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Bundesverwaltungsgericht 24.10.2011 D-3283/2011

October 24, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,787 words·~14 min·1

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Mai 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­3283/2011/sed Urteil   v om   2 4 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Jean­Pierre Monnet,  Richterin Nina Spälti Giannakitsas,    Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei,   vertreten durch lic. iur. Nicole Hohl, Advokatin, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Mai 2011 / N (…).

D­3283/2011 Sachverhalt: A.  A.a. Der Beschwerdeführer, ein ethnischer Kurde mit letztem Wohnsitz in  B._______  (Provinz  C._______),  verliess  die  Türkei  eigenen  Angaben  gemäss am 14. November 1997 und reiste mit seinem mit einem Visum  versehenen Reisepass in die Schweiz ein. Er kam im Jahr 1997 zwecks  Heirat  in  die  Schweiz.  Nachdem diese Ehe  geschieden wurde,  lebte  er  von  2001  bis  am  1. Mai  2006  illegal  in  Deutschland;  am  1. Mai  2006  reiste er wiederum in die Schweiz ein, wo er erneut heiratete. Er war  im  Besitz einer bis zum 15. Mai 2010 gültigen Aufenthaltsbewilligung Typ B,  die nicht mehr verlängert wurde; ein entsprechendes Gesuch wurde von  der  kantonalen  Behörde  am  20.  September  2010  abgewiesen.  Zum  Verlassen  der  Schweiz  wurde  ihm  Frist  bis  zum  22.  November  2010  gesetzt. Am 1. Dezember 2010 verheiratete er sich mit einer  türkischen  Staatsangehörigen, die  im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung Typ B  ist.  Am 1. März 2011 wurde er von der Polizei zwecks Ausschaffung aus der  Schweiz  festgenommen,  da  die  kantonale  Behörde  ein  Gesuch  um  Erteilung  einer  Kurzaufenthaltsbewilligung  bis  zum  Vorliegen  eines  Entscheids betreffend das Familiennachzuggesuch gleichentags abwies.  Am  4.  März  2011  suchte  er  in  der  Schweiz  um  Asyl  nach,  worauf  die  kantonale  Behörde  das Gesuch  um Familiennachzug  am  7. März  2011  als gegenstandslos abschrieb. A.b. Am 10. März 2011 liess der Beschwerdeführer mehrere Fotografien  von seiner Hochzeit und Unterschriftenbögen einreichen. A.c. Bei  der  Kurzbefragung,  die  am  21.  März  2011  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  Kreuzlingen  durchgeführt  wurde,  sagte  er  aus,  seit  dem 1. Dezember 2010 sei er wieder verheiratet. Die Polizei wolle, dass  er  ausreise,  aber  er  könne  zurzeit  nicht  in  die  Türkei  zurückkehren.  Er  habe  Probleme  mit  dem  Militärdienst  und  führe  in  der  Schweiz  im  D._______  Tätigkeiten  aus.  In  der  Türkei  müsse  er  deswegen  mit  Freiheitsentzug  von  sechs Monaten  bis  zu  einem  Jahr  rechnen.  Als  er  noch  in  der  Türkei  gelebt  habe,  seien  manchmal  Mitglieder  einer  Sondereinheit gekommen, die gefragt hätten, ob sie Terroristen gesehen  hätten. Wenn  sie  dies  abgestritten  hätten,  seien  sie  ein  wenig  gefoltert  worden. In ihrem Dorf habe es einmal eine Schiesserei zwischen Militärs  und  Guerillas  gegeben,  weshalb  alle  Dorfbewohner  mitgenommen  und  inhaftiert worden seien. Er sei deshalb eine Woche in Untersuchungshaft  genommen worden.

