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Bundesverwaltungsgericht 07.10.2011 D-2029/2008

October 7, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,313 words·~12 min·1

Summary

Asyl (ohne Wegweisung) | Asyl; Verfügung des BFM vom 26. Februar 2008

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­2029/2008/sed Urteil   v om   7 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Martin Zoller; Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren X._______, Irak,   vertreten durch lic. iur. Pascale Bächler,  Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Asyl;  Verfügung des BFM vom 26. Februar 2008 / N_______.

D­2029/2008 Sachverhalt: A.   A.a.  Der  Ehemann  der  Beschwerdeführerin  (B._______)  reichte  am  Y._______  in  der  Schweiz  ein  Asylgesuch  ein,  welches  mit  Verfügung  des Bundesamtes vom Z._______ abgelehnt wurde. Gleichzeitig ordnete  es  die  vorläufige Aufnahme  von B._______ wegen Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  an.  Die  dagegen  erhobene  Beschwerde  vom  V._______  wurde  mit  Urteil  der  damaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommisson (ARK) vom W._______ teilweise gutgeheissen und  B._______ als Flüchtling vorläufig aufgenommen. A.b. Mit Eingabe vom U._______ reichte die Beschwerdeführerin bei der  Schweizer  Vertretung  in  C._______  (D._______)  ein  Gesuch  um  Familiennachzug und Einbezug in die vorläufige Aufnahme als Flüchtling  ihres  in  der  Schweiz  lebenden  Ehegatten  (B._______)  ein,  welches  an  das  BFM  (Eingang  BFM:  23.  August  2007)  überwiesen  wurde.  Mit  Entscheid vom 24. September 2007 bewilligte das BFM – nach positiver  Stellungnahme des Wohnsitzkantons  von B._______  –  gestützt  auf Art.  14c  Abs.  3bis  des  Bundesgesetzes  vom  26. März  1931  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  (ANAG,  BS  1  121)  der  Beschwerdeführerin die Einreise in die Schweiz. A.c. Am 15. Oktober 2007 reichte die Beschwerdeführerin im E._______  ein  Asylgesuch  ein.  In  ihrer  schriftlichen,  dem Familiennachzugsgesuch  vom  U._______  beigelegten  Zusammenfassung  ihrer  Asylgründe  und  anlässlich  der  Befragung  im E._______  vom  17. Oktober  2007  und  der  direkten  Anhörung  durch  das  BFM  am  23.  Oktober  2007  brachte  die  Beschwerdeführerin  –  eine  aus  F._______  stammende  Chaldäerin  mit  letztem Wohnsitz  in  Bagdad  –  im Wesentlichen  vor,  sie  habe mit  ihrer  Familie  bis  im  Jahre  (...)  im  Quartier  G._______  in  Bagdad  gelebt.  Im  Jahre  (...)  sei  der  Freund  ihres  Sohnes  entführt  und  ermordet  worden,  worauf sie zusammen mit ihrem Sohn das Haus verlassen und zu ihrer im  Quartier  H._______  wohnhaften  Tochter  und  danach  zu  Freunden  gezogen seien. Anschliessend seien sie für ungefähr zweieinhalb Monate  in  Syrien  gewesen.  Im  Jahre  (...)  habe  ihr  Sohn  seine  Ausbildung  zum  Arzt  abgeschlossen  und  sei  aus  Furcht  vor  einer  Entführung  nach  C._______  umgezogen.  In  der  Folge  habe  sie  abwechslungsweise  ein  paar  Monate  bei  ihrem  Sohn  in  C._______  und  bei  ihrer  Tochter  in  Bagdad gelebt. Am (...) sei ihr Schwiegersohn entführt worden, wobei die  unbekannten Entführer, die sich als Anhänger der Al­Kaida ausgegeben 

