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Bundesverwaltungsgericht 07.12.2011 D-7375/2010

December 7, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·879 words·~4 min·1

Summary

Familienzusammenführung (Asyl) | Familienzusammenführung; Verfügung des BFM vom 17. September 2010

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­7375/2010 Urteil   v om   7 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Yanick Felley,    Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien X._______, geboren am _______, Sri Lanka,  _______,   Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Familienzusammenführung zugunsten von  Y._______, geboren am _______, Sri Lanka; Verfügung des BFM vom 17. September 2010 / _______.

D­7375/2010 Sachverhalt: A.  A.a. Im Rahmen des aus dem Ausland gestellten Asylgesuchs wurde die  Beschwerdeführerin  am  18.  Februar  2010  durch  die  Schweizerische  Botschaft  in _______ befragt. Am 1. April 2010 wurde ihr die Einreise in  die Schweiz zur Durchführung des Asylverfahrens bewilligt.  A.b. In der Folge gelangte die Beschwerdeführerin am _______ auf dem  Luftweg  in  die  Schweiz  und  erneuerte  ihren  Asylantrag.  Die  Summarbefragung fand am 26. Mai 2010 statt. Am 6. August 2010 hörte  sie das BFM zu den Asylgründen an.  A.c. Anlässlich der Befragungen machte die Beschwerdeführerin – eine  Tamilin  –  im  Wesentlichen  geltend,  wegen  LTTE­Verdachts  mit  den  Behörden  in  Konflikt  geraten  zu  sein.  Ihr  Bruder  sei  Mitglied  dieser  Bewegung gewesen. Sie sei im Jahre 2008 festgenommen und während  mehrerer  Monate  an  verschiedenen  Orten  unter  prekären  Umständen  festgehalten  worden.  Im  Falle  der  Rückkehr  befürchte  sie  erneute  Verfolgungshandlungen.  B.  Das  BFM  anerkannte  die  Beschwerdeführerin  mit  Verfügung  vom  6.  August 2010 als Flüchtling  im Sinne von Art. 3 Abs. 1 des Asylgesetzes  vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) und gewährte ihr Asyl.  C.  Am  2.  September  2010  reichte  die  Beschwerdeführerin  –  durch  Vermittlung  einer  kantonalen  Behörde  –  beim  BFM  ein  Gesuch  um  Familienzusammenführung  ein.  Sie  machte  darin  sinngemäss  geltend,  mit ihrem srilankischen Ehemann, welcher sich in Kanada aufhalte, in der  Schweiz  zusammenleben  zu  wollen.  Für  die  der  Eingabe  beiliegenden  Beweismittel kann auf die vorinstanzlichen Akten verwiesen werden (vgl.  B 1/11).  D.  Mit  Verfügung  vom  17.  September  2010  –  eröffnet  am  22.  September  2010 –  lehnte das BFM das Gesuch um Familienzusammenführung ab.  Die  Vorinstanz  erwog,  der  Ehemann  der  Beschwerdeführerin  wohne  gemäss  Aktenlage  in  Kanada  und  verfüge  über  eine  Niederlassungsbewilligung.  Die  Ehe  sei  anlässlich  eines  Ferienaufenthalts  des  Mannes  in  Sri  Lanka  am  _______  geschlossen 

D­7375/2010 worden.  Der  Ehemann  sei  am  _______  wieder  nach  Kanada  gezogen.  Die Beschwerdeführerin habe die Ehe erst kurz vor der Ausreise aus Sri  Lanka geschlossen und sich  in der Folge  lediglich noch ungefähr einen  Monat  lang mit  ihrem Gatten  im  Heimatland  aufgehalten.  Es  sei mithin  nicht  von  einer  gelebten  ehelichen  Gemeinschaft  im  Sinne  des  Asylgesetzes auszugehen. Daraus sei auch zu schliessen, dass sie nicht  durch  Flucht  getrennt worden  seien. Das Gesuch  im Sinne  von Art.  51  Abs. 1 AsylG sei demzufolge abzuweisen. Ferner sei zu beachten, dass  die  Zuständigkeit  für  die  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  im  Rahmen des Familiennachzugs  bei  den  kantonalen Migrationsbehörden  liege.  E.  Mit  englischsprachiger  Eingabe  vom  12.  Oktober  2010  beantragte  die  Beschwerdeführerin die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids und  die Bewilligung  der Einreise  ihres Gatten  in  die Schweiz  verbunden mit  einem Aufenthaltsrecht. Sie machte geltend, ihr Ehemann lebe seit 2006  in Kanada. Dort habe er zwar keine Sicherheitsprobleme. Sie selbst habe  ihr  Heimatland  wegen  der  Gefährdung  schnell  verlassen  müssen,  weshalb  ihr  Eheleben  unterbrochen  worden  und  nun  in  der  Schweiz  fortzusetzen sei.  F.  Mit  Vernehmlassung  vom  16.  November  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  vorinstanzliche  Stellungnahme  wurde  der Beschwerdeführerin am 17. November 2010 zur Kenntnis gebracht.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht 