D­3283/2011 A.d.  Der  Beschwerdeführer  liess  dem  BFM  am  21.  März  2011  eine  Bestätigung des D._______ in E._______ vom 7. März 2011 übermitteln.  In  dieser  wurde  ausgeführt,  er  habe  während  seines  Aufenthalts  in  E._______  an  diversen  Komitees  teilgenommen.  Da  der  Verein  in  der  Schweiz  legal  sei,  würden  die  Personalien  der  Mitglieder  veröffentlicht.  Dies  sei  auch  den  türkischen  Sicherheitskräften  bekannt.  Der  Beschwerdeführer  werde  in  der  Türkei  gesucht,  weil  er  seinen  Militärdienst bisher nicht geleistet habe. A.e.  Dem  Beschwerdeführer  wurde  vom  BFM  am  24.  März  2011  das  rechtliche  Gehör  gewährt.  Er  wurde  aufgefordert,  innerhalb  von  fünf  Tagen  seinen Reisepass,  seine  Identitätskarte  und  eine Heiratsurkunde  abzugeben.  Zudem  wurde  er  zu  seinem  mehrjährigen  Aufenthalt  in  Deutschland befragt. A.f. Am 12. April 2011 hörte das BFM den Beschwerdeführer zu seinen  Asylgründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, die von ihm bei der  Kurzbefragung erwähnte Untersuchungshaft habe wahrscheinlich  im Mai  1993 stattgefunden. Als er im Jahr 2006 in die Türkei zurückgekehrt sei,  seien  sie  zu  ihm  gekommen  und  hätten  ihn  zwecks  Musterung  mitgenommen. Er  sei  jedoch wieder weggeschickt worden,  damit  er  bei  den Militärbehörden den Dienst verschieben lassen könne. Die türkische  Regierung  wisse,  dass  er  für  den  D._______  Tätigkeiten  ausgeführt  habe. Schon wegen der Mitgliedschaft in diesem Verein hätte er mit einer  Mindeststrafe von sechs Monaten Freiheitsentzug zu rechnen, da dieser  Verein  der  PKK  zugerechnet  werde.  Nach  türkischem  Gesetz  werde  jeder, der für diesen Verein tätig sei, bestraft. Er sei in der Jugendfraktion  des  Vereins  tätig.  Sie  unterrichteten  Folklore  und  versuchten,  den  Kindern ihre Kultur näher zu bringen. Sie hätten der PKK aber kein Geld  zukommen lassen. Für die Türkei wolle er keinen Militärdienst leisten.  B.  Mit Verfügung vom 6. Mai 2011 – eröffnet am 10. Mai 2011 – stellte das  BFM  fest,  der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung  aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. C.  Der Beschwerdeführer liess durch seine Rechtsvertreterin mit Eingabe an  das  Bundesverwaltungsgericht  vom  9.  Juni  2011  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  und  die  Gutheissung  seines  Asylgesuchs 

D­3283/2011 beantragen. Eventualiter sei der Entscheid aufzuheben und die Sache zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Subeventualiter  sei  die Wegweisungsverfügung aufzuheben und er  in der Schweiz vorläufig  aufzunehmen. Für  den Fall  des Unterliegens wurde um Bewilligung der  unentgeltlichen  Prozessführung  und Rechtsverbeiständung  ersucht.  Der  Eingabe  lag  ein  Bericht  des  Österreichischen  Roten  Kreuzes  zur  "Wehdienstverweigerung in der Türkei" vom März 2009 bei. D.  Der  Instruktionsrichter  hielt  mit  Zwischenverfügung  vom  15.  Juni  2011  fest, über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  werde  zu  einem  späteren  Zeitpunkt  befunden.  Der  Beschwerdeführer  habe  umgehend  Unterlagen  zur  geltend  gemachten  Bedürftigkeit  nachzureichen, widrigenfalls nicht von seiner Bedürftigkeit ausgegangen  werde. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde verzichtet. Die  Akten wurden zur Vernehmlassung an das BFM überwiesen. E.  Das BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  17.  Juni  2011  die  Abweisung der Beschwerde. F.  Der  Beschwerdeführer  liess  am  7.  Juli  2011  Unterlagen  zu  seiner  finanziellen  Situation  einreichen.  Am  20.  Juli  2011  liess  er  einen  Haftbefehl vom 5. April 2010 und eine Anklageschrift vom 24. März 2010  aus der Türkei übermitteln. G.  Der Instruktionsrichter überwies die vom Beschwerdeführer eingereichten  Beweismittel  mit  den  Akten  am  22.  Juli  2011  zur  erneuten  Vernehmlassung an das BFM. H.  Das  BFM  führte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  2.  August  2011  aus,  gemäss einer  internen Dokumentenprüfung vom 27. Juli 2011 handle es  sich  bei  beiden  Dokumenten  um  Totalfälschungen.  Es  beantragte  weiterhin die Abweisung der Beschwerde. I.  Der  Instruktionsrichter  setzte  den  Beschwerdeführer  mit 