D­2029/2008 hätten, ein hohes Lösegeld gefordert hätten. Daraufhin habe die Familie  das Geld  organisiert, welches  sie  nach Anweisungen  der Erpresser  am  vereinbarten  Übergabeort  persönlich  ausgehändigt  habe.  Zwei  Stunden  später  sei  ihr  Schwiegersohn  zur  Familie  zurückgekehrt.  Die  Erpresser  hätten  gewusst,  dass  sie  Christen  seien  und  hätten  sie  instruiert,  die  Polizei  nicht  zu  informieren  und  ihr  Haus  respektive  die  Stadt  zu  verlassen. Die Leute der Al­Kaida würden die Christen nicht mögen und  verlangten,  dass  diese  das  Land  verliessen.  Nachdem  sie  und  ihre  Familie den Forderungen der Erpresser nachgekommen seien, habe sie  erfahren,  dass  die  Wohnung  ihrer  Tochter  nun  von  Mitgliedern  der  Al­ Kaida  besetzt  worden  sei.  Auf  die  weiteren  Ausführungen  wird,  soweit  wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Mit  Entscheid  des  BFM  vom  28.  November  2007  wurde  die  Beschwerdeführerin  für  den  Aufenthalt  während  des  Verfahrens  dem  Kanton I._______ zugewiesen. B.  Das  BFM  stellte  mit  Verfügung  vom  26.  Februar  2008  –  eröffnet  am  27. Februar  2008  –  fest,  die  Beschwerdeführerin  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 des Asylgesetzes vom  26.  Juni  1998  (AsylG, SR 142.31) nicht,  anerkannte  sie  jedoch gestützt  auf  den Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  als  Flüchtling  und  lehnte  ihr  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin aus der Schweiz und ordnete zufolge Unzulässigkeit  des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an. C.  Mit  Eingabe  vom  27.  März  2008  (Datum  Poststempel)  erhob  die  Beschwerdeführerin  gegen  den  Entscheid  des  BFM  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte,  es  sei  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben,  es  sei  festzustellen,  dass  sie  eigenständig  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle  und  es  sei  ihr  Asyl  zu  gewähren, eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen,  ihr Asylverfahren  wieder  aufzunehmen  und  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unter  Wahrung  ihrer  Verfahrensrechte  pflichtgemäss  zu  ermitteln  und  festzustellen,  und ersuchte  in  prozessualer Hinsicht  um Gewährung der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sowie  um  Erlass  des 

D­2029/2008 Kostenvorschusses.  Auf  die  Begründung  wird,  soweit  entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Ihrer  Beschwerdeschrift  legte  die  Beschwerdeführerin  unter  anderem  diverse  Berichte  und  Zeitungsausschnitte  zur  Situation  von  Christen  im  Irak und der finanziellen Situation ihres Ehemannes in der Schweiz bei. D.  Mit  Eingabe  vom  1.  April  2008  reichte  die  Beschwerdeführerin  weitere  Beweismittel  zu  ihrer  finanziellen  Situation  und  derjenigen  ihres  Ehemannes in der Schweiz zu den Akten. E.  Mit Zwischenverfügung des  Instruktionsrichters vom 7. April 2008 wurde  der Beschwerdeführerin mitgeteilt, dass sie den Ausgang des Verfahrens  in der Schweiz abwarten könne und über das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  im  Endentscheid  befunden  werde.  Gleichzeitig  wurde  auf  die  Erhebung  eines Kostenvorschusses verzichtet. F.  Mit Eingabe vom 18. Februar 2009 legte die Beschwerdeführerin weitere  Beweismittel (Auflistung Beweismittel) ins Recht. G.  Mit  Eingabe  vom  18.  Januar  2011  reichte  die  Beschwerdeführerin  zahlreiche  Unterlagen  (Nennung  Unterlagen)  zur  Situation  der  Christen  im Irak zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 

D­2029/2008 eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1  BGG  liegt  in  casu  nicht  vor. Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  demnach endgültig. 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs. 1 VGG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf  die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 2.  2.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen  (Art. 3 AsylG). 2.2.  Die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft 

D­2029/2008 begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt  worden  sind  beziehungsweise  zugefügt  zu  werden  drohen  (vgl.  BVGE  2008/4  E.  5.2  S.  37,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr.  18  E.  7  und  8  S. 190 ff.,  EMARK  2005  Nr.  21  E.  7  S.  193).  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person  in  ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz  finden kann (vgl. BVGE  2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f., BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37 f., EMARK 2006  Nr. 18 E. 10 S. 201  ff., EMARK 2005 Nr. 21 E. 7.3 S. 194 und E. 11.1  S. 201  f.). Ausgangspunkt  für  die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft  ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung  oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E.  5.4  S.  38  f.,  EMARK  2000 Nr. 2 E. 8a S. 20, WALTER STÖCKLI, Asyl,  in: Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  Basel/Bern/Lausanne  2009,  Rz.  11.17 und 11.18). 2.3.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 3.  3.1. Das BFM  führte zur Begründung des ablehnenden Asylentscheides  im  Wesentlichen  aus,  die  Beschwerdeführerin  bringe  vor,  ihr  Schwiegersohn  sei  von  Anhängern  der  Al­Kaida  entführt  und  nur  dank  der Zahlung eines Lösegeldes  freigekommen. Man habe gewusst,  dass  sie Christen seien. Sie habe daher aus Furcht vor einem  terroristischen  Übergriff den Irak verlassen. Da die Beschwerdeführerin persönlich keine  ernsthaften Nachteile erlebt habe und den Akten keine Anhaltspunkte zu 

