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Bundesverwaltungsgericht 07.11.2011 D-7652/2007

November 7, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,768 words·~9 min·1

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. Oktober 2007

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­7652/2007 Urteil   v om   7 .   No v embe r   2011 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiber Daniel Widmer. Parteien A.______, Afghanistan,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. Oktober 2007 / (…).

D­7652/2007 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  Afghanistan  (…) und reiste über B.______ und weitere, ihm unbekannte Länder nach  C.______. Von dort gelangte er am 14. September 2007 unter Umgehung  der Grenzkontrolle  in die Schweiz. Tags darauf suchte er  im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  D.______  um  Asyl  nach.  Am  20. September 2007 fand dort eine erste Befragung statt. Am 3. Oktober  2007 wurde er,  ebenfalls  im EVZ, durch das Bundesamt  in Anwendung  von  Art. 29  Abs. 1  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31) angehört. Der  Beschwerdeführer  machte  im  Wesentlichen  geltend,  er  sei  Angehöriger der (…) Volksgruppe und habe ab dem Alter von (…) Jahren  in  Mazar­i­Sharif,  Provinz  Balkh,  gewohnt.  Dort  sei  er  zusammen  mit  seiner  Familie  von  einem  Kommandanten  aus  dem  Haus  vertrieben  worden. Unter Beschreiten des Rechtswegs hätten sie nach einem Monat  wieder  in  ihr  Haus  zurückkehren  können.  Kurze  Zeit  später  sei  er  von  bewaffneten  Männern  des  Kommandanten  angegriffen  und  verletzt  worden.  Daraufhin  habe  er  seinen  Heimatstaat  verlassen  und  während  (…)  Monaten  E.______  gearbeitet.  Aus  Heimweh  und  wegen  seines  illegalen und unsicheren Status im E._______ sei er wieder nach Mazar­ e­Sharif zurückgekehrt. Dort sei kurz nach seiner Ankunft auf ihn und sein  soeben erworbenes Auto geschossen worden. Da er hinter dem Anschlag  denselben  Kommandanten  vermutet  habe,  habe  er  sein  Auto  wieder  verkauft und Afghanistan erneut in Richtung E._______ verlassen. Für  die  weiteren  Aussagen  des  Beschwerdeführers  wird  auf  die  Protokolle bei den Akten verwiesen. B.  Mit am selben Tag eröffneter Verfügung vom 12. Oktober 2007 stellte das  BFM  fest,  der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung  des Beschwerdeführers aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Zur  Begründung  führte  es  im  Wesentlichen  aus,  die  geltend  gemachten  Verfolgungsvorbringen  genügten  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht.  So  seien  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers  betreffend  den  Zeitpunkt  der  ersten  Ausreise  in  den  E._______  und  mithin den vorgängigen Angriff nach der Rückkehr der Familie in ihr Haus  widersprüchlich.  Dasselbe  gelte  bezüglich  der  Frage,  ob 

D­7652/2007 beziehungsweise  wie  viele  Anzeigen  er  nach  dem  Anschlag  nach  der  Rückkehr aus E._______ erstattet habe. Zudem habe er sich betreffend  den  Zeitpunkt  der  Vertreibung  aus  dem Haus  ebenfalls  widersprüchlich  geäussert.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Insbesondere  verfüge  der  Beschwerdeführer  über  eine  Schulbildung und ein  intaktes Beziehungsnetz. Auch gehöre die Provinz  Balkh  gemäss  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr. 9  zu  jenen  Provinzen,  in  den  seit  dem  Jahr  2004  keine  bedeutenden  militärischen  Aktivitäten  stattgefunden  hätten  und  in  denen  nicht  eine  permanent  instabile  Lage  herrsche. C.  Mit Eingabe vom 12. November 2007 (Datum des Poststempels) an das  Bundesverwaltungsgericht  beantragte  der  Beschwerdeführer  unter  Kosten­  und  Entschädigungsfolge,  es  sei  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben, festzustellen, dass er die Flüchtlingseigenschaft erfülle, und  ihm  Asyl  zu  gewähren;  eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  prozessualer  Hinsicht  wurde  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  und  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  sowie  der  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  beantragt.  Zudem  wurde  darum  ersucht,  im Sinne einer vorsorglichen Massnahme die Vollzugsbehörden  anzuweisen,  die  Kontaktaufnahme  mit  dem  Heimat­  und  dem  Herkunftsstaat  sowie  jede  Weitergabe  von  Daten  an  denselben  zu  unterlassen  und  eventualiter  den  Beschwerdeführer  über  eine  bereits  erfolgte  Datenweitergabe  in  einer  separaten  Verfügung  zu  informieren,  und,  ebenfalls  eventualiter,  die  aufschiebende  Wirkung  wiederherzustellen. Gleichzeitig wurde eine Fürsorgebestätigung zu den  Akten  gereicht.  Darauf  sowie  auf  die  Begründung  wird,  soweit  für  den  Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  15. November  2007  teilte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mit,  dass  er  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Gleichzeitig  wurde  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet,  der  Entscheid  über  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verschoben  und  der  Antrag  auf  vorsorgliche  Anweisung  der  zuständigen  Behörde,  die 