D­3283/2011 Zwischenverfügung  vom  8.  August  2011  von  der  zweiten  Vernehmlassung  in Kenntnis  und  teilte  ihm den wesentlichen  Inhalt  der  Dokumentenanalyse mit. Dem Beschwerdeführer wurde Gelegenheit zur  Einreichung  einer  Stellungnahme  und  Bezeichnung  von  Gegenbeweismitteln gegeben. J.  Der Beschwerdeführer liess am 5. September 2011 mitteilten, er halte an  der Echtheit der eingereichten Dokumente fest. Weitere Beweismittel aus  der Türkei würden zirka in zehn Tagen eintreffen. Am 6. September 2011  liess er eine Verfügung des Musterungsgremiums F._______ vom 1. April  2010 einreichen. Am 10. Oktober 2011  liess er mitteilen, er habe bisher  keine  weiteren  Unterlagen  aus  der  Türkei  erhältlich  machen  können.  Sollten  solche  zu  einem  späteren  Zeitpunkt  eintreffen,  werde  er  sie  nachreichen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  Art. 108  Abs. 1  AsylG,  Art.  37  VGG  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.

D­3283/2011 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Das  BFM  begründete  seinen  Entscheid  damit,  es  könne  nicht  ausgeschlossen werden, dass die türkischen Behörden Kenntnis von der  Mitgliedschaft des Beschwerdeführers bei den (…) in der Schweiz habe.  Eine  allfällige  Befragung  des  Beschwerdeführers  durch  die  türkischen  Behörden ergäbe, dass seine Aktivitäten in der Schweiz harmloser Natur  gewesen  seien  und  gemäss  türkischer  Gesetzgebung  keine  schwerwiegenden  Straftatbestände  darstellten.  Eine  überwiegende  Wahrscheinlichkeit,  dass  er  eine  monatelange  Inhaftierung  aus  den  genannten Gründen zu gewärtigen habe, bestehe nicht. Zudem wäre es  ihm  zuzumuten,  vor  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  aus  den  (…)  auszutreten,  um  sich  allfällige  Unannehmlichkeiten  zu  ersparen,  zumal  gemäss  seinen  Angaben  andere  Kurden  dies  erfolgreich  getan  hätten.  Hinsichtlich  des  Vorbringens,  der  Beschwerdeführer  habe  in  der  Türkei  seinen Militärdienst noch nicht geleistet, lägen keine Anhaltspunkte dafür  vor,  dass  der  türkische  Staat  betreffs  der  Einberufung  in  einer 

D­3283/2011 asylrelevanten  Verfolgungsabsicht  handeln  würde.  Auch  eine  allfällige  Bestrafung wegen Refraktion würde nicht aus den in Art. 3 Abs. 1 AsylG  angeführten  Gründen  erfolgen.  Somit  seien  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers asylrechtlich irrelevant. Hinsichtlich des Umstandes, dass der Beschwerdeführer  in der Schweiz  am 1. Dezember 2010 in der Schweiz eine im Besitz einer B­Bewilligung  befindliche  Landsfrau  geheiratet  habe,  sei  Folgendes  anzumerken:  Gemäss  Art.  14  Abs.  1  AsylG  verankere  das  Asylgesetz  im  Verhältnis  zum  Ausländerrecht  das  Prinzip  der  Ausschliesslichkeit  des  Asylverfahrens Gemäss Art. 14 Abs. 1 AsylG könnten Asylsuchende nach  Einreichung  des  Gesuchs  grundsätzlich  kein  Verfahren  um  Erteilung  einer Aufenthaltsbewilligung einleiten. Bestehe aber ein Rechtsanspruch  – vorliegend  gemäss  Art.  44  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  –  so  gelte  dieses  Prinzip  nicht.  Es  bleibe  dem Beschwerdeführer  und  seiner  Ehefrau  unbenommen,  erneut  ein  Verfahren  um  Erteilung  einer  ausländerrechtlichen  Bewilligung  im  Wohnsitzkanton  der  Ehefrau  einzuleiten. 4.2.  In  der  Beschwerde  wird  geltend  gemacht,  der  Beschwerdeführer  könne  sich  aus  ideologischen  Gründen  nicht  vorstellen,  in  der  Türkei  Militärdienst  zu  leisten.  Hinzu  komme  eine  berechtigte  Furcht,  dass  er  wegen  des  Militärdienstes  aufgrund  seiner  Ethnie  und  seines  Engagements  für  die  Kurden  mit  Übergriffen,  Folter  und  noch  Schlimmerem zu  rechnen habe.  In der Türkei seien  in den Jahren 2000  bis  2009  88  Menschen  im  Militärdienst  auf  mysteriöse  Weise  umgekommen.  Auch  seien  viele  Fälle  von  Misshandlungen  und  Folter  bekannt.  Seine  Befürchtungen  müssten  in  diesem  Fall  als  begründet  angesehen werden. Er müsse damit rechnen, im Fall einer Einreise in die  Türkei  am  Flughafen  inhaftiert  zu  werden.  Wegen  seiner  Dienstverweigerung  müsse  er  neben  Misshandlungen  mit  mehrfacher  Verurteilung rechnen. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe habe  in einem  Gutachten  vom  Oktober  2007  von  Dienstverweigerern  berichtet,  die  wiederholt  wegen  Befehlsverweigerung  verurteilt  worden  seien.  Der  Kassationsgerichtshof  der  Türkei  habe  diese  Praxis  bestätigt.  Der  Europäische  Gerichtshof  für  Menschenrechte  habe  im  Fall  "Ülke"  festgehalten,  dass  die  ständige  Bedrohung  mit  weiterer  Haft  und  der  Zwang,  versteckt  zu  leben,  als erniedrigende Behandlung  im Sinne  von  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) zu bewerten sei. 