D­2029/2008 entnehmen seien, weshalb sie persönlich und in besonderem Masse bei  einer Rückkehr  in den  Irak Ziel eines Attentats sein sollte, sei nicht von  einer begründeten Furcht auszugehen. 3.2.  3.2.1.  Demgegenüber  bringt  die  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Rechtsmitteleingabe  zunächst  in  formeller Hinsicht  vor,  die Begründung  des angefochtenen Entscheides sei sehr oberflächlich und undifferenziert  ausgefallen. In casu sei auffällig, dass insbesondere die direkte Anhörung  des  BFM  vom  23. Oktober  2007  sehr  knapp  und  teilweise  äusserst  oberflächlich ausgefallen sei. Es sei daher ernsthaft zu bezweifeln, ob die  Vorinstanz  den  Sachverhalt  mit  der  ihr  obliegenden  Sorgfalt  und  Tiefe  ermittelt habe, und der Verdacht dränge sich auf, dass das BFM aufgrund  der  Tatsache,  dass  sie  in  die  vorläufige  Aufnahme  ihres  Ehemannes  habe einbezogen werden können, einer  fundierten Anhörung nicht mehr  die  notwendige  Bedeutung  beigemessen  und  damit  ihre  aus  dem  Untersuchungsgrundsatz resultierenden Pflichten verletzt habe. 3.2.2.  In materieller Hinsicht  sei  festzuhalten,  dass  sich gemäss Bericht  des  Amtes  des  Hohen  Flüchtlingskommissars  der  Vereinten  Nationen  (UNHCR)  vom Juni  2006 und weiterer  öffentlicher Quellen die Situation  von  Angehörigen  nicht­muslimischer  Religionsgemeinschaften  seit  dem  Einmarsch  der  Koalitionstruppen  und  dem  Sturz  des  Saddam­Regimes  insgesamt deutlich verschlechtert habe. Zwar sei die irakische Regierung  bemüht, die Rechte aller religiösen Gruppen in Bezug auf die Ausübung  ihres Glaubens zu schützen. Dies sei jedoch in der Realität aufgrund der  landesweit  anhaltenden  Gewalt  und  der  sehr  begrenzten  Einflussmöglichkeiten  der  irakischen  Sicherheitskräfte  nicht  möglich,  so  dass ein effektiver Schutz der Religionsfreiheit nicht möglich sei. Die Zahl  der  Christen  im  Irak  sei  in  den  letzten  Jahren  erheblich  gesunken  und  diese seien in höherem Masse von den wirtschaftlich bedingten Angriffen  und  Vertreibungen  sowie  von  Diskriminierungen  beim  Zugang  zum  Arbeitsmarkt  und zur  sozialen Grundversorgung betroffen. Weiter  sollen  die Christen mit gezielten Bombenanschlägen zum Verlassen der Region  bewogen  werden.  So  hätten  sich  auch  ihre  Lebensbedingungen  in  Bagdad  stetig  verschlechtert  und  sie  sei  im  Jahre  (...)  gezwungen  gewesen,  ihre  J._______  zu  verkaufen,  da  sie  als  Christin  und  Frau  in  ihrem Beruf für Überfälle und Attentate zu anfällig gewesen sei. Auch sei  sie  aufgrund  ihres  äusseren  Erscheinungsbildes  als  Christin  (Kleidung)  und  des  Umstandes,  dass  sie  Autofahren  dürfe,  besonders  gefährdet  gewesen.  Sie  habe  in  der  Folge  aus  Sicherheitsgründen  ihr 