D­7375/2010 (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Nach Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl –  namentlich die Ehegatten und die minderjährigen Kinder von Flüchtlingen  ihrerseits  als  Flüchtlinge  anerkannt  und  erhalten  Asyl  in  der  Schweiz,  wenn  keine  besonderen  Umstände  dagegen  sprechen.  Diese  Bestimmung zielt auf die Mitglieder der Kernfamilie ab, welche mit einem  Flüchtling  in  die  Schweiz  eingereist  sind,  ihrerseits  aber  keine  eigenen  Asylgründe (im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG) geltend machen können,  sondern  sich  auf  der  Basis  ihrer  Familienbande  ebenfalls  auf  die  Gesuchsgründe  des  Flüchtlings  abstützen.  Zentrale  Bedingung  für  den  Einbezug  in  die  Flüchtlingseigenschaft  ist  dabei,  dass  bereits  vor  der  Flucht eine Familiengemeinschaft bestanden hat (vgl. dazu die Botschaft  zur  Totalrevision  des  Asylgesetzes  sowie  zur  Änderung  des  Bundesgesetzes  über Aufenthalt  und Niederlassung der Ausländer  vom  4. Dezember 1995, BBl 1996 II 1 ff., insb. S. 68).  3.2.  In  diesem  Sinne  bestimmt  Art.  51  Abs.  4  AsylG,  dass  jenen  Personen, welche aufgrund  ihrer persönlichen Beziehung  (im Sinne von  Art.  51  Abs.  1  AsylG)  einen  Anspruch  auf  Einbezug  in  die  Flüchtlingseigenschaft  und die Gewährung von Asyl  haben, auf Gesuch 

D­7375/2010 hin die Einreise  in die Schweiz zu bewilligen  ist, wenn sie sich noch  im  Ausland befinden und sie durch die Flucht getrennt wurden.  3.3.  Diese  Bestimmung  zielt  auf  Mitglieder  der  Kernfamilie  ab,  welche  aufgrund der Umstände der Flucht von der  in der Schweiz als Flüchtling  anerkannten  Person  getrennt  wurden.  Darunter  fallen  namentlich  die  Ehegatten und die noch minderjährigen Kinder von Flüchtlingen, welche  sich  noch  im  Heimatstaat  befinden  oder  erst  einen  Drittstaat  erreicht  haben.  Diesen  ist  –  im  Sinne  eines  asylrechtlichen  Familiennachzuges  respektive der Familienzusammenführung – die Einreise  in  die Schweiz  zu bewilligen,  jedoch ebenfalls nur dann, wenn eine Trennung durch die  Fluchtumstände stattgefunden hat. Auch in diesem Fall ist demnach eine  „conditio sine qua non" die Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Flucht eine  Familiengemeinschaft  bestanden  haben  muss.  Zweck  der  Bestimmung  von  Art.  51  Abs.  4  AsylG  ist  somit  alleine  die  Wiedervereinigung  von  vorbestandenen Familiengemeinschaften.  4.  Ein  Gesuch  um  Familiennachzug,  mit  dem  unter  anderem  eine  persönliche  Gefährdung  der  sich  im  Ausland  befindenden,  nachzuziehenden  Person  geltend  gemacht  wird,  ist  nach  Treu  und  Glauben gegebenenfalls auch als Asylgesuch aus dem Ausland im Sinne  von Art. 20 Abs. 2 und 3 AsylG zu verstehen (vgl. BVGE 2007/19 E. 3.3.).  Beim  in  Kanada  niedergelassenen  Ehemann  der  Beschwerdeführerin  drängt sich eine solche Prüfung jedoch offensichtlich nicht auf.  5.  5.1. Das BFM  geht  in  der  angefochtenen  Verfügung wegen  der  kurzen  Zeit, welche die Eheleute nach der Heirat miteinander  verbracht hätten,  davon aus, es habe keine gelebte eheliche Gemeinschaft  im Sinne des  Asylgesetzes  bestanden.  Konkretisierende  Erwägungen,  welche  zu  dieser  etwas  spekulativen  vorinstanzlichen  Schlussfolgerung  führten,  fehlen.  Im  Weiteren  schloss  die  Vorinstanz,  dass  unter  diesen  Umständen auch davon auszugehen sei, es fehle an der gemäss Art. 51  Abs.  4  AsylG  erforderlichen  Flucht  durch  Trennung.  In  diesem  Zusammenhang  kann  aber  angemerkt  werden,  dass  das  BFM  der  Beschwerdeführerin  durch  die  Erteilung  des  Visums  für  die  Ausreise  in  die Schweiz zur Flucht geradezu verholfen und so eine Trennung bewirkt  hat. Ob die erwähnten Voraussetzungen von Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG  im Sinne  der  vorinstanzlichen  Erwägungen  tatsächlich  nicht  erfüllt  sind,  kann aber gemäss nachfolgenden Erwägungen letztlich offen bleiben, da 