D­3283/2011 Der Beschwerdeführer  sei erhöht gefährdet, weil  er  sich  in der Schweiz  politisch  erheblich  exponiert  habe.  Nach  seinen  Angaben,  sei  der  D._______,  dessen  Mitglied  er  sei,  mit  der  PKK  verknüpft,  was  es  als  wahrscheinlich  erscheinen  lasse,  dass  dieser  vom  türkischen  Geheimdienst  beobachtet  werde.  Menschen,  die  sich  in  beachtlichem  Mass  exilpolitisch  betätigt  hätten,  seien  in  der  Türkei  durch  staatliche  Verfolgung  bedroht.  Es  sei  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  davon  auszugehen,  dass  er  in  der  Türkei  auch  deshalb  von  staatlicher  Verfolgung  bedroht  wäre.  Er  sei  demnach  auch  aus  diesem Grund  als  Flüchtling anzuerkennen und es  sei  ihm Asyl  zu gewähren,  eventualiter  sei er zumindest als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. 5.  5.1.  Die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt  worden  sind  beziehungsweise  zugefügt  zu werden  drohen  (vgl.  BVGE 2008/4 E.  5.2 S.  37).  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  ausserdem  voraus,  dass  die  betroffene  Person  in  ihrem  Heimatland  keinen  ausreichenden  Schutz  finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f., BVGE 2008/4 E. 5.2  S. 37 f.). Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist  die  Frage  nach  der  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  vorhandenen  Verfolgung  oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E.  5.4  S.  38  f.;  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, Basel/Bern/Lausanne 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 5.2.  Insofern  der Beschwerdeführer  befürchtet, wegen Nichtleistens  des  Militärdienstes  Nachteile  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  zu  erleiden,  ist  festzuhalten,  dass  gemäss  konstanter  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  sowie  der  vormaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  strafrechtliche  Konsequenzen  wegen 