D­2029/2008 Erscheinungsbild und ihre Lebensgewohnheiten angepasst. Aufgrund der  Ermordung  eines  Freundes  ihres  Sohnes  und  der  Entführung  ihres  Schwiegersohnes  mit  anschliessender  Erpressung,  die  wegen  ihrer  Zugehörigkeit  zur  christlichen  Religionsgemeinschaft  geschehen  sei,  habe  sie  sich  zunehmend  unsicher  gefühlt  und  –  infolge  der  gegen  sie  und  ihre  Familienangehörigen  ausgesprochenen  Todesdrohungen  der  Entführer  –  um  ihre  eigene  Sicherheit  gefürchtet.  Zudem  hätten  die  Entführer  ihren Wohnort  gekannt  und erkennen  lassen,  dass  sie  gezielt  Christen  als Opfer  aussuchen würden.  Aufgrund  dieser Situation  könne  der  vorinstanzlichen  Einschätzung,  wonach  sie  in  ihrem  Heimatland  keiner begründeten Furcht ausgesetzt gewesen sei nicht gefolgt werden.  Die  geschilderten  Ereignisse  hätten  den  psychischen  Druck  derart  anwachsen  lassen,  dass  sie  keine  Lebensperspektive  mehr  im  Irak  gesehen  habe.  Aufgrund  einer  objektiven  Betrachtungsweise  müsse  davon  ausgegangen  werden,  dass  sie  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit selber Opfer eines Anschlags oder  Überfalls  hätte werden  können und die Entführer  ihre Drohungen  in  die  Realität umgesetzt hätten. Angesichts der allgemeinen Sicherheitslage im  Irak  hätte  die  Polizei  sie  nicht  vor  einem  allfälligen  Übergriff  schützen  können.  Die  Vorinstanz  habe  all  diese  Punkte  sowie  die  allgemeine  Situation der Christen als eine religiöse Minderheit in einem muslimischen  Staat bei ihrer Entscheidbegründung ausser Acht gelassen. 4.  4.1. Vorweg ist die Rüge der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes  (Abklärungs­  und  Begründungspflicht)  zu  prüfen,  da  ein  allenfalls  ungenügend  abgeklärter  Sachverhalt  eine  materielle  Behandlung  verunmöglichen würde. 4.1.1.  Der  Untersuchungsgrundsatz  gehört  zu  den  allgemeinen  Grundsätzen des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG).  Demnach  hat  die  Behörde  von  Amtes  wegen  für  die  richtige  und  vollständige  Abklärung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  zu  sorgen.  Sie  muss  die  für  das  Verfahren  notwendigen  Sachverhaltsunterlagen  beschaffen  und  die  rechtlich  relevanten  Umstände  abklären  sowie  ordnungsgemäss  darüber  Beweis  führen  (beispielsweise  durch  die  Einholung  eines  Gutachtens).  Dieser  Grundsatz  gilt  indes  nicht  uneingeschränkt,  er  findet  sein  Korrelat  in  der  Mitwirkungspflicht  des  Asylsuchenden  (vgl.  Art.  13  VwVG  und  Art.  8  AsylG).  Trotz  des  Untersuchungsgrundsatzes  kann  sich  nämlich  die  entscheidende  Behörde  in  der  Regel  darauf  beschränken,  die  Vorbringen  eines 

