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Bundesverwaltungsgericht 12.01.2012 D-6872/2011

January 12, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·680 words·~3 min·1

Summary

Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone | Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung des BFM vom 15. Dezember 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­6872/2011 Urteil   v om   1 2 .   J a nua r   2012 Besetzung Einzelrichter Fulvio Haefeli, mit Zustimmung von Richter Kurt Gysi; Gerichtsschreiber Gert Winter. Parteien A._______, geboren (…), Iran, vertreten durch Johanna Fuchs, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone;  Verfügung des BFM vom 15. Dezember 2011 / N .

D­6872/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass das BFM den Beschwerdeführer mit Verfügung vom 15. Dezember  2011  für  die Dauer  des Asylverfahrens  dem Kanton M._______  zuwies  und  feststellte, der Zuweisungsentscheid könne nur mit der Begründung  angefochten werden, er verletze den Grundsatz der Einheit der Familie, dass  das  BFM  ferner  einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  diesen  Entscheid  die  aufschiebende  Wirkung  entzog  und  feststellte,  der  Beschwerdeführer  müsse  den  Ausgang  des  Verfahrens  im  Zuweisungskanton abwarten, dass der Beschwerdeführer mit Beschwerde vom 21. Dezember 2011 die  Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Zuweisung an den Kanton  N._______  sowie  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968  über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) sowie den Verzicht  auf die Erhebung eines Kostenvorschusses beantragen liess, dass er als Beweismittel ein Schreiben vom 21. Dezember 2011 seines in  N._______  lebenden  und  als  Flüchtling  anerkannten  Bruders  zu  den  Akten reichen liess, und zieht in Erwägung,  dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art. 5  VwVG)  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31] i. V. m.  Art. 31 – 33  des Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom 17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  eine  solche  Ausnahme  in  casu  nicht  vorliegt,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet, dass  sich  das  Verfahren  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG  richtet,  soweit  das  AsylG  nichts  anderes  bestimmt  (Art. 37  VGG  und  Art. 6 AsylG),

D­6872/2011 dass  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  ist,  weshalb  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten  ist  (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37  VGG sowie Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die  Unangemessenheit  gerügt  werden  kann  (Art.  106  Abs.  1  AsylG),  wobei vorliegend gemäss Art. 106 Abs. 2 AsylG die lex specialis von Art.  27  Abs. 3  AsylG  vorbehalten  bleibt  (vgl.  hierzu  die  nachstehenden  Ausführungen), dass es sich beim Entscheid um die Zuteilung an einen Kanton oder der  Verweigerung  einer  Neuzuteilung  zu  einem  anderen  Kanton  um  eine  selbständig  beim  Bundesverwaltungsgericht  anfechtbare  Zwischenverfügung  (Art.  107  Abs.  1  AsylG)  handelt,  dessen  asylrechtliche Abteilungen zuständig sind (vgl. Art. 23 Abs. 4 i.V.m. Ziff. 4  Abs. 1 des Anhangs des Geschäftsreglements vom 17. April 2008 für das  Bundesverwaltungsgerichts [VGR, SR 173.320.1]), dass  das  BFM  die  Asylsuchenden  gemäss  Art.  27  Abs.  3  AsylG  den  Kantonen  zuweist  und  dabei  den  schützenswerten  Interessen  der  Kantone und der Asylsuchenden Rechnung trägt, dass das BFM  registrierte Asylsuchende nach einem Schlüssel gemäss  Art.  21  der  Asylverordnung  1  vom  11.  August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1, SR 142.311) auf die Kantone verteilt, wobei  es bei der Verteilung bereits in der Schweiz lebende Familienangehörige,  die  Staatsangehörigkeit  der  Asylsuchenden  und  besonders  betreuungsintensive Fälle berücksichtigt (Art. 22 Abs. 1 AsylV 1), dass  ein Zuweisungsentscheid  des Bundesamts  gemäss Art.  27 Abs.  3  letzter  Satz  AsylG  –  der  als  lex  specialis  der  allgemeinen  Regel  von  Art. 106 Abs. 1 AsylG vorgeht (vgl. Art. 106 Abs. 2 AsylG) – in materieller  Hinsicht  nur mit  der  Begründung  angefochten werden  kann,  er  verletze  den Grundsatz der Einheit der Familie, dass  sich  der  Begriff  der  Familieneinheit  gemäss  Art.  27  Abs.  3  AsylG  grundsätzlich  an  dem  im  Asylrecht  geltenden  Familienbegriff  im  Sinne 