D­3283/2011 Refraktion, Dienstverweigerung oder Desertion bei einer Rückkehr in den  Heimatstaat  grundsätzlich  keine  Verfolgung  im  Sinne  des  Asylgesetzes  darstellen.  Es  ist  das  legitime  Recht  jedes  Staates,  seine  Bürger  zum  Militärdienst  einzuberufen,  weshalb  strafrechtliche  oder  disziplinarische  Massnahmen  bei  Pflichtverletzungen  grundsätzlich  nicht  als  politisch  motivierte  oder  menschenrechtswidrige  Verfolgungsmassnahmen  zu  betrachten  sind,  wobei  Ausnahmen  vorbehalten  bleiben,  beispielsweise  wenn  der Wehrpflichtige  aus  einem Grund  nach  Art.  3  AsylG mit  einer  schweren Strafe zu rechnen hat oder wenn das Strafmass  für  ihn höher  ausfällt,  als  für  Deserteure  und  Refraktäre  ohne  diesen  spezifischen  Hintergrund,  oder  wenn  der  Wehrpflichtige  aus  denselben  Gründen  während  des  Dienstes  schwersten  Übergriffen  und  Misshandlungen  durch Kameraden und Vorgesetzte ausgesetzt wäre (vgl. ausführlich das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­4952/2006  vom  23. September  2010). Vorliegend steht nicht fest, ob der Beschwerdeführer in der Türkei wegen  Nichtleistens  des  Militärdienstes  von  den  heimatlichen  Militärbehörden  offiziell gesucht wird. Hinsichtlich der dazu eingereichten Beweismittel ist  auf  die  nachfolgenden  Erwägungen  unter  5.5.  zu  verweisen.  Im  Schreiben  des  Kurdischen  Kultur  Vereins  vom  7. März  2011  wird  zwar  sinngemäss ausgeführt,  er werde  von den  türkischen Sicherheitskräften  gesucht, weil er den Militärdienst aus politischen Gründen nicht geleistet  habe, es wird aber in keiner Weise dargelegt, inwiefern dem Verein dafür  konkrete  Anhaltspunkte  vorliegen.  Da  in  der  Türkei  die  militärische  Inpflichtnahme  einzig  aufgrund  der  Staatsangehörigkeit  und  des  Jahrganges  der  Betroffenen  erfolgt,  könnte  er  allein  aus  einer  behördlichen  Suche  ohnehin  nichts  zu  seinen  Gunsten  ableiten.  Eine  allfällige  Bestrafung  wegen  Wehrdienstverweigerung  wäre  als  legitime  staatliche Massnahme zur Durchsetzung einer staatsbürgerlichen Pflicht  und  damit  als  asylrechtlich  ebenfalls  nicht  relevant  zu  bewerten.  In  der  Rechtsmitteleingabe verweist der Beschwerdeführer auf seinen Unwillen,  für  die  Türkei  Militärdienst  zu  leisten  und  auf  seine  Tätigkeiten  für  den  Kurdischen  Kultur  Verein.  Dazu  ist  festzuhalten,  dass  bislang  nicht  bekannt  wurde,  dass  kurdische  Refraktäre  im  Sinne  eines  "Malus"  generell  strengere  Strafen  zu  gewärtigen  hätten  als  solche  türkischer  Ethnie.  Schliesslich  ist  entgegen  den  in  der  Anhörung  geäusserten  Befürchtungen des Beschwerdeführers die Wahrscheinlichkeit, dass er –  vorausgesetzt  er müsste noch Militärdienst  leisten – als Kurde während  des  obligatorischen  Dienstes  gegen  Angehörige  seiner  eigenen  Ethnie  eingesetzt  würde  (act.  A31/8  S. 3),  nach  Kenntnissen  des  Gerichts  als 

D­3283/2011 unwahrscheinlich  einzustufen.  Demnach  ist  eine  allenfalls  vom  Beschwerdeführer  zu  erwartende  strafrechtliche  Sanktion  für  das  Nichtbefolgen  eines  militärischen  Aufgebots  nicht  asylbeachtlich.  Der  eingereichte Bericht des Österreichischen Roten Kreuzes vom März 2009  vermag  die  vom  Bundesverwaltungsgericht  bestätigte  und  fortgesetzte  Praxis  der  ARK  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2006 Nr.  3  und Urteil  E­6209/2006  vom 29. Dezember  2009), wonach  allfällige  strafrechtliche  Konsequenzen wegen Refraktion, Dienstverweigerung oder Desertion bei  einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  grundsätzlich  keine  Verfolgung  im  Sinn des Asylgesetzes darstellen, nicht in Frage zu stellen. 5.3.  Der  Beschwerdeführer  macht  weiter  geltend,  aufgrund  seiner  politischen  Aktivitäten  in  der  Schweiz  befürchte  er  bei  einer  Rückkehr  Verfolgungsmassnahmen  im  Sinne  des  Asylgesetzes.  Wer  sich  darauf  beruft,  dass  durch  sein  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder Herkunftsland eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist,  macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend  (vgl.  Art.  54  AsylG).  Solche  begründen  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG,  führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig  davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. 5.4.  Der  Beschwerdeführer  sagte  aus,  er  sei  im  D._______  für  die  Jugendsektion  tätig.  Sie  versuchten,  die  Jugendlichen  von  Betäubungsmitteln fernzuhalten, unterrichteten Folklore und brächten den  Kindern  ihre Kultur  bei.  Allein  aufgrund  dieser Aktivitäten muss  er  nicht  ins  Visier  der  türkischen  Behörden  geraten  sein.  Es  kann  nicht  davon  ausgegangen  werden,  dass  die  türkischen  Behörden  gegen  zehntausende  türkische  Staatsangehörige,  die  sich  im  Ausland  in  (…)  engagieren,  Strafverfahren  einleiten  können  und  wollen.  Den  Angaben  des Beschwerdeführers und der Bestätigung des D._______ vom 7. März  2011  ist  nicht  zu  entnehmen,  dass  er  sich  anlässlich  seiner  Tätigkeiten  über  das  Mass  der  gewöhnlichen  Vereinsmitglieder  hinaus  exponiert  hätte. Insoweit weist er kein besonders beachtenswertes politisches Profil  auf.  Sein  kulturelles  Engagement  in  der  Schweiz  lässt  ihn  nicht  als  engagierten  und/oder  exponierten  oder  gar  staatsgefährdenden  exilpolitischen Aktivisten erscheinen.  Insoweit  liegen dem Verhalten des  Beschwerdeführers  keine  für  das  Asylverfahren  relevanten  subjektiven  Nachfluchtgründe zugrunde.