D­2029/2008 Gesuchstellers  zu  würdigen  und  die  von  ihm  angebotenen  Beweise  abzunehmen,  ohne  weitere  Abklärungen  vornehmen  zu  müssen.  Eine  ergänzende Untersuchung kann sich  jedoch aufdrängen, wenn aufgrund  dieser  Vorbringen  und  Beweismittel  berechtigte  Zweifel  oder  Unsicherheiten  bestehen,  die  voraussichtlich  nur  mit  Ermittlungen  von  Amtes wegen beseitigt werden können (vgl. EMARK 1995 Nr. 23 E. 5a S.  222). 4.1.2. Aufgrund der Aktenlage kommt das Bundesverwaltungsgericht zum  Schluss,  dass das BFM vorliegend den Sachverhalt  vollständig  erstellte  und zu Recht keine weitergehenden Abklärungen veranlasste. Das BFM  ging  vorliegend  aufgrund  der  Parteiauskünfte  und  der  Aktenlage  (vgl.  Art. 12  VwVG)  davon  aus,  dass  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  als  erstellt gelten könne und keine weiteren Beweismassnahmen zu ergreifen  seien.  So  gilt  ein  Sachverhalt  erst  dann  als  unvollständig  festgestellt,  wenn  in  der  Begründung  des  Entscheides  ein  rechtswesentlicher  Sachumstand  übergangen  beziehungsweise  überhaupt  nicht  beachtet  wird  (vgl.  FRITZ  GYGI,  Bundesverwaltungsrechtspflege,  2.  Aufl.,  Bern  1983, S. 286). Die  Vorinstanz  gelangte  nach  einer  gesamtheitlichen  Würdigung  der  aktenkundigen Parteivorbringen und der Beweismittel zu einem anderen  Schluss  als  die  Beschwerdeführerin,  was  jedenfalls  weder  eine  Verletzung  des  Untersuchungsgrundsatzes  noch  eine  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  darstellt.  Dabei  ist  hinsichtlich  der  gerügten  Verletzung  der  Abklärungs­  und  Begründungspflicht  anzuführen,  dass  die  Vorinstanz  in  Beachtung  des  Grundsatzes  des  rechtlichen  Gehörs  (Art.  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999 [BV, SR 101], Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) die Vorbringen  der Beschwerdeführerin  tatsächlich  hörte,  sorgfältig  und ernsthaft  prüfte  und  in  der  Entscheidfindung  berücksichtigte,  was  sich  entsprechend  in  den  betreffenden  Erwägungen  niederschlug.  Insbesondere  legte  die  Vorinstanz  im  angefochtenen  Entscheid  –  wenn  auch  relativ  kurz  –  in  schlüssiger  Weise  dar,  aufgrund  welcher  Überlegungen  den  Asylvorbringen  keine  Asylrelevanz  zuerkannt  werden  könne,  weshalb  eine  weitergehende  Abklärung  als  nicht  nötig  erachtet  wurde.  Eine  Verletzung der Begründungspflicht  ist  in  casu nicht  zu  erkennen,  zumal  es der Beschwerdeführerin möglich war, sich ein Bild über die Tragweite  des  BFM­Entscheides  zu machen  und  diesen  sachgerecht  anzufechten  (BGE 129 I 232 E. 3.2). In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass 

D­2029/2008 sich die verfügende Behörde nicht ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen  Behauptung  und  jedem  rechtlichen  Einwand  auseinander  setzen muss,  sondern  sich  auf  die  wesentlichen  Gesichtspunkte  beschränken  darf  (BGE 126  I  97 E. 2b). Hinsichtlich der Rüge der  knappen und  teilweise  äusserst  oberflächlich  ausgefallenen  direkten Anhörung  ist  festzuhalten,  dass  die  Beschwerdeführerin  zunächst  ihre  Asylgründe  in  freier  Erzählform vortragen konnte und diese  in der Folge durch eine Vielzahl  von Nachfragen ergänzt und vertieft wurden  (vgl. act. B7/9, S. 3  ff). Die  erwähnte  Rüge  lässt  jedenfalls  keine  ernsthaften  Zweifel  an  der  Verwertbarkeit  des  Anhörungsprotokolls  aufkommen.  Gerade  der  Umstand, dass der Beschwerdeführerin viele Nachfragen gestellt wurden,  spricht vorliegend für die Qualität der Anhörung und für eine korrekte und  vollständige  Wiedergabe  der  Ausführungen  im  Protokoll.  Zudem  bestätigte  die  Beschwerdeführerin  die  Korrektheit  und  Vollständigkeit  ihrer Aussagen am Schluss der direkten Anhörung mit  ihrer Unterschrift  (vgl. act. B7/9, S. 7). 4.1.3.  Die  Rüge  der  Verletzung  des  Untersuchungsgrundsatzes  (Abklärungs­  und  Begründungspflicht)  erweist  sich  demnach  vorliegend  als  unbegründet,  weshalb  dem  Eventualantrag,  es  sei  die  Vorinstanz  anzuweisen,  das  Asylverfahren  wieder  aufzunehmen  und  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unter  Wahrung  der  Verfahrensrechte  pflichtgemäss zu ermitteln und festzustellen, nicht stattzugeben ist. 4.2.  In  materieller  Hinsicht  machte  die  Beschwerdeführerin  geltend,  wegen  ihrer  Zugehörigkeit  zu  den  Christen  sei  ihr  Schwiegersohn  von  Terroristen  respektive  Anhängern  der  Al­Kaida  entführt,  nach  Lösegeldzahlung  wieder  freigelassen  und  ihre  ganze  Familie  unter  Androhung  des  Todes  aufgefordert  worden,  ihre  Wohnung  sowie  die  Stadt zu verlassen. 4.2.1.  Tatsache  ist,  dass  nach  dem  Sturz  des  Regimes  von  Saddam  Hussein  nichtmuslimische  Religionsangehörige  wie  beispielsweise  Christen, Sabäer/Mandäer, Yeziden, Baha'i und Juden in zunehmendem  Masse  Opfer  konfessioneller  Gewalt  geworden  sind.  Die  genannten  Religionsgruppen werden  als  Bedrohung  für  den  islamischen Charakter  des  Irak  oder  als  Unterstützer  der  US­geführten  Truppen  und  der  gegenwärtigen  irakischen  Regierung  angesehen.  Angehörige  dieser  Religionsgemeinschaften  sind  nicht  nur  Diskriminierungen,  Drohungen  und  Gewalt  ausgesetzt,  sie  erleiden  auch  Einschränkungen  in  der  Religionsausübung und in ihrer Bewegungsfreiheit. Dies betrifft vor allem 