D­7652/2007 Kontaktaufnahme  mit  den  Behörden  des  Heimat­oder  Herkunftsstaats  sowie  jegliche  Datenweitergabe  an  dieselben  zu  unterlassen,  abgewiesen. E.   Mit Vernehmlassung vom 20. November 2007 – dem Beschwerdeführer  am 7. Dezember 2007 zur Kenntnis gebracht – beantragte das BFM die  Abweisung  der  Beschwerde.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  die  Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  des  Standpunkts  rechtfertigten.  Im  Übrigen  wurde  auf  die  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen und daran vollumfänglich festgehalten. F.  In einer zweiten Vernehmlassung vom 26. Juli 2011 beantragte das BFM  erneut  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  die  Beschwerdeschrift  enthalte  weiterhin  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  des  Standpunkts  rechtfertigten. Die Vernehmlassung nehme einzig Bezug auf die aktuelle  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  zu  Afghanistan  (vgl.  das  zur  Publikation  vorgesehene  Urteil  BVGE  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011  E. 9.1 – 9.7). Der Beschwerdeführer stamme aus der Grossstadt Mazar­ e­Sharif  und sei  (…). Seinen Aussagen zufolge habe er dort  seit  seiner  Kindheit zusammen mit seiner Familie gewohnt. In ihrem Haus lebten die  Mutter, zwei Brüder und drei Schwestern des Beschwerdeführers. Mithin  fände  der  Beschwerdeführer  nach  einer  Rückkehr  Aufnahme  im  familiären Haus. Ferner sei er noch jung, bei guter Gesundheit und habe  eine  längere Schulausbildung  genossen.  Zudem  sei  er  bis  kurz  vor  der  Ausreise  als  (…)  tätig  gewesen.  Schliesslich  habe  er  einen  weiteren  Verwandten  erwähnt,  welcher  ihm  sein  Auto  abgekauft  habe.  Unter  diesen begünstigenden Umständen halte das BFM an einem Vollzug der  Wegweisung  fest.  Im  Übrigen  wurde  auf  die  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  und  daran  vollumfänglich  festgehalten. G.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  27. Juli  2011  wurde  dem  Beschwerdeführer  Gelegenheit  zur  Einreichung  einer  Replik  bis  zum  11. August 2011 gegeben. Diese Frist lief ungenutzt ab.

D­7652/2007 H.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  14. September  2011  wurde  dem  Beschwerdeführer  Gelegenheit  gegeben,  allfällige  Änderungen  hinsichtlich seines sozialen Beziehungsnetzes in der Stadt Mazar­i­Sharif  seit seiner Ausreise aus Afghanistan bekanntzugeben. I.  Am  27. September  2011  nahm  der  Beschwerdeführer  Stellung  zur  Instruktionsverfügung  vom  14. Juli  2009.  Darauf  wird,  soweit  für  den  Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten.