D­3283/2011 5.5. Der Beschwerdeführer  gab  im Rahmen  des Beschwerdeverfahrens  eine  Anklageschrift  an  die  Strafkammer  des  Friedensgerichts  Pazarcik  vom  24.  März  2010  und  einen  durch  diese  Kammer  ausgestellten  Haftbefehl  vom  5.  April  2010  zu  den  Akten.  In  der  Anklageschrift  wird  ausgeführt,  auf  Anzeige  vom  10.  Februar  2010  hin  hätten  die  Sicherheitsbehörden  am  Wohnort  des  Beschwerdeführers  gesetzeswidrige Dokumente gefunden. Zudem habe er der Einladung der  Militärzweigstelle zur Aushebung keine Folge geleistet und sei desertiert. Das BFM gelangte aufgrund einer amtsinternen Dokumentenanalyse zum  Schluss,  bei  beiden  Dokumenten  handle  es  sich  um  Totalfälschungen.  Bei  der  eingereichten  Original­Anklageschrift  der  Staatsanwaltschaft  F._______  vom  24. März  2010  seien  eine  Verletzung  der  Art.  168  und  169  des  "T.M.K."­Gesetzes  und  des Militärgesetzes  Anklagetatbestand.  Dem Beschwerdeführer solle somit Besitz von PKK­Propagandamaterial  sowie  Refraktion  bzw.  Desertion  angelastet  werden.  Die  erwähnten  Tatbestände  bezögen  sich  auf  im  alten  türkischen  Strafgesetzbuch  enthaltene  Gesetzesartikel,  der  Tatzeitpunkt  werde  indessen  mit  10.  Februar  2010  angegeben,  weshalb  eine  Anwendung  des  alten  Strafgesetzbuches  auszuschliessen  sei.  Das  Friedensstrafgericht  (Sulh  Mahmemesi)  F._______  sei  für  beide  Straftatbestände  sachlich  unzuständig.  Die  Ausstellung  eines  gerichtlichen  Haftbefehls  würde  in  Form eines  separaten Antrags an das Gericht  bzw.  den Haftrichter  und  nicht  in der Anklageschrift beantragt. Das BFM habe keine Kenntnis von  einem  in  der  Türkei  tätigen  Staatsanwalt  namens  G._______  mit  der  Amtsnummer (…). Es stelle sich die Frage, wie der Beschwerdeführer in  den Besitz eines Originaldurchschlags des Haftbefehls gelangt sei, da ein  Abwesenheitshaftbefehl  nicht  erhältlich  sei.  Dem  Dokument  fehle  der  zwingende  Vermerk,  dass  es  sich  um  einen  Abwesenheitshaftbefehl  handle. Das BFM habe  keine Kenntnis  von  einem  in  der  Türkei  tätigen  Staatsanwalt namens H._______ mit der Amtsnummer (…), zumal diese  Amtsnummer einem Richter namens I._______ zugeteilt sei. Schliesslich  figuriere auf dem Dokument ein falscher Stempel. 5.5.1. Das Bundesverwaltungsgericht  erachtet  die Schlussfolgerung des  BFM,  bei  beiden  Dokumenten  handle  es  sich  um  Fälschungen,  angesichts  der  von  ihm genannten,  zahlreichen Ungereimtheiten  in  den  Dokumenten  als  stringent.  Der  Beschwerdeführer  hält  den  einzelnen  Kritikpunkten  in  seiner  Stellungnahme  vom  5.  September  2011  nichts  Substanziiertes und Konkretes entgegen und bekräftigt nur pauschal die  Echtheit  der  Dokumente.  Er  reichte  am  6.  September  2011  eine 