D­2029/2008 auch weibliche Angehörige der genannten Religionsgemeinschaften, die  zum  Teil  gezwungen  sind,  sich  streng  islamischen  Verhaltens­  und  Bekleidungsvorschriften  anzupassen  und  einer  sehr  weitgehenden  Einschränkung  ihrer  Bewegungsfreiheit  unterliegen  (vgl.  BVGE  2008/12  E.  6.4.3,  mit  weiteren  Hinweisen).  Ferner  sind  Angehörige  bestimmter  Berufe  gezielten  Übergriffen  und  Mordanschlägen  ausgesetzt.  Dem  betroffenen Personenkreis  zuzurechnen  sind  insbesondere Akademiker,  Medienschaffende, Künstler, medizinisches Personal und Sportler. Opfer  von  Übergriffen  werden  sie  zum  einen  wegen  ihres  gesellschaftlichen  Status,  aber  auch  wegen  ihrer  tatsächlichen  oder  vermeintlichen  politischen  Überzeugung,  ihrer  konfessionellen  Zugehörigkeit  oder  ihrer  Beteiligung  an  sogenannt  westlichen  beziehungsweise  als  unislamisch  empfundenen Verhaltensweisen  sowie  ihres  vermeintlichen Vermögens.  Gefährdet  sind  auch Personen,  insbesondere  Frauen,  die  sich  nicht  an  den islamischen Verhaltenskodex halten (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.4.6). 4.2.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  nicht  von  einer  Kollektivverfolgung  von  Christen  im  Irak  in  dem  Sinne  aus,  dass  allein  aufgrund  der  Zugehörigkeit  zur  Glaubensgemeinschaft  bereits  auf  eine  begründete  Furcht  vor  flüchtlingsrechtlich  relevanter  Verfolgung  zu  schliessen  wäre,  sondern  beurteilt  bei  Christen  aus  dem  Irak  das  Vorliegen  einer  begründeten  Furcht  vor  Verfolgung  im  Rahmen  einer  Individualprüfung;  dabei  berücksichtigt  es  insbesondere  den  Grad  der  Exponiertheit  der  betreffenden  Person  in  religiöser,  sozialer,  beruflicher  oder  politischer  Hinsicht  (vgl.  etwa  die  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­3090/2008  vom  6. Mai  2010  E.  5.2,  E­ 5474/2006  vom  16.  April  2009  E.  4.4.2,  D­4191/2006  vom  18.  August  2008 E. 6.3 und 6.4, E­7197/2006 vom 18. Juli 2008 E. 6.2.5 u. 6.2.6). 4.2.3.  Es  ist  unbestritten,  dass  die  Beschwerdeführerin  christlichen  Glaubens  (Chaldäer)  ist  und  aufgrund  der  Akten  auch  davon  ausgegangen werden kann, dass sie ihren Glauben praktizierte (vgl. act.  B7/9  S.  4  f.).  Gemäss  Eingabe  vom  18.  Januar  2011  habe  sie  bis  zur  Ausreise mit ihren Kindern jeden Sonntag jene syrisch­katholische Kirche  im Zentrum Bagdads besucht, in der im November 2010 ein Geiseldrama  zahlreiche  Tote  forderte.  Auch  nicht  strittig  ist,  dass  sie  ein  Universitätsstudium absolvierte und als K._______  im eigenen Geschäft  in  Bagdad  arbeitete  (vgl.  act.  B1/7  S.  2;  B7/9  S.  3).  Gemäss  ihren  Aussagen  erlernten  auch  ihre  Kinder  sowie  ihr  Schwiegersohn  akademische Berufe und  lebten  in einem gewissen Wohlstand  (vgl. act.  B1/7 S. 3; Z1/15). Angesichts dieses Profils der Beschwerdeführerin fällt 