D­7652/2007 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt, wenn  sie  in  ihrem Heimatstaat  oder  im  Land, wo  sie  zuletzt  wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer  bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken  (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Die Beschwerde beschränkt  sich  im Wesentlichen auf eine erneute  Schilderung  des  Sachverhalts,  wogegen  eine  Auseinandersetzung  mit  den  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  unterbleibt  (vgl.  Beschwerde S. 2­5). 4.2.  Eine  Überprüfung  der  Akten  ergibt,  dass  sich  die  vorinstanzlichen  Erwägungen,  wonach  der  Beschwerdeführer  im  Verlauf  des  Verfahrens  zu  wesentlichen  Punkten  unterschiedliche  Angaben  gemacht  habe,  als  zutreffend  erweisen  (vgl.  Bst.  B).  Die  sich  auf  eine  Wiederholung  des  Sachverhalts  beschränkenden  Ausführungen  in  der  Beschwerde  sind  mithin  nicht  geeignet,  an  der  mangelnden  Glaubhaftigkeit  der  geltend  gemachten Verfolgungsvorbringen etwas zu ändern. 4.3.  Nach  dem  Gesagten  erweisen  sich  die  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten Verfolgungsvorbringen  als  nicht  glaubhaft.  Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  einzugehen,  weil  sie  am  Ergebnis  nichts  ändern  können.  Das  BFM  hat  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers demnach zu Recht abgelehnt.

D­7652/2007 5.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Der  Beschwerdeführer  verfügt  weder  über  eine  fremdenpolizeiliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach  zu Recht  angeordnet  (Art.  44  Abs.  1  AsylG;  vgl.  BVGE  2009/50  E. 9  S. 733  mit  weiteren  Hinweisen). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Gemäss ständiger Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  6  E.  4.2  S.  54  f.).  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen  Aufnahme  steht  dem  weggewiesenen  Asylsuchenden  wiederum  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht offen (Art. 112 AuG i.V.m. Art. 84 Abs. 2 AuG).  In  diesem  Verfahren  wäre  dann  der  Vollzug  der Wegweisung  vor  dem  Hintergrund  sämtlicher  Vollzugshindernisse  von  Amtes  wegen  nach  Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen  (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748). 6.2.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend  aufgeführten  Gründen  –  als  unzumutbar  erweist,  ist  dementsprechend  auf  eine  Erörterung  der  beiden  anderen  Kriterien  zu  verzichten. 7. 

D­7652/2007 7.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsland auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818). 7.2.  In Bezug auf die allgemeine Lage  in Afghanistan kann auf die vom  Bundesverwaltungsgericht  vorgenommene  Einschätzung  der  Lage  in  einem  vor  kurzem  ergangenen,  zur  Publikation  bestimmtes  Grundsatzurteil  verwiesen  werden  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011).  Das  Gericht  stellt  dort  zusammenfassend  fest, dass  in weiten Teilen von Afghanistan – ausser  allenfalls  in  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart schwierige humanitäre Bedingungen bestünden, dass die Situation  als existenzbedrohend  im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren  sei.  Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  sei  die  Situation  in  der  Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden.  Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich dort  die Sicherheitslage  im Verlaufe des  vergangenen Jahres nicht  weiter verschlechtert habe und die humanitäre Situation  im Vergleich zu  den übrigen Gebieten etwas weniger dramatisch sei,  könne der Vollzug  der Wegweisung  nach Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten  grundsätzlich  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden Mann handle. Angesichts der bisher aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung der Lage über die vergangenen Jahre hinweg und der  auch  in  Kabul  schwierigen  Situation  verstehe  es  sich  aber  von  selbst,  dass  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr.  10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar sei  in erster Linie ein soziales Netz, das sich  im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehres  als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen  (vgl.  a.a.O.  E.  9.9.1  f.).  Die  Frage,  ob  hinsichtlich  der  Städte  Mazar­i­ Sharif  und  Herat  in  Bezug  auf  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  Ähnliches  gesagt  werden  könne  wie  zu  Kabul, 