D­3283/2011 Verfügung des Musterungsministeriums F._______ vom 1. April 2010 ein,  in  welcher  er  aufgefordert  wird,  allfällige  Unterlagen  einzureichen,  die  belegen  würden,  dass  er  entweder  Schüler  oder  inhaftiert  oder  hospitalisiert  sei.  Allenfalls  habe  er  zu  belegen,  dass  er  im Ausland  als  Arbeitnehmer oder selbständig arbeite. Andernfalls habe er sich so bald  wie  möglich  an  die  Musterungsstelle  seines  Wohnorts  zu  wenden,  um  seine  Rekrutierung  zu  beantragen.  Unbesehen  der  Frage  der  Echtheit  dieses Dokuments,  die  aufgrund  der  vorstehenden Erwägungen  zu  den  bereits  vorher  eingereichten  Dokumenten  erheblich  zu  bezweifeln  ist,  steht  dieses  im  Widerspruch  zu  den  Angaben  in  den  gefälschten  Dokumenten.  Dem  Beschwerdeführer  wäre  von  der  Militärbehörde  mit  der  Verfügung  vom  1. April  2010  Zeit  eingeräumt  worden,  Gründe  zu  belegen, die ihn allenfalls von der Dienstpflicht (vorübergehend) befreien  könnten. Dies  kann  nichts  anderes  bedeuten,  als  das  gegen  ihn  bis  zu  diesem Zeitpunkt noch keine Anklage erhoben, sondern ihm Gelegenheit  gegeben worden wäre, die Angelegenheit  zu  regeln.  Inwiefern die dafür  ohnehin  nicht  zuständige  Staatsanwaltschaft  F._______  angesichts  dieser  Sachlage  bereits  am  24. März  2010  bei  einem  unzuständigen  Gericht  wegen  Desertion  hätte  Anklage  erheben  sollen,  ist  nicht  nachvollziehbar. 5.5.2. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer zum Beleg der von ihm  geäusserten Befürchtungen,  ihm drohe  in der Türkei aufgrund des noch  nicht geleisteten Militärdienstes und seines Engagements  im D._______  Verfolgung, gefälschte Dokumente einreichte, relativiert auch die von ihm  geltend  gemachte  subjektive  Furcht.  Wäre  gegen  ihn  in  der  Türkei  tatsächlich  ein  Strafverfahren  eingeleitet  worden,  würde  er  alles  daran  setzen,  dafür  durchaus  legal  erhältliche  authentische  Dokumente  einzureichen. 5.5.3. Gemäss Art.  10 Abs.  4 AsylG  können  verfälschte  und  gefälschte  Dokumente  sowie  echte  Dokumente,  die  missbräuchlich  verwendet  wurden,  vom  Bundesamt  oder  von  der  Beschwerdeinstanz  eingezogen  werden.  Die  als  gefälscht  erkannten  Dokumente  (Anklageschrift  vom  24. März 2010 und Haftbefehl vom 5. April 2010) sind daher einzuziehen. 5.6.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  glaubhaft  machen  oder  nachweisen  konnte.  Bei  dieser  Sachlage  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  und  die  eingereichten  Beweismittel  einzugehen, da sie an den vorstehenden Feststellungen nichts zu ändern 

D­3283/2011 vermögen.  Die  Vorinstanz  hat  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  demnach zu Recht abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der  Beschwerdeführer  verfügte  weder  zum  Zeitpunkt  des  Erlasses  der angefochtenen Verfügung noch heute über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung.  Nachdem  die  kantonale  Behörde  die  (weitere)  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  verweigert  hat,  besteht  demnach  heute  für  die  Asylbehörden  keine  Veranlassung,  die  asylrechtlich  angeordnete Wegweisung  (Art.  44  Abs.  1  AsylG)  zugunsten  kantonaler  Kompetenzen  aufzuheben  (vgl.  zu  den  Kompetenzabgrenzungen  diesbezüglich  ausführlich  EMARK  2001  Nr.  21;  zur  vorliegend  interessierenden  Konstellation  insbesondere  E.  11.b).  Die  in  der  angefochtenen Verfügung angeordnete Wegweisung aus der Schweiz ist  demnach zu bestätigen.  7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG).

D­3283/2011 So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers in die Türkei ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5  AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Dass  dem  Beschwerdeführer  wegen  seines  bisher  nicht  geleisteten  Militärdienstes  –  oder  im  Militärdienst  selber –  beziehungsweise  seiner  Aktivitäten  im  D._______  eine  menschenrechtswidrige Behandlung drohen würde, muss nach dem oben  Gesagten nicht mit erheblicher Wahrscheinlichkeit befürchtet werden. Der 