D­2029/2008 sie  in  den  Personenkreis,  der  von  Bedrohungen  und  Übergriffen  insbesondere  seitens  (nicht­staatlicher)  fundamentalistisch­islamistischer  Gruppierungen betroffen ist. 4.2.4.  Angesichts  der  auch  von  der  Vorinstanz  nicht  bestrittenen  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  ist  vor  dem  Hintergrund  der  aktuellen  Lage  im  Zentralirak  und  in  Abwägung  der  vorgebrachten  Sachverhaltselemente  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  als  praktizierende  Christin,  als  Akademikerin  und  Frau,  welche  in  Bagdad  selbstständig  eine  J._______  führte,  im  Falle  einer Rückkehr nach Bagdad mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und  in  absehbarer  Zeit  zur  Zielscheibe  islamistischer  Extremisten  wird,  nicht  zuletzt  auch  deshalb,  weil  bereits  ihr  Schwiegersohn  Opfer  eine  Entführung  wurde  und  die  Zugehörigkeit  der  Familie  der  Beschwerdeführerin  zur  christlichen  Gemeinschaft  den  Erpressern  bekannt  gewesen  sei.  Im  Weiteren  ist  davon  auszugehen,  dass  die  irakische Regierung und die Sicherheitsbehörden nicht  in der Lage sind,  ihr effektiven Schutz vor Übergriffen seitens islamistischer Gruppierungen  oder  von  Benachteiligungen  seitens  Privater  zu  gewähren,  da  es  vielenorts  an  funktionstüchtigen  Polizeikräften  und  einer  schutzfähigen  Armee fehlt und die Sicherheitskräfte wie die alliierten Truppen ihrerseits  immer wieder Ziel  terroristischer Anschläge sind  (vgl. BVGE 2008/12 E.  6.8 u. E. 7.2.4). Die Beschwerdeführerin hat demnach begründete Furcht  vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG. 5.  5.1. Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes erfüllt  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  wer  in  seinem  Heimatland  Schutz  vor  nichtstaatlicher  Verfolgung  finden  kann  (vgl.  BVGE  2008/12  E.  7.2.6.2  S. 174 f.). Solcher Schutz kann durch den Heimatstaat oder durch einen  im  Sinne  der  Rechtsprechung  besonders  qualifizierten  Quasi­Staat  gewährt  werden,  allenfalls  auch  durch  internationale  Organisationen.  Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung im Heimatstaat ist als ausreichend  zu  qualifizieren,  wenn  die  betreffende  Person  effektiv  Zugang  zu  einer  funktionierenden und effizienten SchutzInfrastruktur hat, unabhängig von  persönlichen  Merkmalen  wie  Geschlecht  oder  Zugehörigkeit  zu  einer  ethnischen  oder  religiösen  Minderheit,  und  ihr  die  Inanspruchnahme  eines  solchen  innerstaatlichen  Schutzsystems  individuell  zumutbar  ist  (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E. 10 S. 201 ff.).