D­7652/2007 wurde im erwähnten Grundsatzurteil offen gelassen, weil von vornherein  ungenügende Anknüpfungspunkte bestanden (vgl. a.a.O. E. 9.9.3). 7.3.  Der  Beschwerdeführer  war  eigenen  Angaben  zufolge  seit  seinem  (…)  Altersjahr  bis  zur  definitiven  Ausreise  aus  dem  Heimatstaat  –  mit  einem Unterbruch von  (…) Monaten, als er sich E._______ aufhielt –  in  Mazar­i­Sharif wohnhaft, und zwar zunächst zusammen mit seiner Mutter  und seinen sechs Geschwistern  (drei Brüdern und drei Schwestern; der  Vater  sei  bereits  im  Jahr  2001  bei  einem  Bombenangriff  auf  die  Stadt  Mazar­i­Sharif  umgekommen).  Anlässlich  der  Anhörung  vom  3. Oktober  2007 erklärte der Beschwerdeführer, er habe vor einer Woche erfahren,  dass  einer  seiner  Brüder  in  ihre Herkunftsprovinz H._______  geflüchtet  sei, nachdem dieser von denselben Personen wie er misshandelt worden  sei,  weil  besagter  Bruder  sich  geweigert  habe,  ihnen  seinen  Aufenthaltsort bekanntzugeben. Zudem führte er in seiner Stellungnahme  vom  27. September  2011  aus,  ein  weiterer  Bruder,  F._______,  habe  unlängst ebenfalls in der Schweiz um Asyl nachgesucht. Dieser habe ihm  gesagt,  dass  die  Mutter,  ein  Bruder  und  alle  drei  Schwestern  von  den  Taliban  umgebracht  worden  seien.  Er  habe  mit  F._______  ab  und  zu  Kontakt  gehabt.  Dieser  habe  ihm  diese  Vorfälle  zuvor  bewusst  verschwiegen, um  ihn vor dem Schmerz zu schützen. Nunmehr verfüge  er  in Afghanistan über kein  familiäres Netz mehr und wäre dort auf sich  allein  gestellt  (vgl.  Stellungnahme  des  Beschwerdeführers  vom  27. September 2011). Gemäss den Abklärungen durch das Bundesverwaltungsgericht  trifft  zu,  dass der Bruder F._______ des Beschwerdeführers (…) am 9. März 2011  in  der  Schweiz  um  Asyl  nachgesucht  hat,  wobei  das  erstinstanzliche  Asylverfahren  noch  nicht  abgeschlossen  ist;  eine  Durchsicht  dessen  BFM­Akten bestätigt nun die Aussagen des Beschwerdeführers in seiner  Stellungnahme  vom  27.  September  2011  –  bis  auf  den Umstand,  dass  die  Schwestern  noch  am  Leben  und  in  G._______  wohnhaft  seien –  grossmehrheitlich. Den Akten des Beschwerdeführers lassen sich sodann  keine  weiteren  Angaben  zu  demjenigen  Bruder,  welcher  in  die  Provinz  H._______  geflohen  sei,  entnehmen;  allenfalls  wurde  dieser  –  laut  Aussagen  von  F._______  –  zwischenzeitlich  ebenfalls  getötet.  Ferner  handle es sich bei der Person, welche dem Beschwerdeführer das Auto  verkauft  und  wiederzurückgekauft  habe,  zwar  um  einen  –  nicht  näher  bezeichneten  –  Verwandten;  über  dessen  Aufenthaltsort  lässt  sich  den  Akten  indes ebenfalls nichts entnehmen. Unter diesen Umständen kann  gestützt  auf  die  Akten  zum  heutigen,  massgebenden  Zeitpunkt  nicht 

D­7652/2007 (mehr)  von  einem  genügend  tragfähigen  Beziehungsnetz  ausgegangen  werden,  welches  dem  Beschwerdeführer  aufgrund  der  aktuell  schwierigen Verhältnisse bei der Reintegration in der Stadt Mazar­i­Sharif  behilflich sein könnte. Mit Blick auf die vorstehend dargelegte Situation im  Heimatland  (vgl. E. 7.2)  ist  der  Wegweisungsvollzug  des  Beschwerdeführers  nach Mazar­i­Sharif  somit  ohne  eingehende weitere  Prüfung  als  nicht  zumutbar  zu  qualifizieren.  Da  der  Beschwerdeführer  überdies gemäss den Akten weder in den Grossstädten Kabul noch Herat  über  weitere  Verwandte  verfügt,  kommt  von  vornherein  auch  keine  Aufenthaltsalternative in diesen afghanischen Städten in Frage. 7.4.  Insgesamt  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Afghanistan im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG als unzumutbar. Nachdem  sich aus den Akten keine Ausschlussgründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7  AuG  ergeben,  sind  die  Voraussetzungen  für  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme somit erfüllt. 8.  Nach dem Gesagten  ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit beantragt  wird, es sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs  festzustellen;  im  Übrigen  ist  sie  abzuweisen.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  12. Oktober  2007  sind  demnach  aufzuheben  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme  zu  regeln  (Art. 44 Abs. 2 AsylG und Art. 83 Abs. 4  AuG). 9.  9.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  ist  dem  Beschwerdeführer  grundsätzlich  ein  reduzierter  Anteil  der  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  und  2  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  hat  im  Rahmen  seiner  Beschwerde  ein  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  gestellt,  das  vom  Instruktionsrichter  mit  Verfügung  vom  15. November  2007  in  den  Endentscheid  verwiesen  worden  ist.  Da  der  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz nicht  erwerbstätig war,  ist  immer noch  von  seiner Bedürftigkeit  auszugehen,  weshalb  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  –  soweit  nicht  durch  die  teilweise  Gutheissung  der  Beschwerde  gegenstandslos  geworden  –  gutzuheissen  und  folglich  auf  die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten ist.