D­3283/2011 Umstand,  dass er  im  Jahr  1993 eine Woche  lang  in Untersuchungshaft  genommen  und  dabei  misshandelt  worden  sei,  ändert  an  dieser  Einschätzung nichts. Er machte geltend, damals seien in der Folge einer  bewaffneten  Auseinandersetzung  zwischen  Militärs  und  Guerillas  alle  Dorfbewohner  mitgenommen  worden.  Da  der  Beschwerdeführer  nach  einer Woche Untersuchungshaft  auf  freien  Fuss  gesetzt  und  gegen  ihn  kein  Strafverfahren  eingeleitet  wurde,  hat  er  in  diesem Zusammenhang  nichts zu befürchten. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in der  Türkei  lässt  den Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 7.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.4.1. In der Türkei herrscht derzeit keine Situation von Bürgerkrieg oder  allgemeiner  Gewalt,  und  der Wegweisungsvollzug  in  dieses  Land  kann  grundsätzlich  als  zumutbar  gelten.  Den  Akten  sind  sodann  auch  keine  konkreten  Anhaltspunkte  dafür  zu  entnehmen,  dass  der  Beschwerdeführer  unter  schwerwiegenden  gesundheitlichen  Problemen  leiden  würde  oder  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  –  wo  weiterhin  mehrere  Familienangehörige  von  ihm  leben  und  er  demnach  auf  ein  soziales  Netz  zurückgreifen  kann  –  aus  individuellen  Gründen  wirtschaftlicher  und  sozialer Natur  in  eine  existenzbedrohende Situation  geraten  könnte.  Dem  langen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz und entsprechenden  Integrationsaspekten kann demgegenüber  im  Rahmen  der  Prüfung  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  im  Asylverfahren  nicht  weiter  Rechnung  getragen  werden;  eine  entsprechende  Prüfung  würde  gemäss  Art.  14  Abs.  2  AsylG,  unter  Zustimmung des Bundesamtes, der kantonalen Behörde zustehen. 7.4.2.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch als zumutbar. 7.5. Schliesslich  obliegt  es  dem Beschwerdeführer,  sich  allfällig  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr 

D­3283/2011 notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 7.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Aufgrund  der  eingereichten  Unterlagen  zur  finanziellen  Situation  des  Beschwerdeführers  kann  von  einer  prozessrechtlichen  Bedürftigkeit  ausgegangen  werden.  Die  Beschwerde  stellte  sich  zudem  nicht  als  aussichtslos  dar;  daran  vermag  im  vorliegenden  Fall  auch  die  nachträgliche  Einreichung  gefälschter  Dokumente  nichts  zu  ändern,  da  die grundsätzlich bestehende Militärdienstpflicht und das Engagement für  den  D._______  nicht  bestritten  sind.  In  Gutheissung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG sind demnach keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wird einer mittellosen Partei, soweit es zur  Wahrung  ihrer  Rechte  notwendig  ist,  in  einem  nicht  aussichtslosen  Verfahren  ein  Anwalt  bestellt.  Ausschlaggebend  für  die Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG  ist das Kriterium, ob die Beschwerde  führende Partei zur Wahrung  ihrer  Rechte  notwendigerweise  der  professionellen  juristischen  Hilfe  eines  Anwaltes bedarf (vgl. dazu BGE 128 I 225 E. 2.5.2 S. 232 f., BGE 122 I  49 E. 2c S. 51 ff., BGE 120 Ia 43 E. 2a S. 44 ff.). In Verfahren, welche –  wie  das  vorliegende  –  vom  Untersuchungsgrundsatz  beherrscht  sind,  sind  strenge  Massstäbe  an  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Verbeiständung anzusetzen (vgl. EMARK 2000 Nr. 6 sowie BGE 122 I 8 

D­3283/2011 E.  2c  S. 10).  Im  asylrechtlichen  Beschwerdeverfahren  geht  es  im  Wesentlichen  um  die  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts.  Besondere  Rechtskenntnisse  sind  daher  zur  wirksamen  Beschwerdeführung im Regelfall nicht unbedingt erforderlich. Aus diesen  Gründen  wird  die  unentgeltliche  Verbeiständung  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  2  VwVG  praxisgemäss  nur  in  den  besonderen  Fällen  gewährt,  in  welchen in rechtlicher oder tatsächlicher Hinsicht erhöhte Schwierigkeiten  bestehen.  Das  vorliegende  Verfahren  erscheint  weder  in  tatsächlicher  noch in rechtlicher Hinsicht besonders komplex, weshalb das Gesuch um  unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG  abzuweisen ist.

D­3283/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  wird  gutgeheissen.  Es  werden  keine  Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art. 65  Abs. 2  VwVG  wird  abgewiesen.  Es  wird  keine  Parteientschädigung ausgerichtet.  4.  Die  als  gefälscht  erkannten  Dokumente  (Anklageschrift  und  Haftbefehl)  werden eingezogen. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Hans Schürch Christoph Basler Versand:

D-3283/2011 — Bundesverwaltungsgericht 24.10.2011 D-3283/2011 — Swissrulings