D­2029/2008 5.2. Die Lageanalyse des Bundesverwaltungsgerichts deutet darauf hin,  dass  Christen  im  gesamten  Zentralirak  unter  Übergriffen  von  islamistischen  Fundamentalisten  zu  leiden  haben.  Die  Beschwerdeführerin  unterliegt  aufgrund  ihres  Persönlichkeitsprofils  (vgl.  vorstehende  E.  4.3.3)  auch  ausserhalb  Bagdads  einer  erhöhten  Gefährdung.  Die  Behörden  sind  gemäss  den  vorausgehenden  Erwägungen  im  gesamten  Zentralirak  nicht  in  der  Lage,  adäquaten  Schutz zu gewähren. 5.3.  In  den  drei  irakisch­kurdischen  Nordprovinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya sind die Sicherheits­ und Justizbehörden grundsätzlich in der  Lage  und  willens,  den  Einwohnern  der  drei  Provinzen  Schutz  vor  Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4 E. 6). Es kann  jedoch nicht  davon  ausgegangen  werden,  dass  im  Norden  –  trotz  der  besseren  Sicherheitslage als  im Zentral­ und Südirak –  jedermann Zuflucht  finden  kann. Am  leichtesten dürfte dies Kurden  fallen, die Beziehungen zu den  grossen Parteien oder  ihnen nahestehenden Gruppierungen haben oder  über  ein  familiäres  oder  gesellschaftliches  Netzwerk  in  den  kurdischen  Provinzen  verfügen.  Für  Araber  und  andere  nicht­kurdische  Iraker  (insbesondere  für  Männer)  kann  jedoch  nicht  automatisch  auf  das  Bestehen  einer  innerstaatlichen  Niederlassungsfreiheit  und  der  Schutzgewährung  durch  die  kurdischen Behörden  geschlossen werden;  das Bestehen einer allfälligen Fluchtalternative  im Nordirak bedarf  einer  Einzelfallprüfung. Gemäss Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts  bedürfen  nicht­kurdische  Zuzüger  in  die  nordirakischen  Provinzen  zur  Einreise  und  zur  Niederlassung  grundsätzlich  einer  Gewährsperson,  welche dafür garantiert, dass von der betreffenden Person keine Gefahr  ausgeht (vgl. BVGE 2008/4 E. 6.6.1). 5.4. Aus  den  Akten  geht  nicht  hervor,  dass  die  Beschwerdeführerin  im  Nordirak  über  ein  familiäres  oder  ein  anderes Beziehungsnetz  verfügen  würde (vgl. act. B1/7, S. 2; B7/9 S. 5 f.). Aufgrund der Aktenlage erscheint  es unwahrscheinlich, dass sie eine Person  im kurdischen Norden finden  würde, die sich für sie als Gewährsperson zur Verfügung stellen könnte.  Aus diesem Grund kann im vorliegenden Fall nicht angenommen werden,  dass  die  Beschwerdeführerin  legal  in  den  Nordirak  einreisen  könnte,  womit  das  Vorhandensein  einer  innerstaatlichen  Fluchtalternative  im  gesamten Irak zu verneinen ist. 5.5.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  im  Falle  der  Beschwerdeführerin entgegen der Beurteilung durch das BFM sämtliche 

D­2029/2008 Kriterien der in Art. 3 AsylG enthaltenen Definition als erfüllt zu betrachten  und diese demzufolge als Flüchtling anzuerkennen  ist. Da sich aus den  Akten keine Hinweise für das Vorliegen eines Ausschlussgrundes (Art. 53  AsylG)  ergeben,  ist  ihr  in  der  Schweiz  Asyl  zu  gewähren  (vgl.  Art.  49  AsylG). Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, die Verfügung des BFM  vom  26. Februar  2008  aufzuheben  und  die  Vorinstanz  anzuweisen,  der  Beschwerdeführerin Asyl zu gewähren. 6.  6.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltliche Rechtspflege wird demnach gegenstandslos. 6.2. Der Beschwerdeführerin ist in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG  eine  Parteientschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  Vertretungskosten zuzusprechen (vgl. Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin  hat  mit  der  Beschwerdeschrift  eine  vom  17.  März  2008  datierende  Kostennote eingereicht. Darin wird ein Zeitaufwand von 10,5 Stunden à  Fr.  150.–  total  Fr. 1'575.–  ausgewiesen,  was  angemessen  erscheint.  Zudem  ist  zu  berücksichtigen,  dass  nach  Einreichung  der  Beschwerdeschrift  drei  weitere  Beweismitteleingaben  ins  Recht  gelegt  wurden,  deren  Aufwand  von  der  Kostennote  nicht  erfasst  sind.  Der  diesbezügliche  Aufwand  kann  jedoch  auf  Grund  der  Akten  zuverlässig  abgeschätzt  werden  und  ist  auf  eine  Stunde  zu  beziffern.  Die  Parteientschädigung  ist  demnach  in  Berücksichtigung  der  eingereichten  Kostennote  (Art.  9 Abs.  1 Bst.  a und b VGKE),  des  für  nichtanwaltliche  berufsmässige  Vertreter  und  Vertreterinnen  geltenden  Stundenansatzes  (Art.  10  Abs.  2  VGKE)  auf  Fr.  1'750.–(inkl.  Auslagen  und  allfällige  Mehrwertsteuer)  festzusetzen.  Das  BFM  ist  demnach  anzuweisen,  der  Beschwerdeführerin  für  das  vorliegende  Verfahren  diesen  Betrag  als  Parteientschädigung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­2029/2008 D­2029/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die angefochtene Verfügung vom 26. Februar 2008 wird aufgehoben und  das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin Asyl zu gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine  Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1'750.­ auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand:

D-2029/2008 — Bundesverwaltungsgericht 07.10.2011 D-2029/2008 — Swissrulings