D­6872/2011 von Art. 1 Bst. e AsylV 1 orientiert und mithin die Kernfamilie (Ehegatten  und deren minderjährige Kinder) umfasst, dass der über die Kernfamilie  hinausgehende Familienbegriff  von Art.  8  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  auch  die  Beziehungen  zwischen  allen  nahen  Verwandten  (Grosseltern  und  ihre  Enkel/Enkelinnen,  Onkel/Tanten  und  ihre  Nichten/Neffen,  Geschwister),  die  in der Familie eine wesentliche Rolle spielen können, erfasst, sofern  eine  nahe,  echte  und  tatsächlich  gelebte  Beziehung  zwischen  den  betreffenden Angehörigen besteht, dass die Berufung auf  den Grundsatz  der Familieneinheit  im Sinne  von  Art. 27 Abs. 3 AsylG bei Verwandten ausserhalb der Kernfamilie darüber  hinaus – nebst einer nahen, echten und tatsächlich gelebten Beziehung –  praxisgemäss  ein  besonderes  Abhängigkeitsverhältnis  voraussetzt  (vgl.  Entscheide  des  Schweizerischen  Bundesverwaltungsgerichts  [BVGE]  2008/47 E. 4.1 S. 677 ff.), dass  ein  solches  Abhängigkeitsverhältnis  besteht,  wenn  eine  Person  behindert  ist oder aus einem anderen Grund auf die Hilfe einer Person,  die in der Schweiz lebt, besonders angewiesen ist, dass  dabei  ein  besonderes  Engagement  des  in  der  Schweiz  lebenden  Angehörigen  gegeben  sein  muss,  indem  dieser  die  verwandte  Person  nicht nur finanziell oder moralisch unterstützt, sondern sich persönlich um  sie kümmert (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2000  Nr.  21  E.  6c  S.  200  f.,  EMARK  2001 Nr. 24 E. 3 S. 191 f.), dass  in  der  Rechtsmittelschrift  im  Wesentlichen  geltend  gemacht  wird,  der  Beschwerdeführer  habe  einen  als  Flüchtling  anerkannten  Bruder  in  N._______,  der  bereit  sei,  ihn  bei  sich  zu Hause aufzunehmen und  ihn  bei der Integration in geeigneter Form zu unterstützen, dass  der  oben  erwähnte  Bruder  seine  Bereitschaft  zur  Aufnahme  und  Betreuung  des  Beschwerdeführers  in  seinem  Schreiben  vom  21.  Dezember 2011 unterschriftlich bestätigte, dass  die  Vorbringen  in  der  Beschwerdeschrift  indessen  nicht  zu  einer  veränderten Betrachtungsweise zu führen vermögen,

D­6872/2011 dass  sich  der  Beschwerdeführer  zwar  auf  den  Schutz  der  Einheit  der  Familie im Sinne von Art. 27 Abs. 3 AsylG und Art. 8 EMRK beruft, dass der  (volljährige) Beschwerdeführer und sein  im Kanton N._______  wohnhafter Bruder namentlich keine über die Kernfamilie hinaus gehende  schützenswerte  verwandtschaftliche  Beziehung  im  Sinne  der  oben  genannten  Bestimmungen  bilden  und  dies  im  Übrigen  nicht  einmal  behaupten, dass  weder  die  anlässlich  der  Befragung  vom  13.  Dezember  2011  zur  Person  geschilderten  gesundheitlichen  Beschwerden  des  Beschwerdeführers  noch  die  Beziehung  zwischen  den  beiden  Brüdern  eine  intensive  Abhängigkeit  zu  begründen  vermögen,  die  zwischen  Verwandten vorausgesetzt wird, um von einer über die Kernfamilie hinaus  gehenden  schützenswerten  verwandtschaftlichen  Beziehung  ausgehen  zu können, dass  in  der  Beschwerdeschrift  nicht  substanziiert  wird,  inwiefern  die  persönliche  Betreuung  durch  den  Bruder  erforderlich  sei  und  sich  die  Betreuung vor Ort als unzureichend erweist, dass  sich  folglich  aus  den  Vorbringen  der  Rechtsmitteleingabe  kein  besonderes  Abhängigkeitsverhältnis  erkennen  lässt,  welches  über  die  natürliche  familiäre  Bindung  und  Zuneigung  hinausgehen  würde  und  somit  kein  besonderes  Abhängigkeitsverhältnis  des  Beschwerdeführers  zu seinem Bruder besteht, dass  mithin  festzustellen  ist,  dass  die  Kantonszuweisung  des  Beschwerdeführers den Grundsatz der Einheit der Familie  im Sinne von  Art. 27 Abs. 3 AsylG nicht verletzt, die angefochtene Zwischenverfügung  des BFM vom 15. Dezember 2011 sich als rechtmässig erweist, und die  Beschwerde demnach abzuweisen ist, dass  es  dem  Beschwerdeführer  demnach  nicht  gelungen  ist  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellt oder  unangemessen ist (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen  ist, dass  das  Gesuch  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  angesichts  des  vorliegenden  Entscheides  in  der  Hauptsache gegen­standslos geworden ist,

D­6872/2011 dass  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  zufolge  Aussichtslosigkeit  der  Beschwerde abzuweisen ist, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  von  Fr. 600.–  (Art. 1 – 3  des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1  VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

D­6872/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Fulvio Haefeli Gert Winter Versand:

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