D­7375/2010 besondere  Umstände  gegen  die  Familienzusammenführung  in  der  Schweiz sprechen.  6.  6.1.  Gemäss  Praxis  der  vormaligen  Beschwerdeinstanz,  welche  vom  Bundesverwaltungsgericht  weitergeführt  wird,  kann  die  Tatsache,  dass  einzubeziehende Personen eine andere Staatsangehörigkeit besitzen als  der  Flüchtling,  solche  besonderen  Umstände  ausmachen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1996  Nr.  14  E.  7  S.  116  ff.;  BVGE  4980/2006).  Dabei  ist  die  Frage,  ob  eine  gemischtnationale  Flüchtlingsfamilie  sich  theoretisch  im  Heimatland  des  nichtverfolgten  Ehepartners  niederlassen  kann,  nach  den Kriterien  der Drittstaatklausel  zu beantworten (vgl. EMARK 1997 Nr. 22 E. 4c S. 180 f.).  6.2.  In  der  Beschwerde  wird  geltend  gemacht,  der  Ehemann  der  Beschwerdeführerin lebe seit 2006 in Kanada. Ob er bereits kanadischer  Staatsbürger  ist,  geht  aus  den  Akten  nicht  hervor.  Hingegen  ist  unbestritten,  dass  er  dort  eine  Niederlassungsbewilligung  besitzt  und  nicht  gefährdet  ist.  Es  rechtfertigt  sich  daher,  die  obenerwähnte  Praxis  auf die Beschwerdeführerin analog anzuwenden. Dabei fällt  ins Gewicht,  dass sie bei der Summarbefragung angab, mit der kanadischen Botschaft  Kontakt  aufgenommen  zu  haben. Diese Kontakte  standen  offensichtlich  im  Zusammenhang  mit  der  erwogenen  Ausreise  nach  Kanada  (vgl.  A  1/10       S. 3). Die dabei geschilderten Schwierigkeiten erscheinen nicht  als unüberwindbar. Relevante Probleme des Ehemannes in Kanada sind  den Akten nicht zu entnehmen. Er scheint über eine feste Arbeitsstelle zu  verfügen. Der Beschwerdeführerin dürfte es gelingen,  in Kanada, wo  ihr  keine  Verfolgung  droht,  eine  längerfristige  legale  Aufenthaltsbewilligung  zu  erlangen.  Kulturelle,  sprachliche,  religiöse  oder  sonstige  Aspekte,  welche  gegen  eine  gemeinsame  Wohnsitznahme  in  Kanada  sprechen,  sind nicht ersichtlich und werden auch nicht geltend gemacht.  In diesem  Sinne sind die Eheleute nicht auf den Schutz respektive den Aufenthalt in  der Schweiz angewiesen.  6.3. Nach vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass das BFM zu Recht  das Gesuch um Familienzusammenführung  im Sinne von Art. 51 Abs. 1  und 4 AsylG abgelehnt und dem  im Ausland befindlichen Ehemann der  Beschwerdeführerin  die  Einreise  in  die  Schweiz  verweigert  hat.  Die 

D­7375/2010 angefochtene  Verfügung  ist  daher  zu  bestätigen  und  die  Beschwerde  abzuweisen.  6.4.  Somit  sind  vorliegend  nicht  die  Asyl­,  sondern  die  Migrationsbehörden  zuständig,  den  Familiennachzug  und  allfällige  sich  aus  Art.  8  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  ergebende  Rechtsansprüche zu prüfen (vgl. EMARK 2006 Nr. 8).  7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.–  festzusetzen  (Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

D­7375/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

D-7375/2010 — Bundesverwaltungsgericht 07.12.2011 D-7375/2010 — Swissrulings