich in den  Gerichtsakten  weder  Beweise  befunden,  noch  sei  es  zu  einer  Gegenüberstellung  gekommen.  Schliesslich  wird  im  Gerichtsurteil  von  einer Tatortbegehung gesprochen. Inwiefern jedoch eine solche, über ein  Jahr nach Tatbegehung auf die Identität der Täter schliessen lassen soll,  bleibt  dabei  unklar.  Insgesamt  ergeben  sich  aus  den  Akten  demnach 

D­7933/2010 nicht  genügend  konkrete  Hinweise  einer  Teilnahmen  des  Beschwerdeführers  an  Gewaltakten  oder  für  die  aktive  Unterstützung  einer verbrecherischen Organisation. Die Abklärungen der Botschaft  vor  Ort, gemäss welchen über den Beschwerdeführer Datenblätter bestehen,  vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern.  4.5.3. Die Vorinstanz hat dem Beschwerdeführer  im Zusammenhang mit  einem zweiten Verfahren – dem Tötungsdelikt in _______ – verwerfliches  Verhalten  nicht  angelastet.  Dies  erscheint  als  sachgerecht,  zumal  aufgrund  der  heutigen  Aktenlage  eine  Verbindung  des  Beschwerdeführers mit  einem Mord  in  keiner Weise  festgestellt  werden  kann. Vielmehr ergeben sich einige Hinweise darauf, dass der Verdacht  allein aufgrund seines politischen Hintergrundes auf ihn gefallen ist. Sehr  überzeugend  vermag  der  Beschwerdeführer  jedenfalls  an  den  angeblichen Zeugenaussagen zweifeln  zu  lassen. Das Verfahren wurde  denn auch bis heute offenbar nicht weiterverfolgt (vgl. u.a. A 17/16 S. 4 f.;  A 8/1 Dokument 10).  4.6.  Nach  dem  Gesagten  geht  die  Vorinstanz  zu  Unrecht  von  der  Asylunwürdigkeit  des  Beschwerdeführers  aus.  Doch  selbst  wenn  genügend  konkrete  Hinweise  darauf  bestünden,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  im  Jahre  1998  an  Brandanschlägen  beteiligt  hätte,  wäre  eine  Prüfung  der  Verhältnismässigkeit  des  Asylausschlusses  vorzunehmen,  was  das  BFM  zu  Unrecht  unterliess.  Aus  dem  eingereichten Gerichtsurteil  _______ geht  hervor,  dass das Werfen  von  Molotow­Cocktails wegen Verjährung nicht mehr geahndet wurde. Dieser  Aspekt  wird  in  der  angefochtene  Verfügung  allenfalls  nur  implizit  berücksichtigt;  das  BFM  beschränkt  sich  darauf,  den Beschwerdeführer  im  Sinne  des  Gerichtsurteils  der  blossen  Teilnahme  an  "Aktionen"  zu  bezichtigen.  Dass  die  Delikte  zudem  mittlerweile  mehr  als  13  Jahre  zurückliegen und der Beschwerdeführer damals erst knapp volljährig war,  ist  im  vorinstanzlichen  Entscheid  ebenfalls  unerwähnt  geblieben.  Eine  allfällige Anwendung von Art. 53 AsylG müsste in diesem Lichte besehen  wohl auch als unangemessen qualifiziert werden.  4.7.  Das  Bundesamt  hat  dem  Beschwerdeführer  demnach  zu  Unrecht  verwerfliche Handlungen im Sinne von Art. 53 AsylG vorgehalten. 4.8.  Aufgrund  der  bisherigen  Erwägungen  ist  auch  eine  mögliche  Gefährdung  der  inneren  oder  äusseren  Sicherheit  der  Schweiz  auszuschliessen.  Daran  vermag  auch  der  Umstand,  wonach  die  vom 

D­7933/2010 BFM kontaktierte zuständige Stelle der Schweizer Behörden eine solche  Gefährdung  in  ihrer  jüngsten Stellungnahme offenbar nicht ausschliesst,  nichts  zu  ändern.  Dies  umso  weniger,  als  sich  das  entsprechende  Schreiben offenbar  insbesondere auf  das Urteil  _______ der  türkischen  Behörden  stützt.  Dieselbe  Behörde  hatte  nämlich  zu  einem  früheren  Zeitpunkt  noch  keine  Sicherheitsbedenken  geäussert  (A  18/1  und  A  41/2). Dass der Beschwerdeführer seit seiner Einreise  in die Schweiz  in  relevanter  Weise  straffällig  geworden  wäre,  lässt  sich  den  verfügbaren  Akten überdies nicht entnehmen.  5.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde  ist  nach  dem  Gesagten  gutzuheissen,  die  Verfügung  des  BFM  vom  8.  Oktober  2010  teilweise – soweit die Dispositiv­Ziffern 2­7 betreffend – aufzuheben und  das BFM anzuweisen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. 6.  6.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 6.2. Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  (Art.  7  Abs.  1  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]).  Nachdem  sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Aktenlage  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  lässt,  erübrigt  sich  die   Einholung  einer  Kostennote.  Die  von  der  Vorinstanz  auszurichtende  Parteientschädigung  ist  unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Bemessungsfaktoren von Amtes wegen auf Fr. 1'800.– festzusetzen (Art.  14 Abs. 2 VGKE). (Dispositiv nächste Seite)

D­7933/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Verfügung des BFF vom 8. Oktober 2010 wird teilweise – soweit die  Dispositiv­Ziffern 2­7 betreffend – aufgehoben und das BFM angewiesen,  dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 1'800.­­ zu entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

D-7933/2010 — Bundesverwaltungsgericht 17.01.2012 D-7933/2010 — Swissrulings