D­7652/2007 9.2. Ganz oder  teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine  Parteientschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen Kosten (Art.  64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 Abs. 1 VGKE).  Der  Beschwerdeführer  ersuchte  in  der  Rechtsmitteleingabe  vom  12. November  2007  auch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung.  Gemäss  Art.  65  Abs.  2  VwVG  bestellt  die  Beschwerdeinstanz,  ihr  Vorsitzender  oder  der  Instruktionsrichter  der  prozessual  bedürftigen  Partei  einen  Anwalt,  wenn  es  zur Wahrung  der  Interessen notwendig ist. Beim  vorliegenden  Verfahrensausgang  ist  der  Beschwerdeführer  mit  seinen  Rechtsbegehren  teilweise  durchgedrungen,  und  das  Bundesverwaltungsgericht  geht  in  diesem  Fall  praxisgemäss  von  einem  hälftigen  Obsiegen  aus.  Angesichts  dessen  wäre  dem  Beschwerdeführer  im  Beschwerdeverfahren  für  diesen  (einen)  Teil  in  Anwendung  von  Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  37  VGG  für  die  Kosten einer Vertretung und allfälligen weiteren notwendigen Auslagen  eine  reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  7  des  Reglements  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  vom  21.  Februar  2008  [VGKE,  SR  173.320.2]), wodurch das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  (Art.  65  Abs.  2  VwVG)  diesbezüglich  gegenstandslos würde; demgegenüber  ist das Gesuch um anwaltliche  Verbeiständung  in  Bezug  auf  den  die  Fragen  der  Anerkennung  als  Flüchtling, der Gewährung von Asyl und der Wegweisung betreffenden  (anderen)  Teil  des  Beschwerdeverfahrens,  in  welchem  der  Beschwerdeführer  unterlegen  ist,  abzuweisen,  da  das  vorliegende  Verfahren  weder  in  tatsächlicher  noch  in  rechtlicher  Hinsicht  besonders  komplex  erschien,  weshalb  eine  Verbeiständung  durch  einen Anwalt zur Wahrung der  Interessen nicht notwendig war. Mithin  ist  dem  im  Beschwerdeverfahren  nicht  anwaltlich  vertretenen  Beschwerdeführer  im  Ergebnis  keine  Parteientschädigung  auszurichten, weil ihm aus der Beschwerdeführung keine notwendigen  Kosten  im  Sinne  der  gesetzlichen  Bestimmungen  (Art. 64  Abs. 1  VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 und Art. 8) entstanden sind. (Dispositiv nächste Seite)

D­7652/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  und  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme beantragt wird; im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  Verfügung  des  BFM  vom  12. Oktober 2007 werden aufgehoben. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer  vorläufig  aufzunehmen. 4.  Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65  Abs.  1  VwVG)  wird  gutgeheissen,  soweit  es  nicht  durch  die  teilweise  Gutheissung der Beschwerde gegenstandslos geworden ist.  Mithin werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  (Art.  65  Abs.  2  VwVG)  wird  abgewiesen,  soweit  es  nicht  durch  die  teilweise Gutheissung der Beschwerde gegenstandslos geworden ist. Demzufolge wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 6.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Martin Zoller Daniel Widmer Versand:

D-7652/2007 — Bundesverwaltungsgericht 07.11.2011 D-7652/2007 — Swissrulings